Die Gottsucher.
Unendlich der Raum,
Unendlich die Zeit,
Kein Ziel und Halt
In Ewigkeit.
Die Kinder des Leides, sie sehnen und rufen,
Sie irren und zweifeln in Nacht und Not
Und suchen nach Gott.
Sie suchen im Buchstaben,
Sie suchen im Bild,
Sie beten und bluten,
Sie streiten wild,
Entzünden die Scheiter zur lodernden Fackel,
Sie suchen im Kelch und suchen im Brot:
»Wo bist du, Gott?«
Sie suchen im Leben,
Sie suchen in Kunst,
Sie suchen in Grübeln
Und Liebesbrunst,
Sie suchen im düsteren Schatten der Tempel,
Sie rufen in der Freiheit Morgenrot:
»Wo bist du, Gott?«
Die Armen, sie wandern
Am Pilgerstab,
Die Weisen, sie suchen
Die Himmel ab,
Sie suchen im schuldlosen Kindesherzen,
Und fragen mit Grauen den starren Tod:
»Wo bist du, Gott?«
Und sieh, im Suchen
Und heißen Streit
Steht immer der Herr
An ihrer Seit',
Und klopft ihnen lächelnd wohl auf die Achsel:
»Ihr Kinder, schaut euch doch einmal um!
Seid nicht so dumm.«
Willst du jene Höh' erreichen ...
Willst du jene Höh' erreichen,
Wo im Schatten kühler Eichen
Sündenlos die Helden stehn:
Laß dich nicht von Lust berücken,
Laß dich nicht vom Weib umstricken,
Oder du mußt untergehn.
Wähne nicht, das Blut zu dämmen,
Blut entströmt gleich andern Strömen
Von der Höh' ins tiefe Tal.
Willst du aufwärts, mußt dich klammen
An des Geistes reine Flammen,
Streben nach dem Ideal.
Wie keimt dein Geschick.
Wie keimt dein Geschick
Dir, Mensch, in der Brust?
Aus dem Lichte das Glück,
Aus dem Dunkel die Lust.
Wenn plötzlich ein Blitz
Das Dunkel erhellt,
Bist du in Besitz
Von Gott und Welt.
Stimmung.
Das Schönste, was im Innern ich empfunden,
Das ist so rein und zart, läßt sich kaum denken,
Und will ich mich im Sinnen, traun, versenken,
So ist mir das Gefühlte schnöd verschwunden.
Und was es ist, das mir so zart entsprossen?
Ich weiß es nicht und kann es nicht enthüllen;
Der Seele reinster Teil nur kann es fühlen,
Und tief in meinem Herzen liegt's verschlossen.
Ist der Mensch nicht wie die Schwalbe?
*
Ist der Mensch nicht wie die Schwalbe? --
Mit dem Lenze fliegt er an
Und verjubelt einen Frühling;
-- Heißer Sommer quält den Mann.
Wie die Schwalbe an dem Neste,
Baut er flink an seinem Glück,
Muß um seine Reiser, Blätter
Ringen mit dem Mißgeschick. --
Leise kommt der Herbst geschlichen;
Von des Lebens reifem Baum
Reißt der Sturm die Frucht des Schaffens,
Und der Mensch erwacht vom Traum.
Sieh, am Scheitel seines Hauptes
Wird es weiß -- der erste Schnee;
Matt und düster blickt das Auge,
Ach, es friert der klare See. --
Und er fühlt ein eigen Heimweh,
Fremd wird ihm die Bruderhand; --
Wie im Herbst die Schwalbe, zieht er
Heim ins ewige Frühlingsland.
Mir graut vor dem Gemeinen.
Ach, mir graut vor dem Gemeinen,
Das mich stets durch neue Peinen
Und durch alte Sünden schleift.
Heimweh, Heimweh nach dem Reinen,
Nach den kühlen Friedenshainen,
Wo die Seele göttlich reift.
Ach, wo soll sie göttlich reifen!
Nur im Schwalle wüster Träufen
Lernst du das Gemeine fliehn.
Nur mit Kämpfen kannst du siegen,
Und im Fallen lernst du fliegen
Zu den seligen Göttern hin.
Die Sehnsucht.
Die Berge je höher,
Dem Himmel je näher,
Dem Herzen je weher,
Weil's nicht kann hinein;
Weil es an die schwere,
Die träge Matere
Wie an die Galeere
Geschmiedet muß sein.
Was löst unter Peinen
Uns los vom Gemeinen?
Die Sehnsucht nach Reinen,
Die Sehnsucht allein.
Steigende Bahn.
Um aus der Wirrnis die Völker zu retten
Hellet oft plötzlich der Blitz des Propheten
Künftigen Helden die steigende Bahn.
Was noch die Väter säumig beraten,
Steigt in der Söhne mutigen Taten
Fröhlich und siegreich zur Höhe hinan.
Rufe den Menschen, Prophetenwort, rufe
Ihn aus der Tierheit von Stufe zu Stufe,
Bis er erwacht vor des Heiligsten Thron,
Schauend die Wahrheit im Kranze der Sonnen,
Trinkend die Liebe aus feurigen Bronnen --
Ewig des Ewigen seliger Sohn.
Zu Gastein am Wasserfall.
Wie du, o Mensch, mußt fallen
Zu Schuld und Gram und Grab,
So fallen wirbelnd und weinend
Die heiligen Wasser hinab. --
Doch sieh, aus dunkelm Abgrund
Steigen in stiller Ruh'
Die lichten Nebel kreisend
Dem Himmel zu --
Den Weg dir weisend.
Es war einmal ein Bettelmann.
Es war einmal ein Bettelmann,
Der hatt' einen goldenen Ring,
Sein einzig Eigen war dies Ding
Noch von der Mutter her.
Das Eigentum ward ihm zu schwer.
Er wankte fort zur Morgenstund',
Zu schleudern in den tiefen Grund
Sein Kleinod, daß in Glück und Mai
Die Gottheit ihm nicht neidisch sei.
Ein Weiser siehet voll Erbarmen
Den alten Mann, den siechen, armen,
Und fragt: »Du guter Bruder mein,
Um was soll sie dir neidisch sein,
Die Gottheit? Sprich!«
»Um was? Um was denn sonst?
Um mich.
Sonst hab' ich nichts, weil ich nichts brauch';
Was Glut ihr nennt, das ist bloß Rauch.
Was Gut ihr nennt, erstickt die Lust;
Doch unermeßlich ist der Reichtum
Meiner Brust.«
Der Weise blickt den Bettelmann
Mit gut gespieltem Mitleid an.
Der andre merkt's und lächelt so,
Als wär' er seiner Armut froh:
»Ich dauere euch, ihr dauert mich!
Ihr sagt auch, ich sei lahm und siech.
Ich weiß es nicht. Mein froher Sinn
Fliegt selig durch die Himmel hin.«
Der Weise spricht: »Dein Reichtum groß
Kam nicht dir aus der Erde Schoß.
Und was die Götter dir geschenkt,
Das nehmen sie nicht mehr zurück,
Und neidlos bleibt zu eigen dir
Dein erdenfreies Glück. --
Nur wer, der rohen Triebe Knecht,
Aus irdischer Hand sein Heil empfing,
Der opfere bang und demutsvoll
Den Göttern seinen Ring.«
Der Blinde.
Als Gott der Herr die Welt erschuf,
Da war sein erster, heiliger Ruf:
Es werde Licht!
Das Gnadenmeer vom Himmel floß
Und sich in alle Herzen goß,
-- In meines nicht.
Und auf zum ewigen Sternenzelt
Blickt jedes Aug', dem Herrn der Welt
Ins Angesicht.
Und jedes Blümlein auf dem Plan
Lacht eure Augen freundlich an,
-- Das meine nicht.
Der Mutterblick, der holde Stern,
Er blieb mir unermeßlich fern.
Dem Ärmsten flicht
Der Herr aus goldnem Sonnenglanz
Ums Haupt den bunten Farbenkranz,
-- Um meines nicht.
Du treuer Engel Gottes, sag,
Was hab' an diesem Erdentag
Ich denn vollbracht,
Daß mitten unter Strahl und Schein
Verstoßen ich bin ganz allein
In ewige Nacht?
Der Engel sprach: Der Strahl, das Licht
Von außen ist das Höchste nicht
Zur Menschen Lust.
Statt Glanz die Glut, ein warm Gemüt,
Das wie ein sonniger Frühling blüht
In deiner Brust.
Wohl muß in deinem Aug ich sehn
Als einzigen Glanz die Träne stehn.
Doch weine nicht!
Noch leben treue Menschen hier,
Und Gottes Ruf erschallt auch dir:
Es werde Licht!
Den Armen.
Um Mitternacht, als alles schlief,
Nur meine Zweifel wachten,
Und Weltverdruß mir drohte tief
Die Seele zu umnachten,
Da schlug ich auf ein altes Buch,
Zu spähn nach einem Labespruch,
Um ganz nicht zu verschmachten.
Und sieh, da hat mich sanft ein Wort
Befreit von bangen Banden:
»O suche die Erlösung dort,
Wo sie schon viele fanden;
Nicht was du haschest, wird dein Teil,
Aus Opferfreude kommt dein Heil.« --
Doch hab' ich's falsch verstanden.
Ich stieg in Sehnsucht himmelwärts,
Den Heiland zu verehren.
Der winkte mir, ich sollt' mein Herz
Zurück zur Erde kehren:
»Was du den Armen Gutes tust,
Das dringt zu meiner Vaterbrust.
Kannst du mir es verwehren?«
Die Botschaft war's. Und seitdem mag
Es sonnen oder regnen,
So kann mir doch an jedem Tag
Der liebe Gott begegnen.
Aus jedem Kind und armen Mann
Blickt mich mein treuer Heiland an,
Bereit, mein Werk zu segnen.
Wenn keines Kindes Aug' einst schwimmt
In Dankesfreudenzähren,
Wenn keines Bruders Hand mehr nimmt,
Was du ihm willst bescheren,
O, dann erst hat sich Gott vom Land
Des Sündenfluches abgewandt,
Und wird auch nimmer kehren.
Drum laßt, solang' noch Arme flehn, --
Uns lindern ihre Leiden,
Die Hungernden bei Tische sehn,
Die Frierenden bekleiden!
Dann wird für Reich und Arm zumal
Dies grabdurchfurchte Jammertal
Zur Quelle reiner Freuden.
Drei himmlische Schreine.
Drei heilige Räume
Unter himmlischen Sonnen
Stehen hienieden:
Eine Wiege voll Träume,
Ein Bett voll Wonnen,
Ein Sarg voll Frieden.
Letzter Wunsch.
Was wäre wohl mein letzter Wunsch,
Wenn ich dereinst zur Grube fahr'?
Auf lichter, kühler Bergeshöh'
Eine traute, einsam stille Bahr'.
Auf jener Höh', wo ich als Kind
Gehört den ersten Lerchenschlag,
Gesehn den reinen Sonnenstern
An einem süßen Maientag.
Doch jenes Kreuz, das ewig klagt
Die Menschheit ihres Frevels an,
Mir pflanzt es nicht, weil ich am Pfahl,
An dem er litt, nicht rasten kann!
Mir pflanzet einen jungen Baum,
Der frisch und frei gen Himmel steigt,
Und der, wenn einst die Menschheit reif,
Zu ihr sein Haupt in Freude neigt.
Vielleicht kommt noch ein Zimmermann,
Der ihn zu einer Wiege schlägt,
Vielleicht kommt eine Mutter, die
Ihr Kindlein in die Wiege legt.
Ihr Kind, das als des Menschen Sohn
Die Welt erlöst ein zweites Mal,
Und nicht dafür in Haß und Hohn
Erhöhet wird zum Marterpfahl.
Denn nicht, daß mein Erlöser starb,
Ist meines dunkeln Grabes Licht,
Doch daß er lebt und ewig lebt,
Ist meiner Seele Zuversicht.
Ruhendes Sein.
Die Lust wie das Leiden,
Sie quälen die Seele;
Sie sind wie die Unrast
Auf stürmischer Welle;
Sie sind eine Botschaft
Vom nahen Vergehen.
Ein Eilen zum Ende
Ist alles Geschehen.
Nach Rast strebt der Pendel
Und jegliche Regung.
Und Sehnsucht nach Ruhe
Ist alle Bewegung.
Die Seele der Gottheit
Ist ruhendes Sein,
Ist wunschlos und streitlos,
Ist raumlos und zeitlos,
Ist Frieden allein.
Unfaßbar.
Nahe ist Werden und Leben und Sterben beisammen,
Früher die endlose Zeit -- später die endlose Zeit,
Kurz vor den Tagen, in welchen ich fühle und denke,
War ich ein formloses Nichts, war es von Ewigkeit her.
Kurz nach den Tagen, in welchen ich walte und webe,
Bin ich ein formloses Nichts, werd' es in Ewigkeit sein.
Wie er doch sein kann, der winzige Punkt, wo ich stehe,
Wie es nur möglich, denselben zu fühlen just jetzt?
War es nicht immer der gleiche, weltenumgaukelte Schwerpunkt?
Wußt' ich's nicht ewig, fühl' ich's nicht ewig: Ich bin?
Ewiges Sein.
»Wer soll sich nicht heute
Noch freuen des Lichts?
Wir sinken schon morgen
Ins ewige Nichts.«
Hat je sich der Galgenfrist
Einer gefreut,
Der unwendbar morgen
Dem Henker geweiht?
Die Freude an heute
Hat nur einen Wert,
Wenn ewig und ewig
Sie uns wiederkehrt.
Im Hasten des Tags
Wird das Herze bald matt,
Des inneren Glücks
Wirst du nimmermehr satt.
Das Nichtige freut sie
Am flüchtigen Schein,
Das Echte an dir
Verlangt ewiges Sein.
Auch der andre, der bist du.
Was die Erde mir geliehen,
Fordert sie schon jetzt zurück.
Naht sich, mir vom Leib zu ziehen
Sanft entwindend Stück für Stück.
Um so mehr, als ich gelitten,
Um so schöner ward die Welt.
Seltsam, daß, was ich erstritten,
Sachte aus der Hand mir fällt. --
Um so leichter, als ich werde,
Um so schwerer trag' ich mich.
Kannst du mich, du reiche Erde,
Nicht entbehren? frag' ich dich. --
»Nein, ich kann dich nicht entbehren,
Muß aus dir ein' andern bauen,
Muß mit dir ein' andern nähren,
Soll sich auch die Welt anschauen.
Doch getröste dich in Ruh'.
Auch der andre, der bist du.«
An Gottes Herz.
Wir Eintagsfliegen spielen heut
Gern mit dem Wörtlein: Ewigkeit.
Man frägt: warum? wozu? was dann?
Und manchen geht das Grausen an. --
O Menschenseele, leg dich du
An Gottes Herz zur trauten Ruh'
Und laß nicht kümmern deinen Sinn,
Daß du nicht weißt, woher, wohin.
Wanderlied.
Mein Leib ist schon dem Tod geweiht,
Die Seele noch voll Lebensfreud'.
Mein Sterben ist ein Wandern
Eine Reis' im Kreis, von Stern zu Stern,
Von euch zu euch, vom Herrn zum Herrn,
Von einem Himmel zum andern.
Die Stunde.
*
Tick-tack! Tick-tack!
Die Stunde geht in Zickzack.
In Zickzack geht die Stunde,
Der Zeiger schreibt die Runde.
Es nachtet und es tagt,
Es wintert und es frühet,
Die Zeit entfliehet
Und ist doch immer da.
Der Zahn der Zeit
Nagt an der Zeit.
Er nagt umsunst,
Die Zeit, die Stund' um Stunde reiht,
Ist ewige, ewige Ewigkeit.
Tick-tack! Tick-tack!
Das Schicksal geht in Zickzack.
Ein Vorwärts und ein Rückfall,
In Zickzack geht das Schicksal.
Der Zahn der Zeit,
Man sagt, er nagt
An meinem Sein.
Er nagt schon lang,
Mir ist nicht bang,
Er nagt umsunst,
Das Sein ist mein.
Mein Sein war einst, mein Sein ist heut,
Mein Sein ist ewige Ewigkeit.
Sei gegrüßt, du himmlischer Knabe!
Eine Weihnachtsandacht.
Christkind, bist da; bist endlich nach langen traurigen Tagen
wiedergekommen zu uns herab.
Ich hab' dich ersehnt als wie ein Kind; denn ich bin ein Kind mit
weißen Haaren.
Nun hör' ich dich rauschen in diesen Zweigen; vor deinem süßen, warmen
Odem flackern die Lichter des heiligen Weihnachtsbaums.
O, sei gegrüßt, du himmlischer Knabe, der du mit den sonnigen Äuglein
die schweren Nebel durchleuchtest, die hier im Tale des Tränentaues
nimmermehr wollen schwinden.
Ich möchte dich wärmen an meinem Herzen, und muß mich fürchten, der
menschlichen Leidenschaft stürmische Gluten könnten versengen dein
lockiges Haar. Denn du bist gewohnt des ewigen Frühlings milden Hauch;
o Gotteskind, bei dir daheim muß es schön sein!
Oft hör' ich es leis in den Lüften klingen, als wie ein Läuten und
Grüßen von oben.
Dann faßt mich das Heimweh, und wie ein verirrtes Kind in der Nacht
ruf' ich und such' ich den Weg zu den Wohnungen Gottes.
Erzähl nun, erzähle, du holder Bote des Himmels, was waltet dein Vater,
der ewige Herr?
Fast fürcht' ich, der Vater hätt' unser vergessen, denn wie den
Sonnenstrahl vor Wetterstürmen, seh' ich auf Erden das Göttliche
schwinden.
Gerechtigkeitsfreude ging uns verloren und reiner fröhlicher Sinn.
Die Kunst wühlt im Staube, die kindlichen Herzen verkümmern.
Wenn du, o mein süßer, heiliger Christ, von Zeit zu Zeit nicht kämest
gesandt, es müßte der Pfad zwischen Himmel und Erden doch gänzlich
verwildern.
Und mich verlangt es so heiß nach Kunde von oben, was all die Teueren,
die uns verließen, denn machen im Lande der ewigen Liebe.
Mein Mütterlein treu; sie muß schon vor Zeiten angelangt sein auf
mühevollen Krücken.
Zwar war sie fast blind, doch hat sie -- das weiß ich -- den Weg nicht
verfehlt.
Wie geht's ihr? Singt sie noch immer die lustigen Lieder? Was werden
die Engelein horchen und lachen! Was war das ein Spaß, wenn sie hat
erzählt und gesungen! Und ernsthaft blieb sie dabei, denn taub war sie
völlig und hat -- wie ich meine -- ihr fröhliches Singen und Sagen
selbst nicht vernommen.
Und daß ich noch frage: Habt ihr ein Krankes im Himmel?
Wenn sie nicht Kranke kann warten, die Mutter, wachen die Nächte und
sorgen und sich von dem Munde die Bissen abkargen, so ist sie nicht
glücklich.
Sie wird es schon sein.
Denn sag ihr, sie hätte auf Erden jetzt Enkelein süß; dieselben, die
heute, o Christkind, dein strahlendes Bäumchen umjauchzen. Und sag es
der Mutter: wir lassen sie grüßen!
Dann wirst du, mein himmlischer Knabe, auch einem Frauenbild noch sein
begegnet, jung wie der Mai, hold wie ein Engel; wirst es kaum glauben,
daß sie auf Erden geboren.
Im Reigen der Reinsten und Seligsten, der treuen, opferfreudigen Seelen
ist sie zu finden.
Du lächelst, mein Christkind, sahest sie schweben im weißen,
myrtendurchwirkten Kleide.
Ein Antlitz, so zart, wie Kirschbaumblüh' -- sie ist's! -- und Augen,
so sanft und seelentief -- es muß sich darin ja Gatte und Kind noch
spiegeln?
So bist ihr begegnet im himmlischen Land, wie einsam vielleicht sie
gewandelt in stillen Hainen, und wartend.
Denn dann erst, wenn Gatte und Kinder bei ihr sind, will freudig sie
eingehn zur Seligkeit.
Diese Frau, mein göttliches Kind, wenn du heimkehrst, wird fragen dich
mit weinendem Lächeln, wie es doch war, als du den Weihnachtsbaum
stelltest in das verwaiste Haus den jubelnden Kindern?
O, sag ihr, wie frisch in den jungen Gemütern die früh uns verwelkte
Lust dieser Welt wieder aufblüht.
Und sage, wie selig ich bin in den Kleinen, wie heiß ich ihr danke!
Und das, wie ich immer noch weinen muß -- Bote der Liebe -- das sag
ihr nicht.
In einer Waldkapelle.
»Aus Todesbanden
Ist der Sohn erstanden,
Und sie, das heiligste Weib der Schmerzen,
In der ewigen Jugend Strahl,
Stieg empor auf Rosenwolken
Zum himmlischen Königssaal.« --
O, Dank den Zungen,
Die dies Lied gesungen
Das erstemal in Glauben und Hoffen.
Unser Leib sinkt der Erde zu,
Doch dir, o Herz, steht im Lichte
Heiliger Dichtung der Himmel offen!
In Lebensstürmen verlischt der Schimmer,
Der kindliche Glaube vergeht wie Tau.
Und kommt wie Tau. Denn eins laß ich nimmer:
Das glorreiche Anbild der göttlichen Frau.
Maria, Maria,
Mit deinen Schmerzen,
Mit deinen Freuden!
In meinem Herzen
Bist von allen
Den Idealen,
Den herrlichen, süßen, lieben,
Mir du noch geblieben.
Deines Gedächtnisses Segen
Möge uns retten
Aus der Verzweiflung finsteren Wegen,
Aus der Leidenschaft ehernen Ketten.
-- O, ewigen Preis
Der Gebenedeiten,
Der Gnadenreichen!
Erd' und Himmel zu allen Zeiten
Haben nichts, dir zu vergleichen.
Die Könige ruhen zu deinen Füßen,
Die Scharen der heiligen Engel küssen
Den Saum deines leuchtenden Kleides;
Und in den Kammern
Des Elendes jammern
Die lichtlosen Kinder des Leides;
Die Gefallenen weinen
Zu dir, der Reinen,
Die gebrochenen Herzen,
Die verlornen Seelen
Dürsten nach deinen labenden Quellen.
Auf Schutt und Trümmern
Irdischer Freuden,
Auf teuren Gräbern,
Unter Trauerweiden
Blicken Augen tränenumhüllt,
Suchen, Maria,
Du Mutter der Liebe,
Dein himmlisches Bild. --
O, laß uns Kinder der Erde nimmer
Verlieren ganz deiner Minne Schimmer.
Maria, Maria, dies bitten wir!
Und wenn Felsen stürzen
Und die Himmel beben,
Huldreiche Frau,
Laß bestehen, laß leben
Im Menschenherzen
Das süße Bild von dir!
Ora pro nobis.
Gedanken in der Kirche zu Zell.
Bei Maria zu Zell an der heiligen Stätte, da kannst du Wunder schauen
christliche Seele. Da kommen gezogen Völker aus vielen Ländern und
lasten ab auf den Marmorstufen ihr schweres Herz, ihr vielfaches
Leiden, und rufen in fremden Zungen des Heilands selige Mutter, und
klagen und schreien mit wilden Gebärden, und führen zerrissen in Wehmut
die Sprache, so alle Menschen verstehen: sie weinen.
Sie weinen, daß Trän' um Träne perlet über die Wangen -- der
Perlenschnüre schönste, die sie der himmlischen Frau mögen weihen.
Sie weinen und beten mit hochgefalteten Händen, wie so brünstig auf
keiner Stätte im irdischen Tale sonst sie können beten. Eherner
Bildsäule gleich knien sie da, oder wandeln, das flackernde Licht in
der Hand, wohl leichenblaß in langen Reigen den Kreuzgang dahin, oder
wallen kniend im Bußgewand um den Altar, oder liegen auf kaltem Stein
hingestreckt wie leblos, die Arme zum Kreuze gebreitet. Unter solchen
Gebärden bangend und hoffend, schreit das zitternde Herz: »Maria!
Zuflucht der Sünder, Heil der Kranken, Trost der Betrübten, Licht der
Sterbenden, bitte für uns: _Ora pro nobis_!«
Und siehe! Vom stillen, uralten Bildnis nieder träufelt die Gnade, der
Beter Gemüt ist erleichtert, wie Berghauch frisch weht Hoffnung und
Zuversicht durch das schwüle Herz. Aufrecht wieder steht der irdische
Leib, im Aug' die Träne der Freude: Erhört! Erhört zu Zell von Maria!
Im Schatten des Pfeilers dort steht finster und blaß ein Fremdling.
Seine Zunge ist kundig der Sprachen des Erdballs -- Maria hört ihn in
keiner. Der Bitterkeit voll ist sein Herz, und schweres Weh schleppt
er mit sich seit vielen Tagen, es fällt nicht ab an den Stufen der
Gnade, es klammert sich würgend an seinen wogenden Busen, er flucht dem
dunkeln Geschick, er dürstet nach Freude und Trost, verzehrt sich in
lahmem Neid, daß sie dort, die Beter, vor einem geschnitzten Stück Holz
erlangen, was ihm in der weiten lebendigen Welt versagt ist.
Mit starkem Mute gehen die Pilger dem Heim zu, sei es zu ferneren
Widerwärtigkeiten des Lebens, sei es zur Bahre -- sie gehen getrost,
Maria geht ihnen zur Seite und führt sie durch Jammer und Grab als
treue Mutter zum ewigen Leben.
Auch dort dem Fremdling pocht schon der Tod ans liebehaschende
Weltherz. Sein Wesen schauert im Anblick der Grauen des ewigen Grabes.
Einen Ruf nach Rettung erpreßt der Verzweiflung Gewalt ihm, der Schrei
gellt hohl in den Hallen des Tempels, daß flattert erschreckt aus dem
Nest die Schwalbe. Das uralte Holz in der Zelle ist taub.
O armes, geliebtes, von allen Himmeln verlassenes Weltkind! Das uralte
Holz in der Zelle hilft niemand. Maria, des Heilands süße, barmherzige
Mutter, die jene wallenden Beter =lebendig= im Herzen tragen, des
Glaubens innere Wirklichkeit -- sie wirket Wunder. Es ist keine Mär,
Maria wirkt jeden Tag Wunder im Menschengemüte und übt eine göttliche
Kraft, die irdischer Macht nicht vergleichbar.
O Fremdling im Schatten des Pfeilers! Wenn dir ein ernstes Geschick den
kindlichen Glauben genommen und nicht mehr zurückgibt -- es ist des
Weltkindes Märtyrtum, trage es männlich. Doch wehe dir, wenn du ans
Heiligtum tastest, das andere hegen im blutenden Herzen! Laß brennen
im Menschengemüte die Ampel, die ihnen erleuchtet des Erdenlebens
finstere Pfade, des Grabes Schatten mit Morgenrot hellet, und schweig
in Ehrfurcht, wenn auf wildem Meere weint und schreit und betet der
Menschen gläubiges: _Ora pro nobis_!
Ans Menschenherz.
Lebensgenosse, verbirg mir dein Herz nicht. Ich weiß es, ich kenn' es,
ich seh's an dem meinen.
Du hast dich =gefürchtet=. Dir graute vor Schatten; an Körpern, die
sie geworfen, gingst du sorglos vorüber. Der Kindheit süßes Blut haben
gesogen Vampyre der Angst in stillen Nächten. Schaudernd vor Geistern
nahmst du den stärksten nicht wahr -- den im eigenen Haupte. Nun ruhn
die Gespenster, doch inne bist du des Weltalls Mächte, die dich im
Augenblick können vernichten. Solange du nur für dich wolltest sein,
war Angst dein Teil; seit du willig der Schöpfung lebst in gemeinsamer
Sache, stehst du in Demut, doch furchtlos den Mächten, mit offener
Stirn.
Du hast =gehofft=. Das Hoffen ist das beste Haben des Sterblichen. Doch
der tröstenden Mutter Hoffnung boshaftes Kind heißt: Enttäuschung.
Wohl dir, wenn die Hoffnung dich treu zum Grab trägt; wehe dir, wenn
unterwegs sie dich fallen läßt auf sandigen Boden, wo unter Disteln und
Dornen Verzweiflung wächst! Ich spotte der Hoffnung nicht, sie ist das
Gedicht meiner Seele, des kindischen Herzens liebliches Spielzeug.
Du hast =gehascht=. Von Sinnen gestachelt wie toll gejagt nach Genüssen
-- nach Geld, nach Ruhm und anderen Dingen, die das Leben zieren, aber
nicht erfüllen. Wie leicht ist dir manches geworden, zur Wirklichkeit
wuchs der Gedanke, bevor er noch Wunsch war. Mit Schmerz und Entbehrung
verglichen nur waren es Güter, nur mit dem Maßstab des Leides gemessene
Freuden. Von andern beneidet, fragst du befremdet das Schicksal: Ist
denn das alles? Mehr als erwartet und doch nicht befriedigt! Es muß in
den prunkenden, allumworbenen Gütern der Welt etwas faul sein.
Du hast =gehaßt=. O nichts vergiftet das Herz mehr, als leidiges
Hassen. Die Gier, sich zu rächen, verzehrt das eigene Leben. Nie geht
der Herzschlag so wild, als wenn er Waffen schmiedet gegen den Feind;
die lohende Esse der Brust versengt den heiteren Frieden. Ich habe
die Lust zu hassen dem Teufel zurückgegeben, sie mag der Verdammten
Seligkeit sein. Der Erdsohn wandelt auf Gräbern, sein Haupt reifet
hehrer Vollendung entgegen im Lichte des Himmels.
Du hast dich, Lebensgenosse, der =Liebe= ergeben. Die Lieb' zu dir
selbst, mit der fing es an, und bald kam die Liebe zu zweien; diese
gebar dir schmerzlich und vielfach die Lieb' zu den Kindern. Die
selige, zitternde Liebe voll Glück und voll Bangen. Armes gepeinigtes
Herz! Heute trotzend in Panzern von Eis, morgen fiebernd in Gluten, an
solcher Liebe Glück sachte verblutend. Und das nennt man Leben! Wie
du, so wir alle -- lächeln nach außen und schluchzen im Innern. -- Nun
kommt das Erbarmen. Die selbstlose Liebe, die am Kreuz ihre Hände noch
ausstreckt, die Welt zu umarmen. Liebreich und gut sein mit jedem. Gibt
man dir Liebe, gib Liebe zurück. Fügt man dir Leid zu, so gib dafür
Liebe. Lähme die Feinde mit Liebe, größer, gewaltiger rächt sich auch
Gott nicht.
O milde Liebe! Wer anderen wohlwill und wohltut, erlöset sich selber.
Der Unfried in dir geht zur Ruh, wenn du Fried' hast mit anderen.
Die tiefste Wunde des eigenen Herzens vernarbt, wenn du sie anderen
heilest. In deines Gemütes üppigem Garten, tief unter Unkraut keimet
ein Pflänzlein; heute noch zart mit tauender Blüte, kann es bei treuer
Pflege morgen ein herrlicher Baum sein. Ein Baum der wahren Erkenntnis,
an welchem die Früchte reifen, nach denen wir lechzen. O haltloser
Mensch, von Furcht und von Hoffnung betört, von Gier und von Haß
gehetzt, müßtest du stürzen, vergehn, wie der Hirsch, das Blei in der
Brust, verblutet im Moorgrund. Zur Urkraft steh! Gesell dich im Streite
der göttlichen Siegerin zu. Dich rettet die Liebe.
Hymne eines Glücklichen.
Heiliger Gott, ich möchte beten, preisen dich in göttlicher Sprache,
und jauchzen, singen, wie Engel jubeln im Schauen deiner Schönheit.
Ich möchte weinen, wie Selige schluchzen, die du aus der finsteren
Drangsal der Erde in deine ewigen Himmel aufnimmst.
Nur das ist mein Schmerz, mein wonnig Verzagen, daß ich nicht kann
sagen, wie glücklich ich bin. --
Ich hab' dich gefühlt am Busen der Mutter, im Auge des Freundes dein
Lächeln gesehn; und als ich die einzige fand, die Geliebte, da warst
du es ganz, der niederstieg und mich, den Schwachen, in Wonneschauer
Bebenden, mit heißem Kuß an seine Brust gedrückt hat.
Und als ich mein Ebenbild, nein, das deine, in meinem Arm hielt, das
süße Kind, da warst es du, der mit erneuter Huld im jungen Auge mich
angeblickt. --
Die heißen Freuden haben mein Herz erschüttert; der Frost der Gräber
hat mein Haar gebleicht.
Einsam nennen sie mich und wollen mich trösten mit ihren kleinen Gaben,
die Guten, die Armen, die nicht wissen, wie reich, nicht ahnen, wie
glücklich ich bin.
Denn seit die heiligen Bilder deiner persönlichen Gottheit mir verweht
sind, stehst du aufgedeckt vor mir in Alleinheit deiner unendlichen
Schöpfung.
O, daß ich so vergebens in deinem Reich den Namen suche, dich
zu nennen, du nimmerruhender Auf- und Niedergang, im Sturm und
Sonnenlächeln ewige Harmonie, aus der mir die Stimme der Mutter, der
Gattin Hauch und des Kindes Lächeln treu wieder entgegengrüßt.
Was einst mich beglückt in einzelnen Wesen, in einzelnen Wünschen und
Hoffen beseelt, das find' ich nun, vereint mit dir, mit mir vereinigt
zum ewigen Sein.
Die Leidenschaft schweigt -- gestillt ist die Sehnsucht; erlöst an dein
Herz, o Natur, sink' ich hin.
Die Blumen der Erde, die Sterne des Himmels, sie mögen verkünden, wie
glücklich ich bin.
Am Grabe eines Idealisten.
Ein glücklicher Mensch steigt hier zur Ruh',
Von einem Himmel zum andern;
In hehren Gestalten zieht er durchs All,
Wie selige Geister wandern.
Er hat ein reicheres Dasein geführt,
Als all ihr Schlemmer und Prasser,
Er hat ein edleres Feuer genährt,
Als alle die Hetzer und Hasser.
Er hat das Elend in Liebe geweiht,
Der Jämmerlichkeit sich verschlossen,
Er hat mit dem Blut von eurem Blut
Ein höheres Leben genossen.
Er hat genossen in fröhlicher Ruh',
Was ihr selbst im Kampf nicht erjagtet!
Er hat gebetet, gehofft und gejauchzt,
Dieweilen ihr klagtet und zagtet.
Dieweilen ihr geifernd das Leben verflucht
Und geifernd danach habt gehastet,
Hat er sich im Lichte des Himmels gesonnt,
Im Schatten des Waldes gerastet.
Ihm war ein heiterer Traum dieses Sein,
Das euch ein drückender Alp ist;
Das kommt, weil euch der Magen beschwert
Vom Fraße am goldenen Kalb ist.
Dieweil ihr auf allen Vieren kriecht,
Er fuhr auf dem Sternenwagen,
Ihn hat die göttliche Phantasie
Durch Ewigkeiten getragen.
Ihr sinket als Aas ins finstere Grab,
Als Samenkorn fällt er zur Erde. --
Hab' einst ich im neuen Sein die Wahl,
Mit wem ich's wohl halten werde?
Ein glücklicher Mensch steigt hier zur Ruh',
Von einem Himmel zum andern;
In hehren Gestalten zieht er durchs All,
Wie selige Geister wandern.