zur zwanzigjährigen Gründungsfeier des Lesevereines
in Krieglach am 23. Juli 1893.
Es pflegen die Menschen im irdischen Tal,
Die Streitenden, Hoffenden, Edlen zumal
Sich leuchtende Tempel zu bauen,
Auf daß im alltäglichen Drang ein Asyl
Uns winke und weise das höhere Ziel
Zum inneren Leben und Schauen.
Denn nicht in des Körpers gebrechlichen Schrein
Sind uns hinterlegt die Schätze allein,
Und auch nicht in eisernen Truhen;
Die größten, beständigsten Güter der Welt,
Sie sind wohl auf Geist und Gemüt gestellt,
Wo selig die Götter ruhen.
Zu stärken die Kräfte, die schaffenden,
Zu wecken die Götter, die schlafenden,
Das war unser heiliges Streben,
Als einstens, vor zweien Dezennien,
Beseelt und geleitet von Genien,
Dies Bündnis wir riefen ins Leben.
Wir gründeten mutig den frohen Verein
Und luden die Geister des Erdkreises ein
Ins bescheidene Dorf an der Fresen.
In Büchern und Blättern sie kamen heran,
Und mancher verdienst- und ruhmreiche Mann
Ist wohl unser Gast gewesen.
Wir hielten zusammen in treuer Pflicht,
Wir zankten nicht viel und wankten auch nicht
In guten und schlimmen Jahren.
Und hier in diesem gastlichen Haus
Hat unser Verein jahrein und jahraus
All Schutz und Schirm erfahren.
Wie mancher Gesang der Weihestund',
Wie manches Lustjauchzen der Tafelrund'
Hat hier gebraust und geklungen.
Wie mancher Funke und Bildungskeim
Ist siegreich aus diesem Geistesheim
Ins weite Tal gedrungen.
So wird man dem immer noch frischen Verein
Das Fest der Erinnerung gerne verzeihn,
Der treuen Verharrung zum Lohne.
Die Einigkeit war unser Grund und Fach,
Die Einigkeit war unser Turm und Dach,
Die Einigkeit sei unsre Krone.
Wiens Genius.
Am Grabe Anzengrubers.
(Zur Enthüllungsfeier seines Denkmals 1895.)
Ich singe hell an seiner Gruft
Und spiele froh die Leier;
Am Grabe des Unsterblichen
Gibt's keine Todenfeier.
Ihr in der Ferne seht des Meisters
Herrliches Vollbringen;
Ich weiß von seinem Menschentum
Ein rührend Lied zu singen.
Sein Haupt ist schön, auch wenn ich es
Des Lorbeerzweigs entblöße,
Wohl, Dichterkönnen preis' ich hoch,
Noch höher Menschengröße.
Wir Freunde sein, wir denken still
Zu dieser Stund' aufs neue
An seines Wesens schlichte Art,
An seine Mannestreue.
Die Wahrheit, die im Worte er
Gefeiert und gespiegelt,
Im Leben durch Wahrhaftigkeit
Hat er sie, traun, besiegelt.
Sein Leben war ein harter Kampf,
Sein plötzliches Erliegen
Erst hat die Welt ihm aufgeschreckt;
Sein Fallen war sein Siegen.
Sein Erdentag war wolkentrüb,
Das lichte Ziel zu ferne,
Nun leuchten, seit die Sonne sank,
Die Werke hell wie Sterne,
Sie leuchten über die weite Welt,
Doch jetzt will ich erinnern:
Sein Wiegenhaus, sein Schaffensheim,
Sein Grab gehört den Wienern.
An solchen Stätten blicket auf
Sein Volk in Stolz und Schauern;
Ein Jauchzen hat es, daß er kam,
Und daß er ging, ein Trauern. --
O späte Liebe, die wir anders
Nimmer stillen können,
Als daß wir dankend, sühnend
Seine Lebensstätten krönen.
Wir graben ein in Marmelstein
Den Namen, den wir lieben.
Er selbst hat sich mit Loderbrand
Dem Volk ins Herz geschrieben.
Heimgartens silberne Hochzeit.
1900.
Seit sich der Gärtner müht
Und dieser Garten blüht,
Nie Gold und Silber das Leitmotiv war.
Doch als die Zeit verstrich,
Sachte das Haupthaar blich,
Nahet dem Werke das silberne Jahr.
Silberne Hochzeit hält
Mit seiner Lesewelt
Heimgarten jetzt, zum Jahrhundertbeginn.
Altern nicht wehe tut;
War nur die Ehe gut,
Wird selbst dem Silberhaar goldner Gewinn.
Seit einst im Steirerland
Schlicht dieses Blatt entstand,
Liegen, wie immer, die Geister in Streit.
Und dieser Garten hier
War teils ein Kampfrevier,
Teils ein Idyll auch in stürmischer Zeit.
Oft fiel das Samenkorn
Freilich auf Sand und Dorn,
Oft hat gesäter Wind Sturm auch gebracht.
Ist es auf Bergeshöhn
Nicht der befreite Föhn,
Der aus dem Eise den Frühling entfacht?
Doch nicht der Lenz allein
Soll ewig Herrscher sein;
Fruchtbarer Herbst, wie erwart' ich dich gern!
Was wir im Lenz gesät,
Ahnend schon aufersteht:
Freude den Menschen und Ehre dem Herrn!
Dann -- wird im Abendfried'
Einst auch der Gärtner müd,
Reichend den Spaten dem andern zur Hand,
Wird das Vermächtnis sein:
Treuet den Garten mein,
Heimgarten ewig dem steirischen Land!
Sonnengruß.
Den Deutschen in Amerika.
1904.
Aus deutschem Morgenlande
Der Sonnenball
Flicht täglich Bruderbande,
Und grüßt euch all!
Was uns die dunkle Welle
Des Westens nahm,
Das euch in Lichteshelle
Von Osten kam.
Des Ostens heiliges Feuer,
Des Westens Mut
Führt euch mit Kraft das Steuer
Durch hohe Flut.
Die Sonne ist's, die gleiche,
Die uns bescheint;
Die Liebe ist's, die reiche,
Die uns vereint.
Die Sterne fliegen munter
Von uns zu euch;
Die Sonne geht nicht unter
Im Deutschen Reich.
Es zieht ein Segen von Haus zu Haus.
Zum Schillertag 1905.
Es zieht ein Segen von Haus zu Haus;
Es klingt in den Lüften und klingt nie aus,
Es rauscht in den tiefen Gewässern.
Es ruht in der Erde und keimt empor,
Es blüht aus den holden Maien hervor
Und glüht in den Herzen der Bessern.
Es leuchtet und tost ein gewaltiger Strom
Dahin durch des Himmels ewigen Dom,
Daß der Erde Urgrund erbebet.
Es tönet ein zarter, süßer Gesang
Wie Saitenzittern, wie Nachtigallklang,
Der alles weckt und belebet.
Wir fühlen im Herzen der Liebe Hauch,
Das Sehnen nach Großem, die Hoffnung auch
Zu schauen einst glückliche Zonen.
Ein heiliger, glühender Geist durchzieht
Wie Sonnenleuchten das dunkle Gemüt,
Die höchste der Religionen. --
Sein Sterben doch mach' uns nicht zag,
Hie Todestag -- hie Ostertag,
Der Geist wird freigegeben.
Wenn große Menschen schlafen gehn,
So ist es ein neues Auferstehn
Zu wahrem, wirkendem Leben.
Und wie die Glocke auf dem Turm
Durch dieses Lebens Fried' und Sturm
In Freud' und Leid uns läutet,
So Friedrich Schillers hehrer Sang
Dem Menschensohn auf lebelang
Viel Trost und Heil bedeutet.
Sein Lied ist es, sein Dichterwort --
Schon tönt's ins zweite Jahrhundert fort
Und hallet im dritten wieder.
Der Hirt in der Alpen Himmelsnäh',
Der Schiffer auf ferner, wildwogender See
Empfindet und singt seine Lieder.
Sein Lied ist es, der schmetternde Ruf,
Der Sklaven den Drang zur Freiheit schuf
Und sie zu Menschen erkoren.
O kennt ihr des Sängers wildweckenden Schrei:
Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei,
Und wär' er in Ketten geboren!
Sein Lied ist es, das weist uns die Bahn:
Ans Vaterland, Bürger, schließ dich an,
Bleib treu deinem Lande und Blute!
Dann deutet er mahnend himmelwärts:
Nicht an die Güter hänge dein Herz!
Häng es allein an das Gute!
Sein Lied ist es, der wonnige Hall:
Die Tugend, sie ist kein leerer Schall,
Der Mensch kann sie üben im Leben! --
Und was die innere Stimme spricht,
Das täuscht die hoffende Seele nicht
In ihrem heiligen Streben. --
O Dichterkönig! Du ließest zurück
Ein Gut, der Deutschen Stolz und Glück,
Ein flammendes Gotteszeichen;
Das Erbe der Nibelungen und
Die Schätze all in Kyffhäusers Grund
Sind nicht damit zu vergleichen.
So schließen wir heute zur Weihestund'
Des Dichtererbes den treuen Bund
Auf allen unseren Wegen:
In Güte treu, in Frieden frei,
Ein einzig Volk von Brüdern sei
Des deutschen Dichters Segen!