IV.

Im Wirthshaus.

Als ich mich der Theologie widmete, dachte ich auch nicht, daß ich

bald nach meinem Amtsantritt den Kochlöffel in die Hand nehmen müßte

und daß mein nächstes Studium -- »Henriette Davidis« sein würde. Aber

es war so. Mein Kosthaus wurde mir aufgekündigt; ein anderes Haus,

wo man mit Appetit essen konnte, war nicht da; einen Koch zu halten,

erlaubte meine Besoldung nicht; verheirathet war ich nicht. Es blieb

mir also, wenn ich warme Speisen haben wollte, nichts Anderes übrig,

als selbst zu kochen. Freilich kostete es einige Ueberwindung und

Bedenken. Aber ich dachte: das Kochen wird wohl auch keine Hexerei

sein und machte mich frisch an's Werk. Und siehe da! -- es ging. Es

kamen natürlich vorerst eine Menge Fehlversuche vor. Da war es denn

gut, daß ich meinen alten, treuen +Anton Scheppler+ hatte. Der aß die

mißglückten Produkte meiner Kochkunst mit einer Selbstverleugnung

und einem Appetit, der wohl besserer Leckerbissen werth gewesen wäre.

Im Augenblick bildete er mein ganzes Dienstpersonal. Er war meine

Magd, mein Kammerdiener und mein Auslaufejunge. Doch theilte ich seine

Thätigkeit mit der Kirche und der Gemeinde. Denn er bekleidete noch

das Amt eines Küsters, eines Ortsdieners und eines Nachtwächters.

Wenn er außerdem noch einen Verdienst bekommen konnte, nahm er den

auch noch mit. Denn er hatte allein die Obliegenheit, eine ziemlich

starke Familie zu ernähren. Seine Frau sagte: wenn sie arbeiten

wollte, hätte sie ihn nicht genommen; da hätte sie auch daheim bleiben

können, da hätten sie Arbeit genug gehabt. Sie war eigentlich schon

sein zweiter Heirathsversuch. Sein erstes Ehegespons, die schön und

sauber war, »daß man sie auf jeden Markt führen konnte«, wie er sich

ausdrückte, war ihm bei einem Ausflug nach England mit einem Riesen,

den man in einem Marktflecken für Geld zeigte, durchgebrannt. Mit der

zweiten ging es auch nicht recht. Er hatte Unglück mit den Weibern,

der gute Anton. Aber die Liebe, die er zu seinen Kindern zeigte, seine

Ehrlichkeit und Anhänglichkeit machten ihn mir wirklich theuer. Auch

besaß er ein ganz ungewöhnliches Erzählertalent, womit er mir schon

manchen Abend erheitert hatte. So saß er wieder einige Tage nach den

schon erzählten Auftritten eines Abends bei mir und kaute mit beiden

Backen an einem Kalbsragout, was ich des Morgens etwas zu steif gekocht

hatte. Ich hatte, scheint es, ein wenig zu viel Mehl daran gethan, denn

es wurde allmählich so dick, daß ich es nur mit Mühe aus dem Topfe

herausbrachte. Ich hatte ihm in der Angst, es könnten Stickanfälle

vorkommen, ein Glas Dünnbier dabeigestellt. Aber es erwies sich als

vollständig unnöthig, denn er schnalzte und schmatzte so nachdrücklich,

daß ich alle Minuten glaubte, er würde mich um das Rezept von dem

kostbaren Ragout angehen. Das Bier sparte er sich auf zu der Pfeife,

die er sich jetzt stopfen durfte. Und nachdem diese brannte und er

einen herzhaften Schluck genommen hatte, sagte er: »Herr Pfarrer, wenn

der Babette Heimerdinger Gefahr drohete, würden Sie Etwas für sie thun?«

»Ich würde alle Kräfte aufbieten, sie zu retten,« antwortete ich. »So

denke ich auch. Weiß Gott, ich habe an dem Mädchen einen wahren Narren

gefressen. Sie ist die Schönste und die Beste im Ort. Sie ist hülfreich

und tugendhaft. Wenn ich in ihr Gesicht sehe, dann ist mir es, als

wenn die Sonne aufging. Und wenn sie mir Morgens begegnet und sagt so

freundlich: »Guten Morgen, Anton«, dann, meine ich, könnte mir den

ganzen Tag kein Unglück passiren.«

»Wenn das Eure Frau wüßte, Anton!« »Das darf sie wissen. Darin ist

sie mit mir einig. Sie sagt oft selbst: Das ist ein Goldmädchen;

dem wünschte ich einmal einen ordentlichen Mann und keinen solchen

Dreidrath. Damit meint sie mich.«

»Das merke ich«, sagte ich lachend.

»Sie ist so gut auf die Babette zu sprechen, weil sie nie an unsern

Kindern vorbeigeht, ohne sie zu streicheln und ihnen Etwas zu schenken,

oder das kleinste auf den Arm zu nehmen und zu küssen. Es wäre mir

leid, wenn der alte Fink das Mädchen bekäme.«

»Ist denn Etwas im Gang?« fragte ich ganz erschrocken.

»Ei freilich. -- Sehen Sie, Herr Pfarrer, ich will nicht besser

scheinen als ich bin. Ich war auch draußen im Land und habe an zehn

Jahre lang die Orgel gedreht. Aber mit den Mädchen, das ist einmal

unrecht. Sie wollen es zwar Alle nicht gesagt haben, aber hier darf ich

es sagen. Und es ginge mir ein Stück vom Herzen weg, wenn die Babette

auch so eine verdorbene Person geben sollte.«

»Was ist denn eigentlich geschehen? So redet denn doch einmal.«

»Etwas ganz Besonderes ist es nicht. -- Die Wirthsleut' mußten heut

all' in's Feld, drum sagte die Annelies zu mir: Anton, sagte sie, der

Schnapskrug steht auf dem Schrank und das Bierfäßchen liegt angesteckt

im Keller. Wenn Jemand kommt, dann gib ihm, nur dem Förster Köhler

nicht; der borgt alle Welt aus und bezahlt nicht. Ich sagte: Schon gut.

Ich that's ja nicht zum ersten Mal.

Es war des Morgens schon früh heiß und ich setzte mich unter den

Lindenbaum vor dem Haus in den kühlen Schatten. In der Wirthsstube

waren der alte Fink und der Bürgermeister gar eifrig im Gespräch, und

von Zeit zu Zeit riefen sie mich hinein, daß ich die Schnapsgläser

wieder füllte. Das Fenster stand auf und ich konnte jedes Wort

verstehen, ohne daß ich horchte.

»Kommt der Heimerdinger?« fragte der alte Fink.

»Er kommt!« antwortete der Bürgermeister und lachte selbstgefällig

dazu. -- »Hast ihn bestellt?«

»Nein, aber du wirst sehen: er kommt. Zehn Pferde hielten ihn heut

nicht aus dem Wirthshaus.«

»Nun, so sprich, alter Sünder! Brauchst bei mir nicht so wichtig zu

thun mit deiner Klugheit -- wir kennen uns.«

»Es ist ja weiter nichts. Ich habe ihm nur heute früh im Vorbeigehen

gesagt, Du hättest die Schuldverschreibung von seinem Haus und

wolltest sie aufkündigen. Den Schrecken und den Brast, den ihm das

macht, kann er nicht ohne Schnaps bewältigen. Wirst sehen. Aber hast Du

auch die Verschreibung?«

»Freilich habe ich sie und theuer genug. Das Lumpenpapier kostet mich

fünfhundert Gulden. Du hast Dich auch einmal wieder verrechnet mit

dem »Krämerheimbuk«, -- alter Schlaukopf. Der ist so gescheut wie ein

Mensch. Als ich so zu flankiren anfing und von der Schuld sprach, die

der Heimerdinger bei mir hätte und wie mir es lieb wäre, wenn ich Alles

beisammen hätte, damit ich ihm besser zu Leib rücken könnte, wußte er

gar nicht, was ihn das anging. Und als ich ihm geradezu sagte, ich

wüßte, daß der Heimerdinger ihm sein Haus verschrieben habe, gab er

lauter ausweichende Antworten. Und je mehr ich drängte, desto zäher

wurde er. Endlich als ich zornig ward und fortging und die Thür hinter

mir zuwarf, daß das Haus zitterte, ward er manierlich. Er rief mich

zurück und wir wurden handelseinig. Aber ich mußte dem Halunken die

rückständigen Zinsen und noch fünfzig Gulden extra bezahlen. Der

Heimerdinger will auch noch etwas Baar in die Finger haben. Das Mädchen

kostet mich sechshundert Gulden, so gut wie einen Kreuzer. Was machte

meine »Alte« Augen, als sie so viel herausrücken mußte! Ich habe auch

mein Lebtag noch nie soviel gegeben. Die »Anne-Mile« war die theuerste

und die kostete vierhundert Gulden. Mit dem Heimerdinger hätte es alle

die Umstände nicht gebraucht, aber die Frau, die Frau! Die ist nicht

anders zu ködern. Aber das Haus läßt sie nicht, denn sie ist merkwürdig

stolz.«

»Baue nicht zu sicher d'rauf, sagte der Bürgermeister. Es sind Weiber.

Und die Babett bringst Du gar nicht in Rechnung.«

»Ein Gewitter soll Dich und Alle verzehren«, schrie da der alte Fink,

»wenn der Anschlag mißlingt und ich die Babett nicht bekomme. Ich muß

sie haben und wenn ich einen Mord thun müßte! Du weißt, wie es mit mir

steht. Ich muß Geld haben, sonst bin ich verloren. Ich spüre auch schon

das Alter in den Knochen. Es wird meine letzte Reise sein und da will

ich Etwas für meine alten Tage haben. Zehntausend Dollars muß sie mir

wenigstens einbringen.«

»Bist Du denn der anderen sicher?«

»Die habe ich sicher und schon bezahlt.«

Ueberdem trat Heimerdinger in die Stube. Er grüßte kleinlaut und setzte

sich an einen Tisch, den ich von außen recht gut überschauen konnte.

Die zwei Anderen belauerten ihn wie zwei Raubthiere, stellten sich

aber, als kümmerten sie sich gar nicht um ihn.

Er that einen tiefen Zug Schnaps aus dem Glas, das ich ihm hingestellt

hatte. Dann aber, als hätte er Gift getrunken, stieß er das Glas so

heftig auf den Tisch, daß es fast ganz verschüttet ging und auf dem

ganzen Tisch herumlief.

Es war still im Zimmer, aber es war keine wohlthuende Stille. Mir war

so unheimlich, wie wenn schwere Gewitterwolken am Himmel hängen und

kein Blatt sich regt in der schwülen Luft.

Heimerdinger stierte auf den Tisch. Dort war eine Mücke, frecher wie

die andern, dem auf dem Tische liegenden Branntwein nahe gekommen. Aber

der starke Duft hatte sie betäubt. Sie war hineingefallen. Ihre Flügel

wurden naß, und nur mit Mühe schleppte sie sich eine Weile weiter.

Endlich ganz betäubt und ermüdet sank sie hin und ersoff. Heimerdinger

hatte mit großer Aufmerksamkeit und Aufregung zugesehen. Jetzt sprang

er auf, schlug sich wider die Stirn und rief, als wenn er unsinnig

geworden wäre: »Mein Bild -- mein Bild! -- Verflucht will ich sein,

wenn noch einmal so ein gottverdammtes Glas an meine Lippen kommt.«

»Man meint, Du wolltest schon in aller Frühe eine Comödie aufführen.

Bist und bleibst der lustige Heimerdinger«, sagte der alte Fink so kalt

und spöttisch, daß ich ordentlich grimmig wurde über ihn.

Heimerdinger fuhr auf, als erwachte er aus einem wüsten Traum. Einen

Augenblick starrte er auf die Beiden, dann sank er auf seinen Stuhl

zusammen wie ein zugeklapptes Taschenmesser.

Nach einer Weile unterbrach wieder der alte Fink das Stillschweigen:

»Heimerdinger, Du bist ein Esel!« rief er mit seiner tiefen und starken

Stimme, daß es ordentlich schallte. Dem aber schoß auf einmal alles

Blut in's Gesicht. Ganz rasend sprang er auf und faßte den alten Fink

an der Gurgel, aber der baumstarke Fink drückte ihn zusammen, wie ein

Kind, schüttelte den vor Wuth Zitternden und schrie: »Ruhig, sage ich,

ruhig!« Dann schob er ihm sein Glas zu und sagte: »Da trink! -- Und

nun sage ich noch einmal: Du bist ein Esel, weil Du Dir helfen kannst

und thust es nicht! Bist Du denn noch der alte, fidele Heimerdinger?

Ich kenne Dich nicht wieder. Ich dachte, wenn es Einer im Dorfe leicht

nimmt, daß Alles d'rauf geht, so ist es gewiß der Heimerdinger. Jetzt

thust Du aber gerade, als wäre es mit Dir Mathäi am Letzten. Lustig,

sag' ich, immer lustig! So trink doch, Du Schwerenöther! Und wenn Du

kein Geld hast und der Wirth nicht mehr borgt, so hast Du noch gute

Freunde. Hier hast Du ein paar Thaler.«

Heimerdinger war wieder in seinen Trübsinn verfallen. Er hatte das

Schnapsglas nicht angerührt, obgleich er den Blick nicht von ihm

wenden konnte. Als ihm aber der alte Fink die Thaler aus seinem Beutel

hinschüttete, hatte er plötzlich aufgeschaut und ihn mit großen Augen

angesehen. Er nahm jeden Thaler in die Hand und wog ihn. Es war, als

wolle er es nehmen. Plötzlich schob er es aber wieder zurück und

sagte: »Glaubst Du, ich wüßte nicht, wo Du hinauswillst, warum Du die

Verschreibung an Dich gebracht hast und nun das Geld einforderst? Du

willst meine Babett. Aber die ist viel zu gut für Deine versoffenen

Matrosen und Deine californischen Goldgräber. Ich verkaufe mein

frommes, schönes Kind nicht. Ich kann nicht, wenn ich auch wollte.

Behalte Dein Blutgeld; ich bin kein Judas.«

»Himmelsakramenter!« schrie der alte Fink, fast blau im Gesicht

vor Zorn. »Du miserabler Hund, Du Lump! hast Weib und Kind an den

Bettelstab gebracht und willst mir so etwas bieten.« Dabei nahm er

einen Stuhl und stieß ihn auf den Boden, daß die Splitter in alle

Ecken flogen. Mit diesem furchtbaren Ausdruck seines Zornes schien

sich derselbe auch schon wieder verkühlt zu haben und nur noch wie

nachrollender Donner hieß es: »Ei, Dich soll ein Gewitter verschlagen,

Du verfluchter Lump!«

»Anton,« rief mir der Bürgermeister, »schenk' einmal ein. Mach' auch

dem Heimerdinger sein Glas voll und stell es hierher auf unsern Tisch.

Und Du, Heimerdinger, setz Dich hier auf den Stuhl zu uns! Hörst Du?

Nun, willst Du gehorchen? So. Und nun trinkst Du mit uns. Willst nicht?

Bist Du etwa zu vornehm geworden? Auf Deine Gesundheit, Heimerdinger!

So, das war einmal ein herzhafter Zug!«

Heimerdinger hat auf +einen+ Zug sein Glas ausgeleert.

»Anton,« sagte jetzt der Bürgermeister zu mir, »kannst den Krug hier

stehen lassen. Auf meinem Pult daheim ist Allerhand zum Ausschellen

zurechtgelegt. Das kannst Du jetzt thun.«

Ich merkte, daß der Bürgermeister den Karren, den der alte Fink in

seiner Hitze verfahren, wieder in das rechte Geleise bringen wollte und

gab dem Heimerdinger einen heimlichen Rippenstoß, er solle mitgehen.

Er hat mich auch verstanden. Ich habe es ihm angesehen. Er wollte auch

mitgehen, aber er konnte nicht. Der Schnapskrug hielt ihn fest. Ich

habe einmal gehört von der Klapperschlange, daß die die Vögel bannen

könnte mit ihrem Blick, daß sie nicht fortkönnten, wenn sie auch

wollten. Wie so ein Vogel saß auch der Heimerdinger da. Er wußte, daß

ihm der Hals zugeschnürt würde, aber der Schnapskrug hielt ihn fest.

Als ich ihn heute Abend aus dem Wirthshaus taumeln sah, da wußte ich,

er war doch ein Judas geworden und hatte seine Tochter verkauft.

Herr Pfarrer, wenn Sie etwas thun wollen und thun können, thun Sie es

schnell. Doch ich muß zehn blasen gehn.«

Hurdy-Gurdy: Bilder aus einem Landgängerdorfe · 第 7 / 15 题