"Das zählt nicht."
Sie hob die klaren Augen zu ihm auf. "Geschieht dir damit ein so
großer Gefallen?"
Er nickte.
"So tue ich es dir zuliebe."
"Du bist ein gutes Kind." Er streichelte ihr die Wange. "Ich werde
euch schützen, daß euch nichts Feindliches widerfahre, und bei eurem
ersten Buben Gevatter stehen."
Sie errötete nicht, sondern die Augen füllten sich mit Tränen. "Nun
denn", sagte sie, "aber wir wollen langsam gehen, daß es eine Stunde
dauert, bis wir Pratum erreichen." Der Turm stand vor ihnen. Dem
Höfling aber wurde es offenbar, jetzt da er die Schwester weggab, daß
sie ihm das Liebste auf der Erde sei.
"Hier thronen wir wie die Engel", sagte Graciosus, nachdem er seine
Gäste die Wendeltreppe empor durch die Gelasse seines Turmes und auf
die Zinne geführt hatte, wo das Mahl bereitet war. Der Tisch trug
neben den Broten eine Schüssel Milch mit dem geschnitzten Löffel und
einen Krug voll schwarzdunkeln Weines, ein bischöfliches Geschirr,
denn es war mit der Mitra und den zwei Krummstäben bezeichnet. Die
dreie saßen auf einer Bank, das Mädchen in der Mitte. Die ringsum
laufende Brüstung reichte so hoch, daß sich kaum darüber wegblicken
ließ. Nur der Himmel war sichtbar, und an diesem häuften sich
unheimliche schwefelgelbe Wolken.
"Die Milch für mich, für dich der Wein, Wulfrin", sagte Graciosus.
"Der verreiste noch glücklich aus dem bischöflichen Keller, ehe ihn
die Lombarden leerten. Aber mit wem hält es Fräulein Palma?"
"Mit dir", meinte der Höfling.
Graciosus sprach das Tischgebet. "Nun gleich auch den andern Spruch,
frisch heraus, Gnadenreich!" ermunterte Wulfrin.
Da geschah es, daß der Bischofsneffe, so redegewandt er war, sich auf
nichts besinnen konnte von alle dem Zärtlichen und Verständigen, was
er sich für diesen entscheidenden Augenblick langeher ausgesonnen
hatte. Ratlos blickte er in die warmen braunen Augen. Jetzt gedachte
er des Lämmchens und der bloßen Füße und kam in eine fromme Stimmung.
"Palma novella", bekannte er, "ich liebe dich von ganzem Herzen, von
ganzer Seele und von ganzem Gemüte."
Das war hübsch. Das Mädchen wurde gerührt und reichte ihm die Hand.
Auch Wulfrin mißfiel diese Werbung nicht. "Nun aber wollen wir ein
bißchen lustig sein!" rief er aus. "Das bringe ich euch!" Er hob den
Krug und trank. Graciosus schöpfte einen Löffel Milch und bot ihn dem
Munde seiner Braut. Es war nicht der einzige auf Pratum, aber
Gnadenreich wollte eine sinnbildliche Handlung begehen.
Sie öffnete schon die roten Lippen, da sagte sie: "Heute widersteht
mir die Milch. Gib du mir zu trinken, Wulfrin." Er reichte ihr den
Krug, und sie schlürfte so hastig, daß er ihr denselben wieder aus den
Händen nahm. Darauf schien sie ermüdet, denn sie ließ den Kopf auf
die Schulter und allmählich in die Arme sinken und nickte ein. Die
Föhnluft wurde zum Ersticken heiß. Wulfrin und Graciosus verstummten
ebenfalls, und dieser half sich, indem er seine Milch auslöffelte und
nach ländlicher Sitte zuletzt die Schüssel mit beiden Händen an den
Mund hob. Wulfrin betrachtete den jungen Nacken. Er enthielt sich
nicht und berührte ihn mit den Lippen. Sie erwachte.
"Aber wir sitzen auf dem Turm wie die drei Verzauberten", sagte sie.
"Geh, Gnadenreich, hole uns das Buch, wo der Bruder abgebildet ist,
das aus dem Stifte--weißt du--, welches du bei deinem letzten Besuche
der Mutter, der ich über die Schulter blickte, gezeigt hast."
Gnadenreich willfahrte ihr, aber sichtlich ungerne.
Palma suchte und fand das Blatt. Über dem lateinischen Texte war
mit saubern Strichen und hellen Farben abgebildet, wie ein Behelmter
den Arm abwehrend gegen ein Mädchen ausstreckt, das ihn zu verfolgen
schien. Mit dem Krieger deuchte er sich nichts gemein zu haben als
den Helm, doch je länger er das gemalte Mädchen beschaute, desto mehr
begann es mit seinen braunen Augen und goldenen Haaren Palma zu
gleichen. Um die Figur aber stand geschrieben: "Byblis."
"Erzähle und deute, Gnadenreich", bat Palma. Graciosus blieb stumm.
"Nun, so will ich erklären. Das hier ist der Bruder auf Malmort, wie
er anfangs war und mich wegstößt."
"Das ist nichts für dich, Palma!" wehrte Graciosus ängstlich, "laß!",
und er entzog das Buch ihren Händen.
"Ihr seid beide langweilig!" schmollte sie. "Ich gehe lieber. Drüben
am Hange sah ich blühende Rosen in dichten Büschen stehen. Ich will
mir einen Kranz winden", und sie entsprang.
Ein blendender Blitz fuhr über Pratum weg und dem Höfling durch die
Adern. "Warum hast du ihr das Buch weggenommen?" fragte er gereizt.
"Weil es für Mädchen nicht taugt", rechtfertigte sich Gnadenreich.
"Warum nicht?"
"Die Schwester im Buche liebt den Bruder."
"Natürlich liebt sie ihn. Was ist da zu suchen?"
Graciosus antwortete mit einer Miene des Abscheus: "Sie liebt ihn
sündig! sie begehrt ihn."
Wulfrin entfärbte sich und wurde totenbleich. "Schweig, Schurke!"
schrie er mit entstellten Zügen, "oder ich schleudere dich über die
Mauer!"
"Um Gottes willen", stammelte Graciosus, "was ist dir? Bist du
verhext? Wirst du wahnsinnig?" Er war von Wulfrin und dem Buche
weggesprungen, in welches dieser mit entsetzten Blicken hineinstarrte.
"Ich beschwöre dich, Wulfrin, nimm Vernunft an und laß dir sagen: das
hat ein heidnischer Poet ersonnen, leichtfertig und lügnerisch hat er
erfunden, was nicht sein darf, was nicht sein kann, was unter Christen
und Heiden ein Greuel wäre!"
"Und du liesest so gemeine Bücher und ergötzest dich an dem Bösen,
Schuft?"
"Ich lese mit christlichen Augen", verteidigte sich Gnadenreich
beleidigt, "zu meiner Warnung und Bewahrung, daß ich den Versucher
kenne und nicht unversehens in die Sünde gleite!"
Die Hände des Höflings zitterten und krampften sich über dem Blatte.
"Bei allen Heiligen, Wulfrin, zerstöre das Buch nicht! Es ist das
teuerste des Stiftes!"
"Ins Feuer mit ihm!" schrie der Höfling, und weil kein Herd da war als
der lodernde des offenen Himmels, riß er das Blatt in Fetzen und warf
sie hoch auf in den wirbelnden Sturm.
Es trat eine Stille ein. Graciosus betrachtete stöhnend das
verstümmelte Buch, während Wulfrin mit verschlungenen Armen und
unheimlichen Augen brütete. So beschlich ihn die zurückkommende Palma
und setzte ihm den leichten von ihr gewundenen Kranz auf das belastete
Haupt.
Er fuhr zusammen, da er das Geflechte spürte, zerrte es sich ab, riß
es entzwei und warf es mit einem Fluche dem vom Laufe erhitzten
Mädchen zu Füßen.
Da flammten ihr die Augen und sie streckte sich in die Höhe: "Du
Abscheulicher! Tust du mir so?" Zornige Tränen drangen ihr hervor.
"Nun nehme ich auch den Gnadenreich nicht, dir zuleide!"
"Palma", befahl er, "gleich kehrst du nach Hause! Über die Alp!
Wende dich nicht um! Ich gehe durch die Schlucht! Läufst du mir über
den Weg, so werfe ich dich in den Strom!"
Sie sah ihn jammervoll an. Seine Todesblässe, das gesträubte Haar,
das unglückliche Antlitz erfüllten sie mit Angst und Mitleid. Sie
machte eine Bewegung gegen ihn, als wollte sie ihm mit beiden Händen
die pochenden Schläfen halten. "Hinweg!" rief er und riß das Schwert
aus der Scheide.
Da wandte sie sich. Er blickte über die Brüstung und sah, wie sie in
wildem Laufe durch die Alp eilte. Auch er verließ das Kastell und
schlug, von dem nahen Tosen des Stromes geführt, den Weg gegen die
Schlucht ein, die furchtbarste in Rätien. Gnadenreich gab ihm kein
Geleit.
Da er in den Schlund hinabstieg, wo der Strom wütete, und er im
Gestrüppe den Pfad suchte, störte sein Fuß oder der ihm vorleuchtende
Wetterstrahl häßliches Nachtgevögel auf, und eine pfeifende Fledermaus
verwirrte sich in seinem Haare. Er betrat eine Hölle. Über der
rasenden Flut drehten und krümmten sich ungeheure Gestalten, die der
flammende Himmel auseinanderriß und die sich in der Finsternis wieder
umarmten. Da war nichts mehr von den lichten Gesetzen und den schönen
Maßen der Erde. Das war eine Welt der Willkür, des Trotzes, der
Auflehnung. Gestreckte Arme schleuderten Felsstücke gegen den Himmel.
Hier wuchs ein drohendes Haupt aus der Wand, dort hing ein gewaltiger
Leib über dem Abgrund. Mitten im weißen Gischt lag ein Riese, ließ
sich den ganzen Sturz und Stoß auf die Brust prallen und brüllte vor
Wonne. Wulfrin aber schritt ohne Furcht, denn er fühlte sich wohl
unter diesen Gesetzlosen. Auch ihn ergriff die Lust der Empörung, er
glitt auf eine wilde Platte, ließ die Füße überhangen in die Tiefe,
die nach ihm rief und spritzte, und sang und jauchzte mit dem Abgrund.
Da traf der starre Blick seines zurückgeworfenen Hauptes auf ein Weib
in einer Kutte, das am Wege sag. "Nonne, was hast du gefrevelt?"
fragte er. Sie erwiderte: "Ich bin die Faustine und habe den Mann
vergiftet. Und du, Herr, was ist deine Tat?"