XVII. Der ewige Gatte.

Fast ganze zwei Jahre waren seit den von uns geschilderten Ereignissen

vergangen. Es war ein wundervoller Sommertag, als Herr Weltschaninoff

auf einer unserer neueröffneten Eisenbahnstrecken nach Odessa fuhr. Dort

wollte er einen ehemaligen Freund besuchen, und zwar nicht nur, um eine

kleine Abwechslung zu haben, sondern gleichzeitig noch aus einem

anderen, gleichfalls sehr angenehmen Grunde: durch diesen Freund hoffte

er nämlich die Bekanntschaft einer äußerst interessanten Dame zu machen,

die näher kennenzulernen schon lange sein Wunsch gewesen war. Ohne auf

Einzelheiten einzugehen sei hier nur bemerkt, daß er sich in diesen

letzten zwei Jahren stark verändert, oder richtiger, verbessert hatte.

Von seiner einstigen Hypochondrie war keine Spur mehr zu bemerken, und

von den verschiedenen „Erinnerungen“ und Aufregungen, die ihn vor zwei

Jahren in Petersburg heimgesucht hatten – damals, als er infolge der

ungünstigen Wendung seines Rechtsstreits ganz nervös geworden war – von

all diesen Unannehmlichkeiten war ihm nichts weiter verblieben, als die

Empfindung einer gewissen Scham, wenn er seines damaligen „Kleinmuts“

gedachte. Doch auch diese Empfindung wurde zum Teil wieder aufgehoben

durch die Überzeugung, daß sich „so etwas“ nie mehr wiederholen werde,

und daß von dem „einen Fall“ ja niemand etwas erfahren konnte.

Allerdings hatte er sich damals aus dem Gesellschaftsleben ganz

zurückgezogen, hatte sogar sein Äußeres vernachlässigt, und war allen

aus dem Wege gegangen – was natürlich von _allen_ erst recht bemerkt

worden war. Doch hatte er sich so bald mit seinem alten Selbstvertrauen

überall wieder eingefunden, daß ihm „_alle_“ seinen kurzen Abfall gern

verziehen; und selbst diejenigen, die er bereits zu grüßen aufgehört

hatte und von denen er schon beinahe vollständig übersehen worden war,

grüßten ihn jetzt zuerst und streckten ihm die Hand entgegen, und zwar

ohne alle langweiligen Fragen – ganz als sei er während der Zeit

irgendwo fern von Petersburg in Privatangelegenheiten, die niemand

angingen, verreist gewesen und erst jetzt wieder zurückgekehrt. Die

Ursache dieser günstigen Veränderungen war natürlich sein gewonnener

Prozeß. Weltschaninoff hatte im ganzen sechzigtausend Rubel erhalten,

fraglos nur eine Kleinigkeit, die aber für ihn im Augenblick doch sehr

wertvoll war: vor allem fühlte er jetzt wieder festen Boden unter den

Füßen, und das gab ihm dann einen ganz anderen moralischen Halt.

Außerdem wußte er nun mit aller Bestimmtheit, daß er dieses letzte

Vermögen nicht mehr „wie ein Esel“ verschleudern werde, wie er die

ersten beiden verschleudert hatte, daß er vielmehr jetzt bis an sein

Lebensende sichergestellt war. „Mag ihr ganzes Gesellschaftsgebäude

krachen und mögen sie da reden und schreiben was sie wollen,“ dachte er

bisweilen, wenn er all das Wunderliche und Unglaubliche sah und hörte,

das rings um ihn und in ganz Rußland zu sehen und zu hören war, „und

mögen sich auch alle Menschen und ihre Ansichten verändern, ich werde

doch immer dieses feine und schmackhafte Mittagessen haben, zu dem ich

mich jetzt an den Tisch gesetzt, folglich aber brauche ich mir um die

Zukunft keine Sorgen zu machen, gleichviel, was da kommen wird.“ Dieser

Gedanke, zärtlich, wie er ihn hegte, ging ihm allmählich fast in Fleisch

und Blut über und verursachte in ihm nicht nur eine moralische, sondern

fast sogar auch eine rein physische Umwandlung: er sah ganz anders aus,

war gar nicht mehr zu vergleichen mit jenem Hypochonder, der er vor zwei

Jahren gewesen und dem bereits so „unanständige“ Widerwärtigkeiten

hatten begegnen können. Er war vielmehr heiter und selbstbewußt und

imponierte durch seine Überlegenheit. Selbst die bösartigen kleinen

Runzeln, die sich bereits um die Augen und auf der Stirn einzunisten

begonnen hatten, waren jetzt so gut wie ganz verschwunden, und sogar

seine Gesichtsfarbe sah jünger und frischer aus. Zur Stunde saß er sehr

bequem in einem Coupé erster Klasse und hatte nichts dagegen

einzuwenden, daß in seinem Gehirn ein plötzlich entstandener Gedanke

sich immer breiter machte, zumal dieser nicht ohne Reiz war. Auf der

nächsten Station bog nämlich eine Zweigbahn nach rechts ab: wenn er nun,

so dachte er, die Hauptlinie verlassen und sich auf kurze Zeit nach

rechts begeben würde, dann brauchte er nur die Strecke von zwei

Stationen zurückzulegen, um von dort aus eine bekannte Dame besuchen zu

können, die gerade jetzt aus dem Auslande zurückgekehrt war und sich

zurzeit in einer ihm sehr angenehmen, doch sie gewiß sehr langweilenden

Provinzeinsamkeit aufhielt: es bot sich ihm also die beste Gelegenheit,

daselbst einige Zeit nicht weniger interessant zu verbringen, als in

Odessa – und was ihn dort erwartete, lief jedenfalls auch nicht fort. Er

war aber doch noch unentschlossen und wußte nicht, wozu er sich nun

endgültig entscheiden sollte. Er wartete auf einen „Schicksalswink“ oder

etwas Ähnliches. Inzwischen hatte der Zug die betreffende Station

erreicht, und der „Schicksalswink“ blieb auch nicht aus.

Der Zug hatte hier nämlich vierzig Minuten Aufenthalt und die Passagiere

konnten sich ein Mittagessen bestellen. Am Eingang zum Wartesaale erster

und zweiter Klasse drängte sich wie gewöhnlich eine Menge Ungeduldiger,

die es eilig hatten, und bei der Gelegenheit kam es – vielleicht

gleichfalls „wie gewöhnlich“ – zu einem Skandal. Eine Dame, die aus

einem Coupé zweiter Klasse ausgestiegen war und die ein sehr hübsches

Gesichtchen hatte – nur war sie für eine Reisende viel zu auffallend

gekleidet – schleppte fast mit Gewalt einen noch sehr jungen und

hübschen Ulanenoffizier, der sich immer wieder von ihr losreißen wollte,

zum Wartesaal. Der junge Offizier war stark betrunken, und die Dame –

offenbar eine ältere Verwandte – mochte ihn nur deshalb bei sich

behalten wollen, weil sie wohl befürchtete, daß er sonst das Büfett

aufsuchen und weitertrinken würde. In der Tür, wo das Gedränge am

größten war, stieß der Ulan recht unsanft mit einem Kaufmann zusammen,

der gleichfalls einen Rausch hatte. Dieser Kaufmann hielt sich schon den

zweiten Tag auf der Station auf, trank, umringt von einem ganzen Anhang,

warf das Geld mit vollen Händen fort, und verpaßte immer wieder den Zug,

der ihn weiterbringen sollte. Es entstand ein Streit, der Kaufmann

schimpfte und der Offizier schrie ihn an, die Dame aber zerrte ihren

Schützling ganz verzweifelt fort und suchte ihn zu beschwören, indem sie

immer nur flehentlich „Mitinka! Mitinka!“ rief. Das erschien dem braven

Kaufmann doch zu skandalös; alles lachte natürlich, er aber fühlte sich

durch die, wie ihm schien, so offen verletzte „Moral“ tief gekränkt.

„Seht doch: ‚Mi–tin–ka‘!“ äffte er die hohe Stimme der Dame im

Fisteltone nach, „selbst in der Öffentlichkeit schämen sie sich nicht

mehr!“

Und er näherte sich schwankend der Dame, die auf den ersten besten Stuhl

niedergesunken war und den Ulan neben sich hingesetzt hatte, betrachtete

beide verächtlich und schimpfte gedehnt:

„’Ne Schlumpe bist du, ’ne Schlumpe, sieh, wie dein Kleiderschwanz

aussieht!“

Die Dame schrie auf und sah sich hilfesuchend nach einem Verteidiger um.

Sie schämte sich und fürchtete sich – und zur Vollendung des Jammers

sprang noch der Ulan auf und wollte sich brüllend auf den Kaufmann

stürzen, stolperte aber über die eigenen Beine, schwankte und fiel auf

seinen Platz zurück. Das Gelächter wurde noch lauter, und niemand dachte

daran, der bedrängten Dame zu Hilfe zu kommen. Da griff Weltschaninoff

als Retter ein: er packte plötzlich den Kaufmann am Kragen, drehte ihn

von der Dame fort und stieß ihn so, daß er fünf Schritte weit flog.

Damit aber war der Skandal zu Ende. Der Kaufmann war ganz verblüfft,

sowohl durch den Stoß wie durch die imponierende Erscheinung

Weltschaninoffs, und ließ sich von der Schar seiner Freunde

widerspruchslos fortführen. Das Auftreten des elegant gekleideten Herrn

flößte auch den Spöttern Achtung ein: das Lachen verstummte. Die Dame

begann sogleich, errötend und fast unter Tränen, ihn ihrer Dankbarkeit

zu versichern. Der Ulan stotterte: „Da–anke, da–anke!“ und wollte

Weltschaninoff bereits die Hand reichen, besann sich jedoch eines

Besseren und streckte sich auf den Stühlen aus.

„Aber Mitinka!“ rief die Dame vorwurfsvoll und schlug die Hände

zusammen.

Weltschaninoff begann der Vorfall zu amüsieren und die Dame

interessierte ihn. Allem Anscheine nach war sie eine reiche

Kleinstädterin, die sich für die Reise viel zu auffallend und leider

auch geschmacklos gekleidet hatte. Jedenfalls waren ihre Manieren ein

wenig lächerlich. Mit einem Wort, sie schien alle die Eigenschaften zu

besitzen, die einem großstädtischen Gecken jeden Erfolg garantieren. Es

begann eine Unterhaltung: die Dame erzählte sehr viel und beklagte sich

über ihren Gatten, der plötzlich aus dem Coupé irgendwohin verschwunden

sei. Nur deshalb sei alles passiert: immer verschwände er gerade dann,

wenn man ihn nötig habe.

„Irgendwohin ...“ brummte der Ulan.

„Ach, Mitinka!“ rief sie wieder vorwurfsvoll und rang die Hände vor

Ratlosigkeit.

„Na, dem Gatten wird’s schlimm gehen!“ dachte Weltschaninoff.

„Ich werde versuchen, ihn ausfindig zu machen. Darf ich fragen, wie Ihr

Herr Gemahl heißt?“

„Pal Palytsch,“ versetzte der Ulan.

„Ihr Gemahl heißt Pawel Pawlowitsch?“ fragte Weltschaninoff

interessiert, als plötzlich ein ihm wohlbekannter kahler Kopf zwischen

ihm und der Dame auftauchte. Einen Moment sah er wieder den

Sachlebininschen Garten, die kindlich frohe Mädchenschar vor sich, und

dann diesen lästigen kahlen Kopf, der ewig zwischen ihm und Nadjä

aufgetaucht war.

„Da sind Sie endlich!“ empfing die Dame ganz empört ihren Gatten.

Es war tatsächlich derselbe Pawel Pawlowitsch, der jetzt vor ihm stand

und ihn anstarrte, als sehe er ein Gespenst. Sein Schrecken war so groß,

daß er augenscheinlich nichts davon verstand, was seine gekränkte Gattin

erregt und empört vorbrachte, ja, vielleicht hörte er sie nicht einmal

reden. Endlich fuhr er erschrocken zusammen und erfaßte offenbar im

Augenblick die ganze Sachlage: seine Schuld und Mitinkas Schuld und

schließlich, daß dieser „Mßjö“ – so hatte die Dame Weltschaninoff

bezeichnet – als „Schutzengel und Retter“ seiner Gattin beigestanden

hatte, während er, der Sündenbock, ewig nicht zur Stelle war, wenn er

zur Stelle sein sollte ...

Weltschaninoff lachte auf – köstlich amüsiert.

„Aber wir sind ja doch Freunde, sogar ‚Jugendfreunde‘!“ unterbrach er

lachend den Redefluß der Dame, und faßte Pawel Pawlowitsch, gleichsam

ein wenig familiär protegierend, mit seinem rechten Arm um die

Schultern, während dieser mit bleichen Lippen lächelte. „Hat er Ihnen

nie etwas von Weltschaninoff erzählt?“

„Nein, niemals ...“ sagte die Dame etwas verwundert.

„Aber so stellen Sie mich doch Ihrer Frau Gemahlin vor, Sie ungetreuer

Freund!“

„Das ist ... wirklich, Lipotschka, das ist Herr Weltschaninoff, ja ...“

begann Pawel Pawlowitsch, blieb beschämenderweise stecken, und wußte

nicht, was er sagen oder tun sollte.

Die Gemahlin wurde feuerrot vor Zorn, da er sie mit „Lipotschka“

anzureden gewagt hatte: der Blick, der den armen Gatten traf, war gewiß

nicht zärtlich.

„Und denken Sie sich, nicht einmal seine Verlobungsanzeige hat er mir

geschickt, und auch zur Hochzeit hat er mich nicht eingeladen, doch Sie,

Olympiada ...“

„Ssemjonowna,“ half ihm Pawel Pawlowitsch.

„Ssemjonowna!“ wiederholte plötzlich wie ein Echo der Ulan, der bereits

eingeschlummert zu sein schien.

„Sie müssen es ihm schon verzeihen, Olympiada Ssemjonowna, um dieses

freundschaftlichen Wiedersehens willen ... Er ist – ein guter Gatte!“

Und Weltschaninoff klopfte bei diesen Worten Pawel Pawlowitsch

freundschaftlich auf die Schulter.

„Herzchen, ich war nur ... nur einen Augenblick ... etwas ... etwas

zurückgeblieben,“ begann Pawel Pawlowitsch sich zu rechtfertigen.

„Und haben Ihre Frau einer schändlichen Szene preisgegeben!“ fiel ihm

Lipotschka sogleich ins Wort, „wo es nötig ist – da sind Sie nicht da,

wo es nicht nötig ist – da sind Sie da ...“

„Wo’s nicht nötig ist – _da_, wo’s nicht nötig ist ... wo’s nicht nötig

ist ...“ wiederholte der Ulan.

Lipotschka war fast atemlos vor Ärger und Aufregung, sie wußte es ja

selbst, daß es nicht gut war, sich in Weltschaninoffs Gegenwart gehen zu

lassen, und sie schämte sich deshalb auch, doch konnte sie sich nicht

mehr beherrschen.

„Wo es nicht nötig ist, sind Sie nur _zu_ vorsichtig, nur _zu_

vorsichtig!“ entfuhr es ihr unwillkürlich.

„Unterm Bett ... sucht er Liebhaber ... unterm Bett – wo’s nicht nötig

ist ... wo’s nicht nötig ist ...“ rief plötzlich auch Mitinka ganz

aufgebracht.

Doch mit Mitinka war nichts mehr anzufangen. Übrigens verlief die Sache

noch ganz gut. Olympiada Ssemjonowna schickte Pawel Pawlowitsch zum

Buffet, damit er ihnen Kaffee und Bouillon besorge, und erzählte dann

Weltschaninoff, daß sie aus O. kämen, wo ihr Gatte angestellt sei, und

nun zwei Monate auf ihrem Landgute zubringen wollten; das Gut sei von

dieser Station nur noch vierzig Werst entfernt und dort hätten sie ein

schönes Haus und einen schönen Garten, und es käme auch Besuch hin, und

sie hätten auch nette Nachbarn, und wenn er, Alexei Iwanowitsch, ihnen

die Freude machen wollte, sie dort in ihrer „Einsamkeit“ zu besuchen, so

werde sie ihn wie ihren „Schutzengel und Retter“ empfangen, denn sie

könne noch nicht ohne Entsetzen daran denken, was geschehen wäre, wenn

nicht er ... usw. usw., mit einem Wort, sie werde ihn aufnehmen wie

ihren „Schutzengel“ ...

„Und Retter, und Retter,“ fügte der Ulan eifrig hinzu.

Weltschaninoff dankte höflich und erwiderte, daß er jederzeit gern dazu

bereit sein würde, da ihn als den unbeschäftigten Menschen, der er war,

nichts binde, und daß ihre Aufforderung ihm sehr schmeichelhaft sei.

Darauf begann er eine amüsante Unterhaltung, in der er ihr geschickt

zwei oder drei Komplimente sagte. Lipotschka errötete vor Vergnügen, und

als Pawel Pawlowitsch zurückkehrte, teilte sie ihm sogleich

freudestrahlend mit, daß Alexei Iwanowitsch so liebenswürdig gewesen

sei, ihre Aufforderung, sie auf dem Landgute zu besuchen, und einen

Monat bei ihnen zu verbringen, anzunehmen und daß er versprochen habe,

in einer Woche einzutreffen. Pawel Pawlowitsch lächelte zerstreut und

schwieg, weshalb Olympiada Ssemjonowna mit einem Achselzucken zur Decke

emporsah, ganz konsterniert über die Unhöflichkeit des Gatten, der kein

Wort zu sagen verstand. Endlich trennte man sich: es war nochmals von

Dankbarkeit die Rede, wieder fiel das Wort „Schutzengel“ und vor dem

„Retter“ wieder in vorwurfsvollem Tone ein „Aber Mitinka“, bis

schließlich Pawel Pawlowitsch seine Gattin und den Ulan zum Coupé

geleitete. Weltschaninoff zündete sich eine Zigarette an und promenierte

auf dem Bahnsteig: er wußte, daß Pawel Pawlowitsch sogleich zu ihm

zurückkehren werde, um mit ihm noch bis zum Glockenzeichen zu sprechen.

Und so geschah es auch. Pawel Pawlowitsch tauchte alsbald wieder auf,

blieb vor ihm stehen und sah ihn mit einer angstvollen Frage im Blick

und gewissermaßen in der ganzen Haltung an. Weltschaninoff mußte

unwillkürlich lachen, faßte ihn „freundschaftlich“ am Ellenbogen und zog

ihn zur nächsten Bank, auf der er sich niederließ und den anderen auch

Platz zu nehmen bat. Dann schwieg er, um Pawel Pawlowitsch zu

veranlassen, das erste Wort zu sagen.

„Also – werden Sie zu uns kommen?“ begann dieser endlich, indem er ganz

offen auf seine Besorgnis zu sprechen kam.

„Wußte ich es doch! Nein, Sie sind noch ganz der alte!“ rief

Weltschaninoff lachend. „So sagen Sie mir doch,“ wandte er sich an ihn,

indem er ihn wieder auf die Schulter schlug, „haben Sie denn wirklich

auch nur einen Augenblick im Ernst glauben können, daß ich wirklich zu

Ihnen zu Gast kommen könnte, und das noch dazu auf einen ganzen Monat –

hahaha!“

Pawel Pawlowitsch fuhr lebhaft auf.

„So werden Sie – _nicht_ kommen?“ fragte er, ohne seine Freude zu

verbergen.

„Nein, beruhigen Sie sich, ich komme nicht!“ lachte Weltschaninoff

selbstzufrieden.

Übrigens begriff er nicht, weshalb er lachte, doch je länger sie

beisammen waren, um so lachhafter erschien ihm alles.

„Wirklich ... sprechen Sie wirklich im Ernst?“ – Pawel Pawlowitsch

sprang von der Bank auf und zitterte ordentlich vor Spannung.

„Ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich nicht kommen werde, – Sie sind ein

sonderbarer Mensch.“

„Aber was soll ich denn ... wenn es so ist ... was soll ich denn

Olympiada Ssemjonowna sagen, wenn Sie nicht kommen und sie Sie

vergeblich erwartet?“

„Mein Gott, da ist doch keine Schwierigkeit! Sagen Sie, ich hätte ein

Bein gebrochen oder etwas Ähnliches.“

„Sie wird es nicht glauben,“ meinte Pawel Pawlowitsch kleinlaut.

„Nun, dann werden Sie büßen müssen?“ lachte Weltschaninoff immer noch.

„Aber wie ich sehe, mein armer Freund, haben Sie ja vor Ihrer schönen

Frau Gemahlin förmlich Angst, wie?“

Pawel Pawlowitsch versuchte zu lächeln, doch es gelang ihm nicht. Daß

Weltschaninoff den Besuch ablehnte, das war natürlich gut, doch daß er

sich in bezug auf seine Frau so ungeniert ausdrückte, das war natürlich

nicht mehr gut. Er fühlte sich etwas gekränkt, was Weltschaninoff nicht

entging. Da ertönte das zweite Glockenzeichen, und gleich darauf hörte

man aus einem fernen Abteil eine hohe Damenstimme ängstlich Pawel

Pawlowitsch rufen. Dieser wurde unruhig, folgte aber doch nicht dem Ruf,

da er offenbar noch etwas von Weltschaninoff erwartete – natürlich nur

die endgültige Versicherung, daß er sie bestimmt nicht besuchen werde.

„Was für eine Geborene ist Ihre Frau Gemahlin?“ erkundigte sich

Weltschaninoff, als bemerke er die Aufregung des anderen gar nicht.

„Sie ist die Tochter unseres Propstes,“ antwortete Pawel Pawlowitsch,

der ängstlich nach dem Coupé hinsah und zu horchen schien.

„Ah, verstehe, also nur um der Schönheit willen.“

Diese Bemerkung schien Pawel Pawlowitsch wieder nicht recht zu sein.

„Und wer ist denn dieser Mitinka?“

„Der ist nur so – ein entfernter Verwandter von uns, das heißt, von mir,

der Sohn meiner verstorbenen Kusine, Golubtschikoff. Wegen

Kassengeschichten ist er degradiert worden, jetzt aber wieder avanciert

– wir haben ihm wieder aufgeholfen ... Ein armer, junger Mann ...“

„Na ja, also alles in Ordnung: komplette Einrichtung!“ dachte

Weltschaninoff.

„Pawel Pawlowitsch!“ ertönte in diesem Augenblick von neuem der Ruf aus

dem Coupé, und zwar bereits recht ärgerlich.

„Pal Palytsch!“ wiederholte eine andere, heisere Stimme.

Pawel Pawlowitsch wurde wieder unruhig und wußte nicht, wo er sich

lassen sollte, doch plötzlich faßte ihn Weltschaninoff am Ellenbogen und

hielt ihn fest.

„Oder wollen Sie – daß ich sogleich hingehe und Ihrer Frau erzähle, wie

Sie mich ermorden wollten?“

„Was fällt Ihnen ein, was ...“ Pawel Pawlowitsch starrte ihn ganz

entsetzt an, „um Gottes willen!“

„Pawel Pawlowitsch! Pawel Pawlowitsch!“ hörte man wieder rufen.

„Na, dann gehen Sie nur!“ Weltschaninoff gab mit gutmütigem Lachen

seinen Arm frei.

„So werden Sie wirklich nicht kommen?“ flüsterte Pawel Pawlowitsch fast

verzweifelt, und er faltete dazu die Hände wie im Gebet.

„Aber ich schwöre Ihnen doch, daß ich nicht kommen werde! Eilen Sie nur,

sonst kann’s schlimm werden!“

Und er streckte ihm zum Abschied herzlich und offen die Hand entgegen –

und – zuckte gleichzeitig zusammen: Pawel Pawlowitsch nahm sie nicht, ja

er zog seine Hand sogar zurück.

Das dritte Glockenzeichen ertönte.

In beiden ging plötzlich etwas Seltsames vor sich: es war, als habe ein

Augenblick sie verwandelt. Weltschaninoff, der noch vor einer Minute

gelacht hatte, war sehr ernst. Es war ihm, als sei in ihm plötzlich

etwas zerrissen. Wütend faßte er Pawel Pawlowitsch wie mit eiserner Hand

an der Schulter.

„Wenn ich, _ich_ Ihnen hier diese Hand hinreiche,“ und er hielt ihm

seine Hand hin, über die sich quer eine breite Narbe hinzog, „so könnten

Sie sie wohl nehmen!“ sagte er heiser mit zitternden, bleichen Lippen.

Pawel Pawlowitsch war gleichfalls erbleicht und auch seine Lippen

begannen zu zittern. In seinem Gesicht zuckte es eigentümlich.

„Aber Lisa?“ stieß er plötzlich kurz flüsternd hervor und seine Lippen

zuckten und die Wangen und das Kinn begannen zu zittern, und plötzlich

stürzten ihm Tränen aus den Augen.

Weltschaninoff stand vor ihm und rührte sich nicht.

„Pawel Pawlowitsch! Pawel Pawlowitsch!“ wurde aus dem Coupé geschrien,

als werde dort jemand ermordet, – ein Pfiff von der Lokomotive, ein

Stoßen ...

Pawel Pawlowitsch kam plötzlich zu sich, als wache er auf, sah sich

erschrocken um und eilte dann Hals über Kopf zu seinem Coupé; der Zug

hatte sich bereits in Bewegung gesetzt, doch es gelang ihm noch, im

letzten Augenblick auf das Trittbrett zu springen und sich festzuhalten.

Weltschaninoff blieb auf der Station zurück und fuhr erst mit dem

Abendzuge auf derselben Strecke weiter. Die Fahrt nach rechts, zu seiner

Bekannten, unterließ er – er war gar zu wenig in der Stimmung dazu.

Nachher hat er’s dann freilich doch sehr bereut!

Sämtliche Werke 21 · 第 45 / 46 题