V.

Als Raskolnikoff am anderen Morgen, punkt elf Uhr, in das Haus des

--schen Polizeireviers, in die Abteilung des Untersuchungsrichters

eingetreten war und gebeten hatte, ihn Porphyri Petrowitsch anzumelden,

war er verwundert, wie lange man ihn warten ließ, -- es vergingen

mindestens zehn Minuten, ehe man ihn rief. Seiner Berechnung nach mußte

man sich sofort auf ihn stürzen. Er stand indessen im Wartezimmer, es

gingen Menschen an ihm vorüber, die offenbar sich gar nicht für ihn

interessierten. In dem anderen Zimmer, das einer Kanzlei glich, saßen

und schrieben einige Schreiber, und es war ersichtlich, daß niemand auch

eine Ahnung davon hatte, -- wer und was Raskolnikoff sei? Mit unruhigem

und mißtrauischem Blicke beobachtete er alles umher, und suchte, -- ob

nicht neben ihm irgendeine Wache stehe, und ob er keinen geheimnisvollen

Wink sähe, bestimmt, auf ihn acht zu geben, daß er nicht entrinne? Aber

nichts von alledem, -- er sah bloß sorgenvolle Kanzleigesichter und

einige andere Leute, und niemand kümmerte sich um sein Kommen und Gehen.

Immer mehr befestigte sich in ihm der Gedanke, daß, wenn dieser

geheimnisvolle Mensch von gestern, dieses Gespenst, das aus der Erde

hervorgestiegen schien, tatsächlich alles wußte und alles gesehen hatte,

-- man ihm, Raskolnikoff, nicht erlauben würde, jetzt so dazustehen und

ruhig abzuwarten? Und würde man auf ihn bis elf Uhr gewartet haben, bis

es ihm selbst eingefallen wäre, zu erscheinen? Es zeigte sich also, daß

dieser Mensch entweder noch nichts mitgeteilt hatte, oder ... oder er

einfach nichts wußte und mit seinen eigenen Augen nichts gesehen hatte,

-- ja, und wie konnte er es auch gesehen haben? -- und schließlich war

alles, was gestern mit ihm, Raskolnikoff, vorgefallen war, nichts als

eine Wahnerscheinung, die seine gereizte und kranke Einbildung

übertrieben hatte. Diese Vermutung hatte ja gestern schon während der

stärksten Aufregungen und der Verzweiflung in ihm sich zu befestigen

angefangen. Nachdem er sich dies alles jetzt noch einmal überlegt hatte

und sich zu einem neuen Kampfe anschickte, fühlte er plötzlich, daß er

zittre, -- und eine Empörung erfaßte ihn bei dem Gedanken, daß er aus

Furcht vor dem verhaßten Porphyri Petrowitsch zittere. Am

schrecklichsten für ihn war es, mit diesem Menschen wieder

zusammenzutreffen; er haßte ihn über alle Maßen, grenzenlos, und

fürchtete direkt, seinen Haß irgendwie zu offenbaren. Seine Empörung

über sich selbst war so stark, daß das Zittern sofort aufhörte; er

schickte sich an, mit einer kalten und frechen Miene hineinzugehen und

versprach sich selbst, möglichst viel zu schweigen, zu beobachten und

zuzuhören und dieses Mal um jeden Preis seine krankhafte gereizte Natur

zu überwinden. In diesem Augenblicke rief man ihn zu Porphyri

Petrowitsch hinein.

Es traf sich, daß in diesem Momente Porphyri Petrowitsch in seinem

Arbeitszimmer allein war. Sein Arbeitszimmer war weder klein, noch groß;

es standen darin ein großer Schreibtisch vor einem Divan, der mit

Wachstuch bezogen war, ein Schrank in einer Ecke und einige Stühle, --

alles gehörte dem Staate und war aus gelbem poliertem Holze. In einer

Ecke der Hinterwand oder besser gesagt der Scheidewand, war eine

verschlossene Türe, -- also, mußten hinter dieser Wand sich noch andere

Zimmer befinden. Nach Raskolnikoffs Eintritt schloß Porphyri Petrowitsch

sofort die Türe, durch die er eingetreten war, und sie waren allein. Er

begrüßte seinen Besuch mit sichtlich fröhlichstem und freundlichstem

Ausdruck, und erst nach einigen Minuten merkte Raskolnikoff aus einigen

Anzeichen eine gewisse Bestürztheit, als sei er plötzlich aus dem

Konzept gebracht, oder als hatte man ihn auf etwas Verstecktem und

Geheimem ertappt.

»Ah, Verehrtester! Da sind Sie ja ... in unserer Gegend ...« begann

Porphyri Petrowitsch und streckte ihm beide Hände entgegen. »Nun, nehmen

Sie Platz, Väterchen! Oder vielleicht haben Sie es nicht gern, daß man

Sie Verehrtester und ... Väterchen nennt, -- sozusagen _tout

court_{[7]}? Halten Sie es bitte nicht für familiär ... Bitte, hierher

auf den Divan.«

Raskolnikoff setzte sich, ohne die Augen von ihm zu wenden.

»Ja unserer Gegend,« Entschuldigung wegen Familiarität, das französische

»_tout court_{[7]}« und dergleichen mehr, dies alles waren

charakteristische Anzeichen. »Er hat mir beide Hände entgegengestreckt,

hat aber keine Hand gereicht, hat sie rechtzeitig zurückgezogen,« dachte

er mißtrauisch. Beide beobachteten einander, aber kaum begegneten sich

ihre Blicke, als sie beide mit Blitzesschnelle sie voneinander

abwandten.

»Ich habe Ihnen diese Anmeldung ... über die Uhr gebracht ... hier haben

Sie es. Ist es richtig geschrieben, oder soll ich es umschreiben?«

»Was? Die Anmeldung? Ja, so ... machen Sie sich keine Sorge, es ist

richtig,« sagte Porphyri Petrowitsch, als hätte er Eile, und erst

nachdem er das gesagt hatte, nahm er das Schriftstück und sah es durch.

»Ja, es ist richtig. Mehr ist auch nicht nötig,« bestätigte er noch

einmal schnell und legte das Papier auf den Tisch.

Nach einer Minute, als er schon von etwas anderem sprach, nahm er es

wieder in die Hand und legte es in seinen Schreibtisch.

»Ich glaube, Sie sagten gestern, daß Sie wünschten, mich ... in aller

Form ... über meine Bekanntschaft mit dieser ... Ermordeten zu fragen?«

begann wieder Raskolnikoff. »Nun, warum habe ich >ich glaube< gesagt?«

durchfuhr es ihn. »Warum beunruhige ich mich denn so, daß ich dieses

>ich glaube< hinzugefügt habe?« kam ihm alsbald ein zweiter Gedanke. Und

plötzlich empfand er, daß seine Zweifelsucht, nur bei der Berührung mit

Porphyri Petrowitsch, nur nach zwei Worten, nur von zwei Blicken, in

einem einzigen Augenblick schon ins Ungeheure gestiegen sei ... und daß

dies sehr gefährlich sei, -- seine Nerven wurden gereizt, die Erregung

steigerte sich. »Es ist ein Unglück! Ein Unglück! ... Ich werde mich

wieder versprechen.« --

»Ja, ja, ja! Haben Sie keine Sorge! Es hat Zeit, hat Zeit!« murmelte

Porphyri Petrowitsch und ging vor dem Tische auf und ab, wie

absichtslos. Bald eilte er zu dem Fenster, bald zum Schreibtisch, bald

zu dem anderen Tisch, bald mied er den mißtrauischen Blick

Raskolnikoffs, bald blieb er plötzlich stehen und sah ihm unverwandt ins

Gesicht. Sonderbar erschien dabei seine kleine, dicke und runde Gestalt,

die wie ein Gummiball überall hinrollte und sofort von den Wänden und

den Ecken absprang.

»Wir haben Zeit, wir haben Zeit! ... Rauchen Sie? Haben Sie was zu

rauchen? Bitte, hier ist eine Zigarette,« fuhr er fort und reichte dem

Besucher Zigaretten ... »Wissen Sie, ich empfange Sie hier, meine

Wohnung aber ist hier hinter der Zwischenwand ... freie Dienstwohnung,

ich wohne jetzt noch in meiner alten, eigenen. Man mußte hier einige

kleine Reparaturen vornehmen. Jetzt ist alles fast in Ordnung ... eine

freie Dienstwohnung ist eine schöne Sache? Meinen Sie nicht?«

»Ja, es ist eine schöne Sache,« antwortete Raskolnikoff und blickte ihn

fast spöttisch an.

»Eine schöne Sache, eine schöne Sache ...« wiederholte Porphyri

Petrowitsch, als ob er an etwas ganz anderes denke, »ja! eine schöne

Sache!« rief er zum Schlusse laut, erhob plötzlich die Augen zu

Raskolnikoff und blieb zwei Schritte vor ihm stehen.

Diese fortwährende dumme Wiederholung, daß eine Dienstwohnung eine

schöne Sache sei, widersprach sehr dem ernsten sinnenden und

rätselhaften Blicke, mit dem er jetzt seinen Besuch anstarrte.

Dies aber reizte noch mehr die Wut Raskolnikoffs, so daß er eine

spöttische und ziemlich unvorsichtige Herausforderung nicht unterdrücken

konnte.

»Sie wissen doch,« sagte er unerwartet, indem er ihn fast dreist

anblickte, und als empfände er einen Genuß von seiner Dreistigkeit, »daß

es eine juristische Regel, ein juristischer Kniff mancher

Untersuchungsrichter ist, -- zuerst von weitem her mit Kleinigkeiten,

oder auch mit etwas Ernstem aber Fernliegendem zu beginnen, um den zu

Verhörenden sozusagen zu ermutigen, oder besser gesagt, abzulenken,

seine Vorsicht einzuschläfern, um ihn nachher plötzlich und unversehens

mit einer verhängnisvollen und gefährlichen Frage zu betäuben, habe ich

recht? Das wird, glaube ich, in allen Lehrbüchern und Vorschriften bis

heute als unfehlbarer Kunstgriff festgehalten.«

»Es ist richtig ... und Sie meinen, daß ich es mit der freien

Dienstwohnung bei Ihnen versucht habe ... ah?«

Als Porphyri Petrowitsch dies gesagt hatte, kniff er die Augen zusammen

und blinzelte ihm zu; etwas Lustiges und Schlaues huschte über sein

Gesicht, die Falten auf seiner Stirn glätteten sich, die Augen wurden

schmäler, die Gesichtszüge erweiterten sich, und plötzlich brach er in

ein nervöses langandauerndes Lachen aus, das seinen ganzen Körper

erschütterte, dabei sah er Raskolnikoff unentwegt in die Augen.

Raskolnikoff zwang sich in das Lachen einzustimmen. Als aber Porphyri

Petrowitsch sah, daß auch er lache, brach er in ein Gelächter aus, daß

ihm das Blut zu Kopf stieg. Raskolnikoffs Widerwillen überwog seine

Vorsicht, -- er hörte auf zu lachen, sein Gesicht verfinsterte sich und

er sah Porphyri Petrowitsch lange und voll Haß an während dieses

anhaltenden und wie absichtlich nicht aufhörenden Lachens. Übrigens war

die Unvorsichtigkeit beiderseits -- es war doch klar, daß Porphyri

Petrowitsch über seinen Besucher lachte und daß er über dessen

unverhohlenen Mißmut sich nicht im geringsten kümmerte. Das aber war für

Raskolnikoff sehr wichtig -- er hatte begriffen, daß Porphyri

Petrowitsch auch vorhin sich gar nicht verlegen gefühlt hatte, daß im

Gegenteil er, Raskolnikoff, wahrscheinlich in eine Falle geraten sei,

daß es hier etwas gab, was er nicht ahnte, daß vielleicht schon alles

vorbereitet sei, um sich im nächsten Augenblick zu zeigen und ihn zu

überrumpeln ...

Er ging gerade auf das Ziel los, stand von seinem Platze auf und nahm

seine Mütze.

»Porphyri Petrowitsch,« begann er gereizt, aber entschlossen, »Sie

äußerten gestern den Wunsch, daß ich zu einem Verhöre herkommen sollte.«

(Er betonte besonders das Wort _Verhör_.) »Ich bin gekommen, und wenn

Sie etwas wünschen, fragen Sie mich, sonst aber gestatten Sie mir,

wegzugehen. Ich habe keine Zeit, denn ich habe zu tun ... Ich muß zu der

Beerdigung eines Beamten, der überfahren worden ist und von dem ... Sie

auch ... schon wissen ...« fügte er hinzu, ärgerte sich aber sofort, daß

er das hinzugefügt hatte und wurde noch gereizter. »Ich bin des Ganzen

überdrüssig, hören Sie, und seit langem schon ... ich bin zum Teil auch

deshalb krank gewesen ... mit einem Worte,« schrie er fast, als er

fühlte, daß die Phrase über seine Krankheit sehr überflüssig war, »mit

einem Worte, -- belieben Sie mich entweder zu fragen oder zu entlassen,

und zwar sofort ... und wenn Sie mich fragen wollen, dann nicht anders,

als nach der gesetzlichen Form! Anders werde ich es nicht erlauben, und

darum sage ich Ihnen einstweilen, leben Sie wohl, da wir jetzt beide

nichts miteinander zu schaffen haben.«

»Mein Gott! Ja, was ist mit Ihnen? Ja, worüber soll ich Sie denn

fragen,« sagte auf einmal Porphyri Petrowitsch aufgeregt, indem er

sofort den Ton und seine Miene änderte und aufhörte zu lachen, »bitte,

regen Sie sich doch nicht auf,« bemühte er sich um Raskolnikoff, bald

nötigte er ihn, seinen Platz wieder einzunehmen, bald lief er im Zimmer

umher, »es hat Zeit, es hat Zeit und alles sind doch bloß Kleinigkeiten!

Ich bin im Gegenteil so froh, daß Sie endlich zu mir gekommen sind ...

Ich empfange Sie als meinen Gast. Und dieses verfluchte Lachen bitte ich

Sie zu entschuldigen, Väterchen, Rodion Romanowitsch. -- Rodion

Romanowitsch, so ist doch Ihr Vatername, nicht wahr? ... Ich bin ein

nervöser Mensch. Sie haben mich durch Ihre witzige Bemerkung stark zum

Lachen gebracht; zuweilen schüttelt es mich wirklich, als wäre ich aus

Kautschuk, und das dauert manchmal eine halbe Stunde ... Ich neige zum

Lachen. Bei meiner Statur fürchte ich dadurch einmal einen Schlaganfall

zu bekommen. Ja, setzen Sie sich doch, warum stehn Sie? ... Bitte,

setzen Sie sich, Väterchen, sonst denke ich, daß Sie mir böse sind ...«

Raskolnikoff schwieg, hörte zu und beobachtete ihn, noch immer zornig

und mit düsterem Gesichte. Er nahm Platz, legte aber die Mütze nicht aus

der Hand.

»Ich will Ihnen, Väterchen Rodion Romanowitsch, von mir selbst etwas

sagen, um Ihnen meinen Charakter sozusagen zu erklären,« fuhr Porphyri

Petrowitsch fort, indem er im Zimmer hin und her eilte und wie vorhin

den Blick seines Gastes zu meiden schien. »Wissen Sie, ich bin ein alter

Junggeselle, ohne weltmännische Art und ohne Beziehungen, außerdem ein

abgetaner Mensch, der schon über die Reife hinaus und in Samen

geschossen ist ... Und Rodion Romanowitsch, haben Sie nicht auch schon

beobachtet, daß bei uns, das heißt bei uns in Rußland, und meistens in

unseren Petersburger Kreisen, wenn zwei kluge Menschen zusammenkommen,

die einander noch nicht gut kennen, aber sich sozusagen gegenseitig

achten, wie wir jetzt zusammengekommen sind, so können sie kaum vor

Ablauf einer halben Stunde ein Gesprächsthema finden, -- sie sitzen,

starren einander an und genieren sich. Alle haben einen Gesprächsstoff,

Damen zum Beispiel ... Leute aus der großen Welt zum Beispiel haben

immer ein Thema zur Unterhaltung, _c'est de rigueur_{[8]}. Die Leute

aber aus den mittleren Schichten, das heißt denkende Menschen, wie wir,

-- sind alle verlegen und nicht gesprächig. Woher kommt das, Väterchen?

Haben wir keine gemeinsamen Interessen, oder sind wir zu ehrlich und

wollen einander nicht betrügen, ich weiß es nicht? Ah? Wie meinen Sie?

Legen Sie doch bitte die Mütze fort, es sieht so aus, als wollten Sie

gleich fortgehen, das ist wirklich peinlich ... Ich freue mich im

Gegenteil sehr, daß Sie hier sind ...«

Raskolnikoff legte die Mütze weg, verhielt sich aber schweigend und

hörte ernst und mit düsterem Gesichte dem leeren und verworrenen

Geschwätz von Porphyri Petrowitsch zu.

»Will er tatsächlich mit seinem dummen Geschwätz meine Aufmerksamkeit

ablenken?« dachte er.

»Ich kann Ihnen leider keinen Kaffee anbieten, es geht hier nicht an;

doch warum soll man sich nicht fünf Minuten mit einem guten Bekannten

zerstreuen,« redete Porphyri Petrowitsch ohne Unterbrechung fort, »und

wissen Sie, alle diese dienstlichen Pflichten ... aber seien Sie bitte,

Väterchen, nicht böse, daß ich in einem fort auf und ab gehe;

entschuldigen Sie, Väterchen, ich fürchte sehr, Sie zu kränken, Bewegung

aber tut mir einfach nötig. Ich sitze die ganze Zeit und bin sehr froh,

so fünf Minuten herumgehen zu können ... Hämorrhoiden ... ich will mich

durch Gymnastik behandeln; man erzählt, daß Staatsräte, wirkliche

Staatsräte und sogar Geheimräte, sehr gern ab und zu über die Schnur

springen; ja, ja, die Wissenschaft in unserem Jahrhundert ... leistet

viel ... Und diese dienstlichen Pflichten, Verhöre und diese ganzen

Formalitäten ... Sie erwähnten, Väterchen, soeben etwas von Verhören ...

ja, wissen Sie, Väterchen Rodion Romanowitsch, diese Verhöre verwirren

zuweilen den Verhörer selbst mehr als den zu Verhörenden ... Das haben

Sie, Väterchen, sehr richtig und witzig soeben bemerkt« (Raskolnikoff

hatte gar keine derartige Bemerkung gemacht). -- »Man wird konfus!

Wirklich, man wird konfus, und immer hat man ein und dasselbe, immer ein

und dasselbe, es geht in einer Leier so fort! Die Reform ist im Anzuge,

wir werden wenigstens einen anderen Titel erhalten, he--he--he! Und was

unser Verfahren, über das Sie vorhin so gelungen sprachen, anbetrifft,

so bin ich ganz Ihrer Meinung. Aber, sagen Sie bitte, welcher

Angeklagte, und wäre es der dümmste Bauer, wüßte nicht, daß man zuerst

anfängt, ihn durch nebensächliche Fragen einzuschläfern, wie Sie

treffend bemerkten, um ihn dann plötzlich mit einem Schlage zu betäuben,

he--he--he! ihn zu betäuben, nach Ihrem glücklichen Ausdruck!

He--he--he! Also, Sie dachten tatsächlich, daß ich es bei Ihnen mit der

Dienstwohnung versuchen wollte ... he, he! Sie sind ein spöttischer

Mensch! Also, ich werde nicht mehr darüber reden! Ach ja, beiläufig, das

eine Wort zieht ja das andere nach, und ein Gedanke ruft den andern, --

Sie haben vorhin auch die gesetzliche Form erwähnt, wissen Sie, in bezug

auf das Verhör ... Wozu denn eine gesetzliche Form? Die Form ist, wissen

Sie, in vielen Fällen ein Unsinn. Manchesmal ist es vorteilhafter, in

aller Freundschaft miteinander zu sprechen. Die Form läuft nie davon,

darin gestatte ich mir Sie zu beruhigen; ja, und was ist eigentlich die

Form, frage ich Sie? Die gesetzliche Form darf nicht bei jedem Schritt

den Untersuchungsrichter hemmen. Die Arbeit eines Untersuchungsrichters

ist doch sozusagen freie Kunst in ihrer Art, oder etwas Ähnliches ...

he! he!«

Porphyri Petrowitsch machte für einen kurzen Augenblick eine Pause. Er

redete in einem fort, ohne zu ermüden, bald sinnloses und inhaltloses

Zeug, bald machte er plötzlich rätselhafte Anspielungen und verlor sich

von neuem in sinnloses Geschwätz. Er lief schon fast im Zimmer herum und

bewegte immer schneller und schneller seine dicken kurzen Beine; blickte

dabei die ganze Zeit zu Boden, hatte die rechte Hand auf dem Rücken und

machte mit der linken allerhand Bewegungen, die jedesmal nur wenig mit

seinen Worten übereinstimmten. Raskolnikoff bemerkte plötzlich, daß er

ein paarmal neben der Tür stehen blieb und zu lauschen schien ...

»Wartet er etwa auf etwas?« dachte er.

»Und Sie sind vollkommen im Rechte,« begann von neuem Porphyri

Petrowitsch und blickte heiter und mit ungewöhnlicher Treuherzigkeit

Raskolnikoff an, was jenen zu vermehrter Achtsamkeit veranlaßte. »Sie

haben tatsächlich recht, daß Sie über die Rechtsformen sich so lustig

machen, he--he! Diese tiefsinnigen psychologischen Kunstgriffe -- einige

natürlich nur -- sind äußerst lächerlich, ja und vielleicht nutzlos,

wenn sie durch die gesetzliche Form zu sehr beschränkt sind. Ja ... ich

komme wieder auf die gesetzliche Form zurück, -- also, wenn ich den

einen oder den anderen sozusagen für den Verbrecher halte, oder besser

gesagt, ihn im Verdacht habe, in irgendeiner mir übertragenen

Angelegenheit ... Sie bereiten sich doch vor, Jurist zu werden, Rodion

Romanowitsch?«

»Ja, ich wollte es werden ...«

»Nun, da möchte ich Ihnen sozusagen ein Beispiel für die Zukunft

anführen, -- das heißt, glauben Sie nicht, daß ich es wage, Sie zu

belehren, -- Sie lassen doch selber große Artikel über Verbrechen

drucken! Nein, ich will Ihnen nur, als eine Tatsache, ein Beispiel

erwähnen, -- also falls ich den einen oder den anderen für den

Verbrecher halten sollte, fragt es sich, soll ich ihn vor der Zeit

beunruhigen, wenn ich auch Beweise gegen ihn habe? Den einen muß ich zum

Beispiel schneller verhaften, ein anderer aber hat einen ganz anderen

Charakter, wirklich, -- warum soll man ihm denn nicht gestatten, in der

Stadt herumzuspazieren -- he--he--he! Nein, ich sehe, daß Sie nicht ganz

verstehn, ich will es Ihnen deutlicher erklären, -- wenn ich ihn zum

Beispiel zu früh einsperre, so gebe ich ihm vielleicht dadurch eine

moralische Stütze, sozusagen, he--he! Sie lachen?« (Raskolnikoff dachte

gar nicht daran, zu lachen; er saß mit zusammengepreßten Zähnen und

wandte seinen glühenden Blick von den Augen Porphyri Petrowitschs nicht

ab.) »Das kann bei dem einen Subjekt genau das richtige sein, denn die

Menschen sind verschieden, und da muß vor allem die Praxis entscheiden.

Sie werden jetzt einwenden -- und die Beweise! Ja, nehmen wir an, es

sind Beweise da, aber Beweise haben doch meistenteils, Väterchen, zwei

Seiten, und ich bin doch Untersuchungsrichter, also auch nur ein

schwacher Mensch, und ich gestehe, daß ich die Untersuchung sozusagen

mathematisch klarstellen möchte, und solch einen Beweis zu erbringen

wünsche, daß es so klar wäre, wie zweimal zwei vier ist! Daß es einer

klaren unbestreitbaren Tatsache gleiche! Wenn ich ihn aber vor der Zeit

einsperre, -- und wäre ich fest überzeugt, daß er es ist, -- so kann ich

mich selbst vielleicht der Mittel berauben, ihn weiter zu überführen,

und warum? Weil ich ihm sozusagen eine bestimmte Lage gebe, ihn

sozusagen psychologisch bestimme und festlege, und da wird er sich vor

mir in seine Schale verkriechen, -- er wird endlich begreifen, daß er

Gefangener ist. Man erzählt sich, daß kluge Leute in Sebastopol sofort

nach der Schlacht bei Alma schreckliche Angst hatten, daß der Feind

gleich darauf einen offenen Sturm auf Sebastopol machen und die Stadt

einnehmen würde; als sie aber sahen, daß der Feind eine regelrechte

Belagerung vorzog und die erste Parallele zog, da haben sich die klugen

Leute ordentlich gefreut und sich beruhigt, -- die Sache zieht sich

wenigstens noch zwei Monate hin, denn es dauert ein Endchen, ehe sie

durch eine regelrechte Belagerung die Stadt einnehmen können. Sie lachen

wieder, Sie glauben wieder nicht? Sie sind selbstverständlich auch im

Recht. Sie sind im Recht, Sie sind im Recht! Ich bin mit Ihnen

einverstanden, es sind alles Einzelfälle; der angeführte Fall steht

tatsächlich vereinzelt da! Aber sehen Sie, lieber Rodion Romanowitsch,

man muß dabei folgendes nicht außer acht lassen, -- es gibt doch keinen

allgemeinen Fall, einen solchen, auf den alle rechtlichen Formen und

Regeln passen, nach dem sie berechnet und in Bücher eingetragen sind,

aus dem bloßen Grunde, weil jede Tat, jedes Verbrechen, zum Beispiel

sofort, kaum daß es in Wirklichkeit geschehen ist, sich in einen

vollkommenen Einzelfall verwandelt und zuweilen in einen solchen, der

einem früheren ganz und gar nicht ähnlich ist. Zuweilen passieren in

dieser Hinsicht ganz komische Sachen. Wenn ich nun einen Herrn ganz

allein lasse, ihn nicht festnehme und nicht beunruhige, aber er soll

jede Stunde und jeden Augenblick wissen oder wenigstens ahnen, daß ich

alles weiß, sein ganzes Geheimnis, Tag und Nacht ihn beobachten lasse,

über ihn rastlos wache, und wenn er sich bewußt unter ewigem Verdachte

und in ewiger Angst fühlt, -- bei Gott, da wird er nicht aus und ein

wissen, er wird tatsächlich selbst kommen und wird vielleicht noch etwas

tun, was dem Zweimalzwei bestimmt ähnlich sein wird, was sozusagen wie

ein mathematisches Exempel aussieht, -- und das ist sehr angenehm. Das

kann auch mit einem plumpen Bauern geschehen, aber um so mehr mit

unsereinem, einem modern gebildeten und nach einer bestimmten Richtung

entwickelten Menschen! Denn, mein Lieber, es ist sehr wichtig zu wissen,

in welcher Richtung ein Mensch entwickelt ist. Und die Nerven, die

Nerven, die haben Sie ganz vergessen! Die sind doch heutzutage krank,

schlecht und gereizt! ... Und die Galle, -- wieviel Galle sie alle

haben! Das ist ja, will ich Ihnen nur sagen, in manchen Fällen eine

Fundgrube in ihrer Art! Und warum soll ich beunruhigt sein, daß er

ungefesselt in der Stadt herumgeht? Mag er, mag er vorläufig spazieren

gehen; ich weiß auch ohnedem, daß er mein Opfer ist und niemals von mir

fortläuft! Ja, und wohin soll er auch fliehen, he--he! Ins Ausland etwa?

Ein Pole wird ins Ausland fliehen, aber nicht er, um so mehr, da ich ihn

beobachte und Maßregeln ergriffen habe. Soll er ins Innere des

Vaterlandes etwa fliehen? Dort leben aber Bauern, echte, ungewaschene

Russen; da wird ein modern entwickelter Mensch eher das Gefängnis

vorziehen, als mit solchen Ausländern, wie es unsere Bauern sind, leben,

he--he--he! Aber das ist Unsinn, sind reine Äußerlichkeiten. Was heißt,

-- er wird fliehen! Das ist formell gemeint, es ist nicht die

Hauptsache; er wird mir nicht entfliehen, nicht, weil er nirgends

hinfliehen könnte, -- er wird mir _psychologisch_ nicht entfliehen,

he--he! Was sagen Sie zu dem Ausdruck? Er wird dem Naturgesetze nach mir

nicht entfliehen, wenn er auch irgendwohin fliehen könnte. Haben Sie

einen Schmetterling vor einem Lichte gesehen? Nun, er wird auch so die

ganze Zeit um mich, wie um ein Licht, herumflattern; die Freiheit wird

ihm unlieb werden, er wird nachdenklich werden, sich verwirren, sich

selbst wie in ein Netz verwickeln und sich zu Tode zappeln! ... Nicht

das allein, -- er wird mir selbst irgendein mathematisches Exempel, wie

Zweimalzwei, bringen, -- wenn ich ihm bloß genügend Zeit dazu lasse ...

Und er wird die ganze Zeit, wird die ganze Zeit mich umkreisen und immer

kleinere und kleinere Kreise ziehen und -- bardautz! Er wird mir direkt

in den Mund fliegen und ich werde ihn verschlucken, und das ist aber

sehr angenehm, he--he--he! Sie glauben nicht?«

Raskolnikoff antwortete nicht, er saß bleich und unbeweglich und sah die

ganze Zeit Porphyri Petrowitsch starr ins Gesicht.

»Die Lehre ist gut!« dachte er erschauernd. »Das ist nicht mehr ein

Spiel, wie die Katze mit der Maus, wie es gestern der Fall war. Und er

zeigt mir doch nicht nutzlos seine Macht und ... souffliert mir; er ist

dazu zu klug ... Er verfolgt einen anderen Zweck, aber was für einen?

He, es ist Unsinn, Bruder, du willst mir nur Furcht einjagen und spielst

den Schlauen! Du hast keine Beweise und der Mann von gestern existiert

gar nicht! Du willst mich bloß verwirren, vorzeitig reizen und in diesem

Zustande auf mich losschlagen, aber nein, du schlägst vorbei! Aber

warum, warum souffliert er mir in dieser Weise? ... Rechnet er etwa mit

meinen kranken Nerven! ... Nein, Bruder, das wird dir nicht gelingen,

obwohl du etwas vorbereitet hast ... Nun, wollen wir mal sehen, was du

da vorbereitet hast.«

Und er nahm alle Kräfte zusammen, um sich auf eine furchtbare und

unbekannte Katastrophe gefaßt zu machen. Zuweilen fühlte er einen

heftigen Drang, sich auf Porphyri Petrowitsch zu stürzen und ihn auf der

Stelle zu erwürgen. Als er hereintrat, fürchtete er sich vor dieser Wut.

Er fühlte, daß seine Lippen trocken waren, sein Herz klopfte und daß der

Schaum vor dem Munde eingetrocknet war. Er beschloß trotzdem zu

schweigen. Er begriff, daß das die beste Taktik in seiner Situation sei,

weil er nicht bloß keine Gelegenheit hatte, sich zu versprechen, sondern

im Gegenteil durch sein Schweigen den Gegner reizen konnte, und jener

vielleicht noch sich selbst verraten würde. Er hoffte wenigstens darauf.

»Nein, ich sehe, Sie glauben mir nicht, Sie meinen, daß ich Ihnen

unschuldige Späße erzähle,« sagte Porphyri Petrowitsch, indem er

lustiger wurde, vor Vergnügen ununterbrochen kicherte und wieder im

Zimmer herumwanderte. »Sie haben selbstverständlich ein Recht dazu. Gott

hat mir so eine Gestalt verliehen, daß sie nur lächerliche Gedanken bei

anderen erregt; bin der Possenreißer, aber ich will nur eins sagen und

wiederhole noch einmal, entschuldigen Sie mich alten Mann, Väterchen

Rodion Romanowitsch, -- Sie sind noch ein junger Mann, sozusagen in der

Jugendblüte, und schätzen darum am höchsten, wie überhaupt die Jugend,

den menschlichen Verstand. Schärfe des Verstandes und abstrakte

Vernunftschlüsse ziehen Sie an. Das ist genau, wie mit dem früheren

österreichischen Hofkriegsrat, soweit ich über Kriegsereignisse urteilen

kann, -- auf dem Papier hatten sie Napoleon geschlagen und gefangen

genommen, haben in ihrem Arbeitszimmer alles in der scharfsinnigsten

Weise ermessen und berechnet, und zuguterletzt ergibt sich General Mack

mit seiner ganzen Armee, he--he--he! Ich sehe, ich sehe, Väterchen

Rodion Romanowitsch, Sie lachen über mich, daß so ein Zivilist, wie ich,

Beispiele aus der Kriegsgeschichte anführt. Ja, was soll ich tun, ich

habe einmal diese Schwäche, liebe alles Militärische und lese sehr gern

alle diese Kriegsrelationen ... ich habe entschieden in der Wahl meines

Berufes gefehlt. Ich sollte als Militär dienen, gewiß, zum Napoleon

hätte ich es nicht gebracht, höchstens bis zum Major, he--he--he! Nun,

ich will Ihnen jetzt die volle Wahrheit in bezug auf _den Einzelfall_

sagen, mein Lieber. Wirklichkeit und Natur, mein Herr, sind wichtige

Dinge und machen zuweilen die allerglänzendste Berechnung zuschanden!

He, hören Sie auf mich, einen alten Mann, ich spreche im Ernst. Rodion

Romanowitsch,« -- (indem er dies sagte, schien der kaum

fünfunddreißigjährige Porphyri Petrowitsch tatsächlich gealtert zu sein,

-- sogar seine Stimme hatte sich verändert und sie schien wie verfallen)

-- »und außerdem bin ich aufrichtig ... Bin ich nicht aufrichtig? Was

meinen Sie? Mir scheint, ich bin es im vollen Maße, -- teile Ihnen

solche Dinge umsonst mit, und verlange dafür gar keine Belohnung,

he--he--he! Nun, also, ich fahre fort, -- Scharfsinn ist meiner Meinung

nach ein prächtiges Ding; er ist sozusagen eine Zierde der Natur und ein

Trost des Lebens, und kann solche Kunststücke produzieren, daß zuweilen

ein armer Untersuchungsrichter beim besten Willen sie nicht erraten

kann, der zudem von seiner eigenen Phantasie geleitet wird, wie es oft

genug vorkommt, denn er ist auch nur ein Mensch! Aber die Natur hilft

dem armen Untersuchungsrichter, das ist das Unglück! Daran aber denkt

die von ihrem Scharfsinn hingerissene Jugend nicht, >die über alle

Hindernisse hinwegschreitet<, -- wie Sie sich scharfsinnig und trefflich

auszudrücken beliebten. Er wird -- nehmen wir es an -- lügen, das heißt,

der Mensch, _der Einzelfall_, der Inkognito, und wird ausgezeichnet und

in der schlauesten Weise lügen; nun müßte er, sollte man meinen,

triumphieren und die Früchte seines Scharfsinnes genießen, aber es kommt

ein Krach, -- bei der interessantesten, skandalösesten Stelle fällt er

in Ohnmacht. Angenommen, es kann von Krankheit und zuweilen von der

dumpfen Luft in einem Zimmer kommen, aber trotzdem! Trotzdem ist der

Gedanke gegeben! Er hat unvergleichlich gelogen, hat aber nicht

verstanden, mit der Natur zu rechnen. Darin aber lag die Tücke! Ein

anderes Mal läßt er sich von der Lebhaftigkeit seines Scharfsinnes

hinreißen, beginnt einen Menschen, der ihn im Verdacht hat, zum Narren

zu halten, erbleicht, wie absichtlich, wie im Scherze, aber erbleicht

_schon zu natürlich_, so daß es zu sehr wirklichem Erbleichen gleicht,

und wieder ist der Gedanke gegeben! Wenn ihm auch der Betrug zum ersten

Male gelingt, aber über Nacht denkt jener nach und überlegt es sich

anders, wenn er nicht dumm ist. Und so geschieht es auf Schritt und

Tritt! Das ist noch nichts, -- er beginnt sich selbst vorzudrängen,

beginnt sich hineinzumischen, wo man ihn nicht fragt, spricht in einem

fort über Dinge, über die er im Gegenteil schweigen müßte, läßt

allerhand Allegorien vom Stapel, he--he!, kommt selbst und fragt, warum

man ihn so lange nicht festnimmt, he--he--he! und das kann auch mit dem

scharfsinnigsten Menschen, mit einem Psychologen und Literaten,

passieren! Die Natur ist ein Spiegel, der durchsichtigste Spiegel! Sieh

hinein und betrachte dich, ja so ist es! Ja, warum sind Sie so blaß

geworden, Rodion Romanowitsch, ist es für Sie hier zu dumpf, soll ich

nicht das Fenster aufmachen?«

»Oh, bemühen Sie sich, bitte, nicht,« -- rief Raskolnikoff aus und

lachte plötzlich laut, -- »bitte, bemühen Sie sich nicht.«

Porphyri Petrowitsch blieb vor ihm stehen, wartete eine Weile und

stimmte dann in das Lachen ein. Raskolnikoff erhob sich vom Diwan und

brach plötzlich seinen Lachanfall ab.

»Porphyri Petrowitsch!« -- sagte er laut und deutlich, obwohl er kaum

auf den zitternden Füßen stehen konnte, -- »ich sehe endlich klar, daß

Sie mich positiv im Verdacht haben, diese Alte und ihre Schwester

Lisaweta ermordet zu haben. Meinerseits erkläre ich Ihnen, daß ich all

dessen längst überdrüssig bin. Wenn Sie finden, daß Sie ein Recht haben,

mich gesetzlich zu verfolgen, so verfolgen Sie mich, zu arretieren, so

arretieren Sie mich. Aber ich erlaube nicht, daß man mir ins Gesicht

lacht und mich quält ...«

Seine Lippen zitterten plötzlich, die Augen loderten vor Wut und die bis

jetzt gemäßigte Stimme schwoll an. »Ich erlaube es nicht!« rief er

plötzlich und schlug aus aller Kraft mit der Faust auf den Tisch, --

»hören Sie, Porphyri Petrowitsch? Ich erlaube es nicht!«

»Ach, mein Gott, was ist Ihnen!« rief Porphyri Petrowitsch, offenbar

völlig erschreckt; -- »Väterchen! Rodion Romanowitsch! Lieber! Was ist

mit Ihnen?«

»Ich erlaube es nicht!« -- rief Raskolnikoff noch einmal.

»Leise, Väterchen! Man könnte es hören und herkommen! Und, was wollen

wir ihnen dann sagen, bedenken Sie!« -- flüsterte Porphyri Petrowitsch

entsetzt und näherte sein Gesicht dem Raskolnikoffs.

»Ich erlaube es nicht, ich erlaube es nicht!« -- wiederholte

Raskolnikoff mechanisch, aber plötzlich ganz leise.

Porphyri Petrowitsch wandte sich schnell um und lief, um das Fenster zu

öffnen.

»Frische Luft hereinlassen! und etwas Wasser müssen Sie trinken, mein

Lieber, es ist ja ein Anfall!« -- und er wollte zur Türe stürzen, um

nach Wasser zu schicken, fand jedoch hier selbst in einer Ecke eine

volle Karaffe.

»Da, Väterchen, trinken Sie,« -- flüsterte er, mit der Karaffe zu ihm

eilend, -- »vielleicht hilft es ...«

Die Angst und selbst die Teilnahme von Porphyri Petrowitsch waren so

natürlich, daß Raskolnikoff verstummte und mit Neugier ihn betrachtete.

Das Wasser nahm er nicht an.

»Rodion Romanowitsch! Lieber! Ja, in dieser Weise werden Sie noch den

Verstand verlieren, ich versichere Sie! Ach! Trinken Sie! Trinken Sie

wenigstens etwas!«

Er zwang ihn doch, das Glas Wasser in die Hand zu nehmen. Raskolnikoff

führte es mechanisch an die Lippen, besann sich aber und stellte es mit

Widerwillen auf den Tisch.

»Ja, Sie haben einen kleinen Anfall gehabt! In dieser Weise werden Sie,

mein Lieber, wieder, wie früher schon, krank,« -- begann mit

freundschaftlicher Teilnahme Porphyri Petrowitsch, und anscheinend noch

fassungslos. -- »Mein Gott! Ja, wie kann man sich so wenig schonen?

Gestern war Dmitri Prokofjitsch bei mir gewesen, -- ich gebe zu, ich

habe einen schlimmen, böswilligen Charakter, -- aber was sie alles für

Schlüsse daraus ziehen ... Mein Gott! Er kam gestern zu mir, als Sie

fortgegangen waren, wir saßen beim Mittagessen, er redete und redete,

ich staunte bloß ... kam er etwa in Ihrem Auftrage? Ja, so setzen Sie

sich doch, Väterchen, nehmen Sie Platz um Christi willen!«

»Nein, er kam nicht in meinem Auftrage! Aber ich wußte, daß er zu Ihnen

gehen und warum er zu Ihnen gehen würde,« -- antwortete Raskolnikoff

scharf.

»Sie wußten es?«

»Ich wußte es. Nun, was ist denn dabei?«

»Ja, Väterchen, Rodion Romanowitsch, ich weiß noch ganz andere Dinge von

Ihnen; ich weiß alles! Ich weiß auch, wie Sie, als es dunkelte, in der

Nacht _eine Wohnung zu mieten_ gingen, an der Glocke klingelten, und

nach dem Blut fragten, und die Arbeiter und die Hausknechte verwirrt

machten. Ich verstehe auch Ihre damalige Seelenstimmung ... aber Sie

werden sich in dieser Weise um den Verstand bringen, bei Gott! Werden

zugrundegehen! Eine starke, edle Entrüstung kocht in Ihnen gegen die

empfangenen Kränkungen, zuerst vom Schicksal, dann von den

Polizeibeamten, darum stürzen Sie auch hierhin und dorthin, um sozusagen

schneller alle zum Sprechen zu bringen, und um allem mit einem Male ein

Ende zu machen, denn dieser Unsinn und dieser ganze Verdacht ist Ihnen

zum Überdruß. Ist es nicht so? Habe ich die Stimmung erraten? ... Und in

dieser Weise werden Sie nicht allein zugrunde gehen, sondern ziehen auch

unseren Rasumichin hinein, er ist doch dafür ein _zu guter_ Mensch, Sie

wissen es ja selbst. Bei Ihnen ist es eine Krankheit, bei ihm Tugend ...

die Krankheit könnte auch ihn anstecken ... Ich will Ihnen, Väterchen,

wenn Sie sich beruhigt haben, etwas erzählen ... aber setzen Sie sich

doch um Christi willen, Väterchen! Bitte, ruhen Sie sich aus, Sie sehen

blaß aus, ja, setzen Sie sich doch!« Raskolnikoff setzte sich hin, das

Zittern ging vorüber, und sein ganzer Körper begann zu glühen. Mit

tiefem Erstaunen und aufmerksam hörte er dem erschrockenen und

freundschaftlich um ihn bemühten Porphyri Petrowitsch zu. Aber er

glaubte keinem einzigen seiner Worte, obwohl er eine seltsame Neigung

empfand zu glauben. Die unerwarteten Worte Porphyri Petrowitsch' über

die Wohnung hatten ihn äußerst bestürzt. -- »Wie, er weiß also von der

Wohnung?« -- dachte er plötzlich, -- »und erzählt es mir selbst!«

»Ja, in unserer Gerichtspraxis gab es einmal einen fast ähnlichen Fall,

auch einen psychopathischen, krankhaften Fall,« -- fuhr Porphyri

Petrowitsch schnell fort, -- »da hat auch einer einen Mord sich

zugedichtet und wie, -- eine ganze Halluzination führte er an, brachte

Tatsachen, erzählte einzelne Umstände, verwirrte alle und machte jeden

konfus, und aus welchem Grunde? Er selbst war völlig ohne Absicht und

Wissen mit die Ursache an dem Morde, und als er erfuhr, daß er den

Mördern Veranlassung zu ihrer Tat gegeben hatte, wurde er schwermütig

und tiefsinnig, hatte Erscheinungen, verlor ganz den Verstand und

bildete sich ein, daß er selbst der Mörder sei! Aber der Senat klärte

schließlich die Sache auf, und der Unglückliche wurde freigesprochen und

in Pflege gegeben. Dank dem Senate! Ach, ja, ja! Ja, wie soll es mit

Ihnen enden, Väterchen? In dieser Weise kann man leicht an Nervenfieber

erkranken, wenn man solche Anwandlungen hat, seine Nerven zu reizen,

nachts die Klingel zu ziehen und nach Blut zu fragen! Ich habe diese

ganze Psychologie in der Praxis studiert. In dieser Weise packt es einen

Menschen zuweilen, aus dem Fenster oder von einem Turme zu springen, und

es ist eine verführerische Empfindung. Ebenso ist es auch mit dem

Klingelziehen ... Es ist eine Krankheit, Rodion Romanowitsch, Sie sind

krank! Sie vernachlässigen Ihre Krankheit zu sehr. Sie sollten zu einem

erfahrenen Arzt hingehen, der Dicke kann Ihnen doch nicht viel nützen!

... Sie haben Fieberwahn! Sie tun alles nur im Fieberwahne! ...«

Auf einen Augenblick drehte sich alles vor Raskolnikoffs Augen.

»Ist es möglich,« -- schwirrte es in seinem Kopfe, -- »ist es möglich,

daß er auch jetzt lügt? Es ist undenkbar, unmöglich!« -- er stieß diesen

Gedanken von sich, da er fühlte, in welchen Grad von Zorn und Raserei

ihn derselbe bringen müßte, und daß er vor Wut den Verstand verlieren

könne.

»Das war nicht im Fieberwahn, das war im wachen Zustande!« -- rief er

aus und spannte alle Kräfte seines Verstandes an, um das Spiel Porphyri

Petrowitsch' zu durchschauen. -- »Im wachen Zustande, bei vollem

Verstande! Hören Sie?«

»Ja, ich verstehe und höre es! Sie sagten auch gestern, daß es nicht im

Fieberwahne war, Sie betonten sogar, daß es nicht im Fieberwahne war!

Ich begreife alles, was Sie sagen! Ach! ... Hören Sie doch, Rodion

Romanowitsch, mein lieber Mensch, ziehen Sie doch diesen Umstand in

Erwägung. Wenn Sie tatsächlich in dieser verfluchten Sache schuldig oder

irgendwie darin verwickelt wären, würden Sie dann -- ich bitte Sie --

selbst betonen, daß Sie dies alles nicht im Fieberwahne, sondern im

Gegenteil bei vollem Verstande getan haben? Und es ganz besonders

betonen, mit einer besonderen Hartnäckigkeit es betonen, -- wäre es denn

möglich, wäre es denkbar, ich bitte Sie? Meiner Meinung nach würden Sie

das Gegenteil behaupten. Wenn Sie kein reines Gewissen hätten, so müßten

Sie unbedingt betonen, -- daß Sie es unbedingt im Fieberwahne getan

haben! Ist es nicht so? Meine Annahme ist doch richtig?«

Etwas Heimtückisches klang in dieser Frage. Raskolnikoff wich vor

Porphyri Petrowitsch zurück, der sich zu ihm gebeugt hatte, und

betrachtete ihn schweigend, starr und voller Zweifel.

»Oder nehmen wir den Fall mit Rasumichin, das heißt, ob er gestern aus

freien Stücken kam zu sprechen, oder ob Sie ihn dazu gebracht haben? Ja,

Sie müßten unbedingt gesagt haben, daß er aus eigenem Antriebe gekommen

war, und verheimlichen, daß er es in Ihrem Auftrage getan hat! Sie aber

verheimlichen es nicht! Sie betonen gerade, daß er in Ihrem Auftrage

hier gewesen war!«

Raskolnikoff hatte es niemals betont. Ein Schauer durchzog seinen

Rücken.

»Sie lügen wieder,« -- sagte er langsam und schwach, und seine Lippen

verzogen sich zu einem schmerzlichen Lächeln, -- »Sie wollen mir wieder

zeigen, daß Sie mein ganzes Spiel kennen und alle meine Antworten im

voraus wissen,« -- sagte er und fühlte selbst nicht, daß er seine Worte

nicht mehr genügend erwog, -- »Sie wollen mir Furcht einjagen ... oder

Sie lachen einfach über mich ...«

Er fuhr fort, ihn starr anzusehen, als er dies sagte, und wieder

leuchtete eine grenzenlose Wut in seinen Augen auf.

»Sie lügen alles!« -- rief er aus. -- »Sie wissen selbst ausgezeichnet,

daß der beste Ausweg für einen Verbrecher ist, nach Möglichkeit nichts

zu verheimlichen, was man nicht verheimlichen kann. Ich glaube Ihnen

nicht!«

»Wie spitzfindig Sie sind!« -- kicherte Porphyri Petrowitsch, -- »man

wird mit Ihnen, Väterchen, nicht fertig; eine Art Monomanie steckt tief

in Ihnen. Also, Sie glauben mir nicht? Ich sage Ihnen aber, daß Sie mir

schon glauben, daß Sie mir schon zu einem Viertel glauben, und ich will

mein Möglichstes tun, daß Sie mir noch ganz und gar glauben werden, denn

ich habe Sie wirklich gern und wünsche Ihnen aufrichtig alles Gute.«

Raskolnikoffs Lippen bebten.

»Ja, ich wünsche Ihnen Gutes, sage ich Ihnen noch einmal,« -- fuhr er

fort, und faßte Raskolnikoff leicht und freundschaftlich am Arm, ein

wenig über dem Ellbogen, -- »ich will es Ihnen auch noch einmal sagen,

-- achten Sie auf Ihre Krankheit. Außerdem sind auch Ihre allernächsten

Verwandten jetzt angekommen; denken Sie auch an die. Sie sollen sie

pflegen und hüten, und Sie erschrecken sie bloß ...«

»Was geht das Sie an? Woher wissen Sie es? Warum interessieren Sie sich

in dieser Weise für mich? Also, Sie beobachten mich und wollen es mir

zeigen?«

»Väterchen! Ich habe es doch von Ihnen, von Ihnen selbst erfahren! Sie

merken nicht mal, daß Sie in Ihrer Erregung mir selbst alles und anderen

auch erzählen. Auch von Dmitri Prokofjitsch Rasumichin habe ich gestern

viele interessante Details erfahren. Nein, Sie haben mich unterbrochen,

ich sage aber, daß Sie durch Ihren Argwohn, trotz Ihres ganzen

Scharfsinnes, den gesunden Blick für die Dinge verlieren. Nun, nehmen

wir, zum Beispiel, wieder das Klingelziehen, -- solch eine Krankheit,

diese Tatsache, -- es ist doch eine ganze Tatsache, -- liefere ich Ihnen

ohne weiteres aus, ich, der Untersuchungsrichter! Und Sie sehen darin

gar nichts? Nun, sagen Sie, wenn ich nur einen kleinen Verdacht auf Sie

hätte, würde ich so handeln können? Ich müßte im Gegenteil Ihren Argwohn

zuerst einschläfern und nicht mal zeigen, daß ich diese Tatsache schon

kenne, ich müßte Sie in entgegengesetzter Richtung ablenken, um Sie

plötzlich, wie mit einem Schlage auf den Kopf, mit der Frage zu

betäuben, -- >was suchten Sie -- würde ich fragen, -- um zehn Uhr

abends, oder es kann auch elf Uhr gewesen sein, in der Wohnung der

Ermordeten? Warum haben Sie an der Klingel gezogen? Und warum fragten

Sie nach dem Blute? Warum machten Sie die Hausknechte konfus und

forderten sie auf, auf das Polizeibureau, zum Revieraufseher,

mitzugehen?< Sehen Sie, in dieser Weise müßte ich handeln, wenn ich den

winzigsten Verdacht gegen Sie hätte. Ich müßte Sie in aller Form

verhören, eine Haussuchung bei Ihnen vornehmen und Sie möglicherweise

auch arretieren ... Also kann ich doch keinen Verdacht gegen Sie hegen,

wenn ich anders gehandelt habe! Sie haben aber den gesunden Blick

verloren und sehen gar nichts, wiederhole ich!«

Raskolnikoff zuckte zusammen, so daß Porphyri Petrowitsch es zu deutlich

bemerkte.

»Sie lügen alles!« -- rief er aus, -- »ich kenne Ihre Absichten nicht,

aber Sie lügen ... Vorhin haben Sie nicht in diesem Sinne gesprochen und

ich kann mich nicht irren ... Sie lügen!«

»Ich lüge?« -- unterbrach ihn Porphyri Petrowitsch, sich scheinbar

ereifernd, behielt jedoch das lustigste und spöttischste Aussehen bei,

als kümmerte es ihn wenig, welch eine Meinung Herr Raskolnikoff über ihn

habe. -- »Ich lüge? ... Und wie habe ich vorhin Ihnen gegenüber

gehandelt, ich, der Untersuchungsrichter? Ich habe Ihnen selbst alle

Mittel zur Verteidigung genannt und ausgeliefert, habe selbst Ihnen die

ganze Psychologie erklärt, habe Krankheit, Fieberwahn, Kränkungen,

Melancholie und Polizeibeamte und dergleichen mehr erwähnt! Ah!

He--he--he! Obwohl -- nebenbei gesagt, -- alle diese psychologischen

Mittel zur Verteidigung, Ausflüchte und Ausreden äußerst unstichhaltig

sind und zwei Seiten haben. >Ich war krank, hatte Fieberträume, war im

Wahne, erinnere mich nicht<, -- alle diese Ausreden sind ja richtig,

aber es fragt sich, Väterchen, warum in der Krankheit und im Fieberwahne

immer solche Vorstellungen auftauchen und nicht andere? Es können einem

doch auch andere Vorstellungen erscheinen? Ist es nicht so? He--he--he!«

Raskolnikoff blickte ihn stolz und voll Verachtung an.

»Mit einem Worte,« -- sagte er laut und eindringlich, indem er aufstand

und dabei Porphyri Petrowitsch ein wenig zur Seite stieß -- »mit einem

Worte, ich will endgültig wissen, ob Sie mich frei von jedem Verdacht

finden oder _nicht_? Sagen Sie es, Porphyri Petrowitsch, sagen Sie es

mir positiv, endgültig, und schnell, sofort!«

»Das ist eine Geschichte! Ist das eine Plage mit Ihnen,« -- rief

Porphyri Petrowitsch mit vollkommen lustiger, schlauer und gar nicht

bewegter Miene, -- »ja, wozu wollen Sie es wissen, wozu wollen Sie so

vieles wissen, wenn man noch nicht einmal begonnen hat, Sie in

irgendeiner Weise zu belästigen? Sie sind wie ein Kind, dem man Feuer in

die Hand geben soll! Warum beuunruhigen Sie sich in dieser Weise? Warum

drängen Sie sich uns auf, aus welchen Gründen? Ah? He--he--he!«

»Ich wiederhole Ihnen,« -- rief Raskolnikoff in blinder Wut, -- »daß ich

es länger nicht ertragen kann ...«

»Was denn? Die Ungewißheit?« -- unterbrach ihn Porphyri Petrowitsch.

»Höhnen Sie nicht! Ich will es nicht haben! Ich sage Ihnen, ich will es

nicht! ... Ich kann und will es nicht! ... Hören Sie! Hören Sie!« --

rief er und schlug wieder mit der Faust auf den Tisch.

»Stiller, leiser! Man könnte es hören! Ich warne Sie in allem Ernst, --

schonen Sie sich. Ich scherze nicht!« -- sagte Porphyri Petrowitsch im

Flüstertone, aber diesmal lag in seinem Gesichte nicht mehr der frühere

weibisch gutmütige und erschrockene Ausdruck; im Gegenteil, er _befahl_

es streng, mit zusammengezogenen Augenbrauen und ließ alle

Geheimnistuerei und Zweideutigkeit fallen. Das dauerte jedoch nur einen

kurzen Augenblick. Der bestürzte Raskolnikoff geriet in die höchste Wut,

und doch, merkwürdig, -- wie hypnotisiert gehorchte er wieder dem

Befehle, leiser zu sprechen.

»Ich lasse mich nicht quälen!« -- flüsterte er, wie vorhin, indem er

sofort voll Schmerz und Haß einsah, daß er dem Befehle gehorchen mußte,

und geriet bei diesem Gedanken in immer größere Wut, -- »arretieren Sie

mich, lassen Sie bei mir Haussuchung halten, aber handeln Sie nach

gesetzlicher Form und spielen Sie nicht mit mir! Wagen Sie es nicht ...«

»So regen Sie sich doch nicht wieder wegen der gesetzlichen Form auf,«

-- unterbrach ihn Porphyri Petrowitsch mit dem früheren schlauen Lächeln

und betrachtete scheinbar Raskolnikoff mit Vergnügen, -- »Väterchen, ich

habe Sie doch in aller Gemütlichkeit, in aller Freundschaft eingeladen!«

»Ich will nicht Ihre Freundschaft, ich pfeife darauf! Hören Sie? Und

jetzt nehme ich meine Mütze und gehe fort. Nun, was willst du jetzt

sagen, wenn du mich arretieren willst?«

Er nahm seine Mütze und ging zu der Türe.

»Wollen Sie nicht noch die Überraschung sehen, die ich für Sie habe?«

kicherte Porphyri Petrowitsch, faßte ihn wieder am Arme und hielt ihn an

der Türe zurück. Er wurde sichtlich wieder lustiger und lebhafter, was

Raskolnikoff ganz außer sich brachte.

»Was für eine Überraschung? Was ist es?« -- fragte er, stehen bleibend

und Porphyri Petrowitsch erschreckt anblickend.

»Die Überraschung sitzt hier hinter der Türe, he--he--he!« -- er zeigte

mit dem Finger auf die verschlossene Tür in der Scheidewand, die in

seine Amtswohnung führte. -- »Ich habe sie dort eingeschlossen, damit

sie nicht fortläuft.«

»Was sagen Sie? Wo? Was? ...« -- Raskolnikoff trat an die Türe und

wollte sie öffnen, jedoch sie war verschlossen.

»Sie ist verschlossen, den Schlüssel habe ich!«

Und er zog aus seiner Tasche einen Schlüssel hervor und zeigte ihn ihm.

»Du lügst!« -- schrie Raskolnikoff, ohne sich noch einen weiteren Zwang

aufzuerlegen,-- »du lügst, verfluchter Hanswurst!« Er stürzte sich auf

Porphyri Petrowitsch, der sich zwar zur Türe zurückgezogen hatte, aber

keineswegs aus Furcht.

»Ich merke alle deine Absichten, alle! -- Du lügst und neckst mich,

damit ich mich verraten soll.«

»Ja, mehr kann man sich doch nicht verraten, als Sie es tun, Väterchen

Rodion Romanowitsch. -- Sie haben ja einen Anfall von Tobsucht. Schreien

Sie nicht so, ich rufe sonst nach Hilfe.«

»Du lügst, nichts wird geschehen! Rufe deine Leute! Du weißt, daß ich

krank bin und willst mich wütend machen, damit ich mich verraten soll,

das ist deine Absicht! Nein, zeige mir Tatsachen! Ich habe alles

begriffen! Ich weiß, du hast keine Tatsachen, du hast bloß elende,

nichtige Vermutungen von Sametoff! ... Du kanntest meinen Charakter,

wolltest mich in rasende Wut bringen, und dann mich plötzlich mit

Priestern und Delegierten überrumpeln ... Du wartest auf sie? Ah! Was

wartest du? Wo? komm doch mit ihnen!«

»Was für Delegierte sollte ich haben, Väterchen? Was dem Menschen nicht

alles einfällt! In dieser Weise kann man doch gar nicht nach der

gesetzlichen Form handeln, wie Sie meinen, Sie kennen diesen

gesetzlichen Weg überhaupt nicht, mein Lieber ... Die gesetzliche Form

läuft nicht davon, Sie werden es noch selbst sehen ... --« murmelte

Porphyri Petrowitsch und lauschte an der Türe.

In diesem Augenblicke hörte man wirklich im anderen Zimmer in der Nähe

der Türe einen Lärm.

»Ah, sie kommen!« -- rief Raskolnikoff aus, -- »du hast nach ihnen

geschickt! ... Die hast du erwartet! Hast auf sie gerechnet ... Nun,

komme mit ihnen allen, mit den Delegierten, Zeugen ... komme mit was du

willst! Ich bin bereit! Bin bereit!«

Aber in diesem Momente trat ein merkwürdiges Ereignis ein, für den

gewöhnlichen Gang der Dinge so unerwartet, daß weder Raskolnikoff noch

Porphyri Petrowitsch einen solchen Ausgang erwartet hatte.

Sämtliche Werke 1-2 · 第 42 / 66 题