Der damalige Zustand ist etwa auf die Formel zu bringen: Jed

AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT

– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –

AUSSENSEITER

DER GESELLSCHAFT

– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –

HERAUSGEGEBEN VON

RUDOLF LEONHARD

BAND 3

VERLAG DIE SCHMIEDE

BERLIN

DER MORD

AM POLIZEIAGENTEN BLAU

VON

EDUARD TRAUTNER

VERLAG DIE SCHMIEDE

BERLIN

EINBANDENTWURF

GEORG SALTER

BERLIN

Copyright 1924 by Verlag Die Schmiede Berlin

EINLEITUNG.

Der Fall des ermordeten Polizeispitzels Karl Blau interessiert nicht so

sehr wegen der beteiligten Personen; selbst nicht wegen der des

Ermordeten. Dieser scheint nach den in der Verhandlung vorgebrachten

Bekundungen ein geistig unbedeutender und sittlich minderwertiger Mensch

gewesen zu sein, den höchstens der Fanatismus seiner Beschränktheit

gefährlich machte; jene treten als Persönlichkeiten überhaupt nicht

hervor: man zweifelt, ob man Akteure vor sich hat, ob Statisten; denn

man erkennt weniger Individuen, als Funktionäre unsichtbarer Strömungen

und Bewegungen. Befangen und fast entselbstet sind sie schemenhaft

undurchdringbar in Zusammenhängen und Herkunft: so wie die Tat – die

zufällig sichtbar wurde aus einem verborgenen Mechanismus, in dessen

sonst geräuschlosem Ablauf sie eine vielleicht unwichtige Masche ist;

nur eine Masche, die dem Staatsanwalt Einschreiten gebot.

Ein politischer Prozeß, – wie ein ähnlicher, gleichartig farblos in den

Persönlichkeiten und gleichartig undurchdringlich, morgen wie heute

bekannt werden mag: – und dies berechtigt den Versuch, den Fall zu

erörtern. Denn der Boden, dem er entspringt, ist zwar verborgen und

übersehen, doch heute wie damals vorhanden; er arbeitet und gärt, und

tritt morgen vielleicht schon in Erscheinung; es ist die unterirdische

Bewegung, die politisch unruhige Zeiten trägt; das vulkanische Rollen,

das Revolutionen und Restaurationen vorausgeht, nachfolgt und sie

begleitet.

– Je ferner und entrückter ein Ding ist, desto einfacher wird es, es

klar zu betrachten, falls Betrachtung überhaupt statt hat; denn: der

Tätige jeden Berufes lebt einen Alltag, dessen Oberflächen ihm keine

Tiefen verbergen. Wo ihm Verwicklungen klaffen, hilft ihm ein knapp

formuliertes Urteil – das Schlagwort – jene Sicherheit zu bewahren, die

seiner Wirksamkeit Voraussetzung ist. Wenn aber Liebe und Haß,

Verzweiflung und Angst die Gemüter erregen, trübt sich der Blick, und:

wo jeder im tiefsten beteiligt, bereit und gezwungen ist sich und das

Letzte einzusetzen, dort ist man blind!, auch ohne zu rasen ... muß es

sein, um den Schritt ins Morgen zu wagen!

Nun war des letzten Dezenniums Ablauf so rasch und hat so brutal mit uns

gehandelt, daß niemals das Heute Zeit ließ, an das Vorher zu denken.

Natürlich wissen wir alle Viel und Zu-Vieles aus diesen Jahren; so viel,

daß dessen Last uns ängstigte und nicht mehr tragbar war. Da setzten wir

an Stelle der Wahrheit leicht benutzbare Urteile, nach ihrem

Propagandawert ausgewählt! Und machten die Gegenwart uns dadurch

erträglich ... Wir haben eine tote Vergangenheit; nicht etwa, daß sie

leer wäre; nur: sie ward nie lebendig. Wir deckten unsere Erinnerungen

mit unseren Formulierungen zu ... und eiferten uns in die Berechtigung

unserer Ziele.

Doch, – die Schufte sind selten; häufiger sind schon die Hanswurste, und

die weitaus überwiegende Mehrzahl der Menschen erhebt berechtigten

Anspruch darauf, für gute Bürger und gute Patrioten zu gelten. Und: man

wird auf der ganzen Erde zusammen nicht so viel Mut finden, um nur ein

Drittel eines Volkes zu den Verbrechern zu machen, die sie gegenseitig

sich schimpfen. Wer also nicht bereit sein will, in politischen Dingen

des Gegners nur Gemeinheit zu sehen und Niedertracht, muß das Bild all

der Jahre wecken: ohne Betrachtung der politischen Lage der breiten

Massen und ihrer Gestaltung unter dem Einfluß des Nachkrieges ist es

unmöglich, dem Fall Blau gerecht zu werden – soweit überhaupt

Möglichkeit ist, durch dieses Dunkel zu dringen, denn:

In der Aufklärung, wie der Prozeß sie gibt, sind die letzten Enden und

Fäden verborgener Bestrebungen eben erkennbar; man sieht in der

aufgerissenen Wunde zerfetzte Sehnen und weiß, daß im Lebenden, irgendwo

hinter dem Sichtbaren, Wille sitzt und Gehirn. Aber es ist unmöglich,

diesen Spuren zu folgen; eine Spanne weit sind sie zu ahnen, dann kommt

das Uferlose. Die Ganzheit entzieht sich stumm und unfaßbar jeder

Betrachtung.

DER BODEN.

Die Außenseiter.

Jede bisherige Art der menschlichen Gesellschaft fand im Urteile der

Betrachter das eine Wort: daß sie schlecht sei und berechtigten

Anforderungen nicht genüge. Der nächste Satz war, daß sie notdürftig

funktioniere. Darüber hinaus zeigten sich die Verschiedenheiten,

trennten sich die Wege: die einen betonten das Wort „funktionieren“,

während die anderen das „notdürftig“ rot unterstrichen.

Ein Lebendiges sollte man nicht an Hand mechanischer Vorstellungen

erörtern, – aber unsere Sprachen sind nach diesen und Mathematik geformt

und für deren Bedürfnisse durchgebildet: So vergleicht man die

Gesellschaft mit einer riesigen und sehr komplizierten Maschine.

Aber man muß sich erinnern, daß die Gesellschaft aus einer Unzahl

Einzelmenschen mit persönlichem Schicksal besteht; und, daß sie nicht

alle Menschen umfaßt: außerhalb stehen andere, die in anderen

Gesellschaften organisiert sind, und solche, die kaum irgendwo

zugehören. Es gibt mehrere solcher Maschinen, die sich berühren und in

manchem durchdringen: es braucht schon Gewalt, um eine allein zu

betrachten. Doch auch an der einzelnen ist nichts, was fest ist. Nicht

nur, daß die Menschen altern, sich ändern, wechseln; auch die Gruppen

von Menschen, die Teile der Maschine, wandeln sich in ihrer Struktur,

ihrer Leistung und sogar ihrer Notwendigkeit für das Ganze. So ist auch

dieses einer dauernden Umbildung unterworfen, die oftmals das

Schwergewicht zwischen den einzelnen Sphären (z. B. Landwirtschaft,

Wehrmacht, Geldwesen, Beamtentum usw.) verlagert und für immer

verschiebt.

Die Mittelpunkte der Konsolidierung und Kristallisation sind selbständig

und suchen vielfach unabhängig voneinander den Bau zu durchdringen; ein

Ringen um die Hegemonie findet statt, und neben den Tendenzen, die auf

Befestigung zielen, laufen Prozesse der Auflösung und der Rückbildung

einher: Dies erfordert eine angemessene Beweglichkeit der einzelnen

Elemente und bedingt besonders an den Berührungszonen der einzelnen

Gebiete eine beträchtliche Lockerheit des Gefüges. Nur so kann der

Organismus die starke Reibung dort und hier die lose Verknüpfung

ertragen.

Wo immer man eine Bevölkerungsgruppe abtastet, wird man an ihren Grenzen

finden, daß sie zerfasert und allmählich oder verzackt in andere Gruppen

überfließt. Dort, an den Grenzschichten, findet man diese elastischen

und beweglichen Elemente. Im Inneren der Gesellschaft füllen sie als

Zwischenhändler, Kommissionäre usw. vorhandene Lücken aus und

überbrücken sie; an den freien Außenflächen aber vermögen sie sich zu

entfalten und blühen aus als Künstler, Gelehrte, Propheten, oder

entwickeln sich zu Feinden und Verbrechern – je nachdem die Verhältnisse

gelagert sind und je nach dem, was die bestehende Form mit diesen

Gliedern anzufangen weiß, –: bis fortschreitende Entwicklung vielleicht

gerade von diesen Zonen aus neue und umwälzende Mittelpunkte zur Geltung

bringt.

Darum ist auch eine andere Betrachtung der Gesellschaft möglich: im

Gegensatz zu den starren und durchkonstruierten Teilen der Maschine

stellt jenes schmiegsame Milieu das Bewegliche, Gärende und so das

Lebendige dar, das zeugt und stirbt. Man kann also das Geordnete als

gegeben und nicht weiter anregend statistisch aufnehmen: in den

Zwischenschichten aber das fruchtbare und fortbildende Element

untersuchen: den Ausgangspunkt der Entwicklung – und vielleicht besteht

der wesentliche Teil praktischer Innenpolitik im Versuch der Erkenntnis

und richtigen Voraussicht, im Auffangen der so bedingten Verschiebungen.

–

Der Sprachgebrauch wird diese abseits des stabilen Kreislaufs wirksamen

Existenzen als Außenseiter bezeichnen. Der Außenseiter ist demnach kein

aus der Bahn geschleudertes Individuum, sondern ein der Gesellschaft und

jeder noch nicht verknöcherten Gesellschaft notwendiges Milieu.

Zwangsläufig wird der einzelne in diese Schicht getrieben; zum Teil,

weil er den benachbarten Stabilisierungstendenzen weniger geneigt und

von ihnen abgedrängt wird, zum anderen Teil, weil die vorhandene Lücke

von irgendwoher ihn ansaugt. Selbstverständlich wird eine gewisse

Auslese der Charaktere stattfinden, aber ebenso sehr erwartet das Milieu

den Menschen! Die Idee der Gesellschaft allein setzt schon als gegeben

den Außenseiter; die Art ihres Aufbaues bedingt die Rolle, die er zu

spielen hat, und so, wie sie der vorhandenen Lage entspricht, wird jener

fördernd oder auflösend oder erneuernd wirken.

Aber, was stetig sich ändert, verschiebt und anpaßt, wird nie der Idee

entsprechen; bestenfalls ist es ein Angleichen, das Reibungen, Härten

und Stöße nicht ausschließt: sondern aushalten muß. Diese

Erschütterungen möglichst bald abzufedern – im Interesse des Ganzen –

ist nötig und die Wirklichkeit ist nicht wählerisch in den Mitteln.

Der Außenseiter erfüllt eben eine Lücke, die besteht und Erfüllung

fordert; erst sekundär erweist sich die Wirksamkeit des neuen Gebildes

für die weitere Gestaltung des Ganzen.

* * * * *

Eine der kompliziertesten Arten des Außenseitertums ist die politische:

von den überragenden Köpfen, die zwischen und über den Parteien und

Völkern stehen, zu den vaterländischen Märtyrern und den Verbrechern,

die mit Raub und Erpressung arbeiten, von da wieder zu den Fälschern,

Schwindlern und politischen Hochstaplern sind schwebende Übergänge

vorhanden. Diese Verhältnisse zu erörtern, wäre eine langwierige Arbeit

für sich, die hier nicht in Betracht kommt.

Der vorliegende Fall spielt im Jahre 1919, und um diese Zeit (kurz nach

dem Zusammenbruch und vor der Organisation und Politik der Geheimbünde)

herrschten in Deutschland Zustände, die mit denen vor dem Krieg und

entsprechenden Parallelen wenig Verwandtschaft haben. Selbst heute hat

sich schon so viel geändert, daß es am geratensten ist, das damalige

Chaos und seine Entstehung zu schildern – auf die Gefahr hin, Bekanntes

zu wiederholen.

Der Krieg.

Das kurzsichtige Zusammenspiel etwa eines Dutzends sich hintereinander

versteckender Männer hatte im Jahre 1914 die Länder Europas an einen

Abgrund gebracht, vor dem sie nicht mehr zu retten waren. Im August

setzten die Kriegserklärungen ein: da ergriff alle Kreise der

Bevölkerung ein Zustand unpersönlicher Erregung, ein Gefühl der

Befreiung und ein Drang, sich zu opfern.

Nur wenige vermochten, sich diesem Zwang zu entziehen: solche, deren

persönliche Welt vom Ganzen des Volkes gelöst und in kosmopolitischer

Seinsart verankert war: sie schwiegen damals, wie sie heute und immer

tun; und, wenn sie gesprochen hätten, hätte es niemand vernommen.

Solche, die aus überzeugter Gegnerschaft zum bestehenden System und

seiner Politik protestierten: und diese wurden eingesperrt. Die anderen

alle waren im Strom.

Alle! Und es ist unrecht, den heutigen Sozialisten, Internationalisten

und Pazifisten vorzuwerfen, daß sie es waren; viel eher wäre berechtigt,

denen, die, ängstlich an Halme und Balken sich klammernd, in der Heimat

verblieben, ihren Mangel an Gemeinsinn nachzutragen. Das ganze Volk war

einig, die Atmosphäre war zu drückend gewesen, als daß sie nicht jeden

ergriffen hätte!

Dies Bild änderte sich erst mit der Zeit: Im Herbst bereits konnten

Verständige sehen, daß der Krieg lange dauern würde und durch Siege

allein nicht zu gewinnen war. Doch die Verständigen schwiegen und

dienten: Man war Soldat (– und der Krieg wurde daran verloren, daß man

zuviel Soldat war!).

Die großen Siege von 1915 und 16 rissen das Geschehen ins Grandiose; und

verwischten den Blick. Das Ausmaß der Ereignisse war so übermenschlich,

daß die Möglichkeit einer Niederlage zu grauenvoll war, um ihren

Gedanken zu wagen. Es mußte das Letzte geopfert werden zu irgendeinem,

zum möglichen Ziel: die Männer, die 1914 gebangt hatten vor der Schwere

der übernommenen Bürde, sahen, daß nur das Äußerste, das Unmögliche sie

rechtfertigen konnte: Siegfrieden; es mußte gesiegt sein, sonst war

alles verloren! Schon das Zurück überlegen war ein Verbrechen und dessen

Folgen mußten furchtbar sein! –

[Anmerkung zur Transkription: Facsimile eines Flugblattes.]

Wir

müssen siegen!

Am kommenden Sonnabend, abends 8 Uhr

große öffentliche Versammlung

im Harmoniesaale

Wir fordern:

Krieg bis zur siegreichen Entscheidung!

Wir wollen:

den Frieden der Sicherheit,

den Frieden, der unserer Toten wert ist!

Wir verlangen:

Rückerstattung der Kriegskosten,

militärische und industrielle Sicherungen, besonders der

Westfront,

koloniale Berichtigungen!

Wir fordern unsern Platz auf der Welt!

Durchhalten!

Aushalten!

Maul halten!

Wir müssen siegen!

Deutsche Vaterlandspartei.

Der Ortsvorstand.

Die Mehrheit der Bevölkerung, besonders die Truppe, trug den Krieg wie

einen Beruf: sie wälzte Verantwortung auf die Höheren ab, erfüllte stumm

ihre Pflicht und schonte sich nicht. Selbst in den Kreisen hinter der

Front, die man nicht immer lobend erwähnte, blieb bei aller lokalen

Verlottertheit kein Appell ohne Wirkung; man war nicht mehr begeistert,

wie in jenem August; und mußte nicht unbedingt an der Spitze sein: doch

war man jederzeit bereit, wenn nötig, das Letzte zu geben.

Es gab keine Außenseiter, es gab keine Beweglichkeit! Sicher, die

Kriegswirtschaft arbeitete mit ungeheuren Verlusten und Spesen, aber sie

funktionierte und – wenn man tausendmal manches hätte ändern und bessern

können: ohne die Versteifung und Verstählung um einen einzigen Kern ging

es nicht! Wenn nicht dieser ganze Staat eisern und ehern _eine_ Maschine

war, ohne Reibung und ohne Leerlauf nur Härte: dann war heiler Ausgang

unmöglich.

Wenn er überhaupt möglich war! – Es ist für die Einheitlichkeit der

nationalen Bewegung beweisend, daß Widerspruch gegen den Krieg erst dann

weitere Kreise zog, als Männer an exponierten und orientierten Plätzen

die Möglichkeit des Sieges verneinten und jedes weitere Opfern als

unnütz und die Lage verschlimmernd zu erkennen glaubten; und hier fand

der entscheidende Bruch in der Psyche während des Krieges statt: die

einen sagten: „Wir können nicht zurück!“ und bissen die Zähne

ineinander; die anderen fühlten: „Wir müssen zurück!“ und schwiegen; und

warteten auf den besseren Augenblick. _Beide fühlten sich schuldig._

1918.

Die Begeisterung jenes heißen Augusts war mit den Jahren ernster

Gefaßtheit gewichen; 1918 wandelte sie sich in beengenden Druck. Man

wußte, daß man nicht siegen konnte; man wußte, daß die leichten

Möglichkeiten zum Frieden vorüber waren; man wußte, daß zuviel

unwiederbringlich vorüber war und fühlte sich angstvoll und unfrei.

Jedenfalls, die Verantwortlichen taten nichts, einen Ausweg zu finden:

wie gelähmt folgten sie der Entwicklung, und selbst die erkannte

Wahrheit vermochte keinen Entschluß zu reifen.

Und unverantwortlich waren nur die niedrigsten Gruppen: die einfachen

Soldaten und die in der Kriegsindustrie zusammengepferchten Arbeiter,

das hungernde Volk! Gerade die Masse dieser Unverantwortlichen – die

gehorchte und litt im Vertrauen auf den Erfolg – gerade dieses Vertrauen

forderte entscheidende Tat ... Aber man war schon zu weit! So hofften

die einen auf allgemeine Zermürbung, die anderen bangten vor der

erkannten Gefahr; beide hielten sich dadurch aufrecht, daß sie ihre

individuelle Pflicht erfüllten.

Dabei war das System nur für den Sieg gebaut! Jede andere Lösung war

unerträglich; das Letzte war auf die einzige Karte gesetzt! Die ganze

Maschine des Staates war derart überkonstruiert und versteift, daß sie

die geringste Abweichung weder ertragen, noch überstehen konnte; sie

mußte springen. –

Man spricht von Unterwühlung der Front und nennt die paar Streiks, die

paar Meutereien, nennt die wenigen Namen, die während des ganzen Krieges

ungehört widersprochen hatten: man suche nicht Sündenböcke! Zuerst

wollte, dann mußte man siegen; für den Fall, daß der Sieg ausbleiben

würde, war nicht gesorgt ... und hätte man dafür gesorgt, dann war keine

_Aussicht_, zu siegen. Es war eine Zwickmühle. Der Krieg war eben

verloren und war dadurch verloren, daß er zu lange Möglichkeit zeigte,

gewonnen zu werden.

Dies ist eine Tragik, kein persönliches Verschulden; und vor der Größe

dieser Tragik wird alles belanglos, was man an Fehlern nach links und

rechts aufdecken kann. Man erhebt als plausibelsten Vorwurf den: im

Jahre 1918 selbst sei die Beilegung des Krieges so lange verzögert

worden, bis man den Waffenstillstand in wenigen Stunden haben _mußte_.

Aber, während periphere (koloniale) Kriege im Verlustfalle gleichgültig

sind, im Gewinnfalle höchstens mit der Krönung des siegreichen Feldherrn

enden, enden zentrale (Erschöpfungs-) Kriege im Verlustfall mit dem

Sturz des Systems. Um die bestehende Ordnung zu erhalten, mußten die

verantwortlichen Leiter, als die Stützen und Träger des herrschenden

Systems, alles versuchen, um den Krieg nicht offensichtlich zu

verlieren. – Doch er war schon verloren!

Der November.

Im August waren die letzten Offensiven gescheitert; im September-Oktober

erlahmte der Widerstand; Bulgarien, Österreich schieden aus, und in

diesem höchsten Moment zeigt sich nochmals der ganze Zwiespalt: viele

Demokraten forderten die nationale Verteidigung, viele Nationalisten das

sofortige Ende! Die Patrioten waren geteilt und, ehe sie sich einigen

konnten, erfolgte um sie herum der Zusammenbruch, ... in dem der Sturz

der Monarchien kaum mehr vernommen wurde. Die überbeanspruchte Maschine

zersprang an ihrem Mangel an Elastizität.

Heute nennt man es Revolution und rechnet es sich als Verdienst oder

Schande; doch:

Revolutionen entbrennen in einem müden und untergrabenen System

plötzlich, blutig und breiten erobernd sich über das Land aus. In diesem

Falle krachte der ganze Mechanismus des Bestehenden in einem Augenblick

völlig und überall zusammen. Über den Trümmern wehte keine Fahne, die

vorwärts ruft, keine Idee stand vor den Massen; es war nichts

Schöpferisches und Freudiges da, nur Panik. Es war eben keine

Revolution, es war einfach Zusammenbruch, Entsetzen und Chaos, débâcle.

So leicht es ist, sich eine solche Erscheinung mechanisch vorzustellen,

so schwer ist es, sie psychologisch zu durchschauen. Daß innerhalb

weniger Stunden und Tage durch das ganze Gebiet des Landes bis in den

kleinsten Betrieb hinein die bestellten Leiter verschwanden und flohen

und jegliches Ruder ohne Führung war! Aber, man muß sich erinnern, wie

die Entwicklung des Krieges sowohl den Unentwegten wie den Defaitisten

ein gewisses Schuldbewußtsein brachte, ein schlechtes Gewissen, das sie

nicht froh werden ließ, eine Angst vor dem Morgen – ganz wenige nur

besaßen den Patriotismus oder die Schamlosigkeit, sich weiterhin zur

Verfügung zu stellen und zur Rettung des Ganzen zu drängen. Die anderen

verstummten und überließen das Feld der unendlichen Flut: den Arbeitern

und Soldaten.

Diese, die bisher Unverantwortlichen, sahen plötzlich die Gesamtheit des

Vorhandenen in ihrem Bereich; doch anstatt darüber herzufallen,

erkannten sie eine Verpflichtung und versuchten, ihr Folge zu leisten.

Die Patrioten.

Man darf in unruhigen Zeiten nicht nach dem urteilen, was geschrien und

geschrieben wird; man muß nach den Tatsachen fragen: es wurden Arbeiter-

und Bauern-, Bürger- und Soldaten-, sogar geistige Räte gebildet, die –

zu erhalten suchten!

Wenn ein ausgehungertes und entnervtes Volk zusammenbricht, erwartet man

Plünderung und Zerstörung. Selbstverständlich wurde geplündert; aber

zerstört wurde fast nichts; vor die Maschinen stellten sich schützend

die Arbeiter, vor die Museen und Wertbesitzer die Räte: man wollte

erhalten. Leicht ist es heute, über den Wust unnützer Debatten und

wirkungsloser Beschlüsse zu lachen: die Leute, die damals sich Mühe

gaben, waren sehr gute Bürger, die ihr Vaterland liebten und versuchten,

möglichst vieles zu retten. Daran ändern Zitate nichts und nichts

Geringschätzung, denn sie haben’s geschafft. Als alle bis dahin

bestehende Ordnung zerbrach, vermochten sie es, den Bestand zu erhalten.

Aber weiter vermochten sie nichts.

Verblüffend ist die Sorgfalt, mit der die Räte einschneidende Maßnahmen

zu umgehen suchten, Wahlen ausschrieben für eine verfassunggebende

Versammlung, und solcherart selbst ihre Wirksamkeit als vorübergehende

und rein abwickelnde bezeichneten – dabei waren sie in diesen Wochen die

einzige vollziehende und verwaltende Macht! Es ist einfach erstaunlich,

mit welcher Sorgfalt dies zu Boden geschmetterte Volk sich zu bewahren

suchte, – es muß wirklich kein Funken Revolutionsdrang in diesem Volke

vorhanden gewesen sein – der kleinste Anstoß müßte genügt haben, das

ganze Feld zu entflammen! –

Man kann bestreiten, ob dieses Erhalten klug war; viele werden

behaupten, daß eine schmerzliche Operation besser ist als eine lange

Krankheit – und, wenn man bedenkt, daß heute (1924) die Herstellung des

Friedens noch nicht gelungen ist, mag man noch mehr mit dem Urteil

zögern. Trotzdem bleibt die Art, wie diese Männer die Liquidation

_dieses_ Krieges und die Erhaltung des toten Bestandes fertiggebracht

haben, ein Phänomen der Geschichte.

Ihr Verdienst wird nicht dadurch geschmälert, daß ihnen die Errichtung

einer neuen Staatsmaschine mißlang; denn die Auflösung des alten Systems

war derart völlig und katastrophal, daß weder in Handel noch in

Produktion, weder in Verwaltung noch in den Gebieten der öffentlichen

Sicherheit irgendwelche leistungsfähige Organisation verschont war. Es

mußte alles neu aufgebaut werden.

Die Gegner.

In den Novembertagen gab es eigentlich nur mehr Einzelne und zufällige

Anhäufungen von Einzelnen: auf den größten dieser zufälligen Anhäufungen

(dem Heer und den Arbeitermassen in den Betrieben) baute sich die erste

Struktur auf. Es entstanden Richtlinien und damit die Schwierigkeit des

Richtens: jeder Fortschritt mußte gegen den Widerstand des

desorganisierten Einzelnen überwunden werden.

Doch darüber hinaus gaben die neuen Richtlinien zu Widerspruch Anlaß:

die einen versuchten, wenn nicht die alte Regierungsform zu erhalten, so

doch die Macht den Machtträgern des alten Regimes zuzuschieben. Die

anderen wollten, wenn man schon aufbaut, einen von Grund aus neuen und

verbesserten Bau – selbst, wenn es nötig war, vorher noch mehr zu

zerstören. Beide warfen dem sich bildenden Staate die Charakterlosigkeit

des feilschenden Maklers vor, die Angst um den billigsten Mittelweg.

Nun soll ja Politik die Kunst des Möglichen sein: aber in einem

Trümmerfeld darf man nicht Politik verlangen, selbst wenn ein paar der

Stücke Kristallisationskraft besitzen. Man muß auch bedenken, daß die

rivalisierenden Kräfte sich gegeneinander organisierten und Tag um Tag

die Möglichkeit sahen, sich durch Gewalt in den Besitz der wenigen

Herrschaft zu setzen, die da war. Was die Arbeit und das Erbe der Räte

bedeutsam macht, ist, daß es sich bis heute erhielt und durchsetzte;

nicht: daß damals schon vorhanden war, was es ausgezeichnet hätte.

Drei feindliche Richtungen bekriegten sich auf einem Meere von

Unordnung. Aber man darf die Zahl der zuverlässigen Anhänger nicht

überschätzen; die Richtungen selbst haben sich erst allmählich gefestigt

und durchgesetzt.

Der damalige Zustand ist etwa auf die Formel zu bringen: Jeder sein

eigener Patriot; nach seinen Kräften. Wer einen Mund hatte, brüllte; wer

eine Faust hatte, schlug. Der Besitz eines Maschinengewehrs war mehr

wert als der einer Überzeugung; und, da die Verständigen ohnmächtig und

ratlos verstummten, hatten’s die Dummköpfe leicht, laut zu sein. Sie

fühlten sich sogar dazu berufen und angestellt.

In solchem Zustand wiegen die Köpfe nicht, da gilt ein Temperament

alles, und die Temperamente kamen:

Die Unruhigen: Abenteurer, Wichtigtuer, Projektemacher, Querulanten; Die

Phantasten: Fanatiker, Propheten, Halbirre, Ekstatiker; Die Schmarotzer:

Intriganten, Hanswurste, Schmeichler, Faulenzer: eine wogende Masse, die

brodelnd aufgerührt wurde und haltlos hin- und herschlug. Dazu kam die

Unzahl derer, die aus Trägheit oder Gelegenheit leichtem Unterhalt

nachging und dem nächsten sich anschloß; und endlich der

unzuverlässigste unter allen Machtfaktoren innerpolitischer

Auseinandersetzung: die, deren Stellungnahme in einer Stunde wechselt

und unvorhergesehen entscheiden kann; die Legion derer, die ihrer Art

nach Soldaten sind und gehorchen und siegen wollen, das Heer!

Drei hauptsächliche Richtungen, eine Anzahl Querköpfe auf eigene Faust,

eine Unzahl von Mitläufern und ein desorganisiertes Heer: das waren die

Figuren des damaligen politischen Spieles – abgesehen von ein paar

Führern und ihrem organisierten Anhang unverantwortliche Außenseiter,

wucherndes Fleisch, dessen Aufsaugung der Republik bis heute nicht

gelang.

Der Bürgerkrieg.

Seit 1919 lebt Deutschland im Bürgerkrieg. Daß immer mehrere sich

zusammentaten, um den anderen zu schlagen, und, daß die Republik immer

bei den mehreren war und so anscheinend erstarkte, ändert nichts an der

Sache. Ebensowenig die Feststellung, daß nicht an jedem Tage an jedem

Orte geschossen wurde. Denn: wer alle Schießereien, Morde, Prozesse

aneinanderreiht, erhält trotzdem einen ununterbrochenen Kriegsbericht,

der es mit irgendeinem historischen Krieg aufnehmen kann.

[Anmerkung zur Transkription: Facsimile eines Flugblattes.]

Offiziere der

7. Kavalleriedivision!

center.u Für Recht! Für Gesetz! Für Ordnung!

Setzt euch in Beziehung mit euren Kameraden

fürs Vaterland!!!

Der Bürgerkrieg wird von mehreren, äußerlich kaum unterscheidbaren

Teilen eines Volkes geführt; von Leuten, die Mut haben und von ihrem

Recht überzeugt sind. Sie halten die Anderen für Schufte, Verräter und

Verbrecher: weil nur dieses Urteil den Totschlag von Volksgenossen

verantworten kann. Der Rest der Bevölkerung versucht ängstlich seinen

Besitz zu wahren, und sei es auf Kosten der Nachbarn oder des Ganzen –

um morgen vielleicht doch arm zu sein. Politische und wirtschaftliche

Zerrüttung: die Ereignisse der letzten Jahre bestätigen das.

Die Tatsache, daß der Feind äußerlich nicht erkennbar und räumlich nicht

getrennt ist, schafft eine Atmosphäre des Mißtrauens und der

Unsicherheit, die zugleich mit der Verachtung des Gegners die Schärfe

des Kampfes und seine Brutalität erklärt. Dazu kommt, daß die Lage in

Deutschland die Folge eines Zusammenbruchs ist. Die ganze vorher

geschilderte brodelnde Masse schiebt sich hinter und zwischen die

Parteien und derselbe Zusammenbruch, der jenes unorganisierte Milieu

schuf, zwingt die Parteien, sich seiner zu bedienen; und es wird Träger

der Politik und ihrer Bestrebungen. Das Verantwortungslose ruft sich aus

zum System.

Der Spitzel.

Für den Naiven besteht die Historie aus Schlachten und Morden: Dingen,

die mit Krawall in die Welt gesetzt werden und durch ihren Krach

überzeugen. Die Erinnerung des großen Krieges zeigt, daß Leisetreten

auch wirksam ist: daß Aufklärung und Propaganda, Kredite, Fehler des

Gegners, nicht zuletzt Ideen und Lügen das Schicksal der Völker

entscheidend zu beeinflussen vermögen; das Hinter- und Unter-der-Front

ergibt erst die Strategie.

– Jeder Staat und jede Partei verfügt über Nachrichten- und

Propagandadienst, hat Interesse für Verrat und Provokation. In normalen

Zeiten verwendet man dazu möglichst ausgesuchte Leute, die mit aktiver

Spionage arbeiten oder mit bezahltem Verrat; eventuell über

Mittelmänner. Die Zwischenschicht des Spitzels ist, wie bei jeder

stabilisierten Gesellschaft die Zwischenschichten, dünn und einflußlos.

Von dem seltenen Spion aus Vaterlandsliebe und Opferwillen abgesehen

gibt es eine kleine Clique von Internationalen, unter denen echte und

falsche Nachrichten für mehr oder weniger Geld käuflich sind.

Diese kommt für den Bürgerkrieg kaum in Betracht: der Boden ist heiß und

die Chancen sind gering. Außerdem sind die Erfordernisse ganz andere. In

der ruhigen Politik handelt es sich meist darum, Geheimnisse und

Geheimgehaltenes zu erfahren oder zu verbergen: Arbeiten, die auf lange

Sicht unternommen werden. Hier aber schafft jeder Tag neue Situationen.

Zuerst sind schon die Parteien nicht fest orientiert; Gruppen und

Grüppchen bilden sich, lösen sich auf; viele handeln auf eigene Faust:

und es ist schwer, orientiert zu sein, was von Belang ist. Zudem stehen

hinter den Leuten Waffen, die nicht in Jahren, sondern morgen schon

losgehen können. Das schafft eine Erregung, in der jeder geordnete

Nachrichtendienst versagt; da erwacht das Gerücht in seiner gefährlichen

Unkontrollierbarkeit.

[Anmerkung zur Transkription: Facsimile eines Flugblattes.]

Genossen! Vorsicht!

Spitzel!

1,67 groß, untersetzt, beweglich; aschblondes

Haar, dto. Schnurrbart, Rundschädel, starke

Backenknochen, eher Stupsnase, unruhige

graubraune Augen, schlechtes Gebiß, im

Oberkiefer einige Zähne fehlend.

Gefälschte Ausweise des Spartakusbundes;

Namen wechselnd.

Spitzel!

Genossen! Vorsicht!

Jedes Ohr neigt jedem Mund sich zum Horchen. Jeder, der mit Leuten

verschiedener Parteien verkehrt, kann in die Lage des Zwischenträgers

und seine Not kommen. Es ist eine ununterbrochene Skala von den

Plauderern zu den Bezahlten, von den Gutgläubigen bis zu den

beauftragten Provokateuren.

Wo Spitzel sind, da herrscht Spitzelangst; da alle Wasser trüb sind,

fischt man mit groben Netzen: Aushorchen, Erpressung, Verhaftungen und

Mißhandlungen, Haussuchung, Raub und Mord sind die Mittel, und ein Heer

von Zwischenträgern und Achtgroschenjungs lebt davon; der Feind macht’s

ebenso, und nun werden Verräter entlarvt, wird über Verbrechen und

Provokation gestritten, Urheberschaft sich in die Schuhe geschoben und

sich beschimpft: bis kein Mensch mehr weiß, wer was wirklich veranlaßt

hat. Berufsmäßiges Verbrechen mischt sich ein; Desordre – und jeder

schwört auf seine Meinung wie zuvor.

Nach der Psychologie dieses Spitzels zu fragen ist müßig. Sie ist zu

verschieden; selbst die Bezahlten sind in keiner Weise ein Typ. Sie

kommen durch Zufall zu diesem Erwerb, und einmal im Zuge, gleiten sie

weiter; sie nehmen das Geld, oft von beiden Seiten, und haben meist gar

nicht vor, dafür Arbeit zu leisten; es wird gelogen, gedichtet und

provoziert: wahllos und ohne Hemmungen – wie es eben geglaubt, gewünscht

und bestellt wird. Alles an diesen Leuten ist falsch; sie kennen nicht

Freund noch Feind; nur Betrogene – und wahrscheinlich ohne darüber klar

zu sein: ein zerstörender Zustand der Demoralisation. Bei dem vielleicht

viele nicht wissen, wie sehr sie daran Anteil haben.

Denn es ist unrichtig, einzig dem Zusammenbruch und der dadurch

bedingten Verwirrung die Schuld zu geben. Die Verantwortung liegt viel

mehr bei denen, die – anstatt mit allen Mitteln gegen das verwahrloste

Außenseitertum einzuschreiten – sich nicht scheuten gerade die

minderwertigsten Elemente für ihren Zweck zu engagieren; sie liegt bei

denen, die den Lockspitzel anstellten und ihn bezahlten.

Der vorliegende Fall wird genügend Einblick in diese Zustände geben!

DIE ANKLAGE.

Vorgeschichte.

Am 7. August 1919, vormittags 9 Uhr, wurde vor dem Hause

Königin-Augusta-Straße 31 zu Berlin eine männliche Leiche aus dem

Landwehrkanal geborgen; der Körper war bis auf Schuhe und Hut völlig

bekleidet; die Beine waren in eine um die Knie verknotete graue Decke

gewickelt; eine hanfene Waschleine verband beide Knie und hielt sie an

den Hals gezogen, wo sie in einer Schlinge endete; die Arme waren frei.

– Der Gerichtsarzt nahm Selbstmord an.

In der Tasche des Toten wurde ein Gepäckschein, auf den Anhalter Bahnhof

lautend, gefunden; die Koffer wurden abgeholt: deren Durchsicht ergab

Papiere, die auf den landwirtschaftlichen Inspektor Karl Blau

ausgestellt waren.

Dieser Mann war der Polizei als politischer Spitzel persönlich bekannt;

die Leiche wurde identifiziert. Aber gerade die Beschäftigung des Toten

mußte die Möglichkeit eines Verbrechens nahelegen. Nachuntersuchung

wurde angeordnet.

Gerichtschemiker Dr. Brüning führte sie aus; ihm erschien die

Halsschlaufe zu weit, das Fehlen der Schuhe nicht selbstverständlich;

ohne sich zu entscheiden, wollte er gewaltsamen Tod nicht ausschließen.

– Es dauerte mehrere Wochen, bis ein Resultat weiterer Nachforschungen

bekannt wurde. Die Nachtzeitung (Nr. 200 der Deutschen Abendzeitung, 6.

Jahrg.) brachte am 27. August 1919 folgende Meldung:

Der Mörder des Inspektors Blau verhaftet.

Wie uns aus _Königsberg_ gemeldet wird, wurde dort der _Landarbeiter

Max Leuschner_ aus Berlin, der als einer der Hauptbeteiligten an dem

politischen Morde des Inspektors Blau in Betracht kommt, von der

Königsberger Kriminalpolizei in der Wohnung des _Kommunisten Lang_,

wo er sich unter falschem Namen verborgen hielt, _verhaftet_.

Andere Nachrichten folgten:

B. Z. am Mittag, Nr. 195, am Freitag, 29. August 1919:

Die Mordaffäre Blau.

Der als Haupttäter an der Ermordung des Landwirtschaftsinspektors

Blau verdächtige, in Königsberg festgenommene Lederarbeiter

Leuschner ist von den Berliner Kriminalbeamten, die die Verhaftung

bewirkten, _nach Berlin gebracht_ worden. Im Polizeipräsidium wurde

heute mit dem _Verhör_ Leuschners begonnen. Die beiden

Kriminalkommissare Trettin und Dr. Riemann sind mit der Ermittelung

dieses Falles betraut worden. Leuschner gibt zu, daß er unter

falschem Namen in Königsberg gewohnt hat. Er sei von Berlin aus nach

Königsberg gegangen, habe dort bei einem Gesinnungsgenossen

Unterschlupf gefunden und auf die Gelegenheit gewartet, nach

Russland durchzukommen. Er gibt auch zu, die Versammlung, die am 1.

August in der Mittenwalder Straße in Berlin stattgefunden hat,

geleitet zu haben. Dabei habe er den Blau nach seinen Papieren

gefragt und diese geprüft. Die Vernehmung ist zur Stunde noch nicht

abgeschlossen.

Freiheit, Nr. 432, am Montag, 8. September 1919:

Der Tod des Inspektors Blau.

Darüber berichtet eine Lokalkorrespondenz: Der Lederarbeiter _Max

Leuschner_ wurde gestern dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Er

wird der Anstiftung zur Ermordung Blaus beschuldigt. Leuschner

erklärte, daß er von der Tat nichts wisse und auch über die Täter

nichts sagen könne, doch hat die Untersuchung ergeben, _daß er als

Versammlungsleiter den Befehl erteilt hat, Blau umzubringen_. Er

gibt an, daß ihm an dem Abend in der Versammlung aufgefallen sei,

daß Blau zwei Finger der rechten Hand fehlten. Als er nun in der

Zeitung gelesen habe, daß im Landwehrkanal die zusammengeschnürte

Leiche eines zunächst unbekannten Mannes gelandet worden sei, dem

die beiden Finger fehlten, habe er sich gleich gesagt, daß es sich

um Blau handeln müsse. Nun packte ihn die Angst. Wie er selbst sagt,

sah er sich schon in Untersuchungshaft und traf sofort

Vorbereitungen zur Flucht. Er fuhr nach Königsberg, um dort auf

Papiere zu warten, die ihm die kommunistische Zentrale zusenden und

die ihm ermöglichen sollten, über die Grenze nach Rußland zu

fliehen. Die hiesige Kriminalpolizei hatte jedoch seine Spur

verfolgt, seinen Aufenthalt in Königsberg ermittelt und die dortige

Kriminalpolizei aufmerksam gemacht, die ihn dann festnahm, bevor er

noch seinen Plan verwirklicht hatte. Der Plan, berichtet weiter die

Korrespondenz, Blau umzubringen, ist, wie die Feststellungen der

Kriminalpolizei ergeben haben, in München gefaßt worden. Zuerst

wollten die Spartakisten den ihnen lästigen Spitzel nach Wien locken

und ihn dort beiseite schaffen. Schließlich entschied man sich aber

für Berlin. Der 27 Jahre alte, aus Hötensleben gebürtige

Möbelzeichner Franz Herm lockte Blau von München nach Berlin und

führte ihn in die Versammlung, in der sein Tod beschlossen wurde. In

dem dringenden Verdacht, das Todesurteil vollstreckt zu haben, steht

der 22 Jahre alte, aus Arnswalde gebürtige Schlächtergeselle Hermann

Dahms, der zuletzt in Berlin wohnhaft war und ebenso wie Herm

flüchtig ist. Auf beide wird jetzt eifrig gefahndet, doch gelang es

bisher noch nicht, ihren Aufenthalt zu ermitteln.

Es verlautbarte noch, daß Leuschner in Ostpreußen sich durch

unvorsichtige Äußerungen auffällig gemacht und dadurch die Verhaftung

ermöglicht hatte.

Das Ergebnis vierwöchiger Ermittlung war demnach folgendes:

1. die Identifizierung der Leiche und die Erkennung des Todesfalls als

Verbrechen,

2. die Verhaftung eines Mannes, der mit Blau in Beziehung stand und

Anlaß zu haben schien, diese Tatsache zu verheimlichen.

* * * * *

Die Umgebung, in der die Ereignisse dieses Prozesses spielen, bringt es

mit sich, daß jede Aussage zweifelhaft wird. Schon ist es fast

unmöglich, Beteiligte und Zuschauer scharf zu trennen, noch schwerer

scheint es, den Wahrheitsgehalt einer Mitteilung klar zu bekommen;

unvermeidlich wird man in Voreingenommenheit und Konstruktion verfallen.

Es ist nun leichter, einen Standpunkt als Standpunkt zu wechseln, als in

der Dauer schwieriger Diskussionen alle Parteilichkeit zu vermeiden: es

ergreife also der Staatsanwalt das Wort.

Der Ablauf eines Schwurgerichtsverfahrens bis zur Verhandlung ist etwa

folgender:

Zuerst erfolgen Nachforschungen der Kriminalpolizei und Feststellung

verdächtiger Personen. Die Schwere der Beschuldigung wie der belastenden

Anzeichen und die Wahrscheinlichkeit der Flucht oder Verdunklung

bedingen den vorläufigen Haftbefehl.

Die körperliche Folter ist der modernen Gerichtsbarkeit nicht gestattet;

falls man nicht die endlos sich dehnende Untersuchungshaft mit ihrer oft

völligen Absperrung, die Tage und Nächte währenden Befragungen mit ihren

Bluffs und Tricks für solche halten mag. Denn das Prinzip der

Untersuchung ist sich natürlich gleichgeblieben: hat man erst einen, der

sicher wenigstens etwas weiß, so läßt man ihn erst, wenn er sichtlich

alles gestand. Bald oder später, einmal wird jeder mürbe.

So addieren sich zu neuen Tatsachen Geständnisse, deren Auswertung

wieder Tatsachen fördert; bis ein zweiter Beteiligter festgestellt ist,

ein dritter, und schließlich das Bild der Geschehnisse sich entschleiern

läßt.

Das Resultat dieser Ermittlungen wird in der Anklageschrift

zusammengefaßt und dem Beschuldigten zugestellt, dessen Anwalt in einer

Schutzschrift dazu Stellung nimmt.

Nach Maßgabe der in beiden Ausführungen niedergelegten Beweiskraft

entscheidet das Gericht (die Strafkammer des Landgerichts) in

nichtöffentlicher Verhandlung über die Eröffnung des Hauptverfahrens.

Der Beschluß wird abermals allen Beteiligten zugestellt. Sobald die

Untersuchung zu einem vorläufigen oder endgültigen Abschluß gelangt ist,

wird die Verhandlung über die festgestellten Reate anberaumt. Erst in

der Verhandlung treten die Geschworenen auf; bis dahin läuft der

Gerichtsweg zwischen Staatsanwalt, Beschuldigtem, Verteidiger und den

von Amt bestimmten Richtern.

Bei allen Eingaben ist die

nachstehende Geschäftsnummer

anzugeben.

Geschäftsnummer:

2 c J. 2691. 19 155.

In der Strafsache

gegen Fichtmann und Gen.

wegen Mordes

wird Ihnen die Anklageschrift in der Anlage mitgeteilt. Für den

Fall, daß Sie die Vornahme einzelner Beweiserhebungen vor der

Hauptverhandlung beantragen oder Einwendungen gegen die Eröffnung

des Hauptverfahrens vorbringen wollen, werden Sie aufgefordert, Ihre

Anträge oder Einwendungen innerhalb einer Frist von 5 Tagen entweder

schriftlich einzureichen oder zum Protokolle des Gerichtsschreibers

zu erklären.

Die Rechtsanwälte Liebknecht, N 4, Chausseestr. 121 und Dr.

Weinberg, C 2, Klosterstr. 65, sind von Ihnen zu Verteidigern

gewählt worden.

Berlin, den 27. Mai 1920.

NW 52, Turmstr. 93.

Das Landgericht II Strafkammer 5.

Der Vorsitzende

gez. Scheringer.

Beglaubigt

Nogolin, Rechnungsrat,

als Gerichtsschreiber.

Der Erste Staatsanwalt

beim Landgericht II.

2 c. J. 2691/19

151

Berlin, den 25. Mai 1920.

NW 52, Rathenower Str. 70.

Haft- und Schwurgerichtssache!

Anklage.

1. Der Lederarbeiter (Schankwirt) Max _Fichtmann_ aus Berlin, Bd. VI

Parochialstraße 35, zur Zeit in der Strafanstalt Brandenburg a. d. Bl. 95

H. in Sachen 67 J. 2899/19 Staatsanwaltschaft I Berlin in Strafhaft,

geboren am 22. November 1899 Berlin, mosaisch, unverheiratet,

vorbestraft (Strafregisterauszug folgt),

2. der Kaufmann (Verkäufer von Broschüren) Erwin _Hoppe_ aus Berlin, Bd. V

seit 13. November 1919 hier in Untersuchungshaft, geboren 1. April Bl. 89, 111

1899 Berlin, religionslos, unverheiratet, bestraft (neuer

Strafregisterauszug folgt),

3. der Schneidergeselle Willi _Winkler_ aus Berlin, seit 13. Bd. V

November 1919 hier in Untersuchungshaft, geboren 16. September 1899 Bl. 98, 109

Berlin, evangelisch, unverheiratet, angeblich unbestraft (neuer

Strafregisterauszug folgt),

werden angeklagt, zu Berlin zu Anfang August 1919

a) _Fichtmann_ und _Hoppe_ gemeinschaftlich mit anderen den

Inspektor Karl Blau vorsätzlich getötet und diese Tötung mit

Überlegung ausgeführt zu haben,

b) _Winkler_ den Angeschuldigten Fichtmann und Hoppe und den anderen

Mittätern bei Begehung des Verbrechens des Mordes zu a) durch Rat

oder Tat wissentlich Hilfe geleistet zu haben, – Verbrechen gegen §§

211, 47, 49 Strafgesetzbuch.

An

das Landgericht II,

Schwurgericht, hier

Ermittelungsergebnis.

Am Dienstag, dem 7. August 1919, vormittags 9 Uhr wurde vor dem Bd. II

Hause Königin-Augusta-Straße 31 die Leiche des landwirtschaftlichen Bl. 3, 6

Inspektors Karl Blau, geboren am 13. November 1891 Erfurt, zuletzt

in Charlottenburg, Bayreuther Straße 10, aus dem Landwehrkanal

gezogen. Der untere Körperteil war mit einer grauen wollenen

Schlafdecke umhüllt, die unter den Knien zusammengeschlungen war.

Die Leiche war mit einem Hanfstrick (in Waschleinenstärke) derart

zusammengebunden, daß der Hals in einer Schlinge lag und die Knie

bis zur Brust heraufgezogen waren. Der Tote war bekleidet; es

fehlten nur Schuhe und Kopfbedeckung. Die Leichenöffnung ergab keine

bestimmte Todesursache. Die Ärzte sprachen sich dahin aus, daß der Bd. I

Verstorbene seinen Tod wahrscheinlich durch Zuschnüren des Halses Bl. 7

gefunden hat. Der Sachverständige Dr. Brüning, der die bei dem Toten Bd. II

gefundenen Sachen (Strick, Kragen, Krawatte, Jackett, Weste, Hose, Bl. 6, 87

Hosenträger, Hemd, Unterhose, Vorhemd, Taschentuch, Decke) Bd. II

untersucht hat, konnte ebenfalls nicht feststellen, ob Mord oder Bl. 86, 138

Selbstmord vorlag, erklärte aber, daß gegen letzteren eine Anzahl

von Momenten spreche, so insbesondere die Art der Verknotung, die

Schlaufen und die Weite der Halsschlaufe. Die fortgesetzten

Ermittelungen erbrachten die Gewißheit, daß Blau ermordet und daß

diese Tat von kommunistisch-terroristischer Seite planmäßig

ausgeführt worden war.

Blau hatte in München in Kommunistenkreisen als Spitzel verkehrt,

insbesondere auch mit dem Möbelzeichner Franz Herm aus Hötensleben.

Als die Kommunisten die Spitzeltätigkeit des Blau entdeckt hatten,

war von ihnen seine gewaltsame Beseitigung beschlossen worden. Herm

war offenbar dazu bestimmt worden, dieserhalb das Weitere zu

veranlassen, insbesondere Blau nach Berlin zu bringen und ihn dann

ermorden zu lassen. Herm hatte sich dem Zeugen Schreiber und der Bd. I

Frau Baumeister gegenüber schon vor Antritt der Reise in diesem Bl. 29 v, 35

Sinne geäußert. Am Abend des 29. Juli 1919 fuhren Herm, Blau, Bd. I

Schreiber und ein angeblicher Schuster von München ab. Die Reise Bl. 29 v

ging zunächst nur bis Magdeburg, wo Herm wahrscheinlich die dortigen

Kommunistenkreise in den Mordplan einweihte. In Magdeburg trennten

sich die vier. Schreiber fuhr am 31. Juli 1919 mittags über Bd. I

Schöningen nach Hötensleben zu den Eltern des Herm, wo er dessen Bl. 31

Rückkehr aus Berlin abwarten sollte. Blau, der unterwegs von

Schreiber gehört hatte, daß man ihn als Spitzel entlarvt und geplant

hätte, ihn von Berlin nach Wien zu bringen und dort zu ermorden,

dieser Nachricht aber keine allzu große Bedeutung beigemessen zu

haben scheint, fuhr am Vormittage des 31. Juli 1919 von Magdeburg

mit dem Zug nach Halle ab. In Halle wollten sich Herm, der

nachkommen wollte, und Blau noch am selben Tage im Wartesaal II.

Klasse treffen und von dort aus dann gemeinschaftlich nach Berlin Bd. V

fahren. Blau scheint, bevor er nach Halle kam, noch vorher in Bl. 38 v f.

Sangerhausen gewesen zu sein. Wie der Zeuge Mahlig bekundet, hat

Blau Ende Juli oder am 1. August 1919 bei ihm in Sangerhausen

vorgesprochen. Er hat ihm von seinen politischen Reisen und Taten

erzählt und auch erwähnt, daß man ihm von der gegnerischen Seite

nach dem Leben trachte, und daß es bei ihm auf Leben und Tod gehe,

daß er wieder eine große Sache vorhätte und er ein gemachter Mann

wäre, wenn diese ihm glückte. Blau und Herm scheinen sich dann auch

in Halle getroffen zu haben und von dort nach Berlin gefahren zu

sein. Daß Herm in Berlin war, geht aus der Aussage des Zeugen

Schreiber und seinem Briefe an die Kaltenhauser vom 3. August 1919 Bd. I

hervor. Wie Schreiber bekundet, ist Herm am 2. August 1919 abends Bl. 31 v

sehr aufgeregt und bleich in Hötensleben erschienen. Er sagte, daß Bd. III

er direkt aus Berlin käme und entgegnete auf die Frage des Bl. 19 e

Schreiber, wo Blau sei, daß für Blau bereits gesorgt sei, er Abschriften

(Schreiber) werde über Blau das Nähere noch früh genug erfahren. Bd. I

Weiteren Fragen über Blau wich Herm jedesmal aus, erwähnte aber doch Bl. 50

einmal, daß er von München aus die Berliner Genossen verständigt Bd. III

hatte, daß er mit Blau nach Berlin kommen würde. Bl. 7

Bd. I

Bl. 33

In dem Briefe vom 3. August 1919 schrieb er von Hötensleben an die

Kaltenhauser in München folgendes:

Der Mord am Polizeiagenten Blau · 第 1 / 8 段