Wie Bacons Urtheil über Shakespeare ausgefallen sein würde, wenn er
ihn litterarisch beachtet hätte, ist mir nunmehr, nach genauerer
Erwägung, einleuchtend genug: er sah in ihm ein Beispiel, wohl auch
eine der wirksamsten Ursachen der «_corruptela theatri_». Auch
von den Philosophen, die in seiner Richtung fortgeschritten sind, wie
Hobbes und Locke, ist Shakespeare ungewürdigt und unbeachtet
geblieben. Bacon aber ist durch Locke, dessen Lehre in Frankreich zur
Herrschaft gelangte, der Vater des französischen Sensualismus und der
Encyklopädisten geworden, die seine Bücher über den Werth und die
Vermehrung der Wissenschaften als ihre große Erbschaft gepriesen
haben.
Ein Jahrhundert nach Bacons Tod erschien Zuflucht suchend der
jugendliche V o l t a i r e in England (1726), um hier einige Jahre zu
bleiben, Sprache und Sitten, Denker und Dichter des Landes zu studiren
und seinen Landsleuten bekannt zu machen. Als der größte Naturforscher
galt ihm Newton mit Recht, als der größte Philosoph John Locke, er
nannte ihn "den einzigen vernünftigen Metaphysiker, der überhaupt je
auf Erden erschienen sei"; unter den Dichtern, mit denen er lesend und
übersetzend sich beschäftigte, war außer Milton, Dryden und Pope auch
Shakespeare. Er will der erste Franzose gewesen sein, der die
Originalwerke Shakespeares gelesen, theilweise übersetzt und in
Frankreich eingeführt hat. Über das englische Theater zur Zeit der
Elisabeth hat Voltaire genau so gedacht wie Bacon: _corruptela
theatri, disciplina theatri plane neglecta!_ Er hat, was Bacon
nicht gethan, dieses Urtheil ausdrücklich auf Shakespeare angewendet:
unter den weltberühmten Schriftstellern er zuerst.
Die Epoche der Elisabeth war in seinen Augen die Blüthe Englands,
nicht die des Geschmacks. Die Epoche Richelieus kam und mit ihr der
große Corneille, die Epoche Ludwigs XIV. und mit ihr Molière und
Racine; dagegen in dem Zeitalter der Elisabeth erschien Shakespeare:
er trägt die Schuld, daß die Bühne so verwahrlost, das Theater so
verwildert war, die Tragödie voller Ungeschmack und Unsitten, voller
Possen und Obscönitäten, das Ernsthafte mit dem Lächerlichen, das
Possenhafte mit dem Schauderhaften in unmittelbarer Verbindung: «_la
bouffonnerie jointe à l'horreur!_»
Der Geist dieses Shakespeare erschien ihm wie "ein dunkles Chaos",
worin einige Funken von Genie sprühten und leuchteten, aber auch nicht
die leiseste Spur von Geschmack sich regte. Dies ist der Typus, dem
Voltaire in seinem Urtheil über Shakespeare treu blieb. Als aber
fünfzig Jahre, nachdem er den englischen Dichter kennen gelernt und
seinen Landsleuten kennen gelehrt hatte, Shakespeare in Frankreich
Mode zu werden anfing, als die Jugend in Paris für ihn zu schwärmen
begann, als Letourneur eine Uebersetzung veranstaltete, die er dem
König und der Königin widmen durfte, in deren Vorrede Shakespeare als
der Genius des Theaters und der Tragödie gepriesen, Corneille dagegen
mit keiner Silbe genannt war und ebensowenig ein anderer der großen
französischen Schriftsteller,--da gerieth der greise Voltaire außer
sich und beschwor in seinem Sendschreiben vom 25. August 1776 die
französische Akademie, den Skandal zu verhüten und nicht zu dulden,
daß die Grazien Frankreichs auf dem Altare Englands geopfert würden.
[Fußnote: _Oeuvres de Voltaire_ (1785). T. LXIV, p. 366 bis 398.]
Die französische Litteratur verhalte sich zur englischen, wie der Hof
Ludwigs XIV. zu dem Karls II. "Ich sterbe", schrieb Voltaire kurz vor
seinem Tode, "und hinterlasse mein Land dem Einbruch eines
barbarischen Geschmacks." "Und ich bin Schuld daran!" rief er
trostlos, "denn ich habe diesen «_Gille-Shakespeare_» in
Frankreich bekannt gemacht." Hatte er früher Shakespeare einen
trunkenen Wilden genannt, so hieß er jetzt "der rohe Possenreißer"
(«_l'histrion barbare_»).