Die Balzerswäs.
Es war des andern Abends spät ein mächtiges Gewitter am Himmel.
Die Wolken hingen schwarz und schwer über dem Dörfchen. Die Luft
war wie ein Feuermeer und wenn der Donner krachte, zitterten die
Fensterscheiben und wackelte mein alter Tisch an der Wand. Jetzt
fuhr wieder ein Blitz hernieder, so blendend, daß ich die Augen
zumachen mußte, und dann wogte und prasselte es über mir, als wenn das
verwetterte Ziegeldach auf mich gefallen käme. Ein alter Eichbaum,
etliche Schritte vom Hause entfernt, stand in lichten Flammen. Damit
hatte aber auch das Gewitter seinen Höhepunkt erreicht. Nun öffneten
sich die Schleusen des Himmels. Bald grollten nur noch die Donner in
der Ferne und langgezogene Blitze erleuchteten das Firmament.
Der Wettersturm draußen in der Natur war ein treues Abbild, wie es des
Abends in meinem Gemüthe stürmte und wetterte. Man hatte mich auf das
schmählichste beschimpft. Man hatte das Interesse, welches ich an dem
Schicksal Babettens nahm, und das Wohlgefallen an dem Mädchen, das ich
offen zeigte, auf das gemeinste gedeutet und zwar hatten es die Leute
gethan, die noch am ersten im Dorfe den ehrenwerthen Bauernstand und
die altväterliche Sitte repräsentirten und zu denen ich mich noch am
meisten hingezogen fühlte.
Es waren die schwersten Augenblicke, die ich bis dahin erlebt hatte.
Mit großen Schritten wandelte ich im Zimmer umher. Alles war in mir
in fessellosem Aufruhr und Empörung. Die Finger habe ich öfters in das
Fleisch meiner Brust eingekrallt und ein- über das anderemal gerufen:
»Demüthige Dich unter die gewaltige Hand Gottes!« und: »Laß Dir an
meiner Gnade genügen!«
Der blendende Blitz und der brennende Baum brachten mich zu mir selber.
Wie aber dann die Schleusen des Himmels sich öffneten, so stürzte auch
eine Thränenfluth aus meinen Augen. Hernach habe ich noch lange am
offnen Fenster gesessen und in den dunklen Nachthimmel und in das ferne
Blitzen hineingeschaut und mit meinem Gott gesprochen.
Den ganzen Tag vorher hatten mich die Sorgen für das unglückliche
Mädchen nicht verlassen. Ich hatte mir gedacht, am leichtesten könnten
alle Schwierigkeiten gelöst werden, wenn die alte Balzerwäs die
Einwilligung zu der Verbindung mit ihrem Sohne gäbe. Denn hatte nicht
die Frau Heimerdinger gesagt: »Wenn nur die geringste Hoffnung da wäre,
so solltest Du nicht nach Californien!« Und sollte denn auch nicht der
leiseste Hoffnungsschimmer für diese Verbindung zu entdecken sein?
Ich verhehlte mir durchaus nicht das Bedenkliche der Sache, denn in
einer so wohlhabenden Bauernfamilie, wie die Balzerische war, steckt
ein Hochmuth und eine Zähigkeit, die jeder Einwirkung trotzt. Dabei
herrscht eine Nüchternheit und trockne Verständigkeit der Auffassung,
daß eine Begeisterung oder irgend ein höherer Aufschwung geradezu
unmöglich erscheint. Es ist, als ob der kalte Eigennutz alle Gefühle
verknöchert hätte. Bei Heirathen gesteht man dem Herzen nicht die
geringste Berechtigung zu. Nur die Aecker werden gezählt und die
Viehställe und Weißzeugschränke besichtigt. Und die Weiber, bei denen
man gern einen idealeren Zug und ein lebhafteres Gefühl voraussetzen
möchte, sind die schlimmsten. Am wenigsten hatte ich in der Art Etwas
von der alten Balzerswäs zu erwarten, die mit straffer Hand die Zügel
ihres Hauswesens führte, seit ihr Mann todt war, vielleicht auch
schon früher. Auf der andern Seite legte ich großes Gewicht auf die
freundlichen Beziehungen, in denen ich zu der Familie stand, in der ich
regelmäßig meine Winterabende zuzubringen pflegte. Die Balzerswäs hatte
sogar meinem Vater, der mich besuchte, versichert, er brauche gar nicht
so viel nach mir zu sehen, sie sorge für mich wie eine Mutter. Ferner
hatte in dieser Gegend die Achtung vor dem geistlichen Stande Etwas zu
bedeuten. Denn, dachte ich, ist nach dem Apostel Jakobus die Zunge eine
solche Macht zum Bösen, ein Feuer, das den Wald anzündet, eine Welt
voll Ungerechtigkeit, so muß sie wohl auch eine Macht zum Guten sein,
wenn man sie dazu verwenden will, und ein klein wenig durfte ich auch
auf meine Fertigkeit im Reden vertrauen.
Der Plan, den ich mir zurecht gelegt hatte, war meiner Meinung nach
sehr fein und klug ausgedacht und mußte von Erfolg sein. Er wäre es
vielleicht auch gewesen, wenn er überhaupt zur Ausführung gekommen
wäre. Aber ich konnte ihn nur bruchstückweise gebrauchen; denn als ich
in Gottes Namen und im Vertrauen auf meine gute Sache hinüberging,
merkte ich schon gleich beim Empfang, daß nicht Alles stand, wie
sonst. -- Sonst sagte die ganze Familie feierlich »guten Abend!«
Der achtzigjährige Großvater oder Eller erhob sich hinter dem Ofen,
that die Pelzmütze ab, das kurze irdene Pfeifchen aus dem Munde und
sagte besonders »guten Abend, Herr Pfarrer!« Dann wurden die Kinder
herbeigeholt, der lustige Fritz, die vorlaute Dine und der dicke Adam.
Sie mußten mir alle hübsch die Händchen geben. Während der Zeit putzte
die Balzerswäs einen Stuhl ab und stellte ihn oben an den Tisch. Der
Friedrich, der unverheirathete Sohn, holte ein Glas frisches Wasser
am Brunnen und stellte es an meinen Platz, weil ich gern Abends ein
Glas Wasser trank. Der Hanjost dagegen nahm seine lange Pfeife von der
Wand, die ihm der Ernst zu seinem Geburtstag von J. mitgebracht hatte
und auf deren Kopf die ganze Stadt abgemalt war und lieh sich vom
Eller den Tabaksbeutel; denn er war nur ein Gelegenheitsraucher. Die
Schwiegertochter und die Töchter des Hauses gruppirten sich mit ihren
Spinnrädern und sonstigen Arbeiten um die Hängelampe. Recht gemüthlich
aber wurde es, wann die Alte ihr Kaffeetöpfchen vom Ofensims nahm.
»Denn den Kaffee trinke ich für mein Leben gern,« sagte die Balzerswäs.
»Morgens wann ich aufstehe, muß ich gleich meinen Kaffee haben, sonst
wird mir leicht schwach. Für zehn Uhr hebe ich mir als ein Tröpfchen
auf, denn dann erquickt er mich am meisten. Mittags, gleich nach dem
Essen, trinke ich als ein Schälchen wegen der Verdauung. Um vier Uhr
trinke ich mit den Andern und da schmeckt er mir am besten. Abends,
sehen Sie, da kann ich das schwere Essen nicht mehr vertragen, da
machen sie mir als Kaffee. Und vor dem Schlafengehen trinke ich auch
gern noch eine Tasse. Man schläft besser, denken Sie.«
Wann sie nun Kaffee getrunken hatte, dann ging ihr Mundwerk besonders
gut, das ganz gewiß auch sonst nicht stille stand. Es wurden
meistentheils Ortsverhältnisse besprochen. Ich machte meine Bemerkungen
dazu und betheiligte mich sonst an der Unterhaltung. Der Eller, der
eine merkwürdige Frische des Geistes bewahrt hatte, gab von seinen
Erfahrungen zum Besten, und der Hanjost warf oft einen sehr treffenden
Witz dazwischen, der jedesmal mit großem Lachen aufgenommen wurde.
Das war nun den Abend, wie gesagt, Alles anders. Ich wurde so
kleinlaut gegrüßt und man sah mich so verblüfft an, daß ich merkte,
man hatte eben noch über mich gesprochen und zwar nichts Gutes. Es
bot mir sogar Niemand einen Stuhl an. Ich wurde selbst ganz verlegen
und wollte eben fragen, was nur in aller Welt geschehen wäre, als
der dicke Adam den Zauberbann brach, indem er auf drollige Weise die
Begrüßung des Großvaters nachahmte. Er stand von dem Stühlchen auf,
auf dem er gesessen hatte, that seine Kappe ab und das Reis, an dem er
rauchte, aus dem Mund und sagte mit lauter feierlicher Stimme: »Guten
Abend, Herr Pfarrer!« Alles lachte und ich lachte herzlich mit. Die
Schwiegertochter hatte mir jetzt auch einen Stuhl zurechtgestellt und
der Hanjost reichte nach der Pfeife. Aber es dauerte lange, bis die
alte Balzerswäs zu einer ihrer Töchter sagte: »Ich weiß nicht, Dorth,
ich meine, draußen in den Kohlen müßte noch ein Töpfchen mit Kaffee
stehen, geh' hin und sieh' einmal nach!«
Ich lenkte allmählich das Gespräch auf den alten Fink und die Mädchen,
die er für Californien gemiethet hatte. »Es ist ein Schimpf und eine
Schande für unser Dorf und unsere Gegend, sagte ich, daß hier solche
Zustände walten! In allen Zeitungen wird darüber geschrieben. Es heißt:
keine Nation der Erde gäbe sich zu diesem schlechten Gewerbe her -- es
seien nur Deutsche, nur Rheinländerinnen. Wir könnten es ihnen noch
besser sagen, wer es ist! Nicht wahr? Jedes Mal, wann ich so Etwas
lese, preßt sich mein Herz zusammen und Flammenröthe bedeckt mein
Gesicht. Ich meine immer, auch ich trüge einen Theil Schuld und weiß
doch Nichts anzufangen, um der Sache Einhalt zu thun. Alle meine Worte
und Zusprache verhallen wie der Wind. Es sind gar harte, verstockte
Herzen hier. Und muß es nicht so sein? Kann überhaupt noch von »Herz«
die Rede sein, wo Väter und Mütter ihre eigenen Kinder für Geld
dahingeben? Man wundert sich über die Unmenschlichkeit der Neger an der
Westküste Afrikas, wo die Häuptlinge ihre eigenen Stammsgenossen und
die Väter ihre Kinder an die Sklavenhändler verkaufen. Aber was will
das heißen gegen die Schändlichkeiten, welche hier begangen werden!
Dort sind Heiden, hier sind Christen. Und die verblendeten, unwissenden
Heiden verkaufen ihre Kinder doch nur zu Sklaven, aber hier verkaufen
christliche Eltern ihre Kinder zu H... Wenn irgendwo das Wehe, das der
Herr über die Menschen ausspricht, durch welche Aergerniß kommt, seine
Anwendung findet, dann ist es hier.«
»Herr Pfarrer«, sagte die Balzerswäs nach einer kleinen Pause, »die
Menschen wollen leben, und wenn die Kinder nach Brod schreien, dann
thut man Manches, was man vor seinem Gewissen nicht verantworten kann.«
»Ach was,« sagte ich, »die Noth bricht Eisen, aber ein Gebot Gottes
darf sie nicht brechen. Wer arbeiten will und im Vertrauen auf Gottes
Hülfe sich redlich mühet, dem hat es noch nie an Gottes Hülfe gefehlt.
Nur muß mit dem Arbeiten das Beten und mit dem Beten das Arbeiten
verbunden sein. Die Vögel unter dem Himmel und die Lilien auf dem
Felde sind mahnende Zeugnisse, daß es Niemand fehlen könnte, wenn er
nur seine Pflicht treulich erfüllen wollte und die Sorgen und den
Segen dem Herrn überlassen würde. Was gibt es öde und wüste Gegenden
in der Welt, wo kaum noch die naschende Ziege einen Grashalm findet
in dem Steingeklüft, nicht wie hier, wo die reichste Fruchtlandschaft
zu unseren Füßen liegt und wo selbst noch Korn und Weizen herrlich
gedeihen, und die Menschen, die dort wohnen, ernähren sich redlich und
ernähren sich reichlich. Denket nur an die Schwarzwälder Uhrmacher
und an die Tyroler Geigenmacher, von denen Ihr in der letzten
Spinnstube gelesen habt. Und wenn man solche Kunst nicht versteht und
erlernen kann, warum ernährt man sich nicht durch Tagelöhner- und
Handlangerarbeit? Die Fulder sehe ich jeden Sommer in Schaaren in die
Wetterau gezogen kommen, um sich Geld zu verdienen durch redliche
Arbeit. Dagegen von unseren Dorfleuten sehe ich keinen hinunterwandern,
als um gestohlenes Holz zu verkaufen und um zu betteln. -- Wenn jedoch
selbst die Noth nahezu unerträglich wäre, so dürfte immerhin nicht
aller Sitte Hohn gesprochen und das Heiligste und Göttlichste in der
Menschennatur unter die Füße getreten werden. Aber es geschieht und
nicht aus Noth. Sie war es nur anfänglich, die zu diesem Treiben
hinführte. Jetzt sind viel mehr Geiz und Genußsucht die Triebfedern,
als die Armuth.«
»Das hört sich zu, als ob man in der Kirche wäre,« murmelte Hanjost vor
sich hin und die Mädchen fingen an zu kichern.
»Es ist durchaus meine Absicht nicht, Euch eine Predigt zu halten. Und
es braucht's auch wahrlich nicht. Wenn ich schwiege, würden die Steine
schreien, so auffallend sind die Beispiele, die Ihr ständig vor Augen
habt. Nehmet die alte Justine! Was treibt diese greise Frau mit ihren
schlottrichten Knien, ihr einzig Kind in die weite Welt zu schicken?
Kann sie nicht längst der grüne Rasen decken, ehe es wiederkehrt? Und
wird es überhaupt wiederkehren? Wer wacht denn nun an ihrem einsamen
Lager? Wer drückt ihr die müden Augen zu? Hat denn solch ein Herz gar
kein Bedürfniß nach Liebe? Nachdem sie ihren Mann so früh begraben
hat und ihr ein Kind nach dem andern dahingesunken ist, sollte man
nicht meinen, sie hätte nun alle Liebe auf dieses Eine übertragen? Hat
ihr Gott darum dieses Eine gelassen und ihm die blühende Schönheit
geschenkt, daß es auf mütterliches Geheiß für schnödes Geld seine
Ehre und seinen Seelenfrieden hier auf Erden und sein Hoffen auf
das Jenseits so dahingeben soll? Ist es nicht ein himmelschreiender
Frevel? Und hat sie es nöthig, jegliches Muttergefühl zu ersticken,
weil rasender Hunger sie quälte oder schreiende Noth sie zwang? Hat
sie nicht ein zweistöckiges Wohnhaus, Aecker und Wiesen, ja sogar
Geld ausgeliehen und war nicht die Herrschaft, wo ihr Mädchen diente,
sehr mit ihm zufrieden und wollte es auf keine Weise losgeben? Wißt
Ihr noch, es war ja hier im Zimmer, als ich ihr so eindringliche
Vorstellungen machte und zuletzt rief: »Weib, Dich hat der Satan
verblendet, Du bist vom Geizteufel besessen!« und wie sie da wüthend
ward und die Fäuste ballte und wie der Großvater hinter dem Ofen
aufstand und ihr »wehe!« zurief und wie ein Prophet weissagte, sie
würde elend in die Grube fahren und wie sie bleich wurde, als hätte sie
ein Gesicht gesehen, aber dennoch ihr Kind verkaufte?«
Da räusperte sich hinter dem Ofen der Großvater, der immer nach seiner
Weise sich Alles zurecht legte. »Sie haben Recht, Herr Pfarrer,
ganz Recht. Der Geiz ist die Wurzel alles Uebels und treue Gesellen
im Schlechtmachen sind Fleischeslust und hoffärtiges Wesen. Wann
aber der Teufel einmal Herberge gemacht hat in so einem lüsternen
Menschenherzen, dann wird es ärger und ärger und der Mensch lädt sich
auf und lädt sich auf und denkt nicht an die Zeit des Abladens. Die
Jugend ist thorhaft, aber das Alter sollte bedächtig sein; denn der Tod
ist nahe und das Gericht!«
»Großvater,« sagte ich, »das Gericht wartet oft nicht bis nach dem
Tod. Es ist noch Niemanden Segen erwachsen aus dem Kinderhandel. Oder
könnt ihr mir ein Elternpaar nennen, das nicht zum mindesten von seinen
Kindern Vernachlässigung und Mißhandlung im Alter geerntet hätte?
Da ist noch jüngst der alte Knoth im Elend und Ungeziefer zu Grunde
gegangen. Was haben ihm seine fünf Töchter ein Geld eingebracht! Wo
ist es hingekommen? Seine Töchter sind sämmtlich gut verheirathet und
im Wohlstand. Warum hat sich nicht eine einzige Hand geregt, um ihm
sein letztes Leiden zu erleichtern? Warum mußten fremde Leute ihm
die nothdürftigsten Handreichungen thun? Warum mußte er auf seiner
öden Kammer einsam und verlassen den letzten schrecklichen Kampf
auskämpfen? --
Es sind ja erst ein paar Tage her, daß der alte Hanfriedrich auf seinem
Karren krank heimgebracht wurde. Was haben ihm seine Kinder für einen
Empfang bereitet! In den Kuhstall haben sie ihn gebettet! Und da er
jetzt wieder auf sein kann, darf er um keinen Preis in die Stube.
Sein Kaffeetöpfchen hat ihm seine Schwiegertochter vom Herd gestoßen,
daß die Scherben in die Ecken flogen. Wenn ich nicht ernstlich
eingeschritten wäre, wer weiß, was noch hätte geschehen können. Aber
es wird auch noch Saat des Verderbens in die Zukunft gesäet. Was gibt
das Gatten! Was gibt das wieder für Eltern! Die Sünden der Väter werden
heimgesucht bis in's dritte und vierte Glied. Auf welchem Boden sollen
auch die Gattentreue und die Elternliebe wachsen! Es ist ja bekannt,
daß Hofmann's Lisbeth bei dem Tode ihres Mannes zwei Malter Weizen
verbacken ließ. Alle Welt sollte sich mit ihr bei Kaffee und Kuchen
und Wein und Bier freuen, daß sie endlich von ihrem Manne erlöst sei,
der sich doch nur für sie in den englischen Fabriken das schmerzliche
Rückenmarksleiden zugezogen hatte. Sie konnte doch jetzt offen mit
ihrem Buhlen hervortreten.
Doch am ergreifendsten spiegelt sich gewiß die grenzenlose Verderbtheit
bei der berühmten Anne-Mile, die ich am vorigen Sonntag mit dem braven
Leonhard copulirt habe. Was hatte sie Gott mit reichen Gaben des
Leibes und des Geistes ausgestattet und wie benutzte sie dieselben! Es
kann mich immer unendlich jammern, wenn so ein herrliches Geschöpf im
Lasterleben zu Grunde geht. Eine vom Hagelschlag verwüstete Flur, eine
vom Feuer zerstörte Stadt ist fürwahr kein so trauriger Anblick, als
solch ein durch und durch vergiftetes Menschenleben. --
Man weiß es ja allgemein, daß sie dem alten Fink in New-Orleans
entfloh, als die Schottin ihr einst den Rücken etwas zu derb mit dem
spanischen Rohr bearbeitet hatte. Auch machte sie kein Geheimniß aus
der traurigen Weise, wie sie die reichen Putzgegenstände und das
blitzende Gold, das sie mitbrachte, verdient hat. Ich erinnere mich
noch recht wohl ihres ersten Auftretens hier und des Aufsehens, welches
sie allgemein erregte. Fast ein halbes Jahr und noch länger war sie
Gegenstand aller Gespräche. Die Weiber machte sie verrückt mit ihren
seidenen Kleidern und der Straußenfeder auf dem Hut; die Burschen
und Männer verlockte sie durch ihre schwarzen frechen Augen und ihre
Buhlerkünste. Ihre fünfhundert Dollars, die sie sofort ausgeliehen
hatte, waren der Gegenstand der Habgier und der Intriguen. -- Als sie
einmal so mit ihrem Troß vorüberzog und ich mit dem Großvater draußen
auf dem Bauholz in der Sonne saß, spuckte der aus und sagte ganz laut:
»Pfui Teufel!« Selbst aus der Stadt kamen die sauberen Herren und
umschwärmten sie, und sie trug ein Kapital nach dem andern auf die
Landesbank. Aber während sie Kapitalien machte, die Weiber reizte und
die Männer verführte und herrlich und in Freuden lebte, lag ihr alter
Vater von der Gicht geplagt, gliederlahm auf dem Schmerzenslager und
ernährte sich von dem Bettelbrod, was ihr achtjähriger Bruder in der
Wetterau zusammenbettelte. Als sie jedoch ein Kind gebar, bekam ihr
Vater auch diese dürftige Nahrung nicht mehr; denn da mußte ihr Bruder
das Kind halten. -- Der Vater ist gestorben -- ob an der Gicht oder an
Hunger -- das wird wohl einst entschieden werden. -- Da war es denn
eine unbequeme Geschichte für sie, daß ihr Bruder bei fremden Leuten
untergebracht wurde; denn nun mußte sie selbst für ihr Kind sorgen
und das wurde ihr nach gerade so lästig, daß der Bürgermeister eines
Morgens ihr schreiendes Kind vor der Thür liegend fand und sie ihm
sagen ließ: er hätte ihr den Bruder aus dem Haus genommen: nun könne
er auch für ihr Kind sorgen. Wißt Ihr auch, was mich am meisten bei
ihrer Heirath empört hat? Nicht der freche triumphirende Blick, den
sie mir am Altare zuwarf; nicht daß mir die Hochzeitgäste am Abend ein
Spottlied sangen, sondern daß die ganze Gemeinde ihr »Ja und Amen«
zu dieser Verbindung gab. Frau Balzer, Sie haben auch dazu gerathen
und geholfen! Der Leonhard hat mir's gesagt, als ich ihm die ganze
Geschichte leid machen wollte. Er hat sich darauf berufen!«
»Ich habe auch zu der Heirath gerathen und heiße sie auch jetzt noch
gut. Das Mädchen hat eine schöne Sach', ist fleißig und sparsam.
Sie ist gut für das Land, gut für die Haushaltung und versteht alle
Feldarbeit. Was will der Lumpenkerl, der Leonhard, mehr? Der ist arm
wie eine Kirchenmaus.«
»Aber brav und unbescholten,« entgegnete ich, »und sie ist die
abgefeimteste, frechste Dirne, die ich kenne. -- Das ist es gerade,
was mich so empört, daß man Nichts hierin findet. Man ist so tief
gesunken, daß man über die gemeinste Gesinnung und die schamlosesten
Handlungen keine Entrüstung mehr hat. Man hat sich so sehr an das
Laster gewöhnt, daß man ganz und gar vom Ruf eines Mädchens absieht
und es nur nach seiner äußeren Brauchbarkeit und seinem Gelde schätzt.
-- Und was enthält der Begriff »brauchbar für's Land« für entsetzliche
Nebenbegriffe, die man gar nicht nennen darf! und was ist das für
sauberes Geld! Mancher würde sich bedenken, es nur mit der Feuerzange
anzurühren. -- Ich hätte fürwahr bei Euch, die Ihr Euch wenigstens
äußerlich vor jedem Makel hütet, andere Gesinnungen gesucht! Darum
ist auch mein Kampf gegen die täglich zunehmende Versunkenheit
so vergeblich, weil ich ihn allein kämpfen muß. Wenn noch ächte,
unverdorbene Art in Euch wäre, so würdet Ihr entschieden auf meine
Seite treten und mich mit Rath und That unterstützen! Euer Ansehen und
Einfluß mit in die Wagschale geworfen, würde meinen Worten ein ganz
anderes Gewicht verleihen.«
Da nun auf diese Worte ein verlegenes Stillschweigen erfolgte, glaubte
ich, das Feld wäre genug bearbeitet und der Zeitpunkt gekommen, meinen
Antrag anzubringen. Ich sagte also: »Ich will Euch noch diesen
Augenblick eine Gelegenheit bieten, wo Ihr zeigen könnt, ob noch
besseres Gefühl in Euren Herzen schlummert, ob Ihr noch irgend ein
Opfer zu bringen vermöget, ob Ihr noch einer edlen That fähig seid!
Frau Balzer und Ihr, alter Großvater, Ihr könnt eine Menschenseele vom
Verderben retten! Ihr könnt Eure eigene Seele retten! Denn wer einer
Seele vom Tode hilft, der wird die Menge der Sünden bedecken. Bedenket
die Nähe Eures Todes und des Gerichts! Die Frau Heimerdinger hat
erklärt: wenn die Babette nur die geringste Hoffnung hätte, den Ernst
zu bekommen, solle sie nicht nach Californien. Gebt Ihr diese Hoffnung!
Benutzet die Gelegenheit zu einer edlen That, die Euch der Herr durch
mich anbietet, und ladet Euch nicht den Fluch der Versäumniß auf!«
Wenn eine Bombe plötzlich in das Zimmer gefallen wäre, die Gesichter
hätten nicht verblüffter aussehen können, als durch diese meine
Aufforderung. Die Balzerswäs rang sichtlich nach Athem. Endlich hatte
sie die Sprache wiedergefunden. Sie war aufgesprungen und trippelte vor
mir auf und ab, während sie sprach: »Was sagen Sie, was sagen Sie, Herr
Pfarrer? Ich kann's gar nicht glauben. Wir, wir sollen das schlechte
Mensch, die Lumpenbagage, in unsere Familie aufnehmen! Dazu haben Sie
die lange Einleitung gemacht und uns die Predigt gehalten! Da hätten
Sie den Athem sparen können!«
Ganz niedergeschlagen über den schlechten Erfolg meiner gewiß guten
Absicht erwiderte ich: »Arm ist das Mädchen wohl, aber wenn Sie es
»schlecht« nennen, versündigen Sie sich! Wer weiß, ob nicht ein
besseres Herz unter ihren Lumpen schlägt, als unter Ihrem feinen
Tuchmieder.«
»Ach, der Herr Pfarrer soll ja nicht glauben, als wüßten wir nicht,
warum er so warmen Antheil an der Babett nimmt, warum er ihr immer
die Hand gibt und so freundlich zunickt und oft stundenlang mit ihr
spricht! Man ist endlich hinter Ihre Schliche gekommen. Sie sind
gestern mit ihr gesehen worden an der Guntramseich'. Die Dorth hat's
eben mit heimgebracht. Pfui, schämen Sie sich für einen Pfarrer und
für so einen frommen Mann, wie Sie sein wollen! Doch was ich sagen
wollte, mit einem Wort: Mein Ernst ist viel zu gut, um Ihre Liebste zu
heirathen.«
Ich wußte anfangs gar nicht, was die Frau wollte und fühlte nur
instinktmäßig, daß sie einen schweren Verdacht gegen mich aussprach.
Aber als ich endlich merkte, wo sie hinauswollte, wurde ich ganz
betäubt und fing an schwindelig zu werden, so daß ich mich durch
einen starken Willensakt wieder aufraffen mußte. Da wollte sich nun
meiner ein entsetzlicher Zorn bemeistern, aber ich beherrschte mich
und sagte kalt und stolz: »Sie werden es wohl beweisen können, denn
beweisen müssen Sie es! Solche schwere Verdächtigungen spricht man
ungestraft nicht aus.« Meine Worte verfehlten ihren Eindruck nicht;
denn ein rechter Bauer scheut die Amtsstube, wie das Feuer. -- Ich
wäre nun gern gegangen, aber ich fühlte, daß ich mit der Drohung, sie
vor Gericht zu belangen, als Geistlicher nicht gut scheiden konnte und
sagte: »Ich meine, ich könnte hier, wo man mich auf so niederträchtige
Weise beleidigt hat, keine Minute mehr verweilen, aber meinem Stand und
meiner Stellung bin ich es schuldig, Euch etliche Aufklärung zu geben.
Ich habe allerdings gestern zufällig die Babette Heimerdinger an der
Guntramseiche getroffen und habe eine lange Unterredung mit ihr gehabt.
Auch habe ich ein Werk der Barmherzigkeit an ihr ausüben müssen, denn
kurz nach meiner Ankunft ist sie in Folge der Mißhandlungen ihrer
Eltern und des Seelenschmerzes, den ihr die Gewißheit machte, an den
alten Fink verkauft zu sein, in Ohnmacht gesunken und ich habe sie erst
nach langen vergeblichen Bemühungen in's Leben zurückrufen können.
Wenn ich der Babette freundlich zunickte und gern mit ihr sprach, so
hatte das darin seinen Grund, daß ich mich freute in dieser gänzlich
verkommenen Gemeinde ein reines, unverdorbenes Gemüth zu entdecken.
Das ist etwa die Freude, die man hat, wenn man eine Palme in der Wüste
oder eine Rose mitten unter Giftgewächsen findet. Und nun, wer mir
solche Schlechtigkeiten zutrauen mag, der soll es thun! Das muß ich
sagen: von Euch hätte ich es nicht erwartet, und daß Ihr so leicht den
Verdächtigungen über einen Mann, den Ihr nun schon jahrelang kennt und
der Euch gewiß nicht den geringsten Anlaß zu Verdacht gegeben hat,
Glauben schenkt, ist durchaus kein gutes Zeichen für Euch selbst. Doch
ehe ich gehe, möchte ich doch noch wissen, wer dieses schöne Gerücht in
Umlauf gesetzt hat. Sage, Dorth, wer hat mich gesehen?«
»Ei, die Anne-Mile,« sagte diese ganz kleinlaut. -- »Nun da wußtet Ihr
ja schon, was Ihr von der Sache zu halten hattet. Leben Sie wohl, Frau
Balzer! Dieser Stunde werden Sie noch auf dem Todesbette gedenken!«