V.

»Ich hatte noch vor kurzem wirklich die Absicht, Rasumichin um Arbeit zu

bitten, daß er mir Stunden oder etwas anderes verschaffen solle ...«

dachte Raskolnikoff. -- »Aber womit kann er mir jetzt helfen? Gesetzt

den Fall, er verschafft mir Stunden, ja, gesetzt den Fall, er teilt mit

mir sein letztes Gerstchen, wenn er eines hat, so daß ich mir selbst

Stiefel kaufen und meine Kleidung instand setzen kann, um Stunden zu

geben ... hm ... Aber was weiter? Was kann ich mit den paar Groschen

machen? Ist es das, was ich jetzt brauche? Es ist lächerlich, daß ich zu

Rasumichin gehe ...«

Die Frage, warum er jetzt zu Rasumichin gehe, beunruhigte ihn mehr, als

er sich selbst eingestehen wollte, und voll Unruhe suchte er eine böse

Bedeutung in dieser anscheinend ganz gewöhnlichen Handlung.

»Wie will ich nur die ganze Angelegenheit durch Rasumichin in Ordnung

bringen, habe ich denn als letzten Ausweg nur Rasumichin gefunden?«

fragte er verwundert sich selbst.

Er dachte nach und rieb sich die Stirn, und plötzlich, ganz unerwartet,

überraschte ihn nach langem Sinnen ein neuer Gedanke.

»Hm ... zu Rasumichin ...« sagte er auf einmal völlig ruhig, wie fest

entschlossen. »... zu Rasumichin gehe ich bestimmt ... aber nicht jetzt

... Ich will zu ihm hingehen ... am andern Tage _nach dem_ ... wenn

_das_ schon vorbei ist, und wenn ich von vorne anfange ...«

Da kam er zu sich.

»Nach dem,« rief er aus und sprang von der Bank auf. »Ja, wird _das_

überhaupt geschehen? Wird es tatsächlich geschehen?«

Er ging fort, ja er rannte beinahe fort; er wollte nach Hause

zurückkehren, doch das war ihm entsetzlich, zu Hause, -- dort in der

Ecke, zwischen den vier öden Wänden, über einen Monat schon reifte der

grausige Plan -- und er ging, wohin die Füße ihn führten.

Sein nervöses Zittern ging in ein fieberhaftes über; er empfand

Schüttelfrost, Frost in dieser Hitze! Fast bewußtlos, mit großer

Überwindung begann er alles, was ihm begegnete, zu betrachten, als suche

er Zerstreuung, aber das gelang ihm schlecht, er überraschte sich immer

wieder bei seinem Gespenst. Wenn er aber auffahrend wieder den Kopf

erhob und sich ringsum umblickte, vergaß er sofort, worüber er soeben

nachgedacht hatte und wo er war. In dieser Weise durchwanderte er den

ganzen Wassiljew Ostroff, kam zu der kleinen Newa hinaus, überschritt

die Brücke und wandte sich den Inseln zu. Das frische Grün und die

erquickende Luft taten seinen müden Augen wohl, die an Stadtstaub, Kalk

und an beengende und bedrückende Häuser doch gewöhnt waren. Hier gab es

weder eine dumpfe Luft, noch Gestank, noch Schenken. Doch es währte

nicht lange, und es gingen auch diese neuen angenehmen Empfindungen in

krankhafte und aufregende über. Ab und zu blieb er vor einer aus üppigem

Grün lugenden Villa stehn, blickte durch den Zaun hindurch und sah in

der Ferne auf den Balkonen und Terrassen elegante Frauen und in den

Gärten spielende Kinder. Besondere Aufmerksamkeit schenkte er den

Blumen, sie schaute er am längsten an. Er begegnete auch schönen Wagen,

Reitern und Amazonen, verfolgte sie voll Neugier mit den Blicken und

vergaß sie, wenn sie kaum seinen Augen entschwunden waren. Einmal blieb

er auch stehn und zählte sein Geld nach -- es waren etwa dreißig

Kopeken.

»Zwanzig gab ich dem Schutzmann, drei für den Brief an Nastasja, also

habe ich gestern Marmeladoffs siebenundvierzig oder fünfzig Kopeken

hinterlassen,« dachte er, indem er aus irgendeinem Grund nachrechnete,

bald aber hatte er vergessen, warum er das Geld aus der Tasche

hervorgeholt hatte.

Er erinnerte sich wieder daran, als er an einer Speiseanstalt, einer Art

Garküche, vorbeiging und fühlte, daß er Hunger hatte. Er trat ein, trank

ein Gläschen Branntwein und nahm eine Pastete, die er auf dem Wege zu

Ende aß. Er hatte sehr lange schon keinen Branntwein mehr getrunken, der

tat denn auch im Nu seine Wirkung, obwohl es nur ein einziges Gläschen

war. Seine Füße wurden schwer, und er fühlte einen starken Drang zu

schlafen. Er kehrte um, um nach Hause zu gehen, als er aber Petrowski

Ostroff schon erreicht hatte, blieb er in völliger Erschöpfung stehen,

ging abseits des Weges in ein Gebüsch, fiel aufs Gras hin und schlief im

selben Augenblick ein. In krankhaften Zuständen zeichnen sich Träume oft

durch ungewöhnliche Deutlichkeit, Klarheit und außerordentliche

Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit aus. Es erscheint zuweilen ein

seltsames Bild, die Umgebung aber und der ganze Gang der Vorstellung

sind so wahrscheinlich und mit solchen feinen unerwarteten und dem

Gesamtbilde künstlerisch entsprechenden Einzelheiten verbunden, daß

derselbe Träumer sie in Wirklichkeit nicht so ausdenken kann, mag er

auch selbst ein Künstler, wie Puschkin oder Turgenjeff sein. Solche

krankhafte Träume bleiben stets lange in der Erinnerung haften und üben

einen starken Eindruck auf den zerrütteten und angegriffenen Organismus

eines Menschen aus. Raskolnikoff hatte solch einen Traum. Er träumt sich

als Kind in der kleinen Provinzialstadt. Er ist sieben Jahre alt und

geht an einem Feiertage gegen Abend mit seinem Vater außerhalb der Stadt

spazieren. Es ist eine graue trübe Zeit, der Tag drückend, die Gegend

genau so, wie sie in seiner Erinnerung lebt; in seiner Erinnerung ist

sie ihm nicht so klar, als sie ihm jetzt im Traume erscheint. Das

Städtchen liegt vor ihm, wie ein aufgeschlagenes Buch; ringsum kein

Weidenstrauch; sehr weit, ganz am Horizonte hebt sich dunkel ein

Wäldchen ab. Einige Schritte von dem äußersten städtischen Gemüsegarten

steht eine Schenke, eine große Schenke, die auf ihn stets einen höchst

unangenehmen Eindruck machte, ihm Furcht einflößte, wenn er auf dem

Spaziergange mit dem Vater vorbeiging. Dort traf man stets eine große

Menge an; sie brüllten, lachten, schimpften, sangen so scheußlich und

heiser, und prügelten sich so oft; rings um die Schenke lungerten stets

betrunkene und schreckliche Gestalten ... Wenn er ihnen begegnete,

drückte er sich fester an den Vater und zitterte am ganzen Körper. Neben

der Schenke führte ein Weg, ein Landweg vorbei, stets mit schwarzem

Staub bedeckt. Der Weg zog sich schlängelnd weiter, und etwa nach

dreihundert Schritten bog er rechts um den städtischen Friedhof ab.

Mitten auf dem Friedhofe erhob sich eine steinerne Kirche mit grüner

Kuppel, in die er ein paarmal im Jahre mit Vater und Mutter zum

Gottesdienst ging, wenn für seine längst verstorbene Großmutter, die er

nie gesehen hatte, eine Seelenmesse abgehalten wurde. Da nahmen sie

stets »Kutje«[7] auf einem weißen Teller, in einer Serviette, mit, und

die »Kutje« war aus Zucker, Reis und Rosinen zubereitet, und die Rosinen

waren in Form eines Kreuzes in den Reis gesteckt. Er liebte diese Kirche

und die alten Heiligenbilder, die meist ohne Einfassung waren, und den

alten Priester mit dem zitternden Haupte. Neben dem Grabhügel der

Großmutter, auf dem ein Grabstein war, lag auch das kleine Grab seines

jüngsten Bruders, der sechs Monate alt gestorben war, und den er auch

nicht gekannt hatte, an dessen Dasein er sich nicht erinnern konnte. Man

hatte ihm aber erzählt, daß er einen kleinen Bruder gehabt habe, und

jedesmal, wenn er den Friedhof besuchte, bekreuzigte er sich voll

Andacht an dem kleinen Grabhügel, verneigte sich und küßte die Erde. Und

nun träumte er: er geht mit dem Vater zum Friedhof, und sie gehen an der

Schenke vorbei; er hält den Vater an der Hand und blickt voll Schrecken

zu der Schenke hin. Ein besonderer Umstand fesselt seine Aufmerksamkeit,

-- diesmal scheint hier ein Volksfest zu sein, ein Haufen geputzter

Bürgerfrauen, Weiber, Männer und allerhand Gesindel steht da herum. Alle

sind betrunken, alle singen, und neben der Treppe der Schenke steht ein

Wagen -- ein seltsamer Wagen. Es ist ein großer Wagen, vor den große

Lastpferde gespannt werden, und auf dem man Waren und Weinfässer

befördert. Er liebt es, diesen ungeschlachten Gäulen mit den langen

Mähnen und den dicken Beinen zuzusehen, wie sie langsam in gleichmäßigem

Schritt dahinschreiten, einen ganzen Berg ohne die geringste Anstrengung

hinter sich herziehend, als wäre es ihnen leichter mit dem Wagen als

ohne ihn zu gehen. Jetzt aber war merkwürdigerweise vor solch einen

großen Wagen ein kleines, mageres, braunes Bauernpferd gespannt, eines

von jenen, die -- wie er es oft gesehen hatte -- sich mit hochbeladenen

Wagen voll Holz oder Heu abquälen müssen, um so mehr, wenn der Wagen im

Schmutze oder in alten Wagenspuren stecken bleibt. Dann hauen die Bauern

darauf los, peitschen sie schmerzhaft, oft auf das Maul und über die

Augen. Das tut ihm so weh, so weh anzusehen, daß ihm die Tränen kommen;

die Mutter führt ihn dann immer von dem Fenster fort. -- Plötzlich

erhebt sich ein Lärm -- aus der Schenke kommen mit Geschrei, Gesang und

mit Balalaikas[8] betrunkene, völlig betrunkene, große Bauern heraus, in

blauen und roten Hemden, mit übergeworfenen Mänteln.

»Setzt euch, setzt euch alle!« ruft einer, ein junger Bursche mit dickem

Halse und fleischigem, dunkelrotem Gesichte. -- »Ich fahre euch alle

hin, setzt euch darauf!« Mit lautem Lachen erschollen die Ausrufe:

»So eine Schindmähre soll uns ziehen.«

»Bist du von Sinnen, Mikolka, -- so eine kleine Stute vor diesen Wagen

zu spannen?«

»Das Pferdchen ist sicher seine zwanzig Jahre alt, Brüder!«

»Setzt euch, ich fahre euch alle zusammen!« ruft von neuem Mikolka,

springt als erster auf den Wagen, ergreift die Zügel und pflanzt sich in

seiner ganzen Größe vorne auf dem Wagen auf. »Mit dem Braunen ist Matwei

vorhin losgezogen,« schreit er vom Wagen. »Diese Mähre treibt mir bloß

die Galle ins Blut, ich möchte sie totschlagen, frißt umsonst den Hafer.

Ich sage -- setzt euch! Ich lasse sie im Galopp laufen! Sie muß Galopp

laufen!« Und er nimmt die Peitsche in die Hand und bereitet sich voll

Wonne vor, das Pferd zu schlagen.

»Setzt euch doch!« ruft man lachend in der Menge. »Hört doch, sie wird

im Galopp laufen.«

»Sie ist wahrscheinlich schon zehn Jahre nicht mehr im Galopp gelaufen.«

»Sie wird schön springen!«

»Keine Angst, Brüder, nehmt jeder eine Peitsche, und drauf los!«

»Was ist da zu schonen! Schlagt los!«

Alle springen mit Gelächter und Witzen in den Wagen. Sechs Mann sind

hereingekrochen, und noch ist Platz. Sie nehmen ein dickes und

rotbäckiges Weib noch hinauf, ein Weib in einem Kleide von rotem Kattun,

mit einem Kopfputze aus Glasperlen, an den Füßen lederne Bauernschuhe;

sie knackt Nüsse und lacht. Ringsum in der Menge lacht man auch, und in

der Tat, warum soll man auch nicht lachen, -- so eine abgemagerte Mähre

soll solch eine Last im Galopp ziehen! Zwei Burschen im Wagen nehmen je

eine Peitsche, um Mikolka zu helfen. »Los!« ruft er, die Mähre zieht aus

Leibeskräften an; vom im Trabe laufen kann nicht die Rede sein, sie kann

nicht mal im Schritt losgehen, sie trippelt bloß auf einem Fleck, stöhnt

und keucht unter den Hieben der drei Peitschen, die auf sie wie Hagel

niederprasseln. Das Gelächter auf dem Wagen und in der Menge wird

stärker, Mikolka aber wird wütend und peitscht immer heftiger, als

glaube er wirklich, sie zum Galopp treiben zu können.

»Nehmt mich auch mit, Brüder!« ruft ein Bursche aus der Menge, der Lust

bekommen hatte, mitzufahren.

»Setzt euch! Setzt euch alle hinein!« schreit Mikolka. »Sie wird alle

ziehen. Ich peitsche sie zu Tode!« Und er schlägt los, schlägt das Pferd

in einem fort und weiß vor Raserei nicht, womit er es noch schlagen

soll.

»Papa, lieber Papa!« ruft der Knabe dem Vater zu. --

»Papa, was tun sie? Papa, sie schlagen das arme kleine Pferd!«

»Komm, laß uns gehen!« sagte der Vater. »Betrunkene Dummköpfe treiben

ihren Unfug; laß uns gehen, sieh nicht hin!« und er will ihn fortführen,

der Knabe aber reißt sich los und läuft zu dem Pferde hin. Dem aber geht

es schon schlecht. Es schnappt nach Luft, steht still, zieht von neuem

an und fällt beinahe hin.

»Peitscht es zu Tode!« schreit Mikolka. »Mag es kaput gehen. Ich

peitsche es zu Tode!«

»Bist du kein Christ, du Scheusal?« ruft ein alter Mann aus der Menge.

»Hat man es je erlebt, daß so ein Pferd diese Last ziehen soll,« fügte

ein anderer hinzu.

»Du quälst es zuschanden!« ruft ein dritter.

»Schweigt still! Es ist mein Eigentum. Ich kann damit tun, was ich will.

Setzt euch noch dazu in den Wagen! Setzt euch alle hinein! Ich will, daß

es im Galopp läuft! ...«

Ein lautes Lachen übertönte plötzlich alles, -- die Mähre wollte sich

der scharfen Schläge erwehren und begann in ihrer Bedrängnis

auszuschlagen. Sogar der alte Mann mußte lächeln. Es war auch ein zu

komisches Bild, -- so eine abgebrauchte Mähre schlägt plötzlich aus.

Zwei Burschen aus der Menge verschaffen sich Peitschen und springen

herzu, um das Pferd von zwei Seiten zu schlagen.

»Schlagt sie auf das Maul, peitscht sie über die Augen, über die Augen!«

schreit Mikolka.

»Brüder, wollen wir ein Lied singen!« ruft jemand vom Wagen, und alle

darinnen folgten sogleich der Aufforderung. Ein ausgelassenes Lied

erschallt, ein Tamburin rasselt, der Refrain wird gepfiffen. Das Weib

knackt Nüsse und lacht vergnügt.

... Er läuft neben dem Pferde, er eilt nach vorne, er sieht, wie man es

über die Augen schlägt, direkt über die Augen! Er weint. Sein Herz

krampft sich zusammen, die Tränen fließen. Einer von den Peitschenden

fährt ihm ins Gesicht; er fühlt es nicht, er ringt die Hände, schreit

auf, stürzt zu dem alten Manne mit dem grauen Barte hin, der seinen Kopf

schüttelt und das mißbilligt. Ein Weib packt seine Hand und will ihn

fortführen, er reißt sich los und läuft wieder zu dem Pferde hin. Es hat

keine Kraft mehr, noch einmal schlägt es aus.

»Hol dich der Teufel!« schreit Mikolka wütend. Er wirft die Peitsche von

sich, bückt sich und zieht vom Boden des Wagens eine lange und dicke

Deichselstange hervor, ergreift sie mit beiden Händen und schwingt sie

mit gewaltiger Anstrengung auf das Pferd nieder.

»Er schlägt das Pferd tot!« schreit einer.

»Er zerschmettert es!«

»Es ist mein Eigentum!« brüllt Mikolka und läßt die Stange mit voller

Wucht niedersausen.

Ein dumpfer Schlag.

»Haut es mit der Peitsche! Warum steht ihr da!« ruft man aus der Menge.

Mikolka holt zum zweiten Male aus, und ein neuer Schlag saust auf den

Rücken der unglücklichen Mähre nieder. Sie fällt beinahe auf die

Hinterbeine, springt aber auf und ruckt und ruckt aus letzter Kraft hin

und her, um den Wagen von der Stelle zu bringen; von allen Seiten

empfängt sie Peitschenhiebe, die Deichselstange erhebt sich von neuem

und saust zum dritten und vierten Male nieder. Mikolka ist wütend, daß

er das Pferd nicht mit einem Schlage töten kann.

»Es ist zäh!« ruft man ringsum.

»Es fällt gleich hin, Brüder, nun geht es mit ihm zu Ende!« schreit

jemand aus der Menge.

»Ist es nicht besser, mit einem Beile es totzuschlagen? Macht doch ein

Ende!« ruft ein anderer.

»Zum Teufel mit dir! Geht alle aus dem Wege!« brüllt Mikolka, wirft die

Deichsel fort, bückt sich von neuem und holt eine Eisenstange hervor.

»Nehmt euch in acht!« ruft er und läßt sie mit voller Kraft auf das arme

Pferd niedersausen. Dieser Schlag traf; das Pferd taumelte, krümmte sich

und wollte ziehen, aber die Eisenstange sauste wieder auf seinen Rücken

herab, und das Pferd stürzte zu Boden, als wären ihm alle vier Beine mit

einemmal abgeschlagen.

»Schlagt zu!« schreit Mikolka und springt wie toll vom Wagen herab.

Einige Burschen, ebenso rot im Gesichte wie er und betrunken, ergreifen,

was ihnen in die Hände kommt -- mit Peitschen, Stöcken, der

Deichselstange laufen sie zu dem verendenden Pferde. Mikolka stellt sich

auf der einen Seite hin und fängt an, sinnlos mit der Eisenstange auf

seinen Leib zu schlagen. Die Mähre streckt den Kopf, holt schwer Atem

und verendet. »Nun hast du ihm den Garaus gemacht!« ruft man aus der

Menge.

»Warum lief es nicht im Galopp!«

»Es ist mein Eigentum!« schreit Mikolka mit blutunterlaufenen Augen und

hält die Eisenstange noch in den Händen. Er steht da, als täte es ihm

leid, daß er niemanden mehr habe, den er niederschlagen könnte.

»Du bist wirklich kein Christ!« rufen einige Stimmen aus der Menge.

Der arme Knabe aber ist außer sich. Mit einem Schrei durchbricht er die

Menge, läuft auf das Pferd zu, umarmt den blutüberströmten toten Kopf

und küßt ihn; er küßt die Augen, die Lefzen ... Dann springt er auf und

stürzt sich voller Wut mit seinen kleinen Fäustchen auf Mikolka. In

diesem Augenblick erwischt ihn der Vater, der ihm nachgelaufen war, und

trägt ihn fort.

»Gehen wir! Gehen wir!« sagt der Vater zu ihm. »Gehen wir nach Hause!«

»Papa, lieber Papa! Warum haben sie ... das kleine Pferd ...

erschlagen!« schluchzte er, sein Atem stockt und die Worte kommen wie

Schmerzensschreie aus seiner gepreßten Brust.

»Sie sind betrunken ... versündigen sich, uns geht es nichts an ...

gehen wir!« sagt der Vater. Er aber umfaßt den Vater mit beiden Händen,

es schnürt ihm die Kehle zu. Er will Atem holen, schreien und -- er

erwacht. Er erwachte ganz mit Schweiß bedeckt, mit feuchten Haaren,

schwer atmend, und erhob sich zitternd.

»Gottlob, es war nur ein Traum!« sagte er, setzte sich unter den Baum

und seufzte tief auf. »Aber was ist mit mir? Fange ich an zu fiebern, --

so ein gräßlicher Traum!«

Sein ganzer Körper war wie zerschlagen, und in seiner Seele war es

dunkel und trübe. Er stützte die Ellenbogen auf die Knie und hielt sich

mit beiden Händen den Kopf.

»Mein Gott,« rief er aus. »Werde ich denn, werde ich wirklich ein Beil

nehmen, werde es ihr auf den Kopf schlagen, das Gehirn ihr zerschmettern

... in klebrig warmem Blute tasten, das Schloß aufbrechen, stehlen und

zittern, mich verstecken, ganz mit Blut bedeckt ... mit einem Beile ...

Oh, Gott, werde ich es denn tun?«

Es durchschauerte ihn am ganzen Körper, als er das aussprach. »Ja, was

ist denn mit mir?« fuhr er fort, sich aufraffend und mit tiefem Staunen.

»Ich weiß doch, daß ich es nicht ertragen kann, warum habe ich mich denn

bis jetzt gequält? Gestern, gestern schon, als ich hinging, diesen ...

Versuch zu machen, gestern begriff ich vollkommen, daß ich es nicht zu

tun vermöge ... Was will ich denn jetzt noch? Warum hatte ich bis jetzt

noch Zweifel? Ich sagte mir schon gestern, als ich die Treppe

hinunterging, daß es gemein, niedrig, schuftig sei ... mir wurde ja beim

bloßen Gedanken übel und ein kalter Schauer ging mir durch alle Glieder

... Nein, ich werde es nicht aushalten, werde es nicht aushalten! Mag es

auch keinen einzigen Fehler in diesen Berechnungen geben, mag all das,

was in diesem Monat beschlossen wurde, klar wie der Tag, und richtig wie

eine mathematische Formel sein. Herrgott! Ich kann mich nicht dazu

entschließen! Ich werde es ja nicht aushalten, nicht aushalten! Was ist

denn mit mir immer noch, was denn?«

Er stand auf, sah sich verwirrt um, als sei er erstaunt, daß er hierher

gekommen war, und ging zu der T.-W.-Brücke. Er war bleich, die Augen

brannten, in seinen Gliedern lag tiefste Ermattung, plötzlich aber

konnte er leichter atmen. Er fühlte, daß er diese furchtbare Last, die

ihn solange bedrückt hatte, abgeworfen habe, und in seiner Seele wurde

es mit einem Male leicht und frei.

»Oh Gott!« flehte er. »Zeig mir meinen Weg, und ich sage mich los von

diesem verfluchten Trugbild!« Als er über die Brücke ging, blickte er

still und ruhig auf die Newa und auf die untergehende grellrote Sonne.

Trotz seiner Schwäche empfand er keine Müdigkeit. Es war, als sei das

Geschwür an seinem Herzen, das den ganzen Monat heranreifte, plötzlich

aufgegangen. Freiheit! Freiheit! Er ist jetzt von dieser Verzauberung,

von dieser Hexerei, von diesem Reiz, von dieser Versuchung befreit!

Später, als er an diese Zeit und all das dachte, was mit ihm in diesen

Tagen, Minute für Minute, Punkt für Punkt, Strich für Strich vorgegangen

war, setzte ihn fast bis zum Aberglauben ein Umstand stets in Erstaunen,

der im Grunde genommen nicht besonders ungewöhnlich war, der ihm aber

später wie die Fügung seines Schicksals erschien. Und zwar, -- er konnte

es gar nicht verstehen und erklären, warum er, ermüdet und abgespannt,

statt auf dem kürzesten und geradesten Weg nach Hause zu gehen,

plötzlich über den Heumarkt, den zu durchqueren für ihn ganz überflüssig

war, nach Hause zurückkehrte. Es war kein bedeutender Umweg, aber doch

ein augenscheinlich und eben völlig überflüssiger. Gewiß, er war

Dutzende von Malen nach Hause zurückgekehrt, ohne sich der Straßen zu

erinnern, durch die er gewandert war. Warum aber, fragte er sich immer,

warum passierte so eine wichtige, so eine entscheidende und gleichzeitig

so eine höchst zufällige Begegnung auf dem Heumarkte -- über den zu

gehen er gar keine Veranlassung hatte -- gerade zu der Stunde, in dem

Augenblicke seines Lebens, in solch einer Seelenstimmung und unter

solchen Umständen, unter denen diese Begegnung auch die entscheidenste

und endgültigste Wirkung auf sein ganzes Schicksal ausüben mußte? Als

hätte es auf ihn hier absichtlich gelauert! -- Es war gegen neun Uhr,

als er über den Heumarkt ging. Alle Verkäufer an den Tischen, in den

Läden und Buden schlossen ihre Geschäfte oder kramten ihre Waren

zusammen, packten sie ein und waren ebenso, wie ihre Käufer, auf dem

Wege nach Hause. Bei den Garküchen, in den Kellern, in den schmutzigen

und stinkenden Höfen der Häuser am Heumarkte, besonders aber bei den

Schenken drängte sich eine Menge allerhand Händler und verlumpter

Gestalten. Raskolnikoff liebte diese Gegend, ebenso auch alle

umliegenden Gassen, ganz besonders aber, wenn er ohne ein bestimmtes

Ziel bummeln ging. Hier erregten seine Lumpen keine hochmütige

Aufmerksamkeit, hier konnte man gekleidet gehen, wie man wollte, ohne

sich zu blamieren. An der Ecke der K.schen Gasse handelte ein

Kleinbürger mit seiner Frau an zwei Tischen mit allerhand Waren, --

Zwirn, Bändern, Kattuntüchern und dergleichen mehr. Sie waren auch beim

Aufbruch, wurden aber durch ein Gespräch mit einer Bekannten

aufgehalten. Diese Bekannte war Lisaweta Iwanowna oder einfacher

Lisaweta, wie sie allgemein genannt wurde, die jüngere Schwester

derselben Alten, Aljona Iwanowna, der Witwe eines Kollegienregistrators,

der Wucherin, bei der Raskolnikoff gestern gewesen war, um seine Uhr zu

versetzen und seine _Probe_ zu machen ... Er wußte längst alles über

diese Lisaweta, und sie kannte ihn auch ein wenig. Sie war ein

hochgewachsenes, plumpes, zaghaftes und stilles Mädchen, fast eine

Idiotin, fünfunddreißig Jahre alt, die bei ihrer Schwester lediglich die

Dienstmagd war, für sie Tag und Nacht arbeitete, vor ihr zitterte und

sogar von ihr Schläge bekam. Sie stand nachdenklich mit einem Bündel vor

dem Händler und seiner Frau und hörte ihnen aufmerksam zu. Die redeten

mit besonderem Eifer auf sie ein. Als Raskolnikoff sie unvermutet

erblickte, überkam ihn eine eigentümliche Empfindung, die einer sehr

starken Verwunderung glich, obwohl diese Begegnung nichts

Verwunderliches an sich hatte.

»Sie wollen einmal selbst entscheiden, Lisaweta Iwanowna,« sagte der

Händler laut. »Kommen Sie morgen so gegen sieben Uhr. Die werden auch

herkommen.«

»Mor--gen?« sagte Lisaweta gedehnt und nachdenklich, als ob sie sich

nicht entschließen könne.

»Aljona Iwanowna hat Ihnen viel zu viel Furcht eingejagt!« sagte die

Frau des Händlers, ein flinkes Weib. »Sie sind ganz wie ein Kind. Und

dabei ist sie nicht mal Ihre leibliche, sondern Ihre Stiefschwester und

hat doch solch eine große Macht über Sie!«

»Sie sollten Aljona Iwanowna nichts davon erzählen,« unterbrach der

Mann, »ich gebe Ihnen den Rat, und Sie kommen zu uns ohne Erlaubnis. Es

ist ein vorteilhaftes Geschäft. Ihre Schwester wird es später selbst

einsehen.«

»Soll ich kommen?«

»Morgen, um sieben Uhr, auch von denen kommt jemand her. Dann können Sie

selbst entscheiden.«

»Wir stellen den Samowar auf und machen Tee,« fügte die Frau hinzu.

»Gut, ich will kommen,« antwortete Lisaweta, immer noch in Nachdenken

versunken, und ging langsam weiter.

Raskolnikoff war schon vorüber und hörte nichts mehr. Er war langsam

gegangen, unbemerkt, und bestrebt, kein Wort vom Gespräche zu verlieren.

Seine Verwunderung verwandelte sich allmählich in Schrecken, als wäre

ihm etwas Kaltes über den Rücken gelaufen. Er hatte erfahren, vollkommen

unerwartet hatte er erfahren, daß morgen abend punkt sieben Uhr

Lisaweta, die Schwester der Alten und ihre einzige Mitbewohnerin, nicht

zu Hause sein werde, und daß also die Alte Punkt sieben Uhr _ganz allein

zu Hause war_.

Bis zu seiner Wohnung waren es bloß einige Schritte. Er ging, wie ein

zum Tode Verurteilter. Er dachte an nichts und konnte auch an gar nichts

denken, aber mit seinem ganzen Wesen fühlte er plötzlich, daß er weder

die Freiheit der Erwägung noch einen Willen besitze, und daß alles mit

einem Male endgültig entschieden sei.

Es war sicher, daß er, selbst bei jahrelangem Warten auf solch einen

günstigen Zufall, sicher nicht auf einen deutlicheren Wink für den

Erfolg rechnen konnte, als der war, der sich ihm jetzt urplötzlich bot.

In jedem Falle würde es schwer sein, am Abend vorher und sicher, mit

größter Genauigkeit und geringstem Risiko, ohne gefährliches Ausfragen

und Untersuchen, zu erfahren, daß am anderen Tage um die und die Stunde

die Alte, auf die man einen Anschlag vorbereitet, ganz allein zu Hause

sein werde.

Sämtliche Werke 1-2 · 第 18 / 66 题