Voltaires Erbitterung war so niedergeschlagen und ohnmächtig, daß hier
selbst der Witz und die Satire ihren Meister in Stich ließen. Er ahnte
nicht, daß über Shakespeare und ihn schon seit einem Jahrzehnt in
Deutschland ein Gericht ergangen war, welches die Stimme der Nachwelt
geredet und deren Urtheil in der Hauptsache entschieden hat.
In den Jahren 1762-1766 war Wielands Shakespeare-Uebersetzung
erschienen. Lessings "Hamburgische Dramaturgie" folgte ihr auf dem
Fuße (1767-1769). Hier wurde Voltaire mit Shakespeare verglichen,
gerade in den Stücken, wo er mit ihm hatte wetteifern wollen: das
Gespenst des Ninus mit dem des Hamlet, die Eifersucht des Orosman mit
bei des Othello: das qualmende Scheit Holz mit dem flammenden
Scheiterhaufen; die Liebestragödie der Zaire mit Romeo und Julia:
Voltaire verstehe sich wohl auf den Kanzleistil der Liebe, aber in der
Kanzlei wisse man nicht immer die eigentlichen Geheimnisse der
Regierung. Und als Weiße in seinem "Richard III." sich dagegen
verwahrte, an Shakespeare ein Plagium begangen zu haben, so bemerkte
Lessing: "Vorausgesetzt, daß man eines an ihm begehen kann. Aber was
man von dem Homer gesagt hat, es lasse sich dem Herkules eher seine
Keule als ihm ein Vers abringen, das läßt sich vollkommen auch von
Shakespeare sagen. Auf die geringste seiner Schönheiten ist ein
Stempel gedrückt, welcher gleich der ganzen Welt zuruft: "Ich bin
Shakespeares!" Und wehe der fremden Schönheit, die das Herz hat, sich
neben ihr zu stellen! Shakespeare will studirt, nicht geplündert
sein." "Alle, auch die kleinsten Theile beim Shakespeare sind nach den
großen Maßen des historischen Schauspiels zugeschnitten, und dieses
verhält sich zu der Tragödie französischen Geschmacks, ungefähr wie
ein weitläufiges Frescogemälde gegen ein Miniaturbildchen für einen
Ring. Was kann man zu diesem aus jenem nehmen, als etwa ein Gesicht,
eine einzelne Figur, höchstens eine kleine Gruppe, die man sodann als
ein eigenes Ganzes ausführen muß. Ebenso würden aus einzelnen Gedanken
Shakespeares ganze Scenen und aus einzelnen Scenen ganze Aufzüge
werden müssen. Denn wenn man den Aermel aus dem Kleide eines Riesen
für einen Zwerg recht nutzen will, so muß man ihm nicht wieder einen
Aermel, sondern einen ganzen Rock daraus machen."
Daß in den Dichtungen Shakespeares Funken und Blitze des Genies zu
sehen sind, die oft auf das wunderbarste die Naturwahrheit der Dinge
erleuchten, dies hatte auch Voltaire nicht verkannt; das Ganze aber
erschien ihm wie "ein dunkles Chaos". Nun, dieses Chaos klärte sich
auf, und es zeigte sich ein wohlgeordnetes, wundervolles Gemälde, als
Lessing hineinschaute. "Shakespeare", sagte er, "will studirt, nicht
geplündert sein. Haben wir Genie, so muß uns Shakespeare das sein, was
dem Landschaftsmaler die _camera obscura_ ist: er sehe fleißig
hinein, um zu lernen, wie sich die Natur in allen Fällen auf Eine
Fläche projectiret, aber er borge nichts daraus." [Fußnote:
"Hamburgische Dramaturgie." I, S. 10, 15, II, S. 73.]
Wo Voltaire ein «_c h a o s o b s c u r_» gefunden hatte,
entdeckte Lessing eine «_c a m e r a o b s c u r a_». Der
Unterschied beider in Ansehung ihrer Schätzung und Beurtheilung
Shakespeares läßt sich nicht kürzer und treffender bezeichnen als mit
diesen Ausdrücken, welche sie selbst gebraucht haben.