1. Bacon als der Kaufmann von Venedig.

Zu den verhängnisvollen Charakterschwächen Bacons gehörte der Hang,

über seine Verhältnisse zu leben, mehr Geld auszugeben, als er hatte,

und sich immer von neuem in Schulden zu stürzen. Oft und gern half ihm

sein Bruder Anthony. [Fußnote: _Works_ VIII. S. 322. (Zahlungen

aus den Jahren Sept. 1593 bis Jan. 1595.)] Aber der Goldschmied

Sympson in der Lombardstreet, dem er einen Wechsel von 300 Pfund

schuldete, war ein ungeduldiger Gläubiger und ließ Bacon eines Tages,

als dieser in wichtigen Geschäften aus dem Tower kam, auf offener

Straße verhaften; auch wäre er sicherlich eingesperrt worden, wenn

nicht schleunige Hülfe zur Hand gewesen wäre. Sie kam diesmal nicht

von Bruder Anthony, sondern, wie es scheint, von amtlicher Seite.

[Fußnote: _Works_ IX, p. 106-108. (Die Sache begiebt sich am 24.

Sept. 1598.)]

Hier entdeckt sich nun unsern Baconianern plötzlich die schönste

Uebereinstimmung zwischen diesem widerwärtigen Erlebniß Bacons im

September des Jahres 1598 und dem "Kaufmann von Venedig", der bald

nachher erschien. Der großmüthige und freigebige Kaufmann heißt

Antonio, Bacons großmüthiger und freigebiger Bruder heißt Anthony:

also ist Anthony gleich Antonio, Bacon mithin gleich Bassanio; der

Goldschmied Sympson aber ist der Jude Shylock, beide haben denselben

Anfangsconsonanten und dieselben Vocale. Wie merkwürdig! Wie

überzeugend! Die Verhaftung Bacons als insolventen Schuldners ist das

Original, der "Kaufmann von Venedig" ist das dramatische Abbild, das

von ihm selbst verfaßte. Eine nette Art von Bacon-Mythen, nach welchen

Bacon seine eigenen Lebensschicksale dramatisirt und durch Shakespeare

auf die Bühne gebracht hat. [Fußnote: Bormann, S. 301 ff.]

Shakespeare und die Bacon-Mythen · 第 22 / 42 题