1. Bacon und das Theater seiner Zeit.

Die Dinge mit wachen Augen gesehen, so ist Bacon wieder der Philosoph

und der Kanzler, Shakespeare wieder der Schauspieler und der Dichter.

Und nun komme ich auf die Frage zurück: wie mag jener von diesem

gedacht haben? Eines wissen wir genau: wie Bacon über die Schaubühne

seiner Zeit gedacht hat. Dies ist die bekannte Größe. Suchen wir

daraus die unbekannte zu gewinnen: sein Urtheil über Shakespeare.

Die Welt der dramatischen Dichtung sei das Theater, und nach dem Maße

ihrer eigenen Bildung könne jene auf das Volksleben ebenso wohlthätig

wie verderblich einwirken, beides um so gewaltiger, als ihre Eindrücke

durch die Menge der Zuschauer vervielfältigt und dadurch

außerordentlich verstärkt werden. Groß, wie der Nutzen, sei auch der

Schaden, den das Theater stifte. Im Alterthum habe man die bildenden

und veredelnden Einflüsse der Schaubühne gepflegt, in unsern Zeiten

dagegen völlig vernachlässigt. Dort habe die «_disciplina

theatri_» geherrscht, hier dagegen, herrsche die «_corruptela

theatri_»: «_disciplina theatri plane nostris temporibus

neglecta_».

Dieses Urtheil über die Schaubühne seiner Zeit steht in seinem großen

Werk über den Werth und die Vermehrung der Wissenschaften, welches in

demselben Jahre erschien als die erste Gesammtausgabe der Werke

Shakespeares; es stand noch nicht in der ersten Ausgabe des Werks vom

Jahre 1605, sondern erst in der vom Jahre 1623 [Fußnote: _Works_

1, p. 519.], nachdem die englische Schaubühne die Werke Shakespeares

in ihrer ganzen Größe, in ihrem vollen Umfange erlebt hatte. Daher

kann es nicht zweifelhaft sein, daß Bacon die Schauspiele Shakespeares

nicht zu würdigen gewußt und, wie die Schaubühne selbst, _en

bloc_ gering geschätzt hat.

[Fußnote: Spedding macht unter dem Text der eben angeführten Stelle

dieselbe Bemerkung. Man möge ja nicht glauben, daß Shakespeare damals

besonders angesehen und in der großen Welt gekannt worden sei. In

einem Briefwechsel zwischen John Chamberlain und Dudley Carleton, der

sich durch das Vierteljahrhundert erstreckt (1598-1623), in welches

Shakespeares Höhenlaufbahn fällt, sei die Rede von allen Tages-, Hof-

und Stadtneuigkeiten, von allem, was sich auf den Rednerbühnen und in

der Litteratur Neues begeben, von den Maskenspielen am Hofe bis in die

kleinsten Details, von ihren Verfassern und Schauspielern, von ihrem

Plan, ihrer Ausführung und Aufnahme, aber auch nicht mit einer

einzigen Silbe von S h a k e s p e a r e, dem Dichter des "Hamlet",

"Was Ihr wollt", "Othello", "Maß für Maß", "Kaufmann von Venedig",

"Macbeth", "Lear", "Sturm", "Wintermärchen" u.s.w.--Im Jahre 1608 habe

der Lord Southampton an den Lordkanzler Ellesmere geschrieben, um eine

Bittschrift der beiden Schauspieler Burbadge und Shakespeare zu

befürworten, er bezeichnet Shakespeare als seinen besonderen Freund

und den Verfasser einiger der besten Schauspiele, beide Männer seien

recht berühmt in ihrem Fach, aber es würde Seiner Lordschaft nicht

ziemen, sich an die Orte zu begeben, wo sie das Ohr der Menge

ergötzen. Und doch hatte derselbe Lordkanzler sechs Jahre vorher die

Königin in Harewood empfangen und zu ihrer Unterhaltung den "Othello"

aufführen lassen.

Das Volk kannte die Schauspiele, aber kümmerte sich wenig um deren

Verfasser, es verhielt sich zu den Theaterstücken, wie die Kinder zu

den Geschichten, die sie mit so vielem Vergnügen anhören, sie fragen

nicht darnach, wer diese Geschichten überliefert oder ersonnen hat.

Die Schauspiele als Gegenstände der Schaulust gehörten in die Theater,

wo man sie sah und hörte, nicht aber in die Litteratur und die Bücher,

die man las. So war es zu Shakespeares Zeit und noch lange nachher in

England. _Works_ 1, p. 519-520 Anmerkung.]

Shakespeare und die Bacon-Mythen · 第 36 / 42 题