Sie nickten. »Geh du nur, Peter Nord! Wir warten hier draußen.«

Peter Nord trat in den Laden, fand dort einen jungen Mann allein und

fragte nach Halfvorson. Er bekam sogleich den Bescheid, daß dieser verreist

war. Da fing er ein Gespräch mit dem Ladendiener an und erfuhr so

mancherlei über seinen Herrn.

Halfvorson war wegen des Branntweinhandels gar nicht angeklagt worden. Wie

er sich gegen Peter Nord benommen hatte, das wußte die ganze Stadt. Aber

niemand sprach jetzt mehr von der Geschichte. Halfvorson hatte es weit

gebracht, und jetzt war er nicht mehr so bösartig. Er war nicht mehr

unbarmherzig gegen seine Schuldner und hatte aufgehört, dem Ladenjungen

aufzulauern. In den allerletzten Jahren hatte er sich auf die Gärtnerei

geworfen. Er hatte rings um das Haus in der Stadt einen Blumengarten

angelegt und einen Küchengarten draußen vor dem Stadttor. Jetzt arbeitete

er so eifrig in seinen Gärten, daß er kaum mehr daran dachte, Geld zu

sammeln.

Peter Nord gab es einen Stich ins Herz. Natürlich war der Mann gut. Er

hatte im Paradies bleiben dürfen. Natürlich wurde man gut, wenn man hier

wohnte.

Edith Halfvorson lebte noch beim Onkel, aber sie war jetzt krank. Seit sie

im Winter die Lungenentzündung gehabt hatte, war ihre Brust schwach.

Während Peter Nord sich dies und noch mehr erzählen ließ, standen die drei

Männer draußen und warteten.

In Halfvorsons schattenlosem Garten hatte man eine Birkenlaube errichtet,

damit Edith sich dort an den schönen, warmen Frühlingstagen aufhalten

konnte. Sie kam nur langsam wieder zu Kräften, aber für ihr Leben bestand

keine Gefahr mehr.

Bei einigen ist es so, daß man glauben muß, sie wollen nicht leben. Bei der

ersten Krankheit, die sie befällt, legen sie sich hin, um zu sterben.

Halfvorsons Nichte war schon längst aller Dinge müde, des Kontors, des

kleinen trüben Ladens, des Gelderwerbes. Als sie siebzehn Jahre alt war,

reizte es sie, sich einen vornehmen Verkehr und einen guten Freundeskreis

zu erkämpfen. Dann setzte sie sich das Ziel, Halfvorson auf den Weg der

Tugend zu bringen, aber jetzt war alles erreicht. Sie sah keine

Möglichkeit, aus dem Einerlei des Kleinstadtlebens herauszukommen. Sie

wollte gerne sterben.

Sie war eine der elastischen, eine der Stahlfedernaturen. Nichts als Nerven

und Lebendigkeit, wenn etwas sie drückte und quälte. Wie hatte sie sich

doch mit List und Verstellung, mit weiblicher Güte und weiblichem Trotz

gemüht, bis sie ihren Oheim dahin gebracht hatte, einzusehen, daß weitre

Peter Nord-Geschichten nicht mehr vorkommen dürften! Aber jetzt war er zahm

und gebändigt, und sie hatte nichts mehr, was sie fesselte. Ja, und nun

sollte sie doch nicht sterben! Sie lag da und dachte nach, was sie anfangen

sollte, wenn sie gesund wurde.

Plötzlich fuhr sie zusammen. Jemand hatte sehr laut gesagt, er wolle allein

zu Halfvorson gehen und seine Angelegenheit mit ihm abmachen. Und dann

antwortete ein andrer: »Geh du nur, Peter Nord!«

Aber Peter Nord war ja der furchtbarste, der unglückseligste Name auf der

Welt. Er bedeutete ja ein Wiedererwachen aller der alten Abscheulichkeiten.

Edith richtete sich bebend auf, und gerade da kamen drei unheimliche

Gestalten um die Ecke und stellten sich vor sie hin und starrten sie an.

Nur ein niedriges Staket und eine dünne Hecke lag zwischen ihr und der

Straße.

Edith war allein. Die Mägde waren zum Melken gegangen, und Halfvorson

arbeitete in seinem Garten vor der Stadt, obgleich er dem Ladenjungen

aufgetragen hatte, zu sagen, daß er verreist sei, denn er schämte sich

seiner Gärtnermarotte. Edith fürchtete sich schrecklich vor den drei

Männern sowie vor dem, der in den Laden gegangen war. Sie war überzeugt,

daß sie ihr etwas zuleide tun wollten, und darum begann sie über die

schlüpfrigen, steilen Pfade und die kleinen, morschen Holzstufen, die von

Terrasse zu Terrasse führten, den Berg hinaufzulaufen.

Den fremden Männern war es ein Hauptspaß, daß sie vor ihnen davonlief. Sie

konnten es sich nicht versagen, sich so zu stellen, als wenn sie sie

einholen wollten. Einer von ihnen kletterte auf das Staket, und alle drei

brüllten mit furchtbarer Stimme.

Edith lief, so wie man im Traume läuft, keuchend, strauchelnd, in

Todesangst, mit der entsetzlichen Empfindung, nicht von der Stelle zu

kommen. Alle erdenklichen Gefühle stürmten auf sie ein und erschütterten

sie so sehr, daß sie glaubte sterben zu müssen. Ja, wenn einer dieser Kerle

sie nur mit der Hand berührte, wußte sie, daß sie sterben mußte. Als sie

die oberste Terrasse erreicht hatte und es wagte, sich umzusehen, merkte

sie, daß die Männer unten auf der Straße standen und gar nicht mehr nach

ihr hinsahen. Da ließ sie sich ganz ohnmächtig zu Boden sinken. Aber die

Anstrengung war zu groß gewesen, sie hatte sie nicht ertragen können. Sie

fühlte, wie etwas in ihr riß. Gleich darauf strömte Blut über ihre Lippen.

Die Mägde fanden sie, als sie vom Melken heimkamen. Für diesmal wurde sie

ins Leben zurückgerufen. Aber dennoch wagte niemand zu hoffen, daß sie

lange am Leben bleiben würde.

Sie konnte an diesem Tage nicht soviel sprechen, um zu erzählen, in welcher

Weise sie erschreckt worden war. Hätte sie es getan, wer weiß, ob die

fremden Männer lebendig aus der Stadt gekommen wären. Es erging ihnen

ohnehin schlimm genug. Denn nachdem Peter Nord wieder zu ihnen

herausgekommen war und erzählt hatte, daß Halfvorson nicht daheim sei,

gingen sie alle vier im besten Einvernehmen durch das Stadttor und suchten

sich einen sonnigen Abhang, wo sie die Zeit, bis der Kaufmann zurückkehrte,

verschlafen konnten.

Aber als am Nachmittag alle Männer der Stadt, die draußen auf dem Felde

gearbeitet hatten, wieder heimkamen, erzählten ihnen die Frauen von dem

Besuch der Landstreicher, von ihren drohenden Fragen im Laden, wo sie Bier

gekauft hatten, und ihrem ganzen herausfordernden Auftreten. Die Frauen

vergrößerten und übertrieben die Sache, denn sie hatten den ganzen

Nachmittag daheim gesessen und sich gegenseitig Angst gemacht. Die Männer

glaubten Haus und Heim bedroht. Sie beschlossen, die Friedensstörer zu

greifen, wählten einen beherzten Mann zum Anführer, nahmen tüchtige Knüttel

mit und zogen von dannen.

Nun kam Leben in die Stadt. Die Frauen traten vor die Haustüren und machten

einander bange. Die Stimmung war zugleich unheimlich und erwartungsvoll.

Es dauerte nicht lange, so kamen die Jäger mit ihrer Beute zurück. Sie

hatten alle vier. Sie hatten sie im Schlafe umzingelt und sie gefangen. Das

Kunststück hatte gerade keinen besondern Heldenmut erfordert.

Jetzt kehrten sie mit ihnen in die Stadt zurück, indem sie sie wie Vieh vor

sich hertrieben. Der Taumel des Rachedurstes hatte sich der Sieger

bemächtigt. Sie schlugen, um zu schlagen. Wenn einer von den Gefangenen die

Faust gegen sie ballte, bekam er einen Schlag auf den Kopf, der ihn umwarf,

und dann hagelten die Schläge auf ihn nieder, bis er sich erhob und

weiterging. Die vier Männer waren dem Tode nahe.

Es ist so schön in den alten Liedern. Da muß zuweilen der gefangne Held in

Fesseln im Triumphzug des siegreichen Feindes schreiten. Aber er ist auch

im Unglück noch stolz und schön, und die Blicke suchen ihn ebenso wie den

Glücklichen, der ihn besiegt hat. Die Kränze und die Tränen der Schönheit

gehören dem noch im Unglück Beneidenswerten.

Aber wer wollte wohl für den armen Peter Nord schwärmen? Sein Rock war

zerrissen und sein flachsblondes Haar klebrig von Blut. Er bekam die

meisten Schläge, denn er leistete am meisten Widerstand. Ganz schrecklich

sah er aus, wie er da einherging. Er brüllte, ohne es zu wissen. Jungens

hängten sich an ihn fest, und er schleppte sie lange Strecken weit mit.

Einmal blieb er stehen und schleuderte all das Kleinzeug auf die Straße.

Gerade als er im Begriff war zu entfliehen, bekam er mit einem Knüttel

einen Schlag auf den Kopf und fiel zu Boden. Er fuhr wieder in die Höhe,

halb betäubt, und schwankte weiter, während Peitschenhiebe auf ihn

herabhagelten und die Jungen sich ihm wie Blutegel an Arme und Beine

hängten.

So begegneten sie dem alten Ratsherrn, der von seiner Whistpartie im

Wirtshausgarten kam. »So, so,« sagte er zum Vortrab, »ihr wollt die in den

Kotter bringen?«

Und er stellte sich an die Spitze des Zugs und ordnete ihn. Augenblicklich

sah alles anständig aus. Gefangne und Gefangnenwächter marschierten in

Frieden und Ordnung weiter. Doch die Wangen der Städter glühten, einige

stießen mit den Knütteln auf das Pflaster, andre schulterten sie wie

Gewehre. Und dann wurden die Gefangnen der Stadt der Polizei in Gewahrsam

gegeben und in das Arrestlokal auf dem Marktplatz geführt.

Die Retter der Stadt blieben noch lange auf dem Markte stehen und sprachen

von ihrem Mute und von der großen Heldentat. Und in der kleinen Gaststube,

wo der Rauch so dicht wie eine Wolke steht und gewichtige Männer ihren

Mitternachtstoddy brauen, da taucht die Heldentat vergrößert wieder auf. Da

wachsen die in den Schaukelstühlen, da blähen sich die in den Sofaecken, da

sind sie alle Helden. Welche Tatkraft schlummert doch in der kleinen Stadt

der großen Erinnerungen! Du furchtbares Erbteil, du altes Wikingerblut!

Doch dem alten Ratsherrn wollte die Sache nicht recht gefallen. Er konnte

sich nicht recht damit befreunden, daß das Wikingerblut wieder in Wallung

geraten war. Und dieser Gedanke ließ ihn nicht schlafen, er ging wieder

auf die Straße und schlenderte gemächlich dem Marktplatze zu.

Das kleine Städtchen lag in dem sanften Licht der Frühlingsnacht da. Der

einzige Zeiger der Turmuhr wies auf elf. Über die Kegelbahn rollten keine

Kugeln mehr. Die Rollgardinen waren herabgelassen. Es war, als wenn die

Häuser mit gesenkten Lidern schliefen. Die lotrecht aufsteigenden Berge

standen schwarz, wie in tiefer Trauer da. Aber mitten in all dem Schlummer

wachte jemand -- der Blumenduft schlief nicht! Der schlich sich über die

Lindenhecken, stürmte aus den Gärten, jagte die Straße hinauf und hinab,

kletterte zu jedem Fenster empor, das angelehnt stand, zu jeder Dachluke,

die frische Luft einließ.

Jeder, zu dem der Blumenduft drang, sah alsogleich seine ganze kleine Stadt

vor sich, obgleich die Dunkelheit sich leise auf sie herabgesenkt hatte. Er

sah sie als die Stadt der Blumen, wo nicht Haus an Haus lag, sondern Garten

an Garten. Er sah die Kirschbäume, die weiße Bogen über den steilen Waldweg

spannten, die Fliederbüsche, die Knospen, die zu prächtigen Rosen

schwollen, die stolzen Päonien, und die Haufen von Blütenblättern auf dem

Boden unter den Faulbäumen.

Der alte Ratsherr ging in tiefe Gedanken versunken. Er war so weise und so

alt. Das siebzigste Jahr hatte er erreicht, und fünfzig Jahre hatte er die

Geschicke der Stadt gelenkt. Aber in dieser Nacht fragte er sich, ob er

recht getan habe, wenn er immer gedämpft und beschwichtigt hatte. »Ich

hatte die Stadt in meiner Hand,« dachte er, »aber ich habe sie nicht zu

etwas Großem gemacht.« Und er gedachte ihrer großen Vergangenheit und

zweifelte immer mehr, ob er auch recht getan habe.

Er stand unten auf dem Markt, da, wo die Aussicht sich über den Fluß

eröffnet. Ein Boot kam herangerudert. Ein paar Städter kehrten von einer

Ausfahrt zurück. Lichtgekleidete Mädchen führten die Ruder. Sie steuerten

unter die Brückenwölbung, aber da war die Strömung so stark, daß sie sie

zurücktrieb. Es gab einen heftigen Kampf. Ihre schlanken Körper bogen sich

nach rückwärts, bis sie in einer Linie mit dem Bootrande lagen. Weiche

Armmuskeln spannten sich. Die Ruder krümmten sich wie Bogen. Lachen und

Rufe erfüllten die Luft. Einmal ums andre siegte die Strömung. Schmählich

wurde das Boot zurückgetrieben. Und als die Mädchen schließlich am Marktkai

landen und es den Männern überlassen mußten, das Boot heimzubringen, wie

waren sie rot und ärgerlich und wie lachten sie! Und wie klang ihr Lachen

die Straße hinab! Wie belebten ihre breitrandigen, lichten Hüte, ihre

leichten, flatternden Sommerkleider die stille Nacht.

Da tauchten vor den Gedanken des alten Ratsherrn, denn im Dunkel konnte er

sie nicht klar sehen, ihre lieblichen, jungen Gesichtchen, ihre schönen,

klaren Augen und ihre roten Lippen auf. Da richtete er sich stolz in die

Höhe. Die kleine Stadt war doch nicht ohne allen Glanz. Andre Gemeinwesen

konnten sich andrer Dinge rühmen, aber keinen Ort kannte er, der reicher an

dem augenerquickenden Reiz von Blumen und Frauen war.

Da dachte der Alte mit neuerwachtem Mut an sein Wirken. Nein, er brauchte

nicht für die Zukunft der Stadt zu zittern. Eine solche Stadt brauchte sich

nicht durch strenge Gesetze zu schützen.

Und so erbarmte er sich der armen Gefangnen. Er ging und weckte den

Polizeimeister und sprach mit ihm. Und dieser dachte wie er. Sie gingen

selbander zum Gefängnis und öffneten Peter Nord und seinen Kameraden die

Tür.

Und daran tat die Obrigkeit recht. Denn die kleine Stadt ist wie die Venus

von Milo. Sie hat lockenden Reiz, und ihr fehlen die festhaltenden Arme.

Unsichtbare Bande: Erzählungen · 第 9 / 36 题