VI.

Später erfuhr Raskolnikoff ganz zufällig, warum der Händler und dessen

Frau Lisaweta zu sich eingeladen hatten. Es handelte sich um eine rein

alltägliche Sache und enthielt gar nichts Besonderes. Eine zugereiste,

verarmte Familie wollte ihre Sachen, Kleider und ähnliches verkaufen. Da

es unvorteilhaft war, auf dem Markte zu verkaufen, suchte man unter der

Hand eine Händlerin; Lisaweta nun befaßte sich mit dergleichen, -- sie

übernahm Aufträge, besorgte allerhand Gänge und hatte eine recht

ansehnliche Praxis, weil sie sehr ehrlich war und immer den äußersten

Preis bot, -- und bei dem Preis, den sie nannte, blieb sie stets. Sie

redete überhaupt wenig und war, wie gesagt, still und verschüchtert ...

Raskolnikoff war in der letzten Zeit abergläubisch geworden. Und Spuren

dieses Aberglaubens blieben in ihm noch für lange hinaus untilgbar

haften. Und er war später stets geneigt, in dieser ganzen Angelegenheit

eine gewisse Bestimmung, eine geheimnisvolle Fügung, wie die Existenz

besonderer Einflüsse und Zufälle, zu sehen. Noch im Winter hatte ihm

sein Bekannter, ein Student, Pokoreff, bei seiner Abreise nach Charkoff

beiläufig im Gespräche die Adresse der Alten, Aljona Iwanowna,

mitgeteilt, für den Fall, daß er einmal etwas versetzen möchte. Er ging

lange nicht zu ihr, da er Stunden gab und sich damit einigermaßen

durchschlug. Vor anderthalb Monaten erinnerte er sich der Adresse; er

hatte zwei Sachen, die zum Versetzen taugten, -- eine alte silberne Uhr

von seinem Vater und einen kleinen goldenen Ring mit drei roten

Steinchen, den seine Schwester ihm beim Abschied als Andenken geschenkt

hatte. Er beschloß den Ring hinzubringen; nachdem er die Alte gefunden

hatte, empfand er vom ersten Augenblick an, ohne von ihr etwas Näheres

zu wissen, einen unwiderstehlichen Widerwillen gegen sie; er nahm von

ihr zwei »Scheinchen« und ging auf dem Rückwege in ein schlechtes

Wirtshaus. Da bestellte er Tee, setzte sich hin und verfiel in ein

tiefes Nachdenken. Ein unheimlicher Gedanke löste sich in seinem Kopfe

aus, wie ein Küchlein aus den Eierschalen, und nahm Besitz von ihm.

An einem anderen Tische, fast neben ihm, saß ein Student, den er nicht

kannte, und dessen er sich nicht erinnerte, und ein junger Offizier. Sie

hatten eine Partie Billard gespielt und tranken nun Tee. Da hörte

Raskolnikoff, wie der Student dem Offiziere von einer Wucherin Aljona

Iwanowna, der Witwe eines Kollegienregistrators, erzählte und ihm ihre

Wohnung nannte. Das berührte Raskolnikoff seltsam, -- er kommt soeben

von dort und hier unterhält man sich von ihr. Gewiß, es ist ein Zufall,

aber er kann sich gerade jetzt nicht von einem äußerst ungewöhnlichen

Gefühl losmachen, ihm ist es, als wolle ihm jemand dazu behilflich sein,

-- der Student erzählte allerhand Einzelheiten von dieser Aljona

Iwanowna. »Sie ist ausgezeichnet,« sagte er, »man kann bei ihr stets

Geld erhalten. Sie ist reich wie ein Jude, kann auf einmal fünftausend

geben, geniert sich aber auch nicht, ein Pfand von einem Rubel

anzunehmen. Viele von meinen Bekannten waren bei ihr. Aber sie ist ein

Scheusal ...«

Und er erzählte, wie böse und launisch sie sei, und daß das Pfand

verfallen sei, wenn man den Termin bloß um einen Tag versäume. Sie gibt

den vierten Teil des Wertes, nimmt fünf und sogar sieben Prozent pro

Monat und dergleichen mehr. Der Student kam ins Plaudern und teilte

unter anderem auch mit, daß die Alte eine Schwester Lisaweta habe, die

sie, so klein und unansehnlich sie selbst sei, alle Augenblicke schlage

und in völliger Bevormundung wie ein kleines Kind halte, trotzdem

Lisaweta mindestens dreimal größer und stärker sei ...

»Ja, sie ist eine Zierde ihres Geschlechts!« rief der Student aus und

lachte laut.

Er fing an von Lisaweta zu erzählen; erzählte mit augenscheinlichem

Genuß und lachte dabei fortwährend; der Offizier hörte mit großem

Interesse zu und bat den Studenten, ihm die Lisaweta zu schicken, um

seine Wäsche auszubessern. Raskolnikoff verlor kein einziges Wort von

der Unterhaltung und erfuhr somit alles, -- Lisaweta war die jüngere

Stiefschwester der Alten -- von anderer Mutter -- und war schon

fünfunddreißig Jahre alt. Sie arbeitete Tag und Nacht für die Schwester,

ersetzte die Köchin und Wäscherin, nähte außerdem um Lohn, ging

außerhalb des Hauses Dielen scheuern und gab jeden Verdienst der

Schwester ab. Keine einzige Bestellung und keine Arbeit wagte sie ohne

die Erlaubnis der Alten zu übernehmen. Diese hatte bereits ihr Testament

gemacht, was Lisaweta bekannt war, hatte ihr keinen Groschen Geld,

sondern nur die bewegliche Habe, wie Stühle und ähnliches vermacht; das

ganze Geld war für ein Kloster in dem N.schen Gouvernement zu ewigen

Seelenmessen bestimmt. Lisaweta war Kleinbürgerin, nicht aus dem

Beamtenstande, unverheiratet, ungewöhnlich plump gebaut, übergroß, mit

breiten Füßen, hatte immer schiefgetretene Schuhe, war aber sonst

reinlich gekleidet. Was aber den Studenten am meisten belustigte, war,

daß Lisaweta alljährlich schwanger war ...

»Du sagst doch, sie sei häßlich!« bemerkte der Offizier.

»Ja, sie hat eine dunkle Gesichtsfarbe, wie ein Soldat, ist aber sonst,

weißt du, nicht häßlich. Sie hat so ein gutes Gesicht und gute Augen,

sehr gute Augen; Grund genug, daß sie vielen gefällt. Sie ist still,

sanft und anspruchslos, zu allem bereit. Ihr Lachen ist sogar

einnehmend.«

»Sie scheint dir zu gefallen!« lachte der Offizier.

»Ja, ihrer Eigentümlichkeit wegen. Doch, was ich dir sagen wollte. Ich

könnte diese verfluchte Alte ermorden und berauben, und, glaube mir, ich

täte es ohne Gewissensbisse,« fügte der Student eifrig hinzu.

Der Offizier lachte wieder auf, Raskolnikoff aber fuhr zusammen. Wie

seltsam dies alles war!

»Erlaube mal, ich will dir eine ernste Frage vorlegen,« sagte der

Student voll Eifer. »Ich habe mir soeben einen Scherz erlaubt, aber sieh

mal an -- einerseits gibt es ein dummes, bedeutungsloses,

minderwertiges, böses, krankes, altes Weib, das keinem Menschen nützt,

im Gegenteil allen schadet, das selbst nicht weiß, wozu es lebt, und das

morgen ohne fremde Hilfe sterben wird. Verstehst du? Verstehst du mich?«

»Nun, ich verstehe es,« antwortete der Offizier und sah aufmerksam

seinen in Eifer geratenen Freund an.

»Höre nun weiter. Anderseits gibt es junge, frische Kräfte, die unnütz

zugrunde gehen, ohne Hilfe und das zu tausenden und allerorts. Hundert,

tausend gute Taten und Hilfeleistungen könnte man für das Geld der Alten

tun, das einem Kloster zufallen soll. Hundert, vielleicht tausend

Existenzen könnten damit auf den richtigen Weg gebracht werden; dutzende

Familien könnten vor Hunger, Verfall, Untergang, Laster und vor

venerischen Krankheiten geschützt werden -- und all das für ihr Geld.

Ermorde sie und nimm ihr Geld, um dich später mit seiner Hilfe der

ganzen Menschheit und der gemeinnützigen Sache zu widmen, -- was meinst

du, wird nicht ein einziges unbedeutendes, winziges Verbrechen durch

Tausende guter Taten wettgemacht? Für ein Leben -- Tausende von Leben,

gerettet vor Fäulnis und Verfall. Ein einziger Tod und hunderte Leben an

seiner Statt, das ist doch ein einfaches Rechenexempel. Ja, und was

bedeutet auf der allgemeinen Wage das Leben dieser schwindsüchtigen,

dummen und bösen Alten. Nicht mehr als das Leben einer Laus, einer

Wanze, und nicht mal soviel, weil die Alte schädlich ist. Sie untergräbt

das Leben eines anderen; vor ein paar Tagen hat sie Lisaweta aus Wut in

den Finger gebissen, man mußte ihn fast abnehmen lassen!«

»Gewiß, sie ist des Lebens nicht wert,« bemerkte der Offizier. »Aber das

ist doch Sache der Natur.«

»Ach, Bruder, die Natur korrigiert man doch auch und zeigt ihr den

richtigen Weg, wir müßten ja sonst in Vorurteilen ersticken. Ohne das

würde es keine großen Männer geben. Man redet von Pflicht und Gewissen,

-- ich will nichts gegen Gewissen und Pflicht sagen, aber was verstehen

wir darunter? Doch ich will dir noch eine Frage vorlegen. Gib acht!«

»Nein, warte du mal, jetzt will ich dir eine Frage vorlegen. Höre zu.«

»Nun!«

»Sieh, du redest jetzt und ereiferst dich, sage mir aber -- würdest _du

selbst_ die Alte ermorden oder nicht?«

»Selbstverständlich nicht! Ich rede nur aus Gerechtigkeit ... Ich habe

mit der Sache nichts zu tun ...«

»Meiner Meinung nach kann von Gerechtigkeit gar nicht die Rede sein,

wenn du dich nicht selbst dazu entschließt. Komm, wir wollen noch eine

Partie Billard spielen!«

Raskolnikoff war äußerst aufgeregt. Gewiß, das Gespräch war eins von den

gewöhnlichsten Gesprächen und Gedanken, die er mehr als einmal unter

jungen Leuten gehört hatte, vielleicht in einer anderen Form und über

einen anderen Gegenstand. Warum aber kam er jetzt gerade dazu, dieses

Gespräch und diese Gedanken zu hören, wo in seinem eigenen Kopfe ...

_ebensolche Gedanken_ aufgetaucht waren? Und warum stößt er gerade

jetzt, wo in ihm dieser Gedanke auftauchte, als er die Alte verließ, auf

ein Gespräch über dieselbe Alte? ... Ihm erschien dieses Zusammentreffen

stets merkwürdig. Diese nichtssagende Unterhaltung in dem Wirtshause

hatte auf ihn einen außergewöhnlichen Einfluß für die weitere

Entwicklung der Sache, -- als wäre hierbei tatsächlich eine

Vorausbestimmung, ein Fingerzeig gewesen ...

* * * * *

Nach Hause zurückgekehrt, warf er sich auf das Sofa und blieb eine volle

Stunde sitzen, ohne sich zu rühren. Es war inzwischen dunkel geworden;

ein Licht besaß er nicht, es kam ihm gar nicht der Gedanke, ein Licht

anzustecken. Er konnte sich später niemals erinnern, ob er in dieser

Stunde an etwas gedacht hatte. Er spürte noch immer das Fieber von

früher her und den Schüttelfrost, und es war ihm ein angenehmer Gedanke,

daß er sich auf das Sofa hinlegen konnte. Ein fester bleierner Schlaf

überfiel ihn und legte sich schwer auf ihn.

Er schlief ungewöhnlich lange und traumlos. Nastasja, die am nächsten

Morgen um zehn Uhr in das Zimmer kam, konnte ihn nur mit Mühe aufwecken.

Sie brachte ihm Tee und Brot, den Tee wie immer alt aufgegossen in ihrer

eigenen Teekanne.

»Sieh, wie er schläft!« rief sie entrüstet aus. »Er tut nichts wie

schlafen!«

Er erhob sich mühsam. Der Kopf tat ihm weh; er versuchte aufzustehen,

drehte sich um und fiel wieder auf das Sofa zurück.

»Willst du weiter schlafen!« rief Nastasja. »Bist du gar krank?«

Er antwortete nicht.

»Willst du Tee trinken?«

»Nachher,« sagte er mit Anstrengung, schloß die Augen und wandte sich

der Wand zu.

Nastasja blieb eine Weile neben ihm stehn.

»Vielleicht ist er wirklich krank,« sagte sie, kehrte um und ging

hinaus.

Um zwei Uhr kam sie wieder herein mit einer Suppe. Er lag noch wie

früher. Der Tee war unberührt. Nun fühlte Nastasja sich gekränkt und

begann ihn ärgerlich zu rütteln.

»Was, schnarchst du noch?« rief sie und sah ihn mit Unwillen an.

Er stand auf und setzte sich, sagte aber nichts und blickte zu Boden.

»Bist du krank oder nicht?« fragte Nastasja, und wieder erhielt sie

keine Antwort.

»Du solltest auf die Straße gehen,« sagte sie nach einer Weile, »die

Luft würde dich erquicken. Willst du nicht essen?«

»Nachher,« antwortete er mit schwacher Stimme. »Geh jetzt fort!«

Und er winkte mit der Hand ab. Sie blieb noch eine Weile stehen, blickte

ihn voll Mitleid an und ging hinaus.

Nach einigen Minuten hob er den Blick und schaute lange den Tee und die

Suppe an. Dann nahm er ein wenig Brot, griff nach dem Löffel und begann

zu essen.

Er aß nicht viel, ohne Appetit, rein mechanisch etwa vier Löffel Suppe.

Der Kopf tat ihm nicht mehr so weh. Nachdem er gegessen hatte, legte er

sich wieder auf das Sofa, konnte aber nicht einschlafen und lag still

da, das Gesicht ins Kopfkissen vergraben. Er träumte, wachend, in einem

fort, und alle Träume waren seltsam, zumeist schien es ihm, als wäre er

irgendwo in Afrika, in Ägypten, in einer Oase. Die Karawane ruht aus,

die Kamele liegen still; ringsum im großen Kreise stehn Palmen, alles

labt sich. Er aber trinkt unausgesetzt Wasser, direkt aus einem Bache,

der hier neben ihm dahinfließt und plätschert. Es ist so kühl, und das

Wasser ist so wundervoll, so blau und kalt, es fließt über bunte Steine

und über reinen mit goldenem Schimmer besäten Sand ... Plötzlich hörte

er deutlich eine Uhr schlagen. Er fuhr auf, kam zu sich, erhob den Kopf,

sah zum Fenster hin, rechnete sich die Zeit aus und sprang auf, als

hätte ihn jemand von dem Sofa heruntergerissen. Er ging auf den

Fußspitzen zu der Türe, öffnete sie leise und lauschte auf die Treppe

hinaus. Sein Herz klopfte gewaltig. Auf der Treppe war alles so still,

als ob alles schliefe ... Höchst sonderbar und merkwürdig erschien es

ihm, daß er von gestern auf heute in solcher Bewußtlosigkeit hatte

durchschlafen können, wo er doch nichts getan und unvorbereitet war ...

Vielleicht hat die Uhr gar sechs geschlagen ... Und eine ungewohnte

fieberhafte und kopflose Hast überfiel ihn, nun nach dem Schlafe und

stumpfen Brüten. Es waren übrigens keine großen Vorbereitungen nötig. Er

strengte alle Kräfte an, um alles zu bedenken und nichts zu vergessen;

das Herz klopfte immer noch heftig und schlug so stark, daß ihm das

Atmen schwer fiel. Zuerst mußte er eine Schlinge machen und an seinen

Mantel annähen, -- das war die Sache einer Minute. Er fuhr mit der Hand

unter das Kopfkissen und fand unter der Wäsche, die dort lag, ein altes

ungewaschenes Hemd, das schon völlig zerrissen war. Von diesem riß er

einen Streifen ab, etwa fünf Zentimeter breit und sechsunddreißig

Zentimeter lang. Diesen Streifen legte er zusammen, zog einen weiten

starken Sommermantel aus dickem baumwollenen Stoffe -- sein einziges

Oberkleid -- aus und begann die beiden Enden des Streifens innen unter

der linken Achselhöhle anzunähen. Seine Hände zitterten beim Halten der

Nadel, er überwand sich aber und hatte den Streifen so angenäht, daß man

von außen nichts bemerken konnte, wenn er den Mantel angezogen hatte. Er

hatte sich schon vor langer Zeit Nadel und Zwirn besorgt, und sie lagen

in einem Stück Papier eingewickelt in dem Tischchen. Die Schlinge war

seine eigene, sehr schlaue Erfindung, sie war für das Beil bestimmt. Man

konnte doch nicht auf der Straße das Beil in der Hand tragen. Und wenn

man es unter dem Mantel versteckt trug, mußte man es doch mit der Hand

festhalten, was wiederum auffallen konnte. Jetzt aber brauchte man bloß

das Beil in die Schlinge zu stecken, und es wird den ganzen Weg unter

der Achsel ruhig hängen. Und wenn er die Hand in die Seitentasche des

Mantels steckt, kann er auch das Ende des Beilschaftes festhalten, damit

es nicht baumelt, und da der Mantel sehr weit war, ein richtiger Sack,

so konnte niemand wahrnehmen, daß er etwas mit der Hand in der Tasche

festhalte. Diese Schlinge hatte er schon vor zwei Wochen erfunden.

Nachdem er mit der Schlinge fertig war, steckte er seine Finger in einen

kleinen Spalt zwischen seinen »türkischen« Diwan und der Diele, suchte

im linken Winkel nach und zog _das Versatzobjekt_ heraus, das er schon

vor langer Zeit hergestellt und dort versteckt hatte. Es war gar kein

Versatzstück, sondern ein einfaches, glatt abgehobeltes Stück Holz, in

der Größe und Dicke eines silbernen Zigarettenetuis. Dieses

Holzbrettchen hatte er zufällig bei einem seiner Spaziergänge auf einem

Hofe gefunden, wo in einem Nebengebäude eine Werkstatt war. Nachher

hatte er zu dem Brette ein glattes und dünnes Stück Eisen --

wahrscheinlich irgendein Bruchstück -- beigelegt, das er auch damals auf

der Straße gefunden hatte. Beides, das eiserne Stück war kleiner, hatte

er zusammengelegt und mit einem Bindfaden kreuzweise fest

zusammengebunden; dann hatte er das Ganze peinlich und mit einer

gewissen Sorgfalt in ein reines weißes Papier eingewickelt und so fest

zusammengeschnürt, daß das Paket nicht gleich zu öffnen war. Dies tat

er, um auf eine Spanne Zeit die Aufmerksamkeit der Alten abzulenken,

wenn sie sich mit dem Lösen des Knotens abmühte, um so den passenden

Augenblick zu gewinnen. Das Eisenstück war des Gewichtes wegen

hinzugefügt, damit die Alte wenigstens nicht sofort erriet, daß das

»Versatzstück« nur aus Holz sei. Dies alles lag bis zur gegebenen Zeit

unter dem Diwan verwahrt. Als er gerade das Paket hervorholte, rief

plötzlich jemand auf dem Hofe:

»Die Uhr geht schon gleich auf sieben!«

»Schon gleich auf sieben! Mein Gott!«

Er stürzte zur Tür, lauschte einen Augenblick, nahm seinen Hut und

begann die dreizehn Stufen vorsichtig, leise wie eine Katze

hinabzusteigen. Das Wichtigste stand ihm noch bevor -- das Beil aus der

Küche zu stehlen. Daß das Werk mit einem Beile vollbracht werde hatte er

längst beschlossen. Er hatte wohl noch ein zusammenlegbares

Gartenmesser, aber er mochte sich nicht auf das Messer und zum wenigsten

auf seine Kräfte verlassen, darum hatte er sich endgültig für das Beil

entschieden. Bei dieser Gelegenheit wollen wir eine Eigentümlichkeit von

ihm bei seinen endgültigen Entscheidungen hervorheben, die er in dieser

Sache schon getroffen hatte. Sie hatten alle eine besondere Eigenschaft:

je endgültiger sie wurden, desto abscheulicher, sinnloser wurden sie

sofort in seinen Augen. Trotz des qualvollen innerlichen Kampfes, den er

führte, konnte er die ganze Zeit über keinen Moment an die

Durchführbarkeit seiner Pläne glauben.

Und wenn er jemals alles bis zum letzten Punkte durchgedacht und

endgültig beschlossen hätte und es gar keine Zweifel mehr gegeben hätte,

dann hätte er offenbar sich von dem ganzen Plane losgesagt, als von

einem sinnlosen, ungeheuerlichen Unding. Aber jetzt gab es noch einen

ganzen Abgrund von ungelösten Punkten und Zweifeln. Woher er sich ein

Beil verschaffen konnte, diese Kleinigkeit beunruhigte ihn gar nicht,

nichts ist leichter als das. Die Sache lag so, daß Nastasja öfters,

besonders aber abends, nicht zu Hause war, -- entweder lief sie zu den

Nachbarn oder in einen Laden, die Türe aber ließ sie stets offen stehn.

Die Wirtin schalt sie immer wieder deshalb. Also, man mußte nur leise

zur rechten Zeit in die Küche gehen und das Beil nehmen, um es nach

einer Stunde, wenn alles vorüber ist, wieder an seinen Platz zu legen.

Aber auch hier tauchten Zweifel auf. Angenommen, er kommt nach einer

Stunde zurück, um das Beil zurückzubringen, und Nastasja ist aber gerade

heimgekehrt. Gewiß, man muß dann vorbeigehen und abwarten, bis sie

wieder fortgeht. Wenn sie aber nun in dieser Zeit das Beil vermißt hat,

es zu suchen begann und danach laut jammerte, -- so ist der Verdacht

oder wenigstens das Moment zu einem Verdacht gegeben.

Aber das waren Kleinigkeiten, an die zu denken er keine Lust und keine

Zeit mehr hatte. Er dachte an die Hauptsache und hob die Kleinigkeiten

für den gegebenen Moment auf. Das letzte aber erschien ihm selber

unfaßbar. Er konnte sich zum Beispiel in keiner Weise vorstellen, daß er

jemals aufhören werde, bloß an dieses Vorhaben zu denken, daß er

aufstehn und einfach dorthin gehen werde ... Sogar seine kürzliche

_Probe_ (d. h. den Besuch in der Absicht, endgültig sich den Tatort

anzusehen) hatte er nur _versucht_ auszuführen, nicht etwa in vollem

Ernste, sondern eben bloß in dem Gedanken: »ich will mal hingehen und

probieren, anstatt hier davon zu träumen!« und natürlich, er hielt es

nicht aus, ließ gleich die Absicht fallen und war in rasender Wut über

sich selbst davongelaufen. Indessen, wie es schien, war die ganze

Analyse im Sinne der moralischen Lösung der Frage von ihm ins reine

gebracht; seine Kasuistik war geschärft wie ein Rasiermesser, und er

fand in sich selbst keine klare Entgegnung mehr. Zu guter Letzt glaubte

er dann einfach sich selbst nicht und suchte hartnäckig in allen

Richtungen tastend nach Entgegnungen, als ob ihn jemand dazu zwänge und

herbeizöge. Der letzte Tag aber, der so unerwartet eintrat, und der

alles mit einem Male zur Entscheidung brachte, wirkte auf ihn fast rein

mechanisch, -- wie wenn ihn jemand an die Hand genommen und

unwiderstehlich, blindlings mit einer unnatürlichen Kraft und

widerstandslos nach sich gezogen hätte, wie wenn er mit einem Zipfel

seines Rockes in das Rad einer Maschine geraten und mit fortgerissen

worden wäre.

Von Anfang an, -- übrigens schon lange vorher -- beschäftigte ihn die

Frage: warum fast alle Verbrecher so leicht aufgespürt und entdeckt

werden, und warum die Spuren fast aller Verbrecher so deutlich

wahrzunehmen sind? Er kam allmählich zu vielseitigen und interessanten

Schlüssen, und nach seiner Meinung lag die Hauptursache nicht so sehr in

der materiellen Unmöglichkeit, ein Verbrechen zu verbergen, als in dem

Verbrecher selbst. Der Verbrecher selbst, und fast jeder verliert im

Augenblick des Handelns an Willen und Verstand, an dessen Stelle ein

kindischer phänomenaler Leichtsinn tritt, und gerade in dem Augenblicke,

wo Verstand und Vorsicht am notwendigsten sind. Nach seiner Überzeugung

ergab es sich, daß diese Verdunkelung des Verstandes und der

Zusammenbruch des Willens einen Menschen gleich einer Krankheit packen,

sich allmählich entwickeln und kurz vor der Vollbringung des Verbrechens

ihren höchsten Punkt erreichen, bei der Ausführung, oder noch etwas

länger, je nach Veranlagung, auf demselben Höhepunkt anhalten und dann

ebenso vergehen, wie jede andere Krankheit. Die Frage aber, ob eine

Krankheit das Verbrechen erzeugt oder ob das Verbrechen selbst irgendwie

infolge seiner eigentümlichen Natur stets von etwas Ähnlichem wie

Krankheit begleitet wird, -- zu lösen, fühlte er sich nicht imstande.

Nachdem er das erwogen hatte, schloß er, daß mit ihm persönlich bei

seiner Tat ein ähnlicher krankhafter Umschwung nicht stattfinden könne,

daß sein Verstand und Wille während der ganzen Zeit der Vollführung

völlig intakt sein werde, einzig schon aus dem Grunde, weil sein

Unternehmen -- »kein Verbrechen« sei ... Lassen wir den ganzen Prozeß

beiseite, durch den er zu dem letzten Schlusse gekommen war; wir sind

schon ohnedem viel zu weit gegangen ... Wir wollen bloß hinzufügen, daß

die tatsächlichen, rein materiellen Hindernisse der Tat überhaupt in

seinem Verstande eine untergeordnete Rolle spielten. »Man muß nur den

ganzen Willen und den ganzen Verstand bewahren, und sie alle werden

seinerzeit besiegt werden, wenn es darauf ankommt, alle Einzelheiten der

Tat bis zum kleinsten Punkt zu übersehen ...«

Aber die Tat war noch nicht in Angriff genommen. An die endgültige

Ausführung glaubte er eben fortgesetzt selber am wenigsten, und als die

Stunde schlug, kam alles gar nicht so, sondern wie zufällig, ja fast

unerwartet.

Ein ganz geringfügiger Umstand machte ihn stutzig, noch ehe er die

Treppe hinabgestiegen war. Als er an der Tür zu der Küche vorbeiging,

die wie immer weit geöffnet war, warf er einen vorsichtigen Seitenblick

hinein, um sich vorher zu vergewissern, ob nicht während der Abwesenheit

von Nastasja die Wirtin selbst da sei, und wenn sie nicht da war, ob die

Türe zu ihrem Zimmer auch gut verschlossen sei, damit sie ja nicht

plötzlich herauskommen könne, wenn er das Beil holen würde? Aber wie

groß war seine Betroffenheit, als er plötzlich Nastasja diesmal nicht

nur in der Küche sah, sondern dazu mit einer Arbeit beschäftigt; sie

nahm aus einem Korbe Wäsche und hing sie auf. Als sie ihn erblickte,

hörte sie auf, wandte sich zu ihm und schaute ihn die ganze Zeit an,

während er vorbeiging. Er wandte die Augen ab und ging weiter, als ob er

sie nicht gesehen hätte. Die Sache aber war abgetan, -- er hatte kein

Beil! Er war tief niedergeschlagen.

»Und woher kam mir der Gedanke,« sagte er sich, indem er sich dem Tore

näherte. »Woher kam mir der Gedanke, daß sie unbedingt in diesem

Augenblicke nicht zu Hause sein dürfe? Warum, warum, warum war ich so

sicher davon überzeugt?«

Er war verstört, kam sich erniedrigt vor; wollte über sich selbst vor

Ärger lachen ... Eine dumpfe tierische Wut bemächtigte sich seiner.

Er blieb in Gedanken versunken unter dem Tore stehen. Auf die Straße zu

gehen, um des Scheines willen zu spazieren, war ihm widerlich; nach

Hause zurückkehren noch widerlicher. »Welch eine Gelegenheit hab ich für

immer verloren!« murmelte er, indem er unschlüssig unter dem Tore

stehenblieb, gerade gegenüber der dunklen Kammer des Hausknechts, die

auch offen war. Plötzlich zuckte er zusammen. In der Kammer des

Hausknechts, zwei Schritte von ihm entfernt, schimmerte unter der Bank

rechts etwas Blankes ... Er sah sich um -- niemand war in der Nähe. Auf

den Fußspitzen ging er zu der Kammer hin, stieg zwei Stufen hinab und

rief mit leiser Stimme nach dem Hausknecht.

»Es stimmt, er ist nicht da! Wahrscheinlich ist er irgendwo in der Nähe

auf dem Hofe, da die Türe weit offen steht.«

Er stürzte sich in aller Hast auf das Beil (es war ein solches) und zog

es unter der Bank, wo es zwischen zwei Holzscheiten lag, hervor;

befestigte es gleich in der Schlinge, steckte beide Hände in die Taschen

und verließ die Kammer. Niemand hatte es gesehen!

»Wenn der Verstand nicht hilft, so tut es der Teufel!« dachte er mit

einem sonderbaren Lächeln. Dieser Zufall hatte ihn außerordentlich

ermutigt.

Er ging langsam und _bedächtig_, ohne sich zu beeilen, um ja keinen

Verdacht zu erwecken. Er sah die Vorübergehenden wenig an, versuchte

ihnen nicht ins Gesicht zu sehen, um selber möglichst unerkennbar zu

sein. Plötzlich fiel ihm sein Hut ein. »Mein Gott! Geld hatte ich

vorgestern noch gehabt und bin nicht auf den Gedanken gekommen, mir eine

Mütze zu kaufen!«

Ein Fluch kam über seine Lippen. Als er zufällig in einen Laden

hineinblickte, sah er, daß die Wanduhr dort schon zehn Minuten über

sieben zeigte. Nun mußte er sich beeilen und gleichzeitig einen Umweg

machen, -- er wollte das Haus von der anderen Seite erreichen ...

Früher, als er ab und zu sich dies alles in der Phantasie vorstellte,

hatte er gemeint, daß er große Angst haben werde. Aber er fürchtete sich

jetzt nicht besonders, ja eigentlich gar nicht. In diesem Augenblicke

beschäftigten ihn selbst ganz andere Gedanken, doch nur immer kurze

Zeit. Als er an dem Jussupowschen Garten vorbeiging, vertiefte er sich

ziemlich stark in die Idee, hohe Springbrunnen zu errichten, und malte

sich aus, wie gut sie die Luft auf allen Plätzen erneuern würden.

Allmählich kam er zu der Überzeugung, daß, wenn man den Sommergarten

über den ganzen Exerzierplatz erweitern und ihn womöglich mit dem

Michailoffschen Schloßpark vereinigen würde, die Stadt dadurch einen

schönen großen Nutzen haben würde. Dabei interessierte ihn wiederum die

Frage, warum gerade in allen großen Städten der Mensch nicht bloß aus

reiner Notwendigkeit, sondern aus anderen Gründen geneigt ist, sich in

solchen Stadtteilen niederzulassen und zu leben, wo es keine Gärten,

keine Springbrunnen gibt, wo Schmutz und Gestank und allerhand

Abscheuliches herrscht. Es kamen ihm auch seine eigenen Spaziergänge

über den Heumarkt in den Sinn, und er besann sich auf sein Vorhaben.

»Was für ein Unsinn!« dachte er. »Nein, besser, ich denke an gar

nichts.«

»Wahrscheinlich in ähnlicher Weise heften sich die Gedanken derer, die

man zur Hinrichtung führt, an alle Gegenstände, die sie auf ihrem Wege

treffen,« fuhr es blitzartig durch seinen Kopf. Er verjagte schnell

diesen Gedanken ... da ist das Haus, er sieht das Tor. Irgendwo schlug

plötzlich eine Uhr einmal. »Was, ist es schon halb acht? Das kann nicht

sein, sie geht wahrscheinlich vor!«

Zu seinem Glück ging unter dem Tore alles wieder gut vonstatten. Wie

absichtlich fuhr in diesem Augenblicke unter das Tor ein ungeheurer

Wagen voll Heu, so daß er ihn die ganze Zeit, während er das Tor

passierte, verdeckte, und als der Wagen in den Hof hineinfuhr, huschte

er in einem Nu nach rechts. Dort, auf der anderen Seite des Wagens,

hörte man, wie einige Stimmen schrien und sich stritten, ihn aber hatte

niemand bemerkt und er begegnete auch niemandem. Viele Fenster, die auf

den großen viereckigen Hof hinausgingen, standen offen, aber er erhob

nicht den Kopf, -- er hatte keine Kraft dazu. Die Treppe zu der Wohnung

der Alten lag in der Nähe, gleich rechts von dem Tore. Er war schon auf

der Treppe ...

Er holte Atem, hielt die Hand auf das klopfende Herz, fühlte dabei nach

dem Beile, rückte es zurecht und begann vorsichtig und leise die Treppe

hinaufzusteigen, alle Augenblicke horchend. Auch die Treppe war um diese

Zeit vollkommen leer; alle Türen waren verschlossen; er begegnete auch

da niemandem. Im zweiten Stocke stand wohl eine leere Wohnung weit

offen, und in ihr arbeiteten Maler, aber auch die sahen nicht zu ihm

hin. Er stand einen Augenblick still, dachte nach und ging weiter. --

»Gewiß, es wäre noch besser, wenn sie nicht da wären, aber ... über

ihnen liegen noch zwei Stockwerke. Aber da ist nun der vierte Stock, da

ist die Türe, und die Wohnung gegenüber, die ist unbewohnt. Im dritten

Stocke steht die Wohnung, die unter der Wohnung der Alten liegt, allen

Anzeichen nach auch leer, -- die Visitenkarte, die an der Türe mit

Nägeln befestigt war, ist abgenommen, -- also sind sie ausgezogen!« ...

Sein Atem stockte. Einen Augenblick durchzuckte ihn der Gedanke: »Soll

ich nicht fortgehen!« Er gab sich aber keine Antwort und begann an der

Türe zu der Wohnung der Alten zu horchen, -- es war totenstill. Dann

lauschte er nochmals die Treppe hinab, lauschte lange und aufmerksam ...

Dann sah er sich zum letzten Male um, nahm sich zusammen, faßte sich und

tastete noch einmal nach dem Beil in der Schlinge.

»Bin ich nicht zu ... blaß?« dachte er. »Bin ich nicht zu erregt? Sie

ist mißtrauisch ... Soll ich nicht besser noch ein wenig warten ... bis

das Herz sich beruhigt? ...«

Das Herz aber beruhigte sich nicht. Im Gegenteil, es klopfte, wie

absichtlich, immer stärker und stärker ... Er hielt es nicht aus,

langsam streckte er die Hand nach der Klingel und schellte. Nach einer

halben Minute schellte er noch einmal etwas lauter.

Keine Antwort. Unnütz zu klingeln ging nicht an und paßte außerdem nicht

für ihn. Die Alte ist selbstverständlich zu Hause, aber sie ist

mißtrauisch und allein. Er kannte teilweise ihre Gewohnheiten ... und er

legte noch einmal sein Ohr fest an die Türe. Waren seine Sinne so

geschärft (was überhaupt sich schwer vorstellen läßt) oder war

tatsächlich es deutlich zu hören, er unterschied das vorsichtige Tasten

einer Hand an der Türklinke und das Rascheln eines Kleides an der Türe.

Jemand stand unbemerkbar innen am Schlosse selbst und lauschte ebenso,

wie er hier von außen, mit angehaltenem Atem und wie es schien, ebenso

mit dem Ohre an der Türe ... Er machte absichtlich eine Bewegung und

murmelte laut etwas vor sich hin, um zu zeigen, daß er sich nicht

verstecke. Dann schellte er zum dritten Male, aber leise, mit Anstand

und ohne Ungeduld. Wenn er sich später dessen erinnerte, deutlich und

klar, -- dieser Augenblick hat sich ihm auf ewig eingeprägt, -- konnte

er nicht begreifen, woher soviel Schlauheit über ihn gekommen war,

besonders, da sein Verstand sich zeitweise verdunkelte und er seinen

Körper fast gar nicht fühlte ... Einen Augenblick nachher hörte man, daß

der Verschluß abgenommen wurde.

Sämtliche Werke 1-2 · 第 19 / 66 题