II.

»Nehmen wir einmal die Zigaretten!« sagte endlich Porphyri Petrowitsch,

nachdem er die Zigarette angesteckt und Atem geholt hatte, »sie sind

schädlich, ganz und gar schädlich, ich kann sie aber nicht lassen! Ich

huste, im Halse beginnt es zu kratzen und ich leide an Atemnot. Wissen

Sie, ich bin ängstlich, war vor ein paar Tagen bei B. gewesen, -- er

untersucht jeden Kranken, minimum, eine halbe Stunde; er lachte, als er

mich sah, -- dann hat er mich beklopft und ausgehorcht und sagte unter

anderem, daß Tabak für mich nicht gut sei, meine Lungen seien erweitert.

Und, wie kann ich das Rauchen lassen? Wodurch soll ich es ersetzen? Ich

trinke nicht, das ist das ganze Unglück, he--he--he, es ist ein Unglück,

daß ich nicht trinke! Alles ist doch wie man's nimmt, Rodion

Romanowitsch, wie man's nimmt!«

»Was fängt er wieder mit seinem alten Kram an?« dachte Raskolnikoff voll

Widerwillen. Die ganze letzte Szene stieg vor ihm auf und dasselbe

Gefühl wie damals überflutete wie eine Welle sein Herz.

»Ich war schon einmal bei Ihnen, vorgestern abend. Sie wissen es nicht?«

fuhr Porphyri Petrowitsch fort und blickte sich im Zimmer um, »ich war

in demselben Zimmer gewesen. Ich ging ebenso, wie heute, vorbei und

dachte, -- ich will ihm mal eine Gegenvisite machen. Komme hierher, das

Zimmer steht weit offen; ich sah mich um, wartete eine Weile, habe mich

nicht mal Ihrem Dienstmädchen gemeldet -- und ging wieder fort. Sie

schließen das Zimmer nicht ab?«

Raskolnikoffs Gesicht verfinsterte sich immer mehr. Porphyri Petrowitsch

schien seine Gedanken zu erraten. »Ich bin gekommen, lieber Rodion

Romanowitsch, Ihnen eine Erklärung zu geben. Ich bin Ihnen eine solche

schuldig,« fuhr er mit einem Lächeln fort und schlug ihm mit der Hand

leicht auf das Knie, aber zu gleicher Zeit nahm sein Gesicht einen

ernsten und besorgten Ausdruck an, es schien, zu Raskolnikoffs

Erstaunen, wie mit Trauer umflort. Er hatte noch nie bei Porphyri

Petrowitsch solch einen Ausdruck gesehen und ihn auch nicht bei ihm

vermutet. -- »Eine merkwürdige Szene hat sich das letzte Mal zwischen

uns abgespielt, Rodion Romanowitsch. Ich gestehe, daß es vielleicht auch

bei unserer ersten Zusammenkunft sonderbar hergegangen ist, aber damals

... Nun, jetzt kommt es auf dasselbe hinaus! Hören Sie, ich habe eine

große Schuld Ihnen gegenüber, ich fühle es. Erinnern Sie sich, wie wir

uns trennten, -- bei Ihnen vibrierten die Nerven und zitterten die Knie,

auch bei mir vibrierten die Nerven und zitterten die Knie. Und wissen

Sie, es war auch zwischen uns damals nicht ganz anständig, nicht

gentlemanlike zugegangen. Wir sind aber doch Gentlemen, das heißt in

jedem Falle und vor allen Dingen Gentlemen; das ist im Auge zu behalten.

Sie erinnern sich doch, wie weit es kam ... geradezu unanständig.«

»Was ist mit ihm, für wen hält er mich denn?« fragte sich Raskolnikoff

verwundert, indem er den Kopf erhob und Porphyri Petrowitsch aufmerksam

anblickte.

»Ich bin zu der Ansicht gekommen, daß es besser für uns ist, jetzt in

aller Offenheit zu verhandeln,« fuhr Porphyri Petrowitsch fort, seinen

Kopf ein wenig zurückwerfend und die Augen senkend, als wünsche er nicht

mehr durch seinen Blick sein früheres Opfer zu verwirren, und als

verschmähe er seine frühere Methode und seine Kniffe; -- »ja, solche

Verdächtigungen und solche Szenen dürfen nicht andauern. Uns hat damals

Nikolai erlöst, sonst wüßte ich nicht, was alles zwischen uns passiert

wäre. Dieser verfluchte Kleinbürger saß damals die ganze Zeit bei mir

hinter der Scheidewand, -- können Sie es sich vorstellen? Sie wissen es

sicher schon; es ist mir bekannt, daß er später bei Ihnen gewesen ist;

das aber, was Sie damals annahmen, war nicht der Fall, -- ich hatte nach

keinem Menschen geschickt und hatte damals auch keine Anordnungen

getroffen! Sie werden mich fragen, warum ich keine Anordnungen getroffen

hatte? Ja, wie soll ich es sagen, -- mich selbst hat dieses alles damals

überfallen. Ich hatte kaum Zeit gefunden, die Hausknechte holen zu

lassen, -- Sie haben die Hausknechte wahrscheinlich bemerkt, als Sie

durch das Vorzimmer gingen. -- Ein Gedanke durchfuhr mich damals, wie

ein Blitz, -- ich war, sehen Sie, Rodion Romanowitsch, damals so gut wie

überzeugt. Warte, dachte ich mir, -- wenn ich auch vorläufig das eine

versäume, so packe ich dafür das andere am Schwanz, -- will jedenfalls

das meinige nicht versäumen. Sie sind von Natur aus sehr reizbar, Rodion

Romanowitsch, sogar übermäßig reizbar bei allen anderen Grundzügen Ihres

Charakters und Herzens, die ich mir schmeichle teilweise erkannt zu

haben. Selbstverständlich konnte ich mir auch damals schon sagen, daß es

nicht oft der Fall sei, daß ein Mensch plötzlich aufsteht und sein

ganzes Geheimnis ausplaudert. Das kommt wohl vor, besonders, wenn einem

Menschen die letzte Geduld reißt, aber jedenfalls immerhin selten. Ja,

das konnte ich mir sagen. Ich dachte, wenn ich bloß ein Zipfelchen

erwische! Meinetwegen ein ganz winziges Endchen, nur ein einziges, aber

ein derartiges, daß man es fassen kann, daß es ein Ding ist und nicht

immer bloß diese Psychologie. Dann dachte ich mir, wenn ein Mensch

schuldig ist, so kann man jedenfalls etwas wesentliches von ihm

erwarten; es ist selbst statthaft, auch auf ein ganz unerwartetes

Resultat zu rechnen. Ich habe damals mit Ihrem Charakter gerechnet,

Rodion Romanowitsch, am meisten mit Ihrem Charakter! Ich hoffte damals

zu stark auf Sie selbst.«

»Aber ... aber warum sprechen Sie jetzt in dieser Weise,« murmelte

Raskolnikoff endlich, ohne seine eigene Frage sich zu überlegen. --

»Worüber spricht er,« verlor er sich in Mutmaßungen, »hält er mich

tatsächlich für unschuldig?«

»Warum ich in dieser Weise spreche? Ich bin gekommen, Ihnen Erklärungen

zu geben, halte es für meine heilige Pflicht. Ich will Ihnen alles bis

aufs haarkleinste erzählen, wie alles war, diese ganze Geschichte der

damaligen Verblendung. Ich habe Ihnen viel Leid zugefügt, habe Sie stark

leiden lassen, Rodion Romanowitsch. Ich bin kein so großes Scheusal. Ich

begreife auch, was es für einen niedergedrückten, aber stolzen,

eigenartigen und ungeduldigen, besonders ungeduldigen Menschen heißt,

dies alles ertragen zu müssen. Ich halte Sie in jedem Falle für einen

edlen Menschen, mit großmütiger Veranlagung, obgleich ich nicht mit

allen Ihren Überzeugungen einverstanden bin und ich halte es für meine

Pflicht im voraus, offen und aufrichtig Ihnen das zu sagen, ich will Sie

nicht betrügen. Nachdem ich Sie erkannt hatte, fühlte ich eine Neigung

zu Ihnen. Sie werden wohl über meine Worte lachen? Und Sie haben ein

Recht dazu. Ich weiß, daß Sie mich auf den ersten Blick schon nicht

leiden konnten, und im Grunde genommen ist auch nichts an mir, warum man

mich gern haben könnte. Fassen Sie es jedoch auf, wie Sie wollen, ich

wünsche meinerseits mit allen Mitteln, diesen Eindruck von mir zu

verwischen und Ihnen zu beweisen, daß auch ich ein Mensch mit einem

Herzen und einem Gewissen bin. Und dies sage ich aufrichtig.«

Porphyri Petrowitsch hielt würdevoll inne. Raskolnikoff fühlte den

Andrang eines neuen Schreckens. Der Gedanke, daß Porphyri Petrowitsch

ihn für unschuldig hielt, begann ihn zu peinigen.

»Ich denke, es ist unnötig und überflüssig, alles der Reihenfolge nach

zu erzählen, wie es damals begonnen hatte,« fuhr Porphyri Petrowitsch

fort. »Ja, und es ist fraglich, ob ich imstande bin, es zu tun. Denn,

wie soll man es genau erklären? Im Anfange tauchten Gerüchte auf.

Darüber, was es für Gerüchte waren, und von wem sie stammten, und wann

... und aus welchem Anlaß eigentlich Sie hineingezogen wurden, -- ist

auch, denke ich, überflüssig zu erwähnen. Bei mir persönlich fing es mit

einer Zufälligkeit, mit einer völlig unvorgesehenen Zufälligkeit an, die

ebenso gut sein wie nicht sein konnte, -- was es aber war? Hm, ich

denke, dies ist auch nicht zu erwähnen. Dies alles, wie die Gerüchte, so

auch die Zufälligkeiten, schmolzen sich bei mir zu einem Gedanken

zusammen. Ich muß offen gestehen, denn, wenn man schon einmal

eingesteht, soll es auch alles sein, -- ich war der erste, der auf Sie

damals kam. Die Vermerke der Alten auf den versetzten Sachen und

dergleichen mehr sind, ich gebe es zu, alles Unsinn. In dieser Weise

kann man hundert solche Dinge aufzählen. Ich hatte auch damals die

Gelegenheit, die Szene auf dem Polizeibureau in allen ihren Einzelheiten

zu erfahren, ebenfalls zufällig und nicht sozusagen im Vorbeigehen,

sondern von einem besonders zuverlässigen Erzähler, der ohne es selbst

zu ahnen, diese Szene vortrefflich aufgefaßt hatte. So reihte sich alles

eins ans andere, gesellte sich eins zu dem andern, lieber Rodion

Romanowitsch! Und wie sollte man da sich nicht nach einer bestimmten

Richtung wenden? Aus hundert Kaninchen wird nie ein Pferd, aus hundert

Verdachtsgründen kommt nie ein Beweis heraus, -- so lautet ein

englisches Sprichwort, aber da rechnet man bloß mit dem Intellekte, man

soll jedoch auch mit den Leidenschaften rechnen, denn ein

Untersuchungsrichter ist doch auch nur ein Mensch. Ich erinnerte mich

auch Ihrer Abhandlung in der Zeitschrift, über die ich mit Ihnen --

erinnern Sie sich -- bei Ihrem ersten Besuch eingehend sprach. Ich habe

damals gespottet, aber nur um von Ihnen mehr herauszulocken. Ich

wiederhole, Sie sind ungeduldig und sehr krank, Rodion Romanowitsch. Daß

Sie kühn, herausfordernd, ernst sind und ... vieles durchgedacht, vieles

durchgedacht haben, das alles wußte ich längst. Alle diese Empfindungen

kenne ich, und Ihre kleine Abhandlung habe ich wie etwas Wohlvertrautes

gelesen. In schlaflosen Nächten und in Aufregungen mit wogendem und

klopfendem Herzen, mit unterdrücktem Enthusiasmus ist diese Arbeit

entstanden. Aber dieser unterdrückte, stolze Enthusiasmus in jungen

Jahren ist gefährlich! Ich habe damals gespottet, will Ihnen aber jetzt

sagen, daß ich überhaupt solche ersten, jugendlichen, hitzigen Versuche

mit der Feder über alles das gewissermaßen als Amateur liebe. Ein Rauch,

ein Nebel ist es, und im Nebel klingt eine Saite. Ihr Artikel ist

unsinnig und phantastisch, aber darin schimmert solch eine

Aufrichtigkeit, darin steckt ein jugendlicher und unbestechlicher Stolz,

eine Kühnheit der Verzweiflung; es ist ein finsterer Artikel, und das

ist seine Stärke. Ich las Ihren Artikel und legte ihn beiseite, und ...

als ich ihn beiseite gelegt hatte, dachte ich schon damals, >nun, mit

diesem Menschen geht es nicht so weiter!< Nun, sagen Sie mir jetzt, wie

sollte man sich da nach all dem Vorangegangenen von dem Darauffolgenden

nicht hinreißen lassen! Ach, mein Gott! Was sage ich denn jetzt?

Behaupte ich denn jetzt etwas? Ich habe es mir damals bloß gemerkt. Was

ist denn alles dabei, -- dachte ich? Es ist ja nichts, rein gar nichts,

und vielleicht im höchsten Grade ein Nichts. Ja, und es ziemt sich ganz

und garnicht für mich, den Untersuchungsrichter, mich so hinreißen zu

lassen, -- ich habe doch Nikolai in den Händen, und mit Beweisen, -- es

ist gleichgiltig, wie man darüber denkt, Beweise sind es in jedem Fall.

Und er hat auch seine Psychologie; ich muß mich mit ihm beschäftigen,

denn es handelt sich hier um Tod und Leben. Wozu erkläre ich Ihnen jetzt

dies alles? Damit Sie es wissen und mich mit Ihrem Verstande und Herzen

wegen meines damaligen bösen Benehmens nicht anklagen sollen. Es war

nicht böse gemeint, ich sage es aufrichtig, he--he--he! Meinen Sie etwa,

daß ich keine Haussuchung bei Ihnen vorgenommen hätte? Ich habe es

getan, habe es getan, he--he--he, habe sie vorgenommen, als Sie krank im

Bett lagen. Es war nicht offiziell und nicht von mir persönlich, aber in

jedem Fall, sie wurde vorgenommen. Bis aufs letzte Haar wurde bei Ihnen

in der Wohnung alles, sogar nach frischen Spuren, besehen, -- aber

umsonst. Da dachte ich, -- jetzt kommt dieser Mensch zu mir, kommt

selbst und sehr bald zu mir; wenn er schuldig ist, wird er unbedingt

kommen. Ein anderer würde nicht kommen, dieser aber unbedingt. Und

erinnern Sie sich, wie Herr Rasumichin sich Ihnen gegenüber zu

versprechen begann? Das haben wir arrangiert, um Sie aufzuregen, darum

haben wir absichtlich auch das Gerücht verbreitet, damit er sich Ihnen

gegenüber verspreche, Herr Rasumichin aber ist so ein Mensch, der keine

Entrüstung bei sich behalten kann. Herrn Sametoff fiel zuerst Ihr Zorn

und Ihre offene Kühnheit auf; wie kann einer in einem Restaurant

plötzlich herausplatzen, -- >ich habe ermordet!< Es ist zu kühn, es ist

zu frech und wenn er schuldig ist, -- dachte ich, -- so ist er ein

furchtbarer Gegner! In dieser Weise habe ich damals gedacht. Ich wartete

auf Sie! Wartete mit größter Ungeduld, Sametoff haben Sie damals einfach

niedergeschmettert und ... das ist ja das Fatale, daß diese ganze

Psychologie zwei Seiten hat! Nun, ich erwarte also Sie und siehe, Gott

schickt Sie selbst, -- Sie kommen! Mein Herz klopfte stark! Ach! Nun,

warum mußten Sie damals kommen? Ihr Lachen, Ihr Lachen damals, als Sie

hereinkamen, -- erinnern Sie sich -- ich erriet sofort alles, als sähe

ich durch ein Glas; hätte ich aber auf Sie in dieser besonderen Art

nicht gewartet, würde ich auch in Ihrem Lachen nichts gemerkt haben.

Sehen Sie, was es heißt, in Stimmung zu sein. Und Herr Rasumichin

damals, -- ach! und der Stein, der Stein, -- erinnern Sie sich -- der

Stein, unter dem noch die Sachen versteckt sind? Mir war es, als sähe

ich ihn irgendwo in einem Gemüsegarten. -- Sie hatten doch Sametoff

schon davon erzählt und erwähnten ihn dann bei mir zum zweiten Male! Als

Sie aber damals begannen, Ihren Artikel bis aufs einzelne durchzunehmen,

als Sie sich näher darüber ausließen, -- da faßte ich jedes Ihrer Worte

doppelt auf, als stecke noch ein anderes darunter! Nun, sehen Sie,

Rodion Romanowitsch, in dieser Weise kam ich auch bis zu den letzten

Schranken, und erst als ich mit der Stirn dagegen rannte, kam ich zur

Besinnung. Nein, -- sagte ich mir -- was ist mit dir? Wenn man will, --

sagte ich mir -- kann man dies alles bis zum letzten Punkte auf andere

Weise erklären, und es wird immer noch natürlicher erscheinen. Es war

eine Qual! Nein, -- dachte ich, -- wenn ich doch nur ein Zipfelchen

erwischen könnte! ... Und als ich gar von diesem Klingelzeichen hörte,

erstarrte ich, ein Frösteln packte mich. -- Jetzt ist das Zipfelchen da!

dachte ich. Ich habe es! Da überlegte ich nicht mehr, wollte es einfach

nicht mehr tun. Tausend Rubel hätte ich in diesem Augenblicke aus meiner

eigenen Tasche hingegeben, um nur Sie _mit meinen eigenen Augen_ gesehen

zu haben, -- wie Sie damals hundert Schritte neben dem Kleinbürger

hingingen, nachdem er Ihnen ins Gesicht >Mörder!< gesagt hatte, und Sie

nicht gewagt hatten, ihn irgend etwas, ganze hundert Schritte lang, zu

fragen! ... Nun, und dieses Gefühl von Kälte im Rückenmark? War dieses

Klingelzeichen auch im kranken Zustande, im halbbewußten Fieberwahne?

Und da müssen Sie sich, Rodion Romanowitsch, nach alldem auch nicht

wundern, daß ich damals mit Ihnen solche Scherze getrieben habe. Und

warum kamen Sie selbst im selben Augenblicke? Es war, als hätte Sie

jemand gestoßen, zu kommen, bei Gott, und wenn uns Nikolai nicht

auseinander gebracht hätte, so ... erinnern Sie sich an Nikolai damals?

Erinnern Sie sich seiner gut? Er kam, wie ein Blitz aus heiterm Himmel.

Nun, und wie empfing ich ihn? Dem Blitze glaubte ich nicht das

geringste, Sie geruhten es selbst zu sehen! Und noch mehr! Als Sie schon

fortgegangen waren, und als er begann, sehr, sehr vernünftig manche

Punkte zu beantworten, so daß ich selbst verwundert war, auch dann

glaubte ich ihm noch nicht das geringste! Sehen Sie, was es heißt,

felsenfest überzeugt zu sein. Nein -- dachte ich -- daran ist nichts zu

machen! Nikolai ändert daran garnichts!«

»Mir erzählte soeben Rasumichin, daß Sie auch jetzt Nikolai

beschuldigen, und daß Sie Rasumichin selbst davon überzeugt hätten ...«

Der Atem stockte ihm, und er beendete den Satz nicht. Er hörte mit

unbeschreiblicher Erregung zu, wie ein Mensch, der ihn vollkommen

durchschaut hatte, sich vor sich selbst verleugnete. -- Er fürchtete

daran zu glauben und glaubte nicht. In den zweideutigen Worten suchte er

gierig und haschte nach etwas Bestimmterem und Genauerem.

»Herr Rasumichin!« rief Porphyri Petrowitsch wie erfreut über die Frage

Raskolnikoffs, der die ganze Zeit geschwiegen hatte. -- »He--he--he! Ja,

Herrn Rasumichin mußte man auch abschieben, -- zu zweit ist es ein

Vergnügen, der dritte soll wegbleiben. Herr Rasumichin soll aus dem

Spiele bleiben, und ist außerdem ein fremder Mensch; er kam zu mir ganz

blaß gelaufen ... Nun, Gott sei mit ihm, wozu sollen wir ihn in die

Sache hereinbringen! ... Und was Nikolai betrifft, -- so sollen Sie

wissen, was das für ein Subjekt ist, das heißt, wie ich ihn auffasse.

Vor allen Dingen ist er noch das reine Kind, und nicht etwa eine

ängstliche Natur, sondern er ist eine Art Künstler. Sie sollen sich

nicht darüber lustig machen, daß ich ihn so darstelle. Er ist ein

unschuldiger, reiner und für alles empfänglicher Mensch. Hat ein Herz,

ist ein Phantast. Man sagt, daß er singen und tanzen kann und Märchen so

zu erzählen versteht, daß Leute aus anderen Orten sich versammeln, um

ihn zu hören. Auch zur Schule, zu den Abendkursen geht er, kann sich

krank lachen, wenn man ihm den Finger zeigt, kann sich bewußtlos

betrinken, nicht etwa aus Verdorbenheit, sondern gelegentlich, wenn man

ihm zu trinken gibt, alles in kindlicher Weise. Er hat damals gestohlen,

weiß es aber selbst nicht, denn nach seiner Ansicht -- >ist es doch kein

Diebstahl, wenn er etwas auf der Erde gefunden hat?< Wissen Sie aber,

daß er zu den Altgläubigen gehört, nein, eigentlich ist er kein

Altgläubiger, sondern ein Sektierer; aus seiner Familie gehörten einige

der Sekte >Bewegung< an, auch er selbst hat vor kurzem noch zwei Jahre

auf dem Lande bei einem gottesfürchtigen Greis gelebt, um sich in den

Grundsätzen der Religion zu festigen. Das alles habe ich von Nikolai und

seinen Nachbarn aus dem Dorfe erfahren. Noch mehr! Er wollte Einsiedler

werden! Er hatte die feste Absicht, betete nächtelang zu Gott, las in

den alten >echten, wahren<[12] Büchern und hat vor lauter Lesen den

Verstand verloren. Petersburg hat auf ihn einen starken Eindruck

gemacht, besonders das weibliche Geschlecht, nun, und auch der Wein. Er

ist empfänglich, hat den gottesfürchtigen Greis und alles vergessen. Ich

habe erfahren, daß ihn hier ein Künstler lieb gewonnen hat, er ging zu

ihm zu Besuch, da kam aber diese Geschichte dazwischen. Nun, er bekam

Angst, -- und wollte sich erhängen! Wollte davonlaufen! Was soll man da

tun bei dem Begriffe, den das Volk nun einmal von unserer Rechtspflege

besitzt! Manchen erschrickt schon das Wort >vors Gericht gestellt zu

werden<. Wer ist daran schuld! Wir wollen sehen, wie die Gerichtsreform

wirken wird. Ach, möge es Gott bald geben! Nun, also, -- im Gefängnisse

erinnerte er sich offenbar wieder des gottesfürchtigen Greises; auch die

Bibel erschien wieder. Wissen Sie, Rodion Romanowitsch, was es bei

manchen von diesen Leuten bedeutet, >das Leiden auf sich zu nehmen<? Das

bedeutet nicht etwa, für jemand anderen zu leiden, sondern einfach man

soll >Leiden auf sich nehmen< und besonders gilt das, wenn die Behörden

im Spiele sind. Zu meiner Dienstzeit noch saß im Gefängnisse ein ganzes

Jahr ein äußerst stiller, ruhiger Arrestant, er las nächtelang auf dem

Ofen liegend die Bibel, und verlor vor lauter Lesen den Verstand, wissen

Sie, verlor ihn ganz und gar, so daß er eines schönen Tages ohne jede

Veranlassung, ohne jeden Grund einen Ziegelstein packte und ihn auf den

Vorgesetzten schleuderte. Ja, und wie tat er es, -- absichtlich

schleuderte er den Stein eine Elle vorbei, um dem Vorgesetzten bloß

keinen Schaden anzufügen! Nun, es ist ja bekannt, was mit einem

Arrestanten geschieht, der bewaffneten Widerstand gegen seinen

Vorgesetzten leistet, -- und da hatte er also >das Leiden auf sich

genommen<! Ich habe nun den Verdacht, daß Nikolai auch >das Leiden auf

sich nehmen< oder etwas derartiges tun will. Das weiß ich sicher, aus

Tatsachen. Er weiß bloß selbst nicht, daß ich es weiß. Was -- geben Sie

es etwa nicht zu, daß aus solch einem Volke phantastische Menschen

hervortreten? Aber sicher auf Schritt und Tritt. Der gottesfürchtige

Greis hat jetzt wieder bei ihm zu wirken begonnen, ist ihm besonders

nach dem Selbstmordversuch in Erinnerung gekommen. Übrigens aber, er

wird mir selbst alles erzählen, er wird zu mir kommen. Sie glauben, er

wird es bis zu Ende aushalten können? Warten Sie nur, er wird seine

Aussage noch zurücknehmen! Ich warte stündlich, daß er kommen wird, um

seine Aussage zurückzunehmen. Ich habe diesen Nikolai liebgewonnen und

will ihn genau ergründen. Und können Sie sich denken! He--he--he! Manche

Punkte hat er mir ziemlich vernünftig beantwortet, hat offenbar die

nötigen Mitteilungen erhalten und sich gut vorbereitet; nun, und bei

anderen Punkten blamierte er sich mordsmäßig, wußte rein gar nichts,

hatte keine Ahnung, und weiß selbst nicht mal, daß er nichts ahnt! Nein,

Väterchen, Rodion Romanowitsch, mit dieser Sache hat Nikolai nichts zu

tun! Es ist eine phantastische, finstere Sache, eine moderne Sache, ein

Fall unserer Zeit, wo das menschliche Herz sich getrübt hat -- wo die

Phrase zitiert wird, daß Blutvergießen >erfrischt<, wo von einem Leben

in Komfort gepredigt wird. Hier -- sind Ideen aus Büchern, hier spricht

ein durch Theorien gereiztes Herz, hier sieht man eine Entschlossenheit

zum ersten Schritt, aber eine Entschlossenheit besonderer Art, -- er hat

sich dazu entschlossen, wie man sich entschließt, von einem Felsen oder

von einem Turme sich herabzustürzen, und ist zu dem Verbrechen nicht wie

auf eigenen Füßen geschritten. Er hatte vergessen, die Türe hinter sich

zu schließen und hat getötet, zwei Menschen getötet, nach der Theorie.

Er hat getötet, aber nicht verstanden, das Geld zu nehmen, was er aber

zusammengerafft hat, steckte er unter einen Stein. Es genügte ihm nicht,

daß er eine Qual durchgemacht hatte, als er hinter der Tür stand und an

der Tür gerüttelt und an der Klingel gerissen wurde, -- nein, er geht

noch einmal nachher in die leere Wohnung in halbbewußtem Zustande, um

sich dieses Läuten in Erinnerung zu bringen, es verlangt ihn wieder,

diese Kälte im Rücken zu spüren ... Nun ja, dies ist im kranken Zustande

geschehen, aber noch eins, -- er hat ermordet, hält sich aber für einen

ehrlichen Menschen, verachtet alle Leute, wandert als bleicher Engel

herum, -- nein, was hat Nikolai damit zu tun, lieber Rodion

Romanowitsch, nein, Nikolai ist es nicht!«

Diese letzten Worte waren nach allem vorher Gesagten, das einem Aufgeben

des früher Angenommenen so ähnlich war, zu unerwartet gekommen.

Raskolnikoff erzitterte am ganzen Körper, wie vom Blitze getroffen.

»Wer hat sie denn ... getötet ...« fragte er mit erstickender Stimme,

ohne doch die Frage zurückhalten zu können. Porphyri Petrowitsch warf

sich gegen die Stuhllehne zurück, wie aufs äußerste überrascht und

erstaunt über diese Frage.

»Wie, wer sie getötet hat? ...« wiederholte er, als traue er seinen

Ohren nicht. -- »Ja, _Sie_ haben getötet, Rodion Romanowitsch! Sie haben

getötet ...« fügte er fast im Flüstertone, aber bestimmt hinzu.

Raskolnikoff sprang vom Sofa auf, stand einige Sekunden und setzte sich

wieder, ohne ein Wort zu sagen. Über sein Gesicht ging ein krampfhaftes

Zucken.

»Die Lippe bebt wieder bei Ihnen, wie damals,« murmelte scheinbar voll

Teilnahme Porphyri Petrowitsch. -- »Sie haben, Rodion Romanowitsch, mich

nicht richtig verstanden,« fügte er nach einigem Schweigen hinzu, »darum

sind Sie auch so überrascht. Ich bin gerade darum gekommen, um Ihnen

alles zu sagen und die Sache offen mit Ihnen zu behandeln.«

»Ich habe nicht getötet,« flüsterte Raskolnikoff, genau wie ein Kind im

Schreck, wenn es auf frischer Tat ertappt wurde.

»Nein, Sie haben es getan, Rodion Romanowitsch, Sie und niemand anders,«

flüsterte Porphyri Petrowitsch streng und fest.

Sie schwiegen beide und das Schweigen dauerte merkwürdig lange, etwa

zehn Minuten. Raskolnikoff hatte sich auf den Tisch gestützt und fuhr

schweigend mit den Fingern durch die Haare. Porphyri Petrowitsch saß

still und wartete. Plötzlich blickte Raskolnikoff Porphyri Petrowitsch

verächtlich an.

»Sie kommen wieder mit der alten Weise, Porphyri Petrowitsch! Immer Ihre

alte Taktik, -- wird es Ihnen in der Tat nicht langweilig?«

»Ach, lassen Sie doch, was soll es denn für eine Taktik sein! Ja, wenn

Zeugen zur Stelle wären; wir sprechen aber doch Auge in Auge. Sie sehen

selbst, ich bin nicht dazu hergekommen, um Sie zu hetzen und zu

umgarnen, wie ein flüchtiges Wild. Ob Sie gestehen oder nicht, -- in

diesem Augenblicke ist es mir einerlei. Für meine Person bin ich auch

ohne das überzeugt.«

»Wenn die Sache so steht, warum sind Sie denn gekommen?« fragte

Raskolnikoff gereizt. -- »Ich stelle Ihnen die frühere Frage, -- wenn

Sie mich für den Schuldigen halten, warum sperren Sie mich nicht ins

Gefängnis?«

»Das ist doch einmal ein Wort! Darum will ich Ihnen diese Frage genau

beantworten, -- erstens, Sie einfach ins Gefängnis zu sperren, ist für

mich unvorteilhaft.«

»Wieso unvorteilhaft? Wenn Sie überzeugt sind, so müssen Sie sogar ...«

»Ach, was hat es denn zu sagen, daß ich überzeugt bin? Alles ist doch

vorläufig ein Gedanke von mir, eine Einbildung. Ja und warum soll ich

Sie dort _zur Ruhe_ setzen? Sie wissen das selbst, wenn Sie darauf

drängen. Ich bringe zum Beispiel den Kleinbürger hin, um Sie zu

überführen, Sie werden ihm aber sagen, -- bist du betrunken oder nicht?

Wer hat dich mit mir zusammen gesehen? Ich habe dich einfach für einen

Betrunkenen gehalten, und du warst es auch, -- was soll ich Ihnen darauf

erwidern, umsomehr, als Ihre Worte überzeugender sind als seine, denn in

seiner Aussage steckt nur eine psychologische Mutmaßung, -- das paßt

aber zu seiner Fratze nicht mal, -- Sie aber treffen den Kernpunkt, denn

der gemeine Kerl trinkt sehr stark und ist dafür bekannt. Und ich habe

selbst Ihnen offen schon einigemal gesagt, daß diese Psychologie zwei

Seiten hat, und daß die zweite Seite die größere Wahrscheinlichkeit für

sich hat, und habe hinzugefügt, daß ich außer diesem vorläufig gar

nichts gegen Sie in den Händen habe. Und obwohl ich Sie einsperren

werde, und sogar selbst gekommen bin -- (was doch sicher nicht gang und

gäbe ist) -- Ihnen im voraus alles mitzuteilen, trotzdem sage ich Ihnen

offen -- (was wieder nicht gang und gäbe ist) -- daß dies für mich

unvorteilhaft sein wird. Und zweitens, bin ich darum zu Ihnen gekommen

...«

»Und zweitens?« Raskolnikoff rang immer noch nach Atem.

»Weil ich mich, wie ich Ihnen schon vorhin erklärte, für verpflichtet

halte, Ihnen eine Erklärung abzugeben. Ich will nicht, daß Sie mich für

ein Scheusal ansehen sollen, umsomehr, als ich zu Ihnen eine aufrichtige

Neigung gefaßt habe, ob Sie mir glauben oder nicht. Und deswegen bin

ich, drittens, gekommen, Ihnen den offenen und direkten Vorschlag zu

machen -- sich selbst anzuzeigen und ein Geständnis abzulegen. Das ist

für Sie das Gescheiteste, und auch für mich am vorteilhaftesten, -- dann

bin ich die Sache los. Nun, war ich meinerseits offen oder nicht?«

Raskolnikoff dachte einen Augenblick nach.

»Hören Sie, Porphyri Petrowitsch, Sie sagen doch selbst, -- es ist nur

auf Psychologie begründet, indessen aber ziehen Sie die Mathematik

herein. Nun wie, wenn Sie sich selbst irren?«

»Nein, Rodion Romanowitsch, ich irre mich nicht. Ich habe ein Endchen in

der Hand. Das Endchen hatte ich auch damals erwischt; Gott hat es mir

geschenkt!«

»Was für ein Endchen?«

»Das sage ich nicht, Rodion Romanowitsch. In jedem Falle aber habe ich

jetzt nicht mehr das Recht, es hinauszuschieben; ich werde Sie

verhaften. Also ziehen Sie dies in Betracht, -- für mich ist _es jetzt_

gleichgültig, folglich tue ich es bloß um Ihretwillen. Bei Gott, es wird

für Sie besser sein, Rodion Romanowitsch!«

Raskolnikoff lächelte boshaft.

»Es ist doch nicht bloß lächerlich, es ist unverschämt. Und mag ich

schuldig sein, -- was ich noch gar nicht sage, -- nun, warum soll ich

denn zu Ihnen mit einem freiwilligen Geständnis kommen, wenn Sie schon

selbst sagen, daß ich dort bei Ihnen mich _zur Ruhe_ setzen werde?«

»Ach, Rodion Romanowitsch, trauen Sie nicht ganz den Worten; vielleicht

wird es auch nicht ganz >_zur Ruhe_< sein! Es ist doch bloß eine Theorie

und zudem noch meine eigene, was für eine Autorität aber bin ich für

Sie? Vielleicht verheimliche ich auch jetzt noch irgend etwas vor Ihnen.

Ich kann Ihnen doch nicht alles offenbaren und zeigen. He--he! Außerdem,

Sie fragen, welchen Vorteil Sie haben werden? Ja, wissen Sie auch, welch

eine Strafermäßigung Sie erhalten werden? Wann werden Sie kommen, in

welchem Augenblick? Überlegen Sie es sich doch bloß! In dem Momente, wo

schon ein anderer das Verbrechen auf sich genommen und die ganze

Angelegenheit verwirrt hat! Und ich will, -- so wahr ein Gott ist --

alles >dort< so einrichten und arrangieren, daß Ihr Geständnis wie

vollkommen unerwartet erscheinen wird. Diese ganze Psychologie wollen

wir ganz vernichten, allen Verdacht will ich in nichts verwandeln, so

daß Ihr Verbrechen, wie eine Art Verblendung erscheinen wird, denn --

offen gestanden, -- es war auch eine Verblendung. Ich bin ein ehrlicher

Mensch, Rodion Romanowitsch, und werde mein Wort halten.«

Raskolnikoff schwieg traurig und ließ den Kopf sinken; er dachte lange

nach, plötzlich lächelte er wieder, aber sein Lächeln war diesmal schon

sanft und traurig.

»Ach, es ist nicht nötig!« sagte er, als ob er sich gar nicht mehr vor

Porphyri Petrowitsch verberge. -- »Es lohnt sich nicht! Ich brauche gar

nicht Ihre Strafermäßigung!«

»Das fürchtete ich gerade!« rief Porphyri Petrowitsch innig und

unwillkürlich, -- »das fürchtete ich gerade, daß Sie unsere Ermäßigung

nicht brauchen.«

Raskolnikoff blickte ihn traurig und eindringlich an.

»Hören Sie, verschmähen Sie das Leben nicht!« fuhr Porphyri Petrowitsch

fort. -- »Sie haben noch viel von ihm zu erwarten. Warum ist eine

Strafermäßigung nicht nötig, warum nicht? Sie ungeduldiger Mensch!«

»Was habe ich denn noch viel vor?«

»Zu leben! Was sind Sie für ein Prophet, wissen Sie denn wie viel?

Suchet und ihr werdet finden. Vielleicht hat Sie Gott hier geprüft. Ja,

und nicht ewig wird doch die Kette angelegt ...«

»Eine Ermäßigung wird sein ...« lachte Raskolnikoff.

»Haben Sie etwa Furcht vor der Bourgeoisschande? Das ist wohl möglich,

daß Sie dieses schreckt, und Sie wissen es vielleicht selbst nicht, --

denn Sie sind noch jung! Aber Sie sollten sich wenigstens doch nicht

fürchten oder etwa schämen, ein Geständnis abzulegen.«

»Ach, ich pfeife darauf!« flüsterte Raskolnikoff verächtlich und mit

Widerwillen, als ob er darüber auch nicht mehr reden wolle. Er war

wieder aufgestanden, als ob er irgendwohin gehen wollte, setzte sich

aber von neuem in sichtlicher Verzweiflung.

»Da haben wir es -- ich pfeife darauf! Sie haben den Glauben verloren,

und meinen auch, daß ich Ihnen grob schmeichle; haben Sie denn so lange

gelebt? Verstehen Sie denn so viel davon? Haben sich eine Theorie

ausgedacht, und schämen sich nun, daß nichts daraus wurde, und daß es zu

wenig originell herauskam. Es nahm ein gemeines Ende, das ist wahr, aber

Sie sind doch kein hoffnungsloser Schuft! Sie haben sich wenigstens

nicht lange Sand in die Augen gestreut, Sie sind mit einem bis zu den

äußersten Grenzen gegangen. Für wen halte ich Sie denn? Ich halte Sie

für einen von der Sorte Menschen, denen man den Leib aufschlitzen kann,

die aber ruhig dastehen und mit einem Lächeln auf ihre Peiniger blicken,

-- wenn sie nur einen Glauben oder einen Gott gefunden haben. Nun, gehen

Sie und finden Sie es und Sie werden leben. Außerdem müssen Sie schon

längst eine Luftveränderung haben. Was, das Leiden ist auch eine gute

Sache. Leiden Sie eine Zeit. Nikolai hat vielleicht auch recht, daß er

Leiden sucht. Ich weiß, daß Sie noch nicht glauben können, -- grübeln

Sie aber nicht zu viel; geben Sie sich einfach, ohne viel zu überlegen,

dem Leben hin; seien Sie sicher, -- es bringt Sie an das Ufer und stellt

Sie auf die Beine. An was für ein Ufer weiß ich nicht. Woher soll ich es

auch wissen? Ich glaube nur daran, daß Sie noch viel zu leben haben. Ich

weiß auch, daß Sie meine Worte jetzt wie eine auswendig gelernte Predigt

auffassen; aber vielleicht werden Sie sich ihrer einmal später erinnern

und sie werden Ihnen von Nutzen sein können. Aus diesem Grunde spreche

ich auch. Es ist gut, daß Sie nur diese Alte ermordet haben. Wenn Sie

aber sich eine andere Theorie ausgedacht hätten, so würden Sie

vielleicht eine um hundert Millionen schlimmere Sache vollbracht haben!

Man muß vielleicht noch Gott danken; woher wissen Sie es? Vielleicht

behütet Sie Gott aus irgend einem Grunde. Sie sollten aber ein großes

Herz haben und sich weniger fürchten. Ihnen ist bange vor der Größe

dessen, was jetzt zu geschehen hat? Nein, in diesem Falle muß man sich

schämen, bange zu sein. Wenn Sie einen solchen Schritt getan haben, so

nehmen Sie sich auch jetzt zusammen. Darin liegt die ausgleichende

Gerechtigkeit. Erfüllen Sie nun mal, was die Gerechtigkeit verlangt. Ich

weiß, daß Sie nicht glauben, aber -- bei Gott -- das Leben wird Ihnen zu

weiterem verhelfen. Nachher werden Sie es selbst gern haben. Sie

brauchen jetzt bloß Luft, Luft und Luft!«

Raskolnikoff zuckte zusammen.

»Ja, wer sind Sie denn?« rief er aus. -- »Sind Sie etwa ein Prophet?

Woher haben Sie diese hohe majestätische Ruhe, um mir superkluge

Prophezeiungen vorzuorakeln?«

»Wer ich bin? Ich bin ein abgetaner Mensch, mehr nicht. Ein Mensch, der

vielleicht empfindet und Mitgefühl besitzt, vielleicht auch etwas weiß,

aber schon vollkommen abgetan ist. Sie aber -- mit Ihnen steht es

anders; Ihnen hat Gott das Leben vorbehalten; wer weiß, vielleicht geht

bei Ihnen alles wie ein Dunst vorüber, nichts wird zurückbleiben. Nun,

was ist denn dabei, daß Sie in eine andere Gattung von Menschen

übergehen werden? Sie mit Ihrem Herzen sollten doch nicht den Komfort

bedauern? Was ist denn dabei, daß man Sie vielleicht lange nicht mehr

sehen wird? Hier handelt es sich nicht um die Zeit, sondern um Sie

selbst. Werden Sie eine Sonne, und alle werden Sie sehen. Eine Sonne muß

vor allen Dingen eine Sonne sein. Warum lächeln Sie wieder, -- daß ich

solch ein Schiller bin? Und ich gehe eine Wette ein, Sie meinen, daß ich

mich an Sie heranschmeichle! Nun, vielleicht schmeichle ich mich auch

tatsächlich heran, he--he--he! Sie brauchen mir, Rodion Romanowitsch,

meinetwegen kein Wort zu glauben, meinetwegen, glauben Sie auch niemals,

-- ich habe schon so eine Art, gebe es zu; aber eins füge ich hinzu, --

ob ich ein gemeiner und wie weit ich ein ehrlicher Mensch bin, können

Sie, glaube ich, selbst beurteilen!«

»Wann denken Sie mich zu verhaften?«

»Nun, anderthalb oder zwei Tage kann ich Sie noch frei herumgehen

lassen. Denken Sie nach, mein Lieber, beten Sie zu Gott. Ja, es ist

vorteilhafter, -- bei Gott -- vorteilhafter.«

»Wenn ich aber fliehen werde?« fragte Raskolnikoff mit einem sonderbaren

Lächeln.

»Nein, Sie werden nicht fliehen. Ein Bauer wird davonlaufen, ein

moderner Sektierer wird fliehen -- ein Lakai, der von fremden Gedanken

zehrt, dem man bloß eine Fingerspitze zu zeigen braucht und der an

alles, was Sie wollen, sein Lebelang glauben wird. Sie aber glauben doch

nicht mehr an Ihre Theorie, -- warum wollen Sie fliehen? Ja, und was

wollen Sie in einem freiwilligen Exil? Im Exil ist es häßlich und

schwer, Sie aber brauchen vor allen Dingen Leben und eine bestimmte

Lage, eine entsprechende Luft, und gibt es für Sie im Exil die nötige

Luft? Wenn Sie fliehen werden, kehren Sie selbst zurück. _Ohne uns

können Sie nicht auskommen._ Und wenn ich Sie ins Gefängnis setze, --

nun, Sie werden einen Monat sitzen, meinetwegen auch zwei oder drei, und

dann werden Sie plötzlich, -- denken Sie an meine Worte, -- selbst zu

mir kommen und gestehen, und möglicherweise für Sie selbst unerwartet.

Sie werden selbst noch eine Stunde vorher nicht wissen, daß Sie ein

Geständnis ablegen werden. Ich bin sogar überzeugt, daß Sie auf den

Gedanken kommen werden, das Leiden auf sich zu nehmen. Sie glauben mir

jetzt nicht auf mein bloßes Wort hin, Sie werden selbst aber darauf

verfallen. Denn das Leiden, Rodion Romanowitsch, ist ein großes Ding;

lassen Sie außer acht, daß ich fett und dick geworden bin, das tut

nichts, ich weiß es dennoch; lachen Sie nicht darüber, -- im Leiden

liegt eine tiefe Idee. Nikolai hat recht. Nein, Sie werden nicht

davonlaufen, Rodion Romanowitsch.«

Raskolnikoff stand von seinem Platz auf und nahm seine Mütze. Porphyri

Petrowitsch erhob sich auch.

»Sie wollen spazieren gehen? Der Abend wird schön werden, es möge nur

kein Gewitter kommen. Es wäre zwar besser, wenn es frischer würde ...«

Er nahm auch seine Mütze.

»Porphyri Petrowitsch,« sagte Raskolnikoff mit strenger

Eindringlichkeit, »bitte, setzen Sie sich nicht in den Kopf, daß ich

Ihnen heute gestanden habe. Sie sind ein sonderbarer Mensch und ich habe

Ihnen aus bloßer Neugier zugehört. Ich habe Ihnen aber nichts

eingestanden ... Vergessen Sie es nicht.«

»Nun gut, ich werde es nicht vergessen, -- sehen Sie nur, wie Sie

zittern. Seien Sie ruhig, mein Lieber; Ihren Willen sollen Sie haben.

Gehen Sie ein wenig spazieren; zu viel aber sollen Sie nicht gehen. Ich

habe an Sie für jeden Fall noch eine kleine Bitte,« fügte er mit

gesenkter Stimme hinzu, -- »eine peinliche, aber wichtige Bitte, -- wenn

Sie, das heißt, für jeden Fall ... woran ich übrigens nicht glaube und

Sie zu ähnlichem für ganz und gar nicht fähig halte, ... falls -- ich

sage es bloß für jeden Fall -- Sie in diesen vierzig oder fünfzig

Stunden Lust verspüren sollten, die Sache irgendwie anders, in einer

phantastischen Weise aus der Welt zu schaffen, -- sagen wir, Hand an

sich legen zu wollen ... es ist ja eine unsinnige Annahme, entschuldigen

Sie bitte, -- hinterlassen Sie dann eine kurze aber genaue Mitteilung.

Es brauchen bloß zwei Zeilen, zwei kurze Zeilen zu sein und erwähnen Sie

auch den Stein; das wird anständiger sein. Nun, auf Wiedersehen ... Ich

wünsche Ihnen gute Gedanken und die rechten Vorsätze!«

Porphyri Petrowitsch ging gebückt hinaus, und vermied es, Raskolnikoff

anzublicken. -- Raskolnikoff trat an das Fenster und wartete gereizt und

ungeduldig, bis jener auf der Straße sein konnte und weitergegangen war.

Dann verließ auch er selbst schnell das Zimmer.

Sämtliche Werke 1-2 · 第 54 / 66 题