Kaum hat Bacon in seiner eben erwähnten Apologie, beiläufig gesagt,
dem Muster- und Meisterstück einer Denkschrift, die Geschichte von
jenem Sonette erzählt, so macht er unseren heutigen Baconianern
alsbald noch ein zweites höchst merkwürdiges und folgenreiches
Geständniß.
Ich will vorausschicken, daß Bacon, einer der berühmtesten und
bewährtesten Parlamentsredner Englands, die Kunst der kurzen,
treffenden, bildlich einleuchtenden Rede in hohem Maße besaß und
geflissentlich auszubilden bedacht war. Antworten solcher Art gehörten
zu seinen Specialitäten. Es waren, wie man heute sagt, "geflügelte Worte",
die von seinem Munde weg- und anderen zuflogen, die sie weitertrugen,
wohl auch selbst gesagt haben wollten. Die Königin liebte solche Reden
und Antworten und wußte sie zu erwidern.
Nun hatte ein _Dr_. Hayward dem Grafen Essex eine Schrift
gewidmet, die von dem ersten Regierungsjahre Heinrichs IV., also von
der Entthronung Richards II. handelte. Die Königin hegte den
schlimmsten Verdacht, sie witterte hochverrätherische Absichten und
wollte den angeblichen Verfasser einsperren und foltern lassen, um den
wirklichen zu erfahren. Bacon suchte die Herrscherin zu begütigen und
ihr die Schrift als unverfänglich darzustellen; es sei nicht Verrath
darin enthalten, sondern Felonie, der Verfasser habe nicht den Thron
gefährdet, sondern den Tacitus bestohlen; die Königin möge nicht den
Mann, sondern seine Feder auf die peinliche Frage stellen, d.h. den
Verfasser in der Clausur die Schrift da fortsetzen lassen, wo er
dieselbe abgebrochen habe; dann wolle er (Bacon) schon erkennen, ob
Hayward der Verfasser sei oben nicht.
In seiner Erzählung, die von jenem Sonette herkommt, fährt Bacon so
fort: "Um dieselbe Zeit, in einer Sache, die mit dem Processe des
Grafen Essex einige Verwandtschaft hatte, gedenke ich einer meiner
Antworten, die, obwohl sie von mir ausging, später in anderer Namen
umlief". [Fußnote: _Apology, pag. 149-150_.] So hat er gesagt.
Nun aber läßt man ihn sagen (indem die Uebersetzung ein Wörtchen
einfügt, welches nicht im Text steht): "Um dieselbe Zeit erinnere ich
mich einer Antwort von mir in einer Sache, die einige Verwandtschaft
mit des Lords Angelegenheit hatte, und die, obgleich sie von mir
ausging, dann in anderer Namen umlief". [Fußnote: E. Bormann, S. 278-
282.]
Demnach wäre, was von Bacon ausging, nicht jene Antwort gewesen, die
er der Königin gab, sondern die Sache, die mit dem Proceß des Grafen
zusammenhing, d. h. die Darstellung der Entthronung Richards II.; die
Anderen aber, in deren Namen die Sache später umlief, seien _Dr._
Hayward und William Shakespeare. Hier also habe Bacon selbst bekannt,
daß er "Richard II." verfaßt und aus Furcht vor dem Zorn der Königin
sich hinter Shakespeare als seinen Strohmann versteckt habe.
Die offene Empörung des Grafen, die er mit seinem Tode als
Hochverräther gebüßt hat, geschah am 8. Februar 1601. Am Nachmittag
des 7. wurde vor den Verschworenen "Richard II." aufgeführt, um sie
sehen zu lassen, wie man einen König entthrone. Dieses Stück war aber
nicht, wie man vielfach angenommen hat--auch ich habe mich darin
geirrt--, Shakespeares gleichnamige Historie, die auch zu dem
revolutionären Zweck schlecht gepaßt hätte, sondern nach gerichtlicher
Aussage und Feststellung ein altes Stück (_old play_), das seine
Zugkraft verloren hatte, weshalb den Schauspielern ein höherer Preis
für die Aufführung gezahlt wurde. [Fußnote: _A declaration of the
practices and treasons attempted and committed by Robert late Earl of
Essex and his complices etc. 1601. Works IX. p. 289-290_.]
Shakespeares "Richard II." war 1597 erschienen. Es ist schon deshalb
unmöglich, daß Bacon aus Beweggründen der Furcht, wozu die Anlässe
erst in den Jahren 1599 bis 1601 eintreten konnten, schon drei Jahre
vorher sich hinter Shakespeare versteckt haben soll.
Dies ist der Mythus von Bacon als dem Verfasser "Richards II.", noch
dazu in staatsgefährlicher Absicht, die nie einem Menschen ferner lag,
vielmehr so sehr zuwiderlief als ihm. Hier ist ein ganzes Nest von
Bacon-Mythen, verworrener Chronologie und falschen Interpretationen!
Essex und seine Freunde, darunter der auch durch Shakespeare berühmte
Graf Southampton, die Bacon gerichtlich hatte verfolgen müssen, waren
am Hofe zu Edinburg bei Jakob VI., dem Sohne der Maria Stuart, dem
Thronfolger der Elisabeth, wohl angesehen. Gleich nach dem Tode der
Königin verfaßte Bacon jene Denkschrift, in der seiner dem Grafen
Essex erwiesenen guten Gesinnungen und Dienste ausführlich gedacht
war, namentlich auch jenes Sonetts, das er zu Essex' Gunsten in der
Stille von Twickenham Park gedichtet hatte. Jetzt war Zeit, daran zu
erinnern. Er hatte im Interesse und Dienste des Grafen Essex auch
Festspiele componirt, ohne sich als deren Verfasser zu rühmen. Dies
alles mochte dem Dichter John Davies bekannt sein, der ihm befreundet,
bei König Jakob beliebt und zu demselben gereist war. An diesen seinen
Freund schrieb Bacon am 28. März 1603 (gleich nach dem Tode der
Königin) und empfahl sich ihm mit dem Wunsche, er möge heimlichen
Dichtern gut sein (_desiring you to be good to concealed poets_).
[Fußnote: _Works X, p. 65._ Vgl. den Brief an den Lord
Southampton, _p. 75_.]
Dieses Schlußwort des Briefchens erscheint unsern Baconianern
außerordentlich bedeutsam. Hier nennt sich Bacon selbst einen
heimlichen Dichter, er lüftet auf einen Augenblick den Schleier seines
großen Geheimnisses, und man erkennt sogleich--die Züge Shakespeares!