Der hochorganisierte Mord

Am auffälligsten sind die Morde, die in Zeiten vollkommener Ruhe

begangen wurden, wo weder ein wirklicher noch ein fiktiver Aufstand von

Links vorlag. Hier versagen die bisherigen Entschuldigungen und

Beschönigungen. Es bleiben nur zwei Methoden übrig.

Erstens wird gesagt, es lohne nicht, darüber so viel Aufsehens zu

machen. Der Mann war ja verrückt, er litt an Verfolgungswahn. Er

glaubte, er werde eines Tages umgebracht. Ist dies nicht Beweis genug,

daß er sein kommendes Los erkannte? Man sieht, was für Menschen zur

Linken gehören. Indem man dem Toten sein einziges Gut, seinen guten

Namen raubt, befreit man sich durch diesen leichenschänderischen Dreh

von jeder Verantwortung. Immerhin verspricht die Regierung natürlich

eine strenge Untersuchung. Von Zeit zu Zeit kommen immer kürzere

Berichte über den ordnungsgemäßen Verlauf. Neue politische Probleme

füllen die Zeitungen, nach einiger Zeit ebbt es in der Blätterflut ab.

Nur einige Zeitungen, die immer schreien, kläffen noch. Bald ist der

Tote vergessen.

Oder der Mord wird schon vorher der Oeffentlichkeit plausibel gemacht.

Das Opfer muß derart verdächtigt werden, daß seine Ermordung als ein

befreiender Schritt, als eine Heldentat angesehen wird. »Endlich ist

Deutschland diesen Menschen los, der so viel Unglück über sein Vaterland

gebracht hat«. Viele Feinarbeit, hohe Kultur, glänzende Vorbereitung,

planmäßiges Zusammenwirken gehören dazu, bis das Opfer erliegt. Angesagt

zählt doppelt. Daher zunächst in der Oeffentlichkeit systematische Hetze

zum Mord: »Der Mann ist ein Schädling. Er muß weg. Nur die nationale

Einheitsfront kann helfen.« So belfert die Presse. Bis selbst der Letzte

der Letzten in Kleinkuhdorf das weiß.

Gibt es Mordorganisationen?

Mordorganisationen im eigentlichen Sinn des Wortes, d.h. Organisationen,

deren einziger Zweck der politische Mord ist, gibt es im heutigen

Deutschland wahrscheinlich nicht. Wohl aber Organisationen, die den

politischen Mord als Nebenzweck oder als Mittel zum Zweck bejahen. Ihre

eigentlichen Ziele sind nationalistische. Drei an sich trennbare Ziele

vereinen sich in ihnen. Das erste ist das _monarchistische_. Daher

wenden sich diese Organisationen gegen die Republik und vor allem gegen

ihre Repräsentanten. Dabei sind sich jedoch die verschiedenen

Organisationen weder über die Form der kommenden Monarchie (ob absolut

oder konstitutionell) noch über ihren Umfang (Deutscher Einheitsstaat

oder Rückkehr aller Herrscher) noch über die Person des künftigen

Monarchen (Wittelsbach oder Hohenzollern) einig. Vor allem fehlt ein

populärer Thronkandidat. Dieser glückliche Zufall wird vielleicht

ähnlich wie in Frankreich nach 1870 die Republik retten.

Die zweite Tendenz ist die _imperialistische_. Der Friedensvertrag von

Versailles hat Deutschland zerstückelt und hat ihm Gebiete mit deutscher

Bevölkerung genommen. Demgegenüber sind Bestrebungen auf Wiedergewinnung

der gegen ihren Willen von Deutschland abgetrennten Gebiete und auf

Verbesserung von Deutschlands ökonomischer Lage vollkommen berechtigt.

Darüber hinaus befürworten diese Vereine eine ausgesprochen

imperialistische Politik, insbesondere den Rachekrieg.

Die dritte Wurzel dieser Bewegungen ist der _Antisemitismus_. Er geht

von ganz übertriebenen Vorstellungen über die Bedeutung und den Einfluß

der Juden aus.

Auch diese drei Programme werden zum Teil offiziell nicht zugegeben. Sie

treten der Oeffentlichkeit gegenüber hinter berufsständischen, anderen

politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Zielen zurück. Bei

manchen Organisationen wird sogar streng an der Fiktion der politischen

Neutralität festgehalten. Ueberall spielen die Offiziere der alten Armee

die größte Rolle.

Die drei Bewegungen kommen meistens untereinander vermengt vor. Die

meisten Geheimbündler sind gleichzeitig Monarchisten, Imperialisten und

Antisemiten. Die extremistische Einstellung der Organisationen führt sie

zu dem Glauben, daß man mit der Tötung eines politischen Gegners

gleichzeitig die von ihm vertretenen Ideen beseitigen könne. Eine

zweite, davon prinzipiell verschiedene Wurzel von politischen Morden ist

die manchmal zwingend auftretende Notwendigkeit der Beseitigung von

unbequemen Mitwissern, von denen man einen Verrat der Organisation

befürchtet.

Vier Jahre Politischer Mord · 第 119 / 146 题