zu eigen
=I=
Jenseits der Schiffsbrücke, auf der Deutzer Seite, hockten die
spielmüden Kinder auf der Kaimauer, drückten die heißen Gesichter
gegen die Eisenstäbe und blickten durch die Umzäunung über den Strom
hinweg auf das langgestreckte, halbmondförmige Köln. Ein paar verlorene
Strählchen der Wintersonne glitzerten noch auf dem Wasserspiegel,
suchten vergebens zueinander zu gelangen, verquirlten langsam in der
Strömung und erloschen als glimmende Pünktchen ... Ein silbriger Ton
blieb in der Luft zurück. Jene überraschende Klarheit, die vor dem
letzten Verdämmern noch einmal die Seele der Menschen wie die Seele
der Natur erfüllt und alle Bilder in scharfen Konturen erstehen läßt.
Gegiebelt und gezackt, die Türme des Domes und der Kirchen wie deutende
Finger gen Himmel gestreckt, zog sich die altersgraue Silhouette Kölns
den Rhein entlang.
Es war still auf der breiten Wasserstraße. Die ungefügen Lastkähne,
die Schlepperzüge und die hochbordigen Passagierdampfer lagen
zusammengedrängt im Hafen wie eine müde Herde, hielten Wintersruh und
warteten auf besseren Pegelstand. Nur die kleinen Lokalboote huschten
schwalbenflink von Ufer zu Ufer, fühlten sich als alleinige Herren des
Stromes, ließen den Rauch noch schwärzer hinter sich dreinqualmen und
Dampfpfeife und Schiffsglocke doppelt hell und grell erklingen. Legten
sie an, um neue Passagiere abzuwarten, so zog das Schweigen über den
Strom und duckte sich der alten, mächtigen Rheinstadt zu Füßen.
»Sie is schon mal versunken gewesen,« sagte das kleine Mädchen, das
zwischen den beiden Knaben auf der Deutzer Kaimauer hockte, hob die
Schultern, als ob es ein Gruseln verspürte, und blickte mit glänzenden
Augen geradeaus.
»So dumm,« höhnte ihr Nachbar zur Linken, schob die bunte
Gymnasiastenmütze in den Nacken und spuckte ins Wasser.
»Der alte Klaus hat es mir doch erzählt,« ereiferte sich die Kleine.
»Zwei Bauern hatten Köln verflucht, weil sie von den Kölner Kaufleuten
betrogen worden waren. Da verschwand die Stadt vor ihren Augen.«
»Is ja zu dumm,« beharrte der Aufgeklärte. »Wo käm’ sie denn auf einmal
wieder her?«
»Die Bauern haben sie wieder herausgebetet, weil sie doch sonst ihr
Gemüs’ nicht absetzen konnten.«
»Sieh mal, wie schlau. Wenn das wahr wär’, hätten doch die Kölner die
Bauernklüngels, wie sie das nächste Mal in die Stadt kamen, ohne viel
Fisimatenten aufgeknüpft. Uzerei ließen die sich vom Gemüsbauer nicht
gefallen.«
»Gott, ich weiß es doch,« sagte die Kleine pikiert und drehte ihm den
Rücken zu. —
Die Dämmerung rührte die Stadt an. Die Gassen und Straßen wichen wie
hinter einem Schleier zurück. Nur die Türme hielten stand und bildeten
weithinaus die Wahrzeichen, in langem Sichelkranz die erhabene Masse
des Domes flankierend. Hellebardiere im Dienste der Majestät.
Die Kleine seufzte. Ihr zweiter Begleiter, der sich aus seiner
Träumerei nicht herausgerührt hatte, fuhr hastig herum.
»Ist dir kalt?«
Sie schüttelte den schwarzen Lockenkopf. Ein feuerrotes Seidenband trug
sie durch das Haar gezogen.
»Hach, es is so schön ...« Und nach einer Pause: »Ich kann alle Türm’
zählen. Und jeder Turm weiß eine Geschichte. Ich möcht’ sie alle kennen
...«
»Frag mich,« bat der andere und strich sich das rötliche Haar unter den
Hutrand.
Der Buntbemützte maß ihn mit dem Blick des Patrizierjungen. »Du weißt
doch höchstens in eurer Synagoge Bescheid!«
»Hab’ ich dich gefragt oder den Moritz?« fuhr das Mädchen auf.
»Frag mich nur,« sagte der ältere. Er war blaß geworden und sah unruhig
auf das Mädchen. »Der Laurenz kann ja nach Hause gehen, wenn’s ihm hier
nicht paßt.«
»Geh ~du~ doch. Immer drängst du dich uns auf. In Sekunda wollen sie
dich wohl nicht?«
»Untertertianer,« sagte der andere und zuckte mit der Lippe.
»Judenjung.«
»Das ist keine Beleidigung.« Er wandte sich dem Mädchen zu, das
erwartungsvoll hinhorchte. »Ich werd’ mir doch den schönen Abend nicht
verprügeln.«
»O — —,« machte die Kleine verblüfft. »Ich hätt’ aber gern gesehen,
wie der Laurenz mal Wichs’ gekriegt hätt’.« Und dann sprang sie mit der
Raschheit der Kinderempfindungen auf ihr altes Thema: »Sieh mal, der
Dom! Is es wirklich wahr, daß den ersten Baumeister der Teufel geholt
hat?«
»Das ist eine Legende,« erklärte Moritz Lachner. »Weil der Bau nie
fertig wurde, erzählten sich die Leute, Meister Gerhard von Ryle, der
Bauherr, habe hoch oben auf dem Domkran mal mit dem Teufel gewettet,
daß er schneller mit dem Dombau fertig sein würde, als der Teufel einen
Kanal von Trier nach Köln graben könne. Meister Gerhard aber hätte
durch die Schwatzhaftigkeit seiner Frau die Wette verloren und sich vom
Turmgerüst in die Tiefe gestürzt. Das wäre der Grund gewesen, weshalb
kein neuer Stein mehr hätte fassen wollen.«
»Weil die Wette sündhaft war,« triumphierte Laurenz Terbroich. »Alle
Künstler sind Sünder.«
Moritz Lachner warf einen schnellen Blick auf die kleine
Spielgefährtin, die gerade in die rotgewordenen Hände blies.
»Weiter, Moritz. Und der große Sankt Martin nebenan? Davor könnt’ ich
mich fürchten.«
»Der ist so trotzig aufgebaut, weil er früher auf einer Insel stand und
sich gegen das Wasser wehren mußte.«
»Waren wirklich keine Räuber drin?«
»Man sagt, schottische Mönche hätten die Kirche gleichzeitig als
Wohnhaus für sich gebaut. Wie ein schottisch Kastell. Ob das wahr ist,
muß ich erst noch untersuchen.«
Laurenz Terbroich klatschte sich vor Vergnügen auf die Schenkel. »Der
Moritz. Der Moritz Lachner will es untersuchen! Morgen sag’ ich es dem
Herrn Erzbischof!«
»Rechts vom Dom, da liegt Sankt Gereon. Schnell, Moritz, was weißt du
davon?«
»Auf dem Platz, auf dem diese Kirche steht, wurde der Hauptmann Gereon
mitsamt seiner thebaischen Legion niedergemetzelt, weil er und seine
frommen Soldaten nicht vom Christenglauben lassen wollten.«
»Huih! — So düster sieht die Kirch’ auch grad’ aus.«
»Die Geschichte macht dem Lachner besonders viel Spaß,« behauptete der
Untertertianer frech. »Eine ganze Legion Christen! Abgemurkst!«
»Wenn du von Sankt Martin nach links guckst, Terbroich,« sagte der und
blies die schmalen Nasenflügel auf, »so siehst du den Rathausturm. Das
ist der schönste Turm von Köln, ja der schönste von ganz Deutschland.
Frag nur deinen Ordinarius. Und der ist euch Patriziern zu Ehren gebaut
worden.«
»Du willst dich wohl wieder einschmeicheln?«
»Euch zu Ehren. Weil euch das Volk glücklich allzusammen festgenommen
und ins Kittchen gesteckt hatte. Und von der Buße, die ihr habt zahlen
müssen, errichteten die Zünfte diesen schönen Rathausturm.«
»I ja,« echote Terbroich, »und neben diesem schönen Rathaus liegt die
Judengasse, und weil nun der Rathausturm gar so schön geworden war,
wurde diese Nachbarschaft nicht mehr als passend befunden, und man
fegte sie sauber und euch all zusammen zu den Toren hinaus, wo ihr bis
zur französischen Revolution liegen bleiben konntet. I ja.«
»Du hast ja — überraschende Geschichtskenntnisse,« stammelte Lachner.
»Die hab’ ich mir extra dir zu Ehren eingepaukt, weil du so sehr
unseren Verkehr suchst.«
»Euren — Verkehr?«
»Zankt euch doch nachher,« rief die Kleine ungeduldig und trippelte
nervös auf den Mauerquadern. »Was ist das mit den elftausend
Jungfrauen?«
Und dienstfertig belehrte Moritz Lachner: »Sie liegen zu Sankt Ursula.
Im Norden der Stadt. Von hier aus kannst du das uralte Kirchlein nicht
sehen. Es war ein Heidenprinz, der wollte die Tochter des Königs von
Britannien zur Frau oder das Land mit Krieg überziehen. Da sagte sich
die fromme Ursula ihm zu, aber unter der Bedingung, daß er Christ
würde und sie mit elftausend Jungfrauen des Landes eine Wallfahrt nach
Rom machen dürfe. Als sie aber vom Papst zurückkam und in Köln landen
wollte, das von den Hunnen belagert wurde, wurde sie mit allen ihren
Begleiterinnen von dem wüsten Heidenvolk erschlagen.«
»Gewiß, weil sie die häßlichen Soldaten nicht heiraten wollten.«
»Wenn sie nicht einen Prinzen zum Bräutigam gehabt hätt’, hätt’ sich
die Ursula wohl nicht besonnen,« warf Laurenz Terbroich skeptisch ein.
»Darin sind sich alle Mädchen gleich.«
»Ja, einen Prinzen — —,« sagte die Kleine gedehnt und sah den hübschen,
vornehmen Jungen mit flimmernden Augen an.
»Soll ich weitererzählen?« fragte Moritz Lachner hastig. »Dort drüben,
am Neumarkt, liegt Sankt Aposteln. Eine arme Rittersfrau hatte
Zwölflinge bekommen —«
»Er lügt,« sagte Laurenz Terbroich, »Zwölflinge kriegen nur Kaninchen.«
»Zwölf Knaben,« fuhr Lachner eilig fort, als fürchtete er, um seinen
Erzählerposten zu kommen. »Und weil sie sie nicht ernähren konnte,
wollte sie sie ertränken lassen. Aber der Herr Erzbischof fand die
Kinder am Wasser und nahm sie mit und erzog sie zu Stiftsherren und
gründete für sie die Kirche zu den Aposteln, da die doch auch zwölf
gewesen waren. Und mehr nach Süden, siehst du, da liegt Sankt Maria
im Kapitol. Das ist auf demselben Platz gebaut, aus dem die alten
Römer, als sie noch in Köln wohnten, ihr Regierungsgebäude hatten, und
die Frau vom König Pippin, die ihren Stiefsohn Karl Martell in Köln
gefangen hielt, liegt darin begraben. Und in der Kirche Sankt Alban
wird eine Hostie verwahrt, die im Munde eines Gottesleugners plötzlich
zu Fleisch wurde. Aber interessanter ist die Albertuskapelle in Sankt
Andreas. Die enthält die Gebeine von dem großen Dominikanergelehrten
Albertus Magnus. Der konnte hexen und zaubern und war doch ein Heiliger
und der Lehrer von Thomas von Aquino, dem in dem spitzfindigen
Franziskaner Duns Scotus ein gefährlicher Gegner entstand. Der Duns
Scotus aber liegt nebenan in der Minoritenkirche und —«
»Nu hör doch nur endlich auf,« unterbrach ihn Laurenz Terbroich
ärgerlich. »Daß du zum Herrn Pater in die Katechisierstund’ gehst,
kannst du uns doch nicht weismachen.«
Da schwieg der Lachner.
Auf der Schiffsbrücke wurden die Laternen hochgezogen. Die Stadt war
langsam in der Dunkelheit verschwunden. Nur die Masse des Domes hob
sich gespenstisch, einer rätselhaft übernatürlichen Erscheinung gleich,
gegen den Abendhimmel ab. Und als hätten die Laternen der Schiffsbrücke
das Zeichen gegeben, so blitzte es am jenseitigen Ufer auf, und die
Lichter liefen die Hafenstraßen entlang bis zur alten Trutzburg Kölns,
dem Bayenturm, entzündeten sich in der Rheinstraße und drangen weiter
ins Herz der Stadt, kreuz und quer durch die Gassen der Altstadt in
die Prunkstraßen der Neustadt. Und aufs neue trat die Silhouette
Kölns hervor, in roten, magischen Dunst gehüllt. Gegiebelt und
gezackt, von deutenden Türmen und Basiliken überragt. Von dem tiefen
Atemzug der Vergangenheit erfüllt und dem heißen Pulsschlag seiner
Gegenwartskinder. Die ewige Sagenstadt am Rhein ...
»Ha,« rief die Kleine und lief am Geländer entlang, um den Lichtern zu
folgen, »wenn ich könnt’, wie ich möcht’ — möcht’ ich ganz Köln haben.«
»Ich will es dir schenken,« sagte Lachner atemlos und griff nach ihrer
Hand.
»Du — —? Was willst du denn werden?«
»Historiker.«
»Was ist das: Historiker?«
»Geschichtsschreiber.«
»Märchen und so?«
»Die Geschichte der Menschen und ihrer Städte.«
»Ich übernehm’ die Fabriken vom Vater,« sagte Laurenz Terbroich und
legte den Kopf in den Nacken. »Teppichwebereien. Ein Ballen Teppiche
bringt mehr ein als hundert Ballen Geschichtenbücher.«
»Wahrhaftig?« fragte die Kleine verblüfft.
»Wenn’s dem Lachner seine Geschichten sind: mehr als tausend Ballen.«
»Du, Laurenz, dann werd’ ich deine Frau.«
»Ich weiß nicht, ob das meine Eltern erlauben.«
»Och, sieh mal! Der stolze Laurenz! Mein Vater ist mehr als der deine!«
»Das fragt sich doch.«
»Das fragt sich nicht! Mein Vater ist ein Doktor und — und —«
»Ein Künstler,« sagte Moritz Lachner, »ein großer Künstler.«
»Deshalb heißt du auch so komisch,« meinte Laurenz mit einem schiefen
Blick. »Du hast nicht mal einen richtigen Christennamen.«
»Ich heiße Carmen! Das bedeutet: das Lied, wenn du das noch nicht in
der Schule gelernt hast. Weil ich sein schönstes Lied wär’, sagt mein
Vater. Darum.«
»Ist denn der Herr Doktor Otten überhaupt dein Vater?« nörgelte der
Junge.
»Was sagst du?«
»Nu, weil er doch nie in Köln bei euch ist.«
»Was —?«
»Und überhaupt. Künstler haben nie richtige Frauen, und daher auch
keine richtigen Kinder.«
Da war die Kleine an ihn heran.
»Au, au! Katze! Du hast gekratzt!«
Wie der Wind flog sie zurück. Wütend rannte der Junge hinter ihr drein.
Sie erwischte Moritz Lachner beim Ärmel und zerrte den schwerfälligen
Freund zwischen sich und dem Verfolger hin und her. »Nimm mich
auf!« keuchte sie. Da beugte er sich nieder und nahm sie Huckepack.
»Drauf, drauf!« triumphierte sie von ihrem hohen Sitz, und Moritz
Lachner vergaß seine Untersekundanerwürde und stürzte sich wie ein
Kriegselefant, der eine Amazonenkönigin trägt, auf den Feind.
Nun hatte sie dem Gegner die Mütze vom Kopf gerissen und warf sie,
aufjauchzend, mitten auf den Straßendamm.
Da machte sich der Barhäuptige an Lachner, der seine Hände, die der
Reiterin als Steigbügel dienten, nicht freibekommen konnte, und
bearbeitete mit den Stiefelspitzen die Schienbeine des Gegners.
Moritz Lachner kniff die Lippen zusammen und gab keinen Laut.
Blitzschnell bog sich das Mädchen herab und griff mit beiden Händen in
das weiche, schwarze Haar des Angreifers.
»Au, au! Carmen! Loslassen!«
»Werd’ ich deine Frau? Ja oder nein!«
»Loslassen! Maria Joseph!«
»Werd’ ich deine Frau?«
»Ja! Jawohl!« —
Da glitt das Mädchen an Lachners Rücken nieder, rannte auf den
Straßendamm, hob die weggeschleuderte Mütze auf und klopfte
säuberlich den Staub heraus. Mit kleinen, wiegenden Schritten kam sie
zurück, den Arm vorgestreckt. »Hier ist sie,« sagte sie und sah den
wiedergewonnenen Freund von unten herauf an. »Sie is wirklich nicht
schmutzig geworden.«
»Gib her,« knurrte der Laurenz grob, riß ihr die Mütze aus der Hand und
stülpte sie auf den Kopf. Dabei verzog er das Gesicht.
»Hab’ ich dir arg weh getan, Laurenz?«
»Ich blut’,« sagte der Junge wehleidig und tippte mit dem Finger auf
die Schläfe. »Du hast mich gekratzt.«
»Zeig!« Sie hob sich auf den Fußspitzen und betrachtete aufmerksam den
Riß an seiner linken Schläfe.
»Hast du kein Pflasterpapier?«
»Ich hab’ keins.«
»Und du, Moritz? Gott, so mach doch.«
Moritz Lachner holte umständlich ein großes Bügelportemonnaie aus
seiner Hosentasche hervor und brachte ein Blättchen englisch Pflaster
zum Vorschein. Bevor er es präsentieren konnte, hatte die Kleine es ihm
schon aus der Hand genommen und angeleckt. Er stand beiseite und sah zu.
»Neig dich, Laurenz. So — —!« Sie pappte das Pflästerchen über seine
Schläfe. »Jetzt bist du ein Ritter, Laurenz, und trägst eine Narbe,
deiner Dame zu Ehren. So — —! Und deine Dame gibt dir dafür einen Kuß.«
Sie legte ihm die Hände über die Ohren und küßte ihn mit ungeschickten
Kinderlippen.
»Komm,« sagte der Junge, »wir laufen in die Stadt. Da ist es jetzt am
amüsantesten.«
Er nahm das Mädchen bei der Hand, lief mit ihr zur Schiffsbrücke,
erlegte ritterlich für sie mit das Brückengeld, und dann galoppierten
sie über die ächzenden, schaukelnden Planken. —
Moritz Lachner stand noch immer auf demselben Fleck. Langsam stieg
ihm das Blut aus den Wangen bis in die Stirn. Er nahm sein rundes
Filzhütchen ab und strich mechanisch über sein rötliches Haar. Er
schämte sich ... Da war er, der vierzehnjährige Untersekundaner, mit
diesem zwölfjährigen hochmütigen Bengel und der kleinen zehnjährigen
Carmen hierhergelaufen, statt hinter den geliebten Büchern zu sitzen.
Nur, weil der Junge ein Patriziersohn und das Mädchen ein Künstlerkind
und — ja doch — und schön war. Dr. Joseph Ottens, des berühmten Sängers
und modernen Rezitators Otten Tochter! Und er hatte ihr Geschichten
erzählt, den ganzen Nachmittag lang, und alle seine Weisheit vor ihr
ausgekramt. Und Pferd gespielt und sich von dem wütenden Laurenz um
ihretwillen die Beinkleider verderben lassen. Und zum Schluß sein
englisch Pflaster geopfert und zugesehen, wie der bekämpfte Rivale noch
dazu einen Kuß erhielt. Und dann — —
Es stieg ihm feucht in die Augenwinkel.
Dann hatte man ihn stehen lassen. In der Freude hatte man ihn
vergessen. — —
In der Ferne sah er sie über die Schiffsbrücke laufen. Sie jagten
sich und rannten gegen ein paar Brückenarbeiter, die hinter ihnen
herschimpften. Noch einen Augenblick kämpfte er mit sich. Dann senkte
er den Kopf und trabte hinterher.
»Sie weiß noch nicht, daß ihr Vater heut kommt und im Gürzenich singt,«
beschwichtigte er seine Scham. »Das muß ich ihr noch sagen ...«
»Heut kann ich bis wenigstens acht Uhr draußen bleiben,« verriet die
Kleine ihrem Freunde Laurenz, als sie die Brücke verließen. »Mutter gab
keine Antwort, als ich sie fragte. Sie war den ganzen Tag so still. Da
bin ich echappiert.«
Sie drückten sich an der Rheingasse vorbei. Schmal und hochgiebelig,
mit schweren Balkenlagen und reichem, altkölnischem Schnitzwerk stand
das Haus der Ottens. In der Haustür lehnte trotz des Winterabends ein
untersetzter Mann mit grauem Stoppelbart, fest in ein gestricktes
Wollenkamisol eingeknöpft, eine Schiffermütze auf dem Kopf. Er rauchte
aus einer dünnstieligen holländischen Tonpfeife und blies die Kringel
über die Gasse.
»Der alte Klaus,« flüsterte die Kleine. »Komm schnell.« Und sie
tauchten in den Schatten der nächsten Häuser und entflohen auf den
Heumarkt.
Der Schiffer nahm behutsam die Pfeife aus dem Mund und blinzelte hinter
ihnen her. »Materdeies, dat wor doch uns Carmche? Mit dem Nixnotz, dem
junge Terbroich?« Und er schüttelte mißbilligend den grobgeschnitzten
Kopf.
Eben bog eine neue Gestalt um die Ecke, sah sich suchend um und wollte
eiligst verschwinden.
»Der Lachners Moritz,« knurrte der Alte befriedigt. »He, du Moritz, op
de Heumarkt sinn se. Dat du mr got oppaßt op et Carmche.«
Moritz Lachner fuhr herum. Ertappt und verärgert. »Was geht das mich
an?« fragte er trotzig. »Ich bin doch nicht ihre Kinderfrau?«
»Un ich sagen der nor dat ein: dat du mr got oppaßt.« Damit schob er
die Pfeife ruhig zwischen die gespitzten Lippen.
»Ich geh’ nach Haus,« sprach der Junge vor sich hin, und nahm doch den
Weg zum Heumarkt, »ich geh’ auf der Stelle nach Haus, auf der Stelle.«
Nun hatte er das Reiterstandbild Friedrich Wilhelms des Dritten
erreicht, des ersten Preußenkönigs in Rheinlanden. Er kroch gebückt um
das Eisengitter herum und lugte nach allen Seiten. Enttäuscht erhob
er sich. »Sie werden auf den Altenmarkt gelaufen sein,« überdachte
er. »Aber ich geh’ jetzt nach Haus.« Und dann lief auch er auf den
Altenmarkt.
Dort entdeckte er sie, wie sie Hand in Hand über den Platz bummelten.
»Ich ~will~ mich nicht aufdrängen,« murmelte er, »ich ~will~ nicht.«
Am Jan-van-Werth-Brunnen hatte er sie erreicht.
»Du,« hörte er die Kleine sagen, »das is der Jan un et Griet.«
Laurenz lachte.
»Weshalb lachst du denn nur?«
»Als der Jan Reitergeneral geworden war, hat er et Griet sitzen lassen.«
»Soo —! Und als der Jan noch als Bauernknecht auf dem Kümpcheshof in
Köllen diente, da hat die Bauerntochter, et Griet, ihm einen Korb
gegeben. Ätsch!«
»Und dann ist et Griet eine alte verschrumpelte Appelfrau geworden,
und der Jan zog als ein stolzer Reitersgeneral durch das Severinstor
in Köln ein, und da saß et Griet vor seinem Appelkram und briet sich
Kastanien.«
»Weiter.«
»Der Jan van Werth kriegte eine große Schadenfreude —«
»Das ist nicht wahr!«
»Er hielt aber doch sein Pferd an und sagte: Och, Griet, wer et hätt’
gedonn!«
»Und et Griet ließ sich nicht foppen und sagte: Och, Jan, wer et hätt’
gewoß’!«
Nun lachten sie miteinander.
»Wenn ich dich sitzen lass’, wirst du et Griet!«
»Du aber noch lang’ nicht der Jan!«
Er galoppierte mit steifen Beinen auf sie zu, salutierte und schnarrte:
»Griet, wer et hätt’ gedonn!«
Und sie wischte sich das Näschen, grämelte und piepte alsbald: »Jan,
wer et hätt’ gewoß’!«
»Ich fang’ dich!«
»Möchtste wohl — kriegst mich nicht!«
»Griet, wer et hätt’ gedonn!« schrie er und suchte sie zu haschen.
»Jan, wer et hätt’ gewoß’!« jauchzte sie zurück und entkam ihm um das
Denkmal herum.
Atemlos, lachend und aufkreischend, rasten sie hin und her. Jetzt
streckte er die Hand nach ihren flatternden Locken, und sie fiel ihm
in die Arme. Mit dem letzten Sprung waren sie gegen Moritz Lachner
geprallt.
»Was fällt dir ein?« wütete Laurenz Terbroich und ballte die Faust.
»Bist du denn so dickfellig, daß du nicht merkst, daß wir dich nicht
haben wollen? Scher dich in euren Laden! Da kannst du deinem Alten
helfen, Hasenfelle verkaufen.«
»Jawohl, geh nach Haus,« echote zornig die Kleine.
Moritz Lachners Augen irrten vom einen zum andern, unablässig von einem
zum andern. Zum ersten Male kam ihm die Erkenntnis von der Grausamkeit
der Kinderseele. Ihm war grenzenlos elend zu Sinn.
»Was stehst du noch?« schnaubte der Patrizierjunge.
»Ja, was stehst du noch?« zürnte die Kleine.
»Der Klaus,« stotterte Moritz, »der alte Klaus hat mich hergeschickt.
Damit dir nichts passiert, Carmen.«
»Sag dem Klaus,« höhnte Laurenz, »er solle sich um seine Nase kümmern,
damit sie nicht windschief wird.«
»Ja, sag ihm das!« jubelte die Kleine.
Moritz Lachner zog tief die Luft durch die Nasenflügel. Seine Augen
suchten unruhig am Boden. Er rang mit einem Entschluß und fand die
Worte nicht. Dann trat er vor und faßte der kleinen Carmen Hand.
»Carmen — ich hätt’ dir noch was zu sagen ...«
»Sag’s mir morgen.«
»Nein, heute. Dein Vater kommt nach Köln. Vielleicht ist er schon da.
Er singt heut abend im Gürzenich.«