»Wollen Sie mich vielleicht auch niederschlagen wie Ihre Frau? Sie

haben ja offenbar Uebung in solchen Liebenswürdigkeiten! Ich glaube,

es ist besser, wenn ich mich entferne.«

Sie ließ ihn stehen und verschwand im Nebenzimmer.

Ettore blieb noch etliche Tage planlos in Rom, spielte im Klub mit

Glück, glaubte immer noch, daß Maud von Reue erfaßt werden und ihn

zurückrufen würde, gab aber die Hoffnung auf, als er sie bei dem Korso

auf dem Pincio schon im eifrigen Flirt mit zwei Fürsten aus ebenso

alten wie verschuldeten römischen Häusern sah. So verließ er denn die

Hauptstadt und fuhr nach Pisa, wo er Eleonore verweint und verzweifelt

fand, weil sie jeden Tag die Einberufung ihres Liebsten nach Tripolis

fürchtete. In Pisa fand dann der Graf Ettore Priuli ein gewaltsames und

unrühmliches Ende. Ein Wortwechsel mit dem Ausbeuter seiner Schwester

ging in ein wüstes Handgemenge über, in dem der Leutnant unversehens

ein Stilett hervorzog und es dem Gegner mit solcher Geschicklichkeit in

die rechte Lunge bohrte, daß alle Gewebe zerrissen wurden und der Tod

eintrat, noch ehe ein Arzt erschienen war. -- --

Mit gesenkter Stirn und verschlossenem Mund vernahm Elisabeth die

Kunde, die aus Pisa kam. Ernst und schweigsam ging sie durch die

Bitternisse hin, die ihr die Tage brachten, spielte aber weder sich

noch andern eine Komödie des Schmerzes vor. Still und fest blickte sie

auch auf die Schmutzwoge, die über den Sarg ihres Mannes her in ihr

Haus schlug, auf all die zweifelhaften Kavaliere, auf die Wucherer, die

geschminkten Mädchen, die Kupplerinnen, denen allen der Graf Priuli

in irgendeiner Weise verschuldet war, und die nun von der Witwe die

Begleichung ihrer Forderungen begehrten. Elisabeth gab, so viel sie

konnte, und fragte nicht danach, ob der Rest ihres Vermögens schnell

kläglich zusammenschmolz. Wenn der Oberst ihr wehren wollte und warnte:

»Wenn das so weitergeht, hast Du bald selbst nichts mehr!« entgegnete

sie ruhig:

»Das macht nichts, wenn es nicht mehr reicht, dann vermieten wir den

Palast und verkaufen die Galerie an die Stadt oder an den Staat!«

»Das sagst Du wohl, das brächtest Du aber nie übers Herz! Du warst doch

immer so stolz auf Dein Haus und auf Deine Bilder und warst es mit

Recht!«

»Ja, früher! Da habe ich wohl gern in der Vergangenheit gelebt und

gemeint, es gäbe nichts Schöneres als sie! Jetzt aber kann ich das

nicht mehr. Jetzt muß ich an der Gegenwart und an der Zukunft hängen --

um der Kinder willen!«

»Ja, die Kinder, das ist ein Glück, daß Du die wenigstens hast! Wenn

man Kinder hat, kann man alles ertragen!«

Elisabeth nickte. Sie wollte dem Vater, der schon so viel mit ihr

gelitten hatte, nicht sagen, daß sie immer wieder Angst um die Zukunft

der Kinder anfiel, daß sich ihr immer wieder qualvoll die Frage

aufdrängte, ob nicht auch in ihren Söhnen einst das Blut des Vaters

mächtiger sein könnte als das der Mutter.

Der Oberst sagte:

»Was später wird, können wir heute noch nicht beschließen! Vorerst

aber geht Ihr mit mir nach Deutschland zurück. Du mußt einmal für

längere Zeit fort von hier, von diesem verfluchten Nest, wo Du so viel

durchgemacht hast!«

Um Elisabeths Lippen zitterte ein bitteres Lächeln.

»Papa, hättest Du je geglaubt, daß Du Venedig einmal ›das verfluchte

Nest‹ nennen würdest?«

»Habe ich etwa kein Recht dazu? Hat dieses verfluchte Nest uns nicht

schmählich enttäuscht?«

Elisabeth schwieg eine Weile, ehe sie antwortete:

»Ja, es hat uns enttäuscht, weil wir uns selber täuschten und täuschen

wollten. Weil wir immerfort nur auf das gehört haben, was die Maler

und die Dichter und die Steine von dieser Stadt erzählen, und niemals

ihre Menschen kennen lernen, wie sie wirklich sind. Ich habe die

Wirklichkeit mißachtet, -- das war der große Rechenfehler meines

Lebens, für den ich büßen muß!«

Der Oberst schwieg. Er konnte seiner Tochter nicht ganz unrecht geben,

wollte aber nicht weiter bei dem Gespräch verharren und meinte:

»Was geschehen ist, können wir nicht mehr ungeschehen machen. Jetzt

gehst Du zunächst zur Erholung mit mir heim und später ... Ja,

vielleicht wickeln wir später doch alles ab, was Dich hier noch bindet,

und leben wieder friedlich miteinander weiter wie in alten Tagen?!«

Da brach aus Elisabeth die aufgespeicherte Sehnsucht vieler Jahre

hervor, daß sie mit schluchzender Stimme leidenschaftlich rief:

»Ja, heim! Nur endlich heimkommen, nichts anderes will ich mehr und

nie wieder von daheim fortgehen. Daheim kann ich vielleicht manches

vergessen und aus den Kindern doch noch ordentliche Menschen machen!«

Im Molo lag der »Wurmbrand«, der sie nach Triest bringen sollte. Wie

Elisabeth den deutschen Namen in der Sonne leuchten sah, wurde sie

froh, als ob sie einen Gruß der Heimat empfangen hätte. Mit einem

leisen Glücksgefühl, wie sie es lange nicht mehr gekannt, schritt sie

über die Zugbrücke. Der Oberst wachte genau, daß alles Gepäck pünktlich

verladen wurde, die beiden Knaben in ihren blauen Matrosenanzügen mit

dem kleinen Trauerflor am Arm konnten sich nicht sattsehen an den

ungefügen Stahlgliedern der Schiffsmaschine. Elisabeth setzte sich auf

dem Verdeck nieder und sah voll Sehnsucht über die Lagune hin, in der

Richtung, wo nach wenigen Stunden schon Triest aus dem Meer aufsteigen

würde. Carlo Priuli kam, um ihr Lebewohl zu sagen, brachte den Kindern

ein paar Süßigkeiten und sprach die abgerissenen und gleichgültigen

Worte, die man bei jedem Abschied auf der Eisenbahn oder im Hafen

spricht. Seine Blicke ruhten auf ihr mit zärtlicher Güte und seine

Stimme klang ein wenig ängstlich, als er fragte:

»Lisa, gehst Du für immer von hier fort oder sehen wir uns wieder?«

Sie wollte aufschreien: »Nie mehr sehen wir uns wieder! Nie mehr kehre

ich in diese schreckliche Stadt zurück!« Da zog ihr aber die Erinnerung

an jenen Nachmittag in den ~Giardini publici~ durch den Sinn, und wie

ein Erlöser von geheimer Angst überkam sie der Gedanke, daß auch dieser

Tüchtige ein Priuli war -- -- Zum erstenmal seit Ettores Tod huschte

ein hellerer Schimmer über ihr verhärmtes Gesicht, und das harte Wort,

das sie sprechen wollte, blieb ungesagt.

Die Schiffsschrauben begannen langsam zu schnauben, von der

Schiffsbrücke her riefen die Matrosen, daß es für die Zurückbleibenden

höchste Zeit sei, das Schiff zu verlassen. Carlo streckte Elisabeth die

Hand zum Abschied hin, und da sie bislang ihm nicht geantwortet hatte,

fragte er noch einmal, angstvoller als vorhin:

»Sehen wir uns wieder?«

Sie legte ihre Hand in die seine und sagte:

»Vielleicht!«

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend

korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.

Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):

S. 107: den → dem

Der Palazzo, in {dem} man sich bis zur Stunde

S. 218: Palazza → Palazzo

Venedig und den {Palazzo} Tassini verlassen

S. 256: Palimpfests → Palimpsests

wie die Urschrift eines {Palimpsests}

S. 268: könnnten → könnten

auch Sie {könnten} nicht mit einem Mann leben,

S. 288: haten → hatten

Die Nachforschungen der Polizei {hatten} noch immer

S. 308: Palozzo → Palazzo

an dem sie in den {Palazzo} Tassini gekommen war

Die große Gauklerin: Ein Roman aus Venedig · 第 18 / 18 段