IV.

Sossimoff war groß und dick, mit einem gedunsenen, farblosen, blassen

und glattrasierten Gesichte, hatte helles glattes Haar, trug eine Brille

und an einem seiner fetten Finger saß ein großer goldener Ring. Er war

etwa siebenundzwanzig Jahre alt. Unter einem weiten, eleganten, leichten

Überzieher sahen helle Sommerbeinkleider hervor; alles war an ihm weit,

elegant und nagelneu, die Wäsche war tadellos und die Uhrkette massiv.

Seine Bewegungen waren langsam, es lag in seiner Trägheit gleichzeitig

eine gesuchte Ungezwungenheit; eine Überhebung, die er übrigens stark zu

verbergen suchte, kam immer wieder zum Vorschein. Alle, die ihn kannten,

fanden ihn schwerfällig, gaben jedoch zu, daß er seine Sache verstände.

»Ich bin zweimal bei dir gewesen, Bruder ... Siehst du, er ist zu sich

gekommen!« rief Rasumichin aus.

»Ich sehe, sehe es. Nun, wie fühlen wir uns jetzt?« wandte sich

Sossimoff an Raskolnikoff, indem er ihn aufmerksam betrachtete und sich

zu ihm auf das Sofa zu seinen Füßen setzte, wobei er sich sofort nach

Möglichkeit breit machte. »Er ist immer schlechter Laune,« fuhr

Rasumichin fort, »wir haben ihm soeben die Wäsche gewechselt, da fing er

fast zu weinen an.«

»Das ist begreiflich; die Wäsche konnte man auch später wechseln, wenn

er es selbst wünscht ... Der Puls ist prächtig. Der Kopf tut immer noch

ein wenig weh, ja?«

»Ich bin gesund, bin vollkommen gesund!« sagte hartnäckig und gereizt

Raskolnikoff, indem er sich gleichzeitig vom Sofa erhob und mit den

Augen blitzte, er fiel aber sofort auf das Kissen zurück und wandte sich

der Wand zu.

Sossimoff beobachtete ihn aufmerksam.

»Sehr gut ... alles, wie es sich gehört,« sagte er träge. »Hat er etwas

gegessen?«

Man sagte es ihm und fragte, was man geben könne.

»Ja, alles kann man ihm geben ... Suppe, Tee ... Pilze und Gurken

selbstverständlich nicht, na, und Fleisch ist auch nicht nötig und ...

was ist da weiter zu reden! ...«

Er wechselte einen Blick mit Rasumichin.

»Die Arznei weg und alles weg; morgen will ich wieder nachsehen ... Es

wäre heute ... na, einerlei ...«

»Morgen abend gehe ich mit ihm spazieren!« beschloß Rasumichin. »In den

Jussupoff-Garten, und nachher gehen wir in den Kristallpalast.«

»Morgen würde ich ihm noch nicht raten, sich Bewegung zu machen,

übrigens aber ... ein wenig ... na, wir wollen sehen.«

»Ach, es ist schade, heute weihe ich gerade meine Wohnung ein, es sind

ja nur zwei Schritte von hier; wenn er auch dabei sein könnte! Er könnte

ja auf dem Sofa unter uns liegen. Du wirst doch kommen?« wandte sich

Rasumichin plötzlich an Sossimoff. »Vergiß es nicht, du hast

versprochen.«

»Vielleicht komme ich, aber ein wenig später. Was hast du denn?«

»Ja, nichts besonderes, Tee, Schnaps, Hering. Eine Pirogge gibt es; nur

die nächsten Bekannten kommen.«

»Wer denn?«

»Ja, alle aus der nächsten Nachbarschaft und fast lauter neue,

ausgenommen den alten Onkel und neu ist der auch. Er ist gestern nach

Petersburg in eigenen Angelegenheiten gekommen; alle fünf Jahre sehen

wir uns.«

»Wo ist er?«

»Er hat sein Lebelang in einer Kreisstadt als Postmeister vegetiert ...

erhält eine kleine Pension, ist fünfundsechzig Jahre alt, es lohnt sich

nicht, darüber zu sprechen ... Ich habe ihn übrigens gern. Porphyri

Ssemenowitsch wird auch kommen, der hiesige Untersuchungsrichter ... er

ist aus dem Richterstande. Ja, du kennst ihn doch ...«

»Ist er auch ein Verwandter von dir?«

»Ganz weitläufig; warum siehst du so verdrießlich aus? Weil ihr euch

einmal gezankt habt, wirst vielleicht deshalb nicht kommen?«

»Ah, ich pfeife auf ihn ...«

»Das ist auch das beste. Nun und außerdem -- Studenten, ein Lehrer, ein

Beamter, ein Musiker, ein Offizier, Sametoff ...«

»Sag mir bitte, was kann zwischen dir oder dem da,« Sossimoff wies auf

Raskolnikoff, »und einem Sametoff gemeinsames sein?«

»Ach, du Nörgler! Prinzipienreiter! ... Du bist ja ganz mit Prinzipien

ausgestopft wie ein Kissen mit Federn, bist schon ganz ihr Sklave. Meine

Meinung ist, wenn ein Mensch gut ist, -- so ist er mir angenehm, und das

ist mein Prinzip. Und Sametoff ist ein ganz prächtiger Bursche.«

»Und läßt sich schmieren.«

»Nun ja, was macht es, wenn er sich schmieren läßt, ich pfeife darauf.

Was ist da dabei, wenn er sich schmieren läßt!« rief plötzlich

Rasumichin unnatürlich gereizt aus, -- »hab ich ihn denn gelobt, weil er

sich schmieren läßt? Ich sagte, daß er nur in seiner Art gut sei. Und

wenn man alle so genau nach jeder Seite besehen würde, dann würden nicht

viel gute Menschen übrig bleiben. Ich bin überzeugt, daß man dann für

mich, mit allen Eingeweiden zusammen, eine gebackene Zwiebel geben

würde, und auch nur mit dir als Zugabe! ...«

»Das ist wenig; ich will für dich zwei geben ...«

»Und ich für dich nur eine! Mach mir keine weiteren Witze! Sametoff ist

noch ein dummer Junge, ich werde ihn noch oft an den Haaren zupfen, man

muß ihn an sich ziehen und nicht von sich stoßen. Wenn man einen

Menschen abstößt, verbessert man ihn nicht, um so mehr, wenn er ein

unreifer Junge ist. Mit einem Jungen soll man noch einmal so vorsichtig

sein. Ach, ihr progressiven Dummköpfe, nichts versteht ihr! Ihr achtet

nicht den Menschen, und schadet euch selbst ... Und wenn du es wissen

willst, wir haben ein gemeinsames Interesse.«

»Das möchte ich wissen.«

»Ja, es ist in der Sache mit dem Maler, das heißt dem Anstreicher ...

Wir werden ihn schon loskriegen! Übrigens ist jetzt auch keine Gefahr

mehr. Die Sache ist jetzt klipp und klar! Wir wollen sie bloß

beschleunigen.«

»Was ist das für ein Anstreicher?«

»Wie, habe ich dir denn nicht davon erzählt? Ja, richtig, ich habe dir

nur den Anfang erzählt ... von der Ermordung der alten Pfandleiherin,

der Beamtenwitwe ... nun und darein ist jetzt ein Anstreicher verwickelt

...«

»Von diesem Morde habe ich schon früher gehört, bevor du es mir

erzähltest, und ich interessiere mich sehr für diese Sache ... teilweise

... aus einem besonderen Grunde ... ich las in den Zeitungen darüber.

Aber siehst du ...«

»Lisaweta hat man auch ermordet!« platzte plötzlich Nastasja heraus,

indem sie sich an Raskolnikoff wandte.

Sie hatte die ganze Zeit an die Tür gelehnt zugehört.

»Lisaweta?« murmelte Raskolnikoff mit kaum hörbarer Stimme.

»Lisaweta, die Händlerin, weißt du es nicht? Sie kam öfters hierher in

unser Haus, hat dir auch ein Hemd ausgebessert.«

Raskolnikoff wandte sich zu der Wand, wählte auf der schmutzigen gelben

Tapete mit weißen Blümchen eine plumpe weiße Blume mit braunen Strichen

aus und begann sie zu betrachten, wieviel Blätter sie habe, was für

Zacken an den Blättern und wieviel Striche sie durchzogen. Er fühlte,

daß seine Hände und Füße erstarrten, als wären sie gelähmt, aber er

versuchte nicht mal sich zu rühren und blickte unverwandt die Blume an.

»Nun, was ist mit dem Anstreicher?« unterbrach Sossimoff sehr unwillig

Nastasjas Geschwätz.

Sie seufzte und schwieg.

»Er soll auch der Mörder sein!« fuhr Rasumichin eifrig fort.

»Hat man denn Beweise?«

»Gar keine, zum Teufel! Übrigens hat man doch einen, aber dieser Beweis

ist kein Beweis und siehst du, das muß man erst nachweisen. Es ist genau

so, wie sie zuerst diese ... wie heißen sie doch ... ja Koch und

Pestrjakoff verdächtigt und eingesperrt haben. Pfui! Wie dumm dies alles

gehandhabt wird, einen Unbeteiligten ekelt es an. Pestrjakoff, der eine

von ihnen, wird vielleicht auch heute bei mir sein ... Apropos, Rodja,

du kennst ja diese Geschichte, sie passierte noch vor deiner Krankheit,

gerade am Abend vorher, als du im Polizeibureau ohnmächtig wurdest, als

man darüber sprach ...«

Sossimoff blickte Raskolnikoff neugierig an, er rührte sich aber nicht.

»Weißt du, Rasumichin? Ich muß mich über dich wundern, daß du dich

überall hineinmischest,« bemerkte Sossimoff.

»Mag sein, aber wir wollen ihn doch loskriegen!« rief Rasumichin aus und

schlug mit der Faust auf den Tisch. »Was einen dabei aber am meisten

ärgert, ist nicht, daß sie so viel lügen. Lügen kann man immer

entschuldigen, Lügen ist ein gutes Ding, wenn es zur Wahrheit führt.

Aber das ist ärgerlich, daß sie lügen und an ihre eigenen Lügen

unerschütterlich glauben. Ich achte Porphyri, aber ... Was hat sie zum

Beispiel ganz am Anfang aus dem Konzept gebracht? Die Türe war

verschlossen, und als sie später mit dem Hausknecht kamen, war sie

offen, also haben Koch und Pestrjakoff gemordet! Siehst du, so ist ihre

Logik!«

»Rege dich doch nicht auf; man hat sie einfach eine kurze Zeit in Haft

behalten, man kann doch nicht ... Nebenbei gesagt, ich habe diesen Koch

irgendwo kennengelernt. Es hat sich herausgestellt, daß er von der Alten

verfallene Pfandobjekte ankaufte?«

»Ja, er ist ein Gauner! Er kauft auch Wechsel auf. Ein dunkler

Ehrenmann. Aber hol ihn der Teufel! Versteh mich doch, worüber ich mich

am meisten ärgere. Über ihre veraltete, sinnlose, verkehrte Methode

ärgere ich mich ... Hier aber, in dieser Sache allein, muß man einen

ganz neuen Weg entdecken. Nach den psychologischen Momenten allein kann

man schon zeigen, wie die richtige Spur gefunden werden soll. Wir haben

Indizien, sagen sie! Ja, aber Indizien ist doch nicht alles; wenigstens

die Hälfte der Sache besteht darin, wie man mit den Indizien umzugehen

versteht!«

»Und verstehst du mit den Indizien umzugehen?«

»Man kann aber doch nicht schweigen, wenn man fühlt, handgreiflich

fühlt, daß man der Sache nützen könnte, wenn ... Ach! ... Kennst du die

Sache ausführlich?«

»Ich warte darauf, über den Anstreicher zu hören.«

»Ach ja! Höre also die Geschichte, -- genau am dritten Tage nach dem

Morde, am Morgen, als sie sich noch mit Koch und Pestrjakoff abgaben, --

obwohl die jeden ihrer Schritte nachgewiesen hatten, alles war schreiend

klar, -- wird plötzlich ein ganz unerwartetes Faktum offenbar. Ein

gewisser Duschkin, ein Bauer, Besitzer einer Kneipe gerade gegenüber

jenem Hause, erscheint in dem Polizeibureau, bringt ein Etui mit

goldenen Ohrgehängen mit und erzählt eine ganze Geschichte. >Vorgestern

abend ungefähr nach acht Uhr,< -- merk du dir Tag und Stunde! -- >kommt

zu mir ein Arbeiter, ein Anstreicher, Nikolai, der auch schon früher im

Laufe des Tages dagewesen war, und bringt mir dieses Kästchen mit

goldenen Ohrgehängen und mit den Steinen und bittet, ihm zwei Rubel

darauf zu leihen; auf meine Frage aber, woher er sie habe, erklärte er

mir, daß er sie auf dem Trottoir gefunden hätte. Mehr habe ich ihn nicht

ausgefragt,< das alles sagt Duschkin, >sondern gab ihm einen Schein,<

das heißt also einen Rubel, >denn ich dachte, wenn ich sie nicht nehme,

versetzt er sie bei einem anderen, und wird das Geld sowieso vertrinken.

Mögen besser die Sachen bei mir liegen; sollte sich aber etwas zeigen

oder sollten Gerüchte auftauchen, bringe ich sie zur Polizei.<

Selbstverständlich schwindelt er, lügt wie ein Pferd, denn ich kenne

diesen Duschkin, er ist selbst Pfandleiher, schafft Gestohlenes zur

Seite und hat dem Nikolai das Ding, das dreißig Rubel wert ist, nicht

abgeluchst, um es zur Polizei zu bringen. Er hat einfach Angst bekommen.

Hol' ihn der Teufel! -- höre weiter,« fuhr Rasumichin fort: »>Ich kenne

ihn, den Nikolai Dementjeff von klein auf,< erzählt Duschkin weiter, >er

stammt aus demselben Rjasanschen Gouvernement wie ich, und aus demselben

Kreise. Nikolai ist kein Säufer, trinkt aber doch hin und wieder eins,

und ich wußte, daß er in jenem Hause mit Dmitri arbeitet, denn Dmitri

stammt auch aus derselben Gegend. Als er von mir den Schein erhalten

hatte, wechselte er ihn sofort, trank auf einmal zwei Gläschen, nahm den

Rest des Geldes und ging seiner Wege, Dmitri war aber damals nicht mit

ihm. Am anderen Tage hörte ich, daß Aljona Iwanowna und ihre Schwester

Lisaweta mit einem Beile erschlagen sind, -- ich habe sie gekannt, --

und da packten mich Zweifel wegen der Ohrgehänge, denn mir war es

bekannt, daß die Verstorbene Geld gegen Pfand auslieh. Ich ging hinüber

und begann vorsichtig und still auszuhorchen und zu allererst frug ich,

ob Nikolai da sei! Dmitri erzählte mir, daß Nikolai zu trinken

angefangen habe, er wäre bei Tagesanbruch betrunken nach Hause gekommen,

ungefähr zehn Minuten dageblieben und wieder fortgegangen; Dmitri habe

ihn nicht mehr gesehen und beende die Arbeit allein. Sie arbeiteten aber

im zweiten Stock desselben Hauses, in dem die Ermordeten lebten. Als ich

dies hörte, habe ich niemanden etwas davon mitgeteilt,< sagte Duschkin,

>ich versuchte vielmehr alles über die Ermordung in Erfahrung zu bringen

und bin mit denselben Zweifeln nach Hause zurückgekehrt. Heute morgen

nun gegen acht Uhr,< das heißt, am dritten Tage, verstehst du? >sehe ich

Nikolai hereinkommen, nicht nüchtern, aber auch nicht ganz betrunken, so

daß er ganz gut ausgehört werden konnte. Er setzt sich auf eine Bank und

schweigt. Außer ihm war in der Kneipe zu der Zeit noch ein fremder

Mensch da, auf einer Bank schlief ein anderer, ein Bekannter von mir,

auch die zwei Laufjungens waren zur Stelle. Hast du Dmitri gesehen,

fragte ich ihn. -- Nein, sagte er, ich habe ihn nicht gesehen. -- Und

warst du auch nicht bei ihm? -- Nein, antwortete er, seit vorgestern war

ich nicht bei ihm. -- Und wo hast du die Nacht geschlafen? -- Bei

Bekannten auf den Peßki. -- Und woher, fragte ich, hast du die

Ohrgehänge genommen? -- Ich habe sie auf dem Trottoir gefunden, -- und

er sagte es so, als sei es nicht wahr, und ohne mich anzublicken. --

Hast du auch gehört, fragte ich ihn, daß dies und dies, und erzählte ihm

nun die Geschichte, am selben Abend und zur selben Stunde auf jener

Treppe geschehen ist? -- Nein, sagte er, ich habe nichts gehört. -- Er

hörte mit weit aufgerissenen Augen auf das, was ich ihm erzählte, und

ward plötzlich weiß wie Kalk. Ich erzähle weiter, siehe da, er nimmt

seine Mütze und will aufstehen. Da wollte ich ihn festhalten und sage,

warte ein wenig, Nikolai, willst du nicht eins trinken? Ich gab einem

Jungen ein Zeichen, daß er die Tür zuhalten soll, und kam hinter dem

Ladentisch hervor, er aber springt auf, stürzt auf die Straße und läuft

um die Ecke, -- weg war er. Da verlor ich meine Zweifel, es ist sein

Werk, sein Verbrechen ...<«

»Sicher! ...« sagte Sossimoff.

»Warte! Höre zu Ende! Selbstverständlich beeilte man sich schleunigst,

Nikolai zu finden; Duschkin wurde verhaftet und Haussuchung bei ihm

gehalten, Dmitri sperrte man auch ein; die Bekannten von Nikolai, bei

denen er die letzte Nacht geschlafen hat, wurden gleichfalls hergenommen

-- und vorgestern brachte man Nikolai selbst; man hatte ihn in der Nähe

des N.schen Schlagbaums in einer Spelunke aufgefangen. Er war dorthin

gekommen, hatte sein silbernes Kreuz vom Halse genommen und ein Glas

Schnaps dafür verlangt. Man hatte es ihm auch gegeben. Nach einer Weile

ging die Frau in den Kuhstall und sah durch eine Ritze, daß Nikolai in

der Scheune nebenan an einen Balken seinen Gürtel gebunden hatte und

eine Schlinge gemacht hatte; dann stieg er auf einen Klotz und wollte

die Schlinge um den Hals legen; die Frau schrie aus vollem Halse, und

man lief zusammen. -- >Du bist so einer!< -- >Führt mich,< sagte er,

>auf das Polizeibureau, ich will alles bekennen.< Nun, man schaffte ihn

mit den gehörigen Ehrenbezeigungen in das Polizeibureau, das heißt

hierher. Allerhand Fragen wurden ihm dort gestellt, wer, woher, wie alt

-- >zweiundzwanzig< und dergleichen. Frage: >Als du und Dmitri

arbeitetet, habt ihr nicht jemand auf der Treppe in der und der Stunde

gesehen?< Antwort: >Gewiß sind Menschen vorbeigegangen, aber wir haben

sie uns nicht gemerkt.< >Habt ihr nicht Lärm oder ähnliches gehört?<

>Wir haben nichts besonderes gehört.< >Wußtest du aber, Nikolai, daß am

selben Tage die Witwe so und so an diesem Tage und zu der und der Stunde

mit ihrer Schwester ermordet und beraubt wurde?< >Ich habe gar nichts

gewußt, zum ersten Male hörte ich davon in der Kneipe am dritten Tage

von Afanassi Pawlowitsch.< >Und woher hast du die Ohrgehänge?< >Ich habe

sie auf dem Trottoir gefunden.< >Warum bist du am anderen Tage nicht mit

Dmitri zur Arbeit gekommen?< >Weil ich angefangen hatte zu bummeln.<

>Und wo hast du gebummelt?< >Ja, dort und dort.< >Warum liefst du von

Duschkin weg?< >Weil ich große Angst bekam.< >Warum bekamst du Angst?<

>Daß man mich verhören wird.< >Wie konntest du denn davor Angst

bekommen, wenn du dich vollkommen unschuldig fühlst??< ... Nun, glaub

oder glaub mir nicht, Sossimoff, diese Frage wurde gestellt und

buchstäblich mit diesen Worten, ich weiß es bestimmt, man hat es mir

genau mitgeteilt! Wie findest du das? Wie findest du das?«

»Aber, es existieren doch Beweise.«

»Ich spreche jetzt nicht von den Beweisen, sondern von der

Fragestellung, darüber, wie sie ihre Aufgabe auffassen! Aber, zum Teufel

damit! ... Also sie haben so lange gepreßt und gequetscht, bis er

bekannte, >ich habe sie,< sagte er, >nicht auf dem Trottoir, sondern in

der Wohnung gefunden, wo ich mit Dmitri arbeitete.< >Wie verhält sich

denn das?< >Wir arbeiteten den ganzen Tag bis acht Uhr und wollten schon

nach Hause gehen, da nahm Dmitri einen Pinsel, schmierte mir in die

Fratze Farbe und lief davon und ich ihm nach. Und ich lief hinter ihm

her und schrie aus vollem Halse; wie ich aber von der Treppe unter den

Torweg kam, stieß ich im vollen Laufe mit dem Hausknecht und einigen

Herren zusammen, -- wieviel Herren es waren, erinnere ich mich nicht,

der Hausknecht schimpfte mich aus, auch der andere Hausknecht schimpfte

mich, die Frau des Hausknechtes kam heraus und schimpfte; ein Herr, der

mit einer Dame durch den Torweg kam, schimpfte auch, weil ich und Dmitri

quer im Wege lagen, -- ich hatte Dmitri an den Haaren gepackt, ihn

hingeworfen und versetzte ihm Püffe, Dmitri hatte, unter mir liegend,

mich auch an den Haaren und puffte mich, wir taten es nicht im Ernst,

sondern in aller Freundschaft, im Scherze. Dmitri machte sich von mir

los und lief auf die Straße, ich lief ihm nach, holte ihn aber nicht ein

und ging in die Wohnung allein zurück, -- es mußte noch aufgeräumt

werden. Ich begann das Werkzeug zu sammeln und wartete auf Dmitri,

vielleicht kommt er noch. Und bei der Türe im Vorzimmer, an der Wand, in

einem Winkel, trat ich auf ein Kästchen. Ich sehe, es liegt da,

eingeschlagen in Papier. Das Papier nahm ich ab und sah solche ganz

winzige Häkchen, ich machte sie auf und im Kästchen lagen die Ohrgehänge

...<«

»Hinter der Tür? Hinter der Tür lag es? Hinter der Tür?« rief plötzlich

Raskolnikoff, sah Rasumichin mit einem trüben, erschreckten Blick an und

erhob sich langsam, sich mit der Hand stützend, vom Sofa.

»Ja ... aber was ist denn los? Was ist mit dir? Was hast du?« Rasumichin

erhob sich auch von seinem Platze.

»Nichts! ...« antwortete kaum hörbar Raskolnikoff, sank wieder auf das

Kissen zurück und wandte sich von neuem zu der Wand.

Alle schwiegen eine Weile.

»Er war wahrscheinlich eingeschlummert, noch halb im Schlafe,« sagte

endlich Rasumichin und blickte Sossimoff fragend an; jener machte eine

leichte verneinende Bewegung mit dem Kopfe.

»Na, fahr fort,« sagte Sossimoff, »was weiter?«

»Ja, was weiter? Als er die Ohrgehänge erblickte, vergaß er sofort die

Wohnung und Dmitri, nahm seine Mütze und lief zu Duschkin hin und

erhielt von ihm, wie es dir bekannt ist, einen Rubel, ihm log er aber

vor, daß er sie auf dem Trottoir gefunden hätte, und fing sofort an zu

bummeln. Von dem Morde aber bestätigt er das früher gesagte: >Ich weiß

von gar nichts, habe es erst am dritten Tage gehört!< >Und warum bist du

bis jetzt nicht gekommen?< >Vor Angst.< >Und warum wolltest du dich

erhängen?< >Vor lauter Gedanken.< >Was für Gedanken?< >Daß man mich

verurteilen würde.< Nun, das ist die ganze Geschichte. Jetzt, was meinst

du, daß sie daraus gefolgert haben?«

»Ja, was ist da zu denken, es ist eine Spur, wenn sie auch unbedeutend

ist, so ist es doch eine Spur. Eine Tatsache. Soll man deinen

Anstreicher etwa in Freiheit setzen?«

»Ja, sie halten ihn jetzt einfach für den Mörder! Sie haben keinen

Zweifel mehr ...«

»Das geht zu weit, du bist hitzig. Nun aber die Ohrgehänge? Du mußt doch

selbst zugeben, -- wenn am selben Tage und zur selben Stunde die

Ohrgehänge aus dem Kasten der Alten in die Hände von Nikolai geraten, --

daß sie in irgendeiner Weise zu ihm hingekommen sein müssen? Das hat

doch nicht wenig zu sagen bei solch einer Untersuchung.«

»Wie hingekommen! Wie sie hingekommen sind?« rief Rasumichin aus. »Und

du als Arzt, du, der vor allen Dingen verpflichtet ist, den Menschen zu

studieren und der Gelegenheit hat, eher als jeder andere, die

menschliche Natur kennenzulernen, -- kannst du denn nicht nach all

diesen gegebenen Anzeichen sehen, was für eine Natur dieser Nikolai ist?

Kannst du denn nicht auf den ersten Blick sehen, daß alles, was er bei

den Verhören ausgesagt hat, die heiligste Wahrheit ist? Sie sind genau

so in seine Hände geraten, wie er ausgesagt hat. Er ist auf ein Kästchen

getreten und hat es aufgehoben.«

»Heiligste Wahrheit! Er hat aber doch selbst eingestanden, daß er das

erstemal gelogen hat?«

»Höre mich an, höre aufmerksam zu, -- der Hausknecht, Koch und

Pestrjakoff, auch der andere Hausknecht, die Frau des ersten

Hausknechtes und eine Bekannte von ihr, die zur selben Zeit in der

Wohnung des Hausknechtes saßen, und der Hofrat Krjukoff, der in

demselben Augenblick aus einer Droschke gestiegen und mit einer Dame Arm

in Arm durch den Torweg gegangen war, -- alle, also acht oder zehn

Zeugen, sagen einstimmig aus, daß Nikolai den Dmitri zu Boden gedrückt,

auf ihm lag und ihn schlug, und daß jener ihn an den Haaren gepackt

hatte und ebenso auf ihn schlug. Sie liegen beide quer im Wege und

versperren den Durchgang; sie werden von allen geschimpft und sie liegen

da, wie >kleine Kinder< aufeinander (buchstäblicher Ausdruck der

Zeugen), kreischen, prügeln sich und lachen, lachen beide um die Wette,

mit den komischsten Fratzen und laufen auf die Straße, gleich Kindern,

hinaus einander zu fangen. Hast du gehört? Nun merke dir jetzt, -- oben

liegen die Körper noch warm, hörst du, noch warm, so fand man sie! Wenn

sie oder auch Nikolai nur allein, gemordet und dabei den Kasten

aufgebrochen und geraubt hätten oder auch nur einigermaßen an dem Raube

beteiligt gewesen wären, erlaube mir nur die eine Frage dir vorzulegen,

-- ist solch eine seelische Stimmung, das heißt, Kreischen, Lachen,

kindisches Prügeln in dem Torwege -- mit Beilen, Blut, mit

verbrecherischer Schlauheit, Vorsicht, Raub vereinbar? Sie haben soeben

noch vor fünf oder zehn Minuten gemordet, -- denn es muß so stimmen, die

Körper waren ja noch warm -- und plötzlich lassen sie die Leichen liegen

und die Wohnung offen, wobei sie wissen, daß soeben Menschen dorthin

gegangen sind, kümmern sich nicht um die Beute und wälzen sich wie

kleine Kinder auf dem Wege, lachen und lenken die allgemeine

Aufmerksamkeit auf sich -- und dies alles bezeugen einstimmig zehn

Zeugen!«

»Sicher ist es sonderbar! Selbstverständlich ist dies doch unmöglich,

aber ...«

»Nein, Bruder, es gibt kein aber, -- sondern wenn die Ohrgehänge, die

zur selben Stunde und am selben Tage in Nikolais Hände geraten sind,

tatsächlich einen wichtigen ihn belastenden Beweis ausmachen, -- der

jedoch durch seine Aussagen einfach erklärt wird, also noch ein

_strittiger Beweis ist_, -- muß man doch auch die entlastenden Tatsachen

in Erwägung ziehen und um so mehr, als dies _unwiderlegbare_ Tatsachen

sind. Und glaubst du wohl, nach der Art unserer Jurisprudenz, daß sie

dies anerkennen wird, oder daß sie fähig ist, solch eine Tatsache, --

die ausschließlich auf rein psychologischer Unmöglichkeit, nur auf

seelischer Stimmung allein begründet ist, -- als eine unanfechtbare und

alle belastenden und sachlichen Momente, wie sie auch sein mögen,

widerlegende Tatsache anzuerkennen? Nein, sie werden es nicht

anerkennen, keineswegs, denn man hat das Kästchen gefunden, werden sie

sagen, und der Mensch wollte sich erhängen, -- >was nicht geschehen

könnte, wenn er sich nicht schuldig fühlte<. Das ist die Hauptfrage,

darum ereifere ich mich auch! Verstehe es doch!«

»Ja, ich sehe es auch, daß du dich ereiferst. Warte, ich vergaß dich zu

fragen, wodurch ist es nachgewiesen, daß das Kästchen mit den

Ohrgehängen tatsächlich von der Alten stammt?«

»Das ist nachgewiesen,« antwortete Rasumichin mit gerunzelten

Augenbrauen und anscheinend mit Unlust. »Koch hat das Ding erkannt und

den Pfandgeber genannt, und dieser hat bewiesen, daß die Ohrgehänge ihm

gehören.«

»Das ist schlimm. Jetzt noch eins, -- hat jemand Nikolai gesehen, als

Koch und Pestrjakoff allein hinaufgingen, und kann man es nicht

irgendwie beweisen?«

»Das ist es ja, daß niemand ihn gesehen hat,« antwortete Rasumichin

ärgerlich, -- »das ist ja das Schlimme; sogar Koch und Pestrjakoff haben

Nikolai und Dmitri nicht bemerkt, als sie hinaufgingen, obgleich ihr

Zeugnis jetzt nicht viel bedeuten würde. >Wir haben gesehen,< sagen sie,

>daß die Wohnung offen war, daß man darin wahrscheinlich arbeitete, aber

wir haben im Vorübergehen nicht darauf geachtet und erinnern uns nicht

genau, ob in dem Momente dort Arbeiter waren oder nicht.<«

»Hm. Also gibt es nur eine einzige Rechtfertigung: die, daß sie einander

Püffe versetzt und gelacht haben. Angenommen, dies ist ein starker

Beweis, aber ... Erlaube mal, wie erklärst du selbst den ganzen Vorgang?

Wodurch willst du den Fund der Ohrgehänge erklären, wenn er sie

tatsächlich so gefunden hat, wie er angibt?«

»Wie ich es erkläre? Ja, was ist da zu erklären, die Sache ist klar.

Wenigstens der Weg, den man bei dieser Sache gehen muß, ist klar und

bewiesen, und gerade das Kästchen hat ihn gezeigt. Der wirkliche Mörder

hat die Ohrgehänge verloren. Der Mörder war oben, als Koch und

Pestrjakoff klopften, und saß eingeschlossen dort. Koch machte die

Dummheit und ging nach unten, da sprang der Mörder heraus und lief

ebenfalls nach unten, denn er hatte keinen anderen Ausweg. Auf der

Treppe versteckte er sich vor Koch, Pestrjakoff und dem Hausknecht in

der leeren Wohnung, und zwar in dem Augenblicke, als Dmitri und Nikolai

herausgelaufen waren; er stand hinter der Türe, als der Hausknecht und

die anderen nach oben gingen, wartete bis die Schritte verhallten und

ging in aller Seelenruhe hinunter, genau im selben Augenblicke, als

Dmitri und Nikolai auf die Straße gelaufen waren, alles fort und niemand

im Torwege war. Vielleicht hat man ihn auch gesehen, aber nicht

beachtet; es gehen ja nicht wenige Menschen dort aus und ein. Und das

Kästchen ist ihm aus der Tasche gefallen, als er hinter der Tür stand,

und er hat es nicht gemerkt, denn er mußte an anderes denken. Das

Kästchen aber beweist klar, daß er dort gestanden hat. So ist die ganze

Sache!«

»Das ist schlau. Nein, Bruder, das ist sehr schlau. Das ist zu schlau!«

»Aber warum denn, warum?«

»Ja, weil alles viel zu glücklich verlief ... und sich gestaltete ...

wie auf dem Theater.«

»Ach,« rief Rasumichin und wollte fortfahren, aber in diesem Augenblicke

öffnete sich die Tür und es trat eine neue, von keinem der Anwesenden

gekannte Person herein.

Sämtliche Werke 1-2 · 第 25 / 66 题