Ein Zweifel packte ihn. Die Türe zu dieser Wohnung war sperrweit
geöffnet, es waren Menschen drin, man hörte Stimmen. Dies hatte er
keineswegs erwartet. -- Nachdem er eine Weile unschlüssig dagestanden
hatte, stieg er die letzten Stufen hinauf und trat in die Wohnung ein.
Sie wurde auch neu hergerichtet; es waren Arbeiter da, dies schien ihn
zu verwundern. Er glaubte aus irgendeinem Grunde alles ebenso
anzutreffen, wie er es damals verlassen hatte, vielleicht sogar die
Leichen an denselben Stellen auf der Diele. Jetzt aber fand er kahle
Wände, keine Möbel, -- es war so eigentümlich! Er ging zum Fenster und
setzte sich auf das Fensterbrett.
Es waren nur zwei Arbeiter da, beide junge Burschen, der eine schien
bedeutend jünger zu sein als der andere. Sie beklebten die Wände mit
neuen Tapeten, weiß mit lila Blümchen, an Stelle der früheren gelben,
die zerrissen und schmutzig waren. Raskolnikoff gefiel dies ganz und gar
nicht; er blickte diese neuen Tapeten feindselig an, als täte es ihm
leid, daß man alles so verändert habe.
Die Arbeiter schienen sich verspätet zu haben. Sie rollten schnell das
Papier zusammen und schickten sich an, nach Hause zu gehen.
Raskolnikoffs Erscheinen hatten sie fast nicht beachtet. Sie
unterhielten sich und Raskolnikoff kreuzte die Arme und begann
zuzuhören.
»Sie kam also am Morgen zu mir,« sagte der ältere, »ganz früh schon,
schön geputzt. Warum hast du dich denn so fein gemacht -- sagte ich --
warum hast du dich denn so geputzt?« »Ich will -- sagt sie -- nun völlig
zu Ihren Diensten stehn.« »Siehst du, so war es. Und wie fein geputzt
sie war, -- wie aus einem Journal, wie aus einem Mode-Journal!«
»Was ist ein Journal, Onkelchen?« fragte der jüngere. Er schien offenbar
bei dem »Onkelchen« in die Schule zu gehen.
»Ein Journal ist, ja weißt du, solche bemalte Bilder, und sie kommen
jeden Sonnabend per Post aus dem Auslande hierher, zu den hiesigen
Schneidern, damit man weiß, wie sich jeder -- ein Mann oder eine Frau,
-- kleiden soll. So eine Zeichnung also. Die Männer werden meistens in
langen Röcken gemalt und für die Frauen gibt es feine Sachen, daß man
Mund und Augen aufsperren muß.«
»Was man nicht alles in diesem Petersburg hat!« rief der jüngere
begeistert aus. »Außer Vater und Mutter kann man doch alles haben.«
»Ja, außer diesen gibt es hier alles,« sagte in belehrendem Tone der
Ältere.
Raskolnikoff stand auf und ging in das andere Zimmer, wo früher die
Truhe, das Bett und die Kommode der Alten gestanden hatten; das Zimmer
erschien ihm ohne Möbel furchtbar klein. Die Tapeten waren dieselben; in
der Ecke konnte man deutlich an der Tapete sehen, wo der Heiligenschrank
mit den Heiligenbildern gestanden hatte. Er blickte sich um und kehrte
zu seinem früheren Platz am Fenster zurück. Der ältere Arbeiter blickte
ihn von der Seite an.
»Was wünschen Sie?« fragte er, sich plötzlich an ihn wendend.
Anstatt zu antworten, stand Raskolnikoff auf, ging in das Vorzimmer,
ergriff die Klingel und zog daran. Dieselbe Klingel, derselbe blecherne
Ton! Er zog zum zweiten und zum dritten Male; er lauschte und entsann
sich. Das frühere, qualvoll schreckliche, abscheuliche Gefühl begann
immer deutlicher und lebendiger in seiner Erinnerung aufzuwachen, er
zuckte bei jedem Tone zusammen, ihm wurde dabei immer wohler und wohler.
»Was willst du denn? Wer bist du?« rief der Arbeiter, indem er zu ihm
hinausging. Raskolnikoff war wieder durch die Türe eingetreten.
»Ich will die Wohnung mieten,« sagte er, »und sehe sie mir an.«
»In der Nacht mietet man keine Wohnung, und außerdem müssen Sie mit dem
Hausknecht kommen.«
»Ist die Diele gewaschen, wird man sie streichen?« fuhr Raskolnikoff
fort. »Blut ist nicht da?«
»Was für Blut?«
»Man hat doch die Alte und ihre Schwester ermordet. Hier war eine ganze
Pfütze.«
»Ja, was bist du für ein Mensch?« rief der Arbeiter unruhig.
»Ich?«
»Ja.«
»Möchtest du es wissen? ... Komm in das Polizeibureau, dort will ich es
dir sagen.«
Die Arbeiter sahen ihn starr an.
»Wir müssen fortgehen, haben uns verspätet. Komm, Aljoschka. Wir müssen
nun abschließen,« sagte der ältere Arbeiter.
»So wollen wir gehen!« antwortete Raskolnikoff gleichgültig, ging zuerst
hinaus und stieg langsam die Treppe hinab. »He, Hausknecht!« rief er,
als er im Tore war. Einige Menschen standen am Eingange von der Straße
und sahen sich die Vorübergehenden an; es waren die beiden Hausknechte,
ein Weib, ein Kleinbürger im Schlafrocke und noch jemand. Raskolnikoff
ging auf sie zu.
»Was wünschen Sie?« sagte der eine Hausknecht.
»Bist du im Polizeibureau gewesen?«
»Ich war soeben dort. Was wünschen Sie?«
»Sind die Beamten dort?«
»Ja, sie sind da.«
»Ist auch der Gehilfe des Aufsehers da?«
»Er war da. Was wünschen Sie?«
Raskolnikoff antwortete nicht und blieb neben ihm, in Nachdenken
versunken, stehen.
»Er kam sich die Wohnung anzusehen,« sagte der herantretende ältere
Arbeiter.
»Welche Wohnung?«
»Wo wir arbeiten. >Warum ist das Blut abgewaschen<, fragte er. >Hier ist
doch ein Mord geschehen und ich möchte nun die Wohnung mieten.< Und an
der Klingel hat er gerissen, beinahe hätte er sie abgerissen. Wir
wollen, sagt er, auf das Polizeibureau gehen, dort will ich alles
erklären. Wir konnten gar nicht von ihm loskommen.«
Der Hausknecht betrachtete mißtrauisch und finster Raskolnikoff.
»Wer sind Sie eigentlich?« rief er barsch.
»Ich heiße Rodion Romanytsch Raskolnikoff, bin ehemaliger Student, und
wohne im Hause Schill, hier in der Seitengasse, nicht weit von hier, in
Wohnung Nr. 14. Frage den Hausknecht ... er kennt mich.«
Raskolnikoff sagte dies träge und nachdenklich, ohne sich umzuwenden,
und blickte dabei stier auf die dunkel gewordene Straße.
»Ja, warum sind Sie in die Wohnung gegangen?«
»Um sie zu sehen.«
»Was ist dort zu sehen?«
»Nehmt ihn doch und bringt ihn auf das Polizeibureau!« warf der
Kleinbürger ein und verstummte wieder.
Raskolnikoff blickte ihn über die Schulter aufmerksam an und sagte
ebenso leise und träge:
»Wollen wir hingehen.«
»Bringt ihn doch hin!« wiederholte der Kleinbürger, der wieder Mut
gefaßt hatte. »Warum hat er _danach_ gefragt, was hat er im Sinn?«
»Betrunken scheint er nicht zu sein, weiß Gott, was er ist,« murmelte
der Arbeiter.
»Ja, was wollen Sie denn?« rief von neuem der Hausknecht, der ernstlich
böse wurde. »Was suchst du hier?«
»Dir ist Angst, mit aufs Polizeibureau zu gehen!« sagte Raskolnikoff
höhnisch.
»Mir Angst? Was suchst du hier?«
»Spitzbube!« rief das Weib.
»Was _ist_ da viel zu reden,« rief der andere Hausknecht, ein sehr
großer Bauer, in einem offenen langen Mantel und mit Schlüsseln am
Gürtel. »Pack dich! ... Ist wahrhaftig ein Spitzbube ... Pack dich!«
Und er nahm Raskolnikoff an der Schulter und stieß ihn auf die Straße.
Dieser wäre beinahe gefallen, fing sich jedoch noch, reckte sich, sah
schweigend alle Zuschauer an und ging weiter.
»Närrischer Mensch,« sagte der Arbeiter.
»Närrische Leute gibt es heutzutage viele,« meinte das Weib.
»Besser wäre es doch, ihn aufs Polizeibureau zu bringen,« fügte der
Kleinbürger hinzu.
»Es lohnt sich nicht, mit so einem anzubinden,« sagte der große
Hausknecht. »Man sieht doch, daß er ein Spitzbube ist! Er will es ja
selbst, und wenn man ihm den Willen tut, wird man ihn nicht los ... Wir
kennen das.«
»Also soll ich hingehen oder nicht?« dachte Raskolnikoff, indem er
mitten auf der Straße an einer Kreuzung stehen blieb und sich umsah, als
erwarte er von jemand das entscheidende Wort. Aber von keiner Seite kam
es; alles war still und tot, wie die Steine, über die er ging, für ihn
war alles tot, für ihn allein ... Da, zweihundert Schritt vor ihm,
unterschied er am Ende der Straße in der Dunkelheit eine Menschenmenge,
hörte Stimmen, Geschrei ... Mitten im Gewühl stand eine Equipage ... Ein
Licht schimmerte in der Straße. »Was ist da geschehen?« Raskolnikoff
wandte sich nach rechts und ging auf die Menge zu. Er schien sich an
alles anzuklammern, und lächelte kalt, als er es inne ward, denn er war
schon fest entschlossen, auf das Polizeibureau zu gehen und glaubte
sicher, daß alles sogleich ein Ende haben würde.