Biedenkopf liegt an der oberen Lahn, etwa 6-7 Stunden oberhalb

Marburg, da, wo Grünsteine der verschiedensten Art, den Rand des

Schiefergebirges durchbrechend, ihn in eine Unzahl einzelner spitzer

Bergkuppen, deren Höhe zwischen 5-600 Meter schwankt, verwandelt haben.

Die Thalsohle bei Biedenkopf liegt ca. 270 Meter über dem Meer. Die

Lahn ist dort kaum mehr als ein Bach, der in Folge der Waldverwüstungen

in den fürstlich Wittgensteinischen Wäldern in heissen Sommern fast

austrocknet. Eine Menge schmaler Thälchen ziehen sich zwischen den

Kuppen hin, sich in immer feinere Zweige spaltend, bis endlich die

kleinsten Thälchen steil emporsteigend an Quellen enden oder vielmehr

anfangen. Viele dieser Thäler sind mehrere Stunden lang, aber nirgends

über hundert Schritte breit; den horizontalen Boden bedecken Wiesen,

die steil ansteigenden Berge an den Seiten sind mit dichtem Wald,

meistens Buchenwald, bedeckt. Doch tritt in neuerer Zeit an die Stelle

des Laubwaldes auf dem durch Streuservitute erschöpften Boden immer

mehr Nadelwald. Der Ackerbau beschränkt sich auf das Lahnthal und

seine grössten Seitenthäler, in denen man den Seiten der Berge mühsam

steinige Felder abgewinnt. Breiter als eine halbe Stunde ist auch das

Lahnthal fast nirgends. Das bedeutendste Seitenthal ist das der Perf,

der sogenannte Breidenbacher Grund.

Der Boden besteht aus verschiedenen Schichtenfolgen des devonischen

und Kohlengebirges, die sämmtlich steil aufgerichtet und vielfach von

Grünsteinen durchbrochen sind. Folgen wir dem Wasserlaufe abwärts, so

finden wir zuerst ~Spiriferensandstein~, dann ~Orthocerasschiefer~;

später wechsellagern für eine Zeit lang ~Kramenzelsandsteine~ und

~Cypridinenschiefer~ und dann folgen für längere Zeit die Gesteine der

unteren, unproductiven Kohlenformation, ~Culmschiefer~ und ~flözleere

Sandsteine~. Die productiven Kohlenschichten fehlen leider, auf das

~rothe Todliegende~ folgt ein schmales ~Zechsteinband~, und dann, im

früheren kurhessischen Gebiete, der ~bunte Sandstein~. Kalkschichten

fehlen fast ganz, und das ist die Ursache, welche trotz des günstigen

Bodenreliefs die Entwicklung einer reicheren Molluskenfauna hindert.

In der That ist die Molluskenfauna durchaus nicht reich zu nennen,

weder an Arten noch an Individuen. Vorab die Wassermollusken. Von

Muscheln finden sich in den Bächen nur _Unio batavus_ und eine Form von

_Anodonta cellensis_; von Schnecken _Ancylus fluviatilis_ allenthalben,

_Limnaea auricularia_, _peregra_ und _minuta_ hier und da, aber dann

in Menge, _Planorbis albus_ und _leucostoma_ und _Valvata cristata_

einzeln in der Lahn. In den Waldquellen und deren Abflüssen kommen

noch _Hydrobia Dunkeri_ in unendlichen Mengen und einzelne Pisidien

hinzu, in einigen Teichen _Cyclas calyculata_. Fügt man dazu noch

_Limnaea ovata_ und _Cyclas lacustris_, die ich an ganz isolirten

Localitäten gefunden, so ist das Verzeichniss der Süsswasserschnecken

vollständig. Die Limnophysen mit _Limnaea stagnalis_, die _Physa_,

_Paludina_, _Bithynia_, die meisten Planorben, _Unio pictorum_ und

_tumidus_ fehlen. Muscheln finden sich überhaupt fast nur in Mühlgräben

und Teichen; die Bäche selbst mit ihrem wechselnden Wasserstand und dem

aus groben Geschieben bestehenden Boden sind nur an wenigen günstigen

Stellen von ihnen bewohnt, nirgends reich daran.

Die Landmollusken sind ebenfalls arm an Zahl der Arten und Individuen.

Allgemein verbreitet sind nur _Vitrina pellucida_, _Hyalina nitida_

~Müll.~, _Hel. rotundata_, _incarnata_, und etwa noch _Clausilia

nigricans_. Wo Grünsteine durchbrechen und in alten Grünsteinmauern

kommen zu ihnen noch _Hel. lapicida_ und einzelne _Bulimus obscurus_.

_Helix pomatia_ und _nemoralis_ sind auf die nächsten Umgebungen der

Ortschaften beschränkt und fehlen grossen Districten ganz.

Eine reiche Ausbeute gewähren eigentlich nur die Enden der kleinen

Waldthälchen mit ihrem, von Quellen durchtränkten und mit Laub

bedeckten Moosboden. In der nächsten Umgebung der Quellen, halb im

Wasser, halb ausserhalb findet man oft an einem Buchenblatte zusammen

sitzend _Hydrobia Dunkeri_, _Pisidium pusillum_, _~Carychium minimum~_

und _~Vertigo septemdentata~_; etwas weiter ab folgen dann _Vitrina

pellucida_ und _Draparnaldi_, _Hyalina ~subterranea~ (crystallina)_,

_~nitidosa~_, _nitens_, _fulva_, _nitida_, _Helix ~pygmaea~_,

_~pulchella~_, _aculeata_, _Cionella lubrica_, _Pupa ~pygmaea~_,

_Succinea putris_, _Pfeifferi_ und _oblonga_. Keine davon findet sich

eigentlich massenhaft; die häufigeren sind gesperrt gedruckt. Entfernt

man sich aus dem eigentlichen Quellgebiete, dem wasserdurchtränkten

Moose, so verschwinden die Schnecken vollständig, und nur in einzelnen

Vertretern folgen sie dem Lauf der Bäche thalabwärts.

In den ausgedehnten Buchenwäldern, welche die Berge bedecken, findet

man hier und da ein paar _Hel. rotundata_ oder _incarnata_ und an

Baumstümpfen _Claus. nigricans_; nur an zwei isolirten Stellen finden

sich an den Stämmen _Claus. dubia_ und _Helix lapicida_.

Von der allgemeinen Armuth machen nur wenige Stellen eine Ausnahme:

ein Bergabhang bei Dexbach, der sogenannte Hardenberg, wo zwischen

Kieselschiefern ein rauher Kalkstein lagert und eine Tuff bildende

Quelle zu Tage tritt; leider ist durch die Abholzung der grösste

Theil der Arten zu Grunde gegangen und damit _Bul. montanus_ aus der

dortigen Fauna verschwunden. Ferner die alten Schlossruinen Hohenfels

und Breidenstein und endlich der ~Schlossberg~ bei Biedenkopf, der

einzige wirklich reiche Fundort, was die Individuenzahl anbelangt.

Der Schlossberg ist ein ziemlich isolirt aus dem hier etwas breiteren

Lahnthal aufsteigender, kaum 400′ hoher Kegel, der den grössten Theil

der Stadt Biedenkopf trägt. Auf drei Seiten mit stattlichem Eichwald

bedeckt, ist er an seiner Südseite frei, nur mit einigen Obstbäumen

bepflanzt. Von dem alten Schlosse auf der Spitze ziehen Mauertrümmer

nach den alten Stadtmauern hinab und bieten durch den überall

zerstreuten Mörtel den Schnecken reiche Mengen Kalk. An Regentagen

im Sommer wimmelt deshalb auch die Südseite förmlich von Schnecken

und man kann kaum einen Schritt machen, ohne eine _Hel. pomatia_

oder _nemoralis_ zu zertreten. Auch im Wald sind die Schnecken sehr

zahlreich, obschon es ihm an Wasser mangelt und die Schnecken fast den

ganzen Sommer hindurch unter den Steinhaufen Schutz vor der Trocknung

suchen müssen: ein Beweis, dass der Kalk ihnen noch nöthiger ist,

als das Wasser. Mehr oder weniger häufig finden sich hier: _Vitrina

pellucida_, _Arion empiricorum_, _Limax cinereoniger_ (ausserdem

nur noch auf dem Breidensteiner Schloss beobachtet), _marginatus_,

_agrestis_, _Amalia marginata_, _Hyalina cellaria_, _nitens_, _fulva_,

_Helix rotundata_, _pygmaea_, _costata_, _pulchella_, _obvoluta_,

_personata_, _incarnata_, _lapicida_, _nemoralis_, _pomatia_, _Cionella

lubrica_, _acicula_, _Pupa muscorum_, _pygmaea_, _Bulimus obscurus_,

_Clausilia laminata_, _nigricans_, _Succinea oblonga_.

Zu den genannten Arten kommen an einigen isolirten Puncten noch

_Hel. hispida_, _Balea fragilis_, _Pupa edentula_, _pusilla_ und

_Shuttleworthiana_. Damit ist die Liste ziemlich vollständig. Ganz

fehlen mit dem löslichen Kalk die Xerophilen, zu denen man in Hinsicht

auf Lebensweise auch _Bulimus tridens_ und _detritus_ und _Pupa

frumentum_ rechnen muss. Ferner fehlen die meisten Fruticicolen,

_Hel. arbustorum_ und seltsamer Weise _Helix hortensis_, obschon sie

in dem benachbarten Dillthale bei weitem häufiger, als _nemoralis_

ist. Auffallend ist auch das Fehlen der sonst allgemein verbreiteten

_Claus. biplicata_; ich habe nur einmal an der Gränze nach Marburg hin

ein paar junge Exemplare gefunden.

In der Umgegend von ~Marburg~ kommen, obschon der Boden aus

Buntsandstein besteht, noch _Helix arbustorum_, _fruticum_ und

_hortensis_, sowie _Planorbis marginatus_ vor, ob einheimisch oder vor

Zeiten einmal angesiedelt, ist jetzt nicht mehr zu entscheiden.

Das ~Dillthal~, dem oberen Lahnthal parallel laufend, aber etwas

tiefer liegend und kalkreicher, ist auch an Mollusken reicher, aber

seine Fauna ist noch immer eine Gebirgsfauna: die Xerophilen, _Limnaea

stagnalis_, _palustris_, _Planorbis corneus_, beide Physa und _Paludina

vivipara_ fehlen auch hier. Erst im Lahnthal unterhalb Weilburg treten

_Hel. ericetorum_, _Bul. detritus_, _Limnaea stagnalis_ und _Unio

pictorum_ auf und bilden den Uebergang zu der Ebenenfauna.

Der ~Taunus~ in seinem grössten Theile beherbergt fast nur

Nacktschnecken; in den Bächen finden sich _Unio batavus_ und eine

kleine Form von _Anodonta piscinalis_, dann _Limnaea peregra_ und

_Ancylus fluviatilis_, im Moos längs ihrer Ufer die gewöhnlichen

Hyalinen. Nur in der Nähe der menschlichen Wohnungen und ganz besonders

an den Ruinen ändert sich das Verhältniss: _Vitrina pellucida_,

_Draparnaldi_, _diaphana_, _elongata_, _Helix obvoluta_, _hortensis_,

_incarnata_, _nemoralis_, _pomatia_, _Bulimus montanus_, _Pupa

doliolum_, _Clausilia biplicata_, _plicata_, _plicatula_, _dubia_,

_nigricans_, _parvula_, _laminata_ treten auf, mitunter in colossalen

Mengen, wie auf der Ruine Hattstein, wo ausser den genannten auch

noch _Helix rufescens_ und _Clausilia lineolata_ vorkommen. Im

Rheinthale finden sich ausserdem noch an einzelnen Puncten die beiden

_Daudebardia_, _Helix personata_ und _Cyclostoma elegans_.

Ein ganz anderes Bild bietet die Ebenenfauna, aber sie ist nicht an

allen Puncten gleich entwickelt. Am gleichmässigsten natürlich ist

die Fauna der Wasserconchylien, aber auch hier sind die kalkhaltigen

Gegenden reicher, als die mit kalkarmem Alluvialboden. Betrachten wir

zunächst die Fauna des Mains selber. Der Main durchfliesst die ganze

Ebene mit ziemlich starkem Gefäll und raschem Lauf; seine Ufer sind

durchschnittlich hoch, nur in der Nähe seiner Mündung sind am linken

Ufer Dämme nöthig. Durch Strombauten, Dämme und Buhnen sind zahlreiche

geeignete Wohnplätze für Muscheln und Schnecken geschaffen. Ich habe

folgende Arten darin gesammelt: _Limnaea auricularia var. ampla_,

_ovata var. obtusa_, _stagnalis_, _Physa fontinalis_, _Planorbis

corneus_, _albus_, _contortus_, _Ancylus fluviatilis_, _lacustris_,

_Bithynia tentaculata_, _Valvata piscinalis_, _cristata_, _Neritina

fluviatilis_, _Unio pictorum_, _tumidus_ und _batavus_, _Anodonta

piscinalis_, _cygnea_, _Cyclas rivicola_, _cornea_, _solida_, _Pisidium

obtusale_, _Tichogonia Chemnitzii_. Manche davon, namentlich die

Muscheln, finden sich in ungeheuren Massen, so dass der Grund an

manchen Stellen förmlich damit gepflastert ist.

In die Nebenflüsse und deren Seitenbäche dringt diese Fauna nun sehr

lückenhaft ein; _Unio pictorum_ und _tumidus_, _Cyclas solida_,

_rivicola_ und _Neritina fluviatilis_ verschwinden zuerst. Eine genaue

Untersuchung dieser Verhältnisse, zu der das jäh emporsteigende Gebirge

lockt, ist noch zu machen; leider hat es bis jetzt meine Zeit noch

nicht erlaubt, genauere Nachforschungen anzustellen.

An vielen Puncten der Ebene, z. B. um Schwanheim, sind die Wassergräben

kaum bewohnt; am verbreitetsten darin ist noch _Plan. contortus_, dann

_Limnaea fusca_ und _elongata_, welch letztere sich seltsamer Weise

auf das linke Mainufer beschränkt, und _Physa hypnorum_. _Planorbis

corneus_ nur an einer Stelle vorkommend, ist cariös. Mooriges Wasser

und kalkarmer Boden mögen die Ursache sein. Ganz anders ist es im

Lössboden, z. B. in der Umgebung von Sossenheim auf dem rechten

Mainufer, in den Sümpfen der Riedgegend und in den Rheinsümpfen bei

Mombach. In unzähligen Exemplaren, oft von riesenhafter Grösse, finden

sich dort fast alle unsre Wasserschnecken, _Hydrobia Dunkeri_ und

_Pisidium pusillum_ etwa ausgenommen.

Viel weniger gleichmässig sind die Landschnecken vertheilt. Gehen

wir auch hier vom Maine aus. Dicht am Ufer halb noch im Wasser,

finden wir eine kleine Nacktschnecke, _Limax brunneus_, _Succinea

putris_, _Pfeifferi_, besonders vom Juli ab, und _Hyalina nitida_.

Weiter ab, aber noch im jährlichen Ueberschwemmungsgebiet, wird die

Fauna reicher. _Hyalina subterranea_, _nitidosa_, _fulva_, _Helix

pygmaea_, _pulchella_, _costata_, _hispida_, _depilata_, _sericea_,

_Cionella lubrica_, _Carychium minimum_, _Succinea oblonga_ gesellen

sich dazu, an günstigen Puncten auch _Hel. fruticum_, _arbustorum_,

_hortensis_, _nemoralis_, _ericetorum_, die wohl aus dem Spessart

eingewanderte _Vitrina diaphana_ und an der oberen Gränze des

Ueberschwemmungsgebietes _Pupa muscorum_.

Vergleichen wir damit die Schnecken, welche wir im Geniste des

Mains finden. Dasselbe ist sehr reich daran, namentlich das von den

Winterfluthen angeschwemmte; das der Sommer- und Herbstfluthen

enthält weniger Land- aber mehr Wasserschnecken. Die Ursache

dieser Verschiedenheit suche ich darin, dass die Winterfluth die

zahlreichen in den Winterquartieren zu Grund gegangenen Schnecken

mitbringt, die noch an das Geniste ihrer früheren Wohnplätze

angefroren und darum leichter zu transportiren sind. Folgende Arten

wurden darin beobachtet: _Vitrina pellucida_, _Hyalina cellaria_,

_~nitidosa~_, _~nitida~_, _~crystallina~_ (_subterranea_),

_fulva_, _Helix ~pygmaea~_, _rupestris_ (~Speyer~), _rotundata_,

_~costata~_, _~pulchella~_, _~hispida~_, _~depilata~_, _sericea_,

_fruticum_, _strigella_, _bidens_ (nur in einigen Exemplaren bei

Mühlheim), _~arbustorum~_, _~ericetorum~_, _nemoralis_, _hortensis_,

_pomatia_, _Buliminus tridens_, _detritus_, _obscurus_, _Cionella

~lubrica~_, _~acicula~_, _Pupa frumentum_, _~muscorum~_, _~pygmaea~_,

_septemdentata_, _~minutissima~_, _Venetzii_, _pusilla_, _Clausilia

biplicata_, _~Carychium minimum~_, _Succinea putris_, _Pfeifferi_,

_oblonga_; _Limnaea ampla_, _Planorbis corneus_, _albus_, _Bithynia

~tentaculata~_, _Valvata cristata_, _piscinalis_, _Cyclas rivicola_.

Zusammen also 47 Arten, aber davon finden sich nur die durch

gesperrten Druck ausgezeichneten regelmässig in grösseren Quantitäten.

Dieses Verhältniss ist wichtiger, als es scheint. Wir haben im

unteren Mainthal eine ganze Anzahl Ablagerungen, die, aus ähnlichen

Anschwemmungen entstanden, eine Menge Land- und Süsswasserschnecken

enthalten und bis in die älteste Tertiärzeit zurückreichen. Natürlich

können sie, lückenhaft wie sie sind, nicht ohne Weiteres ein Bild der

damaligen Binnenconchylienfauna geben, aber wenn wir die jetzigen

Anschwemmungen in quantitativer und qualitativer Beziehung sorgfältig

mit der gesammten Fauna des Mainthals vergleichen, so erhalten wir

einen Anhaltspunct, von welchem aus wir Schlüsse auf die diluviale

und tertiäre Zeit machen können. Vielleicht wird es dann möglich

sein, auf die Alluvialthone der Mainebene, die diluvialen Löss- und

Sandablagerungen an ihren Rändern, die tertiären Kalke von Budenheim

und Flörsheim gestützt ein Bild der geschichtlichen Entwicklung unserer

Fauna in Darwinschem Sinne zu geben. Dass in dieser Periode eine

ununterbrochene Entwicklung stattgefunden, beweisen einzelne Arten, die

sich schon in der Tertiärzeit finden, wie _Hel. costata_ und die mit

den heutigen trotz der eigenen Namen vollständig identischen Limnäen.

Entfernen wir uns von dem Ueberschwemmungsgebiete des Mains, so finden

wir die Ackerfelder zu beiden Seiten meistens absolut schneckenleer,

so weit sie aus Alluvialboden bestehen. Auch der Sandstrich, der

als Rest alter Dünen von der Gegend von Rödelheim ab sich durch die

Gemarkungen von Griesheim und Schwanheim quer durchs Mainthal bis in

die Nähe des Ortes Kelsterbach erstreckt, ist absolut schneckenleer.

Ganz dasselbe gilt von der kiesigen Schwelle, die, früher eine

Kiesbank, dann eine Landzunge zwischen den Mündungen von Neckar und

Main, Rhein- und Mainebene von einander trennt. Obschon fast in ihrer

ganzen Ausdehnung mit Laubwald bedeckt, der sich ununterbrochen vom

Odenwald bis gegen Rüsselsheim hinzieht, lässt sie doch selbst bei der

sorgfältigsten Nachforschung kaum hier und da einmal eine versprengte

_Hel. pomatia_, _nemoralis_ oder _incarnata_ entdecken. Nur längs der

den Wald durchschneidenden Landstrassen, und nur soweit dieselben mit

Kalksteinen gedeckt werden, finden sich _Hel. pomatia_ und _nemoralis_,

sowie _Pupa muscorum_. Wo Basalt an die Stelle des Kalkes tritt und zu

beiden Seiten jenseits der Zone, die der Kalkstaub erreichen kann, ist

die Schneckenfauna verschwunden. Wir haben also auch hier den Beweis,

dass die Schnecken ohne grosse Bodenfeuchtigkeit existiren können und

sich gerne mit Thau und Regen begnügen, wenn sie nur Kalk zum Bau ihrer

Gehäuse finden.

Ganz anders wird das Bild, wo in der Nähe von Sachsenhausen

Littorinellenkalke in dieser Kiesschwelle auftreten. Der Sachsenhäuser

Berg mit seinen Massen von _fruticum_ und _nemoralis_, die Umgebung

der oberen Schweinsteige und des Buchrainweihers, welche immer gemeint

sind, wenn von dem Frankfurter Wald die Rede ist, sind vielleicht die

ergiebigsten Puncte für den Sammler, die er in unserem ganzen Gebiete

finden kann. Am Buchrainweiher kommen seltsamer Weise ganz isolirt in

der Ebene _Hel. lapicida_, _obvoluta_, _Bul. montanus_ und _Claus.

ventricosa_ vor.

Reich an Schnecken ist auch die Ebene wo sie aus Löss besteht, wie

z. B. um Sossenheim; _Hel. sericea_ und _strigella_ finden dort ihre

eigentliche Heimath.

Eine eigenthümliche Fauna beherbergen die ~Kalkhügel zwischen

Flörsheim und Hochheim~, der Rand eines niederen Plateaus, welches dem

südlichen Fusse des Taunus vorliegt. Ewig trocken und der glühenden

Sonne ausgesetzt sind die Abhänge trotzdem meist mit einem dichten

Moospolster bedeckt, in und auf welchem in unzählbaren Mengen _Hel.

ericetorum_, _Bul. detritus_ und _tridens_, _Pupa frumentum_ und

_muscorum_ leben; auch _Hel. pomatia_ und _nemoralis_ sind sehr

häufig. Auch hier lässt der Kalkboden die Schnecken über die mangelnde

Feuchtigkeit hinwegsehen. In dem Thale des ~Wickerbaches~, das die

Steinbrüche durchschneidet, und in dem Bache selbst ist ebenfalls eine

ziemlich reiche Fauna entwickelt: zahlreiche Hyalinen, _Hel. strigella_

und _hispida_ und im Bache _Pisidium amnicum_ und _Valvata piscinalis_

von merkwürdiger Grösse, die kleine Bachform von _Neritina fluviatilis_

und die Taunusform des _Unio batavus_ lassen den Sammler lebender

Conchylien eben so gern die Flörsheimer Steinbrüche besuchen, wie den

der Fossilien, für den hier classischer Boden ist.

Nicht minder interessant ist die alte Dünenwüste jenseits des

Rheines, die ~Mombacher Heide~. Aus schneeweissem Flugsand bestehend,

den der Wind noch hin und her treibt und zu Hügeln zusammenweht,

soweit nicht Waldanpflanzungen ihm Halt gebieten, wird sie durch

ihren stark mit Kalk und selbst mit Salztheilchen gemengten Boden,

den die Sonne an warmen Sommertagen fast zum Glühen erhitzt, zu

einem der interessantesten Orte für die Botaniker, wie für den

Hymenopterologen. Aber auch der Schneckensammler geht nicht leer aus.

Zu den obengenannten Xerophilen kommt noch, an die strandbewohnende

_Hel. striata_ der Mittelmeerküsten erinnernd, die stark gerippte _Hel.

costulata_ ~Zgl.~, deren gebleichte Gehäuse zu Tausenden auf dem Sande

herumliegen. Unter den einzelnen Büschen, die sich an geschützteren

Stellen entwickelt haben, findet man Hunderte von leeren Gehäusen der

_Vitrina pellucida_, die sonst nur in feuchten Bergwäldern lebt, (wenn

nicht eine Vergleichung der Thiere sie als specifisch verschieden

erkennen lässt).

Eine reichere Ausbeute bieten noch die Sümpfe zwischen Mombach und

Budenheim, die namentlich von ~Thomae~ genauer untersucht wurden und

für viele unserer kleinen Planorben und Valvaten die einzigen Fundorte

sind.

Stellen wir nun zum Schlusse noch einmal Gebirgs- und Ebenenfauna

einander vergleichend gegenüber, so finden wir erstere an Arten wie

an Individuen gleicherweise ärmer, am ärmsten da, wo es dem Boden

gleichzeitig auch an Kalk gebricht. Aechte Gebirgsschnecken, die

sich nie oder nur selten an besonders günstigen Puncten in der Ebene

zeigen, sind _Hydrobia Dunkeri_, _Pisidium pusillum_, _Helix lapicida_,

_personata_, _obvoluta_, _Clausilia nigricans_, _Balea fragilis_,

_Vitrina elongata_, _Draparnaldi_. Aechte Ebenenbewohner dagegen sind

in unserem Gebiete von Landschnecken: _Hel. strigella_, _sericea_,

_arbustorum_, die Xerophilen, _Bul. tridens_ und _detritus_, die

grossen Pupen und die Wasserschnecken mit Ausnahme der wenigen bei den

Gebirgsfaunen erwähnten Arten.

So ist wenigstens das Verhältniss nach unseren jetzigen Kenntnissen der

nassauischen Fauna; grosse Lücken sind darin freilich noch auszufüllen.

Hoffen wir, dass diese Arbeit dazu beiträgt, den Anstoss zu einer

lebhafteren und genaueren Durchforschung unseres Vereinsgebietes zu

geben. Ich wiederhole nochmals meine Bitte an Jeden, der sich in Nassau

oder den angränzenden Gebieten mit der so leichten und lohnenden

Erforschung der Weichthierfauna beschäftigen will, sich mit mir in

Verbindung zu setzen und mir seine Resultate mitzutheilen, damit

es dereinst möglich sein wird, ein wirklich erschöpfendes Bild der

Vertheilung der Mollusken in unserer Provinz zu geben.

~Schwanheim~, im Juni 1871.

$Dr. W. Kobelt.$

Erklärung der Tafeln[14].

Tafel I.

1. Daudebardia rufa ~Drp.~

2. „ brevipes ~Drp.~

3. Vitrina elongata ~Drp.~

4. „ Heynemanni C. ~Koch~.

5. „ diaphana ~Drp.~

6. „ Draparnaldi ~Cuv.~

7. „ pellucida ~Drp.~

8. Hyalina nitidula ~Drp.~

9. „ nitens ~Mich.~

10. „ cellaria ~Müll.~

*11. „ nitidosa ~Fér.~, stark vergrössert.

12. „ nitida ~Müll.~

13. „ crystallina ~Müll.~

14. „ subterranea ~Bourg.~

*15. „ hyalina ~Fér.~

*16. „ fulva ~Müll.~

*17. Helix rupestris ~Drp.~ }

*18. „ pygmaea ~Drp.~ }

*19. „ rotundata ~Müll.~ } vergrössert.

*20. „ aculeata ~Müll.~ }

*21. „ costata ~Müll.~ }

*22. „ pulchella ~Müll.~ }

23. „ obvoluta ~Müll.~

24. „ personata ~Lam.~

25. „ incarnata ~Müll.~

26. „ fruticum ~Müll.~

27. „ strigella ~Drp.~

28. „ hispida L.

29. „ depilata C. ~Pfr.~

30. „ sericea ~Drp.~

31. „ rufescens ~Penn.~

32. „ villosa ~Drp.~

33. „ ericetorum ~Müll.~

33a. „ ericetorum var. minor.

34. „ candidula ~Stud.~

35. „ costulata ~Zgl.~

Tafel II.

1. Helix arbustorum L.

2. „ lapicida L.

3. „ nemoralis L.

4. „ hortensis ~Müll.~

5. „ pomatia L.

6. Bul. tridens ~Müll.~

7. „ detritus ~Müll.~

8. „ montanus ~Drp.~

9. Bul. obscurus ~Müll.~

*10. Cionella lubrica ~Müll.~

*11. „ Menkeana C. ~Pfr.~

*12. „ acicula ~Müll.~

*13. Pupa frumentum ~Drp.~

*14. „ secale ~Drp.~

*15. „ doliolum ~Brug.~

*16. „ muscorum L.

*17. „ minutissima ~Hartm.~

*18. „ edentula ~Drp.~

*19. „ septemdentata ~Fér.~

*20. „ pygmaea ~Drp.~

*21. „ ventrosa ~Heyn.~

*22. „ Shuttleworthiana ~Ch.~

*23. „ pusilla ~Müll.~

*24. Pupa Venetzii ~Charp.~

*25. Carychium minimum L.

Tafel III.[15]

1. Balea fragilis ~Drp.~

2. Clausilia laminata ~Mont.~

3. „ biplicata.

4. „ plicata ~Drp.~

5. „ ventricosa ~Drp.~

6. „ lineolata ~Held~.

7. „ plicatula ~Drp.~

8. „ dubia ~Drp.~

9. „ nigricans ~Pult.~

10. „ parvula ~Stud.~

Tafel IV.

*1. Succinea oblonga ~Drp.~

*2. „ Pfeifferi ~Rossm.~

*3. „ putris L.

4. Limnaea auricularia ~Drp.~

5. Limnaea auricularia var. ampla ~Hartm.~

6. „ ovata ~Drp.~

7. „ stagnalis ~Müll.~

8. „ auricularia var. angulata.

9. „ truncatula ~Müll.~

10. „ fusca C. ~Pfr.~

11. „ palustris ~Drp.~

12. „ peregra ~Drp.~

13. „ elongata ~Drp.~

14. Physa hypnorum L.

15. „ fontinalis L.

16. Ancylus fluviatilis L.

Tafel V.

1. Planorbis corneus L.

2. „ marginatus ~Drp.~

3. „ carinatus ~Müll.~

*4. „ vortex ~Müll.~

*5. „ contortus ~Müll.~

*6. „ Rossmässleri ~Auersw.~

*7. „ albus ~Müll.~

*8. „ laevis ~Alder.~

*9. „ leucostoma ~Mich.~

*10. „ spirorbis ~Müll.~

*11. „ cristatus ~Drp.~

*12. „ complanatus ~Drp.~

13. „ nitidus ~Müll.~

*14. Acme fusca ~Walker~.

15. Cyclostoma elegans ~Drp.~

16. Paludina vivipara ~Müll.~

17. Bithynia tentaculata L.

18. „ Leachii ~Shepp.~

19. Hydrobia Dunkeri ~Ffld.~

*20. Valvata piscinalis ~Müll.~

*21. „ depressa C. ~Pfr.~

*22. „ spirorbis ~Drp.~

*23. „ cristata ~Müll.~

*24. Valvata minuta ~Drp.~

25. Neritina fluviatilis ~Müll.~

26. Ancylus lacustris L.

Tafel VI.

1. Unio pictorum var.

2. „ tumidus ~Retz.~

3. „ batavus var. amnicus.

4. „ batavus ~Lam.~

5. 6. Embryonen von Unio (nach ~Forel~).

Tafel VII.

1. Unio pictorum L.

2. Anodonta piscinalis var. minor.

3. „ „ „ ponderosa.

Tafel VIII.

1. Anodonta cellensis var.

2. Limnaea ovata var.

3. „ vulgaris ~Rossm.~

4. 5. „ vulgaris var.

Tafel IX.

1. Anodonta cygnea var.

2. Cyclas rivicola ~Lam.~

3. „ cornea L.

4. „ solida Norm.

5. „ lacustris ~Drp.~

6. „ calyculata ~Drp.~

7. Pisidium amnicum ~Müll.~

8.[16] „ obtusale C. ~Pfr.~

9. „ pusillum ~Jenyns~.

10. „ casertanum ~Poli.~

11. Tichogonia Chemnitzii ~Rossm.~

Inhalt.

Seite

$Allgemeiner Theil.$

~Erstes Capitel.~

Umgränzung, Literatur und Vorarbeiten 7

~Zweites Capitel.~

Fauna der Nassauischen Mollusken · 第 24 / 25 段