IV.

Raskolnikoff aber ging direkt zu dem Hause am Kanal, wo Ssonja wohnte.

Es war ein dreistöckiges Haus, alt und grün angestrichen. Er suchte den

Hausknecht auf und erhielt von ihm die ungefähre Auskunft, wo der

Schneider Kapernaumoff wohne. Er fand in einer Ecke auf dem Hofe einen

Eingang zu einer schmalen, dunklen Treppe, er stieg zum zweiten Stock

hinauf und kam auf eine Galerie, die das Haus auf der Hofseite umgab.

Während er in der Dunkelheit und voll Ungewißheit, wo der Eingang zu

Kapernaumoff sein könne, herumirrte, öffnete sich plötzlich drei

Schritte von ihm eine Türe; er griff mechanisch nach ihr.

»Wer ist da?« fragte eine weibliche Stimme ängstlich.

»Ich bin es ... komme zu Ihnen,« antwortete Raskolnikoff und trat in ein

winziges Vorzimmer ein. Hier brannte auf einem durchgesessenen Stuhle

ein Licht in einem kupfernen Leuchter.

»Sie sind es! Oh, Gott!« rief Ssonja mit schwacher Stimme und blieb wie

versteinert stehen.

»Wo geht es in Ihr Zimmer? Hier?«

Raskolnikoff suchte nicht ihren Blick und ging schnell in ihr Zimmer

hinein.

Nach einer Minute kam auch Ssonja mit dem Lichte, stellte es hin und

blieb vor ihm stehen, vollkommen verwirrt, in einer unbeschreiblichen

Aufregung und sichtbar erschrocken durch seinen unerwarteten Besuch.

Eine Röte stieg in ihr bleiches Gesicht, und Tränen traten in ihre Augen

... Es war ihr schwer zumute, sie schämte sich auch, und doch war es ihr

lieb ... Raskolnikoff wandte sich schnell von ihr ab und setzte sich auf

einen Stuhl neben dem Tisch. Er fand Zeit, einen flüchtigen Blick auf

das Zimmer zu werfen.

Es war ein großes Zimmer, aber außerordentlich niedrig, das einzige

Zimmer, das Kapernaumoffs vermieteten; in der Wand links war eine

verschlossene Tür, die zu ihnen führte. Auf der entgegengesetzten Seite,

rechts in der Wand, befand sich noch eine Tür, die immer verschlossen

war. Hinter ihr war eine andere Wohnung unter einer anderen Nummer.

Ssonjas Zimmer glich einer Scheune, hatte die Gestalt eines

unregelmäßigen Vierecks, was ihm etwas Eigentümliches verlieh. Die eine

Wand mit drei Fenstern, die auf den Kanal hinausgingen, durchschnitt das

Zimmer etwas schief, wodurch die eine Ecke sehr spitz war und in der

Tiefe verlief, so daß man bei schwacher Beleuchtung sie nicht gut

überschauen konnte; die andere Ecke war wieder häßlich stumpf. In diesem

ganzen Zimmer waren fast gar keine Möbel. In einer Ecke rechts war ein

Bett, neben ihm näher zur Türe ein Stuhl. An derselben Wand, wo das Bett

war, standen an der Türe gegen die fremde Wohnung ein einfacher Tisch,

bedeckt mit einem blauen Tischtuche und daneben zwei geflochtene Stühle.

An der entgegengesetzten Wand, in der Nähe der spitzen Ecke, befand sich

eine kleine Kommode aus einfachem Holze, verloren wie in einer Wüste.

Das war das ganze Mobiliar. Die gelblichen, abgerissenen und

beschmutzten Tapeten waren an allen Ecken schwarz geworden; im Winter

mußte es hier feucht und dunstig sein. Die Armut war offensichtlich;

selbst am Bette waren keine Gardinen angebracht.

Ssonja blickte schweigend ihren Besucher an, der so aufmerksam und

ungeniert ihr Zimmer betrachtete und begann vor Angst zu zittern, als

stände sie vor einem Richter, der über ihr Schicksal entscheiden sollte.

»Ich komme spät ... Es ist wohl schon elf Uhr?« fragte er sie und erhob

noch immer nicht die Augen zu ihr.

»Ja,« murmelte Ssonja. »Ach, ja, es ist soviel!« beeilte sie sich zu

sagen, als wäre es ein Ausweg, »soeben schlug bei dem Hauswirte die Uhr

... und ich habe die Schläge gezählt ... Es ist soviel.«

»Ich komme zum letztenmal zu Ihnen,« fuhr Raskolnikoff düster fort,

obwohl es doch zum erstenmal war, daß er hier war, »ich werde Sie

vielleicht nicht mehr sehen ...«

»Reisen Sie ... fort?«

»Ich weiß es nicht ... alles hängt von morgen ab ...«

»Also, Sie werden morgen nicht bei Katerina Iwanowna sein?« bebte

Ssonjas Stimme.

»Ich weiß es nicht. Alles hängt von morgen früh ab ... Aber darum

handelt es sich nicht, ich bin gekommen, Ihnen ein paar Worte zu sagen

...«

Er erhob seinen nachdenklichen Blick zu ihr auf und bemerkte jetzt erst,

daß er saß, während sie noch immer vor ihm stand.

»Warum stehen Sie denn? Setzen Sie sich doch,« sagte er mit veränderter

Stimme leise und weich.

Sie setzte sich. Er blickte sie freundlich, fast mitleidig eine Minute

an.

»Wie mager Sie sind! Sehen Sie nur Ihre Hand! Ganz durchsichtig. Diese

Finger, wie bei einer Toten.«

Er nahm ihre Hand. Ssonja lächelte schwach.

»Ich war immer so,« sagte sie.

»Auch, als Sie zu Hause lebten?«

»Ja.«

»Ach, selbstverständlich ja!« sagte er abgerissen, und sein

Gesichtsausdruck und der Ton seiner Stimme veränderten sich wieder.

Er blickte sich noch einmal um.

»Sie mieteten das Zimmer von Kapernaumoff?«

»Ja ...«

»Diese wohnen dort hinter der Türe?«

»Ja ... Sie haben auch ein solches Zimmer.«

»Sie leben alle in einem Zimmer?«

»Ja, in einem Zimmer.«

»Ich würde mich nachts in Ihrem Zimmer fürchten,« bemerkte er düster.

»Die Wirtsleute sind sehr gut, sehr freundlich,« antwortete Ssonja, die

immer noch nicht zu sich gekommen schien und seine Bemerkung nicht

verstanden hatte, »und alle Möbel und alles ... alles gehört den

Wirtsleuten. Sie sind sehr gut, und die Kinder kommen auch oft zu mir

...«

»Die stotternden?«

»Ja ... Er stottert auch und ist dazu auch lahm. Und die Frau auch ...

Das heißt, sie stottert nicht so sehr, sie spricht bloß nicht alles aus.

Sie ist sehr gut. Er ist früher Leibeigener gewesen. Und sie haben

sieben Kinder ... und bloß der Älteste stottert, die anderen sind nur

immer krank ... stottern nicht ... Woher wissen Sie das aber?« fügte sie

ein wenig verwundert hinzu.

»Ihr Vater hat es mir damals erzählt. Er hat mir auch alles über Sie

erzählt ... Auch davon, wie Sie um sechs Uhr fortgingen und um neun

zurückkamen, auch, wie Katerina Iwanowna an Ihrem Bette auf den Knien

gelegen hat.«

Ssonja wurde verlegen.

»Mir schien es, als hätte ich ihn heute gesehen,« flüsterte sie

unentschlossen.

»Wen?«

»Den Vater. Ich ging in die Straße dort, nebenan, an der Ecke in der

zehnten Stunde, und er schien vor mir zu gehen, ganz, als wäre er es.

Ich wollte eben zu Katerina Iwanowna hingehen ...«

»Waren Sie spazieren gegangen?«

»Ja,« flüsterte Ssonja abgerissen, wurde wieder verlegen und senkte die

Augen.

»Katerina Iwanowna hat Sie doch wohl geschlagen, als Sie beim Vater

lebten?«

»Ach nein, wie kommen Sie darauf, nein, nein!« Ssonja blickte ihn voll

Schrecken an.

»Also, Sie lieben sie?«

»Sie? Warum denn nicht!« sagte Ssonja klagend und faltete mit leidendem

Ausdruck die Hände. »Ach! Sie ... Wenn Sie nur wüßten. Sie ist ja ganz

wie ein Kind ... Ihr Verstand ist ja wie gestört ... vor lauter Kummer.

Und wie sie klug war ... wie großmütig ... wie gut! Sie wissen nichts,

nichts ... ach!«

Ssonja sagte dies wie in Verzweiflung, aufgeregt, darunter leidend und

händeringend. Ihre bleichen Wangen erröteten wieder und in ihren Augen

drückte sich eine tiefe Qual aus. Man sah, daß in ihr sehr vieles durch

seine Worte wachgerufen worden war und daß sie gern etwas äußern und

sagen und für Katerina Iwanowna eintreten wollte. Ein _unerschöpfliches_

Mitleid, wenn man sich so ausdrücken darf, lag in ihrem Gesichte.

»Sie soll mich geschlagen haben! Ja, wie kommen Sie dazu! Oh, Gott, sie

mich schlagen! Und wenn sie mich auch geschlagen hätte, was wäre dabei!

Was wäre dabei! Sie wissen nichts, gar nichts ... Sie ist so

unglücklich, ach, wie unglücklich sie ist! Und sie ist krank ... Sie

sucht Gerechtigkeit ... Sie ist rein. Sie glaubt so daran, daß in allem

Gerechtigkeit sein müsse und verlangt sie ... Und Sie können sie quälen,

sie wird nichts Ungerechtes tun. Sie merkt selbst nicht, wie unmöglich

es ist, daß es unter den Menschen gerecht zugehe und ist reizbar ... Sie

ist wie ein Kind, wie ein Kind! Sie ist gerecht, gerecht!«

»Und was wird mit Ihnen geschehen?«

Ssonja blickte ihn fragend an.

»Die Last ist doch auf Ihren Schultern geblieben. Es ist wahr, auch

früher lag alles auf Ihren Schultern, und der Verstorbene kam auch zu

Ihnen mit seinen Bitten, um zu einem Gläschen zu kommen. Aber was wird

jetzt werden?«

»Ich weiß es nicht,« erwiderte Ssonja traurig.

»Werden sie dort bleiben?«

»Ich weiß nicht, sie sind der Wirtin die Wohnung schuldig; und die

Wirtin hat heute gesagt, ich hörte es, daß sie ihr kündigen will;

Katerina Iwanowna jedoch sagte schon, daß sie auch selbst keinen

Augenblick länger dort bleiben will.«

»Aus welchem Grunde ist sie denn so tapfer? Hofft sie auf Sie?«

»Ach, nein, sagen Sie nicht so etwas ... Wir leben zusammen, gehören

zueinander,« Ssonja wurde wieder erregt und selbst gereizt, genau wie

wenn ein Kanarienvogel oder ein anderer kleiner Vogel böse wird. »Ja,

was soll sie denn tun? Was denn, was soll sie tun?« fragte sie, sich

ereifernd und erregt. »Und wie, wie lange sie heute geweint hat! Ihr

Verstand ist gestört, haben Sie es nicht gemerkt? Er ist gestört; bald

regt sie sich wie ein Kind darüber auf, ob morgen auch alles anständig

sei, die Speisen und alles da sei ... bald ringt sie die Hände, speit

Blut, weint und schlägt die Stirne gegen die Wand aus lauter

Verzweiflung. Dann wird sie wieder ruhiger, hofft auf Sie, -- sagt, daß

Sie ihr ein Helfer sein werden und daß sie bei irgend jemand Geld leihen

und nach ihrer Heimatsstadt mit mir reisen wird; sie will dort eine

Pension für junge Mädchen aus guter Familie errichten, mich als

Aufseherin anstellen, und ein ganz neues, schönes Leben soll für uns

beginnen; sie küßt mich, umarmt und tröstet mich und glaubt fest an die

Ausführung ihres Planes. Sie glaubt so stark an diese Träume. Kann man

ihr denn da widersprechen? Und sie wusch, säuberte und besserte heute

den ganzen Tag alles aus; hat selbst mit ihren schwachen Kräften eine

Wanne ins Zimmer hereingeschleppt, geriet dabei außer Atem und fiel auf

das Bett hin. Wir sind heute am frühen Morgen mit ihr in den Läden

gewesen, um Poletschka und Lene Stiefel zu kaufen, denn die ihrigen sind

ganz zerrissen, da reichte das Geld nach der Berechnung nicht aus, es

fehlte noch sehr viel. Und sie hat so hübsche Stiefelchen ausgesucht,

denn sie hat Geschmack, Sie glauben nicht ... Sie fing dort selbst in

dem Laden, in Gegenwart der Verkäufer, zu weinen an, da das Geld nicht

ausreichte ... Ach, wie leid es einem tat, sie zu sehen.«

»Dann ist es begreiflich, daß Sie ... so leben,« sagte Raskolnikoff mit

bitterem Lächeln.

»Und tut es Ihnen denn nicht auch leid? Nicht auch weh?« fuhr Ssonja

wieder fort. »Ich weiß doch, Sie haben selbst Ihr letztes abgegeben,

ohne je wieder etwas davon zu sehen. Und wenn Sie erst alles wüßten, oh,

Gott! Und wie oft, wie oft habe ich sie zu Tränen gereizt! In der

vorigen Woche noch! Ach, ich ... Genau eine Woche vor seinem Tode. Ich

habe grausam gehandelt! Und wie oft, wie oft war ich es! Ach, wie es weh

tut, ich wurde heute den ganzen Tag daran erinnert!«

Ssonja rang in schmerzlicher Erinnerung die Hände, während sie sprach.

»Sie wollen grausam sein?«

»Ja, ich, ich bin es! Ich kam damals hin,« fuhr sie weinend fort, »als

der Verstorbene zu mir sagte, >lies mir vor, Ssonja,< sagte er, >mein

Kopf tut mir etwas weh, lies mir vor ... hier ist ein Buch<, er hatte

irgendein Buch von Andrei Ssemenowitsch Lebesjätnikoff erhalten; er

wohnt auch dort und hat immer solche spaßige Bücher. Und ich sagte, >ich

muß gehen<, wollte ihm also nicht vorlesen. Ich war hauptsächlich zu

ihnen gekommen, um Katerina Iwanowna die Kragen zu zeigen, hübsche, neue

und ausgewählte Kragen und Manschetten, die mir Lisaweta, eine

Händlerin, billig besorgt hatte. Und Katerina Iwanowna gefielen sie

sehr, sie legte einen Kragen um, besah sich im Spiegel, und sie gefielen

ihr sehr. >Schenk sie mir, Ssonja,< sagte sie, >bitte schenk sie mir.<

Sie hatte bitte gesagt, und sie wollte sie so gern haben. Wann soll sie

aber die Kragen umlegen? Sie dachte nur an die frühere, glücklichere

Zeit. Sie sah sich im Spiegel, betrachtete sich mit Wohlgefallen und hat

doch keine passenden Kleider, gar keine Sachen dazu, -- wer weiß, wie

viele Jahre schon! Und niemals wird sie etwas von jemand erbitten, --

sie ist stolz und gibt eher das letzte fort, nun aber hatte sie mich

gebeten, -- so hatten ihr die Kragen gefallen! Mir aber tat es leid sie

wegzugeben. >Wozu brauchen Sie sie, Katerina Iwanowna<, sagte ich, so

direkt: wozu? Das hätte ich ihr nicht sagen dürfen. Sie blickte mich

schmerzlich an und wurde sehr traurig, daß ich sie ihr abgeschlagen

hatte, und es war so traurig anzusehen ... Nicht der Kragen wegen,

sondern weil ich es ihr abgeschlagen habe, ich hatte doch ... Ihnen ist

dies doch gleichgültig!«

»Haben Sie diese Händlerin Lisaweta gekannt?«

»Ja ... Sie auch?« fragte Ssonja ihn mit einigem Erstaunen.

»Katerina Iwanowna hat die Schwindsucht im höchsten Grade, sie wird bald

sterben,« sagte Raskolnikoff nach einigem Schweigen, ohne auf ihre Frage

zu antworten.

»Ach nein, nein, nein!« Und Ssonja ergriff unbewußt seine beiden Hände,

als ob es an ihm läge, dies zu verhindern und als könnte sie das von ihm

erflehen.

»Es ist doch besser, wenn sie stirbt!«

»Nein, es ist nicht, es ist gar nicht besser!« wiederholte sie

erschrocken und ohne Überlegung.

»Und was wird aus den Kindern? Sie werden sie sicher zu sich nehmen?«

»Ach, ich weiß es nicht!« rief Ssonja fast in Verzweiflung aus und faßte

sich an den Kopf.

Man merkte, daß dieser Gedanke schon viele Male ihr aufgetaucht war und

daß sie ihn immer wieder abgewiesen hatte.

»Und wenn Sie noch bei Katerina Iwanownas Lebzeiten krank werden und man

Sie ins Krankenhaus schafft, was dann?« drang er erbarmungslos weiter in

sie.

»Ach, wie ist es möglich! Das kann doch nicht sein!« und Ssonjas Gesicht

verzog sich in furchtbarem Schrecken.

»Wieso kann es nicht sein?« fuhr Raskolnikoff mit einem harten Lächeln

fort. »Sie sind doch nicht davor geschützt? Was wird dann mit jenen

geschehen? Sie werden auf die Straße alle zusammen gehen, Katerina

Iwanowna wird husten und betteln und mit der Stirn an die Wand schlagen,

wie heute, und die Kinder werden weinen ... Dann wird sie hinfallen, man

bringt sie zur Wache, nachher ins Krankenhaus, nachher wird sie sterben,

und was wird aus den Kindern ...«

»Ach nein! ... Gott wird es nicht zulassen!« entrang es sich der

zusammengeschnürten Brust Ssonjas.

Sie hörte ihm ängstlich zu, blickte ihn flehend an und faltete in

stummer Bitte die Hände, als hinge alles von ihm ab. Raskolnikoff stand

auf und begann im Zimmer auf- und abzugehen. Es vergingen Minuten.

Ssonja stand mit gesenktem Kopfe und herabhängenden Händen da in

unsäglichem Leid.

»Kann man nicht sparen? Einen Notgroschen sammeln?« fragte er und blieb

vor ihr stehen.

»Nein,« flüsterte Ssonja.

»Versteht sich, nein! Haben Sie es aber auch schon versucht?« fragte er

spöttisch.

»Ich habe es versucht.«

»Und es gelang nicht! Nun, das ist ja selbstverständlich! Was ist da

noch zu fragen!«

Und er wanderte wieder im Zimmer auf und nieder. Es verstrich wieder

eine Weile.

»Sie erhalten nicht jeden Tag Geld?«

Ssonja wurde noch mehr betreten, und wieder stieg ihr das Blut ins

Gesicht.

»Nein,« flüsterte sie mit qualvoller Anstrengung.

»Mit Poletschka wird sicher dasselbe geschehen,« sagte er plötzlich.

»Nein, nein! Das darf nicht sein, unmöglich!« rief sie laut, vollkommen

verzweifelt, als hätte man ihr einen Stich ins Herz gegeben. »Gott, Gott

wird so was Schreckliches nicht zulassen! ...«

»Bei Ihnen läßt er es doch zu.«

»Nein, nein! Gott wird sie schützen! ...« wiederholte sie ganz außer

sich.

»Ja, vielleicht gibt es gar keinen Gott,« antwortete Raskolnikoff mit

einem Anflug von Schadenfreude, lachte und blickte sie an. Ssonjas

Gesicht verzerrte sich krampfhaft. Mit einem unbeschreiblichen Vorwurf

schaute sie ihn an, wollte etwas sagen, konnte aber nichts

herausbringen, bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte dann

bitterlich.

»Sie sagen, Katerina Iwanownas Verstand sei gestört. Ihr eigener ist

auch gestört,« sagte er nach einigem Schweigen.

Es vergingen wieder etwa fünf Minuten, während er schweigend auf und ab

ging, ohne sie anzublicken. Endlich trat er an sie heran; seine Augen

funkelten. Er packte sie mit beiden Händen an den Schultern und sah in

ihr weinendes Gesicht. Seine Augen hatten einen heißen, trockenen,

durchdringenden Blick, und seine Lippen bebten vor Erregung ...

Plötzlich beugte er sich nieder, warf sich auf den Boden und küßte ihren

Fuß. Ssonja fuhr entsetzt vor ihm zurück, wie vor einem Irrsinnigen. Er

sah wirklich ganz wie ein Irrsinniger aus.

»Was ist mit Ihnen, was tun Sie? Vor mir!« murmelte sie erbleichend, und

ihr Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen.

Er stand sofort auf.

»Ich habe mich nicht vor dir verneigt, sondern vor dem ganzen

menschlichen Leiden,« sagte er mit eigentümlichem Ton und ging zum

Fenster hin. »Höre,« setzte er hinzu, als er nach einem Augenblick zu

ihr zurückkam, »ich habe vorhin zu einem bösen Menschen gesagt, daß er

deinen kleinen Finger nicht wert sei ... und daß ich meiner Schwester

heute eine Ehre erwiesen habe, indem ich sie neben dich hingesetzt habe

...«

»Ach, was haben Sie gesagt! Und in ihrer Gegenwart?« rief Ssonja

erschrocken aus. »Neben mir zu sitzen! Eine Ehre! Ja, ich bin doch ...

ehrlos ... Ach, warum haben Sie das gesagt?«

»Nicht wegen deiner Ehrlosigkeit und Sünde habe ich es von dir gesagt,

sondern wegen deines großen Leides. Daß du eine große Sünderin bist, ist

wahr,« fügte er fast entzückt hinzu, »und am meisten bist du dadurch

eine Sünderin, weil du dich _umsonst_ getötet und verkauft hast. Ist das

nicht entsetzlich! Ist es nicht entsetzlich, daß du in diesem Schmutze

lebst, den du so haßt und gleichzeitig es selbst weißt, -- man braucht

dir nur die Augen zu öffnen -- daß du niemandem damit hilfst und

niemanden dadurch rettest! Ja, sage mir doch endlich,« fuhr er fast in

Wut fort, »wie kannst du solche Schande und solche Gemeinheit mit deinen

anderen besten und heiligsten Gefühlen in dir vereinigen? Es wäre doch

gerechter, tausendmal gerechter und vernünftiger, sich mit dem Kopfe

voran ins Wasser zu stürzen und allem ein Ende zu machen!«

»Und was wird mit ihnen allen geschehen?« fragte Ssonja mit schwacher

Stimme, blickte ihn leidend an, zeigte aber über seinen Vorschlag gar

kein Erstaunen. Raskolnikoff blickte sie eigentümlich an.

Er hatte alles in ihrem Blicke gelesen. Auch sie hatte tatsächlich schon

selbst diesen Gedanken gehabt. Vielleicht hatte sie sich in der

Verzweiflung oft und ernstlich überlegt, dem Leben schneller ein Ende zu

machen, so daß sie jetzt gar nicht über seinen Vorschlag erstaunt war.

Sie hatte selbst die Härte seiner Worte nicht empfunden, auch den Sinn

seiner Vorwürfe und seine besondere Ansicht über ihre Schande hatte sie

nicht erfaßt, das konnte er sehen. Er aber begriff vollkommen, wie

grauenhaft und schmerzlich sie schon seit langem der Gedanke an ihre

ehrlose und schmachvolle Lage gequält hatte. Was aber war es, was konnte

es sein, -- dachte er, -- das ihren Entschluß, mit einem Schlage allem

ein Ende zu machen, aufhielt? Jetzt erst verstand er völlig, was für sie

diese armen, kleinen verwaisten Kinder und diese beklagenswerte

halbverrückte Katerina Iwanowna mit ihrer Schwindsucht und mit ihrer

Verzweiflung bedeuteten.

Aber ebenso klar war es ihm, daß Ssonja mit ihrem Charakter und ihrer

Bildung, die sie doch immerhin genossen hatte, in keinem Falle weiter in

dieser Lage aushalten konnte. Und dennoch blieb die Frage offen, -- wie

hatte sie so lange, zu lange schon, in dieser Lage aushalten können,

ohne den Verstand zu verlieren, wenn sie nicht die Kraft besaß, sich ins

Wasser zu stürzen? Gewiß, er begriff, daß Ssonjas Lage eine häufige

Erscheinung in der Gesellschaft war, und unglücklicherweise bei weitem

keine einzelne Ausnahme. Aber dieser Umstand selbst, ihre Bildung und

ihr ganzes vorheriges Leben hätten sie doch sofort beim ersten Schritt

auf diesem widerwärtigen Wege töten müssen. Was hielt sie denn? Doch

nicht die Unzucht? Diese ganze Schande hatte sie offenbar nur mechanisch

berührt; die echte Unzucht war noch mit keinem Tropfen in ihr Herz

gedrungen; er sah es; sie stand völlig rein vor ihm da ...

»Sie hat drei Wege,« dachte er, »entweder sich in den Kanal zu stürzen,

ins Irrenhaus zu kommen oder ... oder sich schließlich wirklich dem

Laster zu ergeben, das den Verstand betäubt und das Herz versteinert«.

Der letzte Gedanke war ihm am widerwärtigsten; aber er war schon zu sehr

Skeptiker, er war jung, abstrakt und somit grausam, darum mußte er auch

glauben, daß der letzte Ausweg, das heißt das Laster, am

allerwahrscheinlichsten sei.

»Aber ist es denn möglich,« rief er innerlich aus, »soll sich auch

dieses Wesen, das sich noch die Reinheit des Herzens bewahrt hat, bewußt

in diesen abscheulichen stinkenden Schlamm hinabziehen lassen? Hat diese

Erniedrigung schon begonnen und konnte sie etwa dieses Leben schon aus

diesem Grunde leben, weil das Laster ihr nicht mehr widerwärtig

erschien? Nein, nein, es kann nicht sein!« rief er bei sich aus, wie

vorhin Ssonja laut gerufen, »nein, vom Wasser hielt sie bis jetzt der

Gedanke an die Sünde zurück und an _jene_ ... Wenn sie aber bis jetzt

den Verstand nicht verloren hat ... aber wer sagt es denn, daß sie den

Verstand noch nicht verloren hat? Ist sie denn bei gesundem Verstande?

Kann man denn so reden, wie sie es tut? Kann man denn bei gesundem

Verstande so urteilen, wie sie es tut? Kann man denn so über dem

Abgrunde, über dem stinkenden Schlamm sitzen und in der Gefahr, jeden

Augenblick hineingezogen zu werden, trotzdem mit den Händen sich gegen

die Mahnungen wehren und sich die Ohren zuhalten? Was, erwartet sie etwa

ein Wunder? Sicher, so ist es. Sind dies nicht Anzeichen von

Geistesstörung?«

Er blieb hartnäckig bei diesem Gedanken stehen. Dieser Ausweg gefiel ihm

sogar besser, als jeder andere. Er begann sie aufmerksamer zu

betrachten.

»Also du betest sehr oft zu Gott, Ssonja?« fragte er sie.

Ssonja schwieg, er stand neben ihr und wartete auf die Antwort.

»Was wäre ich denn ohne Gott?« flüsterte sie schnell und energisch,

indem sie ihn flüchtig mit funkelnden Augen anblickte und seine Hand

stark drückte.

»Ja, es ist so, wie ich gedacht!« sagte er zu sich.

»Und was tut Gott dir dafür?« fragte er sie weiter ausforschend.

Ssonja schwieg lange, als könnte sie nicht antworten. Ihre schwache

Brust hob und senkte sich in heftiger Aufregung.

»Schweigen Sie! Fragen Sie nicht! Sie sind es nicht wert ...« rief sie

plötzlich und sah ihn streng und zornig an.

»Es ist so! Es ist so!« wiederholte er hartnäckig vor sich hin.

»Alles tut er!« flüsterte sie schnell und schlug wieder die Augen

nieder.

»Das ist ihr Ausweg! Das ist die Lösung!« entschied er bei sich und

betrachtete sie mit gesteigertem Interesse.

Mit einem neuen, eigentümlichen, fast krankhaften Gefühle schaute er in

dieses bleiche magere und regelmäßig eckige Gesichtchen, diese sanften

blauen Augen, die mit so einem Feuer, mit so einem strengen energischen

Blick leuchten konnten, diesen kleinen Körper, der vor Empörung und Zorn

noch bebte, und dies alles erschien ihm noch merkwürdiger und

unfaßlicher.

»Sie ist närrisch! Sie hat den religiösen Wahnsinn!« wiederholte er für

sich.

Auf der Kommode lag ein Buch. Jedesmal, wenn er auf und ab ging, hatte

er es bemerkt; jetzt nahm er es und sah es sich an. Es war das Neue

Testament in russischer Übersetzung. Das Buch, in Leder gebunden, war

alt und viel gebraucht.

»Woher hast du es?« rief er. Sie stand immer noch auf derselben Stelle,

drei Schritte vom Tische entfernt.

»Man hat es mir gebracht,« antwortete sie unwillig und ohne ihn

anzublicken.

»Wer hat es dir gebracht?«

»Lisaweta hat es gebracht, ich habe sie darum gebeten.«

»Lisaweta! Wie seltsam!« dachte er.

Alles erschien ihm bei Ssonja mit jeder Minute merkwürdiger,

wunderlicher. Er holte das Buch zum Lichte und begann darin zu blättern.

»Wo steht hier die Geschichte vom armen Lazarus?« fragte er.

Ssonja blickte unverwandt zu Boden und antwortete nicht. Sie stand ein

wenig abgewandt vom Tische.

»Von der Auferstehung des Lazarus, wo ist es? Suche es mir, Ssonja.«

Sie sah ihn mit einem Seitenblick an.

»Nicht dort ... im vierten Evangelium steht es ...« flüsterte sie

streng, ohne sich ihm zu nähern.

»Suche es und lies es mir vor,« sagte er, setzte sich, stützte die

Ellbogen auf den Tisch, den Kopf in die Hand legend, blickte düster zur

Seite und bereitete sich vor zuzuhören.

»Nach drei Wochen ist sie im städtischen Irrenhause! Ich werde

vielleicht selbst auch dort sein, wenn es nicht noch schlimmer enden

wird,« murmelte er vor sich hin.

Ssonja trat unschlüssig an den Tisch, nachdem sie das sonderbare

Verlangen Raskolnikoffs mißtrauisch gehört hatte. Sie nahm das Buch.

»Haben Sie es denn nicht gelesen?« fragte sie und blickte ihn unter der

Stirn hervor an. Ihre Stimme wurde immer ernster und ernster.

»Vor langer Zeit ... Als ich noch zur Schule ging. Lies!«

»Und haben Sie es nicht in der Kirche gehört?«

»Ich ... bin nie in der Kirche gewesen. Gehst du oft hin?«

»N--nein,« flüsterte Ssonja.

Raskolnikoff lächelte.

»Ich verstehe ... Du wirst wohl morgen auch nicht zur Beerdigung des

Vaters hineingehen?«

»Ich werde hingehen. Ich war auch in der vorigen Woche in der Kirche ...

habe eine Totenmesse halten lassen.«

»Für wen?«

»Für Lisaweta. Man hat sie mit einem Beile erschlagen.«

Seine Nerven wurden immer reizbarer. Der Kopf begann ihm zu schwindeln.

»Warst du mit Lisaweta befreundet?«

»Ja ... Sie war gerecht ... sie kam ... selten ... sie konnte nicht. Wir

lasen zusammen und ... sprachen. Sie wird Gott schauen!«

Eigentümlich klangen für ihn diese Worte aus der Bibel und wieder erfuhr

er eine Neuigkeit, -- sie hatte mit Lisaweta geheimnisvolle

Zusammenkünfte gehabt und beide waren religiös wahnsinnig.

»Man kann hier selbst geisteskrank werden! Es steckt an!« dachte er.

»Lies!« rief er plötzlich hartnäckig und gereizt.

Ssonja war noch immer unentschlossen. Ihr Herz klopfte. Sie wagte nicht

ihm vorzulesen. Er sah mit Qual die »unglückliche Geisteskranke« an.

»Wozu denn? Sie glauben doch nicht daran? ...« flüsterte sie leise und

mit stockendem Atem.

»Lies! Ich will es haben!« bestand er. »Du hast doch auch Lisaweta

vorgelesen.«

Ssonja schlug das Buch auf und suchte die Stelle. Ihre Hände zitterten,

die Stimme versagte. Zweimal begann sie und konnte über das erste Wort

nicht hinwegkommen.

»Es lag aber einer krank mit Namen Lazarus, von Bethanien ...« sagte sie

endlich mit Anstrengung, aber bei dem dritten Worte zitterte plötzlich

ihre Stimme und brach ab, wie eine zu straff gespannte Saite. Der Atem

versagte ihr und die Brust schnürte sich zusammen.

Raskolnikoff begriff zum Teil, warum Ssonja sich nicht entschließen

konnte, ihm vorzulesen, und je mehr er es begriff, um so entschiedener

und gereizter bestand er darauf. Er verstand zu gut, wie schwer es ihr

jetzt fiel, alles _eigene_ preiszugeben und zu enthüllen. Er hatte

begriffen, daß diese Gefühle tatsächlich ihr wahres und vielleicht seit

langer Zeit gehegtes _Geheimnis_ bildeten, vielleicht schon seit der

Jugendzeit, schon in der Familie, neben dem unglücklichen Vater und der

vor Kummer wahnsinnig gewordenen Stiefmutter, mitten unter den hungrigen

Kindern, ihrem häßlichen Geschrei und den fortwährenden Vorwürfen. Aber

gleichzeitig erkannte er, und zwar mit Sicherheit, daß sie trotz ihres

Grams und ihrer Furcht, in dem sie jetzt vorzulesen begann, doch gern,

sehr gern es tat und zwar vor ihm, damit er es höre und unbedingt

_jetzt_ -- mochte kommen, was da wolle! ... Er hatte das in ihren Augen

gelesen und es aus ihrer verzückten Erregung entnommen! ... Sie überwand

sich, unterdrückte den Krampf im Halse, der ihr die Stimme am Anfange

benommen hatte, und fuhr fort, aus dem elften Kapitel des Evangeliums

St. Johannis vorzulesen. So kam sie bis zum 19. Vers: »Und viele Juden

waren zu Martha und Maria gekommen, sie zu trösten über ihren Bruder.

Als Martha nun hörete, daß Jesus kommt, gehet sie ihm entgegen; Maria

aber blieb daheim sitzen. Da sprach Martha zu Jesu: Herr, wärest du

hiergewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben; aber ich weiß auch noch,

daß, was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben.«

Hier blieb sie wieder stehn, in schamhafter Vorahnung, daß ihre Stimme

zittern und versagen würde ... »Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder soll

auferstehen. Martha spricht zu ihm: Ich weiß wohl, daß er auferstehen

wird in der Auferstehung am jüngsten Tage. Jesus spricht zu ihr: Ich bin

die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob

er gleich stürbe. Und wer da lebet und glaubet an mich, der wird

nimmermehr sterben. Glaubst du das? Sie spricht zu ihm: (und wie mit

Schmerz atemholend, las Ssonja deutlich und voller Kraft, als lege sie

selbst öffentlich ein Glaubensbekenntnis ab):

>Herr, ja, ich glaube, daß du bist Christus, der Sohn Gottes, der in die

Welt gekommen ist.<«

Sie hielt einen Moment inne, erhob schnell zu _ihm_ die Augen, überwand

sich aber rasch und las weiter. Raskolnikoff saß und hörte unbeweglich

zu, ohne sich umzuwenden, den Ellbogen auf den Tisch gestützt und zur

Seite blickend. Sie las bis zum 32. Vers:

»Als nun Maria kam, da Jesus war, und sahe ihn, fiel sie zu seinen Füßen

und sprach zu ihm: Herr, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht

gestorben. Als Jesus sie sahe weinen und die Juden auch weinen, die mit

ihr kamen, ergrimmte er im Geist und betrübte sich selbst. Und sprach:

Wo habt ihr ihn hingelegt? Sie sprachen zu ihm: Herr, komm und siehe es.

Und Jesu gingen die Augen über. Da sprachen die Juden: Siehe, wie hat er

ihn so lieb gehabt! Etliche aber unter ihnen sprachen: Konnte, der dem

Blinden die Augen aufgetan hat, nicht verschaffen, daß auch dieser nicht

stürbe?«

Raskolnikoff wandte sich zu ihr um und sah sie mit Erregung an, -- ja,

es ist so! Sie zitterte am ganzen Körper in wahrem, wirklichem Fieber.

Er hatte es erwartet. Sie näherte sich den Worten über das größte und

unerhörte Wunder, und das Gefühl eines großen Triumphes erfaßte sie.

Ihre Stimme wurde klingend wie Metall; Triumph und Freude klangen darin

und stärkten sie. Die Zeilen verwischten sich, weil es vor ihren Augen

dunkel wurde, aber sie kannte auswendig, was sie las. Bei dem letzten

Vers: »Konnte, der dem Blinden die Augen aufgetan hat ...« ließ sie die

Stimme sinken und gab heiß und leidenschaftlich den Zweifel, den Vorwurf

und Tadel der ungläubigen, blinden Juden wieder, die gleich darauf, nach

einer Minute, wie vom Donner getroffen, niederfallen, schluchzen und

glauben werden ... »Auch er, er -- ebenfalls verblendet und ungläubig,

wird es gleich hören, auch er wird glauben, ja, ja, gleich, jetzt

gleich,« durchzuckte es sie und sie bebte in freudiger Erwartung.

»Jesus aber ergrimmete abermals in ihm selbst und kam zum Grabe. Es war

aber eine Kluft und ein Stein daraufgelegt. Jesus sprach: Hebet den

Stein ab. Spricht zu ihm Martha, die Schwester des Verstorbenen: Herr,

er stinket schon; denn er ist vier Tage gelegen.«

Sie betonte energisch das Wort -- _vier_.

»Jesus spricht zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt, so du glauben würdest,

du solltest die Herrlichkeit Gottes sehen? Da hoben sie den Stein ab, da

der Verstorbene lag. Jesus aber hob seine Augen empor und sprach: Vater,

ich danke dir, daß du mich erhöret hast; doch ich weiß, daß du mich

allezeit erhörest; sondern um des Volkes Willen, das umher stehet, sage

ich es, daß sie glauben, du habest mich gesandt. Da er das gesagt hatte,

rief er mit lauter Stimme: Lazare, komme heraus! _Und der Verstorbene

kam heraus_ ...« (Laut und verzückt las sie es, zitternd und fröstelnd,

als sähe sie es mit eigenen Augen.)

»Gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen und sein Angesicht

verhüllet mit einem Schweißtuch. Jesus spricht zu ihnen: Löset ihn auf

und laßt ihn gehen.«

»_Viele nun der Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus

tat, glaubten an ihn._«

Weiter las sie nicht und konnte auch nicht lesen, sie schloß das Buch

und stand schnell vom Stuhle auf. »Das ist alles über die Auferstehung

des Lazarus,« flüsterte sie abgerissen und streng und blieb unbeweglich,

zur Seite gekehrt, stehen, ohne zu wagen und als schäme sie sich, die

Augen zu ihm zu erheben. Ihr fieberhaftes Frösteln dauerte noch an. Der

Lichtstumpf begann in dem schiefen Leuchter auszugehen und beleuchtete

trübe in diesem armseligen Zimmer den Mörder und die Dirne, die so

sonderbar beim Lesen des ewigen Buches zusammengekommen waren. Es

vergingen fünf Minuten oder noch mehr.

»Ich bin gekommen, um über eine Angelegenheit mit dir zu sprechen,«

sagte Raskolnikoff plötzlich laut und mit düsterem Gesichte, stand auf

und trat an Ssonja heran. Sie erhob schweigend die Augen zu ihm. Sein

Blick war besonders streng und drückte eine wilde Entschlossenheit aus.

»Ich habe heute meine Verwandten verlassen,« sagte er, »meine Mutter und

Schwester. Ich werde nicht mehr zu ihnen gehen. Ich habe mit allem dort

gebrochen.«

»Warum?« fragte ihn Ssonja bestürzt. Ihre Begegnung mit seiner Mutter

und Schwester hatte in ihr einen ungewöhnlichen, wenn auch ihr selbst

nicht klaren Eindruck hinterlassen. Die Mitteilung von seinem Bruche mit

ihnen hörte sie fast mit Entsetzen.

»Ich habe jetzt dich allein,« fügte er hinzu. »Gehen wir zusammen ...

Ich bin zu dir gekommen. Wir sind beide verflucht und so wollen wir auch

beide zusammengehen!«

Seine Augen leuchteten. »Wie ein Wahnsinniger!« dachte Ssonja.

»Wohin sollen wir gehen?« fragte sie voll Angst und trat unwillkürlich

einen Schritt zurück.

»Woher soll ich es wissen? Ich weiß nur eins, daß wir einen und

denselben Weg haben, das weiß ich sicher, -- und weiter nichts. Ein und

dasselbe Ziel.«

Sie blickte ihn an und verstand nichts. Sie begriff nur eins, daß er

furchtbar, grenzenlos unglücklich sei.

»Niemand von ihnen wird etwas verstehn, wenn du zu ihnen sprechen

wirst,« fuhr er fort, »ich aber habe dich verstanden. Ich brauche dich,

darum bin ich auch zu dir gekommen.«

»Ich begreife nicht ...« flüsterte Ssonja.

»Du wirst später begreifen. Hast du denn nicht ebenso gehandelt. Auch du

bist hinüber geschritten ... du hast es vermocht. Du hast Hand an dich

gelegt, du hast ein Leben zugrunde gerichtet ... _dein Leben_, das ist

einerlei! Du hättest im Geist und in der Vernunft leben können und wirst

auf dem Heumarkte enden ... Auch du kannst es nicht aushalten, und wenn

du _allein_ bleibst, wirst du den Verstand verlieren, wie ich auch. Du

bist schon jetzt wie geistesgestört; also müssen wir zusammengehen, ein

und denselben Weg! Gehen wir ihn also!«

»Warum? Warum sagen Sie das?« sagte Ssonja eigentümlich berührt und tief

erregt durch seine Worte.

»Warum? Weil es so nicht bleiben darf -- das ist der Grund! Man muß doch

endlich ernst und offen es bedenken, und nicht wie ein Kind weinen und

ausrufen, daß Gott es nicht zulassen wird! Nun, was wird geschehen, wenn

man dich morgen tatsächlich ins Krankenhaus schleppt? Die da ist nicht

bei Verstand und hat Schwindsucht, wird bald sterben und was soll aus

den Kindern werden? Wird denn Poletschka nicht auch zugrunde gehen? Hast

du denn nicht hier Kinder an allen Ecken gesehen, die ihre Mütter

betteln schicken? Ich habe mich erkundigt, wo diese Mütter leben und in

welcher Umgebung. Dort können die Kinder nicht Kinder bleiben. Dort ist

ein siebenjähriger lasterhaft und ein Dieb. Und die Kinder sind doch

Ebenbilder Christi. >Ihrer ist das Himmelreich.< Er hat geboten, sie zu

achten und zu lieben, sie sind das künftige Menschengeschlecht ...«

»Was soll, was soll ich denn tun?« wiederholte Ssonja nervös weinend und

händeringend.

»Was tun? Ein für allemal das, was nötig ist, abbrechen und weiter

nichts, -- und das Leiden auf sich nehmen! Was? Du verstehst es nicht?

Du wirst es nachher verstehen ... Freiheit und Macht, hauptsächlich

Macht! Über alle zitternde Kreaturen und über den ganzen Ameisenhaufen!

... Das ist das Ziel! Denk daran! Das ist mein Geleitwort dir auf den

Weg! Vielleicht spreche ich mit dir zum letzten Male. Wenn ich morgen

nicht zu dir komme, wirst du selbst von allem hören, und dann erinnere

dich meiner jetzigen Worte. Und irgendwann, nachher, nach Jahren, mit

der Zeit, wirst du auch vielleicht verstehn, was sie bedeuteten. Wenn

ich aber morgen zu dir komme, will ich dir sagen, wer Lisaweta ermordet

hat. Leb wohl!«

Ssonja fuhr vor Schreck zusammen.

»Ja, wissen Sie denn, wer sie ermordet hat?« fragte sie und erstarrte

vor Entsetzen und blickte ihn wild an.

»Ich weiß es und will es sagen ... Dir, nur dir allein! Ich habe dich

gewählt. Ich werde nicht kommen zu dir, um Verzeihung zu bitten, ich

will es bloß sagen. Ich habe dich seit langem gewählt, um es dir zu

sagen, damals noch, als dein Vater über dich erzählte, und ich dachte

daran, als Lisaweta noch lebte. Leb wohl. Gib mir nicht die Hand.

Morgen!«

Er ging hinaus. Ssonja sah ihm wie einem Geistesgestörten nach; aber

auch sie selbst war wie verrückt und fühlte es. Der Kopf schwindelte

ihr.

»Mein Gott, wie weiß er es, wer Lisaweta ermordet hat? Was bedeuteten

diese Worte? Es ist furchtbar!«

Aber _ein_ Gedanke kam ihr nicht in den Sinn. Durchaus nicht! ...

»Oh, er muß furchtbar unglücklich sein! ... Er hat Mutter und Schwester

verlassen. Warum? Was ist vorgefallen? Und was für Absichten hat er? Was

hat er zu ihr gesagt? Er hat ihren Fuß geküßt und gesagt ... gesagt ...

ja, er hat es deutlich gesagt, daß er ohne sie nicht mehr leben kann ...

Oh, Gott!«

Ssonja verbrachte in Fieber und Träumen die ganze Nacht. Sie sprang

zuweilen auf, weinte, rang die Hände und bald verfiel sie wieder in

Fieberträume und sie träumte von Poletschka, Katerina Iwanowna,

Lisaweta, von Vorlesen aus dem Evangelium und von ihm ... ihm mit dem

bleichen Gesicht, mit den funkelnden Augen ... Er küßt ihr die Füße,

weinte ... Oh, Gott!

Hinter der Türe rechts, hinter derselben Türe, die das Zimmer Ssonjas

von der Wohnung von Gertrude Karlowna Rößlich abteilte, war ein

Durchgangszimmer, seit langem unbewohnt, das zu der Wohnung der Frau

Rößlich gehörte und das zu vermieten war, worauf die Zettel an dem Tore

und an den Scheiben der Fenster, die zum Kanal hinausgingen, hinwiesen.

Ssonja war seit langem gewöhnt, dieses Zimmer als unbewohnt zu

betrachten. Indessen aber hatte in dem leeren Zimmer die ganze Zeit an

der Türe Herr Sswidrigailoff gestanden und heimlich gelauscht. Als

Raskolnikoff fortgegangen war, blieb er stehn, dachte nach, ging auf den

Fußspitzen in sein Zimmer, das an das leere grenzte, holte dort einen

Stuhl und stellte ihn leise an die Türe, die zu Ssonjas Zimmer führte.

Das Gespräch erschien ihm amüsant und bedeutungsvoll und hatte ihm sehr

gefallen, -- hatte ihm so gefallen, daß er einen Stuhl hinbrachte, um

künftig, zum Beispiel morgen schon, nicht wieder der Unannehmlichkeit

ausgesetzt zu sein, eine ganze Stunde stehen zu müssen, sondern sich's

bequemer zu machen, um in jeder Beziehung völlig befriedigt zu werden.

Sämtliche Werke 1-2 · 第 41 / 66 题