Im Wirthshaus.
Als ich mich der Theologie widmete, dachte ich auch nicht, daß ich
bald nach meinem Amtsantritt den Kochlöffel in die Hand nehmen müßte
und daß mein nächstes Studium -- »Henriette Davidis« sein würde. Aber
es war so. Mein Kosthaus wurde mir aufgekündigt; ein anderes Haus,
wo man mit Appetit essen konnte, war nicht da; einen Koch zu halten,
erlaubte meine Besoldung nicht; verheirathet war ich nicht. Es blieb
mir also, wenn ich warme Speisen haben wollte, nichts Anderes übrig,
als selbst zu kochen. Freilich kostete es einige Ueberwindung und
Bedenken. Aber ich dachte: das Kochen wird wohl auch keine Hexerei
sein und machte mich frisch an's Werk. Und siehe da! -- es ging. Es
kamen natürlich vorerst eine Menge Fehlversuche vor. Da war es denn
gut, daß ich meinen alten, treuen +Anton Scheppler+ hatte. Der aß die
mißglückten Produkte meiner Kochkunst mit einer Selbstverleugnung
und einem Appetit, der wohl besserer Leckerbissen werth gewesen wäre.
Im Augenblick bildete er mein ganzes Dienstpersonal. Er war meine
Magd, mein Kammerdiener und mein Auslaufejunge. Doch theilte ich seine
Thätigkeit mit der Kirche und der Gemeinde. Denn er bekleidete noch
das Amt eines Küsters, eines Ortsdieners und eines Nachtwächters.
Wenn er außerdem noch einen Verdienst bekommen konnte, nahm er den
auch noch mit. Denn er hatte allein die Obliegenheit, eine ziemlich
starke Familie zu ernähren. Seine Frau sagte: wenn sie arbeiten
wollte, hätte sie ihn nicht genommen; da hätte sie auch daheim bleiben
können, da hätten sie Arbeit genug gehabt. Sie war eigentlich schon
sein zweiter Heirathsversuch. Sein erstes Ehegespons, die schön und
sauber war, »daß man sie auf jeden Markt führen konnte«, wie er sich
ausdrückte, war ihm bei einem Ausflug nach England mit einem Riesen,
den man in einem Marktflecken für Geld zeigte, durchgebrannt. Mit der
zweiten ging es auch nicht recht. Er hatte Unglück mit den Weibern,
der gute Anton. Aber die Liebe, die er zu seinen Kindern zeigte, seine
Ehrlichkeit und Anhänglichkeit machten ihn mir wirklich theuer. Auch
besaß er ein ganz ungewöhnliches Erzählertalent, womit er mir schon
manchen Abend erheitert hatte. So saß er wieder einige Tage nach den
schon erzählten Auftritten eines Abends bei mir und kaute mit beiden
Backen an einem Kalbsragout, was ich des Morgens etwas zu steif gekocht
hatte. Ich hatte, scheint es, ein wenig zu viel Mehl daran gethan, denn
es wurde allmählich so dick, daß ich es nur mit Mühe aus dem Topfe
herausbrachte. Ich hatte ihm in der Angst, es könnten Stickanfälle
vorkommen, ein Glas Dünnbier dabeigestellt. Aber es erwies sich als
vollständig unnöthig, denn er schnalzte und schmatzte so nachdrücklich,
daß ich alle Minuten glaubte, er würde mich um das Rezept von dem
kostbaren Ragout angehen. Das Bier sparte er sich auf zu der Pfeife,
die er sich jetzt stopfen durfte. Und nachdem diese brannte und er
einen herzhaften Schluck genommen hatte, sagte er: »Herr Pfarrer, wenn
der Babette Heimerdinger Gefahr drohete, würden Sie Etwas für sie thun?«
»Ich würde alle Kräfte aufbieten, sie zu retten,« antwortete ich. »So
denke ich auch. Weiß Gott, ich habe an dem Mädchen einen wahren Narren
gefressen. Sie ist die Schönste und die Beste im Ort. Sie ist hülfreich
und tugendhaft. Wenn ich in ihr Gesicht sehe, dann ist mir es, als
wenn die Sonne aufging. Und wenn sie mir Morgens begegnet und sagt so
freundlich: »Guten Morgen, Anton«, dann, meine ich, könnte mir den
ganzen Tag kein Unglück passiren.«
»Wenn das Eure Frau wüßte, Anton!« »Das darf sie wissen. Darin ist
sie mit mir einig. Sie sagt oft selbst: Das ist ein Goldmädchen;
dem wünschte ich einmal einen ordentlichen Mann und keinen solchen
Dreidrath. Damit meint sie mich.«
»Das merke ich«, sagte ich lachend.
»Sie ist so gut auf die Babette zu sprechen, weil sie nie an unsern
Kindern vorbeigeht, ohne sie zu streicheln und ihnen Etwas zu schenken,
oder das kleinste auf den Arm zu nehmen und zu küssen. Es wäre mir
leid, wenn der alte Fink das Mädchen bekäme.«
»Ist denn Etwas im Gang?« fragte ich ganz erschrocken.
»Ei freilich. -- Sehen Sie, Herr Pfarrer, ich will nicht besser
scheinen als ich bin. Ich war auch draußen im Land und habe an zehn
Jahre lang die Orgel gedreht. Aber mit den Mädchen, das ist einmal
unrecht. Sie wollen es zwar Alle nicht gesagt haben, aber hier darf ich
es sagen. Und es ginge mir ein Stück vom Herzen weg, wenn die Babette
auch so eine verdorbene Person geben sollte.«
»Was ist denn eigentlich geschehen? So redet denn doch einmal.«
»Etwas ganz Besonderes ist es nicht. -- Die Wirthsleut' mußten heut
all' in's Feld, drum sagte die Annelies zu mir: Anton, sagte sie, der
Schnapskrug steht auf dem Schrank und das Bierfäßchen liegt angesteckt
im Keller. Wenn Jemand kommt, dann gib ihm, nur dem Förster Köhler
nicht; der borgt alle Welt aus und bezahlt nicht. Ich sagte: Schon gut.
Ich that's ja nicht zum ersten Mal.
Es war des Morgens schon früh heiß und ich setzte mich unter den
Lindenbaum vor dem Haus in den kühlen Schatten. In der Wirthsstube
waren der alte Fink und der Bürgermeister gar eifrig im Gespräch, und
von Zeit zu Zeit riefen sie mich hinein, daß ich die Schnapsgläser
wieder füllte. Das Fenster stand auf und ich konnte jedes Wort
verstehen, ohne daß ich horchte.
»Kommt der Heimerdinger?« fragte der alte Fink.
»Er kommt!« antwortete der Bürgermeister und lachte selbstgefällig
dazu. -- »Hast ihn bestellt?«
»Nein, aber du wirst sehen: er kommt. Zehn Pferde hielten ihn heut
nicht aus dem Wirthshaus.«
»Nun, so sprich, alter Sünder! Brauchst bei mir nicht so wichtig zu
thun mit deiner Klugheit -- wir kennen uns.«
»Es ist ja weiter nichts. Ich habe ihm nur heute früh im Vorbeigehen
gesagt, Du hättest die Schuldverschreibung von seinem Haus und
wolltest sie aufkündigen. Den Schrecken und den Brast, den ihm das
macht, kann er nicht ohne Schnaps bewältigen. Wirst sehen. Aber hast Du
auch die Verschreibung?«
»Freilich habe ich sie und theuer genug. Das Lumpenpapier kostet mich
fünfhundert Gulden. Du hast Dich auch einmal wieder verrechnet mit
dem »Krämerheimbuk«, -- alter Schlaukopf. Der ist so gescheut wie ein
Mensch. Als ich so zu flankiren anfing und von der Schuld sprach, die
der Heimerdinger bei mir hätte und wie mir es lieb wäre, wenn ich Alles
beisammen hätte, damit ich ihm besser zu Leib rücken könnte, wußte er
gar nicht, was ihn das anging. Und als ich ihm geradezu sagte, ich
wüßte, daß der Heimerdinger ihm sein Haus verschrieben habe, gab er
lauter ausweichende Antworten. Und je mehr ich drängte, desto zäher
wurde er. Endlich als ich zornig ward und fortging und die Thür hinter
mir zuwarf, daß das Haus zitterte, ward er manierlich. Er rief mich
zurück und wir wurden handelseinig. Aber ich mußte dem Halunken die
rückständigen Zinsen und noch fünfzig Gulden extra bezahlen. Der
Heimerdinger will auch noch etwas Baar in die Finger haben. Das Mädchen
kostet mich sechshundert Gulden, so gut wie einen Kreuzer. Was machte
meine »Alte« Augen, als sie so viel herausrücken mußte! Ich habe auch
mein Lebtag noch nie soviel gegeben. Die »Anne-Mile« war die theuerste
und die kostete vierhundert Gulden. Mit dem Heimerdinger hätte es alle
die Umstände nicht gebraucht, aber die Frau, die Frau! Die ist nicht
anders zu ködern. Aber das Haus läßt sie nicht, denn sie ist merkwürdig
stolz.«
»Baue nicht zu sicher d'rauf, sagte der Bürgermeister. Es sind Weiber.
Und die Babett bringst Du gar nicht in Rechnung.«
»Ein Gewitter soll Dich und Alle verzehren«, schrie da der alte Fink,
»wenn der Anschlag mißlingt und ich die Babett nicht bekomme. Ich muß
sie haben und wenn ich einen Mord thun müßte! Du weißt, wie es mit mir
steht. Ich muß Geld haben, sonst bin ich verloren. Ich spüre auch schon
das Alter in den Knochen. Es wird meine letzte Reise sein und da will
ich Etwas für meine alten Tage haben. Zehntausend Dollars muß sie mir
wenigstens einbringen.«
»Bist Du denn der anderen sicher?«
»Die habe ich sicher und schon bezahlt.«
Ueberdem trat Heimerdinger in die Stube. Er grüßte kleinlaut und setzte
sich an einen Tisch, den ich von außen recht gut überschauen konnte.
Die zwei Anderen belauerten ihn wie zwei Raubthiere, stellten sich
aber, als kümmerten sie sich gar nicht um ihn.
Er that einen tiefen Zug Schnaps aus dem Glas, das ich ihm hingestellt
hatte. Dann aber, als hätte er Gift getrunken, stieß er das Glas so
heftig auf den Tisch, daß es fast ganz verschüttet ging und auf dem
ganzen Tisch herumlief.
Es war still im Zimmer, aber es war keine wohlthuende Stille. Mir war
so unheimlich, wie wenn schwere Gewitterwolken am Himmel hängen und
kein Blatt sich regt in der schwülen Luft.
Heimerdinger stierte auf den Tisch. Dort war eine Mücke, frecher wie
die andern, dem auf dem Tische liegenden Branntwein nahe gekommen. Aber
der starke Duft hatte sie betäubt. Sie war hineingefallen. Ihre Flügel
wurden naß, und nur mit Mühe schleppte sie sich eine Weile weiter.
Endlich ganz betäubt und ermüdet sank sie hin und ersoff. Heimerdinger
hatte mit großer Aufmerksamkeit und Aufregung zugesehen. Jetzt sprang
er auf, schlug sich wider die Stirn und rief, als wenn er unsinnig
geworden wäre: »Mein Bild -- mein Bild! -- Verflucht will ich sein,
wenn noch einmal so ein gottverdammtes Glas an meine Lippen kommt.«
»Man meint, Du wolltest schon in aller Frühe eine Comödie aufführen.
Bist und bleibst der lustige Heimerdinger«, sagte der alte Fink so kalt
und spöttisch, daß ich ordentlich grimmig wurde über ihn.
Heimerdinger fuhr auf, als erwachte er aus einem wüsten Traum. Einen
Augenblick starrte er auf die Beiden, dann sank er auf seinen Stuhl
zusammen wie ein zugeklapptes Taschenmesser.
Nach einer Weile unterbrach wieder der alte Fink das Stillschweigen:
»Heimerdinger, Du bist ein Esel!« rief er mit seiner tiefen und starken
Stimme, daß es ordentlich schallte. Dem aber schoß auf einmal alles
Blut in's Gesicht. Ganz rasend sprang er auf und faßte den alten Fink
an der Gurgel, aber der baumstarke Fink drückte ihn zusammen, wie ein
Kind, schüttelte den vor Wuth Zitternden und schrie: »Ruhig, sage ich,
ruhig!« Dann schob er ihm sein Glas zu und sagte: »Da trink! -- Und
nun sage ich noch einmal: Du bist ein Esel, weil Du Dir helfen kannst
und thust es nicht! Bist Du denn noch der alte, fidele Heimerdinger?
Ich kenne Dich nicht wieder. Ich dachte, wenn es Einer im Dorfe leicht
nimmt, daß Alles d'rauf geht, so ist es gewiß der Heimerdinger. Jetzt
thust Du aber gerade, als wäre es mit Dir Mathäi am Letzten. Lustig,
sag' ich, immer lustig! So trink doch, Du Schwerenöther! Und wenn Du
kein Geld hast und der Wirth nicht mehr borgt, so hast Du noch gute
Freunde. Hier hast Du ein paar Thaler.«
Heimerdinger war wieder in seinen Trübsinn verfallen. Er hatte das
Schnapsglas nicht angerührt, obgleich er den Blick nicht von ihm
wenden konnte. Als ihm aber der alte Fink die Thaler aus seinem Beutel
hinschüttete, hatte er plötzlich aufgeschaut und ihn mit großen Augen
angesehen. Er nahm jeden Thaler in die Hand und wog ihn. Es war, als
wolle er es nehmen. Plötzlich schob er es aber wieder zurück und
sagte: »Glaubst Du, ich wüßte nicht, wo Du hinauswillst, warum Du die
Verschreibung an Dich gebracht hast und nun das Geld einforderst? Du
willst meine Babett. Aber die ist viel zu gut für Deine versoffenen
Matrosen und Deine californischen Goldgräber. Ich verkaufe mein
frommes, schönes Kind nicht. Ich kann nicht, wenn ich auch wollte.
Behalte Dein Blutgeld; ich bin kein Judas.«
»Himmelsakramenter!« schrie der alte Fink, fast blau im Gesicht
vor Zorn. »Du miserabler Hund, Du Lump! hast Weib und Kind an den
Bettelstab gebracht und willst mir so etwas bieten.« Dabei nahm er
einen Stuhl und stieß ihn auf den Boden, daß die Splitter in alle
Ecken flogen. Mit diesem furchtbaren Ausdruck seines Zornes schien
sich derselbe auch schon wieder verkühlt zu haben und nur noch wie
nachrollender Donner hieß es: »Ei, Dich soll ein Gewitter verschlagen,
Du verfluchter Lump!«
»Anton,« rief mir der Bürgermeister, »schenk' einmal ein. Mach' auch
dem Heimerdinger sein Glas voll und stell es hierher auf unsern Tisch.
Und Du, Heimerdinger, setz Dich hier auf den Stuhl zu uns! Hörst Du?
Nun, willst Du gehorchen? So. Und nun trinkst Du mit uns. Willst nicht?
Bist Du etwa zu vornehm geworden? Auf Deine Gesundheit, Heimerdinger!
So, das war einmal ein herzhafter Zug!«
Heimerdinger hat auf +einen+ Zug sein Glas ausgeleert.
»Anton,« sagte jetzt der Bürgermeister zu mir, »kannst den Krug hier
stehen lassen. Auf meinem Pult daheim ist Allerhand zum Ausschellen
zurechtgelegt. Das kannst Du jetzt thun.«
Ich merkte, daß der Bürgermeister den Karren, den der alte Fink in
seiner Hitze verfahren, wieder in das rechte Geleise bringen wollte und
gab dem Heimerdinger einen heimlichen Rippenstoß, er solle mitgehen.
Er hat mich auch verstanden. Ich habe es ihm angesehen. Er wollte auch
mitgehen, aber er konnte nicht. Der Schnapskrug hielt ihn fest. Ich
habe einmal gehört von der Klapperschlange, daß die die Vögel bannen
könnte mit ihrem Blick, daß sie nicht fortkönnten, wenn sie auch
wollten. Wie so ein Vogel saß auch der Heimerdinger da. Er wußte, daß
ihm der Hals zugeschnürt würde, aber der Schnapskrug hielt ihn fest.
Als ich ihn heute Abend aus dem Wirthshaus taumeln sah, da wußte ich,
er war doch ein Judas geworden und hatte seine Tochter verkauft.
Herr Pfarrer, wenn Sie etwas thun wollen und thun können, thun Sie es
schnell. Doch ich muß zehn blasen gehn.«