Rodion Raskolnikoff

Die beiden gleichzeitigen und doch so verschiedenen Auseinandersetzungen

des russischen Geistes mit Napoleon als der Verkörperung des

westeuropäischen Geistes -- gleichsam zwei Wiederholungen des Jahres

1812 -- sind in der russischen Literatur: »Krieg und Frieden« und

»Rodion Raskolnikoff«.

Die erste Auseinandersetzung hat nicht mit einem Siege, sondern nur mit

einer Religionsverdrehung geendet. Ob der russische Geist auch in der

zweiten eine Niederlage erlitten hat oder nicht, das bleibe

dahingestellt. Jedenfalls hat er hier gezeigt, daß er würdig ist, seine

Kräfte mit einem solchen Gegner wie Napoleon zu messen, hier ist er dem

Feinde entgegengetreten -- ... Auge in Auge, wie es dem Kämpfer im

Kampfe gebührt.

Dostojewski hat vor uns die Kraftlosigkeit der napoleonischen Idee

aufgedeckt, nicht die politische und nicht einmal die sittliche

Kraftlosigkeit, sondern die religiöse: bevor man in Europa die Idee der

altrömischen Monarchie, die Idee des universalen Caesar-Vereinigers, des

Menschengottes auferweckte, mußte man zuerst die entgegengesetzte Idee

der christlichen universalen Vereinigung, die Idee des Gottmenschen

überwinden. Doch der historische Napoleon hat diese Idee in seinen Taten

ganz ebensowenig bewältigt, wie Napoleon-Raskolnikoff es in der

Anschauung tat, ja, sie sind nicht einmal an sie herangetreten, sie

haben sie überhaupt nicht gesehen. Wenn dieser Napoleon Raskolnikoff

tatsächlich ein »Prophet zu Pferde mit dem Schwert in der Hand«

erscheint, so ist er doch immerhin -- ohne einen »neuen Koran«, ein

Prophet nicht von Gott und nicht gegen Gott, sondern nur ohne Gott; und

in diesem Sinne ist er natürlich -- _Pseudoantichrist_. »Wenn es Gott

nicht gibt, so bin ich Gott!« folgert der irrsinnige und furchtlose

Kiriloff -- nicht etwa deswegen furchtlos, weil irrsinnig? »Wenn ich es

mir einfallen ließe, mich für Gottes Sohn auszugeben, so würde man mich

in allen Jahrmarktsbuden verspotten!« meinte der nicht gar zu

vorsichtige und vernünftige Napoleon. Versteht sich, hier ist vom

Erhabenen, vom Furchtbaren zum Lächerlichen -- »nur ein Schritt«. Ist

aber die Furcht vor dem Lächerlichen bei Napoleon nicht zu gleicher Zeit

eine ebenso lächerliche Furcht, wie die Furcht des Usurpators vor der

Krone des legitimen Nachfolgers? »Gott hat sie mir gegeben. Wehe dem,

der an sie rührt.« -- Hat sie wirklich Gott selbst gegeben? -- Noch

niemand hat ihn mit einem so höhnischen Lächeln danach gefragt, niemand

hat mit einer solchen Vermessenheit an seine Krone gerührt wie

Dostojewski.

* * * * *

»Ich wollte ein Napoleon werden, darum erschlug ich. Ich stellte mir

einmal die Frage: wie, wenn zum Beispiel an meiner Stelle Napoleon

gewesen wäre und er weder Toulon noch Ägypten, noch einen Übergang über

den Montblanc gehabt hätte, um seine Laufbahn zu beginnen, sondern

anstatt all dieser schönen und großartigen Dinge nur irgendein

lächerliches Weib, eine alte Registratorenwitwe, die er noch dazu hätte

erschlagen müssen, um aus ihrem Kleiderkasten Geld stehlen zu können

(für den Anfang seiner Laufbahn -- du verstehst doch?). Nun also, würde

er sich denn dazu entschlossen haben, wenn ein anderer Ausweg für ihn

nicht möglich gewesen wäre? Hätte ihn das nicht abgestoßen, weil es doch

gar zu wenig >großartig< war und ... Sünde wäre? Nun sieh, ich sage dir,

über dieser >Frage< habe ich mich entsetzlich lange abgequält, so daß

ich mich fürchterlich schämte, als ich endlich erriet (ganz plötzlich,

irgendwie), daß es ihn nicht nur niemals abgestoßen haben würde, sondern

ihm sogar überhaupt nicht in den Sinn gekommen wäre, daß so etwas gar

nicht >großartig< sei ... Er hätte sogar überhaupt nicht begriffen, was

ihn dabei abstoßen könnte, und sobald das nur sein einziger Ausweg

gewesen wäre, würde er sie in einer Weise erwürgt haben, daß ihr nicht

einmal Zeit zum Mucksen geblieben wäre, -- ohne das geringste Bedenken!

Nun, und ich ... befreite mich von den Bedenken, erwürgte -- nach dem

Beispiel seiner Autorität ... Und so war es auch buchstäblich.«

Raskolnikoff begreift nur zu gut den Unterschied zwischen Napoleons

»geglücktem« und seinem eigenen »mißglückten« Verbrechen, aber nur den

_ästhetischen_, den Unterschied in der »Form« und in der Eigenart der

geistigen Kraft. Er vergleicht sein Verbrechen mit den blutigen

Heldentaten berühmter, gekrönter, historischer Verbrecher, doch Dunja,

seine Schwester, protestiert gegen einen solchen Vergleich: »Aber das

ist doch etwas ganz anderes, Bruder, das ist doch nie und nimmer

dasselbe!« -- Da ruft er wie rasend aus: »Ah! Es ist nicht dieselbe

_Form_! Es hat kein so ästhetisch schönes Äußere! Ich aber verstehe

wirklich nicht, warum eine regelrechte Schlacht, mit Kanonenkugeln auf

die Menschen feuern -- eine ehrenwertere Form sein soll? Die Furcht vor

dem Unästhetischen ist das erste Anzeichen der Kraftlosigkeit!« --

»Napoleon, die Pyramiden, Waterloo -- und eine hagere, häßliche

Registratorenwitwe, eine alte Wucherin mit einem roten Koffer unter dem

Bett, -- nun, wie soll das selbst ein Porphyri Petrowitsch (der

Untersuchungsrichter) verdauen! ... Wie sollen die an ein solches

Problem heranreichen! ... Die Ästhetik stört: >wird denn<, heißt es,

>Napoleon unter das Bett eines alten Weibes kriechen?<«

Ja, gerade die konventionelle Ästhetik, die Rhetorik der Lehrbücher,

jene historische Lüge, die wir mit der Milch unserer erziehenden Mutter,

der Schule, einsaugen, entstellt und verunstaltet unsere sittliche

Wertung der universalhistorischen Erscheinungen. Von dieser

»ästhetischen« Schale wird nun Raskolnikoff durch die Frage nach den

Verbrechen der Helden befreit, wird von ihr, wie Sokrates sagt, »vom

Himmel auf die Erde herabgeführt«, d. h. von jener abstrakten Höhe, wo

die akademische Vergötterung der Großen stattfindet, auf die Ebene des

lebendigen Lebens: und er stellt uns Angesicht gegen Angesicht dieser

Frage in ihrer ganzen grauenvollen Einfachheit und Verschlungenheit

gegenüber. Hat doch ein jeder von uns, uns Nichthelden, wenigstens

einmal im Leben mehr oder weniger bewußt für sich entscheiden müssen, so

wie Raskolnikoff es tut: »Bin ich zitternde Kreatur oder habe ich das

Recht,« bin ich ein »Fressender« oder ein »Gefressener«? Und diese

Frage, dem Anscheine nach die der umfassendsten und allgemeinsten

universalhistorischen Anschauung, ist hier mit der ersten und

wichtigsten sittlichen Frage jedes einzelnen Menschenlebens, jeder

einzelnen menschlichen Persönlichkeit untrennbar eng verbunden. Ohne

diese Frage mit dem Verstande und dem Herzen gelöst zu haben -- oder hat

man sie nur mit dem Verstande oder nur mit dem Herzen gelöst, -- kann

man nicht leben, kann man keinen Schritt im Leben tun.

Wenn wir uns nun von der »Furcht vor der Ästhetik« befreien, werden wir

dann nicht zugeben, daß der erste, sagen wir mathematische Ausgangspunkt

der sittlichen Bewegung Napoleons und Raskolnikoffs -- ein und derselbe

ist? Beide sind sie aus derselben Nichtigkeit hervorgegangen: der kleine

Korsikaner, der auf die Straßen von Paris hinausgeworfen war, der

Fremdling ohne Titel, ohne Herkunft, dieser Bonaparte -- ist ganz ebenso

ein unbekannter Vorübergehender, ein junger Mann, »der einmal in der

Dämmerstunde aus seiner Dachkammer heraustrat,« wie der Student der

Petersburger Universität Rodion Raskolnikoff. »Er war auffallend schön,

er hatte dunkle Augen und dunkelblondes Haar, war schlank und

wohlgestaltet« -- das ist alles, was wir zu Anfang der Tragödie von

Raskolnikoff wissen, und nur ein wenig mehr wissen wir von -- Napoleon.

Das »Menschenrecht« und die »Freiheit«, die die »Große Revolution«

erobert hatten, sind für beide in erster Linie das Recht und die

Freiheit, vor Hunger zu sterben; »Gleichheit und Brüderlichkeit« sind

für sie Gleichheit und Brüderlichkeit mit denen, die von ihnen verachtet

oder gehaßt werden. Beim Anblick dieser »Nächsten« und »Gleichen« --

sagt Dostojewski von Raskolnikoff -- »drückte sich die Empfindung des

tiefsten Ekels in den feinen Zügen des jungen Mannes aus«, und wir

können dabei ebensogut an Napoleon denken. Brüderlichkeit und Gleichheit

-- tiefster Ekel; Freiheit -- tiefste Verschmähung, Einsamkeit. Weder

Vergangenheit noch Zukunft. Weder Hoffnungen, noch Überlieferungen. »Ein

einziger gegen alle, sterbe ich morgen, bleibt nichts von mir übrig« --

das ist die erste Empfindung beider. Und der Einfall dieser »zitternden

Kreatur«, ein »Herrscher« zu werden, wäre ein ebenso verrückter Einfall

-- oder Größenwahnsinn -- bei Napoleon wie bei Raskolnikoff: zuerst ins

Krankenhaus, dann in die Zwangsjacke und -- aus ist es. Raskolnikoff hat

vor Napoleon sogar einen gewissen Vorzug: er sieht nicht nur die

äußeren, sondern auch die inneren Schranken und Hindernisse, die er

»übertreten« muß, um »das Recht zu haben«. Napoleon sieht sie überhaupt

nicht. Übrigens war vielleicht gerade diese Blindheit teilweise die

Quelle seiner Kraft -- allerdings nur bis zu einer gewissen Zeit: zu

guter Letzt wird der Mangel an Erkenntnis jeglicher Kraft doch nicht

verziehen; und auch Napoleon wurde dieser Mangel nicht verziehen.

Raskolnikoff erkühnt sich zu Größerem, weil er mehr, weil er Größeres

sieht. Hätte er gesiegt, so wäre sein Sieg endgültiger, unumstößlicher

gewesen, als der Sieg Napoleons. In jedem Fall aber ist infolge der

Gleichheit oder Einheit des Ausgangspunktes, trotz des ganzen

unermeßlichen Unterschiedes der zurückgelegten Wege, das sittliche

Gericht über Raskolnikoff zu gleicher Zeit auch Gericht über Napoleon.

Die Frage, die in »Rodion Raskolnikoff« erhoben wird, ist dieselbe

Frage, die Tolstoj in »Krieg und Frieden« erhebt; der ganze Unterschied

besteht nur darin, daß Tolstoj sie umfängt, während Dostojewski sich in

sie vertieft; der eine tritt von außen an sie heran, der andere von

innen; bei dem einen ist es Beobachtung, beim anderen Experiment.

Die Revolution war ein ungeheurer politischer, schon in viel geringerem

Maße sozialer, die Stände betreffender, und überhaupt kein moralischer

Umsturz. »Du sollst nicht töten«, »du sollst nicht stehlen«, »du sollst

nicht ehebrechen« -- alles ist geblieben, wie es war, wie es die Tafeln

Moses vorschreiben; alles hat, ganz abgesehen von den äußeren

kirchlichen und monarchischen Überlieferungen, seine innere sittliche

Notwendigkeit vor dem Henker (Robespierre), ebenso wie vor dem Opfer

(Louis XVI.) aufrecht erhalten. Trotz der »Göttin der Vernunft« war

Robespierre ein ebensolcher »Deïst« wie Voltaire, und trotz der

Guillotine ein ebensolcher »Menschenfreund« wie Jean Jacques Rousseau.

Man muß seinen Nächsten lieben, man muß sich für seine Nächsten opfern

-- dem widersprach kein einziger, weder die Henker, noch die Opfer.

Hierbei vollzog sich keinerlei Umwertung der sittlichen Werte. Die

Persönlichkeit war der Allgemeinheit in der neuen Regierungsform nicht

etwa weniger untergeordnet, sondern mehr. Bei der mittelalterlichen

Verfassung war diese Unterordnung ganz natürlich, innerlich bedingt,

nicht willkürlich gewesen, war die Unterordnung des einen Gliedes im

lebendigen Volkskörper unter ein anderes durch eine vielleicht sogar

falsch aufgefaßte, aber immerhin religiöse, uneigennützige Idee. Jetzt

wird die Politik zur Mechanik; die Persönlichkeit ordnet sich dem

äußeren Zwang des »Gesellschaftsvertrages« unter -- der Stimmenmehrheit;

sie wird zum Hebel inmitten aller Hebel der vernünftig und richtig

gebauten Maschine, zur Eins unter Einern, zur mathematisch berechenbaren

Ziffernhöhe dieser Mehrheit. Der Druck der neuen anmaßenden Freiheit

war, wie es sich erwies, furchtbarer als der Druck der alten

unverhohlenen Knechtschaft.

Und die Persönlichkeit hielt es nicht aus und empörte sich in der

letzten, in der Welt noch nie dagewesenen Empörung.

Versteht sich: am allerwenigsten dachte an die Rechte der

Menschenpersönlichkeit, an die Umwertung aller sittlichen Werte --

Napoleon, als er die Läufe der Touloner Kanonen auf den revolutionären

Volkshaufen richten ließ, um, nach dem Ausdruck Raskolnikoffs, »mit

Kanonenkugeln auf Schuldige und Unschuldige zu feuern, ohne sie auch nur

eines Wortes der Erklärung zu würdigen«. Und darauf folgt eine ganze

Reihe ganz ebenso geglückter Verbrechen. -- »Ich erriet damals,« sagt

Raskolnikoff »daß Macht nur dem gegeben wird, der es wagt, sich zu

bücken und sie zu nehmen. Hierbei ist ja nur eines, nur eines

erforderlich: man muß nur wagen, nur erkühnen muß man sich! ... Es stand

plötzlich sonnenklar vor mir, wie denn noch kein einziger bis jetzt

gewagt hat und nicht wagt, wenn er an diesem ganzen Blödsinn

vorübergeht, einfach alles am Schwanz zu nehmen und zum Teufel zu

schleudern! Ich wollte mich dazu erkühnen!« Dem Bewußtsein Napoleons

zeigte sich dasselbe natürlich nicht »sonnenklar«: nur aus dem dunklen,

uranfänglichen Instinkt der sich empörenden Persönlichkeit heraus

»wollte _er_ sich erkühnen«.

Napoleon ging aus der Revolution hervor und nahm sogar ihre

Offenbarungen an, nur veränderte er sie für seine Zwecke. »Alle sind

gleich« -- damit stimmte er überein, nur fügte er hinzu: »Alle sind

gleich _für mich_, alle sind gleich _unter mir_.« »Alle sind frei« --

und er will Freiheit, will freien Willen, aber »_nur für sich allein_«

will er freien Willen.

Vom Gesichtspunkte der alten, mosaischen, und der scheinbar neuen, in

Wirklichkeit aber ebenso alten menschenfreundlichen Sittlichkeit aus,

die Jean Jacques Rousseau mit der Feder und Robespierre mit dem

Henkerbeil verkündet haben, ist Napoleon ein Dieb und Mörder, »ein

Räuber außerhalb des Gesetzes«. Uns erdrückt das Pathos der historischen

Ferne, wir sind geblendet von der Sonne von Austerlitz. »Napoleon, die

Pyramiden, Waterloo -- und eine hagere, häßliche Registratorenwitwe,

eine alte Wucherin mit einem roten Koffer unter dem Bett -- wie sollen

sie denn das verdauen! Wird denn, heißt es, Napoleon unter das Bett

eines alten Weibes kriechen?« Und doch, in der Tat, geben wir zu, wenn

nur die »Ästhetik uns nicht störte«, daß für die Kritik der reinen

Sittlichkeit die Zerstörung Toulons und das unter das Bett des alten

Weibes nach dem roten Koffer Kriechen -- ein und dasselbe ist. Furchtbar

und gemein ist es, scheußlich und widerlich! Er kroch unter das Bett und

verkroch sein ganzes Leben. Warum ist das nun in dem einen Falle

»Übertretung (Schuld) und Sühne«, und im anderen -- Übertretung

(Verbrechen) und Krönung mit dem in der Geschichte einzig dastehenden

universalhistorischen Lorbeerkranz? »Gott hat sie mir gegeben« (die

Krone der römischen Cäsaren); »wehe dem, der an sie rührt.« Was Wunder,

wenn der verschüchterte und ruhmberauschte Pöbel dem glaubte! Wie aber

konnten die freien, rebellischen Byron und Lermontoff daran glauben? Wie

konnten sie diesen »Tyrann«, der den größten Versuch der

Menschenbefreiung, die Revolution, enthauptete, als ihren Helden

anerkennen? Wie, endlich, konnten so ruhige und nüchterne Leute wie

Puschkin und Goethe von ihm betrogen werden? Und doch ist es so. Als

hätte er ihren geheimsten, für sie selbst noch furchtbaren Traum erraten

und verkörpert! Und geradezu dankbar dichten sie die letzte wundervolle

»Sage« Europas von ihm, dem Märtyrer-Imperator auf Sankt Helena, von dem

neuen Prometheus, der an den einsamen Fels inmitten des Ozeans

angeschmiedet ist. Dem Märtyrer welchen Gottes? -- Das wissen sie nicht,

das sehen sie nicht, nur dunkel ahnt ihr Instinkt, daß gerade hier, bei

Napoleon, ein anderer Geist umgeht, einer, der ihnen wie näher und

verwandter, der wie neuer und sogar freier, befreiender und

schöpferischer ist, als der Geist der Revolution. Erwachte nicht in dem

alten, bereits zur Ruhe gekommenen und ein wenig sogar schon

verknöcherten Goethe, als er sich an Napoleon wie an einer

übernatürlichen, »dämonischen« Erscheinung der Natur und der Menschheit

begeisterte, -- erwachte da nicht in ihm etwas Jünglinghaftes,

grenzenlos Rebellisches, Unterirdisches, jenes selbe, aus dem auch sein

Prometheusruf geboren scheint:

Ihr Wille gegen meinen!

Eins gegen Eins ...

-- -- -- -- -- --

Götter? Ich bin kein Gott,

Und bilde mir so viel ein als einer.

Unendlich? -- Allmächtig? --

Was könnt ihr? ......

Vermögt ihr, zu scheiden

Mich von mir selbst?

Auch bei Byron nimmt die Erscheinung Napoleons nicht umsonst die Gestalt

Prometheus, Kains, Lucifers an -- aller Verstoßenen, Verfolgten, die

sich gegen Gott erhoben und vom Baume der Erkenntnis gegessen haben.

Dieser Geist, der weder hell noch dunkel ist, wie das fahle Dämmerlicht

der ersten Morgenstunden, dieser neue Dämon Europas mit seinem frommen,

leidenschaftslosen Lächeln -- um wieviel ist er aufrührerischer als

Robespierre oder Saint Just, um wieviel will er mehr, als Rousseau oder

Voltaire! Es scheint, daß hier auch des Rätsels Lösung ist. Aber

vielleicht ist niemand entfernter von diesem Erraten, als -- Napoleon

selbst. Vielleicht würde sich niemand so sehr darüber wundern, niemand

so entrüstet sein wie er, wenn er begreifen könnte, welch eine Folgerung

aus seinen Sätzen gezogen, welch eine Bedeutung seiner Persönlichkeit

beigelegt werden wird. Schien es doch nicht nur anderen, sondern auch

ihm selbst, daß er das gestörte Gleichgewicht der Welt wieder

herstellte, daß er unerschütterliche Ordnung einführte, das

auseinanderfallende Gebäude des europäischen Staatskörpers stützte und

der Revolution ein Ende machte. Wenn nur er selbst und die anderen den

»ersten Schritt«, seinen Ausgangspunkt, vergessen könnten -- diesen

bleichen jungen Menschen mit den blutigen Händen, der nach dem roten

Koffer unter das Bett der alten Wucherin -- der Revolutionsgöttin

»Vernunft« -- kriecht! »_Dio mi la dona._ Gott hat _sie_ mir gegeben,«

-- die Krone oder die rote Truhe? Und ist es wirklich Gott? Wirklich der

christliche Gott oder der Gott des fünften Buches Moses? Immerhin hat er

doch getötet und gestohlen! Er aber ist ein einzelner; für die anderen

heißt es nach wie vor: »Du sollst nicht töten«, »Du sollst nicht stehlen

...« Wenn _er_ -- warum dann schließlich nicht auch _ich_? Ist er denn

nicht aus derselben Nichtigkeit hervorgegangen wie ich, nicht aus einem

ebenso abstrakten mathematischen Nichtigkeitspunkt wie ich? Er ist --

Gott; ich bin -- »zitternde Kreatur«. Aber auch in meinem Herzen erhebt

sich der Schrei des Titanen:

Götter? Ich bin kein Gott,

Und bilde mir soviel ein als einer.

Wenn er »beim Vorübergehen einfach alles am Schwanz nahm und

fortschleuderte zum Teufel,« warum soll dann nicht auch ich einmal

dasselbe versuchen, und wäre es auch nur, sagen wir -- aus Neugier?

»Denn hier ist ja nur eines, nur eines erforderlich: man muß sich nur

dazu entschließen.«

Nein, Napoleon hat den Brand der großen Revolution nicht gelöscht, er

hat nur den Feuerfunken derselben aus dem äußeren, politischen, weniger

gefährlichen Gebiet in das innere, sittliche, um wieviel mehr

explosionsfähige geworfen. Er wußte selbst nicht, was er tat, ahnte

selbst nicht, »wes Geistes er war«; aber mit seinem ganzen Leben, durch

sein Beispiel, durch die Größe seines Glücks und die Größe seines

Unterganges hat er die tiefsten Grundfesten der ganzen christlichen und

vorchristlichen Sittlichkeit erschüttert: ohne seinen Willen, gegen

seinen Willen hat er die »Umwertung aller Werte« begonnen, hat er noch

nie dagewesene Zweifel an die Uroffenbarungen des Menschengewissens

erweckt, hat er -- wenn auch mit halbverschlafenen Augen -- in das

»Jenseits von Gut und Böse« geblickt, und hat er auch anderen erlaubt

und auch andere gezwungen, dorthin zu blicken. Das aber, was der Mensch

dort erblickt hat, das kann er nie mehr vergessen. Die alte politische

»Große« Revolution erscheint uns trotz all ihrer äußeren blutigen Greuel

vollkommen unverletzend und ungefährlich, fast gutmütig und klein wie

ein Kinderspiel, fast wie Schülerunart -- im Vergleich zu diesem kaum

sehbaren, kaum hörbaren innerlichen Umsturz, der sich noch bis auf den

heutigen Tag nicht vollzogen hat und dessen Folgen wir unmöglich

voraussehen können.

Eines ganzen Jahrhunderts angestrengten philosophischen und religiösen

Denkens Europas hat es bedurft -- von Goethes »Prometheus« bis zu

Nietzsches »Antichrist« --, um den ewigen Sinn der napoleonischen

Tragödie als universalhistorischer Erscheinung zu erfassen: die

antichristliche und doch dabei heilige Liebe zu sich selbst, zu seinem

»fernen« Selbst, die der Liebe zu anderen, zum »Nächsten«

entgegengesetzt ist; der titanische unterirdische Anfang der

Persönlichkeit: »ich allein gegen alle« --

»Ihr Wille gegen meinen« --

der Wille der Selbstbejahung, der »Wille zur Macht«, der dem Willen zur

Selbstverleugnung, zur Selbstvernichtung entgegengesetzt ist; die

Empörung gegen die alte, gegen die neue, gegen jede gesellschaftliche

Einrichtung, jeden »gesellschaftlichen Verband«, gegen alle »beengenden

Fesseln der Zivilisation«, nach dem Ausdruck Napoleons, den er gleichsam

von dem Urahn der Anarchisten, Jean Jacques Rousseau, entlehnt hat; die

Empörung gegen die Menschheit (Kain), gegen Gott (Lucifer), gegen

Christus (der Antichrist-Nietzsche) -- das sind die emporführenden

Stufen dieser neuen sittlichen Revolution. Unbegrenzte Freiheit,

unbegrenztes Ich, vergöttertes Ich, Ich-Gott, -- das ist das letzte,

kaum zu Ende gesprochene Wort dieser Religion, die Napoleon mit so

genialem Instinkt vorausgesehen hat -- »ich habe eine Religion

geschaffen« --, und über die er mit so unverzeihlichem Leichtsinn

scherzen konnte: »In allen Jahrmarktsbuden würde man mich verspotten,

wenn ich es mir einfallen ließe, mich für Gottes Sohn auszugeben.«

Und von diesem selben unterirdischen vulkanischen Stoß, der scheinbar

aus dem Westen kam (wie wir späterhin sehen werden, _nicht nur_ aus dem

Westen), von diesem selben unklaren, bald mitfühlenden, bald

spöttischen, aber immer aufregenden und tiefen Gedanken, an die

napoleonische Persönlichkeit, an die Raubvögel und aufrührerischen

Helden, die »Menschen des Fatums« -- angefangen von dem kaukasischen

Gefangenen, Onjégin, Aleko, Petschorin und dem Dämon[1], begann auch die

Wiedergeburt der russischen Literatur. Dieser Gedanke, der sich wohl

zeitweilig verbarg, sich gleichsam unter die Erde versenkte, niemals

aber endgültig versiegte, da er immer wieder mit neuer und neuer

Kraft hervorbrach, dieser Gedanke begleitet die ganze große

universalhistorische Entwicklung des russischen Geistes in der

russischen Literatur, von den »Moskowitern im Child Harold-Mantel«, an

deren Händen »Blut klebt«, von Aleko-Petschorin, der »nur für sich

allein Willen haben will« -- bis zum Nihilisten Kiriloff, der sich für

»verpflichtet« hält, »Eigenwille zu zeigen«, bis Stawrogin, der »in

beiden entgegengesetzten Polen (in der Freveltat und in der Heiligkeit)

den gleichen Genuß findet« -- bis zu »Iwan Karamasoff«, der es endlich

begreift, daß »alles erlaubt ist« und somit Friedrich Nietzsches »alles

ist erlaubt« voraussagt.

Ein junger Mann[2], mit dem bleichen Gesicht, »mit wundervollen Augen

und ebensolchem Äußeren« (und nicht nur Äußeren), der an Bonaparte vor

Toulon erinnert, stiehlt sich nachts in das Schlafzimmer der alten

Gräfin, um ihr mittels Gewalt das Kartengeheimnis zu erpressen. Die

Pistole, die er mitgenommen hat, um die Alte zu erschrecken, ist nicht

geladen. Dennoch fühlt er sich als Mörder. Hier handelt es sich übrigens

nicht um die Alte: »Die Alte ist Unsinn,« vielleicht auch ein Irrtum,

»nicht die Alte, sondern das Prinzip« erschlug er, er bedurfte nur des

»ersten Schrittes«: »ich wollte nur den ersten Schritt tun -- mich in

eine unabhängige Stellung bringen, Mittel erlangen, und dann, später,

hätte sich alles durch verhältnismäßig unermeßlichen Nutzen

ausgeglichen. _Ich wollte das Gute den Menschen._« Und für das Gute

erschlug er. Das sagt Raskolnikoff, aber dasselbe könnte auch von

Puschkins Herrman in der »Pique Dame« gesagt sein. Wie Raskolnikoff, so

ist auch Herrman ein Nachahmer Napoleons. Wie flüchtig auch sein innerer

Mensch von Puschkin gezeichnet ist, es ist trotzdem klar, daß er kein

gewöhnlicher Verbrecher ist, daß hier noch etwas Komplizierteres,

Rätselhafteres dahintersteckt. Puschkin selbst berührt natürlich, wie

das so seine Art ist, kaum, kaum diese Rätsel, um dann sofort an ihnen

vorüberzugehen und sich mit seinem unerhaschbar gleitenden, lächelnden

Spott von ihnen loszumachen. Aber aus der wie zufällig von Puschkin

hingeworfenen Skizze »Die Pique Dame« sind _nicht zufällig_ Gogols »Tote

Seelen« und Dostojewskis »Rodion Raskolnikoff« hervorgegangen. So gehen

auch hier die Wurzeln der russischen Literatur auf Puschkin zurück:

gleichsam, als hätte er im Vorübergehen auf die Türe des Labyrinths

gewiesen. Nachdem Dostojewski einmal in dieses Labyrinth eingetreten

war, konnte er sich später sein Leben lang nicht mehr herausfinden:

immer tiefer und tiefer drang er in dasselbe hinein, forschte, prüfte,

versuchte, suchte und fand doch keinen Ausgang.

Die Verwandtschaft Raskolnikoffs mit Herrman hat Dostojewski, wie es

scheint, nicht nur gefühlt, sondern auch klar erkannt. »Der Puschkinsche

Herrman in der >Pique Dame< ist eine kolossale Gestalt, ein

ungewöhnlicher, durch und durch Petersburger Typ -- ein Typ aus der

Petersburger Zeit!« läßt Dostojewski seinen Helden in der »Jugend«

sagen, der gleichfalls einer von Raskolnikoffs geistigen

Zwillingsbrüdern ist. Er sagt es bei der Beschreibung des Eindrucks, den

der Petersburger Morgen auf ihn macht -- »der scheinbar prosaischste auf

der ganzen Welt«, den er aber für den »allerphantastischsten der Welt«

hält. »An einem solchen modernden, feuchten, nebligen Petersburger

Morgen mußte der wilde Einfall eines Puschkinschen Herrman, wie mir

scheint, noch mehr Wurzel fassen. Wohl hundertmal ist mir inmitten

dieses Nebels der sonderbare, doch um so aufdringlichere Gedanke

gekommen: Wie, wenn nun dieser Nebel verfliegt und sich emporhebt, wird

dann nicht auch diese ganze modernde, sumpfig schlüpfrige Stadt zusammen

mit dem Nebel emporschweben und verschwinden, wie Rauch verfliegen und

nur den früheren finnischen Sumpf zurücklassen, inmitten desselben

meinetwegen wie zum Schmuck der _Eherne Reiter_[3] auf dem heiß

atmenden, überjagten Tiere?«

Ebenso wie von Puschkins Herrman kann man auch von Raskolnikoff sagen,

daß er ein »durch und durch Petersburger Typ« ist, »ein Typ aus der

Petersburger Zeit«. In keiner einzigen anderen, weder russischen noch

europäischen Stadt -- außer in Petersburg -- in keinem einzigen anderen

Zeitabschnitt der russischen oder europäischen Geschichte hätte dieser

Herrman sich entwickeln und auswachsen können zu einem -- Raskolnikoff.

Und hinter diesen zwei »kolossalen«, »außergewöhnlichen« Gestalten hebt

sich eine dritte Gestalt ab -- tritt die noch kolossalere und

außergewöhnlichere Gestalt des Ehernen Reiters auf dem Granitfels

hervor. Was zuerst fremd, aus dem »angefaulten Westen« importiert,

romantisch, byronisch, napoleonisch erschien, wird verwandt, volklich,

russisch, wird zum Geiste Puschkins, Peters; was aus den Tiefen Europas

kam, trifft mit aus den Tiefen Rußlands Kommendem zusammen. Ist der

Traum unseres sagenhaften Recken der Steppe, unseres Ilja von Murom,

nicht der Traum vom »Wundertäter«, dem »Riesen«? Ja, in diesem Nebel der

finnischen Sümpfe und in dem Granit der aus ihnen emporgewachsenen Stadt

fühlt man deutlich die Verbindung aller kleinen und großen Helden der

aufständischen oder nur andrängenden russischen Persönlichkeit von

Onjégin bis Herrman, von Herrman bis Raskolnikoff, bis Iwan Karamasoff

-- mit demjenigen,

-- durch dessen Fatumswille

Die Stadt sich aus dem Meer erhob --

diese »absichtlichste aller Städte der Erdkugel«, die Stadt der

abstraktesten Erscheinungen, der größten Vergewaltigung der Menschen und

der Natur, des historischen »lebendigen Lebens«, die Stadt der

anscheinend geometrischen Ordnung, des mechanischen Gleichgewichts, in

Wirklichkeit aber -- der gefahrvollsten Aufhebung der Lebensordnung und

des Lebensgleichgewichts. Nirgendwo in der Welt sind so

unerschütterliche Massen auf so schwankendem Grunde aufgetürmt: Granit,

der sich in Nebel auflöst, Nebel, der sich zu Granit verdichtet. Der

»Geist der Knechtschaft« -- der »stumme und taube« Geist, von dem es zu

Raskolnikoff hinüberweht, während er auf der Brücke steht und auf das

»großartige Panorama« der Petersburger Kais schaut; der Geist der

Unfreiheit und des »Verhängnisses«, des widernatürlichen und

übernatürlichen »Willens«. Der »wilde Einfall« Raskolnikoffs »hätte noch

mehr Wurzel fassen müssen« -- gerade hier in dieser phantastischen Stadt

»mit der allerphantastischsten Entstehungsgeschichte der Welt«, durch

die Berührung dieser Wirklichkeit, die selbst einem wilden Einfall,

einem Fieberwahn gleicht. »Vielleicht ist das alles nur irgend jemandes

Traum? ... Irgend jemand, dem alles das träumt, wird plötzlich erwachen

-- und alles wird dann plötzlich verschwinden.«

Bereits Puschkin hat die Ähnlichkeit Peters mit Robespierre bemerkt. Und

in der Tat sind die sogenannten »Reformen« Peters die größte Revolution,

der größte Umsturz, die Empörung, der Aufstand von oben, »der weiße

Terror«. Peter ist Tyrann und Rebell zu gleicher Zeit, Rebell im

Verhältnis zum Vergangenen, Tyrann im Verhältnis zum Zukünftigen,

Napoleon und Robespierre in einer Person. Und sein Umsturz ist nicht nur

politisch, sozial, sondern in noch viel größerem Maße sittlich, er ist

ein unerbittlicher, unbarmherziger, wenn auch unbewußter Bruch aller

kategorischen Imperative des Volksgewissens, ist die zügellose Umwertung

aller sittlichen Werte. Ich glaube, daß, wenn in den Annalen alle

menschlichen Verbrechen aufgezeichnet wären, man keines finden würde,

das das Gewissen, wenn nicht mehr empören, so doch mehr befangen machen

könnte, als die Ermordung des Zarewitsch Alexei. Ist sie doch nicht

wegen des fraglos Verbrecherischen furchtbar, sondern wegen der immerhin

möglichen _Gerechtigkeit_ und _Schuldlosigkeit_ des Sohnmörders; dieses

Verbrechen ist furchtbar dadurch, daß man sich darüber auf keine Weise

beruhigen kann, nachdem man zugegeben hat, daß er doch kein gewöhnlicher

Missetäter ist, ein »Verbrecher außerhalb des Gesetzes«. Eine so

rätselhafte Tragödie finden wir in Napoleons Leben nicht. Doch am

fruchtbarsten ist hierbei die Frage: wie aber, wenn Peter so handeln

_mußte_? wie, wenn er durch die Unterlassung dieser Tat das größte und

wahre Heiligtum seines Zarengewissens zerstört hätte? Tötete er denn den

Sohn um seinetwillen -- für sich selbst? Aber Peter konnte doch

tatsächlich nicht -- er verstand es einfach nicht -- sich von Rußland

unterscheiden, sich und Rußland nicht als eins fühlen: er empfand sich

als Rußland, liebte Rußland wie sich selbst, liebte es mehr als sich

selbst. Wer wagt zu sagen, daß er nicht tausendmal für Rußland gestorben

wäre? Er wollte Rußlands Bestes, »wollte das Gute den Menschen bringen«,

darum tötete er denn auch, darum »übertrat« er das Gesetz, trat er über

das Blut, da er glaubte, daß dieser Schritt »später durch

verhältnismäßig unermeßlichen Nutzen wieder gut gemacht werden wird«. Er

»lud sich das Blutvergießen -- auf sein Gewissen«.

Und da steht Peter -- wie Puschkin sagt -- »bis zum Knie im Blute«,

eigenhändig foltert und enthauptet er. Der Sohn des »Stillsten Zaren«

ist -- Henker auf dem Roten Felde[4]. Und in dem Augenblick ahmt er

niemandem nach, in dem Augenblick ordnet er sich keinerlei fremden

Einflüssen des Westens unter, in dem Augenblick ist er im höchsten Grade

russischer Zar, Nachfolger Iwans des Grausamem. Der Moskauer Zar-Henker

ist ebenso autochthon, wie der Zaardamer Zimmermann, der einfache

Arbeiter. Selbst seine ärgsten Feinde, die Abtrünnigen[5], fühlen doch,

wenn sie ihn auch den »Fremden«, den »Untergeschobenen« nennen, daß er

mit ihnen blutsverwandt ist. Und auch die Slawophilen hassen ihn als

Blutsverwandten, hassen ihn mit dem größten Bluthaß, denn sie fühlen,

daß er ihr eigen Fleisch und Blut ist, und was ihren Haß erzeugt, ist

dasselbe Blut, das in Puschkin seine ebenso starke Liebe zu Peter

erzeugt hat. Nein, nie noch hat es in der Weltgeschichte eine solche

Verirrung, eine solche Erschütterung des Menschengewissens gegeben, wie

sie Rußland in der Zeit der »Reformen Peters« erfahren hat. Wahrlich,

nicht nur bei den Raskolniken allein konnte darob der Gedanke an den

Antichrist entstehen! Es scheint, daß diese Erschütterung sich noch bis

auf den heutigen Tag nicht nur im russischen _Volke_, sondern auch in

unserer kultivierten Gesellschaft bemerkbar macht. Es scheint, daß der

sumpfige Grund des finnischen Moores immer noch unter dem Ehernen Reiter

schwankt. Wenn nicht heute, dann kommt morgen ein -- neuer Umsturz in

dieser »phantastischen Geschichte«, eine neue Überschwemmung, wie sie

Puschkin in seinem »Ehernen Reiter« geschildert ...

Die Kraft der Wirkung ist gleich der Kraft der Gegenwirkung, dem Aufruhr

von oben antwortet der Aufruhr von unten, dem weißen Terror der rote.

Der russische Sozialismus oder der russische Terrorismus -- gleichfalls

eine »durch und durch Petersburger« Erscheinung, eine Erscheinung des

»Petersburger«, peterschen Zeitabschnitts -- ist einer der ewigen und

prophetischen Träume des »Giganten auf dem ehernen Pferde«, ist einer

der steilen Abhänge jenes »Abgrunds«, über dem er mit seinem Zügelruck

»Rußland sich aufbäumen macht«. Hier muß der »wilde Gedanke« des

Terrorismus durch die Berührung mit der »wilden« und phantastischen

Wirklichkeit noch fester Fuß fassen. Und das ist jener gespenstische

Nebel, der Nebel des Petersburger Tauwetters, der Nebel der Winde aus

dem »faulenden Westen«, mit dem zusammen die bereiften Granitblöcke sich

sofort erheben und wie Nebel verflattern und sich in nichts auflösen

werden ...

»Es begann mit der Anschauung der Sozialisten,« sagt der Student

Rasumichin über die Lehre Raskolnikoffs vom Verbrechen -- diese Lehre,

aus der die ganze Tragödie entstanden ist.

In Europa war der Sozialismus abstrakte, wissenschaftliche Anschauung,

oder private Anwendung dieser allgemeinen Anschauung, die durch die

geschichtlichen Lebensbedingungen der Kultur hervorgerufen worden

war. Erst in Rußland wurde der Sozialismus zur allgemeinen,

allesverschlingenden, philosophischen, metaphysischen (denn der äußerste

Materialismus ist bereits Metaphysik), teilweise sogar zur mystischen

Lehre vom Sinn des Lebens, dem Ziel und Zweck der Weltentwicklung --

mystisch natürlich ohne Wollen und Wissen ihrer Verkündiger. Und

wiederum nur hier, in Rußland, in dem Rußland Petersburgs und Peters,

kommt der Sozialismus bis zu seinen letzten (seinen ersten Lehrsätzen in

bedeutendem Maße widersprechenden, mitunter dieselben unmittelbar

verneinenden) -- _anarchistischen_ Folgerungen. Anarchismus ist ein

furchtbares russisches Wort, ist die russische Antwort auf die Frage der

westeuropäischen Kultur. Das haben wir nicht von Europa entlehnt, das

haben wir Europa gegeben. Rußland hat hier zuerst, zum ersten Male das

ausgesprochen, was Europa nicht zu sagen wagte. Hierin hat sich jene

besondere Neigung, die mit religiöser Verblendung viel Gemeinsames hat,

die Neigung zu allem dialektisch Äußersten, Zügellosen,

Überschreitenden, selbst über den letzten »Strich« gehenden, die dem

russischen Geiste eigen ist, wieder einmal ausgesprochen. Und so ist es

selbstverständlich auch kein gewöhnlicher Zufall, daß diese unerhörte

Entwicklung dieser beiden anscheinend so entgegengesetzten und

unvereinbaren äußersten Pole -- die Idee der Selbstherrschaft und die

Idee der Herrschaftslosigkeit, der Monarchie und der Anarchie -- sich

gerade in dem Rußland Peters vollzogen hat. Sind sie doch beide aus

»einem Geiste« hervorgegangen, aus dem »stummen und tauben« Geiste, aus

dem Geiste des größten Selbstherrschers und des größten Rebellen der

Neuen Geschichte: sie sind die zwei steilen Abhänge, die zwei Ränder

immer derselben Kluft, desselben »Abgrundes«, über dem sich das Pferd

des Ehernen Reiters bäumt. In der Politik -- Anarchismus, in der

Sittlichkeit -- Nihilismus. Und auch hier, im Nihilismus, ist der

»letzte Punkt« erreicht; auch hier ist der »ganze historische Weg

zurückgelegt, es gibt nichts mehr, wohin man weitergehen könnte«.

Wiederum das russische Extrem, die äußerste, dialektisch-zügellose,

nichtwissenschaftliche Folgerung aus der westeuropäischen

wissenschaftlichen »Kritik der reinen Sittlichkeit«, die sich als

unerfüllbarer erwies, als die »Kritik der reinen Vernunft«,

die Folgerung aus den westeuropäischen, unvergleichlich

zaghafteren und gemäßigteren, weil mehr lebenskulturellen, mehr

geschichtlich-realistischen »Versuchen, sich auf der Erde ohne Gott

einzurichten« -- ohne himmlische wie auch ohne irdische Macht, -- die

Folgerung aus der, wie man meint, ausschließlich materialistischen und

mechanistischen Weltauffassung.

Wenn Rasumichin recht hat, daß die Lehre Raskolnikoffs mit der

Anschauung der Sozialisten begonnen habe, so ist das natürlich nicht im

Sinne des westeuropäischen Sozialismus zu verstehen, sondern in einem

besonderen, russischen Sinne, im Sinne des Anarchismus und Nihilismus.

»Nun, die Auffassung der Sozialisten ist ja bekannt,« fährt Rasumichin

fort, »das Verbrechen sei ein Protest gegen die Anormalitäten der

sozialen Einrichtung -- und nichts weiter, irgend welche anderen

Ursachen werden überhaupt nicht zugelassen -- und das sei alles!«

Raskolnikoff aber geht bereits hier in seinem Ausgangspunkte viel weiter

als die Sozialisten. Die Sozialisten sagen: der Protest -- die

Verneinung des Vorhandenen -- muß zusammen mit dem, gegen was er

gerichtet ist, verschwinden, die Verbrechen müssen in demselben

Verhältnis, wie die »ungerechte Einrichtung oder Einteilung der

Gesellschaft sich durch eine gerechte ersetzt«, seltener werden oder gar

gänzlich aufhören. Raskolnikoff aber faßt es anders auf: das Verbrechen

ist für ihn nicht nur Verneinung, Zerstörung des Alten, sondern auch

Bejahung, Schaffung von Neuem, die nicht mit zeitlichen, veränderlichen

Bedingungen der menschlichen Gesellschaft verbunden ist, sondern mit den

ewigen, unveränderlichen Gesetzen der Natur. »_Nach dem Naturgesetz_,«

sagt er zu Porphyri Petrowitsch, dem Untersuchungsrichter, indem er

seine Lehre auseinandersetzt, »zerfallen die Menschen im allgemeinen in

zwei Arten: in eine niedrigere Art, das sind die Gewöhnlichen, oder

sagen wir einfach das Material, das einzig zur Erzeugung von

Seinesgleichen dient, und in die eigentlichen Menschen, d. h. solche,

die die Gabe oder das Talent besitzen, in ihrer Mitte ein _neues Wort_

zu sagen ... Die zur zweiten Abteilung gehörenden übertreten alle das

Gesetz, das sind die Umstürzler ... Und wenn ein solcher für seine Idee

selbst über Leichen, über Blut schreiten muß, so darf er -- meiner

Meinung nach -- innerlich, vor seinem Gewissen, sich die Erlaubnis

geben, meinetwegen auch Blut zu vergießen -- übrigens, je nach der Idee

und ihrem Umfange, das nicht zu vergessen.« -- »Wenn die Entdeckungen

eines Kepler oder Newton, sagen wir, infolge irgendwelcher Kombinationen

auf keine andere Weise den Menschen bekannt werden könnten, als durch

das Opfer von einem, zehn, hundert oder noch mehr Menschen, die der

Bekanntmachung der Entdeckung hinderlich wären oder sich als

unüberwindliches Hindernis auf ihren Weg gestellt hätten, so hätte

Newton das Recht und wäre sogar verpflichtet, diese zehn oder hundert

Menschen zu ... _beseitigen_, um seine Entdeckungen der ganzen Welt

kundtun zu können.« -- »Ferner ... alle Gesetzgeber oder Ordner der

Menschheit, angefangen von den ältesten, fortgefahren mit Lykurg, Solon,

Mahomet, Napoleon und so weiter (wie interessant, daß in dieser

Aufzählung nicht auch Peter genannt wird, wen aber, sollte man meinen,

müßte wohl Raskolnikoff der >durch und durch Petersburger< petrische

Typ, wohl nennen, wenn nicht Peter?) -- alle sind sie bis auf den

letzten Verbrecher, Übertreter schon allein durch den einen Umstand, daß

sie, indem sie ein neues Gesetz gaben, das alte, von der Gesellschaft

heilig gehaltene und von den Vätern überkommene zerstörten, und weil sie

selbstverständlich auch vor dem Blutvergießen für ihr neues Wort nicht

zurückgeschreckt sind, wenn dieses Blut (das mitunter vollkommen

unschuldig war und heldenmütig für das alte Gesetz hingegeben wurde)

ihnen nur helfen konnte. Es ist wirklich auffallend, daß die meisten von

diesen Ordnern und Wohltätern der Menschheit vor allem furchtbare

Blutvergießer gewesen sind. Mit einem Wort, ich folgere daraus, daß

alle, nicht nur die ganz Großen, sondern die auch nur etwas aus dem

alten Geleise Heraustretenden, ich meine, wenn sie auch nur etwas Neues

-- mag es noch so klein sein -- zu sagen vermögen, ihrer Natur gemäß

unbedingt Verbrecher oder >Übertreter< sein müssen, versteht sich, mehr

oder weniger. Anders, d. h. ohne Übertretung, würde es ihnen nicht gut

möglich sein, aus dem alten Geleise herauszukommen, in ihm aber zu

bleiben, das können sie natürlich nicht, und zwar wiederum _ihrer Natur

gemäß_ nicht, und meiner Meinung nach sind sie sogar unmittelbar

verpflichtet, nicht sich darein zu fügen, nicht den anderen zu folgen.«

Am auffallendsten ist hierbei die aufrichtige oder vorgetäuschte Ruhe,

die Selbstbeherrschung, mit der er seine Lehre wie irgend ein

abstraktes, mathematisches Axiom auseinandersetzt. Ein Mensch spricht

von Menschlichem, als wäre er selbst kein Mensch, sondern ein Wesen aus

einer anderen Welt, oder wie ein Naturforscher von einem Ameisenhaufen

oder Bienenstock spricht. Er untersucht nicht das, was sein sollte,

sondern das, was ist, nicht Gewünschtes, sondern Vorhandenes. Als gäbe

es zwischen der sittlichen und der religiösen Welt überhaupt keine

Verbindung, als gäbe es zwischen dem Gedanken an das Wohl der Menschen

und dem Gedanken an Gott keinerlei Beziehung, als hätte es diesen

Gedanken an Gott überhaupt nie im Menschengewissen gegeben! Aber man muß

Raskolnikoff Gerechtigkeit widerfahren lassen: seit Machiavelli hat kein

einziger von sittlichen und politischen Fragen, die doch die größten

Leidenschaften erregen, mit einer solchen Leidenschaftslosigkeit

gesprochen. Und selbst die Sprache des Petersburger Nihilisten erinnert

durch ihre schneidende Schärfe, Kälte und Klarheit der Dialektik, die

»scharf wie ein Rasiermesser« ist, an die Sprache des Sekretärs der

florentinischen Republik.

Nur ein einziges Wort zum Schluß des Gespräches fällt aus dieser

zynischen Leidenschaftslosigkeit heraus und enthüllt zu gleicher Zeit

unter den abstrakten Gedanken eine noch viel größere Tiefe, als selbst

Raskolnikoff ahnt.

»Nun, aber die wahrhaft Genialen,« unterbricht Rasumichin halb

ärgerlich, »diese, denen das Recht zu morden gegeben ist -- die müssen

dann also überhaupt nicht leiden, auch nicht einmal für vergossenes

Blut?«

»Wozu hier das Wort >müssen<?« entgegnet Raskolnikoff. »Hier gibt es

weder Erlaubnis noch Verbot. Mögen sie doch leiden, wenn ihnen das Opfer

leid tut ... Leiden und Schmerz sind stets mit umfassender Erkenntnis

und einem tiefen Herzen verbunden. Ich glaube, die wahrhaft großen

Menschen müssen in der Welt eine _tiefe Schwermut_ empfinden,« fügte er

plötzlich wie in Gedanken versunken hinzu, _so daß es sogar aus dem Ton

der Unterhaltung herausfiel_. --

Auch auf dem Gesichte desjenigen, dem Raskolnikoff nachahmt, dem er auch

äußerlich ganz ebenso wie Puschkins Herrman ähnelt, -- auch auf dem

sonderbar unbeweglichen Gesichte Napoleons, in seinen Augen, die

scheinbar »in die Ferne, oder auf einen einzigen fernliegenden Punkt

gerichtet sind«, finden wir den Stempel dieser tiefen Schwermut, dieser

großen Trauer, -- kein Anzeichen von Reue oder Gewissensbissen, oder

Leiden, sondern gerade nur von schwermütiger Trauer: als hätte er das

erblickt, was Menschenaugen nicht sehen sollten, irgendein letztes

Geheimnis der Welt vielleicht, und seit der Zeit verläßt dieser Schatten

sein Antlitz nicht mehr, selbst nicht im blendendsten Lichte des Ruhmes

und Glückes.

Ja, dieses sonderbare Wort fällt »aus dem Ton der Unterhaltung heraus«:

es mag ihm gleichsam im Versehen entschlüpft sein. Es ist ein

jenseitiges, fast religiöses Wort. Denn, wenn in den Fragen von Gut und

Böse alles so mathematisch klar und einfach ist, wenn das sittliche

Gesetz nur das Gesetz der »Natur«, der natürlichen Notwendigkeit, der

inneren Mechanik ist -- worüber trauert er dann, woher kommt dann dieser

Schatten, vielleicht nicht aus der göttlichen, aber jedenfalls auch

nicht der menschlichen Welt? Hat Raskolnikoff sich nicht versprochen,

verraten? Verrät uns nicht dieses eine Wort, daß seine ganze

wissenschaftliche Leidenschaftslosigkeit nur Äußerlichkeit, nur Membrane

ist -- übrigens ganz so wie auch die Leidenschaftslosigkeit

Machiavellis, der das Geheimnis seines »tiefen Herzens« ahnungslos

aufdeckt, sobald er nur auf die Zukunft Italiens zu sprechen kommt? Es

scheint, daß bei beiden unter der Leidenschaftslosigkeit eine -- große

Leidenschaft loht ... wie ein »Feuertrank in einem Becher von

Eiskristall«.

Der Vorwurf, den Rasumichin den Sozialisten und teilweise auch seinem

Freunde Raskolnikoff macht -- hatte doch nach Rasumichins Meinung auch

bei ihm alles mit der »Anschauung der Sozialisten angefangen« -- dürfte

von diesem wohl kaum verdient sein: »Die Natur wird überhaupt nicht in

Betracht gezogen, die Natur wird hinausgejagt, die wird als gar nicht

vorhanden angenommen! -- Darum lieben sie ja auch so instinktiv die

Geschichte nicht ... sie lieben die _lebendige_ Entwicklung des Lebens

nicht: wozu _lebendige Seele_! Die lebendige Seele verlangt Leben, die

lebendige Seele gehorcht nicht der Mechanik, die lebendige Seele ist

mißtrauisch, die lebendige Seele ist konservativ. Hier aber, wenn's auch

nach Aas riecht -- aus Kautschuk kann man's schon machen.«

Der unerbittliche Aristokratismus, den Raskolnikoff zur Grundlage seiner

Theorie gemacht hat -- die Einteilung der Menschen in Herde und Helden,

in tatloses »Material«, in Sache, und in schöpferische Genies, die wie

Bildhauer aus diesem Material eine neue Form meißeln, ein neues

Angesicht der Geschichte -- ist vielleicht eine zu einseitige

Auffassung, sie ist vielleicht zu übertrieben und darum ertötend,

jedenfalls aber nicht tot, ist außerhalb des Lebens, aber darum nicht

etwa leblos. Wenn diese Lehre auch der »Mechanik« ähnelt, so ist sie

doch immerhin nicht »aus Kautschuk« gemacht, sondern aus dem härtesten

Stahl und, wie eben eine schneidende Klinge, tötet sie wohl, aber sie

prüft, erprobt, sie durchbohrt das lebendige Fleisch, den lebendigen

Geist der Geschichte. Es geht schwer an, einen solchen Beobachter der

menschlichen Natur, wie Machiavelli, zu verdächtigen, daß er die »Natur

überspringe, die Geschichte, die lebendige Entwicklung des Lebens nicht

liebe«. Der Sekretär der Republik Florenz am Hofe Cesare Borgias befand

sich im Mittelpunkt dieser »lebendigen Entwicklung«, im Strudel der

größten historischen Ereignisse, im Herzen der Renaissance. Machiavelli

spricht nur davon, was er tatsächlich von diesem im grenzenlosen Leben

und unbegrenzten Leidenschaften schlagenden Herzen erlauscht hat, nur

davon, was er der »Natur« insgeheim abgesehen, dieser Natur, die sich

gerade damals in ihrer furchtbaren Nacktheit nicht nur in den Schöpfern,

sondern auch in den Kritikern der Geschichte offenbarte. Und jedenfalls

kann man von dieser verführerischen Schimäre nicht sagen, daß es von ihr

wie »Aasgeruch« herüberwehe, eher aber schon »wie von frischvergossenem

Blute«, und wohl aus nichts weniger als »Kautschuk« dürfte sie gemacht

sein. Aus dem Leben ist sie hervorgegangen und ins Leben hineingegangen

-- und wenn auch wiederum wie schneidender Stahl. Indessen liegt der

sittlichen wie auch politischen Lehre Machiavellis vielleicht derselbe

oder gar ein noch schonungsloserer Aristokratismus zugrunde, als bei

Raskolnikoff. Ist es bei ihm nicht dieselbe Einteilung der Menschen in

»Material«, »Pöbel«, »ekelhaftes Gewürm« (wie Nietzsche es nennt) -- in

_vulgus_, das durch das Naturgesetz zum Gehorchen bestimmt ist, -- und

in Gebieter, in Herrscher, in Pfleglinge des Halbtiers, des Halbgotts,

des Zentauren Chiron, die gleich ihrem Lehrer die übermenschliche,

göttliche Natur mit der des »Tieres«, der _bestia_ in sich vereinen

müssen? -- ist es nicht dieselbe »Entbindung von der Blutschuld auf ihr

Gewissen«, die Erlaubnis, den »Wohltätern, den Ordnern der Menschheit«

gegeben, Blut zu vergießen? -- ist nicht die vermeintlich unvermeidliche

Vereinung von »Tugend« (_virtù_) und »Grausamkeit« (_ferocità_) in

ihnen? Nicht umsonst hat Nietzsche, der seine Einsamkeit in der

Weltliteratur fast krankhaft empfand und ihr solchen Wert beilegte,

Nietzsche, der so anspruchsvoll war im Anerkennen von Verwandten oder

Bundesgenossen, nicht umsonst hat er unter seinen wenigen Vorgängern

Machiavelli und Dostojewski (»diesen tiefen Menschen, den einzigen

Psychologen, bei dem ich etwas zu lernen hatte«) nebeneinandergestellt

-- letzteren natürlich nicht als bewußtes Dogma, sondern nur für die

künstlerische Darstellung solcher Helden des persönlichen Prinzips, wie

Iwan Karamasoff und Rodion Raskolnikoff. Nietzsche ist ja gleichfalls --

und das wissen wir bereits aus der Erfahrung unseres eigenen Herzens und

Verstandes -- aus dem Leben hervorgegangen und so geht er auch wieder in

das Leben hinein. Was nun auch der Wert seiner Lehre sei, jedenfalls

sehen wir nur zu gut, daß man mit ihm nicht wie mit einer toten

Abstraktion, sondern wie mit einer tief lebendigen historischen Kraft,

gleichviel ob mit einer positiven oder negativen, in jedem Fall aber

lebendigen Erscheinung der »lebendigen Entwicklung« rechnen muß.

Machiavellis »Principe«, Raskolnikoffs »Herrscher«, Nietzsches

»Übermensch« -- das sind wieder die emporführenden Stufen, die Stufen

eines besonderen, nicht ins Vergangene, sondern ins Zukünftige

gerichteten, zerstörend schöpferischen, zügellos aufrührerischen

Aristokratismus, der aufrührerischer als jegliche Demokratie ist, --

eines Aristokratismus, der in der Politik wie in der Sittlichkeit allen

Wiedergeburten, die sich bis jetzt vollzogen haben, eigen ist.

Wenn nun Raskolnikoff auch tatsächlich von der »Anschauung der

Sozialisten« ausgegangen ist, so ist er doch zu einem Schluß gekommen,

der ihrer Auffassung am entgegengesetztesten ist: Ungleichheit als

unwandelbares, in jeder menschlichen Gesellschaft verwirklichtes

»Naturgesetz«. Und diese Ungleichheit in ihrer Natur glättet sich nicht

etwa aus, im Gegenteil, sie vertieft sich noch proportional der

universalgeschichtlichen Entwicklung: die Menschheit hat sich gleichsam

in zwei Hälften zerspalten und schon gibt es keine Vereinigung für sie,

kein Zusammenwachsen mehr. »Der Mensch ist dem Menschen ein -- Tier« --

oder Gott, in jedem Falle aber nicht Bruder, nicht Nächster, nicht

Gleicher ... nach dem furchtbaren Worte Nietzsches, daß zwischen dem

Menschen und dem Menschen eine größere Entfernung liegt, als zwischen

Mensch und Tier.

Zu gleicher Zeit ersieht man daraus, wie die Idee der Anarchie in ihren

extremsten Folgeschlüssen sich unvermeidlich der Idee der Monarchie

nähert und sogar unmittelbar mit ihr in eins zusammenfließt: die letzte

Freiheit »jenseits von Gut und Böse«, die letzte Herrschaftslosigkeit

führt zur Einherrschaft, zur Selbstherrschaft des Genies -- zum Gebot

Platons: »es möge das Genie herrschen«.

Übrigens macht Raskolnikoff in der ersten theoretischen Darlegung seiner

Gedanken dem Sozialismus eine Konzession; er sagte »Diese (die Menschen

der Masse) erhalten die Welt und vermehren sich; jene (die Helden)

bewegen die Welt und führen sie ihrem Ziele zu. Diese wie jene haben

also _vollständig dasselbe Recht zur Existenz_. Mit einem Wort, in

meinen Augen haben _alle das gleiche Recht_, und -- _vive la guerre

éternelle_{[1]} ... bis zum neuen Jerusalem, versteht sich!«

»So glauben Sie immerhin doch an ein neues Jerusalem?« fragt Porphyri

Petrowitsch.

»Ja, ich glaube daran.«

Hätte diese Konzession für seine ganze Lehre in der Tat die Bedeutung,

die er selbst annimmt, so müßte die Teilung der Menschen in erhaltende,

fortsetzende, und in die Welt bewegende, nicht die Vorstellung von

Höheren und Niedrigeren, von Verächtlichen und Edlen hervorrufen. Beide

Teile würden dann auf gleicher Stufe stehen. Dann hätte sich

Raskolnikoff in diesen »Geringen hienieden« ein zwar anderer, aber doch

nicht geringerer Adel offenbart, als in den Großen -- ein anderer, aber

nicht geringerer Wert. Die Vorstellung von der »zitternden Kreatur«

(Nietzsches »ekelhaftem Gewürm«), vom Pöbel, würde durch die Vorstellung

des Volkes oder der »universalen Vereinigung der Menschen« ersetzt

werden. Beide Fähigkeiten -- wie die Erhaltung des Gleichgewichts, so

auch die Bewegung nach vorn, das Fleisch und der Geist der Menschheit --

wären in seinen Augen in gleichem Maße heilig. Nicht Masse, wohl aber

echtes Volk zu sein, würde ihm nicht verächtlicher und nicht rühmlicher

erscheinen, als Held zu sein. Und so könnte man noch viele andere

frappierende, von ihm sicherlich nicht erwartete Folgerungen aus dieser

einen Konzession ziehen, die er ja doch nicht nur dem Sozialismus,

sondern auch der Lehre Christi macht. Z. B.: würde sich daraus nicht

ergeben, daß es folglich zwei Tafeln sittlicher Werte gibt, zwei

Gewissen, zwei Wahrheiten, die tatsächlich »gleichstark«,

»gleichberechtigt« sind? Hätte er dann nicht auch an den letzten Grenzen

dieser Zerspaltung die Möglichkeit der _Vereinigung_ erblickt, -- hätte

sich dann nicht auch der Vorhang vor dem wirklich »neuen«, längst nicht

mehr sozialistischen »Jerusalem« vor ihm erhoben?

Aber das ist es ja: Raskolnikoff erkennt das »gleiche Recht beider

Hälften auf Existenz« nur mit dem Verstande an. Sein Herz verneint

dieses Recht mit einer Kraft, wie es bis jetzt noch niemals jemand

verneint hat, und er setzt zwischen ihnen eine größere Entfernung

voraus, als der alte Grieche zwischen dem Sklaven und dem Freien, als

der Inder zwischen Tschandala und Brahmane. Ja es scheint, daß es

überhaupt keine größere Entfernung, keine größere Kluft in der Welt

gibt, als es diese ist, die Raskolnikoff zwischen den zwei

Menschenklassen annimmt. Er kann keine genügend grausamen, hochmütigen,

zynischen Worte finden, um seine ganze Verachtung für die Nichthelden

auszudrücken. -- »Oh, wie verstehe ich den Propheten zu Pferde und mit

dem Schwert in der Hand: wenn Allah befiehlt, so hast du zu gehorchen,

zitternde Kreatur! Recht, wahrlich Recht hat der >Prophet<, wenn er

irgendwo mitten auf der Straße eine _gu--ute_ Batterie aufstellt und auf

Gerechte und Ungerechte feuern läßt, ohne sie auch nur eines Wortes der

Erklärung zu würdigen! Gehorche, zitternde Kreatur, und -- _laß dich

nicht gelüsten_, denn -- das kommt dir nicht zu!!!« -- Von welch einem

Rechte der Masse auf Existenz kann danach noch die Rede sein? Es sei

denn -- von dem Recht auf ewiges Zittern, ewiges Nichtsein vor dem

»Propheten«. Gibt es doch für Raskolnikoff kein größeres Entsetzen und

keinen größeren Ekel, als sich als Menschen, wie alle, zu fühlen. Er hat

ja auch nur deshalb den Mord begangen, um den Strich, der den Helden von

dem Nichthelden scheidet, zu überschreiten, um sich selbst zu beweisen,

daß er ein -- Mensch ist und nicht ein Ungeziefer, nicht eine »Laus«. --

»Ich mußte damals unbedingt erfahren, ich mußte mich sobald als möglich

überzeugen, _ob ich ein Ungeziefer bin, wie alle, oder ein Mensch_? ...

Bin ich nur eine zitternde Kreatur, oder _habe ich das Recht_?« -- »Da

hasten sie alle hin und her durch die Straßen und ist doch ein jeder von

ihnen ein Schuft und Spitzbube allein schon seiner Natur gemäß, sogar

schlimmer als das -- ein Idiot! ... O, wie ich sie alle hasse!« In

seinem Herzen ist kein Körnchen von jener Liebe und Achtung vorhanden,

ja nicht einmal von jener Gerechtigkeit zu den »Fortsetzern«, den

»Erhaltern« der Menschheit, die er mit dem Verstande anerkennt.

Augenscheinlich besteht hier zwischen dem Lebensgefühl und dem

abstrakten Gedanken Raskolnikoffs irgendein klaffender Widerspruch.

Die zweite Konzession, die er dem Sozialismus macht, ist die Anerkennung

des »Wohles der Menschheit« als höchstes bewußtes Ziel der Helden. Die

Helden sind, wie er sagt, »Ordner und Wohltäter der Menschheit«. Sie

übertreten das Gebot nicht nur _aus dem Grunde_, weil ihre Natur derart

beschaffen ist, sondern auch _zu dem Zweck_, nur das höhere Gebot zu

erfüllen. Sie zerstören das Bestehende im Namen eines besseren

Zukünftigen, im Namen des »neuen Jerusalem«. Sie opfern wenige für das

Glück vieler, die Minderheit der Mehrheit. Ihre Verbrechen sind nicht

nur natürlich, sondern auch vernünftig, denn verderblich sind sie nur

für einzelne, vorteilhaft aber für Millionen, und somit können sie sogar

durch die mathematische Berechnung gerechtfertigt werden: »läßt sich

denn nicht ein einziges kleines Verbrechen durch Tausende von guten

Taten wieder gut machen? Für ein Leben tausend Leben. Ein Tod und zum

Ersatz dafür hundert Leben -- das ist doch Arithmetik!«

Aber auch der zweiten Konzession kann man keine größere Bedeutung

beilegen als der ersten; übrigens sieht er das zum Schluß auch selbst

ein und zerreißt dann endgültig die letzte Verbindung mit der

»Anschauung der Sozialisten«: -- »Weswegen schimpfte doch Rasumichin

vorhin über die Sozialisten? Das sind doch arbeitsame, handeltreibende

Leutchen, bemühen sich um das >allgemeine Glück< ... Nein, mir wird das

Leben nur einmal gegeben, und niemals werde ich es wieder haben! -- Ich

will nicht das >allgemeine Glück< abwarten. _Ich will auch selbst leben_

-- oder sonst lieber überhaupt kein Leben! Nun was? Ich wollte nur nicht

an einer hungrigen Mutter vorübergehen und, in der Erwartung des

>allgemeinen Glücks<, in der Tasche meinen Rubel festhalten.« -- »Ich

bringe, wie man sagt, >einen Stein zum Bau des allgemeinen Glücks und so

kann mein Herz ruhig sein<. Haha! Warum habt ihr mich denn

durchgelassen? Ich lebe doch im ganzen nur einmal, ich will doch auch

...« Und er lacht, -- »zähneknirschend« -- über die mathematische

Berechnung des Vorteils, des menschlichen Wohles: »Unternehme es,

sozusagen, nicht im Interesse meines eigenen Fleisches, und der eigenen

Lust, sondern habe ein ungeheures, erhabenes Ziel im Auge, -- haha! ...

Beschloß jede nur mögliche Gerechtigkeit zu beobachten, Maß und Gewicht,

und Arithmetik. Von allen Läusen wählte ich die allerüberflüssigste aus,

und indem ich sie tötete, beschloß ich, genau nur soviel zu nehmen,

wieviel ich für den ersten Schritt brauchte, nicht mehr und nicht

weniger (und das übrige wäre dann nach dem Testament sowieso einem

Kloster zugefallen, -- haha! ...). O Erbärmlichkeit! ... O Gemeinheit!

...« Und bereits kurz vor der »Beichte« gesteht er Ssonja Marmeladoff:

»Die ganze Qual dieser _Schwätzerei_ habe ich ertragen, Ssonja, und da

wollte ich sie denn endlich von den Schultern wälzen: ich wollte ohne

Kasuistik erschlagen, versteh mich recht, Ssonja, _für mich wollte ich

erschlagen, für mich allein_! Darin wollte ich niemanden belügen, selbst

mich nicht! Nicht um meiner Mutter helfen zu können, habe ich erschlagen

-- Unsinn! Ich habe auch nicht erschlagen, um nach der Erlangung von

Mitteln und Macht ein Wohltäter der Menschheit zu werden -- Unsinn! Ich

habe einfach erschlagen, _für mich selbst habe ich erschlagen, nur für

mich allein_!« ...

Hier geht in der Seele Raskolnikoffs etwas Furchtbares und Rätselhaftes

vor sich. Man sollte meinen, wenn er für andere, zum Wohle der Menschen

erschlagen hätte, dann wäre eine Rechtfertigung noch möglich: zwar ist

es, würde man sagen, ein schlechtes Mittel, aber dafür hat er ein edles

Ziel gehabt. Hat er es aber »für sich allein« getan, »für sein eigen

Fleisch und zur eigenen Lust«, dann gibt es hierfür keine Rechtfertigung

mehr, dann ist er ein gewöhnlicher Dieb und Mörder, ein einfacher

Missetäter, ein »Verbrecher außerhalb des Gesetzes«. Indessen ahnt

Raskolnikoff dunkel, daß es in diesem Falle doch nicht so ist: ja, er

hat für sich erschlagen, _für sich allein_, aber doch nicht für sein

Fleisch und seine Lust allein, sondern noch für etwas Höheres in sich,

für etwas Unzweifelhafteres und zu gleicher Zeit Uneigennützigeres,

_Ferneres_, als das Wohl des Nächsten, als das »allgemeine Glück«.

Natürlich ist auch »Egoismus« dabei, aber dieser Egoismus ist wiederum

von einer besonderen Art. Das Verbrechen wird vielleicht noch

furchtbarer, jedenfalls aber nicht einfacher, nicht roher, -- im

Gegenteil, hier erst beginnt seine Kompliziertheit, Verfeinerung und das

Verführerische an ihm. Raskolnikoffs von Qual und Leidenschaft

geschärfter Blick sieht bereits die ganze hoffnungslose Flachheit und

Erbärmlichkeit der sozialistischen »handelsmäßigen« Abwägungen,

Abmessungen des allgemeinen Nutzens. In diesem »für sich, für sich

allein« aber dämmert es weit, weit wie eine Ahnung von irgendeiner

unbekannten Tiefe der Berührung mit der Ordnung unermeßlich höherer,

allerschwerster, edelster Werte, als es alle sozialistischen Vorteile

und der ganze allgemeine Nutzen sind; er ist sich dessen noch nicht

bewußt, aber dunkel fühlt er schon, daß hierin -- wenn auch nicht die

Rechtfertigung, so doch immerhin irgendeine letzte Wahrheit ist, die

Befreiung, Reinigung von der ganzen »Kasuistik«, dem »Geschwätz und der

Lüge« vom neuen sozialistischen »Jerusalem«. Das also ist der Grund,

warum er sich mit einer so verzweifelten Hartnäckigkeit und Anspannung

aller Kräfte an dieses »für mich, für mich allein« klammert, als wolle

er seine Gedanken zu Ende führen, und dennoch, als könne, als wage er es

nicht. Hier ist alles noch -- gar zu dunkel, gar zu tief; grauenvoll ist

es für ihn, -- gerade durch die unerwartet sich aufdeckende Tiefe ist es

furchtbar. Vielleicht ist hier selbst die Rechtfertigung furchtbarer als

jede Verurteilung. Die lecke Barke des Sozialismus begann unter ihm zu

sinken, und da sieht er, wie ein Ertrinkender, als einzigen festen

Punkt, als einzigen unerschütterlichen Fels in den Wellen -- dieses »für

mich allein«, aber noch weiß er nicht, ob er an jenem nackten scharfen

Felsen endgültig zerschellen oder ob er sich auf ihn retten wird. Rodion

Raskolnikoff erfährt denn auch nicht, begreift noch nicht, daß er sich

nicht anders retten kann, als wenn er die Rechtfertigung durch die Liebe

zu sich selbst nicht nur zu einer sozialen, moralischen, philosophischen

Rechtfertigung macht, sondern auch zu einer _religiösen_.

_Dmitri Mereschkowski._

Sämtliche Werke 1-2 · 第 10 / 66 题