Schon im nächsten Jahre vereinigten sich beide Dichter gegen die
niedere, feindlich gesinnte Litteratur zu dem Feldzuge in den
"Xenien": hier ließen sie auch "Shakespeares Schatten" erscheinen, dem
Herakles in der Unterwelt vergleichbar, wie Homer ihn beschrieben,
riesig, Schrecken erregend, stets seine Ziele treffend und
durchbohrend mit dem nie fehlenden Pfeil, umstürmt und umtobt von dem
lärmenden Gefolge der Nachahmer:
"Schrecklich stand das Ungethüm da, die Hand an dem Bogen,
Und der Pfeil auf der Senn' traf noch beständig das Herz!
Rings um ihn schrie, wie Vögelgeschrei, das Geschrei der Tragöden,
Und das Hundegebell der Dramaturgen um ihn."
Das Studium Shakespeares hatte Lessing empfohlen, nicht die Entlehnung
oder die Nachahmung, die so leicht in die Wildbahn des rohen und
gemeinen Naturalismus entartet. Es mußte die echte Nachfolge
Shakespeares von der unechten wohl unterschieden werden. Wenn Voltaire
wider die heranstürmenden Geister eines wilden und wüsten Naturalismus
sich und seine Kunst, den Geschmack und die Regel, mit einem Worte die
Grazien Frankreichs vertheidigt hatte, so war er keineswegs nur im
Unrecht. Auch hatte diesem Rechte Lessing nicht widersprochen, er
hatte in dem eigenen Vaterlande schon das Geschrei der Stürmer und
Dränger vernommen und über die Genies gelacht, die aller Regel den
Krieg erklären wollten, während doch das wahre Genie selbst die Regel
giebt. Aber erst nachdem die deutsche Kunst ihrem Führer gefolgt war
und in der echten Nachfolge der Alten und Shakespeares ihre volle
Selbständigkeit und Höhe erreicht hatte, war der Zeitpunkt gekommen,
auch Voltaire gerecht zu werden. Ein denkwürdiger und höchst
interessanter Moment in der Geschichte der Weltlitteratur, als Goethe
den "Mahomet" Voltaires im Januar 1800 hier in Weimar auf die Bühne
brachte und Schiller ein Gedicht voller Beistimmung und Huldigung an
ihn richtete. Er blickte zurück auf die Bahn, welche Lessing zur
Originalität gewiesen hatte:
"S e l b s t in der Künste Heiligthum zu steigen,
Hat sich der deutsche Genius erkühnt,
Und auf der Spur der Griechen und des Britten
Ist er dem besseren Ruhme nachgeschritten."
Nunmehr hat die dramatische Kunst der Deutschen die Welt zum Theater,
und es gilt von ihr in Wahrheit das Wort Bacons «_theatrum pro mundo
habet_»:
"Erweitert jetzt ist des Theaters Enge,
In seinem Raume drängt sich eine Welt,
Nicht mehr der Worte rednerisch' Gepränge,
Nur der Natur getreues Bild gefällt.
Verbannet ist der Sitten falsche Strenge,
Und menschlich redet, menschlich fühlt der Held;
Die Leidenschaft erhebt die freien Töne,
Und in der Wahrheit findet man das Schöne."
Wir sind zu einer Reihe glänzender Erinnerungen gelangt, die auf das
Weimarische Doppelgestirn und einige der Werke hinschauen, die das
Ende des vorigen Jahrhunderts gekrönt haben. Glorreiche «_fin de
siècle!_» Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts scheint unsere
dramatische Kunst die Mahnung vergessen zu haben oder verachten zu
wollen, die sie im letzten Jahre des achtzehnten in jenem Gedichte
empfing:
"Doch leicht gezimmert nur ist Thespis' Wagen,
Und er ist gleich dem acheront'schen Kahn,
Nur Schatten, nur Idole kann er tragen,
Und drängt das rohe Leben sich heran,
So droht das leichte Fahrzeug umzuschlagen,
Das nur die flücht'gen Geister fassen kann.
Der Schein soll nie die Wirklichkeit erreichen,
Und siegt Natur, so muß die Kunst entweichen."
Das Gedicht enthält zwei scheinbar widersprechende Sätze: "Nur der
Natur getreues Bild gefällt". "Und siegt Natur, so muß die Kunst
entweichen." Wer diese beiden Sätze richtig versteht und darum zu
vereinigen weiß, erkennt den Genius der Goethe-Schiller-Epoche und der
goldenen Zeit der Weimarischen Kunst, deren fortwirkender Kraft wir es
danken, daß in dem jüngsten Menschenalter hier in Weimar unter dem
Schutz und Schirm des erhabenen Fürstenpaares die Deutsche
Shakespeare-Gesellschaft und die Weimarische Goethe-Gesellschaft
entstanden und fortgediehen sind.