Aus vollen Backen ins Horn er blies. Trarah!
Er eignete fremde Taten sich an
Und pries nur sich selber den Tatenmann.
Trarah! Trarah! Trarah!
und glossierte so in vierzehn Strophen den Feldzug Napoleons nach
Rußland, die klägliche Rückkehr der großen Armee und die endgültige
Niederlage des Korsen bei Leipzig. 8000 Mann Landsturm hatten es unter
Begleitung von Kriegsmusik gesungen, als die Kaiserin von Rußland auf
der Straße von Braunsberg nach Mülhausen vorüberfuhr, und es hatte der
Kaiserin, einer ehemaligen Prinzeß von Baden, so gut gefallen, daß
sie bald mehrere Strophen auswendig konnte und die sie begrüßenden
Landesdeputierten bat, ihr doch ja mehrere Exemplare des Textes zu
verschaffen. Daraufhin war dies »Liedlein nach der Leipziger Schlacht«
in Königsberg mit Zensur des dortigen Militärgouvernements gedruckt
worden, und das Militärgouvernement in Pommern war eben im Begriff,
gleichfalls einige hundert Exemplare davon herstellen zu lassen, als
der Minister von der Goltz am 26. Januar 1814 fand, daß der Text des
Liedes »wider eigene Würde und wider allen Anstand« verstoße, und dem
Ostpreußischen Regierungspräsidenten den Auftrag gab, den Königsberger
Zensor »über die richtigen Grundsätze von Anstand und Würde zu
instruieren«! Ebenso erklärte der Zensor Renfner das Gedicht für
»äußerst unanständig«.
Es wird ewig unerfindlich bleiben, was in den lustigen Versen das
Anstandsgefühl des Grafen so sehr verletzte. Nicht die geringste
Unanständigkeit ist darin; Napoleon wird ein einziges Mal »das Untier«
genannt, und die derbste Strophe des Liedes lautet:
Des Krieges Sichel er ruchlos wetzt. Ei! Ei!
Die Niemens Welle den Fuß ihm netzt. Ei! Ei!
Hoch trug er die Nas', als hin er ging,
Doch bald erfroren die Nas' ihm hing.
Ei! Ei! Ei! Ei! Ei! Ei!
In Königsberg war man ob jener Berliner Verfügung denn auch nicht
wenig verblüfft. Das dortige Militärgouvernement von Zastrow und
von Dohna legte den Sachverhalt mit einer höchst ironischen Wendung
dem Staatskanzler von Hardenberg vor. Das Militärgouvernement von
Pommern erklärte ebenfalls, hier müsse wohl ein Mißverständnis
vorliegen: das Lied enthalte seines Erachtens nichts Anstößiges und
Bedenkliches, gehöre vielmehr zu den Liedern, die, der Fassungskraft
und dem Geschmack des Volkes angemessen, bei diesem eine »heitere und
enthusiastische Stimmung« erzeugten, deren es »bei den fortwirkenden
enormen Anstrengungen noch sehr bedürfe«. Auch das Militärgouvernement
von Schlesien fand die Maßregel »kleinlich«.
Graf von der Goltz aber blieb auch hier hartnäckig bei seiner Meinung
und antwortete dem Militärgouvernement, das Lied sei »wegen der
Schimpfworte und andrer Anstößigkeiten verwerflich befunden worden«.
Vielleicht habe man, fügte er hinzu, in Pommern einen andern Text, oder
man könne mit »einigen wesentlichen« Veränderungen »etwas Besseres«
daraus machen; dann möge man ihm den »verbesserten Entwurf« gefälligst
einsenden. Dieser redaktionelle Auftrag kam dem Militärgouverneur
Stutterheim und dem pommerschen Zivilgouverneur Beyme doch wohl allzu
komisch vor; sie legten ihn ohne Antwort ~ad acta~ und ließen die
Soldaten das »Liedlein nach der Leipziger Schlacht« weiter so singen,
wie der Dichter es in einer glücklichen Stunde hinausgeschmettert hatte.
Hardenberg für eine liberalere Zensur.
Als Hardenberg am 11. März 1814 die Rücknahme des Verbots von Kotzebues
»Noch Jemands Reise-Abentheuer« verfügte, gab er dem Minister des
Auswärtigen von der Goltz zugleich genauere Anweisung, wie er die
Zensur künftig gehandhabt wissen wollte. »Der Zensor«, erklärte er,
»kann immerhin sein Imprimatur denjenigen Schriften erteilen, welche
die Nation von den Kunstgriffen unterrichten, durch welche es dem
Kaiser der Franzosen gelang, sein Reich zu der gehabten monumentalen
Größe zu erheben, die wir erlebt haben, und so können auch ohne
Bedenken solche Schriften die Censur passieren, bei welchen der
Verf. die Absicht hat, seinen Zeitgenossen ein Gemälde derjenigen
Begebenheiten und Ereignisse zu liefern, durch welche das franz. System
in einem gehässigen Lichte gezeigt wird, gleichviel ob die Darstellung
in einen satirischen, ironischen oder ernsten Vortrag eingekleidet ist,
worauf um so weniger ein besonderes Gewicht in dem Augenblick gelegt
zu werden braucht, wo wir uns mit Frankreich in einem offenen Krieg
befinden.«
Dem Königsberger Militärgouvernement hatte er am Tage zuvor die
Versicherung gegeben, daß er die Berliner Zensurbehörde zu einer
»liberalen und dem Geiste der Zeit und den Umständen angemessenen«
Beurteilung der ihr vorgelegten Schriften angewiesen habe.
Hardenberg irrte sich aber gründlich, wenn er annahm, das Ministerium
des Auswärtigen werde daraufhin »das Weitere verfügen«. Herr von der
Goltz übte vielmehr »passive Resistenz«; er verschwieg nicht nur dem
Königsberger Militärgouvernement die Freigabe der Schrift Kotzebues,
sondern auch den obigen Befehl, den er allerdings auf sein Ressort
allein beziehen durfte, und beschränkte seinen nach Königsberg
gesandten »Extract« aus dem Schreiben Hardenbergs auf den Passus
von der Unstatthaftigkeit einer dortigen eigenmächtigen Zensur! Und
auch in der Folge waren er und der Zensor Renfner weit entfernt, in
ihrer Strenge nachzulassen; Renfner erlaubte sich sogar Schriften
zu beanstanden, die mit Hardenbergs Genehmigung oder auf seinen
ausdrücklichen Wunsch entstanden waren.
Zwei Randbemerkungen des Grafen Dohna.
Obgleich sich Hardenberg gegenüber den franzosenfeindlichen
Druckschriften der Auffassung des Königsberger Militärgouvernements im
wesentlichen anschloß -- in _einem_ Punkte konnte er ihm nicht recht
geben: die Einheitlichkeit der Zensur wurde unterbrochen, wenn man
sich, wie von der Goltz sich ausdrückte, in Königsberg »anmaßte«, eine
besondere Zensurbehörde zu etablieren. Seiner beruhigenden Versicherung
einer künftigen liberaleren Zensur vom 10. März 1814 schickte er
deshalb die Bemerkung vorauf, daß die Zensur aller verlegten oder
eingeführten historisch-politischen Schriften ausschließlich Sache
einer einzigen Behörde, nämlich des Auswärtigen Departements in
Berlin sei. Auf die Streitfragen im einzelnen ging er dabei nicht
ein, darüber gab er ja dem Minister des Auswärtigen am nächsten Tag
genauere Anweisung. Graf Dohna, der letzteres nicht wissen konnte und
auch keinerlei Andeutung darüber erhielt, faßte daher das Schreiben
des Staatskanzlers als eine absichtliche Umgehung des eigentlichen
Streitfalles auf und schrieb unwirsch an den Rand:
»Die Antwort auf die aufgestellten Fragen -- pfiffige Anstalt
zur Verdunkelung.«
Und als nun Minister von der Goltz am 1. Mai aus der Verfügung
Hardenbergs vom 11. März den unvollständigen »Extract« nach
Königsberg sandte, der sich aber wohlweislich auf den Passus über die
Unstatthaftigkeit einer besonderen Königsberger Zensur beschränkte,
von der Freigabe der Kotzebueschen Schrift aber kein Wort verriet, sah
sich Dohna in seinem Verdacht bestärkt, und in dunkler Vorahnung der
kommenden Reaktionszeit setzte er eigenhändig die Worte darunter:
»Einführung eines möglichst unwürdigen Preßzwanges und
Zerreißung des Ressorts der Militär-Gouvernements. Fürs erste
~ad acta~.«
Blücher über Zensur.
Nach der Flucht Napoleons von Elba (Februar 1815) wollte Friedrich
Förster, der Freund Körners, ein Sonett »Blücher bei der Nachricht von
der Heimkehr Napoleons von Elba« in der »Spenerschen Zeitung« drucken
lassen; der Zensor Renfner strich es. Förster beschwerte sich bei
Blücher selbst und bat um seine Vermittlung. Aber dieser antwortete:
»Ne, mit die Censoren hier mag ich mir nich befassen; über die hat der
Teufel Gewalt. Packen Sie man Ihre Schriften ein und nehmen Sie sie mit
nach Paris; _da_ hab' ich zu befehlen, hier nicht.«
So geschah es; sobald die Verbündeten in die französische Hauptstadt
eingerückt waren, erschien das Sonett in der »Teutschen Feldzeitung
aus Paris«, die jedenfalls von Förster selbst redigiert wurde, aber
eingehen mußte, als der Polizeiminister von Wittgenstein im November
1815 die Aufsicht über die Tagespresse übernahm und damit die
schlimmste Reaktion gegen alle freiheitlichen Bestrebungen in Preußen
einsetzte.
* * * * *
Die Zensur trat jetzt in ihre eigentliche Blütezeit. Dieser Fülle der
Erscheinungen widmet sich das zweite Bändchen:
»_Biedermaier-Zensur_«.
Nachweis der wichtigsten Quellenschriften.
1. Die Biographien Friedrichs II. von Preuß und Koser;
Consentius, F. d. Gr. u. die Zeitungszensur (»Preuß.
Jahrbücher« 1904); Buchholtz, Vossische Zeitung;
Consentius, Der Wahrsager; Hesse, Preuß. Preßgesetzgebung;
Wiesner, Denkwürdigkeiten d. österr. Censur; Nicolai in der
»Neuen berlin. Monatsschrift« 1807; Nicolai, Gedanken über
die Verbesserung etc. der Censur 1801; Alexis Herbstreise
durch Skandinavien.
2. W. Müller, Sonnenfels; Fournier, Swieten als Zensor;
Nicolai, Reise durch Deutschland u. d. Schweiz; Wiesner, a.
a. O.; Gnau, Die Zensur unter Joseph II.; Gragger in der
»Ungar. Rundschau« 1912.
3. Hesse, a. a. O.; Stölzel, Svarez; Prozeß des Buchdruckers
Unger gegen Zöllner 1791; Nicolais »Allg. deutsche
Bibliothek«; W. v. Humboldt's Ideen etc., hrsg. v. Cauer;
Schlesier, Erinnerungen an Humboldt; Haym, Humboldt;
Dilthey im »Archiv f. Gesch. d. Philosophie« 1890; Fromm,
Kant u. d. preuß. Zensur; Kapp im »Archiv f. Gesch.
des deutschen Buchhandels« Bd. V; Schrader, Gesch. der
Friedrichs-Universität Halle; Schütz, Darstellung s.
Lebens; Kant, Streit der Fakultäten; Harnack, Gesch. d.
Berliner Akademie d. Wiss.; Fichte, Zurückforderung d.
Denkfreiheit; Fichtes Leben u. literar. Briefwechsel.
4. Müller, Sonnenfels; Glossy im Grillparzer-Jahrbuch VII,
XVII u. XXV; Schreyvogels Tagebücher; Wlassack, Chronik d.
k. k. Hof-Burgtheaters; Brahm, Schiller; Schillers Briefe.
5. Iffland, Über meine theatr. Laufbahn; Glossy, a. a. O.;
Consentius, Die Berliner Zeitungen während d. französ.
Revolution (»Preuß. Jahrbücher« 1904); Buchholtz, a. a. O.;
Schreyvogel, a. a. O.; Wiesner, a. a. O.; L. A. Frankl,
Erinnerungen.
6. Wlassack, a. a. O.; Anschütz, Erinnerungen; Schreyvogel,
a. a. O.; Teichmanns Literar. Nachlaß; Urlichs, Briefe
an Schiller; Stauf v. d. March in der »Hilfe« 1913;
Grillparzer-Jahrbuch VII u. XXV; Laube, Burgtheater; A. v.
Weilen in der Festschrift für Kelle; Gragger, a. a. O.;
Briefwechsel Schiller--Körner; L. A. Frankl, a. a. O.;
Klingemann, Kunst u. Natur.
7. Grillparzer-Jahrbuch IX u. XXV; Castelli, Memoiren meines
Lebens; F. L. Schmidt, Denkwürdigkeiten; Teichmann, a. a.
O.; Karoline Bauer, Bühnenleben; Steig, Achim von Arnim;
Frankl, a. a. O.; Bauernfeld, Alt- u. Neu-Wien; Kaiser,
Unter 15 Theaterdirektoren.
8. Salomon, Gesch. des deutschen Zeitungswesens; Buchholtz, a.
a. O.; Czygan, Zur Geschichte der Tagesliteratur während
d. Freiheitskriege; Bassewitz, Kurmark Brandenburg;
Gubitz, Erlebnisse; Czygan in den »Forschungen z.
brandenburg. u. preuß. Geschichte«, Bd. XXI; Geiger,
Berlin; H. Prutz in der Beilage zur »Allgem. Zeitung«
1893; Hagen, Schenkendorfs Leben; Czygan im »Euphorion«,
Bd. XIII u. XIX; Goedeke, Grundriß; Fichte, Reden an
die deutsche Nation 1808, neue Ausgabe von Leser 1908;
Briefwechsel Gentz--Adam Müller; Köpke, Gründung der Kgl.
Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin; Varnhagen,
Denkwürdigkeiten; Lehmann in den Sitzungsberichten d.
K. Ges. d. Wiss. zu Göttingen 1895; Granier in der
Sonntagsbeil. der »Voss. Ztg.« 1905; Gebhardt, W. v.
Humboldt als Staatsmann; Humboldt, Ges. Schriften; Kleists
Werke, hrsg. von Schmidt, Steig u. Minde-Pouet; Chamissos
Briefe; Castelli, Memoiren.
9. Steig, H. v. Kleists Berliner Kämpfe; Czygan, Zur Gesch. d.
Tagesliteratur etc.
10. Czygan, Zur Gesch. d. Tagesliteratur etc.; P. Hassel in der
»Zs. f. Preuß. Gesch. u. Länderkunde« 1875; Dreyhaus in den
»Forsch. z. brandenburg. u. preuß. Geschichte«, Bd. 22; Aus
Schleiermachers Leben; Preuß. Gesetzessammlung; Salomon, a.
a. O.
F. A. Brockhaus, Leipzig.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert, ansonsten
wurde die Originalschreibweise beibehalten. Die Darstellung der
Ellipsen wurde vereinheitlicht.
End of Project Gutenberg's Hier Zensur - wer dort?, by Heinrich Hubert Houben