Für Raskolnikoff war eine merkwürdige Zeit angebrochen. -- Es war, als
wäre plötzlich ein schwerer Nebel auf ihn herabgesunken und hätte für
ihn eine undurchdringliche und tiefe Einsamkeit beschlossen. Als er
später, lange nachher, sich dieser Zeit entsann, dachte er es sich so,
daß sein Bewußtsein zeitweise sich verdunkelte und daß dies mit wenigen
Unterbrechungen bis zur endgültigen Katastrophe gedauert hatte. Er war
vollkommen überzeugt, daß er sich damals öfters geirrt haben müsse, zum
Beispiel in der Zeit und der Dauer verschiedener Ereignisse. Wenigstens,
als er sich späterhin auf dies oder jenes besinnen wollte und sich das
Erinnerte zu erklären versuchte, erfuhr er vieles über sich selbst,
indem er sich nach den Mitteilungen richtete, die er von anderen
erhalten. So verwechselte er ein Ereignis z. B. mit einem anderen; ein
anderes hielt er für die Folge eines Vorfalls, der nur in seiner
Einbildung existierte. Zuweilen erfaßte ihn eine qualvolle Unruhe, die
sich zu einem panischen Schrecken steigern konnte. Er entsann sich auch,
daß es Minuten, Stunden, vielleicht sogar ganze Tage gab, die er im
Gegensatz zu der Angst, in völliger Apathie verbrachte, -- eine Apathie,
die dem schmerzhaft gleichgültigen Zustand Sterbender ähnlich war.
Überhaupt trieb es ihn in diesen letzten Tagen, einem klaren und vollen
Verständnis seiner Lage aus dem Wege zu gehen; alltägliche Dinge, die
eine unverzügliche Erledigung verlangten, lasteten auf ihm; wie froh
wäre er dagegen gewesen, von manchen Sorgen sich befreien und loslösen
zu können, die im Falle ihrer Vernachlässigung ihm den völligen,
unvermeidlichen Untergang bringen mußten.
Am meisten beunruhigte ihn Sswidrigailoff, -- ja, man konnte sagen, daß
Sswidrigailoff seine einzige Sorge war. Seit der Zeit, als er von
Sswidrigailoff in Ssonjas Zimmer, in Katerina Iwanownas Todesstunde die
drohenden und unzweideutigen Worte gehört hatte, schien der gewöhnliche
Fluß seiner Gedanken gestört zu sein. Und obgleich ihn diese neue
Tatsache äußerst beunruhigte, beeilte sich Raskolnikoff nicht, die Sache
aufzuklären. Zuweilen, wenn er sich irgendwo in einem abgelegenen und
menschenleeren Stadtteile, in einem kläglichen Restaurant an einem
Tische allein in Gedanken versunken vorfand und sich kaum entsann, wie
er hierher gekommen war, fiel ihm mit einem Male Sswidrigailoff ein, --
er sah nur zu deutlich ein, daß er sich möglichst schnell mit diesem
Menschen verständigen und zu einem Ende mit ihm kommen müsse. Einmal,
als er vor die Stadt geraten war, bildete er sich sogar ein, daß er hier
Sswidrigailoff erwarte, daß sie hier eine Zusammenkunft verabredet
hätten. Ein anderes Mal erwachte er vor Tagesanbruch irgendwo auf der
Erde im Gebüsch und begriff nicht, wie er hierhergekommen war. In den
zwei, drei auf Katerina Iwanownas Tode folgenden Tagen hatte er ein
paarmal Sswidrigailoff getroffen, fast immer in der Wohnung Ssonjas,
wohin er ziellos, stets aber nur einen kurzen Augenblick gegangen war.
Sie wechselten stets einige kurze Worte und berührten kein einziges Mal
den Hauptpunkt, als wäre es zwischen ihnen so verabredet worden,
vorläufig darüber zu schweigen. Die Leiche von Katerina Iwanowna lag
noch im offenen Sarge. Sswidrigailoff gab die Anordnungen für die
Beerdigung und sorgte für alles. Ssonja war auch sehr in Anspruch
genommen. Bei der letzten Begegnung hatte Sswidrigailoff ihm mitgeteilt,
daß er die Frage bezüglich der Kinder Katerina Iwanownas gelöst habe und
sehr glücklich sei, daß dank einiger Verbindungen alle drei Waisen
sofort in sehr anständige Anstalten untergebracht werden könnten und daß
das für sie deponierte Geld viel dazu beigetragen habe, weil wohlhabende
Waisen leichter als arme unterzubringen seien. Er redete auch über
Ssonja, versprach Raskolnikoff in den nächsten Tagen selbst aufzusuchen,
um sich mit ihm zu beraten, da in dieser Angelegenheit Notwendiges zu
besprechen sei.
Das Gespräch fand im Korridor, an der Treppe statt. Sswidrigailoff sah
unverwandt Raskolnikoff in die Augen und fragte ihn nach einigem
Schweigen mit gesenkter Stimme.
»Was ist mit Ihnen, Rodion Romanowitsch, Sie sind so vollkommen
verändert? Wirklich! Sie hören zu und schauen einen dabei an, scheinen
aber nichts zu verstehen. Geben Sie acht auf sich. Wir wollen einmal
miteinander sprechen; schade nur, daß ich jetzt so viel für andere und
für mich selbst zu tun habe ... Ach, Rodion Romanowitsch,« fügte er
unmittelbar hinzu, »alle Menschen brauchen Luft, Luft, Luft ... Vor
allen Dingen!«
Er trat zur Seite, um den eben heraufkommenden Priester und den Küster
vorbeizulassen. Sie kamen, die Totenmesse zu halten. Sswidrigailoff
hatte angeordnet, daß pünktlich zweimal am Tage Totenmessen abgehalten
würden. Sswidrigailoff ging seinen Angelegenheiten nach und Raskolnikoff
blieb eine Weile stehen, dachte nach und folgte dann dem Priester in
Ssonjas Wohnung.
Er blieb an der Türe stehen. Der Gottesdienst begann leise, andächtig,
traurig. In dem Bewußtsein, sterben zu müssen und in der Empfindung der
Gegenwart des Todes lag für ihn stets, von früher Kindheit an, etwas
Schweres, Drückendes und Mystisches, und er hatte seit langem keiner
Totenmesse mehr beigewohnt. Außerdem peinigte ihn noch ein anderes
Gefühl. Er sah auf die Kinder, -- sie lagen alle vor dem Sarge auf den
Knien und Poletschka weinte. Hinter ihnen stand Ssonja, still und
schüchtern weinend und betete.
»Sie hat mich in diesen Tagen kein einziges Mal angeblickt und mir noch
kein Wort gesagt,« dachte Raskolnikoff. Die Sonne beleuchtete hell das
Zimmer; der Weihrauch stieg in feinen Wolken empor; der Priester las
»Gott schenke dir Ruhe ...« Raskolnikoff blieb während des ganzen
Gottesdienstes. Als der Priester den Segen erteilte und sich
verabschiedete, blickte er sich eigentümlich um. Nach Beendigung der
Messe trat Raskolnikoff an Ssonja heran. Sie nahm plötzlich seine beiden
Hände und lehnte den Kopf an seine Schulter. Diese kurze Bewegung
überraschte ihn. Wie? war es möglich? -- Nicht der geringste Widerwille,
nicht der geringste Ekel ihm gegenüber, nicht das leiseste Beben ihrer
Hand. War das nicht eine grenzenlose Demütigung seines eigenen Ichs. In
dieser Weise faßte er es auf. Ssonja sagte nichts und Raskolnikoff
drückte ihr nur die Hand und ging fort. Ihm war schwer zumute. Hätte er
in diesem Augenblicke irgendwohin gehen können, um völlig allein zu
bleiben, und selbst fürs ganze Leben, er würde sich glücklich gepriesen
haben. Trotzdem er in der letzten Zeit fast immer allein war, war er
nicht imstande, ein Fürsichsein zu empfinden. Er ging öfters außerhalb
der Stadt auf Landwegen herum, einmal sogar war er in einen Wald
geraten, aber je einsamer der Ort war, desto stärker empfand er die
beunruhigende Nähe von irgend etwas, das wohl nichts furchterweckendes,
wohl aber etwas belästigendes war, so daß er jedesmal schneller in die
Stadt zurückkehrte, sich unter die Menschen mischte, in Restaurants oder
Schenken ging, den Trödelmarkt oder den Heumarkt aufsuchte. Hier ward es
ihm leichter und hier fühlte er sich allein. Eines Tages war er in einer
Schenke, wo man kurz vor Abend zu singen begann; er blieb eine ganze
Stunde sitzen, hörte zu und erinnerte sich, daß ihm dies wohlgetan
hatte. Zum Schluß aber wurde er wieder unruhig, als ob sein Gewissen
wach würde. »Ich sitze hier und höre zu, wie gesungen wird, habe ich
denn nichts anderes zu tun!« dachte er mit einemmale. Es wurde ihm bald
klar, daß nicht dieser Umstand ihn allein beunruhige; es gab etwas
anderes, das eine unverzügliche Lösung verlangte, was er aber sich weder
klar vorstellen, noch durch Worte wiedergeben konnte. Alles verwickelte
sich zu einem Knäuel. »Nein, es ist doch besser, einen Kampf zu führen!
Mag Porphyri Petrowitsch wieder auftreten ... oder Sswidrigailoff ...
Mag nun wieder eine Herausforderung, ein Angriff erfolgen ... Ja! Ja!«
-- Er verließ die Schenke und lief fast nach Hause. Der Gedanke an Dunja
und die Mutter jagte ihm plötzlich eine panische Angst ein.
Es war in der Nacht, aber der Morgen graute schon, als er auf der
Krestowski-Insel im Gebüsch fröstelnd vor Fieber erwachte; er ging nach
Hause. Nach einigen Stunden Schlaf war das Fieber vorüber, er erwachte
sehr spät, -- es war zwei Uhr nachmittags.
Es kam ihm wieder in Erinnerung, daß Katerina Iwanowna heute beerdigt
werden sollte, und er war froh, daß er nicht zugegen sein mußte.
Nastasja brachte ihm etwas zu essen; er aß und trank mit großem Appetit,
fast mit einem Heißhunger. Sein Kopf wurde frischer, er selbst ruhiger,
als in diesen letzten drei Tagen. Er wunderte sich sogar flüchtig über
die früheren Anfälle seiner panischen Angst. Da öffnete sich die Türe
und Rasumichin trat herein.
»Ah! Du ißt, so bist du auch nicht krank!« sagte Rasumichin, nahm einen
Stuhl und setzte sich an den Tisch, Raskolnikoff gegenüber. Er war
aufgeregt und versuchte nicht, es zu verbergen und sprach mit sichtbarem
Ärger, aber ohne sich zu überhasten und ohne die Stimme besonders zu
erheben. Man konnte denken, daß ihn eine ganz bestimmte Absicht
herführe. »Höre,« begann er entschlossen, »ich kehre mich den Teufel um
euch alle und zwar, weil ich jetzt sehe, deutlich sehe, daß ich nichts
davon verstehen kann; bitte, glaube nicht, daß ich gekommen bin, dich
auszufragen. Ich pfeife darauf! Ich will es gar nicht wissen! Und wenn
du mir jetzt selbst alles anvertrauen, alle eure Geheimnisse entdecken
wolltest, ich würde sie vielleicht nicht mal anhören, ich pfeife auf
alles und gehe fort. Ich bin nur gekommen, um persönlich und endgültig
zu erfahren, ob es wahr ist, daß du verrückt bist? Siehst du, es besteht
die Meinung über dich, -- irgendwo, das ist ja einerlei -- daß du
möglicherweise verrückt bist, jedenfalls aber starke Anlagen dazu
habest. Ich muß dir gestehen, ich selbst war stark geneigt, diese
Meinung zu teilen, erstens wegen deiner dummen und zum Teil schmählichen
Handlungen, die durch nichts erklärt werden können, und zweitens wegen
deines kürzlichen Benehmens deiner Mutter und Schwester gegenüber. Nur
ein Scheusal und ein Schuft, oder ein Wahnsinniger konnte sie in dieser
Weise behandeln, wie du sie behandelt hast; folglich bist du wahnsinnig
...«
»Hast du sie lange nicht gesehen?«
»Ich war soeben bei ihnen. Und du hast sie seit dieser Zeit nicht mehr
gesehen? Sage mir bitte, wo treibst du dich herum, ich bin schon dreimal
bei dir gewesen. Deine Mutter ist seit gestern ernstlich erkrankt. Sie
wollte zu dir gehen; Awdotja Romanowna hielt sie davon ab; doch sie
wollte auf nichts hören. >Wenn er krank ist,< sagte sie, >wenn sein
Geist gestört ist, wer soll ihm denn helfen, wenn nicht die eigene
Mutter?< So kamen wir alle hierher, denn wir konnten sie doch nicht
allein gehen lassen. Bis zu deiner Tür haben wir sie gebeten, sich zu
beruhigen. Wir traten in dein Zimmer, da warst du nicht da; hier, auf
diesem Platz, hat sie gesessen. Sie saß über zehn Minuten da, wir
standen schweigend in ihrer Nähe. Sie stand dann auf und sagte, -- >wenn
er ausgeht, ist er gesund und hat die Mutter vergessen; es ist unpassend
und eine Schande für eine Mutter, weiter noch an der Schwelle zu stehen
und um Liebkosung, wie um ein Almosen zu betteln<. Sie kehrte nach Hause
zurück, mußte sich zu Bett legen und liegt jetzt im Fieber. >Ich sehe,<
sagte sie, >für die _Seine_ hat er Zeit.< Sie meinte mit der _Seinen_
Ssofja Ssemenowna, deine Braut oder deine Geliebte, ich weiß es nicht.
Ich ging sofort zu Ssofja Ssemenowna, denn ich wollte alles erfahren,
Bruder; ich komme hin und sehe, -- ein Sarg steht dort, die Kinder
weinen, Ssofja Ssemenowna probiert ihnen Trauerkleider an, du bist aber
nicht da. Ich sah das alles an, entschuldigte mich und ging fort und
habe Awdotja Romanowna alles erzählt. Alles ist Unsinn und es gibt gar
keine >_Seine_,< also ist es ganz Wahnsinn. Doch jetzt sitzest du hier
und frißt gekochtes Fleisch, als hättest du drei Tage nichts gegessen.
Es ist wahr, Wahnsinnige essen auch und du hast kein Wort mit mir
gesprochen, du bist aber ... nicht verrückt. Das kann ich beschwören.
Unter keinen Umständen verrückt. Also, hol euch alle der Teufel, es
steckt etwas dahinter, es gibt irgendein Geheimnis, und ich habe keine
Lust, über eure Geheimnisse mir den Kopf zu zerbrechen. Ich bin bloß
gekommen, zu schimpfen,« schloß er und stand auf, »mir Luft zu machen
und nun weiß ich, was ich zu tun habe!«
»Was willst du jetzt tun?«
»Was geht es dich an, was ich jetzt tun will?«
»Gib acht, du fängst zu trinken an!«
»Woher ... woher weißt du das?«
»Das ist leicht zu erraten!«
Rasumichin schwieg eine Weile.
»Du warst immer ein sehr vernünftiger Mensch und nie, niemals warst du
verrückt,« bemerkte er plötzlich voll Eifer. »Das stimmt, -- ich werde
anfangen zu trinken! Lebwohl!«
Und er schickte sich an zu gehen.
»Vorgestern, glaube ich, habe ich von dir mit der Schwester gesprochen,
Rasumichin.«
»Von mir! Ja ... wo konntest du sie denn vorgestern gesehen haben?«
Rasumichin blieb stehen und wurde ein wenig blaß.
Man konnte bemerken, wie sein Herzschlag langsamer und schwerer ging.
»Sie war hierhergekommen, allein, saß hier und sprach mit mir.«
»Sie!«
»Ja, sie!«
»Was hast du denn gesprochen ... ich will sagen, -- von mir?«
»Ich sagte ihr, daß du ein sehr guter, ehrlicher und arbeitsamer Mensch
seist. Daß du sie liebst, habe ich ihr nicht gesagt, denn das weiß sie
selbst.«
»Sie weiß es selbst?«
»Nun, und ob! Wohin ich auch reisen mag, was mit mir auch geschehen mag,
-- du würdest bei ihnen, als ihre Vorsehung, bleiben. Ich übergab sie
beide deiner Obhut, Rasumichin. Ich sage es, weil ich sehr gut weiß, wie
du sie liebst und weil ich von der Reinheit deines Herzens überzeugt
bin. Ich weiß auch, daß auch sie dich lieben kann und vielleicht sogar
schon liebt. Jetzt beschließe selbst, wie es dir am besten erscheint, --
ob du trinken willst oder nicht?«
»Rodja ... Siehst du ... Nun ... Ach, Teufel! Wohin willst du aber
gehen? Siehst du, wenn es ein Geheimnis ist, laß es! Aber ich ... ich
werde das Geheimnis erfahren ... Und bin überzeugt, daß es sicher
irgendein Unsinn und eine lächerliche Kleinigkeit ist, und daß du allein
dir alles andere eingebrockt hast. Im übrigen aber bist du ein
ausgezeichneter Mensch! Ein ausgezeichneter Mensch! ...«
»Und ich wollte gerade hinzufügen, da hast du mich aber unterbrochen,
daß du vorhin sehr gut und richtig geäußert hast, diese Geheimnisse
nicht erfahren zu wollen. Laß es vorläufig sein, rege dich nicht auf. Du
wirst alles rechtzeitig zu wissen bekommen und dann, wenn es nötig sein
wird. Gestern hat ein Mann zu mir gesagt, daß die Menschen Luft
brauchen, Luft, Luft! Ich will gleich zu ihm hingehen und erfahren, was
er darunter versteht.«
Rasumichin stand in Gedanken versunken, aufgeregt schien er über etwas
nachzudenken.
»Er ist ein politischer Verschwörer! Sicher! Und er steht vor einem
entscheidenden Schritt, -- das ist auch sicher! Anders kann es nicht
sein und ... Dunja weiß es ...« dachte er.
»Also zu dir kommt Awdotja Romanowna,« sagte er und betonte jedes Wort,
»und du selbst willst einen Menschen treffen, der da sagt, daß mehr Luft
nötig sei, mehr Luft und ... und, also hängt auch dieser Brief ...
irgendwie damit zusammen.«
»Was für ein Brief?«
»Sie hat einen Brief erhalten, heute; der hat sie sehr aufgeregt. Sehr.
Fast zu sehr ... Als ich von dir zu sprechen anfing, -- bat sie mich zu
schweigen. Dann ... dann sagte sie, daß wir uns vielleicht sehr bald
trennen müßten, und begann mir für etwas heiß zu danken; ging darauf in
ihr Zimmer und schloß sich ein.«
»Sie hat einen Brief erhalten?« wiederholte Raskolnikoff nachdenklich.
»Ja, einen Brief, und du weißt nichts davon? Hm!« Beide schwiegen eine
Weile.
»Lebwohl, Rodion. Ich, Bruder ... es gab eine Zeit ... übrigens aber,
lebwohl; siehst du, es gab eine Zeit ... Nun, lebwohl! Ich muß auch
gehen. Ich werde nicht trinken. Jetzt ist es nicht mehr nötig ... wird
nicht gemacht!«
Er hatte Eile, aber als er schon draußen war und die Türe fast
geschlossen hatte, öffnete er sie plötzlich wieder und sagte, indem er
zur Seite blickte:
»Apropos! Erinnerst du dich dieses Mordes, der Sache, die Porphyri
Petrowitsch führt, -- der Ermordung der Alten? Nun, du sollst wissen,
daß der Mörder gefunden ist, er hat alles eingestanden und alle Beweise
geliefert. Stell dir vor, es ist einer von denselben Arbeitern, den
Anstreichern, die ich -- erinnerst du dich -- noch bei dir im Zimmer
verteidigte. Kannst du es glauben, er hat diese ganze Szene mit der
Schlägerei und dem Lachanfall auf der Treppe mit seinem Kameraden, als
der Hausknecht und die zwei Zeugen hinaufgingen, -- absichtlich
vorgeführt und zwar um jeden Verdacht von sich abzulenken. Welch eine
Schlauheit, welch eine Geistesgegenwart in so einem jungen Hunde steckt!
Es ist schwer zu glauben; er hat aber selbst die Sache aufgeklärt, alles
selbst eingestanden! Und wie ich hereingefallen bin! Nun, meiner Ansicht
nach ist er bloß ein Genie der Verstellung und Geschicklichkeit, ein
Genie gegenüber juristischer Verhörskunst, -- folglich ist hier nichts
staunenswertes! Kann es denn nicht auch solche Genies geben? Und weil er
es nicht bis zu Ende durchgeführt, sondern eingestanden hat, aus dem
Grunde glaube ich ihm noch mehr. Es ist überzeugender! ... Aber wie ich
damals hereingefallen bin! Ich kletterte ja um ihretwillen an die Wände
hinauf!«
»Sage mir bitte, woher hast du es erfahren, und warum interessiert es
dich so sehr?« fragte ihn Raskolnikoff sichtbar erregt.
»Nun, was frägst du bloß! Warum sollte es mich nicht interessieren! Das
ist auch eine Frage! ... Ich habe es unter anderem von Porphyri
Petrowitsch erfahren. Übrigens, ich habe fast alles durch ihn erfahren.«
»Von Porphyri Petrowitsch?«
»Ja, von Porphyri Petrowitsch.«
»Was ... was meint er?« fragte Raskolnikoff angstvoll.
»Er hat es mir ausgezeichnet erklärt. Psychologisch erklärt, auf seine
Weise.«
»Er hat es dir erklärt? Er hat es dir selbst erklärt?«
»Ja, selbst, selbst; lebwohl! Ich will dir später noch mehr erzählen,
jetzt aber habe ich zu tun. Ja ... es gab eine Zeit, wo ich glaubte ...
Nun, was ist da zu reden ... später davon ... Warum soll ich jetzt
anfangen zu trinken. Du hast mich auch ohne Wein betrunken gemacht. Ich
bin ja betrunken, Rodja! Ohne Wein bin ich betrunken; nun, aber lebwohl!
Ich komme zu dir. Sehr bald.«
Er ging hinaus.
»Er ist, er ist ein politischer Verschwörer, das ist sicher, das steht
fest!« sagte sich Rasumichin endgültig, indem er langsam die Treppe
hinabstieg. »Und die Schwester hat er auch hineingezogen; das ist sehr,
sehr begreiflich bei dem Charakter von Awdotja Romanowna. Sie haben
Zusammenkünfte ... Und sie hat es mir auch angedeutet. Aus vielen ihrer
Worte ... und Andeutungen ... und Anspielungen ergibt sich dies alles!
Ja, wie kann man denn sonst diesen ganzen Wirrwarr erklären? Hm! Und ich
dachte ... Oh, Gott, was ich gemeint habe. Ja, das war eine Verblendung
und ich habe gefehlt vor ihm! Damals bei der Lampe im Korridor hat er
mich verwirrt und verblendet! Pfui! Welch ein häßlicher, roher, gemeiner
Gedanke von mir! Nikolai ist ein braver Bursche, daß er es eingestanden
hat ... Und wie sich jetzt alles Vorhergegangene leicht erklären läßt!
Seine Krankheit damals, alle seine sonderbaren Handlungen, auch früher
schon, in der Universität noch, als er immer so düster und verschlossen
war ... Aber was bedeutet jetzt dieser Brief? Hier steckt vielleicht
auch etwas dahinter. Von wem ist dieser Brief? Ich habe einen Verdacht
... Hm! Nein, ich will alles erfahren.«
Da erinnerte er sich an Dunetschka, und sein Herz blieb ihm fast
stillstehen. Er riß sich von seinen Gedanken los und lief weiter.
* * * * *
Kaum war Rasumichin fortgegangen, so stand Raskolnikoff auf, wandte sich
zum Fenster, ging von einer Ecke in die andere, als hätte er die Enge
seiner Kammer vergessen, und ... setzte sich wieder auf das Sofa hin. Er
schien ganz wie ausgewechselt zu sein; wieder -- hatte sich ein Ausweg
gefunden!
Ja, es hat sich ein Ausweg gefunden! sagte er sich. Alles war schon zu
vollgestopft, es hatte angefangen, ihn qualvoll zu drücken, ein
förmlicher Taumel hatte ihn überfallen. Seit dem Auftritte mit Nikolai
bei Porphyri Petrowitsch vermeinte er, ohne einen Ausweg ersticken zu
müssen. Nach Nikolai folgte am selben Tage der Auftritt bei Ssonja; er
hatte ihn nicht so, wie er's sich vorgenommen, begonnen und durchgeführt
... also hatte ihn die Schwäche plötzlich und vollständig übermannt! Mit
einemmale! Er war ja doch damals mit Ssonja einverstanden, aus vollem
Herzen einverstanden, daß er mit solch einer Sache auf der Seele allein
nicht leben könne! Und Sswidrigailoff? Sswidrigailoff ist ein Rätsel ...
Sswidrigailoff beunruhigt ihn, das ist wahr, aber nicht nach dieser
Richtung hin. Mit Sswidrigailoff steht vielleicht auch ein Kampf bevor.
Mit Sswidrigailoff gibt es vielleicht auch einen Ausweg, mit Porphyri
Petrowitsch -- das ist freilich eine andere Sache.
Aber Porphyri Petrowitsch hat selbst Rasumichin alles erklärt,
_psychologisch_ ihm erklärt! Wieder fängt er mit seiner verfluchten
Psychologie an! Porphyri Petrowitsch? Was, Porphyri Petrowitsch soll
auch nur einen Augenblick geglaubt haben, daß Nikolai schuldig sei, --
nach allem, was zwischen ihnen beiden vorgefallen war, vor Nikolais
Erscheinen, nach jenem Auftritt, Auge in Auge, für den man keine andere
Erklärung finden konnte, außer _einer einzigen_? -- (Raskolnikoff war
einigemal in diesen Tagen dieser Auftritt mit Porphyri Petrowitsch in
der Erinnerung stückweise vorgeschwebt; sich des Auftritts in seiner
ganzen Bedeutung zu erinnern, hätte er nicht ertragen können.) --
Während dieser Szene hatten sie beide Worte gewechselt, waren Bewegungen
und Gesten vorgekommen, Blicke getauscht, war einiges in einem Tone
gesagt worden, und die ganze Szene hatte einen Charakter angenommen, daß
auf keinen Fall ein Nikolai, -- den Porphyri Petrowitsch doch sofort
beim ersten Worte und bei der ersten Bewegung richtig erkannt hatte, --
die Grundlage seiner Überzeugung erschüttern konnte.
Wie weit war es aber auch schon gekommen! Sogar Rasumichin hatte
begonnen, Verdacht zu schöpfen! Die Szene im Korridor bei der Lampe ist
an ihm nicht spurlos vorübergeglitten. Er ist doch zu Porphyri
Petrowitsch hingelaufen ... Aber aus welchem Grunde will jener ihn
irreführen? Was hat er für einen Zweck, Rasumichin auf Nikolai zu
bringen? Er hat unbedingt etwas vor; er verfolgt damit bestimmte Zwecke,
aber welcher Art sind sie? Es ist wahr, seit diesem Morgen ist viel Zeit
vergangen, -- viel zu viel Zeit und von Porphyri Petrowitsch habe ich
weder etwas gehört, noch gesehen. Das ist sicher kein gutes Zeichen ...
Raskolnikoff nahm seine Mütze, versank in Gedanken und schickte sich an,
das Zimmer zu verlassen. Es war der erste Tag, während dieser ganzen
Zeit, daß er sich wenigstens bei gesundem Bewußtsein fühlte. »Ich muß
dieser Sache mit Sswidrigailoff ein Ende machen,« -- dachte er, -- »um
jeden Preis und möglichst schnell; er scheint zu erwarten, daß ich
selbst zu ihm komme.« -- In diesem Augenblicke entstand in seinem
bedrückten Herzen ein wilder Haß, daß er einen von beiden, --
Sswidrigailoff oder Porphyri Petrowitsch hätte ermorden können. Er
fühlte wenigstens, daß er, wenn nicht jetzt, so später, imstande sei, es
zu tun. -- »Wir wollen sehen, wir wollen sehen,« wiederholte er vor
sich. --
Als er aber gerade die Türe zur Treppe öffnete, stieß er mit Porphyri
Petrowitsch zusammen. Der kam zu ihm. Raskolnikoff war im ersten
Augenblick erstarrt. Aber sonderbar, sein Staunen über Porphyris
Erscheinen und sein Schrecken waren gering. Er zuckte bloß zusammen,
sammelte sich aber sofort augenblicklich. »Vielleicht ist es die Lösung!
Aber wie leise er gekommen war, wie eine Katze, ich habe ihn nicht
gehört! Hat er etwa gelauscht?«
»Sie haben diesen Besuch nicht erwartet, Rodion Romanowitsch,« rief
Porphyri Petrowitsch lachend. »Wollte schon lange Sie aufsuchen; ging
nun vorbei und dachte mir, -- warum soll ich nicht auf fünf Minuten
hinaufgehen. Sie wollen ausgehen? Ich will Sie nicht aufhalten. Bloß auf
eine Zigarette, wenn Sie gestatten.«
»Ja, nehmen Sie Platz, Porphyri Petrowitsch, nehmen Sie bitte Platz,«
Raskolnikoff bot seinem Besuche mit solch einer sichtlich zufriedenen
und freundschaftlichen Miene einen Platz an, daß er über sich selbst
verwundert gewesen wäre, wenn er sich hätte sehen können.
Es war auch der letzte Rest seiner Kraft. So hegt ein Mensch eine halbe
Stunde lang tödliche Angst vor dem Räuber, wenn aber das Messer ihm
endgiltig an die Kehle gesetzt wird, schwindet die Angst. Er setzte sich
Porphyri Petrowitsch gegenüber und blickte ihn, ohne die Augen für einen
Moment abzuwenden, an. Porphyri Petrowitsch kniff die Augen zusammen und
steckte sich eine Zigarette an.
»Nun, sprich, sprich doch,« schien es aus dem Herzen Raskolnikoffs
herauszurufen. -- »Nun, warum redest, warum redest du nicht?«