»Das geht Dich nichts an; hier bin +ich+ der Herr, verstehst Du! Ich

sage Dir jetzt im guten, geh in Dein Bett und schlafe! Wenn Du mir

nicht folgst, ist's Deine Schuld, wenn --«

Sie sah ihn an, begriff, daß hier etwas Dunkles vorging. Sie sagte kurz:

»Laß mich hinein!«

»Nein, Du hast hier nichts zu schaffen!«

Da drängte sie ihn, ehe er's hindern konnte, beiseite, schlüpfte hinein

und lief ihm voran durch den dunklen, ersten Saal nach dem zweiten, in

dem die ›Dogaressa‹ hing, und der hinter geschlossenen Fensterläden und

ängstlich vorgezogenen Damastportieren hell erleuchtet lag. Wie sie

sah, was sich hier vollzog, blieb sie einen Augenblick wie gelähmt vor

Schreck stehen --

Vor dem Platz, wo die ›Dogaressa‹ sonst gehangen hatte, stand eine

Staffelei; ein dunklerer Fleck auf der Wand bezeichnete genau den Raum,

den das berühmte Gemälde bedeckt hatte. Jetzt lag es auf dem Boden

neben der Staffelei, auf deren unterster Stufe der verkommene Maler

hockte, den Elisabeth schon kannte. Er war damit beschäftigt, das

Bild aus dem Rahmen zu nehmen, zog eben mit einer Beißzange die Nägel

heraus, welche die Leinwand auf dem Spannrahmen festhielten. Neben ihm

lagen Hammer, Stemmeisen, Zwicknägel und noch verschiedene Dinge, wie

man sie zur Rahmung benötigt, zwei Schritte davon stand die Kopie,

die angeblich für den reichen Herrn aus Rom gefertigt worden war, und

die dem Original so täuschend ähnlich sah, daß man sie, wenn erst das

spiegelnde Glas über ihr lag, wohl kaum von jenem unterscheiden konnte.

Der Maler ließ sich durch Elisabeths Erscheinung nicht in seiner Arbeit

beirren. Er hatte sein schönes Geld für die Kopie bereits in der

Tasche, nahm die Auswechslung der Bilder im Auftrag des Grafen Priuli

vor und kümmerte sich nicht um den Zweck, welchen dieser verfolgte,

wenn er ihn sich natürlich auch ungefähr denken konnte. Er hatte schon

öfters solch zweifelhafte und glänzend bezahlte Aufträge gehabt und

hütete sich wohl, mehr zu wissen, als für ihn gut sein konnte. So zog

er ruhig mit der Zange einen Nagel nach dem andern heraus, während

Ettore bebend vor Erregung zu Elisabeth trat und atemlos, bald bittend,

bald drohend auf sie einredete.

»Zwei Millionen gibt mir die Amerikanerin für das Bild! Bedenke, was

das heißt, zwei Millionen! Damit sind wir alle gerettet, mit den zwei

Millionen kaufe ich uns allen die Ruhe, das Glück und die Freiheit!

Mit den zwei Millionen können wir unsere Ehe lösen lassen, in der doch

keines von uns glücklich ist, und wir können heiraten, wie wir wollen.

Siehst Du, Lisa, ich weiß ja schon lange, daß Du Dir gar nichts mehr

aus mir machst, und daß Dir Carlo viel besser gefällt ... Ich mach' Dir

gar keinen Vorwurf daraus, mein Gott, man täuscht sich in den eigenen

Gefühlen! Aber das alles kann gut werden, wenn wir die zwei Millionen

bekommen! Dann gehen wir als gute Freunde auseinander, ich zahle Dir

alles zurück, was ich von Deinem Vermögen verbraucht habe, und alles

ist, als ob's nie gewesen wäre. Nicht wahr, das ist doch mehr wert, als

das Bild da, und es ist doch ganz gleichgültig, ob so ein Bild hier

hängt oder in Amerika --«

Elisabeth hörte ihn wohl, aber sie faßte den Sinn seiner Worte nicht.

Nur eins faßte sie: er wollte die ›Dogaressa‹ verschachern und heimlich

verschleppen, wie ein Mädchenhändler seine Ware verschleppt, und da

wußte sie, daß das nie, gar nie geschehen durfte. Sie sagte ohne Atem

und ohne Ton: »Wenn Du Geld brauchst, nimm alles, was ich auf der Bank

habe! Aber das Bild bleibt hier!«

Da warf er ihr lang verschwiegene, abscheuliche Bekenntnisse ins

Gesicht. Seit langer Zeit schon befand er sich in den Händen von

Wucherern, die ihm gegen sechzig und siebzig Prozent Geld vorstreckten

für Eleonore, für das Spiel, für Mädchen ...

Elisabeth hörte ihn so undeutlich, als spräche er aus weiter Ferne, und

sagte wieder nur:

»Und wenn der letzte Heller draufgehen soll, das Bild bleibt hier!«

Nun wurde er ungeduldig, schrie sie an:

»~Misericordia~, Du bist wahrhaftig törichter, als ich gedacht habe!

Wenn +ich+ nichts habe und +Du+ nichts mehr hast, von was sollen wir

denn dann leben? Wir und die Kinder?«

Elisabeth holte tief Atem, wie vor einem sehr schweren Entschluß.

»Wenn es sein muß, dann verkaufe in Gottes Namen das Bild an den Staat!

Aber nach Amerika lass' ich es nicht gehen, niemals, hörst Du, niemals!

Wenn uns schon gar nichts mehr bleibt, dann müssen wir doch wenigstens

einen makellosen Namen haben, wir müssen doch wenigstens wissen, daß

kein Unrecht an uns hängt!«

»Ich kann mit meinem Eigentum tun, was mir beliebt!«

»Wenn Du das könntest, würdest Du das Bild ganz offen an die

Amerikanerin verkaufen und nicht heimlich bei Nacht und Nebel

wegschaffen lassen wollen! Du weißt sehr wohl, daß Du nicht das Recht

hast, das Bild ins Ausland zu geben ...«

Er fuhr sie an:

»Ich habe jetzt genug von Deinem Geschwätz. Ob's Dir paßt oder nicht

paßt, ist mir egal! Ich werde mir Deinetwegen nicht zwei Millionen

entgehen lassen!«

»Und ich werde nicht dulden, daß das Bild von hier fortkommt!«

Mit funkelnden Augen standen sie einander gegenüber wie zwei Feinde.

Alles, was sie an Enttäuschungen, Zorn und Haß seit Jahren angehäuft

hatten, trat jetzt aus ihnen hervor, ballte sich um das Bild, als

hätten sie nie um etwas anderes gestritten und gerungen als um das

Gemälde der blonden Frau, die mit rätselhaftem Gesichtsausdruck den

Ring emporhielt.

Inzwischen hatte der Maler das Bild vollkommen abgelöst, stellte es

zusammengerollt, als wär' es ein beliebiger Kaufsgegenstand, in eine

Ecke. Schnell und gewandt schob er seine Kopie in den alten Rahmen,

befestigte sie, überdeckte sie mit dem spiegelnden Glas, und schon

hing das gefälschte Gemälde an der Stelle, von der jahrhundertelang

das echte geblickt hatte. Mit großer Umsicht räumte er dann alles

beiseite, verwischte jede Spur, die verraten konnte, wie in der Galerie

nächtlich gearbeitet worden war, und wollte eben das zusammengerollte

Bild aus der Ecke hervorholen, das er noch heute in Sicherheit bringen

sollte. Zu seinem Erstaunen stand aber jetzt die Gräfin Priuli mit

ausgebreiteten Armen davor, als wollte sie es mit ihrem Leibe schützen.

Der Maler zögerte, aber Ettore rief ihm barsch zu:

»Kümmern Sie sich nicht um die Närrin, sondern tun Sie, wie wir

verabredet haben!«

Elisabeth warf ihrem Mann einen verzweifelten Blick zu, der seine Wut

noch steigerte. Er packte sie bei den Schultern, riß sie von dem Bild

weg ins Zimmer hinein, daß sie taumelte und sich nur mit Mühe aufrecht

halten konnte. Sie sah, daß sie allein gegen zwei Männer nichts

ausrichten konnte, und wollte durch den ersten Saal zurücklaufen, um

Hilfe herbeizuschreien. Aber noch ehe sie in die Mitte des Saales

gelangt war, fühlte sie sich von Männerhänden gepackt, sah einen

Hammer drohend über ihrem Kopf schweben. Zwei Fäuste preßten ihr die

Gurgel zusammen, und eine brutale Gewalt schleuderte sie an einen

Türvorsprung, daß sie blutend und bewußtlos zusammenbrach. -- --

15.

Als Elisabeth die Augen zum erstenmal wieder aufschlug, sah sie die

weiße Haube einer Krankenpflegerin und das Gesicht ihres Vaters, der

neben ihrem Bette saß. Sie begriff nicht recht, wieso er und die weiße

Haube hierherkamen, und warum sie selbst im Bett lag, aber sie war viel

zu müde, um zu fragen oder nachzudenken, schloß die Augen gleich wieder

und lag in dämmerndem Halbbewußtsein noch durch viele Stunden und

manchen Tag hindurch. Wohl spürte sie starke Schmerzen im Hinterkopf

und am Nacken, wußte auch, daß der Arzt täglich kam, um diese Wunde

zu untersuchen und neu zu verbinden, aber alles, was mit ihr und um

sie her geschah, erschien ihr so lautlos, so puppenhaft, daß sie nicht

unterscheiden konnte, ob sie es wirklich erlebte oder nur träumte.

Der Arzt war zuerst ein wenig erschrocken über diese langdauernde

Teilnahmlosigkeit, denn er vermutete, daß sie durch den starken Fall

oder durch den Schlag über den Kopf am Ende einen dauernden Schaden im

Gehirn davongetragen haben könnte. Bald aber merkte er, daß Elisabeth

geistig ganz klar war, nur in den Nerven so verbraucht und zerrieben,

daß diese letzte Katastrophe eben den völligen Zusammenbruch

herbeigeführt hatte. Da wurde sie denn gefüttert und gepflegt und

gehätschelt wie ein Kind, und als wäre sie ein Kind, ließ sie alles

mit sich geschehen, fragte nichts, sagte nichts, blieb in ihre Apathie

verkrochen, bis die Natur ihr wieder half und sie sanft hindrängte zu

der Brücke, die von der Bewußtlosigkeit hinüberführt zum Leben.

Nach einer Nacht voll erquickenden Schlafes schlug sie dann einmal die

Augen ganz groß und klar auf, so daß die Pflegerin ihr freudig zunickte

und das graue, überwachte Gesicht ihres Vaters seltsam zuckte von

Rührung und Glück. Sie griff nach seiner Hand, nahm sie in die ihren,

die ganz mager und durchsichtig geworden waren, und sagte leise, mit

einem Blick auf die Pflegerin.

»Nachher, wenn sie draußen zu tun hat, mußt Du mir erzählen!«

Der Oberst wußte wohl, was sie meinte, aber er fragte doch:

»Was soll ich Dir denn erzählen, Kind? Du sollst Dich noch gar nicht

aufregen --«

Sie sah ihn mit ihren großen, ernsten Augen an:

»Ich rege mich gar nicht auf. Ich möchte nur wissen, wie das alles

gekommen ist ... Ich erinnere mich an alles wohl, aber so undeutlich,

so verschwommen. Es regt mich viel mehr auf, wenn ich mich besinne und

mir alles erst im Kopf zusammensuchen muß.«

Da erzählte der Oberst kurz und vorsichtig, was er wußte. In jener

verhängnisvollen Nacht war ein Diener, der heimlich ausgestiegen,

just um die Zeit nach Hause zurückgekehrt, als Elisabeth nach der

Galerie lief. Gleich als er das Hinterpförtchen hinter sich geschlossen

hatte, war's ihm vorgekommen, als ob in der Galerie etwas Verdächtiges

vorginge, und er hatte einige Minuten ganz still gelauscht, ob es

wirklich so sei, oder ob er sich täusche. Dann hatte er Stimmen gehört,

Streitworte, die immer lauter und heftiger wurden, so daß er ins

oberste Geschoß rannte, um die übrige Dienerschaft zu wecken, weil

er sich's doch nicht zutraute, ganz allein mit mehreren Uebeltätern

fertig zu werden. Wie sie dann zu dreien oder vieren zurückkamen,

hörten sie einen dumpfen Fall, und als sie in die Galerie eindrangen,

sahen sie die Gräfin blutüberströmt daliegen und den Grafen mit

fahlem, verstörtem Gesicht um sie bemüht. Im Hauptsaal aber, da, wo

die ›Dogaressa‹ hing, riß eben ein verdächtig aussehendes Individuum

Vorhänge und Fensterladen zurück und stieß das Fenster auf, mit dem

Blick messend, ob es wohl gelingen könnte, das aufgerollte Bild

geschickt hinunterzuwerfen, so daß es auf die Randsteine und nicht

ins Wasser fiel, und ihm dann nachzuspringen. Es gelang den Dienern

wohl, ihm das Bild zu entreißen, er selbst aber entwand sich mit fast

unbegreiflicher Geschicklichkeit ihren Händen, stieg aufs Fenstersims,

sprang so zielsicher hinaus, daß er wirklich die Calle vermied, im

Eilschritt die kleine Brücke gewann und in ein paar Atemzügen um die

nächste Ecke verschwunden war.

Elisabeth hörte gespannt zu. Was der Vater da erzählte, schloß sich mit

ihrer eigenen Erinnerung zu einem Bilde zusammen. Sie blieb eine Weile

stumm, fragte dann:

»Hängt nun das Bild, das echte Bild, wieder an seinem alten Platz?«

»Aber natürlich, ich sagte Dir ja, daß man es dem Kerl wieder abgejagt

hat. Es ist nur schade, daß er selber entwischt ist!«

Elisabeth blieb still. Sie fragte nicht nach Ettore, den sie niemals in

ihrem Krankenzimmer gesehen hatte. Nur die alte Gräfin war zu Anfang

etliche Male gekommen, verweint und ängstlich, als fühle sie, daß

die Priuli nicht in dies Zimmer gehörten. Elisabeth war damals noch

ohne Bewußtsein gewesen, und der Oberst hatte die alte Frau so kalt

empfangen, daß sie nicht wieder aus ihrer Wohnung heraufstieg.

Solange Elisabeth krank lag, hatte sich die Fürstin Tassini täglich

nach ihrem Befinden erkundigen lassen und die prächtigsten Blumen für

das Krankenzimmer geschickt. Nun aber, da Elisabeth wieder einzelne

Besuche empfangen durfte, nun blieb jede Botschaft aus dem Palazzo

Tassini aus, und Elisabeth erwartete vergebens die Frau, mit der sie

doch seit langer Zeit jede Woche beim Tee gesessen war. Als sie sich

dann telephonisch erkundigen ließ, ob die Fürstin etwa krank sei,

erhielt sie den Bescheid, daß die Fürstin in der Abreise begriffen sei,

aber jedenfalls der Frau Gräfin noch persönlich Lebewohl sagen werde.

Die Fürstin kam aber nicht, denn auch bei den Tassinis hatte es eine

Katastrophe gegeben, wenn auch in anderer Art als im Hause Priuli.

Der älteste Sohn, Luigi, der dank seinem väterlichen Namen und seinem

mütterlichen Reichtum in der englischen Hocharistokratie fast wie ein

eingeborner Lord betrachtet wurde, war mit etlichen anderen jungen

Männern der vornehmsten Kreise in eine häßliche Weibergeschichte

verwickelt worden, die zu einem gesellschaftlichen Skandal zu werden

drohte. Die jungen Engländer, die wohl wußten, daß alles erlaubt

war, sofern kein Mensch es beweisen konnte, beherrschten alsbald die

peinliche Situation, füllten alle Erpresserhände, alle schmutzigen

Mäuler, die mit Enthüllungen drohten, mit Gold, so daß sie mit heiler

Haut davonkamen und mit blanker Stirn wieder im Klub und in den Salons

der Ladies erschienen. In Luigi Tassini aber wachte der Italiener auf,

der in seiner primitiven Offenheit von den Verzwicktheiten englischer

Sitten nichts begriff und den das schöne Geld reute, das er an all

die dunkeln Existenzen wegwerfen sollte. Er begann zu feilschen, zu

knickern, drohte mit den Gerichten, wollte mächtige Freunde anrufen,

die ihn vor der Ausbeutung durch all diese verrufenen, verlorenen

Existenzen sichern sollten. Er erreichte natürlich nur, daß der ganze

Skandal einzig und allein an seinem Namen hängen blieb und daß sich die

Türen aller Salons vor ihm schlossen, und selbst die jungen Männer, die

zwar nicht besser, aber gewitzter gewesen als er, sahen über ihn weg,

wenn sie ihn beim Morgenritt in Rotten Row trafen. Es blieb ihm nichts

übrig, als ziemlich unvermittelt heimzureisen, und wenige Tage später

trafen auch die jüngeren Brüder ein, denn auch in Eton war kein Platz

für einen Namen, auf den die Schmutztropfen eines gesellschaftlichen

Skandals gespritzt waren.

Die Fürstin war empört, als sie vernahm, was sich der Aelteste hatte

zuschulden kommen lassen, und ihre Empörung wuchs, als sie merkte, daß

die drei Söhne durchaus nicht zerknirscht waren, sondern sich schnell

und gern in das elegante Nichtstuerleben ihrer Kreise einlebten. Mit

verständnislosem Schrecken sah sie, daß es ihr nicht gelungen war,

das schlechte Blut der Tassinis neu zu bilden, sah, daß die Söhne ihr

nur äußerlich glichen, in ihrem Innern aber trotz alles englischen

Firnisses die echten Söhne ihres Vaters geworden waren. Seit der

englische Cant Luigi aus London vertrieben hatte, war ihre demütige

Bewunderung für das englische Wesen dahin und der unbändige Hochmut

ihrer alten Rasse wachte wieder in ihnen auf, so daß sie ihrer Mutter

gerne auseinandersetzten, daß der Name Tassini schon zu einer Zeit

im goldenen Buch gestanden habe, als die Vorfahren sämtlicher Lords

noch nichts anderes gewesen seien als Fischer oder Seeräuber. Wenn sie

unter sich allein waren, betonten sie nicht ungern, daß die bürgerliche

Engländerin ihnen den ganzen Stammbaum verdorben hätte, und all ihre

Liebe ging zum Fürsten hin, der von ihrer Art war und von ihrer Mutter

unterdrückt wurde. So hatte sich das Kräfteverhältnis im Hause Tassini

scheinbar völlig verschoben. Auf der einen Seite stand die Fürstin

völlig allein, auf der anderen der Fürst mit den jungen Söhnen, die

nichts anderes begehrten, als dem Vater zu gleichen und ihn zu stützen.

Aber ach! der Reichtum des Hauses ruhte ja ausschließlich in den

Händen der Frau, und darum mußte aller Hochmut, alles Rassenbewußtsein

schweigen, sobald einer der fürstlichen Herren Geld brauchte ...

Die Fürstin blieb nach außen hin unbeweglich und steifnackig, wie sie

es immer gewesen, aber ihr Herz war von einem Streich getroffen, von

dem es sich nie mehr erholen sollte. Sie sah jetzt, daß ihre ganze

Lebensrechnung falsch gewesen war, daß diese drei Söhne niemals, wie

sie es seit Jahrzehnten geträumt hatte, Werkzeuge der Rache sein

würden. Sie waren und blieben Tassinis, würden Lakaien der Mutter

sein, wie der Fürst stets der Lakai seiner Frau gewesen war, -- nichts

weiter. Gemeinsam mit ihrem Vater würden sie versuchen, das Geld zu

vertun, das der englische Großvater aufgehäuft hatte, und wenn sie

später einmal heirateten, würden ihre Ehen nicht anders sein als die

ihres Vaters geworden war ...

Wie die Fürstin dies alles überdachte, überkam sie ein grenzenloser

Ekel. Sie ließ ihre Koffer packen, wollte nach ihrer Heimat reisen,

besann sich aber noch zur rechten Zeit mit bitterem Lächeln, daß

nach der Katastrophe mit Luigi der Name Tassini zunächst in London

besser nicht mehr genannt wurde. So fuhr sie für unbestimmte Zeit

an die Riviera, zerfallen mit sich und der Welt, und wußte nicht, ob

sie jemals nach Venedig zurückkehren oder schließlich doch wieder in

England landen würde. Niemand weinte ihr nach, am wenigsten die Söhne,

die sie zwar respektvoll auf das Schiff geleitet hatten, sich aber wie

von einem Alb befreit dünkten, als sie das hochmütige, wie von Leid

zersägte Gesicht der Mutter nicht mehr sahen. Nun waren sie allein

mit ihrem fröhlichen Vater, nun konnten sie leben, wie es ihnen allen

gefiel und wie es dem Hause Tassini zukam! --

Auf Umwegen erfuhr Elisabeth die äußeren Geschehnisse im Hause Tassini,

und was die Fürstin empfand und litt, konnte sie sich leicht ausdenken.

Deutlich stand der erste Nachmittag wieder vor ihr, an dem sie in den

Palazzo Tassini gekommen war, und mancher folgende, an denen sie und

die Fürstin durch Symbole, die nur ihnen beiden verständlich gewesen,

von ihren Schmerzen und ihren Enttäuschungen gesprochen hatten. Es

fiel ihr wieder ein, wie klein sie sich neben der Fürstin vorgekommen

war, weil sie, statt über die Jahre hinweg zu hassen, immer noch auf

eine Stimme der Liebe gewartet hatte. Wie sich ihr dann für flüchtige

Augenblicke an Carlos Seite Venedigs drittes Gesicht entschleiert

hatte, an das die Fürstin nicht glauben wollte ... Eine leise Trauer

befiel Elisabeth, als sie dieser Frau gedachte, die sich ihr stets

gleichmäßig freundlich, wenn auch gleichmäßig kühl erwiesen hatte,

und sie wußte, daß sie der Nachmittage im Palazzo Tassini noch lange

gedenken würde. In die leise Trauer mischte sich die bange Frage, ob

nicht Elisabeth Priuli wie als Frau, so auch als Mutter dereinst das

Schicksal der Fürstin Tassini teilen mußte?! --

Als Elisabeth zum erstenmal wieder in einem Lehnstuhl am Fenster sitzen

konnte, ließ sie sich die Post bringen, die während ihrer Krankheit für

sie eingelaufen war. Unter allerlei Briefen, Kreuzbandsendungen und

Geschäftsanzeigen fand sie auch mehrere Briefe, die Ettores Handschrift

zeigten, und von denen die älteren den Poststempel Roma, die neueren

Pisa zeigten. Elisabeth legte sie uneröffnet beiseite. Sie wollte sich

die Stille ihres Rekonvaleszentenglücks nicht durch Widerwärtigkeiten

verscheuchen lassen.

Carlo Priuli kam und war bewegt, obwohl er sich's nicht merken lassen

wollte.

»Lisa, Du törichte Frau, was machst Du für phantastische Geschichten?

War's das Bild wirklich wert, daß Du Dein Leben daransetzen wolltest?«

Elisabeth lächelte ein wenig.

»Ist ein Menschenleben wirklich gar so viel wert?«

»Doch jedenfalls mehr als eine bemalte Leinwand!«

Elisabeth schüttelte langsam den Kopf.

»Dieses Bild ist mehr als bloß eine bemalte Leinwand! Denk' doch, es

ist der Glanz der Priuli, eines der größten Kleinodien Venedigs! Und

für mich ist es noch mehr als alles das ... Mein ganzes Leben hier hat

ja eigentlich mit diesem Bilde begonnen. Für mich ist es so etwas wie

ein Gedanke, dem ich gehören mußte bis zuletzt ... Und dann, siehst

Du, ich konnte doch nicht dulden, daß Ettore uns auch das noch antut,

daß er sich noch gegen das Gesetz vergeht.«

Carlo nickte.

»Wenn Du nur endlich von dem loskommen könntest, was das Bild für

Dich bedeutet hat! Wenn Du Dich endlich von den Gespenstern befreien

könntest, die es darstellt! Wenn Du Dich endlich entschließen könntest,

nicht mehr zurückzusehen, sondern voran.«

Da sagte ihm Elisabeth, was sie schon die ganze Zeit über in sich

fühlte, und was sie selbst mit Staunen erfüllte.

»Denk' Dir, alles, was war, liegt so weit hinter mir, als wäre es

eine ganz entfernte Landschaft, in der ich Einzelheiten kaum mehr

unterscheiden kann. Es ist mir oft, als wäre ich gar nicht mehr ich,

als wären zwei Elisabeths da, die eine bis zu der schrecklichen Nacht,

und die andere, die mit alledem nichts zu tun hat, und die jetzt ganz

still und wunschlos erst zu leben anfängt. Und darum glaube ich, daß

ich gar keine solche Heldin bin, wie Du in mir sehen willst. Denn wär'

ich eine Heldin, dann müßte mir die Sache, für die ich geblutet habe,

doppelt wert sein. So aber ist mir's, als trenne mich gerade mein Blut

und meine Krankheit von früher ab ...«

»Gott sei Dank, wenn es so ist, und wenn es so bleibt! Das wäre ein

Glück für Dich, und auch ein Glück --«

Er brach ab, begann ziemlich unvermittelt von etwas anderem zu

sprechen. Als er ging, hatte auch Elisabeth mit keiner Silbe nach

Ettore gefragt. -- --

* * * * *

Ettore Priuli war nach Rom abgereist. Zwei Tage lang hatte er versucht,

in Venedig den Unbefangenen zu spielen, hatte auch den Freunden

gegenüber die Fabel behaupten wollen, die er rasch erfand, als die

Diener in die Galerie eindrangen: ein Bilderdieb, zweifellos derselbe,

der schon vor einiger Zeit zwei Gemälde beschädigt, hatte versucht, die

›Dogaressa‹ zu stehlen, war von der armen Gräfin überrascht worden,

hatte sie zu Boden geschlagen und dann eilig die Flucht ergriffen.

Er erzählte diese Geschichte ganz überzeugend mit der Miene des

bekümmerten Gatten, aber länger als zwei Tage ließ sie sich nicht

halten, weil dann in den Zeitungen, im Klub, überall wo er hinkam,

die Wahrheit durchzusickern begann. Da hielt er es für besser, dem

Gerede aus dem Weg zu gehen, und da er im Hotel Danieli erfuhr, daß die

Herzogin von Bressières Venedig plötzlich verlassen habe und nach Rom

gegangen sei, schien es ihm gut und unterhaltend, ihr zu folgen. Er war

froh, als er Venedig im Rücken hatte, und freute sich auf die römischen

Tage. Bis er zurückkehrte, war Elisabeth jedenfalls wiederhergestellt,

die peinliche Geschichte schon halb vergessen, und was weiter werden

sollte, kümmerte ihn im Augenblick nicht. ~L'Italia farà da sè!~

Elegant und heiter, mit seinem scharmanten Lächeln schlenderte er ins

Hotel Quirinal, wo Maud sich schon behaglich eingerichtet hatte, und

ließ sich bei ihr melden. Sie empfing ihn sehr ungnädig, denn sie war

wütend auf ihn, weil sie nun nicht zu dem Bilde kam und obendrein noch

wegen des Zeitungsklatsches Venedig plötzlich hatte verlassen müssen.

Er trat ihr mit lebhafter Freude entgegen, wollte ihr die Hand küssen,

sie verschränkte aber die Arme unter der Brust und sagte von oben herab:

»Nun, Conte Priuli, Sie haben mich in eine hübsche Situation gebracht!«

»Ich bin untröstlich, teure Maud, das dürfen Sie mir glauben! Aber was

kann ich machen, wenn meine Frau wie eine Rasende dazwischenfährt und

mir alles verdirbt? Alles war so tadellos bis aufs letzte Tüpfelchen

berechnet.«

»Jawohl, und alles hat bis aufs letzte Tüpfelchen falliert!« sagte sie

ironisch. Und mit einer jäh aufspringenden Brutalität, in der sich das

wahre Wesen dieser Frau offenbarte: »Kommen Sie mir nicht mit Ihren

albernen Redensarten! Ihre Frau hat mit der Sache gar nichts zu tun;

einzig und allein Ihre Ungeschicklichkeit ist an allem schuld. Wissen

Sie, einem klugen Geschäftsmann falliert eine solche Sache nicht,

selbst wenn zehn rasende Frauen dazwischenkämen! Sie sind aber gar kein

Geschäftsmann, sondern bloß ein italienischer Aristokrat, der Geld

haben will.«

»Maud, hüten Sie Ihre Zunge, oder ich weiß nicht, was geschieht!«

Sie sah ihn herausfordernd und böse an.

Die große Gauklerin: Ein Roman aus Venedig · 第 17 / 18 段