DIE HERUNTERGEKOMMENEN.

Als die Nacht hereingebrochen war und der kalte Zug durch die

Fensterspalten blies, da wurde es auch stille in dem langen Gang, wo die

Ahnenbilder hingen unverrückt an der dunklen Wand und die Finsternis über

sich ergehen liessen wie über ihre Gräber. Allein die Nachkommen dieser

längst verblichnen Leute wohnten noch in dem alten Schloss und fanden keine

Ruhe, denn sie wollten und wünschten mit der wilden Kraft, die sie von den

Vätern geerbt! Währenddem die Nacht sich immer tiefer senkte, schlief da

Keins. Alle hofften, fürchteten und sehnten sich zu sehr in diesen alten

Mauern, als dass der Schlaf sich ihnen rettend nähern konnte. Den hielt der

Hass und den die Liebe, alle aber hielt der Lebensdrang, die Heftigkeit des

Wunsches und die trübe Ahnung des Unerfüllbaren wach.

Die Väter hatten so froh genossen und so wilden Auges gelebt! Sie glichen

sich alle in Miene und Blick, und Generationen hindurch verzehrten sich die

schönsten Frauen in Liebe um dies Haus!

Das Glück aber hielt treue Wacht und zog goldene Gitter um seine

Günstlinge.

Einem breiten glänzenden Strome glich dies Geschlecht, der schimmernd die

schönsten Lande durchzieht, Wälder und hohe Gipfel, glänzende Städte und

den ganzen Himmel lachend wiederspiegelt.

Zöge sich doch mein Herz nicht zusammen, als ich dieses Vergleichs gedenke!

Denn nach hundert Jahren erlosch ein Stern: der herrliche Fluss rauschte

weiter; da veränderte sich sein Bett. Hoch und furchtbar drangen kahle

Felsenwände auf ihn ein, qualvoll türmte sich da das tiefe Gewässer und

wütete gegen die hemmende Wand.

Sein schrecklicher Schall tönte betäubend durch die Welt. Unerbittlich aber

verengten sich noch die Thore, und der Fluss brach sich heulend seine Bahn.

Als wilder umdunkelter Bach stürzt er im Schatten dahin. --

Kurze Aufsätze · 第 10 / 20 题