Ich fuhr zurück -- wahrscheinlich zu rasch -- die Kerze verlosch! --

Was dies für mich bedeutete, war mir sofort klar. Denn ich hatte im

unverantwortlichen und unbegreiflichen Leichtsinn die Zündhölzer unten

gelassen. --

Nie aber würde ich in dieser Finsternis die Hausthüre finden, und wenn ich

sie fände, niemals unterscheiden -- den Weg zurück wusste ich nicht. Es

waren so viele Zimmer gewesen und kein Gang. Alles ineinand geschachtelt,

wie es in französischen Wohnungen oft ist. Ich tastete nach dem Schlüssel,

aber der Schrecken hatte mir alle Erinnerung benommen. Ich fand ihn nicht

mehr.

Mit den Händen fuhr ich der Wand entlang bis zum Fenster, allein die Läden

mussten einen eigenen Verschluss haben und schnitten mir in die Finger,

ohne zu rücken. Behutsam ging ich vorwärts, vielleicht drang doch in irgend

eine Kammer ein Schimmer von Licht und war von dort aus ein Zeichen

möglich, aber überall war Finsternis und Staubgeruch als läge ich tief

unter der Erde.

Der Concierge würde den Leuchter kaum vermissen, den ich unter vielen

andern aus seiner Loge fortnahm, keinesfalls aber auf mich geraten und die

Meinen hatten keine Ahnung wohin ich gegangen war, denn als ich von Hause

fortging war ich allein gewesen. -- So war zwar meine Rettung lange noch

möglich, noch grösser aber die Gefahr, dass ich hier verschlossen und

vergessen bliebe.

Meine Wanderungen nach der Hausthüre begannen von neuem. Griffe ich sie, so

wollte ich dort stehen und rufen. Allein ich fand sie nicht!

Es liess sich keine Thüre von der andern erkennen, kein Zimmer, keine

Kammer. Einige waren versperrt. Wie in einer Falle irrte ich blind umher

und wurde immer unfähiger, mich zu orientieren; denn von den Räumlichkeiten

hatte ich die Verhältnisse nicht entnommen, und der Ausgangspunkt war mir

längs verloren.

So musste ich mich meinem Schicksal ergeben. Die Zeit verging, und wie

rings um mich, so war es jetzt auch in meinem Herzen Nacht. Aber statt der

Verzweiflung kamen mir da plötzlich Gedanken: Was für einen Sinn hätte denn

ein solcher Abschluss? Welche Deutung konnte ich meinem Tode abgewinnen?

In meinem Leben konnte ich nichts entdecken, aber dies Leben selbst

erschien mir da merkwürdigerweise wie ein arger Schuldbrief, und ich werde

wohl nie mehr so tief und ruhig zu denken vermögen, wie in jenem so hoch

über der Erde gelegenem Grab!

Wie spät es geworden sein mochte ahnte ich nicht. Immer wieder begannen

meine finsteren Wanderungen, mein Tasten nach Thüren und mein Rufen. Meine

eigne Stimme versetzte mich in solche Angst, dass es wie wahnsinnig in

meinen Schläfen pochte. Den Hunger sah ich schon als meinen Gefährten, und

heiss und blutig drang mir's nun ins Gehirn. -- Und wie betäubt stiess ich

zuletzt gegen eine scharfe Kante und empfand etwas Kaltes unter meinen

Händen.

Daraus schloss ich, dass ich mich wieder in einem Zimmer befand, denn dies

fühlte sich wie ein marmorner Tisch. Ich fasste ihn mit der andern Hand: da

durchzuckte mich jäh eine wilde, triumphierende Lebensfreude. Was da meine

suchenden Finger ergriffen hatten, war -- eine Zündholzschachtel!

Zitternd fachte ich eines an und starrte jetzt auf ein gespenstiges Wesen,

das mit hohlen Augen unvergesslich auf mich blickte.

Allein bevor die Angst noch ihre Klammern auf mich legen konnte, gewahrte

ich den hohen Spiegel, vor dem ich stand, woran die schmale Marmorplatte

angebracht war, an die ich stiess. Lange Kerzen stacken da in Kandelabern,

und mechanisch zündete ich sie an; von meinem eignen Bilde keinen Blick

verwendend, denn wie von einem Drama war ich hier gefesselt.

Das Entsetzen auf meiner Stirne, die trostlose Ergebenheit meiner Züge, die

Todesahnung war auf meinem Gesichte geblieben. Obwohl ich mich gerettet

wusste, immer starrte ich noch wie eine Verlorene.

Was hinter diesen weitgeöffneten Augen vorgegangen war, wusste ich so wohl,

der schon wie eingefallene Mund, warum er so bitter geschlossen war, das

herabgezogene Kinn, der zurückgehaltene Grimm. -- Und dabei war mir's als

erschaute ich das Selbsterlebte nun zum erstenmale.

So blieb ich vor dem Spiegel gebannt, bis meine Augen sich verkleinerten

und die Farbe, als sei nichts geschehen, sich allmählich wieder einstellte.

--

Der Raum, in dem ich mich befand, war ein kleines Durchgangszimmer, und die

Begebenheit so einfach und natürlich!

Es hatte hier jemand eine Schachtel Streichhölzer vergessen. Weiter nichts!

Es war eben jener blinde und hundertäugige Zufall, jener unberechenbare

Stern, der über unser Leben waltet und es erhält oder vernichtet.

Den Schlüssel, die Thür und den Weg ins Freie hatte ich nun bald gefunden;

wieder hinab in das rege Paris.

Die Boulevards schimmerten im Abendrot, und die Knospen der Bäume waren

nach dem Regen hold geschwellt.

Kurze Aufsätze · 第 3 / 20 题