Nachdem allmählich die Erinnerung an den Rathenaumord verblaßt, geht die
deutschnationale Presse wieder zum Angriff über. So hat die »Deutsche
Zeitung« in Berlin, in der Nummer vom 3. August 1922 eine Liste von 276
angeblichen Morden von Links veröffentlicht. Diese Liste ist dann in
vielen deutschnationalen Zeitungen nachgedruckt worden. Selbst wenn die
Zahl 276 richtig wäre, wären demnach die politischen Morde von Links
noch immer seltener als die von Rechts. Aber die Zusammenstellung
entbehrt jeder Grundlage. Denn die »Deutsche Zeitung« hat alle
diejenigen Kautelen gröblich verletzt, die bei der Statistik der
politischen Morde zu beachten sind.
Zunächst sind in der Liste ca. 150 im Kampf Gefallene aufgenommen,
ferner ist in keinem einzelnen Fall genau untersucht, ob überhaupt
politische Motive dem betreffenden Mord zugrunde liegen. Endlich sind
nur 38 Fällen die Namen angegeben. In ganz wenigen Fällen sind präzise
Angaben aufgeführt über Ort und Tat, so daß eine Identifikation des
betreffenden Falles möglich ist. In den meisten Fällen handelt es sich
um leere Behauptungen, die überhaupt nicht nachprüfbar sind, wie z. B.:
»Im März 1920 wurde im Ruhrgebiet ein Soldat aufs grausamste ermordet.«
Dazu kommen noch eine ganze Reihe von Rechenfehlern, welche zeigen, daß
die Arbeit in ganz oberflächlicher Weise durchgeführt wurde.
So heißt es in dieser Statistik: