Er war jedoch nicht ganz besinnungslos während seiner Krankheit; es war
ein fieberhafter Zustand mit Traumgesichten und halbem Bewußtsein. An
vieles konnte er sich später erinnern. Bald schien es ihm, als versammle
sich eine Menge Menschen um ihn, die ihn irgendwohin fort tragen wollten
und sich seinetwegen sehr viel stritten und zankten. Bald war er wieder
allein im Zimmer, alle waren weggegangen und fürchteten sich vor ihm,
nur zuweilen öffnete man die Türe, um ihn zu betrachten, man drohte ihm,
verabredete unter sich etwas, lachte und reizte ihn. Nastasja sah er oft
um sich, auch unterschied er noch einen Menschen, der ihm sehr bekannt
schien, aber wer es war -- konnte er nicht herausbekommen, das peinigte
ihn, und er weinte sogar. Manchmal schien es ihm, als liege er schon
einen Monat, ein anderes Mal aber -- als wäre es noch derselbe Tag.
_Jenes_ aber, _jenes Ereignis_ hatte er völlig vergessen; dafür aber
dachte er immerfort, daß er etwas vergessen habe, was er nicht hätte
vergessen dürfen, -- er quälte sich, marterte sich, um darauf zu kommen,
stöhnte, es überfiel ihn eine rasende Wut oder eine schreckliche
unerträgliche Angst. Dann versuchte er aufzustehen, wollte fliehen, aber
stets hielt ihn jemand mit Gewalt zurück und er verfiel wieder in
Schwäche und Bewußtlosigkeit. -- Endlich kam er ganz zu sich.
Das geschah an einem Morgen um zehn Uhr. Um diese Stunde zog an heiteren
Tagen die Sonne stets einen langen Streifen über die rechte Wand des
Zimmers und beleuchtete die Ecke an der Tür. An seinem Bette stand
Nastasja und noch ein Mann, der ihn mit großem Interesse betrachtete und
der ihm völlig unbekannt war. Das war ein junger Bursche in langem Rock,
mit einem kleinen Barte, der seinem Aussehen nach ein Kontordiener sein
mochte. Hinter der halbgeöffneten Tür blickte die Wirtin hervor.
Raskolnikoff erhob sich.
»Wer ist das, Nastasja?« fragte er und wies auf den Burschen.
»Sieh mal, er ist zu sich gekommen!« sagte sie.
»Zu sich gekommen,« wiederholte der Kontordiener.
Als sie hörte, daß er zu sich gekommen sei, schloß die Wirtin sofort die
Tür und verschwand. Sie war immer schon schüchtern und vertrug mit Mühe
Gespräche und Auseinandersetzungen; sie war gegen vierzig Jahre alt,
dick und fett, hatte schwarze Augenbrauen und schwarze Augen, war
gutmütig aus Wohlgenährtheit und Faulheit, ziemlich hübsch, genierte
sich aber über alle Maßen.
»Wer sind ... Sie?« wandte sich fragend Raskolnikoff an den
Kontordiener. In diesem Augenblicke wurde die Türe von neuem weit
geöffnet, und gebückt, da er viel zu groß war, trat Rasumichin ein.
»Das ist ja die reinste Schiffskajüte,« rief er beim Eintreten, »immer
stoße ich mit der Stirn an. Und das nennt sich eine Wohnung? Und du bist
zu dir gekommen, Bruder! Die liebe Praskovja sagte es mir.«
»Er ist soeben zu sich gekommen,« sagte Nastasja.
»Soeben zu sich gekommen,« bestätigte wieder der Kontordiener mit einem
Lächeln.
»Wer sind Sie aber, mein Herr?« fragte er plötzlich Rasumichin, sich an
ihn wendend. »Ich bin, sehen Sie, Rasumichin, Student, Sohn eines
Edelmannes, und er ist mein Freund. Nun, und wer sind Sie?«
»Ich bin in unserm Kontor Diener, beim Kaufmann Schelopajeff, und komme
in Geschäften.«
»Nehmen Sie bitte Platz auf diesem Stuhl.«
Rasumichin setzte sich auf einen andern, an der anderen Seite des
Tischchens.
»Das hast du gut getan, Bruder, daß du zu dir gekommen bist,« fuhr er
fort, sich an Raskolnikoff wendend. »Den vierten Tag schon hast du kaum
etwas gegessen oder getrunken. Löffelweise hat man dir ein wenig Tee
gegeben. Ich brachte ein paarmal Sossimoff mit. Erinnerst du dich
seiner? Er hat dich genau untersucht und sagte sofort, es sei nichts von
Bedeutung, -- es hat sich in den Kopf gezogen. Irgendein Unsinn mit den
Nerven, sagt er, schlechte Ernährung, zu wenig Bier und Meerrettich habe
man dir gegeben, daher auch die Krankheit, aber es habe nichts auf sich,
wird bald vergehen und gut werden. Sossimoff ist ein tüchtiger Kerl!
Fängt glänzend an damit, daß er dich kuriert. Na, ich will Sie nicht
aufhalten,« wandte er sich wieder an den Kontordiener, »wollen Sie Ihre
Wünsche erklären? Denk dir, Rodja, das ist schon der zweite Bote aus dem
Kontor, mit dem ersten habe ich gesprochen. Wer war es, der vor Ihnen da
war?«
»Ich glaube, es war vorgestern; ja es stimmt. Das war Alexei
Ssemenowitsch, er ist auch aus unserem Kontor.«
»Er ist wohl gescheiter als Sie, he?«
»Ja, Sie haben recht, er ist solider.«
»Das lobe ich mir, nun, fahren Sie fort.«
»Also, Afanassi Iwanowitsch Wachruschin, von dem, wie ich annehme, Sie
öfter gehört haben, sendet Ihnen auf Wunsch Ihrer Frau Mutter, durch
unser Kontor eine Anweisung,« begann der Diener, sich direkt an
Raskolnikoff wendend.
»Falls Sie wieder bei Bewußtsein sind, soll ich Ihnen fünfunddreißig
Rubel überreichen, die an Ssemjon Ssemenowitsch von Afanassi Iwanowitsch
auf Wunsch Ihrer Frau Mutter, wie in früheren Fällen, überwiesen werden.
Sie kennen ihn doch?«
»Ja ... ich erinnere mich ... Wachruschin ...« sagte Raskolnikoff
sinnend.
»Hören Sie -- er kennt den Kaufmann Wachruschin!« rief Rasumichin aus.
»Ist er nun nicht bei Bewußtsein? Übrigens, ich merke jetzt auch, daß
Sie ebenfalls ein gescheiter Mann sind. Na! Kluge Reden hört man gern.«
»Ja, er ist es, Wachruschin, Afanassi Iwanowitsch, und zufolge des
Wunsches Ihrer Frau Mutter, die schon einmal auf diesem Wege Ihnen Geld
gesandt hatte, hat er es auch diesmal nicht abgelehnt und hat Ssemjon
Ssemenowitsch in diesen Tagen Order erteilt, Ihnen fünfunddreißig Rubel
bis auf weiteres zu übergeben.«
»Das ist gut: >bis auf weiteres,< nicht übel war auch das >von Ihrer
Frau Mutter<. Nun, also wie ist Ihre Ansicht, -- ist er bei vollem
Bewußtsein oder nicht, he?«
»Mir ist es gleich. Sehen Sie, nur die Unterschrift müßte ich haben.«
»Er wird sie schon hinkritzeln. Was haben Sie da, ein Buch etwa?«
»Ein Quittungsbuch, hier.«
»Geben Sie es her. Nun, Rodja, erhebe dich. Ich will dich stützen;
unterschreibe mal, nimm die Feder, denn Geld brauchen wir jetzt mehr als
Syrup, Bruder.«
»Ist nicht nötig,« sagte Raskolnikoff und stieß die Feder von sich.
»Was ist nicht nötig?«
»Ich werde nicht unterschreiben.«
»Zum Teufel, wie denn ohne Quittung?«
»Ich brauche nicht ... das Geld ...«
»Das Geld brauchst du nicht? Nun, da lügst du, Bruder, ich kann es
bezeugen! ... Bitte, beachten Sie es nicht, er tut bloß so ...
phantasiert wieder. Das passiert ihm übrigens auch in wachem Zustande
... Sie sind ein verständiger Mann und wir wollen ihn leiten, das heißt,
einfach seine Hand führen, er wird dann unterschreiben. Helfen Sie ...«
»Übrigens, ich kann auch ein andres Mal kommen.«
»Nein, nein, warum wollen Sie sich bemühen. Sie sind ein verständiger
Mann ... Nun, Rodja, halte den Besuch nicht auf ... du siehst, er
wartet,« und er schickte sich in allem Ernste an, Raskolnikoffs Hand zu
führen.
»Laß, ich will selbst ...« sagte jener, nahm die Feder und quittierte im
Buche.
Der Kontordiener zählte das Geld auf und ging.
»Bravo! Willst du nun essen, Bruder?«
»Ich will essen,« antwortete Raskolnikoff.
»Haben Sie Suppe?«
»Ja, von gestern,« antwortete Nastasja, die die ganze Zeit dabei
gestanden hatte.
»Mit Kartoffel und Reis?«
»Ja, mit Kartoffel und Reis.«
»Ich kenne das auswendig. Bringe die Suppe und gib auch Tee.«
»Gleich.«
Raskolnikoff blickte auf alles mit großem Erstaunen und einer dumpfen
sinnlosen Angst. Er beschloß zu schweigen und abzuwarten, was weiter
kommen würde. »Ich träume nicht, wie es scheint,« dachte er, »es scheint
Wirklichkeit zu sein ...«
Nach ein paar Minuten kam Nastasja mit der Suppe zurück und erklärte,
daß sofort auch der Tee da sein werde. Mit der Suppe erschienen auch
zwei Löffel, zwei Teller und das ganze Zubehör: ein Salzfaß, Pfeffer,
Senf für das Fleisch und alles übrige, in einer Ordnung, die schon lange
nicht mehr geherrscht hatte. Sogar das Tischtuch war sauber.
»Es wäre nicht schlecht, liebe Nastasja, wenn Praskovja Pawlowna ein
paar Flaschen Bier beordern würde. Wir würden sie gerne trinken.«
»Auch noch!« murmelte Nastasja, ging aber, den Befehl auszuführen.
Raskolnikoff begann starr und angestrengt zu beobachten. Unterdessen
hatte sich Rasumichin zu ihm auf das Sofa gesetzt; ungeschickt, wie ein
Bär, umfaßte er mit der linken Hand Raskolnikoffs Kopf, trotzdem dieser
selber sich erheben konnte, und brachte ihm mit der rechten Hand den
Suppenlöffel an seinen Mund, nachdem er ein paarmal vorher darauf
geblasen hatte, damit er sich nicht verbrenne. Die Suppe war kaum warm.
Raskolnikoff verschlang voll Gier einen Löffel, dann einen zweiten und
einen dritten. Nachdem er aber ihm noch einige Löffel gereicht, hielt
Rasumichin plötzlich inne und erklärte, daß man des weiteren wegen
Sossimoff fragen müsse.
Nastasja kam mit zwei Flaschen Bier herein.
»Willst du Tee?«
»Ja, ich möchte gern.«
»Bring mal schnell den Tee, Nastasja, denn was Tee anbelangt, so kann
man wohl auch ohne Konsultation auskommen. Na, und hier ist Bier!«
Er setzte sich auf seinen Stuhl, rückte die Suppe und das Fleisch zu
sich und begann mit solch einem Appetit zu essen, als hätte er drei Tage
nichts bekommen.
»Ich esse jetzt jeden Tag bei euch zu Mittag, lieber Rodja,« brummte er,
soweit es ihm der vollgestopfte Mund erlaubte, »und zwar bewirtet mich
so die liebe Praskovja, deine Wirtin, und ehrt mich von ganzer Seele.
Ich bestehe selbstverständlich nicht darauf, aber protestiere auch nicht
dagegen. Da ist Nastasja mit dem Tee. Wie flink du bist! Nastasja,
willst du Bier?«
»Ne, du Spaßvogel.«
»Und wie steht es mit Tee?«
»Tee möchte ich wohl.«
»Gieß ein. Warte, ich will dir selbst eingießen; setz dich an den
Tisch.«
Er machte sich sofort daran, goß eine Tasse ein, dann eine zweite, ließ
sein Essen stehen und setzte sich wieder auf das Sofa hin. Wie früher,
umfaßte er mit der linken Hand den Kopf des Kranken, richtete ihn auf
und begann ihm den Tee löffelweise einzuflößen, wobei er wieder
ununterbrochen und sehr eifrig auf den Löffel blies, als bestände in
diesem Blasen das wesentlichste und heilsamste Moment für die Genesung.
Raskolnikoff schwieg und sträubte sich nicht, obwohl er genügend Kraft
in sich fühlte, sich zu erheben und ohne fremde Hilfe auf dem Sofa zu
sitzen, nicht bloß die Hände zu benutzen, um den Löffel oder die Tasse
zu halten, sondern vielleicht auch herumzugehen. Aber aus einer
eigentümlichen, fast tierischen Schlauheit heraus kam es ihm plötzlich
in den Sinn, vorläufig seine Kräfte zu verheimlichen, sich zu verstellen
und sich auch nötigenfalls den Anschein zu geben, als verstünde er noch
nicht alles, indessen aber zuzuhören und zu erfahren, was um ihn
vorgehe. Übrigens überwand er nicht seinen Widerwillen, -- nachdem er
etwa zehn Löffel Tee geschlürft hatte, befreite er plötzlich seinen Kopf
von der Umarmung, stieß den Löffel von sich und sank wieder auf die
Kissen zurück. Unter seinem Kopfe lagen jetzt wirklich Kissen, --
gefüllt mit weichem Flaum und mit sauberen Überzügen bezogen; das hatte
er auch schon bemerkt und darüber nachgedacht.
»Die liebe Praskovja muß uns heute noch Himbeersaft schicken, um ihm ein
Getränk zu machen,« sagte Rasumichin, indem er seinen Platz wieder
einnahm und sich an die Suppe und das Bier machte.
»Wo soll sie den Himbeersaft für dich hernehmen?« fragte Nastasja, die
die Untertasse auf ihren ausgespreizten fünf Fingern hielt und den Tee
durch ein Stück Zucker hindurchsog.
»Den Himbeersaft wird sie im Laden erhalten, mein Freund. Siehst du,
Rodja, während du krank warst, ist hier eine ganze Geschichte passiert.
Als du in solcher spitzbübischen Weise von mir ausrücktest und mir deine
Wohnung nicht sagtest, packte mich plötzlich eine Wut, daß ich beschloß,
dich aufzusuchen und zu strafen. Am selben Tage begann ich schon. Ich
wanderte und wanderte umher, fragte hier und fragte dort! Deine jetzige
Wohnung hatte ich vergessen, erinnerte mich ihrer auch nicht, weil ich
sie gar nicht kannte. Nun, und von der früheren Wohnung wußte ich bloß,
daß sie an den Fünfecken lag, im Hause Karlamoff. Ich suchte und suchte
dies Haus von Karlamoff, -- und später fand sich's, daß es gar nicht
Karlamoff, sondern Buch gehörte, wie man sich zuweilen im Klange irren
kann. Na, ich wurde böse, und ging auf gut Glück am anderen Tage in das
Adreßbureau, und stell dir vor, -- in zwei Minuten hatte man dich dort
herausgefunden. Du bist dort eingetragen.«
»Ich bin dort eingetragen.«
»Das stimmt, aber den General Koboleff, siehst du, konnte man dort gar
nicht finden. Na, darüber ließe sich viel reden. Kaum war ich hier
eingebrochen, als ich sofort mit allen deinen Angelegenheiten bekannt
wurde; mit allen, mit allen, Bruder, ich weiß alles. Nikodim Fomitsch
lernte ich kennen, Ilja Petrowitsch zeigte man mir, auch mit dem
Hausknecht wurde ich bekannt, ebenso Herrn Alexander Grigorjewitsch
Sametoff, dem Sekretär in dem Polizeibureau und zu guter Letzt mit der
lieben Praskovja, -- das war die Krone vom ganzen. Sie, Nastasja, weiß
es auch ...«
»Er hat sich eingeschmeichelt,« murmelte Nastasja mit einem schelmischen
Lächeln.
»Versüßen Sie doch Ihren Tee, Nastasja Nikiforowna.«
»Zum Kuckuck mit dir!« rief plötzlich Nastasja und prustete vor Lachen.
»Ich heiße übrigens Nastasja Petrowna und nicht Nikiforowna,« fügte sie
hinzu, nachdem sie aufgehört hatte zu lachen.
»Das will ich mir merken. Na, also, Bruder, um nicht viel Worte zu
verlieren, ich wollte, siehst du, zuerst hier einen elektrischen Strom
durchlassen, um alle Vorurteile in hiesiger Gegend mit einem Male zu
vertilgen, aber die liebe Praskovja siegte. Ich hatte gar nicht
erwartet, Bruder, daß sie so ... lieb sein würde ... Was meinst du?«
Raskolnikoff schwieg, obwohl er keinen Augenblick seinen erregten Blick
von ihm gewandt hatte, und jetzt noch fortfuhr, ihn starr anzublicken.
»Und sogar sehr lieb,« fuhr Rasumichin fort, ohne sich durch
Raskolnikoffs Schweigen stören zu lassen, und als bekräftige er dessen
Antwort, »und in bester Ordnung in jeder Hinsicht.«
»Das ist einer!« rief Nastasja wieder aus, der dieses Gespräch eine
unbeschreibliche Wonne zu bereiten schien.
»Schlimm war es, Bruder, daß du von Anfang an nicht verstanden hast, die
Sache richtig anzufassen. Mit ihr mußte man anders verfahren. Sie ist
sozusagen ein problematischer Charakter! Doch vom Charakter später ...
Eins nur, zum Beispiel, wie konntest du es soweit kommen lassen, daß sie
wagte, dir kein Mittagessen zu schicken? Oder zum Beispiel dieser
Wechsel? Bist du etwa verrückt geworden, Wechsel zu unterzeichnen. Oder
wiederum diese in Aussicht genommene Ehe, als noch die Tochter, Natalja
Jegorowna, lebte ... Ich weiß alles! übrigens, ich sehe, daß das eine
zarte Angelegenheit ist und ich ein Esel bin; entschuldige bitte.
Apropos: Dummheit; Praskovja Pawlowna ist gar nicht so dumm, Bruder, wie
man auf den ersten Blick meinen könnte, he?«
»Ja ...« sagte Raskolnikoff gedehnt, indem er zur Seite blickte, aber er
begriff, daß es vorteilhafter war, vom Thema nicht abzulenken.
»Nicht wahr?« rief Rasumichin aus, sichtlich erfreut, daß er Antwort
bekommen hatte. »Aber auch nicht klug, wie? Ein ganz, ganz
unberechenbarer Charakter! Zum Teil bin ich mir selber nicht ganz klar,
sage ich dir, Bruder ... Sie wird sicher ihre vierzig sein. Sie sagt,
sie sei sechsunddreißig, und das ist ihr gutes Recht. Übrigens, ich
schwöre dir, daß ich über sie mehr nach meinem Verstande, rein
metaphysisch urteile; hier haben sich Verwicklungen eingestellt,
schlimmer, als in der Algebra. Ich begreife nichts! -- Na, das ist
lauter Unsinn. Als sie sah, daß du nicht mehr Student bist, weder
Stunden noch Kleidung hast, bekam sie Furcht und da sie es nicht nötig
hat, nach dem Tode ihrer Tochter dich verwandtschaftlich zu behandeln,
und da du deinerseits dich in den Winkel verkrochst und den früheren
Verkehr nicht unterhieltest, faßte sie den Entschluß, dich aus der
Wohnung hinauszuwerfen. Sie hatte schon lange diese Absicht gehabt, aber
der Wechsel tat ihr leid. Außerdem hast du ja selbst versichert, daß
deine Mutter bezahlen würde ...«
»Das habe ich aus Schuftigkeit gesagt ... Meine Mutter muß beinahe
betteln gehen ... und ich log, damit man mich wohnen ließe und ... mir
zu essen gebe,« sagte Raskolnikoff laut und deutlich.
»Ja, das hast du vernünftig gemacht. Nur die Sache war die, daß sich ein
Herr Tschebaroff einfand, Hofrat und Geschäftsmann. Die liebe Praskovja
hätte ohne ihn nichts unternommen, sie ist doch zu schüchtern. Na, ein
Geschäftsmann aber ist nicht schüchtern, und das erste, was er
selbstverständlich tat, war, ihr die Frage vorzulegen, ob Aussicht da
sei, daß der Wechsel eingelöst werde? Die Antwort lautete, --
ja, denn es gibt so eine Mutter, die mit ihrer Pension von
hundertundfünfundzwanzig Rubel dem Rodenka helfen würde, wenn sie auch
selbst hungern müßte, und es gibt noch eine Schwester, die für ihren
Bruder sich schinden lassen würde. Darauf baute der Geschäftsmann ...
Halte dich nur ruhig! Ich habe jetzt alle deine Geheimnisse erfahren,
Bruder, du warst nicht umsonst gegen die liebe Praskovja offen, als du
noch auf verwandtschaftlichem Fuße mit ihr standest, jetzt aber sage ich
dir dies alles in aller Liebe ... Da haben wir es, ein ehrlicher und
gefühlvoller Mensch ist offen, spricht sich aus, ein Geschäftsmann aber
hört zu und kaut dazu und verspeist zu guter Letzt. Sie überließ also
diesen Wechsel, als hätte sie dafür Zahlung erhalten, jenem Tschebaroff,
und er genierte sich nicht und forderte die Summe auf gesetzlichem Wege.
Ich wollte, als ich dies alles erfuhr, ihm zur Beruhigung meines
Gewissens mit einem kalten Strahl kommen, aber da begann zwischen mir
und der lieben Praskovja die Harmonie, und ich ordnete an, daß die Sache
im Keime sozusagen erstickt werden sollte, indem ich mich verbürgte, daß
du bezahlen wirst. Ich habe mich für dich verbürgt, Bruder, hörst du?
Tschebaroff wurde hergerufen, man warf ihm zehn Rubel in den Rachen,
nahm den Wechsel ihm ab, und da habe ich die Ehre, ihn Ihnen zu
übergeben, -- man glaubt Ihnen nun aufs Wort -- nehmen Sie ihn, er ist
von mir, wie es sich gehört, eingerissen.«
Rasumichin legte den Wechsel auf den Tisch; Raskolnikoff blickte ihn an
und wandte sich ohne ein Wort zu sagen gegen die Wand. Rasumichin
berührte es peinlich.
»Ich sehe, Bruder,« sagte er nach einer Weile, »daß ich wieder eine
Dummheit gemacht habe. Ich dachte dich zu zerstreuen und mit Geplauder
zu erheitern, habe aber, wie es scheint, deine Galle aufgerührt.«
»Du warst es, den ich im Fieber nicht erkannte?« fragte Raskolnikoff
nach einigem Schweigen, ohne den Kopf umzuwenden.
»Ja, ich war es, und du gerietest sogar aus diesem Grunde in Wut,
besonders, als ich einmal Sametoff mitbrachte.«
»Sametoff? ... Den Sekretär? ... Warum?« Raskolnikoff wandte sich
schnell um und starrte Rasumichin an.
»Ja, was ist dir ... Warum regst du dich auf? Er wollte mit dir bekannt
werden; hatte selbst den Wunsch geäußert, weil ich viel mit ihm über
dich gesprochen habe ... Von wem hätte ich denn sonst soviel über dich
erfahren. Er ist ein prächtiger Bursche, Bruder, wundervoll ...
selbstverständlich in seiner Art. Jetzt sind wir Freunde, fast täglich
sehen wir uns. Ich bin in dieses Revier übergesiedelt. Du weißt es noch
nicht? Ich bin soeben umgezogen. Bei der Louisa waren wir ein paarmal.
Erinnerst du dich an Louisa Iwanowna?«
»Habe ich phantasiert?«
»Und ob? Du warst ja ganz ohne Bewußtsein.«
»Worüber habe ich phantasiert?«
»Nanu! Worüber du phantasiert hast? Es ist begreiflich, worüber man
phantasiert ... Nun, Bruder, wir wollen jetzt keine Zeit mehr verlieren,
zur Arbeit.«
Er stand vom Stuhle auf und nahm seine Mütze.
»Worüber habe ich phantasiert?«
»Er läßt nicht davon. Hast du Angst vor einem Geheimnis? Sei ruhig, von
-- einer Gräfin wurde nichts geredet. Aber von einer Bulldogge, von
Ohrgehängen und von allerhand Ketten, von der Krestowski-Insel und von
einem Hausknecht, von Nikodim Fomitsch und von Ilja Petrowitsch, seinem
Gehilfen hast du viel gesprochen. Ja, und außerdem geruhtest du dich
sogar sehr für deinen Strumpf zu interessieren. Klagtest: >Gebt ihn,<
sagtest du, >bitte<. Sametoff suchte in eigener Person in allen Winkeln
deine Strümpfe zusammen und überreichte dir den Schund mit seinen
parfümierten und mit Ringen besetzten Händen. Dann erst beruhigtest du
dich und hieltest diesen Schund Tag und Nacht in den Händen, man konnte
es dir nicht wegnehmen. Wahrscheinlich liegt er auch jetzt irgendwo
unter deiner Decke. Und dann batest du um Fransen von den Hosen, du
batest mit Tränen darum. Wir versuchten zu erfahren, was für Fransen du
wünschtest? Aber man konnte nichts verstehen ... Nun, an die Arbeit.
Hier sind fünfunddreißig Rubel, ich nehme zehn davon, und nach ein paar
Stunden werde ich Rechenschaft darüber abgeben. Unterdessen will ich
Sossimoff benachrichtigen, obwohl er ohnedem längst hier sein müßte,
denn es geht auf zwölf. Sie aber, Nastasja, sehen öfters nach, während
ich fort bin, und sorgen für ein Getränk oder etwas anderes, was er
wünschen sollte ... Und der lieben Praskovja werde ich selbst gleich
sagen, was nötig ist. Auf Wiedersehen!«
»Liebe Praskovja nennt er sie! Ach, du schlauer Kerl!« -- sagte Nastasja
hinter ihm drein.
Dann öffnete sie die Tür und begann zu horchen, aber sie hielt es nicht
aus und lief hinunter. Es interessierte sie doch zu sehr, was er mit der
Wirtin sprach; überhaupt konnte man sehen, daß sie von Rasumichin ganz
bezaubert war.
Kaum schloß sich die Tür hinter ihr, als der Kranke die Decke von sich
warf und wie wahnsinnig aus dem Bette sprang. Mit brennender,
krampfhafter Ungeduld hatte er gewartet, daß sie schneller fortgehen
würden, um sofort etwas zu tun. Aber was denn, was wollte er tun? -- ihm
schien es, als mußte es so sein, jetzt vergessen zu haben.
»Oh, Gott! Sag' du mir nur eins -- wissen sie alles oder wissen sie noch
nichts? Aber wenn sie schon alles wissen und sich bloß so anstellen,
mich irreführen, solange ich liege, um dann plötzlich einzutreten und zu
sagen, daß alles schon längst bekannt sei und daß sie bloß so ... Was
soll ich jetzt tun? Ich habe es vergessen, vergessen; plötzlich ist es
mir entschwunden und eben noch wußte ich es! ...«
Er stand mitten im Zimmer und blickte in qualvoller Unentschlossenheit
ringsumher; er ging zur Tür, öffnete sie und lauschte, aber das war es
nicht. Plötzlich, als hätte er sich erinnert, stürzte er zu der Ecke, wo
hinter den Tapeten das Loch war, sah alles nach, steckte die Hand in das
Loch und scharrte nach, aber auch das war es nicht. Er ging zum Ofen,
öffnete die Tür und begann in der Asche zu scharren; die Fransen von der
Hose und die Fetzen der zerrissenen Tasche lagen noch umher, wie er sie
hineingeworfen hatte, also hat niemand nachgesehen. Da erinnerte er sich
des Strumpfes, von dem Rasumichin soeben erzählt hatte. In der Tat, er
lag auf dem Sofa unter der Decke, aber er war so abgenutzt und
beschmutzt, daß Sametoff sicher nichts hatte sehen können.
»Bah, Sametoff ... das Polizeibureau! ... Warum ladet man mich ins
Polizeibureau? Wo ist die Vorladung? Bah! ... ich verwechsele ... das
war damals! Ich habe schon da den Strumpf besehen und jetzt ... jetzt
war ich krank. Warum ist aber Sametoff hergekommen? Warum hat Rasumichin
ihn mitgebracht? ...« murmelte er, ganz schwach, und setzte sich auf das
Sofa. »Was ist denn? Phantasiere ich weiter oder ist es Wirklichkeit? Es
scheint Wirklichkeit zu sein ... Ah, ich erinnere mich, ich muß fliehen!
Schnell fliehen, unbedingt, unbedingt fliehen! Ja ... aber wohin? Und wo
sind meine Kleider? Die Stiefel sind nicht da. Man hat sie weggeschafft!
Hat sie versteckt! Ich verstehe es! Ah, da ist der Mantel -- den haben
sie übersehen. Hier auf dem Tische liegt auch Geld, Gott sei Dank! Da
ist auch der Wechsel ... Ich nehme das Geld und gehe fort, will mir eine
andere Wohnung mieten, sie werden mich nicht finden! ... Ja, aber das
Adreßbureau? Sie werden mich finden! Rasumichin wird mich finden. Es ist
besser, ganz weit zu fliehen ... nach Amerika ... und ich pfeif' auf
sie! Ich will auch den Wechsel nehmen ... dort kann er von Nutzen sein
... Was soll ich noch mitnehmen? Sie denken, ich sei krank. Sie wissen
es nicht, daß ich gehen kann, hehehe! ... Ich habe es an ihren Augen
erraten, daß sie alles wissen. Wenn ich nur die Treppe hinunterkäme!
Aber wenn sie dort Wächter aufgestellt haben ... Polizeibeamte! Ist das
Tee? Ah, Bier ist auch übriggeblieben, eine halbe Flasche, es ist kalt!«
Er nahm die Flasche, in der noch ein ganzes Glas übrig war, und trank
sie in einem Zuge mit Genuß aus, als lösche er ein Feuer in seiner
Brust. Aber es verging kaum eine Minute, da stieg ihm das Bier zu Kopfe
und längs dem Rücken durchzog ihn ein leichtes, doch angenehmes
Frösteln. Er legte sich hin und zog die Decke über sich. Seine Gedanken,
die ohnedem krankhaft und ohne Zusammenhang waren, verwirrten sich immer
mehr, und bald überfiel ihn ein leichter und angenehmer Schlaf. Mit
Wonne suchte er mit dem Kopf eine Stelle in den Kissen aus, wickelte
sich fester in die weiche wattierte Decke ein, die jetzt an Stelle des
zerrissenen Mantels über ihm lag, seufzte leise und fiel in einen
tiefen, festen, kräftigenden Schlaf.
Er erwachte, als er jemand in das Zimmer eintreten hörte, öffnete die
Augen und erblickte Rasumichin, der die Türe weit geöffnet hatte und auf
der Schwelle stand, unentschlossen, ob er eintreten solle oder nicht.
Raskolnikoff erhob sich schnell und blickte ihn an, als gäbe er sich
Mühe, sich auf etwas zu besinnen.
»Ah, du schläfst nicht; nun, da bin ich! Nastasja, schlepp' das Bündel
her!« rief Rasumichin hinunter. »Du erhältst sofort Abrechnung ...«
»Wieviel Uhr ist es?« fragte Raskolnikoff und blickte erregt um sich.
»Du hast tüchtig geschlafen, Bruder; es ist Abend, etwa um sechs Uhr. Du
hast über sechs Stunden geschlafen ...«
»Oh, Gott! Was ist mit mir! ...«
»Ja, was soll denn sein? Zur Gesundheit ist's! Wohin treibt's dich denn?
Zu einem Stelldichein etwa? Die ganze Zeit gehört jetzt uns. Ich warte
schon drei Stunden, war ein paarmal hier, da du schliefst. Bei Sossimoff
war ich auch zweimal, er ist nicht zu Hause und basta! Das tut nichts,
er wird schon kommen! ...
In eigenen Angelegenheiten war ich auch fortgewesen. Ich bin ja heute
umgezogen, fix und fertig umgezogen mit meinem Onkel zusammen. Ich habe
nämlich jetzt einen Onkel ... Nun aber zum Teufel damit, jetzt zur
Sache. Gib mal das Bündel her, Nastasja. Wir wollen es gleich besorgen.
Und wie fühlst du dich?«
»Ich bin gesund, bin nicht krank ... Rasumichin, bist du schon lange
hier?«
»Ich sage dir, ich warte seit drei Stunden.«
»Nein, ich meine vorher?«
»Was vorher?«
»Seit wann kommst du hierher?«
»Ich habe es dir doch erzählt oder erinnerst du dich nicht?«
Raskolnikoff sann nach. Wie im Traume schwebte ihm das vorhin Geschehene
vor. Allein er konnte sich nicht entsinnen und blickte fragend
Rasumichin an.
»Hm!« sagte dieser. »Du hast es vergessen. Mir schien es schon damals,
daß du noch nicht ganz ... Jetzt nach dem Schlafe hast du dich erholt
... Tatsächlich, du siehst besser aus. Braver Junge! Nun aber zur Sache.
Du wirst dich gleich erinnern. Sieh mal her, lieber Bursche.«
Er begann das Bündel aufzumachen, das ihn sichtlich außerordentlich
interessierte. »Das, glaube mir, lag mir besonders auf dem Herzen. Denn
man muß doch aus dir einen Menschen machen. Wollen wir anfangen, und
zuerst von oben. Siehst du dieses Kaskett?« sagte er, indem er aus dem
Bündel eine ziemlich hübsche, aber auch sehr einfache und billige Mütze
hervorholte. -- »Laß es dir mal anprobieren.«
»Nachher ... später,« -- sagte Raskolnikoff, sich mürrisch wehrend.
»Nein, Rodja, sträube dich nicht, sonst wird es zu spät und auch ich
werde die ganze Nacht nicht einschlafen können, weil ich es ohne Maß
aufs Geratewohl gekauft habe. Es paßt genau!« -- rief er triumphierend
aus, nachdem er die Mütze anprobiert hatte, -- »paßt, wie angemessen!
Die Kopfbedeckung, Bruder, ist der wichtigste Teil des Anzuges, eine
tote Empfehlung. Mein Freund Tolstjakoff muß jedesmal seine
Kopfbedeckung abnehmen, wenn er irgendwo hinkommt, wo alle anderen in
Hüten und Mützen herumstehen. Alle glauben, er tue es aus sklavischer
Empfindung, nein, er schämt sich einfach seines Vogelnestes; er ist mal
schon so schüchtern. Nun, Nastenka, hier haben Sie zwei Kopfbedeckungen
(er holte aus einer Ecke den zerdrückten runden Hut von Raskolnikoff,
den er Gott weiß warum Palmerston nannte) -- diesen Palmerston und
dieses Kleinod. Taxiere mal. Rodja, was meinst du, das ich dafür bezahlt
habe? Nastasjuschka?« -- wandte er sich an sie, als er sah, daß
Raskolnikoff schwieg. »Zwanzig Kopeken wirst du wahrscheinlich gegeben
haben«, -- antwortete Nastasja.
»Zwanzig Kopeken, Dummkopf!« -- rief er beleidigt aus, -- »heutzutage
kauft man auch dich nicht mal für zwanzig Kopeken. Achtzig Kopeken habe
ich bezahlt! Und auch deshalb nur, weil sie schon getragen ist. Jedoch
mit der Bedingung, daß du im nächsten Jahre eine andere umsonst
erhältst, wenn diese abgetragen ist, bei Gott! Nun wollen wir zu den
Vereinigten Staaten von Amerika, wie man bei uns im Gymnasium sagte,
übergehen. Ich sage im voraus, daß ich auf die Hosen stolz bin!« -- und
er breitete vor Raskolnikoff ein paar graue Beinkleider aus leichtem,
wollenem Sommerstoff aus. -- »Weder ein Löchlein, noch ein Fleckchen,
dafür aber sehr anständig, obwohl sie getragen sind, ebensolch eine
Weste, in derselben Farbe, wie es die Mode verlangt. Und daß sie
getragen sind, ist offen gestanden auch besser, sie sind weicher, zarter
... Siehst du, Rodja, um in der Welt eine Karriere zu machen, genügte
es, meiner Meinung nach, sich stets nach der Saison zu richten; wenn man
im Monat Januar keinen Spargel ißt, behält man im Beutel ein paar Rubel
mehr; ebenso ist es mit diesem Kauf. Wir haben jetzt die Sommersaison,
und da habe ich auch danach den Einkauf gemacht, denn zur Herbstsaison
wird so wie so ein wärmerer Stoff vonnöten sein, also muß man es
fortwerfen ... um so mehr, als dies alles bis dahin von selbst verfallen
wird, wenn nicht aus stärker gewordenem Luxusbedürfnis, so aus inneren
Zerrüttungen. Nun taxiere sie mal. Wieviel meinst du? -- Zwei Rubel
fünfundzwanzig Kopeken! Und vergiß nicht mit derselben Bedingung, hast
du sie vertragen, erhältst du im nächsten Jahre ein anderes Paar
umsonst. In Fedjajeffs Laden handelt man nicht anders: man bezahlt nur
einmal und hat fürs ganze Leben genug, denn ein zweites Mal geht man
selbst nicht hin. Jetzt zu den Stiefeln, -- wie gefallen sie dir? Man
sieht es wohl, daß sie getragen sind, aber ein paar Monate halten sie
noch aus, denn es ist ausländische Arbeit und ausländische Ware; der
Sekretär der englischen Botschaft hat sie vorige Woche auf dem
Trödelmarkte losgeschlagen, er hat sie nur sechs Tage getragen, brauchte
aber sehr notwendig Geld. Der Preis ist ein Rubel fünfzig Kopeken. Ist
das nicht ein glücklicher Einkauf?«
»Aber vielleicht passen sie nicht!« -- bemerkte Nastasja.
»Nicht passen! Und was ist das?« -- er zog aus der Tasche den alten,
eingetrockneten, zerrissenen, ganz mit altem Schmutz bedeckten Stiefel
Raskolnikoffs. -- »Ich bin mit Vorrat hingegangen; nach diesem Scheusal
hat man das richtige Maß festgestellt. Alles war sorgfältig bedacht. Und
wegen der Wäsche habe ich mich mit der Wirtin beraten. Da sind drei
leinene Hemden, mit modernen Kragen ... Also nun die Rechnung: achtzig
Kopeken die Mütze, zwei Rubel fünfundzwanzig die übrigen Kleider, im
ganzen drei Rubel und fünf; ein Rubel und fünfzig die Stiefel, -- weil
sie gar so gut sind, -- macht vier Rubel fünfundfünfzig und die ganze
Wäsche fünf Rubel -- wir haben einen Engrospreis gemacht, -- ist in
Summa neun Rubel fünfundfünfzig Kopeken. Den Rest -- fünfundvierzig
Kopeken in Kupfer bitte ich zurückzunehmen, da lege ich sie hin. Und
nun, Rodja, bist du in deiner ganzen Kleidung hergestellt, denn dein
Mantel kann, meiner Meinung nach, nicht bloß weiterdienen, sondern er
macht sogar einen besonders anständigen Eindruck; das macht, wenn man
bei einem guten Schneider arbeiten läßt. Was Strümpfe und das übrige
anbelangt, das überlasse ich dir selbst; wir haben an Geld noch
fünfundzwanzig Rubel; wegen der lieben Praskovja und der Miete kannst du
ruhig sein. Ich sage dir, du hast einen unbegrenzten Kredit. Jetzt aber
erlaube mal, dir die Wäsche zu wechseln, Bruder, vielleicht steckt die
Krankheit jetzt bloß noch im Hemde ...«
»Laß es! Ich will nicht!« wehrte sich Raskolnikoff, der voll Widerwillen
dem gesucht neckischen Bericht Rasumichins über den Einkauf der Sachen
zugehört hatte.
»Das geht nicht an, Bruder. Warum habe ich mich denn abgeschunden!«
bestand Rasumichin auf seinem Verlangen. »Nastasjuschka, genieren Sie
sich nicht, sondern helfen Sie, -- so, so!«
Und ungeachtet des Widerstandes Raskolnikoffs, hatte er ihm doch die
Wäsche gewechselt. Der aber fiel auf die Kissen zurück und ein paar
Minuten redete er kein Wort.
»Die werde ich noch lange nicht los!« dachte er.
»Von welchem Gelde ist denn dies alles gekauft?« fragte er endlich,
indem er nach der Wand blickte.
»Von welchem Gelde? Das ist mal eine Frage! Doch von deinem eigenen.
Vorhin war doch der Bureaudiener von Wachruschin hier, deine Mutter hat
es dir gesandt, oder hast du auch das vergessen?«
»Jetzt erinnere ich mich ...« sagte Raskolnikoff nach langem und
düsterem Nachdenken. Rasumichin sah ihn hin und wieder voll Unruhe mit
zusammengezogenen Brauen an. Da öffnete sich die Türe und ein großer
kräftiger Mann trat ein, der dem Aussehen nach Raskolnikoff schon ein
wenig bekannt vorkam.
»Sossimoff! Endlich!« rief Rasumichin erfreut aus.