Ein Evangelium der Kraft

Ah! seufzten alle Turnlehrer der Stadt und strichen sich ihre besemmelten

Bärte, das riecht nach etwas. Gegen das verzückte Wonnegeschrei der

Damenwelt war das aber noch gar nichts. Abends war der Saal ausverkauft.

Jörg trat heiter lächelnd zum Podium, nachdem Glocke schon elfmal zur Ruhe

getönt. Doch ehe er beginnen konnte, stand vorn, natürlich in der ersten

Sesselreihe Fräulein DDr. Bathseba Schur empor, die, da sie auf

Medizindoktorat auch noch das der Filosofie zugetürmt hatte, so 24 Jahre

alt, für den Horizont des Spießbürgers im allgemeinen und für die kleine

Stadt mit Naz Propper im besondren immerhin ein Fänomen war, zur schärfsten

Betonung ihres Ausnahmemenschenweibtums Haare kurz geschnitten, angenehm

illustriert mit behorntem Klemmer auf süßlicher Nase, nebenberuflich

Heraldikerin, stand also energisch auf und fragte:

Ehe wir Ihre Biografie vernehmen, haben wir ein Recht zu wissen, wie Sie

heißen?

Jörg sagte mit einer ungeheuer jovialen Verbeugung:

Ich heiße § §.

Wie bitte? Paragraf Paragraf!

Ah! da sind Sie wohl der Embryo Ihres Jahrtausends?

Nein, nur der Zeitgenoß meines und _Ihres_ Jahrhunderts! Man lachte ob der

Antwort und verzieh ihm alles. Auch wurden die Lichter ausgedreht, schon

damit das sehr gescheite Fräulein DDr. medizinische Studien befaßlich

betreiben konnte. Hurra!

* * *

Die Folge jenes Abends war, daß sich Jörg mit dem vielgescheiten Fräulein

DDr. Bathseba Schur verlobte, einen Tag drauf schon den veilchenblauen Bund

der Ehe schloß. Schwierigkeiten sind unter feinen Leuten nicht am Platze.

Da Bathseba in der Hochzeitsnacht, zu der ihre beglückliche Mutter

besonders massives Kolossalbett beigestellt, ihren neuen, ach sehr

kräftigen Mann aus einem sentimental kuhischen Gefühl heraus unter

Absingung alter Tempelmelodie beschneiden wollte, gab er ihr eine

Maulschelle, die nach Autobus roch, daß ihr der Klemmer vom rudimentären

Sattel der Nase glitt, sie zumindest ein Doktorat im Schauer des

Ereignisses vergaß. Er lief erregt durch den Raum, fühlte Kälte trotz der

Jägerwäsche, als aber liebe trübe Bathseba in verzweifelnder Kopflosigkeit

kein andres Mittel mehr wußte als sich ganz zu entkleiden, nackt und

phallushungrig auf ihr lechzendes Passivum wies, da heulte er erst recht

auf, stürzte weg. Im Lauf riß er die Marmortafel unten vor der Haustür mit

der schön gelockten Nachtglocke stürmisch ab, daß der wilde Jäger Wuotan

schier erschrak, sah plötzlich rückwärts bekanntes Doppeldreieck, rannte,

rannte, rannte, trat schweißübertüncht, lungehüpfend in muffigen Wartesaal

kleiner Bahnstation, verschwand im Zug, der bald anschob. Fuhr Tag und

Nacht, bis ihn die weiße Einsamkeit Lapplands begrüßte. Als ihn erster

Eskimo blöd bestierte, fragte er sich erst, d. h. fand er nun Zeit zu

Fragen: Wie bin ich eigentlich hierhergekommen? Er blickte auf zum Äther,

sah dort groß, grau im Gewölk die Initialen des Korsen Napoleon. Dazu hörte

er auf einmal wie von sehr fern: Puppchen, Du bist mein Augenstern! So ins

Leere gewissenhaft gestarrt, waren gleich Renntiere gut zu ihm, er begriff

hier erst voll und ganz Franz Marc's Tierlegende, Verwandtschaft des

Menschen mit Tier, die schon längst vergessen, ja Brüderlichkeit, wäre

nicht Mensch bösartiger, fuhren nachdenkenden Gast an Hütte im schiefen

Eisgebirg. Trotzdem Jörg nur einen pepitanen Sommeranzug trug, fühlte er

durchaus keine Kälte, sondern stürzte, als er niedrigen Raum betrat, mit

einer nicht alltäglichen Brunst über das frische derbe Weib, das ihrem Kind

eben die Zitzen gab. Während der wilden Begattung, Spaß nach einer Bathseba

Schur diese Wasserfallablenkung, stand der Besitzer dieses Weibes erfreut

lächelnd dabei, und als beide matt, von so viel Erfrischung matt, kroch er

an Jörg, leckte ihm bedankbarlich die schöne fette Hand. Jörg platzte sich

inmitten der Felle auf brüllte: Hier herrscht noch die freie, primitive

große Lust der Zeugung. Da Da! Hier ist die Mutter aller Kultur. Woher ich

komme, aus dem verfluchten Westen, dort grinst nur strafbare Exhibition

statt Kultur. Da Da! Ich fühle mich so stark, daß ich eine ganze Erde

zeugen möchte. Da Da!!! -- Mann und Weib, die bang zugehört, verstanden

fremde Laute zwar nicht, fielen aber nieder, weinten auf seinen Unterleib

herab, denn sie hielten ihn für den Gott der Himmelswut. Dann schlugen sie

selbst ihre Nacktheit. Nächsten Tag standen hundert Eskimoweiber draußen

und baten um seine Mannheit. Er bezwang sie alle in drei Nächten, leicht.

Bei Licht küßten sie seine Füße. Nur bedauerte er, daß hier kein Telefon

war.

* * *

Dann schlief er lange, einmal, bolschewistische Träume spazierten durch

seinen Hirntopf. So sah er sich als Gründer der Fabrik

Unikum-Kleeblatt-Margarine. Wenn das schon nichts auf sich hatte, so war es

doch immerhin ein Urin-Chronometer. Eben fand er die astrale Kurve, die

über Cézanne dreimal um Picasso sich wand, bei Arp und Hausmann, assistiert

von Klee endete. Auch Palmen fächelten.

* * *

Ich schicke, ich Jörg, Serner und Tzara meinen intertellurischen Gruß und

freue mich schon auf die Kahnfahrt über den Niagara. Wer spricht da Ich

Jörg? Jörg bist Du, kein Ich! Blick, wie Jörg über den Wasserschaum

schnellt, der Kahn kracht mitten in der Luft, zwischen Gebrüll und Gischt,

setzt sich dann zum Erstaunen aller Ur- und Blattpflanzen wieder zusammen,

steigt am Ufer aus, wirft drei Löwen, sechs Leoparden, zweiundachtzig

Pinseläffchen und eine Generälin von der Heilsarmee zu Tode. Dann kamen

Serner und Tzara, begrüßten Jörg und alle drei wurden zum Präsidenten von

Amerika, Zentral- und Südstaaten mit inbegriffen, gewählt. Eine Dreiheit

eins. Das war noch nie da. Aber Da Da. Neuer Präsident arbeitet keinen

Völkerbund, auch keinen Friedensvertrag aus, wohl aber verbot er das

Waschen mit der Sun-light-Seife. Eben wollte Jörg, freudig ergriffen für

Ovation oder gar Revolution danken, als ein Papagei, grün mit blauem

Schnabel, rosenrote Arie sang: Nun sei bedankt mein süßer Schwan!

* * *

Durch Jahrtausende glitt Jörg durch viele Zellkörperchen zurück oder vor?

weil er plötzlich vergaß, was Zeit sei, und kroch in Nagasaki aus Blau des

Himmels. Nicht Jörg rief man ihn, sondern Hoku. Schwitzte als Kuli, trug

vornehme Herren, Beamte, Schogune. Einmal tropfte Prügel auf sein Gesäß, er

Hände schützend darüber haltend lief durch Reisfelder, lang, bis knapp der

Futschijama in sein beträntes Gesicht leuchtete. Eine Stimme sang: weißt Du

denn nicht, daß Du einmal vor Jahrtausenden, oder wird es erst sein? als

blasser Mann von einem Haus fielst, daß Dir der Schädel zerbrach und alle

Atome schüttrer Hirnsubstanz durch den Kosmos fegten? -- Da besann sich

Hoku, klagte nicht mehr, rief aber durch den Schnee der Kirschblüten

fremden Laut: Jörg.

* * *

Er war Maurer, hatte weißes Gesicht, dunklen Bart, fiel vom Dach, brach

sich Genick, stand auf und ritt auf einem Silbergaul weiter als Student. Im

Butzenscheibenhaus er verschwand, sah im Vestibül eine große Fliege,

schrie: Fliege! schlagt sie tot! stürzte darnach, es schien ihm als stünde

er am Platz Notre Dame zu Paris, viele Leute fielen, verfolgten die Fliege,

fühlte er, die Fliege, Jörg selbst, die Streiche, fiel hin, trat gleich

drauf aus dem schlanken Gebäude, leichten Druck wie von Büchern unterm Arm,

der Schofför verneigte sich tief, Auto nahm ihn auf. Erstaunt. Sonst fuhr

darin ja die berühmte Tragödin Mia Miu. Warm wars innen. Kleiner Tisch

pries solide Speisen aus. Vollständig auf der Höhe der Zeit, wirklich

erstklassiges Auto, dräut der Winter noch so sehr. Da unkultiviertes

Geschrei: wüster Balkankopf schaute herein durch geschliffnen Glasesglast,

aufriß Tür, Bombe schwingend er sich plötzlich slawisch devot

entschuldigte: O verzeihen Sie, ich dachte, Sie sind der Thronfolger von

Österreich-Ungarn, der durchlauchtigste Herr Erzherzog Esterhazy Bankerott!

* * *

Das halt ich nicht aus! warf Jörg seine Arme, griff aber nur den Busen des

Eskimoweibs, erwachte aus höhnischen Traumgesichten, fand sich da als Jörg.

Er hatte seltsamerweis Füße oben auf der Fellstatt, Kopf hing ihm unten. Da

stand er auf, schüttelte seine Mähne, rief: Frisör! Als niemand erschien,

befahl er den Schlitten zu richten, schrieb schnell noch ein Buch über das

Vorkommen der Beistriche und Punkte bei den Romantikern, besonders zum

Gebrauch für Eskimos dargelegt, erläutert, mit Anmerkungen und Fußnoten

reichlich versehen, klopfte einer jeden von den abschiednehmenden Urweibern

eins leutselig auf die Scham, und fuhr. In Hammerfest mietete er Boot,

ruderte, schlug Winde und Wasser, schrillte einmal als er fern

portugiessche Küste nach Wochen sah, schoß schon unterm Äquator, stieg in

Afrika ans Land, bölkte: Da da bin ich.

* * *

Hier bedeutete Leben siedenden Kampf. Fletschende Nigger wollten dem

schmucken Mann aus Elfenbein die Haut abziehen, er hob aber wuchtig seine

Pranken und die plastischen Negerköpfe sahen alle Feuer vom Himmel lodern.

Also verehrten sie ihn als Gott, Sonnengott. Das, was man nicht verzehren

kann, sieht der Mensch als Gottheit an. So stand es in der Grammatik. Nur

schmerzlich wars, daß Jörg auch hier das Telefon vermißte. Doch

Morsetelegrafie verstand man. Besonders die Negerweiber, die sich, als sie

Jörg sahen, vor ihm unscheu, ganz dem Zweck der Sache entsprechend

hinspreizten. Ein starker Mann ist überall gern willkommen. Dieser Satz,

vorgeahnt bei der Reichsgräfin Motz-Flankenbusch in Berlin WW, wurde ihm

hier inmitten der Kannibalenweiber erst voll und gediegen bewußt. Zum

Zeitvertreib machte er aus Gummibäumen schöne Gegenstände, die er

gelegentlich den Fraun der Mitglieder der Friedenskonferenz zu Paris

überreichen wollte.

* * *

Sonne scholl mächtig am Zenith, als er vor dem König und sämtlichen

Ministern des Kautschukstaates einen volkswirtschaftlichen Vortrag hielt.

Kannibalisch sprach er schon besser als europäisch. Jörg erörterte sehr

eingehend die Relativitätstheorie mit besondrer Berücksichtigung des

direkten und allgemeinen Wahlrechts bei Fraun und bat zum Schluß ein

geehrtes Publikum Hedwig Courths Mahlers Werke künftighin zu singen. Das

verbat sich aber sofort der Königshäuptling Tschampassa sehr energisch, da

auf Jörgs soeben entfloßnen Rat hin gleich alle Kannibalenweiber kräftig

angefangen hatten zu singen: Lori vergib! Als man die erregten Fraun

inbezug auf diese Originalhymne beschwichtigt, fuhr Jörg fort in Rede.

Allen Jungfraun ist Jungfernschaft und Grafenheirat im Voraus garantiert,

sogar patentiert D. R. P. Nr. 606. Da stand ein Minister auf, trat an Jörg

heran, sprach etwas. Jörg kühl: Sie meinen das ist Patent für eine

Bogenlampe? Aber ist Bogenlampe und Jungfernschaft nicht einunddasselbe?

Der Minister machte eine zweideutige Bewegung, die Jörg aber eindeutig

auffaßte, meckerte beinah: Ich verstehe jetzt Herr Minister. -- Ich bitte,

dafür beziehe ich auch Gehalt.

Der Vortrag endete tief ergriffen. Sämtliche Negerfraun sandten eine

Begrüßungsdepesche an alle Dienstmädchen, absolvierten Gymnasiastinnen und

Hörerinnen der Filosofie inbezug auf vorteilhafte Hebamme und

Schriftstellerin H. C. M. mit der ungeduldigen Schlußfrage: wann kommt denn

schon der nächste Roman? Umgehende Drahtantwort bitte unter: Klub der

Negerkünstlerinnen, Kautschukstaat, Afrika.

* * *

Schon war Jörg nahe daran im Kautschukstaat eine Eierkonservierungsanstalt

m. b. H. zu gründen, als er mittels eines Kranichs einer Ungemütlichkeit

entfloh, nach Schina, denn sonst hätte ihn ein hysterisches Negerweib

beinah in seine Mannheit gebissen, die ihm doch so teuer. In Schina

gestrandet, betrat er Schantung, weise Heimat Kungfutses. Vor dem Tempel in

Küfu drosch er nieder gleich Blitz, ward so im Gelunger rückwärts

achselberührt, nahm schon Huldigung des gastlichen Würdenträgers entgegen,

sprach sonderbarerweis Schinesisch, erinnerte sich überhaupt nicht mehr

seiner weißgesichtigen Heimat, gelbte Gelb, hieß: Lü Tschang. War

kaiserlicher Statthalter, ging, als er hochbetagt gestorben, bei seinem

Begräbnis mit, war auch unter den Zuschauern auf der Straße, von wo aus er

den Leichenzug ehrerbietig, fast demütig grüßte. Dann durch den Kopf eines

Mörders gefahren, der eben in allen Sprachen gescharfrichtert wurde, nun

sich in das blöde Lallen eines Neugebornen versteckte. Als er in

Rattengestalt durch schmutzige Straße Pekings lief, ungeacht ihn aber alle

als Gottheit beriefen, da stank er sich aus, verging, schlüpfte durch Äther

hinaus in den Weltenraum, atmete erleichtert freie Zugluft, dann auch nicht

mehr dies, murmelnd: Jörg, Jörg! flog plötzlich schneller, rutschte auf

ausgestorbnes Land, das magisch wie Castans Panoptikum schillerte: Mond. --

Eben griff er mit Händen um sich, als aus einem Krater mit vielen

Bücklingen ein Mann segelte, vor ihn hintauchte und sich griechischen Lauts

als Pythagoras vorstellte. Jörg hätte ihn kaum erkannt, denn dieser

anmutige Zellhaufen, einst so berühmt in der Mathematik seines

Mutterplaneten da unten, sah jetzt unfaßbar verworren aus. So stand

Pythagoras' Nase beim Hinterkopf, der Mund schwoll zwischen Gefüßwinkel wie

frauliche Schamheit. Freudig teilte ihm der Greis mit, daß er der einzige

Bewohner des Monds sei, jetzt von Glück aber fast übertroff, da noch ein

Lebewesen, was man so Lebewesen nennt, angekommen sei, dem er längst

bedrückendes Geheimnis anvertrauen könne. Trotz mondlicher Kälte, die Jörg

unangenehm übereiste, schwitzte Pythagoras arg wie er da sprach: Lieber

Erdenfreund! Mein Lehrsatz ist falsch. Hier habe ich erkannt, daß es heißen

soll: der Kreis über der Hypotenuse, rc = ½ c, ist gleich der Summe der

Kreise, ra = ½ a, rb = ½ b, über den beiden Katheten. Denn merke Dir: alles

ist Kreis, nie Quadrat. Quadrat ist unendlicher Blödsinn zur Minuspotenz.

Ich wollte diese Erkenntnis, Berichtigung schon immer hinabsenden zu dem

besoffnen Fragezeichen oder Anfangsendpunkt, aber dieses tolle Gewürm da

unten fängt wohl meine Lichtstrahlen auf, glaubt, sie seien vom Mars

gefunkt, und telefoniert mir mit meinem falschen Lehrsatz zurück, daß mir

vor lauter Ärger die Nase nach rückwärts, der Mund in die Knie gefallen

ist. Komme ich wieder dereinst nach irrationalen Jahren auf diesen

intertellurischen Fußball »Erde« zurück, dann werde ich

Billardkugelfabrikant. Schabel schimel schum. -- Mathematischer Greis

glotzte geometrische Zirkel vor sich hin. -- Eine Frage lieber Pythagoras:

meinen Sie, daß es Erfolg haben könnte, hier auf der Mondlandschaft eine

Fabrik für Reformunterhosen zu gründen? -- Das wäre auch für Nichtwesen im

allgemeinen und für mondliche Bakterien im besonderen zu unpraktisch. Schon

wegen der gegenseitigen Anziehung. Schabel schimel schum. -- Da kehre ich

also mittels Parabel zur trunknen Erde wieder rück, sauste schon weg. Mond

auch zu rasend kalt. Vergiß nicht unten meinen Satz zu verbessern. -- Nein,

durchaus nicht, seien Sie onbesorcht lieber Geometrieschonglör, requiescat

in pace oder Konserven sind die beste Nahrung für terren Völkerbund,

lieferbar zu 800 Prozent, Verdienst 2. 600%, dann nicht zu vergessen das

Geheimnis aller Planetenwelten, die es ihren regierenden Sonnen zuflüstern:

Busoform wirkt enorm. -- Schabel schimel schum, schreien Sie nicht so!

* * *

Auf Erde gelandet griff Jörg Knochen, schaute auf: neuer Balkan war um ihn

mit großmannsüchtigen Natiönchen, Stimmgewirr heiser, ungefüg, immerhin

slawischer Umkreis beflaggt, buntklecksig, Festorkane bei Zunderbeleuchtung

mit Minusvaluta als Stundenregent: Prag. Gilbe Funzel am umseuchten

Himmelbett Europa. Die Stadt der Brüllaffen und Flöhe, der Korruption, des

neueuropäischen Bazillus idioticus militaris, auch der Angelpunkt

sämtlicher Wimpel einer westlichen Welt mit Salvarsanbehandlung, Zentrale

der Schieber, die mit Staatsbankerott Hausse trieben, der verstopften

Kanalisation, der schnellsten Elektrischen der Welt und Stadt der

sechstausend Minister. Jedermann ist, war oder wird Minister. Dafür geht es

dem Volk glänzend. Es bekommt Uniformen umsonst, schön poliert, darf neun

Jahre lang schießen, wenn auch nur mit Erbsen, und sich am Roulettespiel

Austria rediviva beteiligen. Das alles für eine gute Krone mit

Löwenstempel, die in Zürich auszugeben als internationales Wagnis gilt, da

Du vom schweizer Schandarm sofort verhaftet wirst. Krenwürstel tragen die

Fraun an den Ohren neben böhmschen Brillanten. Auch ist man manchmal sehr

ernst: dann wird hierzulande, Buchtenlande ein Schenie mit I geboren. Das A

singen geigen gurren alle Leute dazu, kommt die Rechnung zur Bezahlung.

Jörg lag erstaunt noch auf holprigem Pflaster, als er urgroßes Tüü hörte,

schrill in sein armes Ohr, das noch vom Mond träumte, und ihn bald ein

ministrielles Auto überfahren hätte. Da stand er todesmutig auf, waghalsig,

brüllte: Ich danke! floh weg. Das Volk, anfangs dumm, heulte dann freudig

auf: Hurra! der HERR Kaiser ist zurückgekehrt, nun gibt's wieder

Kreuzersemmeln! Überetliche Soldaten standen stramm. Vom Hradschin herab

dröhnte innerster Seele des Volks entgegenkommend ergebne Hymne auf das

Haus Habsburg. Klosettdeckel, hermetisch verschließbar, auch schön

bronziert wie manche Kandelaber dieser liebenswürdigen Stadt wurden

verteilt. Durch beblumte Straßen schritt, nachdem vorher stark geböllert,

pariserisch elegant, durch und durch echter Rasta, habsburgischer

Vertrauensmann Ritter Dr. Karl Starkhand in grünspanrostiger Rüstung, in

der er noch vor kurzem nach Rußland ausgezogen, um dort Präsident zu

werden. Da es aber in diesem Lande seltsam brenzlich roch, auch

bolschewistische Popoprügel noch brennend schmerzte, war jener Rasta auf

französischem Kriegsschiff mit Schaumrollen und Yohimbintabletten, tief

beladen, ergriffen zurückgekehrt, wurde hier sofort zum Berichterstatter

höchst eigner Zeitung und zum Verwalter seiner Milliarden gewählt. Es war

ein schöner Akt und geschah unter frenetischem Gebrüll. Auch Kanarienvögel

bellten, während sämtliche Nähmaschinen seufzten. Jörg gurgelte wie

Mundwasser wütend: Wie werde ich energisch oder hier will ich nicht neuer

Herkules sein, der Saustall ist zu weitschweifig! ließ Duft und entwich

nach Madrid.

* * *

In Spaniens Hauptstadt tausend Schock Zigaretten, daß er doch immer an Eier

dachte, eingekauft, raste er nach Valljadolid. Hier am Grabe Kolumbus' riß

er Knie nieder, schrie zum erstenmal kein Schalksnarr, kein Spötter, ernst,

groß: WEIL ICH DIE MENSCHHEIT LIEBE, MUSS ICH DIE MENSCHEN HASSEN.

* * *

Über Italien schnellzugte Jörg nach Südtirol, aß in Bozen gute Birnen.

Stieß auf sonngeschmückter Straße an faßgeformten Mann mit überroter Kutte.

Ölig lächelte Glattrasierter, bat Jörg um Almosen, sagend, er sei

Minoritenpriester.

Minoritenpriester? Warst Du nicht jener Pfaff, der in Wien im Kaffeehaus

stank? Doch nein, Du warst ja der Verruchte, obgleich gesalbt, der dem

Heiland rostige Nägel durch Glieder schlug.

Nicht gerade jener, doch ist mir Kristus bekannt.

Also bist Du ein Jude. Her Dein Herz! damit ich Dir es entschlitze!

Jetzt nach zwei Jahrtausenden noch Sühne?

Doch schon goß semitisch Blut übers Pflaster. Und Lächeln stob noch, als

er, Jörg, wissend, einen Kristen getötet zu haben, entfloh. Wer? Spitze

grelle Lacher ballten sich noch hoch. Und die Gosse heulte. Und die Gosse

schrie.

Reklame bot frech »ANNA BLUME« an.

* * *

Jörg unvermutet in Fiume angekommen, saß im Kaffee, dachte an Thomas von

Aquino, dann an Grünewald, zuletzt an Gauguin, nun Kokotte ihn mit Blicken

überflammte, endlich er sie frug nach Namen und mehr. Sie, statt Antwort,

flötete: Es ist sehr zum Wundern, daß jetzt so wenig Leute an Trichinen

sterben, nicht? -- Allerdings! schrie Jörg, da jetzt zu viel

Granatenauflauf gegessen wird. Mit Muse trank er seine Hammelkeule, jawohl

trank, bannte Eros aus dem krokusnen Umkreis, erinnerte sich schmunzelnd

der Schlacht bei Ronzevalles, stieß laut ins Horn Olifant, als sich der

Kellner heranpirschte, das Schnupftuch aufhob, übrigens ihm das Zündholz

bereit hielt. Nachher legte Jörg seine Hände blau vor sich hin, dachte halb

an den Busen der Gegenüberkokotte, halb an den schönen Flimmer der

Milchstraße, die zum Saturn führt, als klitschnaß das Licht ausstob und

Finsternis durch den Raum peitschte. Schließlich ist unter Umständen

Magenerweiterung, wennschon keine Krankheit, so doch ein Faulheitsübel. Und

Stromschnellen sind auch nicht büchen.

* * *

Früh nahm ihn D-Zug in seine Arme, fächelte ihn in Budapest auf den

Boulevard. Ernst antrat Jörg die Beamtin, boste ihm auf Madjarisch zu: Sie

müssen sich am ganzen Körper rasieren lassen! -- Wozu? -- Nicht gesprochen!

und schon schwamm Jörg im Bassin, beschaut, bekitzelt von vielen nackten

Mädchen. Er sprudelte, da gab man ihm eine Rakete ins Maul, freute sich am

Feuerwerk. Als er aufwachte, befand er sich in Berlin, hörte soeben die

elektrische Klingel.

* * *

Japan hat letzten Endes auch seinen Mikado. Und Jörg Schuh legte seine

Hände porzellangrün vor sich hin, wartete glommen Blicks. Kaum gepocht,

trat otto-ernst bei ihm ein, auf Kopf den Gamshut, jodelnd, juchzend, sonst

aber wundersam nackt, nur rückwärts im geehrten Steiß stak ihm prachtvoller

Blumenstrauß. Wahrscheinlich Symbol eines Werdegangs. Ich bin nämlich auf

Freiersfüßen, meinte eingetretner gediegner Dichter. -- Da kann ich Ihnen

gute Pommersche Gänse empfehlen, haben zumeist das Doktorat aus

Germanistik, schreiben Lyrik, Tagebücher, auch Dramen. Wenn Sie aber eine

besondre Spezies von gescheuten Damen kennen lernen wollen, lieber

otto-ernst, dann pilgern Sie glatt mal nach Prag. Dort brüten, ja legen die

Doktorweibsen herrlich, unermüdlich Eier. Laufen Sie hin, diese Guten

werden gerne mit Ihnen turnen. -- Ja Turnlehrer bin ich noch immer, bölkte

o. e. stolz. -- Na also!

* * *

Beim Prälaten unterm Stadtbahnbogen Friedrichstraße propellierte Jörg seine

dekorierten Zähne in etliche Filets, schwomm das alles zu Bier, spielte

über die weiße Rutschtafel des Tischtuchs zu dem Wesen hinüber, das er mit

Frage bekollerte: Haben Sie schon einmal eine ganghofersche Nudelsuppe so

gut verdaut wie ich mein Eisbein in Schelee? Und die vielen andren Romane,

bald Miljö, bald Liebesromane auch der andren Autoren und Autorinnen, o die

lieben Zuckerbrezeln. Im Ernst genommen, das ist die Liebe. Schließlich ist

zwischen Penis und Vagina gar kein Unterschied, zumal wenn sie süß

beseufzerlich beisammen sind, beide bestehen aus Fleisch, wenn auch

geometrische Form etwas verschieden, riechen nach Mysterium, das nur eine

Reibung mit Knallgasentzündung ist. Haben Sie denn das noch immer nicht

verdaut, da es fort bei Ihnen als Neuheit wirkt, originelles Original will

ich nicht sagen, haben noch immer nicht verdaut? -- Da quoll der dort

drüben, Frosch mit innrer Marmeladebeleuchtung, giftig auf, platzte und

schmiß armen Jörg die Hure von Babylon an den Kopf, daß er alle Pyramiden

Ägyptens wimmern hörte. Das ist aber auch ein feines Benehmen, aber ein

sehr feines, schellte Jörg, lief in Straßentrubel hinaus, verlangte

stürmisch eine Notleine. So einen Redner haben wir schon lange gesucht,

schrien einige wild, von einer politischen Partei, tatzten ihm ihre Pranken

aufs Schultergelenk, führten ihn auf einer Bahre unwiderredlich zum

Parlament. Abgeordneter Jörg Schuh verbeugte sich schon vor rasend

beifallklatschendem Haus. Herr Hannibal Hagen Liefke war eitel Sonnenblume.

* * *

Ich bin der Abt vom Berge, begrüßte Jörg das Parlament, komme soeben vom

Mann im Mond und bringe Euch seine freundlichen Grüße, Telegramme und das

Offert, seine Hosenträger zu kaufen, die er selbst erzeugt, Marke

»Herkules« bitte. Damit, d. h. wenn jeder von uns sie trägt, haben wir

unsre Valuta heraus. Dem Herrn Finanzminister empfehle ich unbedingt zehn

Paar dieser Hosenträger anzulegen. Dazu würde als gemäßigtes Kostüm sich

ein Reiherhut mit Pantoffelschnallen sehr gut machen Übrigens: war das neue

Wahlgesetz nicht sehr gut? Konnte nicht jeder Republikaner am denkwürdigen

Wahltage unbesorgt seine kalte Schale löffeln, trotzdem das K. d. W.

gesperrt war. Trägt nicht Pater Südekum einen wundervollen Frack? Wahrlich,

wäre ich nicht Schuh, ich möchte Wilhelm sein! Ich bitte, beifalln Sie

nicht. Und dürfen wir uns gefallen lassen, daß unsre besten Patrioten, die

Schieber von der Regierung mit Steuern belegt werden? Wo doch Melchior

Vischers dada-Spiele die Wohlfeilsten sind, was wir derzeit haben. Auch

wollen mehrere Operettenkomponisten, Gründer und stille Teilhaber

prunkvoller Weltbuffs, langverdienten Professorentitel erhalten. Man könnte

ihn ja dem Weingartner oder dem Muck ruhig entziehen. Kann uns die

Regierung auf alle Fragen, welch pyramidale Fragen, eine befriedigende

Antwort geben? Nein, das kann sie nicht, aber ich kann eine Antwort geben.

Also bin ich die Regierung. Schon schrien alle Kopfebenen: Es lebe

Präsident Jörg Schuh! -- Ich danke für die Illumination. -- Zuguterletzt

hatte man ja schon seit langem nicht mehr eine so klare präzise

gedankentiefe, ja kosmoserschütternde Rede im Parlament gehört, wie eben

jetzt die Jörgs. Zur Begrüßung stellten sich alle Tippmamsells in Reih und

Glied, legten ihre Blusen ab und zeigten ihre gemischten Brüste. Da freute

sich das ganze Haus und jauchzte: schließlich können wir auch das Hintre

vertragen, oh wir halten was aus! Da ließen geistreiche Diener die

Fenstervorhänge herab, damit keusches Dunkel ekstatische Insassen

überstülpe. Löwen brüllten enorm, da die Menagerie ganz in der Nähe.

* * *

Vor dem Volk zeigte sich Jörg gemessen, ja majestätisch. Das ist endlich

einmal ein Präsident! Helles Entzücken blütenschneete auf ihn herab, als er

sich als Athlet entpuppte. Stemm Kraft Bemm. Da hörten alle

Kapitalistenfraun, auch Autogattinnen so eigen, doch so wonnig einen Vogel

irgendwo piepen. Die Muskulatur ist ganz prachtvoll. Auch die Nässe in

untren Regionen. Dazu noch das Konzeptpapier. Und die schön gedrechselte

Haarlocke. Und der Mops mit himmelblauem Seidenbändchen.

Aaaach!

* * *

Das war die Pirsch. Glockenblumen verneigten sich. Parföm geißelte Luft,

die brüllte. Jörg gefiels in seiner Position so gut, daß er sprang wie

Hirsch zur Brunstzeit, murrte, endlich verstopften Afters nach Brasilien

schlotete. Dort bewunderte er den Körper eines Aufgehängten, verglich ihn

mit Weisgerbers Sebastian und stoßseufzerte: Gut, daß es noch Semmeln gibt!

* * *

Am Kap Horn zog er sich aus und ließ seinen Leib im Winde wehn. Ah! stöhnte

erschauernd eine U. S. A. Miß, Tochter des kilometerschweren

Petroleummagnaten, die eben auf schwanener Jacht vorübersegelte. Sie legte

an, griff mit nervigen Lawn-Tennishänden sich selbst betastenden Jörg,

gischtete schamwehen Schrei durch stürmische Luft, zog äußerst männlichen

Mann in hygiänische Kajüte. Man war schon im Golf von Mexiko, als Jörg,

straff, in Nankinghosen das Deck betrat, die Miß währenddem lag noch

schwach, die Hände breitete, Gruß ins sternengebannerte Chikago, vive

Bendäda Hecht! voraussandte. Dort von Sippe der Miß hoheitsvoll begrüßt,

schenkte man ihm zwei Klistierspritzen. Schwämme sind manchmal ungesund.

Die Miß freute sich schon auf Abend: venetianische Nacht bei mattrosa

Ampelbeleuchtung. Damenstrümpfe haben auch eine Biologie, ebenso wie

Battistwäsche nach unten. Man kann sogar sagen, sie haben Geruch. Und

darauf kommt es heute an. Geruch erzeugt Kolonien.

* * *

Bonbons sind nicht nur süß wie Benzin zum Beispiel, sondern auch Töchter

von amerikanischen Petroleumkönigen. Zumal wenn ihre Hände durch vielerlei

Sport geübt sind. Das war für Jörg ein Lueskatorsparkfest. Aber schließlich

war er ja kein Tapezierer. So glitschte er auf einen Äroplan und fuhr

wolkenquer dem antiquarischen Appetitsbrötchen Europa zu. Über London ließ

er beglückt Wasser, sang: God save the King! Unten rief man: Zeppelin wirft

flüssige Bomben! sofort eilte der Luftverteidigungsminister Woprschalek

herbei, schrie: panove, panove! Es kamen aber nur Schusterbuben mit

rotzbezapften Nasen. Die Lords knabberten Abführpillen. Aber eine Jungfer,

nur eine Jungfer sah mit Fernrohr, woher troff der Wasserstrahl. Da betete

sie: gesegnet sei dieser Strahl, denn viele Fraungefäße sind gedörrt und

güst! dann bei sich: was heut alles vorkommt. -- Unterdessen war Jörgs Äro

schon weg, schoß wie getroffner Vogel nieder auf Helgoland, wo gerade Frau

v. Tirpitz ihre Eier sonnte, währenddem die beiden Herren Ebert und Noske

sich in prachtvoller Badebüx fotografieren ließen. Die Dame war unmutig ob

der Störung. Jungfraun und andre Mädchen wetzten vor Vergnügen, Schauer

ihre Badeanzüge. Der Äro brannte noch, als Jörg sich verbeugte und schwieg:

Ich bin ein Künstler! -- Aber womit? rülpste eine zehnjährige Göhre, die

schon zwölf Jahre verheiratet war und fünfzehn Mutter.

* * *

Jörg Schuh, Jörg Schuh, hieß er denn nicht einmal Jörg Schuh? Nein, ich

heiße ja noch Jörg Schuh. Hab etwas gelernt, kann etwas, bin etwas, wenn

auch nur imaginär. Odol reinigt die Zähne, jawohl. Für alles gibt es

Heilmittel, die nicht wirken, aber nur für die Kunst nicht. Es klangen vom

Dom die Glocken, bis der Strick riß. Da schrie Jörg -- --

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Sekunde durch Hirn: Ein unheimlich schnell rotierender Roman · 第 7 / 9 题