Während noch das Opfer zuckt, stimmt die Presse schon den entsprechenden
Ton an. »Entsetzlich, entsetzlich« schreien »Lokalanzeiger«, »Zeit«,
»Tägl. Rundschau«, »Deutsche Tageszeitung«, usw.: »Wir mißbilligen
politischen Mord von jeder Seite.« Doch schon ein leiser Unterton, der
bald lauter und lauter wird: »Ja ist denn bewiesen, daß dies eine
deutschnationale Tat ist?« Dick fließen die Krokodilstränen. Die
Regierung erwacht für Minuten aus ihrer Lethargie: Scharfe Gesetze
sollen die Republik schützen. Die Linken erheben laut Anklage gegen die
Mörder. Da verstärkt sich der Unterton: »Wir sind gegen solche
Ausschreitungen«, d. h. wir mißbilligen, daß man aufrichtig gegen den
Mord ist, daß man eine Katze eine Katze und die deutschnationalen
Geheimbündler Mörder nennt.
Die Mörder entkommen. Die großen Ueberschriften in den Zeitungen klingen
ab. Die »Gesetze zum Schutz der Republik« werden von überzeugten
Antirepublikanern ihren Zwecken leicht dienstbar gemacht. Die Zeitungen
sprechen von den vom »kommunistischen Ausland« gedungenen Mördern: »Ein
Deutscher kann so etwas nicht tun.«
Am interessantesten ist, was sich gleich nach dem Mord abspielt: Große
Empörung im ganzen Land, besonders bei den Arbeitern, vereinzelt auch
bei der Bourgeoisie. Als Protest gegen den Mord rufen die
Arbeiterparteien entsprechend ihrer Einstellung zu Massenaktionen,
Demonstrationsstreiks und Umzügen auf. Man weiß, daß bei besonnener
Haltung der Polizei, insbesondere wenn man sie von der Straße vollkommen
zurückzieht, infolge der großen Disziplin, die im allgemeinen bei den
organisierten sozialistischen Parteien herrscht, eine solche
Demonstration vollkommen ruhig ablaufen kann. Dies hat die Erfahrung in
hunderten von Umzügen gezeigt. Aber ein solch ruhiger Verlauf liegt
keineswegs im Interesse der Rechtsstehenden. Bezahlte agents
provokateure, die durch Aufhetzung für Unruhe sorgen und provozierte
Haltung der Polizei sorgen dafür, daß die Ruhe gestört wird. Es kommt zu
einem Zusammenstoß der Menge mit der Polizei. Irgend woher fällt der
berühmte erste Schuß. (Später kann nie festgestellt werden, von welcher
Seite.) Rücksichtslos haut, schießt, schlägt, trampelt die gut
organisierte Polizei auf die unbewaffnete Menge ein. Dutzende von toten
Demonstranten, nicht etwa Polizisten, bedecken das Feld. Dies nimmt die
Presse zu begründetem Anlaß, den fortwährenden Terror von Links, die
Exzesse, nicht etwa der Polizei, sondern der Demonstranten, auf
schärfste zu verurteilen, und zu schließen, daß die Demokratie, die
Freiheit, die Verfassung bedroht sei -- nicht etwa durch die Mörder,
sondern durch die »von Hetzern sinnlos aufgepeitschten Arbeitermassen.«
Diese Argumentation ist besonders wirkungsvoll, wenn die Arbeiter im
Laufe der Demonstration irgendwelche Symbole des Kaisertums zerstört
haben.
Bald ist die nötige Stimmung erreicht. Nicht die Mörder, die man bald
vergißt, sind die Feinde der Republik, sondern die »Hetzer«, die zum
ehrlichen Schutz der Republik riefen. Dann ist es nur gerecht, daß man
die Mörder in Ruhe läßt und die Demonstranten einsperrt. Dieses
Verfahren hat sich mit widerwärtiger Eintönigkeit bei jedem der letzten
politischen Morde wiederholt und ist beinahe empörender als die Morde
selbst.