VI.

Kaum aber war sie hinausgegangen, als er aufstand, die Tür zuhakte, das

Bündel mit Kleidern, das Rasumichin vorhin gebracht und wieder

zugebunden hatte, aufmachte und sich anzukleiden begann. Merkwürdig,

plötzlich schien er völlig ruhig geworden zu sein, weder das

halbwahnsinnige Phantasieren, wie vorhin, noch die panische Angst, wie

in der ganzen letzten Zeit, waren vorhanden. Es war der erste Augenblick

einer seltsamen Ruhe. Seine Bewegungen waren bestimmt und klar, eine

feste Absicht lag in ihnen. »Heute noch, heute noch! ...« murmelte er

vor sich hin. Er begriff jedoch, daß er noch schwach sei, aber eine

starke, seelische Spannung, die sich bis zur Ruhe, bis zu einer

unerschütterlichen Idee gesteigert hatte, verlieh ihm Kraft und

Selbstbewußtsein; er hoffte auch, daß er auf der Straße nicht hinstürzen

würde. Nachdem er sich neu angezogen hatte, erblickte er das Geld, das

auf dem Tische lag, dachte nach und steckte es in die Tasche. Es waren

fünfundzwanzig Rubel. Er nahm auch das Kupfergeld, den Rest von den zehn

Rubeln, die Rasumichin für die Kleidung ausgegeben hatte. Dann hob er

leise den Haken ab, ging aus dem Zimmer, stieg die Treppe hinab und warf

einen Blick in die weit geöffnete Küche! Nastasja stand mit dem Rücken

gegen ihn und blies gebückt in den Samowar. Sie hatte nichts gehört. Wer

konnte auch voraussetzen, daß er fortgehen würde? Nach einer Minute war

er schon auf der Straße.

Es war gegen acht Uhr, die Sonne ging unter. Es herrschte die frühere

Schwüle, aber er atmete gierig diese stinkende, staubige, durch die

Stadt verpestete Luft ein. Der Kopf begann ihm ein wenig zu schwindeln;

eine wilde Energie blitzte in seinen entzündeten Augen und in seinem

abgemagerten, bleichen, gelben Gesichte auf. Er wußte nicht und dachte

auch nicht nach, wohin er wollte; er wußte bloß eins, »daß man _alles_

heute noch, mit einem Schlage, sofort beenden müsse, daß er anders nicht

nach Hause zurückkehren würde, weil er nicht so weiterleben wolle. Wie

enden? Wodurch? Davon hatte er keinen Begriff und wollte auch daran

nicht denken. Er verscheuchte den Gedanken, der ihn quälte. Bloß eins

fühlte und wußte er, daß alles sich ändern müsse, so oder so; einerlei

wie,« wiederholte er mit einer verzweifelten, starren Entschlossenheit

und Festigkeit.

Nach seiner Gewohnheit ging er wieder dem Heumarkt zu. Kurz vor dem

Heumarkte stand auf der Straße vor einem kleinen Laden ein junger

schwarzhaariger Mann mit einem Leierkasten und spielte ein rührseliges

Stück. Er begleitete ein fünfzehnjähriges Mädchen, das vor ihm auf dem

Fußsteig stand und wie eine Dame mit Krinoline, Mantille, Handschuhen

und einem Strohhut mit einer Feder von flammendem Rot bekleidet war;

alles war alt und abgetragen. Sie sang in Erwartung einer

Zweikopekenmünze eine Romanze mit zitternder, aber nicht unangenehmer

und kräftiger Straßenstimme. Raskolnikoff blieb neben ein paar anderen

Zuhörern stehen, hörte zu, nahm ein Fünfkopekenstück und legte es in die

Hand des jungen Mädchens. Sie brach bei der höchsten und rührseligsten

Note ab, rief dem Leiermann scharf »Schluß!« zu, und beide wanderten

weiter zu dem nächsten Laden.

»Haben Sie Straßengesang gern?« wandte sich plötzlich Raskolnikoff an

einen nicht mehr jungen Mann, der neben ihm stand und das Aussehen eines

Bummlers hatte. Dieser blickte ihn erschrocken und verwundert an.

»Ich habe es gern,« fuhr Raskolnikoff fort, und mit einem Ausdrucke, als

rede er gar nicht über Straßengesang. »Ich liebe es, wenn nach einer

Leierkastenmelodie gesungen wird an einem kalten, dunklen und feuchten

Herbstabend, unbedingt an einem feuchten, wenn alle Vorübergehenden

blaßgrüne und kranke Gesichter haben, oder noch besser, wenn ein nasser

Schnee kerzengerade, ohne Wind, niederfällt, wissen Sie, und die

Gasflammen hindurchschimmern ...«

»Ich weiß nicht ... Entschuldigen Sie ...« murmelte der Herr, betroffen

über die Worte und das sonderbare Aussehen Raskolnikoffs, und ging auf

die andere Seite der Straße hinüber.

Raskolnikoff schritt weiter und kam zu der Ecke auf dem Heumarkte, wo

der Kleinbürger und seine Frau, die sich damals mit Lisaweta

unterhielten, ihren Handel trieben, aber sie waren jetzt nicht da. Als

er die Stelle erkannt hatte, blieb er stehen, sah sich um und wandte

sich an einen jungen Burschen im roten Hemde, der am Eingange eines

Mehlladens gähnte.

»Hier an der Ecke handelt doch ein Kleinbürger und seine Frau, nicht

wahr?«

»Es handeln hier viele Leute,« antwortete der Bursche und blickte

Raskolnikoff von oben herab an.

»Wie heißt er?«

»Wie man ihn getauft hat, so heißt er auch.«

»Bist du nicht aus dem Rjasanschen Gouvernement? Aus welcher Gegend bist

du denn?«

Der Bursche sah Raskolnikoff wieder an.

»Wie soll ich es denn wissen, Eure Durchlaucht, bin zu dumm, um es zu

wissen ... Entschuldigen Sie gütigst, Durchlaucht.«

»Ist dort oben eine Schenke?«

»Das ist ein Restaurant, hat auch ein Billard und schöne Damen findet

man dort auch ... Tra-la-la.«

Raskolnikoff ging quer über den Platz. Dort auf der anderen Ecke stand

eine dichte Volksmenge, lauter Bauern. Er zwängte sich durch den

dicksten Knäuel und sah die Gesichter an. Aus irgendeinem Grunde zog es

ihn an alle anzureden. Aber die Bauern schenkten ihm keine Beachtung und

lamentierten alle unter sich. Er blieb stehen, dachte nach und ging nach

rechts, auf den Fußsteg, in der Richtung zu dem W.-schen Prospekt. Als

er den Platz verlassen hatte, geriet er in die N.-Gasse.

Er war auch früher oft durch diese sehr kurze Gasse gegangen, die eine

Biegung macht und von dem Platze auf die Ssadowaja führte. In der

letzten Zeit zog es ihn sogar an, wenn es ihm schwer zumute war, in

dieser Gegend herumzuirren, damit »es ihm noch schwerer werden sollte«.

Jetzt aber war er hierhergekommen, ohne etwas zu wollen. Hier gab es ein

großes Haus, das ganz mit Schenken und anderen Speise- und

Trinkanstalten angefüllt war; alle Augenblicke kamen von dort

Frauenzimmer herausgelaufen, gekleidet, wie man »in der Nachbarschaft«

herumzugehen pflegt -- ohne Kopfbekleidung und Überrock. Sie sammeln

sich auf dem Fußsteig an, ein paar stehen in Gruppen, besonders bei den

Eingängen in das Erdgeschoß, wo man zwei Stufen tiefer in allerhand sehr

lustige Lokale gelangen konnte. In einem von diesen Etablissements

herrschte in diesem Augenblicke starker Lärm und Geschrei, so daß man es

in der ganzen Straße hören konnte, auf einer Guitarre wurde geklimpert,

es wurde gesungen, es ging sehr bunt zu. Eine große Gruppe von Frauen

drängte sich am Eingange; einige saßen auf den Stufen, andere auf dem

Fußsteig, andere wieder standen und unterhielten sich. Auf dem Fahrdamme

daneben schlenderte ein betrunkener Soldat mit einer Zigarette,

schimpfte laut und wie es schien, wollte er irgendwo hineingehen, aber

wahrscheinlich hatte er vergessen, wohin er wollte. Ein zerlumpter Kerl

schimpfte einen anderen und ein total Betrunkener lag quer über der

Straße. Raskolnikoff blieb bei der großen Gruppe von Weibern stehen. Sie

sprachen mit heiseren Stimmen, alle hatten sie Kattunkleider an und

billige Stiefel und waren barhaupt. Einige waren über vierzig Jahre alt,

es waren aber auch siebzehnjährige dabei, fast alle hatten sie zerbläute

Gesichter. -- Aus irgendeinem Grunde interessierte ihn der Gesang und

dieser ganze Lärm und Tumult dort unten ... Man konnte hören, wie unter

Lachen und Kreischen jemand mit einer hohen Fistelstimme burschikos zu

einer Guitarre sang und wie ein anderer toll dazu tanzte und mit den

Absätzen den Takt schlug. Er hörte aufmerksam, düster und nachdenklich

zu, indem er, am Eingange stehend und sich vorbeugend, neugierig in das

Vorzimmer hineinblickte.

Oh, mein schöner Schutzmann

Schlägt mich so ohne Grund! ...

ertönte die dünne Stimme des Sängers. Raskolnikoff hatte schreckliche

Lust zu hören, was man sang, als wäre das jetzt die Hauptsache.

»Soll ich nicht hineingehen?« dachte er. »Sie lachen laut! Aus

Betrunkenheit. Warum soll ich mich nicht auch betrinken?«

»Kommen Sie doch herein, lieber Herr!« sagte eine der Frauen mit

ziemlich heller und nicht ganz heiserer Stimme. Sie war jung und gar

nicht abstoßend -- die einzige von der ganzen Gruppe.

»Sieh mal, wie hübsch du bist!« antwortete er, den Kopf erhebend und

blickte sie an.

Sie lächelte; das Kompliment hatte ihr sehr gefallen.

»Sie sind auch selbst sehr hübsch,« sagte sie.

»Wie mager Sie sind!« bemerkte eine andere mit einer Baßstimme. »Kommen

wohl eben aus dem Krankenhause?«

»Ihr seid alle aus feiner Familie, aber die Nasen sind zu platt!«

unterbrach sie plötzlich ein herantretender Bauer, ein wenig

angeheitert, mit einem listig lächelnden Gesichte. -- »Das ist aber ein

Vergnügen!«

»Geh hinein, wenn du schon da bist!«

»Ich will auch hineingehen. Du Süße!«

Und er stolperte hinunter.

Raskolnikoff ging weiter.

»Hören Sie, mein Herr!« rief ihm das Mädchen nach.

»Was?«

Sie tat schämig.

»Ich würde mich freuen, mein Herr, mit Ihnen die Zeit zu vertreiben, ich

bin aber ganz außer Fassung vor Ihnen. Schenken Sie mir, hoher Herr,

sechs Kopeken zu einem Trunk.«

Raskolnikoff nahm heraus, was er erfaßt hatte -- es waren fünfzehn

Kopeken.

»Ach, was für ein guter Herr!«

»Wie heißt du?«

»Fragen Sie nach Duklida.«

»Nein, das geht nicht an,« sagte plötzlich eine aus der Gruppe und

schüttelte den Kopf über Duklida. »Ich verstehe nicht, wie man so

betteln kann. Ich würde vor lauter Scham in die Erde sinken ...«

Raskolnikoff blickte neugierig die Sprechende an. Es war ein

pockennarbiges Mädchen, etwa dreißig Jahre alt, voll blauer Flecken mit

geschwollener Lippe. Sie sprach und tadelte ruhig und ernst.

»Wo habe ich,« dachte Raskolnikoff, während er weiterging, »wo habe ich

es gelesen, wie ein zum Tode Verurteilter eine Stunde vor seinem Ende

spricht oder denkt, daß wenn er irgendwo auf einer Höhe, auf einem

Felsen und auf einem schmalen Streifen, wo er bloß seine zwei Füße

hinsetzen könnte, leben sollte, -- umgeben von Abgründen, von Ozean, von

ewiger Finsternis, ewiger Einsamkeit und ewigem Sturm, -- und so, auf

diesem ellenbreiten Streifen stehend, sein ganzes Leben, tausend Jahre,

eine Ewigkeit verbringen müßte, -- daß es besser sei so zu leben, als

sofort zu sterben! Nur leben, leben, leben! Wie, ganz gleich! -- bloß

leben! ... Wie wahr! Herrgott, wie wahr! Der Mensch ist ein Schuft! ...

Und ein Schuft ist der, welcher ihn darum einen Schuft nennt,« fügte er

nach einer Weile hinzu.

Er kam auf eine andere Straße hinaus.

»Ah! Das ist ja der Kristallpalast! Rasumichin sprach vorhin vom

Kristallpalast! Ja, was wollte ich aber? Ah, ich wollte lesen! ...

Sossimoff erzählte, daß er in den Zeitungen gelesen hätte ...«

»Haben Sie Zeitungen?« fragte er, indem er in ein ziemlich geräumiges

und sogar reinliches Restaurant mit mehreren jetzt ziemlich leeren

Räumen eintrat. Zwei, drei Gäste tranken Tee und in einem der

Hinterzimmer saßen etwa vier Menschen und tranken Champagner.

Raskolnikoff glaubte unter ihnen Sametoff zu erkennen. Von weitem konnte

man es nicht unterscheiden.

»Und wenn auch!« dachte er.

»Befehlen Sie Branntwein?« fragte der Kellner.

»Bringe mir Tee. Und bringe mir Zeitungen, alte Zeitungen, so von den

letzten fünf Tagen, ich gebe dir ein Trinkgeld dafür.«

»Jawohl. Hier sind die heutigen. Befehlen Sie auch Branntwein?«

Alte Zeitungen und der Tee erschienen. Raskolnikoff setzte sich hin und

begann zu suchen: -- »Isler ... Isler ... Azteken ... Azteken ... Isler

... Bartola ... Massimo ... Azteken ... Isler ... pfui, zum Teufel! ah,

da ist die Lokalchronik ... von der Treppe herabgestürzt ... ein

Kleinbürger gestorben an Alkoholvergiftung ... Feuersbrunst ...

Feuersbrunst ... noch eine Feuersbrunst ... und noch eine Feuersbrunst

... Isler ... Massimo ... Isler ... Isler ... Massimo ... Ah, da ist es

...«

Er hatte endlich gefunden, was er suchte und begann zu lesen; die Zeilen

hüpften vor seinen Augen, trotzdem las er die ganze »Nachricht« zu Ende

und begann voll Gier in den weiteren Nummern die Fortsetzung zu suchen.

Seine Hände zitterten vor starker Ungeduld, indem er in den Zeitungen

blätterte. Plötzlich setzte sich jemand neben ihn, an seinen Tisch. Er

schaute hin -- es war Sametoff, derselbe Sametoff und mit demselben

Äußern, mit Ringen, Uhrketten, mit einem Scheitel in seinen schwarzen

gekräuselten und pomadisierten Haaren, in einer eleganten Weste, in

einem etwas abgetragenen Rocke und nicht ganz reiner Wäsche. Er war

lustig gestimmt, wenigstens lachte er sehr vergnügt und gutmütig. Sein

gebräuntes Gesicht war vom genossenen Champagner ein wenig erhitzt.

»Wie! Sie hier?« begann er mit Staunen und in einem Tone, als wäre er

ein ewigalter Bekannter. »Mir erzählte gestern noch Rasumichin, daß Sie

immer noch bewußtlos daliegen. Das ist merkwürdig! Wissen Sie, ich war

bei Ihnen ...«

Raskolnikoff hatte sich's gedacht, daß er zu ihm herankommen würde. Er

legte die Zeitungen beiseite und wandte sich zu Sametoff. Auf seinen

Lippen spielte ein hämisches Lächeln, aber in diesem Lächeln lag eine

gereizte Ungeduld.

»Ich weiß es, daß Sie da waren,« antwortete er, »ich habe es gehört. Sie

haben meinen Strumpf gesucht ... Wissen Sie, Rasumichin ist ganz

entzückt von Ihnen, er erzählte, daß Sie mit ihm bei Louisa Iwanowna

waren, wissen Sie, wegen der Sie damals so angelegentlich dem Leutnant

Pulver zuzwinkerten und er immer nicht begriff, erinnern Sie sich noch?

Und es war doch nicht viel zu verstehen -- es war ja eine klare Sache

... nicht?«

»Was für ein Schwätzer er ist!«

»Pulver?«

»Nein, Ihr Freund Rasumichin ...«

»Sie haben es gut, Herr Sametoff; zu den angenehmsten Orten zollfreien

Eintritt! Wer hat Ihnen soeben Champagner spendiert?«

»Wir haben ... ein wenig getrunken ... Und Sie sagen -- spendiert?!«

»Ein wenig Honorar! Sie ziehen eben aus allem Nutzen!« Raskolnikoff

lachte. »Hat nichts zu sagen, mein guter junger Mann, tut nichts!« fügte

er hinzu und schlug Sametoff auf die Schulter. »Ich sage es nicht aus

Bosheit, sondern >aus Freundschaft, im Scherze,< so wie der Arbeiter

sagte, als er Dmitri schlug, wissen Sie, in der Sache der Alten ...«

»Woher wissen Sie es?«

»Ich weiß vielleicht mehr als Sie ...«

»Wie komisch Sie sind ... Wahrscheinlich sind Sie noch sehr krank. Es

war unvorsichtig von Ihnen auszugehen.«

»Erscheine ich Ihnen komisch?«

»Ja. Was lesen Sie da, Zeitungen?«

»Ich lese Zeitungen.«

»Es wird viel von Feuersbrünsten geschrieben.«

»Nein, ich lese nicht über Feuersbrünste.« Hier blickte er Sametoff

rätselhaft an; ein höhnisches Lächeln verzog wieder seine Lippen. »Nein,

ich las nicht über Feuersbrünste,« fuhr er fort und zwinkerte Sametoff

zu. »Gestehen Sie nur, lieber junger Mann, daß Sie furchtbar gern wissen

möchten, was ich gelesen habe?«

»Ich will es gar nicht wissen; ich habe bloß so gefragt. Darf man denn

nicht fragen? Was haben Sie nur immer ...«

»Hören Sie, Sie sind doch ein gebildeter, belesener Mensch?«

»Ich habe die Sekunda eines Gymnasiums,« antwortete Sametoff mit Würde.

»Die Sekunda! Ach, Sie kleiner Spatz! Mit einem Scheitel, mit Ringen --

ein reicher Mann! Nein, welch ein lieber Junge!« Hier verfiel

Raskolnikoff in ein nervöses Lachen und lachte Sametoff direkt ins

Gesicht. Der fuhr zurück und war, wie es schien, nicht gekränkt, eher

sehr verwundert.

»Nein, wie komisch Sie sind!« wiederholte Sametoff ernsthaft. »Mir

scheint, Sie phantasieren immer noch.«

»Ich phantasiere? Das lügst du, mein Spätzchen! ... Also, ich bin

komisch? Nun errege ich aber Ihre Neugier? Nicht wahr?«

»Ja, Sie erregen meine Neugier.«

»Soll ich Ihnen also sagen, was ich gelesen, was ich gesucht habe? Sehen

Sie, wieviel Nummern ich mir bringen ließ. Erscheint das nicht

verdächtig?«

»Sagen Sie mir ...«

»Sind Ihre Ohren gespitzt?«

»Warum sollen sie gespitzt sein?«

»Ich will es Ihnen nachher sagen, jetzt aber erkläre ich Ihnen, mein

Lieber ... nein, besser, >ich gestehe< ... Nein, das ist auch nicht das

richtige, >ich gebe es Ihnen zu Protokoll und Sie schreiben es,< so

lautet's doch. Also, ich gebe zu Protokoll, daß ich gelesen, mich

interessiert, gesucht habe ... nachgeforscht ...«

Raskolnikoff kniff die Augen zusammen und wartete eine Weile.

»Nachgeforscht habe, -- und bin auch darum hierher gekommen, -- betreffs

der Ermordung der Alten, der Beamtenwitwe,« sagte er endlich, fast im

Flüstertone, wobei er mit seinem Gesichte außerordentlich nahe dem

Sametoffs kam.

Sametoff sah ihn unverwandt an, ohne sich zu bewegen und ohne sein

Gesicht zurückzuziehen. Am merkwürdigsten erschien es Sametoff nachher,

daß das Schweigen wohl eine volle Minute gedauert hatte und daß sie

solange einander anblickten.

»Nun, was ist dabei, daß Sie darüber gelesen haben?« rief er plötzlich

ungehalten und ungeduldig aus. »Was geht das mich an? Was ist denn

dabei?«

»Das ist dieselbe Alte,« fuhr Raskolnikoff fort, in demselben

Flüstertone und ohne sich bei dem Ausrufe Sametoffs zu rühren, »es ist

dieselbe, von der man, erinnern Sie sich, im Polizeibureau zu sprechen

begann, wobei ich in Ohnmacht fiel. Merken Sie was?«

»Ja, was denn? Was ... soll ich merken?« sagte Sametoff unruhig.

Das unbewegliche und ernste Gesicht Raskolnikoffs veränderte sich

plötzlich und wieder verfiel er in das nervöse Lachen von vorhin, als

hätte er keine Macht darüber. Und auf einen Augenblick schwebte ihm

außerordentlich klar und intensiv jener Moment vor Augen, als er mit dem

Beil hinter der Türe stand, wie der Haken hüpfte, und wie die hinter der

Tür schimpften und an der Türe rissen, und wie er plötzlich Lust bekam,

ihnen zuzurufen, sie zu schimpfen, ihnen die Zunge zu zeigen, sie zu

verhöhnen, zu lachen, laut zu lachen, lachen und lachen!

»Sie sind entweder verrückt oder ...« sagte Sametoff -- und hielt inne,

als hätte er über einem plötzlichen Gedanken die Sprache verloren.

»Oder? Was -- >oder<? Was ist's? Sprechen Sie?«

»Nichts!« antwortete Sametoff gereizt. »Es ist ja alles Unsinn!«

Beide verstummten. Auf den Lachanfall wurde Raskolnikoff gleich wieder

nachdenklich und düster. Er stützte die Ellenbogen auf den Tisch und

legte den Kopf in die Hand. Es schien, als hätte er die Gegenwart

Sametoffs völlig vergessen. Das Schweigen dauerte ziemlich lange.

»Warum trinken Sie Ihren Tee nicht? Er wird kalt,« sagte Sametoff.

»Ah? Was? Tee? ... Meinetwegen ...« Raskolnikoff nahm einen Schluck aus

dem Glase, steckte ein kleines Stück Brot in den Mund, blickte Sametoff

an und schien sich auf einmal an alles zu erinnern. Sein Gesicht nahm im

selben Augenblick den früheren höhnischen Ausdruck an. Er fuhr fort, Tee

zu trinken.

»Heutzutage passieren viele Gaunereien,« sagte Sametoff. »Ich las vor

kurzem in den >Moskowskije Wedomosti<, daß man in Moskau eine Bande

Falschmünzer festgenommen habe. Es war eine ganze Gesellschaft ... Sie

fälschten Papiergeld.«

»Oh, das ist schon lange her. Ich habe es vor einem Monat gelesen,«

antwortete Raskolnikoff ruhig.

»Also, das sind Ihrer Meinung nach Gauner!« fügte er lächelnd hinzu.

»Warum nicht Gauner?«

»Die? Das sind Grünspechte, aber keine Gauner! Ganze fünfzig Menschen

vereinigen sich zu diesem Zwecke! Geht denn das an? Bei so einer Sache

sind schon drei zu viel, da muß jeder dem andern mehr als sich selbst

vertrauen. Es braucht bloß einer in Betrunkenheit mit anderen zu

plappern, und alles ist verloren! Grünspechte waren es! Sie mieteten

sich unzuverlässige Menschen, um das Geld in allerhand Banken umwechseln

zu können, -- so eine Sache dem ersten besten anvertrauen! Nun gut,

nehmen wir an, daß es ihnen geglückt wäre, jeder hat eine Million

eingewechselt, nun, was weiter, das ganze Leben hindurch? Jeder ist von

dem anderen sein Lebelang abhängig! Da ist es besser, sich gleich zu

erhängen! Und sie verstanden nicht mal einzuwechseln, -- der eine geht

in eine Bank zum wechseln, empfängt fünftausend und die Hände beginnen

zu zittern. Viertausend zählt er nach, das fünfte Tausend aber nimmt er

ohne nachzuzählen, auf gut Glauben, um es schneller in die Tasche

stecken zu können und fortzulaufen. Er erregte Verdacht, und die ganze

Sache ging in die Brüche bloß wegen eines einzigen Dummkopfes! Ja, ist

das denkbar?«

»Daß die Hände zitterten?« unterbrach Sametoff.

»Das ist denkbar. Ich bin vollkommen überzeugt, daß es möglich ist.

Manchmal kann man so etwas nicht standhalten.«

»So etwas?«

»Könnten Sie standhalten? Ich hielte es nicht aus! Für eine Bezahlung

von hundert Rubel diese Angst auf sich nehmen! Nein! Mit einem

gefälschten Papier hingehen -- und wohin noch -- in ein Bankhaus, wo sie

so gewitzt sind, -- nein, ich hätte die Fassung verloren. Und Sie hätten

nicht die Fassung verloren?«

Raskolnikoff hatte plötzlich wieder große Lust, »die Zunge zu zeigen«.

Ein Schüttelfrost packte ihn wieder.

»Ich würde nicht so gehandelt haben,« begann er, weit ausholend. »Ich

hätte so gewechselt, -- ich hätte das erste Tausend so gegen viermal von

allen Seiten nachgezählt, jeden Schein betrachtet, und hätte mich dann

an das zweite Tausend gemacht; ich hätte angefangen zu zählen, wäre bis

zur Hälfte gekommen, hätte dann irgendeinen Schein von fünfzig Rubel

hervorgeholt, und ihn gegen das Licht gehalten, dann ihn umgedreht und

wieder gegen das Licht gehalten, -- ob er nicht gefälscht ist? Ich bin

ängstlich -- hätte ich gesagt, -- eine Verwandte von mir hat auf diese

Weise vor kurzem fünfundzwanzig Rubel eingebüßt, -- und hätte nun eine

Geschichte zum Besten gegeben. Und wenn ich das dritte Tausend zu zählen

angefangen hätte, -- würde ich sagen, -- erlauben Sie, ich habe, scheint

mir, in dem zweiten Tausend das siebente Hundert nicht richtig

nachgezählt, ich bin im Zweifel. -- Ich hätte das dritte Tausend zur

Seite gelegt und wieder das zweite Tausend nachgezählt, -- und in dieser

Weise hätte ich es mit allen fünf gemacht. Und wenn ich damit fertig

gewesen wäre, hätte ich aus dem zweiten und aus dem fünften Tausend je

einen Schein herausgenommen, gegen das Licht gehalten und voll Zweifel

gebeten, ihn umzutauschen, -- und ich hätte den Angestellten zum

Schwitzen gebracht, so daß er alles getan hätte, um mich endlich los zu

werden. Und nach dem allen wäre ich schließlich zur Türe gegangen, hätte

sie geöffnet -- und wäre wieder zurückgegangen, um unter Entschuldigung

irgend etwas zu fragen oder mich über etwas zu erkundigen, -- sehen Sie,

so hätte ich es gemacht!«

»Oh, was für Schauergeschichten Sie erzählen!« sagte Sametoff lachend.

»Das redet man so, bei der Ausführung aber würden Sie schon stolpern.

Bei so einer Sache, sage ich Ihnen, kann nicht mal ein geübter,

geriebener Mensch für sich einstehen, geschweige denn wir beide. Wozu so

weit ausholen, -- da haben Sie ein Beispiel, in unserem Revier hat man

eine alte Frau ermordet. Allem Anschein nach ein verwegener Bursche, am

hellen lichten Tage hat er's gewagt, nur durch ein Wunder rettete er

sich, -- die Hände aber haben doch versagt; er hat nicht verstanden zu

stehlen, hat nicht standgehalten; man sieht es aus dem Tatbestande ...«

Raskolnikoff schien sich gekränkt zu fühlen.

»Man sieht es! So nehmen Sie ihn doch fest!« rief er höhnisch aus, um

Sametoff zu reizen.

»Man wird ihn schon kriegen.«

»Wer? Sie? Sie wollen ihn kriegen? Das wird lange dauern! Sehen Sie, was

ist denn bei Ihnen die Hauptsache, -- ob ein Mensch viel Geld ausgibt

oder nicht? Hatte er vor kurzem keins, gibt jetzt plötzlich Geld aus, --

so muß er das sein! In dieser Weise kann Sie jedes kleine Kind

irreführen, wenn es will.«

»Das ist es ja, daß sie alle so handeln,« antwortete Sametoff. »Erst

morden sie mit Bedacht, riskieren ihr Leben und gehen dann fort ohne

Beute in eine Schenke und werden dort festgenommen. Beim Geldausgeben

werden sie festgenommen. Nicht alle sind so schlau wie Sie. Sie würden

selbstverständlich in keine Schenke gehen!«

Raskolnikoff zog die Augenbrauen zusammen und blickte Sametoff scharf

an.

»Sie haben, wie es scheint, Appetit bekommen und möchten wissen, wie ich

auch in diesem Falle gehandelt hätte?« fragte er bitter.

»Ich möchte es sehr gern wissen,« antwortete jener fest und bestimmt.

Seine Stimme und sein Blick waren jetzt fast zu ernst geworden.

»Sehr?«

»Sehr.«

»Gut. Ich hätte folgendermaßen gehandelt,« begann Raskolnikoff, indem er

plötzlich sein Gesicht wieder dem Sametoffs näherte, ihn unverwandt

anblickte und wieder im Flüstertone sprach, so daß jener diesmal

zusammenzuckte. »Ich hätte folgendermaßen gehandelt, -- ich hätte das

Geld und die Sachen an mich genommen und kaum entkommen, wäre ich sofort

ohne Aufenthalt zu einem abgelegenen Platz gegangen, wo es nur Zäune

gibt und wo es fast menschenleer ist, -- zu einem Gemüsegarten oder

etwas ähnlichem. Ich hätte mir dort auf diesem Hofe schon früher

irgendeinen Stein, ungefähr im Gewichte von zwanzig Kilo oder mehr

ausgesucht, irgendwo in einer Ecke am Zaune einen Stein also, der,

seitdem das Haus gebaut ist, dort liegt; ich hätte diesen Stein

aufgehoben -- unter ihm muß es eine Vertiefung geben, -- und in diese

Vertiefung hätte ich alle Sachen und das Geld hineingelegt. Dann hätte

ich den Stein auf seinen alten Platz gerückt, die Erde ringsum mit dem

Fuße ausgeglättet und wäre fortgegangen. Ja, und ich würde ein Jahr,

zwei oder auch drei Jahre nichts angerührt haben, -- nun, sucht mal! Es

war da und nun ist es weg.«

»Sie sind verrückt!« sagte Sametoff auch fast im Flüstertone und rückte

plötzlich von Raskolnikoff weg.

Raskolnikoffs Augen funkelten; er war furchtbar bleich, seine Oberlippe

zuckte und zitterte. Er beugte sich zu Sametoff noch näher hin und

bewegte die Lippen, ohne etwas zu sagen; das währte eine halbe Minute;

er wußte, was er tat, aber er konnte sich nicht mehr halten. Ein

fürchterliches Wort, wie damals der Haken an der Türe, hüpfte auf seinen

Lippen -- jeden Augenblick konnte es sich lösen, er brauchte es nur

entschlüpfen zu lassen, nur auszusprechen!

»Wie, wenn ich die Alte und Lisaweta ermordet hätte?« sagte er plötzlich

und -- kam zu sich. Sametoff blickte ihn wild an und wurde so weiß wie

das Tischtuch. Sein Gesicht verzog sich zu einem Lächeln.

»Wie wäre das möglich?« sagte er kaum hörbar.

Raskolnikoff blickte ihn zornig an.

»Gestehen Sie, daß Sie es glaubten? -- Ja? Nicht wahr?«

»Nein, nicht! Jetzt weniger als je!« sagte Sametoff hastig.

»Nun haben Sie sich verraten! Das Spätzlein ist erwischt! Also haben Sie

es früher geglaubt, wenn Sie es >jetzt weniger als je< glauben?«

»Aber gar nicht!« rief Sametoff sichtlich betroffen. »Sie haben mich

deshalb erschreckt, um mich dahin zu bringen?«

»Also Sie glaubten es nicht? Worüber aber sprachen Sie damals, als ich

aus dem Bureau fortging? Und warum verhörte mich der Leutnant Pulver

nach meiner Ohnmacht? Hör mal, du!« rief er dem Kellner zu, stand auf

und nahm seine Mütze. »Was habe ich zu zahlen?«

»Dreißig Kopeken im ganzen!« antwortete der Kellner.

»Da hast du noch zwanzig Kopeken als Trinkgeld. Sehen Sie, wieviel Geld

ich habe,« er streckte Sametoff seine zitternde Hand mit Papiergeld hin,

-- »rote und blaue Scheine, fünfundzwanzig Rubel sind es. Woher habe ich

es? Und woher stammt die neue Kleidung? Sie wissen doch, daß keine

Kopeke da war! Sie haben doch sicher meine Wirtin ausgefragt ... Nun,

genug! _Assez causé!_{[2]} Auf Wiedersehen ... auf angenehmes

Wiedersehen! ...«

Er ging hinaus, am ganzen Körper von einer wilden, hysterischen

Erregtheit zitternd, in die sich das Gefühl eines qualvollen Genusses

mischte, -- sonst aber düster und todmüde. Sein Gesicht war verzerrt,

wie nach einem Anfalle. Und seine Ermattung nahm rasch überhand. Seine

Kräfte ließen sich spannen und zeigten sich beim ersten Anlaß, beim

ersten Empfinden des Reizes und erschlafften ebenso schnell, in dem

Maße, wie der Reiz nachließ.

Nachdem Sametoff allein geblieben war, saß er noch lange sinnend auf

demselben Platz. Raskolnikoff hatte seine Gedanken in diesem Punkte zum

Umschlagen gebracht, und eine neue Auffassung hatte sich in ihm

endgültig befestigt.

»Ilja Petrowitsch ist ein Dummkopf!« sagte er endlich.

Kaum hatte Raskolnikoff die Türe zur Straße geöffnet, als er plötzlich

auf der Außentreppe mit dem eintretenden Rasumichin zusammenstieß. Sie

hatten beide einander nicht gesehen, so daß sie fast mit den Köpfen

zusammenstießen. Eine Weile maßen sie sich mit den Blicken. Rasumichin

war höchst erstaunt, aber plötzlich flammte der Zorn, ein wirklicher

Zorn, drohend in seinen Augen auf.

»Also hier bist du!« schrie er aus vollem Halse. »Du bist dem Bette

entsprungen! Und ich habe dich sogar unter dem Sofa gesucht! Wir sind

auf dem Boden gewesen. Ich habe Nastasja deinetwegen beinahe verprügelt

... Und nun bist du hier! Rodjka! Was soll das bedeuten? Sag die

Wahrheit! Gestehe! Hörst du?«

»Es bedeutet, daß ich euch alle ernstlich satt habe, und daß ich allein

sein will,« antwortete Raskolnikoff ruhig.

»Allein sein? Wo du nicht mal gehen kannst, wo deine Fratze noch bleich

wie Leinwand ist, und wo du den Atem verlierst! Dummkopf! ... Was hast

du im Kristallpalast gesucht? Gestehe es sofort!«

»Laß mich!« sagte Raskolnikoff, und wollte an ihm vorbeigehen.

Das brachte Rasumichin ganz außer sich, er packte ihn fest an der

Schulter.

»Laß mich? Du wagst zu sagen >Laß mich<? Weißt du auch, was ich mit dir

gleich tun werde? Ich packe dich zu einem Bündel zusammen und bringe

dich unterm Arm nach Hause und sperre dich ein!«

»Höre, Rasumichin,« begann Raskolnikoff leise und scheinbar völlig

ruhig. »Siehst du denn nicht, daß ich deine Wohltaten nicht wünsche? Und

was ist es für ein Vergnügen, denen Wohltaten zu erweisen, die ...

darauf pfeifen? Denen, schließlich, die sie in allem Ernste am wenigsten

vertragen? Nun, sage mir, warum hast du mich beim Beginn meiner

Krankheit aufgesucht? Ich wäre vielleicht glücklich gewesen zu sterben!

Nun, habe ich dir heute nicht genügend gezeigt, daß du mich quälst, daß

ich deiner ... überdrüssig geworden bin? Was für ein Vergnügen hast du

daran, Menschen zu quälen! Ich versichere dir, daß dies alles meine

Genesung ernstlich hindert, weil es mich ununterbrochen reizt. Sossimoff

ging doch vorhin fort, um mich nicht zu reizen. Laß du mich um

Gotteswillen auch in Ruhe! Und was für ein Recht hast du schließlich,

mich mit Gewalt zurückzuhalten? Ja, siehst du denn nicht, daß ich jetzt

bei vollem Verstande bin? Wie, wie -- sage mir -- soll ich dich

schließlich bitten, daß du mich in Ruhe läßt und mir keine Wohltaten

mehr erweisest? Mag ich undankbar sein, mag ich gemein sein, aber um

Gotteswillen laßt mich, laßt mich alle in Ruhe. Laßt mich in Ruhe!«

Er hatte ruhig begonnen und freute sich im voraus über das ganze Gift,

das er sich auszuschütten anschickte, er schloß aber in Raserei und fast

erstickend, wie vorhin bei Luschin.

Rasumichin stand eine Weile da, dachte nach und ließ seine Hand los.

»Scher dich zum Teufel!« sagte er leise und fast nachdenklich.

»Halt!« brüllte er plötzlich, als Raskolnikoff fortgehen wollte. »Höre

mich an. Ich erkläre dir, daß ihr alle ohne Ausnahme Großmäuler und

aufgeblasene Kerls seid! Wenn ihr ein kleines Leid habt, lauft ihr wie

ein Huhn mit einem Ei herum! Auch in diesem Falle stehlt ihr von

anderen. Keine Spur von Selbständigkeit steckt in euch! Ihr seid aus

Spermacetsalbe gemacht und anstatt Blut habt ihr Quark in den Adern!

Keinem von euch glaube ich! Das erste, die Hauptsache bei euch in allen

Dingen ist -- nur nicht einem Menschen ähnlich sein! War--te!« rief er

mit verstärkter Wut, als er merkte, daß Raskolnikoff sich anschickte

wegzugehen. »Höre mich zu Ende! Du weißt, heute kommen Leute zu mir, um

die neue Wohnung einzuweihen, vielleicht sind sie schon da, ich habe den

Onkel dortgelassen, -- ich war soeben zu Hause, -- die Gäste zu

empfangen. Also, wenn du kein Dummkopf, kein flacher Dummkopf, kein Esel

wärest, keine Übersetzung aus fremden Sprachen ... siehst du, Rodja, ich

gestehe, du bist ein kluger Bursche, aber ein Dummkopf, -- also, wenn du

kein Dummkopf wärest, würdest du heute besser den Abend bei mir

verbringen, als unnütz die Stiefel abzulaufen. Du bist nun einmal

ausgegangen, da ist weiter nichts mehr daran zu machen! Ich würde dir

einen weichen Sessel hereinbringen, meine Wirtsleute haben einen ... Tee

würde es geben, Gesellschaft ... Und wenn du den Sessel nicht wünschst,

-- lege ich dich auf die Chaiselongue hin, -- aber du würdest dann doch

unter uns liegen ... Auch Sossimoff kommt. Kommst du?«

»Nein!«

»Du lügst!« rief Rasumichin ungeduldig aus. »Warum weißt du es? Du

kannst für dich nicht bestimmen! Und übrigens du verstehst davon nichts.

Ich habe mich tausendmal ebenso mit Menschen verkracht und bin wieder

zurückgegangen ... man schämt sich -- und kehrt zu dem Menschen zurück.

Also, erinnere dich, Haus Potschinkoff, dritter Stock ...«

»Auf diese Weise werden Sie, Herr Rasumichin, möglicherweise sich

schlagen lassen, nur dem, der Sie schlägt, zu Gefallen?«

»Was? Schlagen! Schon für den Gedanken drehte ich dem die Nase ab. Haus

Potschinkoff, Nr. 47, in der Wohnung des Beamten Babuschkin ...«

»Ich komme nicht, Rasumichin!« Raskolnikoff wandte sich um und ging

fort.

»Ich wette, daß du kommst!« rief ihm Rasumichin nach. »Sonst bist du ...

sonst bist du ... sonst will ich nichts mehr von dir wissen! Warte! Ist

Sametoff hier?«

»Ja, er ist hier.«

»Hast du ihn gesehen?«

»Ich habe ihn gesehen.«

»Hast du mit ihm gesprochen?«

»Ich habe mit ihm gesprochen.«

»Worüber? Nun, hol dich der Teufel, meinetwegen brauchst du es nicht zu

sagen. Haus Potschinkoff, 47, Babuschkins Wohnung, vergiß nicht!«

Raskolnikoff ging bis zur Ssadowaja und bog um die Ecke. Rasumichin

blickte ihm sinnend nach. Endlich machte er eine abwehrende Bewegung mit

der Hand und ging in das Haus hinein, aber auf der Mitte der Treppe

blieb er stehen.

»Teufel noch einmal!« fuhr er fast laut fort. »Er spricht vernünftig,

und doch scheint's ... Ich bin auch ein Dummkopf. Sprechen denn

Verrückte nicht vernünftig? Und Sossimoff hatte, ich glaube, davor

Angst!« Er tippte mit dem Finger an seine Stirn. »Wenn aber ... wie kann

man ihn jetzt allein gehen lassen? Er kann sich ertränken ... Ach, daran

habe ich nicht gedacht! Man darf ihn nicht allein lassen!« und er lief

zurück, um Raskolnikoff einzuholen, aber der war verschwunden. Er spie

aus und eilte in den Kristallpalast zurück, um etwas von Sametoff zu

erfahren.

Raskolnikoff ging direkt auf die N.sche Brücke, blieb in der Mitte

stehen, stützte beide Ellbogen auf das Geländer und begann in die Ferne

zu schauen. Nachdem er von Rasumichin Abschied genommen hatte, war er so

schwach geworden, daß er nur mit Mühe hierher gekommen war. Er wollte

sich irgendwo hinsetzen oder hinlegen, und sei's auf die Straße. Über

das Wasser gebeugt, blickte er mechanisch auf den letzten, rosigen

Widerschein des Sonnenuntergangs, auf die Reihe Häuser, die in der

hereinbrechenden Dämmerung dunkel hervortraten, auf das weit entfernte,

kleine Fenster in irgendeiner Mansarde auf dem linken Quai, das wie im

Flammenschein von dem letzten Sonnenstrahl getroffen, leuchtete; er

blickte auf das dunkle Wasser des Kanals und schien dieses Wasser

aufmerksam zu betrachten. Auf einmal zeigten sich vor seinen Augen rote

Kreise, die Häuser drehten sich, die Vorübergehenden, die Ufer,

Equipagen, -- alles drehte sich und tanzte. Er fuhr auf, vielleicht vor

einem neuen Ohnmachtsanfall durch ein schauerliches, wildes und

widerwärtiges Ereignis bewahrt. Er fühlte, wie jemand an seine rechte

Seite trat; sah hin und bemerkte ein Weib, hochgewachsen, mit einem

Tuche um den Kopf, mit einem gelben, länglichen, abgemagerten Gesichte

und mit geröteten, eingefallenen Augen. Sie schaute auf ihn, aber

offenbar sah sie ihn nicht und unterschied niemanden. Plötzlich stützte

sie sich mit der rechten Hand auf das Geländer, hob das linke Bein und

stürzte sich in den Kanal. Das schmutzige Wasser spritzte hoch auf,

verschlang auf einen Moment sein Opfer, aber nach einer Minute tauchte

noch einmal die Selbstmörderin auf, und die Strömung nahm sie mit fort.

Ihr Kopf und ihre Füße waren im Wasser, mit dem Rücken lag sie nach

oben, ihr Rock war übergeschlagen und wie ein Kissen vom Wasser

aufgeblasen.

»Sie hat sich ertränkt! Sie hat sich ertränkt!« riefen ein Dutzend

Stimmen; Menschen liefen zusammen, die beiden Ufer bedeckten sich mit

Zuschauern, auf der Brücke, rings um Raskolnikoff, drängte sich das

Volk, stieß ihn und preßte ihn von hinten.

»Leute, das ist ja unsere Afrosinja!« schrie unweit eine weinerliche

Frauenstimme. »Leute, rettet sie! Gute, liebe Leute, zieht sie heraus!«

»Ein Boot! Ein Boot!« rief man in der Menge. Ein Boot war aber nicht

mehr nötig; ein Schutzmann war die Stufen zu dem Kanal hinuntergelaufen,

hatte seinen Mantel und seine Stiefel von sich geworfen und stürzte sich

ins Wasser. Es war keine große Arbeit, -- die Unglückliche schwamm nur

ein paar Schritte entfernt von der Treppe, er erfaßte mit der rechten

Hand ihr Kleid und mit der linken gelang es ihm, die Stange, die ihm ein

Kamerad entgegenhielt, zu ergreifen, und die Selbstmörderin wurde

alsbald herausgezogen. Man legte sie auf die Granitfliesen der Treppe.

Sie kam rasch zu sich, erhob sich, setzte sich hin, begann zu niesen und

zu prusten und wischte mit den Händen mechanisch ihr nasses Kleid ab.

Sie sprach nichts.

»Sie hat sich bis zur Bewußtlosigkeit vollgesoffen, Leute,« heulte

dieselbe Frauenstimme, jetzt schon neben der Afrosinja. »Vor kurzem

wollte sie sich hängen, wir haben sie aus der Schlinge gezogen. Ich ging

eben in einen Laden, hatte ein kleines Mädchen dagelassen, um auf sie

aufzupassen, -- und da ist das Unglück geschehen! Sie ist eine

Kleinbürgerin, wohnt hier nebenan, im zweiten Hause von hier, dort ...«

Das Volk ging auseinander, die Schutzleute gaben sich noch mit der

Lebensmüden ab, jemand rief etwas »vom Polizeibureau« ... Raskolnikoff

sah allem mit einem seltsamen Gefühle von Gleichgültigkeit und

Teilnahmslosigkeit zu. Ihm wurde übel.

»Nein, es ist abscheulich ... das Wasser ... es lohnt sich nicht, hier

zu bleiben,« murmelte er vor sich hin. »Nichts wird hier geschehen,«

fügte er hinzu. »Es lohnt sich nicht, zu warten. Wie wär's mit dem

Polizeibureau ... Warum aber ist Sametoff nicht im Bureau? Das Bureau

ist doch in der zehnten Stunde offen ...«

Er wandte dem Geländer den Rücken und blickte um sich.

»Nun, was ist dabei! Auch so gut!« sagte er entschlossen, ging über die

Brücke und schlug die Richtung nach dem Polizeibureau ein. Sein Herz war

leer und öde. Denken wollte er nicht. Auch seine schwermütige Stimmung

war verschwunden, von der früheren Energie, als er seine Wohnung

verließ, um allem ein Ende zu machen, war keine Spur mehr vorhanden.

Eine völlige Apathie war an ihre Stelle getreten.

»Es gibt doch einen Ausweg!« dachte er, indem er langsam und träge längs

des Kanalufers ging. »Ich werde ein Ende machen, weil ich will ... Ist

es aber ein Ausweg? Ach, einerlei! Einen drei Ellen langen Raum wird es

doch noch geben ... he! Aber was ist das für ein Ende! Und soll es

wirklich das Ende sein? Werde ich es ihnen sagen oder nicht? Ah ... zum

Teufel! Ich bin auch müde, könnte ich mich doch irgendwo bald hinlegen

oder hinsetzen! Am meisten schäme ich mich, daß es so dumm ist. Aber

auch darauf pfeife ich! Was für Dummheiten einem in den Sinn kommen ...«

Um in das Polizeibureau zu gelangen, mußte man geradeaus gehen und bei

der zweiten Biegung links einschwenken, -- es war nur zwei Schritte

entfernt. Als er die erste Biegung erreicht hatte, blieb er stehen,

dachte nach, bog in eine Seitengasse ein und ging durch zwei Straßen auf

einem Umwege dorthin, -- vielleicht ohne jedes Ziel, vielleicht aber um

es noch eine Minute hinzuziehen und Zeit zu gewinnen. Er ging und sah

zur Erde. Plötzlich schien ihm jemand etwas ins Ohr geflüstert zu haben.

Er erhob den Kopf und sah, daß er an _dem_ Hause, direkt am Toreingange

stehe. Seit _jenem_ Abend war er hier nicht mehr gewesen und auch nicht

vorübergegangen.

Ein unbezähmbares und unerklärliches Verlangen zog ihn. Er ging in das

Haus hinein, durchschritt das Tor, bog in den ersten Eingang rechts ein

und begann die bekannte Treppe in das vierte Stockwerk hinaufzusteigen.

Es war sehr dunkel auf der engen und steilen Treppe. Er blieb auf jedem

Absatz stehen und sah sich neugierig um. Auf dem Absatze des ersten

Stockes war ein Fensterrahmen herausgenommen. »Das war damals nicht

gewesen,« dachte er. Da ist auch die Wohnung im zweiten Stock, wo

Nikolai und Dmitri gearbeitet haben. »Sie ist verschlossen. Und die Türe

ist neu bemalt, also wird sie vermietet sein.«

»Und da ist auch der dritte Stock ... und der vierte ...

Sämtliche Werke 1-2 · 第 27 / 66 题