Es war am dritten Juli. Die Schwüle und Hitze wurden um die Mittagszeit
schier unerträglich. Und gerade an diesem Tage hatte Weltschaninoff so
viele Gänge vor wie noch nie: den ganzen Tag ging und fuhr er in der
Stadt umher, hierhin und dorthin, und für den Abend stand ihm noch ein
äußerst wichtiger Besuch bei einem sehr angesehenen, einflußreichen
Herrn bevor, einem Staatsrat, von dem fast der Ausgang seines Prozesses
abhing, und der im Sommer außerhalb der Stadt irgendwo dort am Schwarzen
Flüßchen in seinem Landhause lebte. Diesen Herrn galt es jetzt ganz
plötzlich zu Hause zu überrumpeln, um einmal persönlich mit ihm sprechen
zu können. Kurz vor sechs trat Weltschaninoff endlich in ein recht
zweifelhaftes französisches Restaurant am Newskij-Prospekt in der Nähe
der Polizeibrücke, setzte sich in einer stilleren Ecke auf seinen einmal
gewohnten Platz und bestellte wie immer sein Mittagessen.
Er pflegte jetzt täglich nur zu einem Rubel zu Mittag zu speisen – den
Wein natürlich nicht mitgerechnet, – was er für ein Opfer hielt, das er
vernünftigerweise seinen zerrütteten Vermögensverhältnissen brachte.
Während er aß, wunderte er sich darüber, wie man so was Geschmackloses
überhaupt essen konnte, verzehrte aber nichtsdestoweniger alles bis auf
das letzte Krümchen – und tat das jedesmal mit einem solchen Appetit,
als habe er vorher drei Tage lang nichts genossen.
„Das ist entschieden etwas Krankhaftes,“ murmelte er vor sich hin, wenn
ihn sein Appetit bisweilen doch selbst wundernahm.
Diesmal setzte er sich in der denkbar schlechtesten Laune an seinen
Tisch, warf Hut und Stock auf irgendeinen Stuhl, stützte die Ellenbogen
auf die Tischplatte und versank in Nachdenken. Wenn jetzt sein Nachbar,
der am nächsten Tisch ruhig speiste, irgendwie unruhig oder laut
geworden wäre, oder wenn der Kellner seine Bestellung nicht sogleich
verstanden hätte: er, Weltschaninoff, der sonst so höflich, so erhaben
ruhig zu sein verstand, sobald es nötig war, – er wäre unfehlbar
aufgebraust wie irgend so ein Grünschnabel und hätte womöglich einen
Skandal hervorgerufen.
Man brachte ihm die Suppe, er nahm den Löffel – plötzlich aber, noch
bevor er die Suppe angerührt hatte, fuhr er so zusammen, daß er fast vom
Stuhl aufgesprungen wäre und unwillkürlich den Löffel auf den Tisch
warf. Ein ganz unerwarteter Gedanke hatte ihn wie ein Blitz durchzuckt,
und in derselben Sekunde hatte er – Gott weiß, wie das zuging –
plötzlich die Ursache seiner Unruhe erkannt, die Ursache einer ganz
besonderen, eigentümlichen Nervosität, die ihn schon seit mehreren Tagen
quälte und mit den Erinnerungen nichts zu schaffen hatte, die, Gott weiß
weshalb, über ihn gekommen waren und sich trotz aller Versuche nicht
hatten abschütteln lassen. Und nun plötzlich war es wie Schuppen von
seinen Augen gefallen und alles wurde ihm klar und er begriff den ganzen
Zusammenhang.
„Das ist ja alles nur jener Hut!“ sagte er sich, und diese Erleuchtung
erfüllte ihn geradezu mit Begeisterung. „Nur dieser verdammte runde Hut
mit diesem abscheulichen Trauerflor, der ist an allem schuld!“
Er begann nachzudenken – und je länger er nachdachte, um so mehr
verdüsterte sich sein Gesicht und um so wunderlicher erschien ihm diese
ganze Begebenheit.
„Aber ... aber, wo ist hier denn eine Begebenheit?“ protestierte er
mißtrauisch gegen die eigene Bezeichnung. „Was liegt denn hier überhaupt
vor, dem auch nur entfernt die Bezeichnung, ‚Begebenheit‘ zustände?“
Die Sache verhielt sich folgendermaßen. Vor etwa vierzehn Tagen (genau
wußte er selbst nicht, wie lange es her war, aber es mochte immerhin
annähernd stimmen) war ihm auf der Straße zum erstenmal – es war an der
Ecke der Podjatscheskaja und der Meschtschanskaja gewesen, dessen
entsann er sich plötzlich genau – ja, dort war ihm zum erstenmal ein
Herr begegnet, der auf seinem Hut einen Trauerflor trug. Der Herr hatte
wie jeder andere Herr ausgesehen, sagte sich Weltschaninoff, es war gar
nichts Außergewöhnliches an ihm gewesen: er war schnell an ihm
vorübergegangen, hatte ihn aber ... irgendwie – ja: irgendwie aufmerksam
angesehen, so daß er unwillkürlich auch Weltschaninoffs Aufmerksamkeit
auf sich gelenkt hatte, und das sogar in hohem Maße. Wenigstens war ihm
das Gesicht des Fremden bekannt erschienen. „Ach, übrigens – wer kann
all die tausend Physiognomien behalten, denen man im Leben begegnet
ist!“ hatte er jedoch im nächsten Augenblick bei sich gedacht und seinen
Weg fortgesetzt. Und nach etwa zwanzig Schritten, so schien es ihm nun,
hatte er die Begegnung wieder vergessen, obschon der erste Eindruck kein
geringer gewesen war. Und tatsächlich war er denn auch diesen Eindruck
den ganzen Tag nicht losgeworden – freilich war es ganz unbewußt
sozusagen ahnungslos geschehen, daß er ihn mit sich herumtrug, es war
gewesen, wie wenn eine ganz eigentümliche, undeutliche, gegenstandslose
Wut in ihm gelegen hätte, deren Ursache er selbst nicht anzugeben
vermochte. Jetzt, nachdem fast schon zwei Wochen darüber vergangen
waren, entsann er sich dessen ganz genau; und er erinnerte sich sogar,
daß er damals nicht hatte verstehen können, woher diese Wut, diese
Verbissenheit geradezu, über ihn gekommen war: er wäre wohl auf alles
eher als auf den Gedanken verfallen, seine mißliche Gemütsverfassung an
diesem Tage auch nur entfernt mit jener Begegnung am Morgen in
Verbindung zu bringen, um wieviel weniger noch, in ihr die alleinige
Ursache seiner unruhigen Stimmung zu suchen. Doch jener Unbekannte
sorgte selbst dafür, daß er ihn nicht vergaß: am nächsten Tage begegnete
er Weltschaninoff auf dem Newskij-Prospekt und wieder sah er ihn so
eigentümlich an. Weltschaninoff spie aus, doch kaum war es geschehen, da
wunderte er sich über sich selbst. Es gibt ja allerdings Physiognomien,
die im Augenblick einen ganz grundlosen und zwecklosen Widerwillen
erwecken, doch deshalb –
„Ja, ich muß ihm wirklich schon früher einmal begegnet sein,“ murmelte
Weltschaninoff nachdenklich, als bereits eine halbe Stunde nach dieser
Begegnung vergangen war. Den Rest des Tages verbrachte er aber wiederum
in der unangenehmsten Stimmung, und in der Nacht hatte er sogar einen
bösen Traum. Und doch kam er nicht darauf, daß die ganze Ursache dieser
neuen und eigentümlichen Hypochondrie nur jener Herr mit dem Trauerflor
um den Hut war, obschon er im Laufe des Abends mehr als einmal an ihn
gedacht und sich vorübergehend sogar gallig darüber geärgert hatte, daß
„solch ein Subjekt“ sich breit zu machen wagte; doch diesem „Subjekt“
nun gar seine ganze Unruhe zuzuschreiben – das hätte er entschieden für
eine Erniedrigung gehalten, wenn er überhaupt auf den Gedanken gekommen
wäre.
Zwei Tage darauf begegnete er ihm wieder, im dichtesten Gedränge an
einer Landungsstelle der Newadampfer. Diesmal hätte Weltschaninoff
darauf schwören mögen, daß der Herr mit dem Trauerflor um den Hut ihn
erkannt und sich krampfhaft zu ihm hin gedrängt habe, doch die Menge
brachte sie auseinander. Einen Moment hatte es ihm sogar geschienen, als
habe sich jener „erfrecht“, ihm die Hand entgegen zu strecken, ja,
vielleicht hatte er ihn sogar angerufen, sogar beim Namen gerufen!
Letzteres hatte er übrigens nicht genau gehört, aber –
„Wer, zum Teufel, ist denn dieser Schuft und weshalb kommt er nicht auf
mich zu, wenn er mich erkannt hat und doch offenbar etwas von mir haben
will?“ dachte er ärgerlich, während er in eine Droschke stieg und in der
Richtung des Ssmolnaklosters davonfuhr. Eine halbe Stunde darauf stritt
er sich bereits heftig mit seinem Rechtsanwalt, doch am Abend und in der
Nacht kamen wieder die Qualen seiner allerabscheulichsten und sogar ins
Phantastische ausartenden Hypochondrie.
„Oder sollte etwa meine Galle nicht in Ordnung sein?“ fragte er sich
argwöhnisch und betrachtete sich im Spiegel, um sein Gesicht auf etwaige
Anzeichen der Gelbsucht hin zu prüfen.
Es war die dritte Begegnung gewesen. Darauf sah er ihn fünf Tage lang
kein einziges Mal: der „Schuft“ schien verschwunden zu sein. Inzwischen
aber, ob er wollte oder nicht, trat ihm der Mann mit dem Trauerflor doch
immer wieder ins Gedächtnis und seine Gedanken beschäftigten sich
unaufhörlich mit dem Unbekannten. Mit einer gewissen Verwunderung
ertappte er sich selbst auf seinen Gedanken.
„Es ist ja, bei Gott, als hätte ich Sehnsucht nach ihm! – oder was ist
es sonst? Hm! ... Er muß hier in Petersburg viel zu tun haben – um wen
er wohl trauern mag? Augenscheinlich hat er mich erkannt, ich aber – ’s
ist doch zu dumm! Ich kann mich wirklich nicht ... Und wozu nur diese
Leute einen Trauerflor um den Hut tragen? Es steht ihnen nicht ... Ich
glaube, wenn ich ihn genauer betrachtete, würde ich ihn erkennen ...“
Und da war es ihm, als beginne sich etwas ... so ... so wie zu regen in
seinem Gedächtnis: gleichsam ein bekanntes, doch aus irgendeinem Grunde
vergessenes Wort wollte aufsteigen, auf das er sich durch krampfhaft
konzentriertes Denken zu besinnen suchte, wie man es so oft vergeblich
tut: man kennt das im Moment entfallene Wort sehr gut und man weiß, daß
man es kennt; man weiß auch, was es bedeutet, man windet sich förmlich
darum herum, und doch – man kommt nicht darauf, so sehr man sich auch
quält!
„Das war ... das ist schon lange her ... und das war irgendwo ... nicht
hier. Da war etwas ... da war ... – ach, hol’s der Teufel, was dort war
oder nicht war!“ rief er plötzlich entschieden verärgert aus, „und ist
denn dieser Lump es überhaupt wert, daß man sich seinetwegen so ...
abquält und erniedrigt? ...“
Und er ärgerte sich furchtbar; als er sich jedoch am Abend plötzlich
erinnerte, daß er sich geärgert, und sogar furchtbar geärgert hatte, da
war ihm das wieder sehr, wirklich, sehr unangenehm. Es war ihm, als habe
ihn jemand in irgendeiner Beziehung gewissermaßen eingefangen. Das
verwirrte ihn. Und er wunderte sich.
„So muß denn doch eine Ursache vorhanden sein, weshalb ich mich ärgere
... so ganz ohne jede Veranlassung ... bei der bloßen Erinnerung ...“ Er
wollte aber seinen Gedanken nicht zu Ende denken.
Doch am nächsten Tage ärgerte er sich noch mehr, nur glaubte er diesmal,
allen Grund dazu zu haben, und mit seinem Ärger durchaus im Recht zu
sein, denn – „die Frechheit war unerhört!“ – jener war ihm zum vierten
Male begegnet.
Wie aus dem Boden geschossen war plötzlich dieser verwünschte Hut mit
dem Trauerflor vor ihm aufgetaucht. Weltschaninoff hatte gerade jenen
einflußreichen Staatsrat, den er neuerdings in seiner Villa aufzusuchen,
d. h. quasi zu überrumpeln gedachte, ganz zufällig auf der Straße
getroffen und es war ihm sogar gelungen, ein Gespräch mit ihm
anzuknüpfen. Er bemühte sich aber vergeblich, den alten Schlaukopf, dem
diese Begegnung mit Weltschaninoff natürlich sehr unangenehm war, durch
entsprechende Fragen auf das gewünschte Thema zu bringen, um ihn dann
geschickt zu zwingen, doch irgend etwas über den Ausgang seines
Prozesses verlauten zu lassen. Das verlangte ein gutes Stück Mühe,
Gedankenverbindung und Politik, denn der alte Fuchs ließ sich nicht so
leicht in die Enge treiben. Und da – gerade in dem Augenblicke, als
Weltschaninoff eine geschickte Frage einflechten wollte – gerade da
fügte es das Schicksal, daß er über die Straße sah und dort auf dem
anderen Trottoir plötzlich – den Mann mit dem Trauerflor erblickte. Er
stand und sah von dort aus aufmerksam zu den beiden hinüber: er mußte
ihnen gefolgt sein, das war klar, und wie es schien, lächelte er sogar
höhnisch.
„Zum Teufel!“ fluchte Weltschaninoff, nachdem er sich vom Staatsrat
verabschiedet hatte und nun seinen ganzen Mißerfolg dem Erscheinen
dieses „Frechlings“ zuschrieb. „Zum Teufel, sollte er etwa ein Spion
sein, der mich nicht aus dem Auge lassen will? Daß er mich verfolgt,
liegt ja auf der Hand! Sollte er etwa von irgend jemandem dazu
angestellt sein ... und ... und bei Gott, das Vieh grinste noch
obendrein! Ich werde ihn ... prügeln, daß ihm kein Knochen im Leibe heil
bleiben soll, bei meiner Ehre! Schade nur, daß ich keinen Stock trage!
... Ich werde mir einen kaufen, ganz einfach! Das lasse ich mir nicht
bieten! Wer er wohl sein mag? Das muß ich unbedingt in Erfahrung
bringen!“
Drei Tage nach dieser vierten Begegnung, es war am dritten Juli, fühlte
sich Weltschaninoff, als er das Restaurant betrat, in dem er zu speisen
pflegte, bereits ernstlich erregt, beunruhigt und in etwas sogar aus dem
Geleise gebracht. Doch das haben wir schon oben erwähnt. Nur konnte er
sich jetzt nicht mehr über die Ursache dieses seines Zustandes
Täuschungen hingeben, obschon sein Stolz diese letzteren der Wahrheit
gern vorgezogen hätte. Wie die Dinge nun einmal lagen, wurde er ja
geradezu zu der Erkenntnis gezwungen, daß seine ganze eigentümliche
Stimmung, seine vierzehntägige Übellaunigkeit und Unruhe auf
nichts anderes zurückzuführen waren, als auf „diesen selben
Trauerflormenschen“, obschon dieses „nichtswürdige Subjekt“ einer
solchen Ehre gar nicht wert war.
„Schön, sagen wir, nehmen wir an, ich bin ein Hypochonder,“ dachte
Weltschaninoff, „und folglich geneigt, aus einer Mücke einen Elefanten
zu machen, – so fragt es sich doch, ob es mir denn dadurch leichter
wird, wenn ich mir sage, daß alles das _vielleicht_ nur meine Einbildung
ist? Denn, wäre in der Tat jedes ähnliche Subjekt imstande, einen
Menschen vollständig aus dem Gleichgewicht zu bringen, so wäre das doch
... so wäre das doch ...“
Er fand nicht sogleich den richtigen Ausdruck.
Allerdings hatte sich der Elefant diesmal bei der fünften Begegnung, die
Weltschaninoff so aus dem „Gleichgewicht“ gebracht hatte, fast ganz als
Mücke gezeigt: er war wie gewöhnlich aufgetaucht und an ihm
vorübergeglitten, hatte ihn aber weder angesehen, noch sonstwie zu
zeigen versucht, daß er ihn erkannt habe und überhaupt kenne, wie er es
früher jedesmal getan, sondern hatte im Gegenteil den Blick gesenkt und
offenbar ganz unbemerkt verschwinden wollen. Da hatte sich aber
Weltschaninoff brüsk nach ihm umgekehrt und laut gerufen:
„He! Sie da! Hut mit dem Trauerflor! Jetzt laufen Sie! He!
Stillgestanden! Wer sind Sie?“
Die Frage, wie der ganze Anruf waren natürlich sehr dumm, doch
Weltschaninoff sah das erst ein, als es schon zu spät war. Der Herr war
zusammengezuckt und stehen geblieben, hatte sich halb umgedreht und
gelächelt – sichtlich verwirrt – und so hatte er eine Weile gestanden,
offenbar in der größten Unentschlossenheit, und dann plötzlich hatte er
kehrtgemacht und war davongeeilt, ohne sich noch einmal umzusehen.
Verwundert sah ihm Weltschaninoff nach.
„Aber wie? ...“ fragte er sich plötzlich, „wie, wenn in Wirklichkeit
nicht er es ist, der mich verfolgt, sondern ich es bin, der ihn
verfolgt, und wenn das schließlich die Sache ganz anders erklärt?“
Nachdem er gespeist und bezahlt hatte, begab er sich sogleich nach dem
Landhause jenes einflußreichen Staatsrats. Er traf ihn jedoch nicht zu
Hause an. Man sagte ihm, der Herr sei am Morgen ausgegangen und werde
wohl kaum vor drei oder vier Uhr nachts aus der Stadt zurückkehren, da
er zu einer Namenstag-Feier eingeladen sei. Das fand nun Weltschaninoff
dermaßen „beleidigend“, daß er in der ersten Wut ohne weiteres beschloß,
den Staatsrat dort im fremden Hause aufzusuchen, und so nannte er dem
Kutscher die Adresse. Unterwegs wurde er zum Glück etwas ruhiger und
sagte sich, daß er in seinem Vorhaben doch wohl zu weit gehe, und
nachdem er das eingesehen, ließ er den Kutscher halten und stieg aus, um
sich zu Fuß nach Hause zu begeben. Es stand ihm freilich noch ein weiter
Weg bevor – bis zum Großen Theater – aber er hatte das Bedürfnis, sich
Bewegung zu machen: um seine Nerven zu beruhigen, mußte er sich um jeden
Preis einmal gut ausschlafen; um jedoch überhaupt einschlafen zu können,
mußte er sich physisch ermüden. So langte er erst gegen elf Uhr in
seiner Wohnung an und fühlte sich durch den weiten Gang auch wirklich
ganz erschöpft.
Seine Wohnung, die er im März bezogen hatte, und an der er mit einer
gewissen Schadenfreude alles auszusetzen fand – doch entschuldigte er
sich gewöhnlich wieder damit, daß er ja nur durch „diesen verdammten
Prozeß“ ^en passant^ in Petersburg steckengeblieben sei, was ihn dann
etwas zu beruhigen schien – diese Wohnung war in Wirklichkeit durchaus
nicht so schlecht und „geradezu schmachvoll“, wie er sich selbst
ausdrückte. Der Eingang war allerdings etwas dunkel, was die Bezeichnung
Weltschaninoffs, er sei „einfach schwierig“ in etwas rechtfertigte,
zumal die Tür zum Treppenhaus sich unter dem Torbogen befand. Dafür aber
war die Wohnung selbst, die im zweiten Stockwerk lag, sogar sehr
anständig: sie bestand aus zwei großen, hohen und hellen Zimmern, die
ein dunkles Vorzimmer voneinander trennte und von denen das eine nach
der Straße, das andere nach dem Hofe lag. An letzteres schloß sich
seitlich noch ein kleineres Zimmer an, das eigentlich als Schlafzimmer
gedacht war, doch Weltschaninoff benutzte es als Aufbewahrungsraum, in
dem er Bücher und Papiere kunterbunt liegen ließ. Als Schlafraum
benutzte er dagegen das größte Zimmer, jenes, das an der Straßenseite
des Hauses lag. Dort schlief er auf einem Diwan. Seine Möbel waren zwar
nicht mehr ganz neu, aber doch nicht übel, und sogar einige kostbare
Sachen waren darunter vorhanden – Reste einstiger Wohlhabenheit: kleine
Kunstgegenstände in Bronze und Porzellan, große bucharische Teppiche,
sogar zwei ganz gute Gemälde. Nur befand sich alles in einer gewissen
Unordnung, alles stand wie nicht auf dem richtigen Platze und
stellenweise war sogar Staub zu sehen, seitdem sein Dienstmädchen
Pelageja zu ihren Verwandten nach Nowgorod gefahren war und ihn
vorläufig allein gelassen hatte. Diese sonderbare Tatsache, daß er als
unverheirateter Lebemann, der doch immer noch in erster Linie für einen
Gentleman gelten wollte, nur einen einzigen dienstbaren Geist und noch
dazu weiblichen Geschlechts hatte, ließ Weltschaninoff oft fast vor sich
selber erröten, obschon er mit dieser Pelageja sehr zufrieden war. Im
Frühling, als er die Wohnung bezogen, hatte er sie von einer bekannten
Familie, die ins Ausland reiste, übernommen und sich so an sie gewöhnt,
daß er sich nicht entschließen konnte, für die Zeit ihrer Abwesenheit
ein anderes weibliches Wesen zu nehmen. Einen Diener zu engagieren, das
lohnte sich für die kurze Zeit nicht, und außerdem hatte er Diener
eigentlich nicht gern. So kam denn jeden Morgen die Schwester der
Portiersfrau, Mawra, um aufzuräumen, und ihr übergab er auch jedesmal
den Türschlüssel, wenn er ausging. Nur tat diese Mawra für das Geld, das
er ihr zahlte, so gut wie nichts und allem Anscheine nach stahl sie
sogar. Doch Weltschaninoff befand sich in einer Stimmung, in der er
alles Nebensächliche gehen ließ, wie es eben ging, und zuweilen war er
sogar sehr zufrieden damit, daß er jetzt ganz allein sein konnte. Doch
auch das hatte seine Grenze und wenn er verbittert in sein Heim
zurückkehrte, rebellierten seine Nerven empfindlich gegen diesen ganzen
„Schmutz“, wie er sich ausdrückte, und mit Widerwillen betrat er dann
seine Zimmer.
Diesmal langte er aber so müde in seiner Wohnung an, daß er nichts als
den einen Wunsch empfand – „nur zu schlafen“. Und kaum hatte er sich so
– ohne sich ganz zu entkleiden – auf sein Lager geworfen und die Augen
geschlossen, da vergaß er auch schon alles und schlief ein, während ihn
sonst den ganzen Monat über fast in jeder Nacht Schlaflosigkeit gequält
hatte.
Er schlief etwa drei Stunden, doch war es ein schwerer, unerquickender
Schlaf mit so seltsamen Träumen, wie sie sonst nur Fieber und Krankheit
zusammenzudichten vermögen. Es handelte sich da um irgendein Verbrechen,
das er begangen haben sollte und nun zu verheimlichen suchte, doch wurde
er einstimmig von Menschen, die ununterbrochen irgendwoher ins Zimmer
traten, dieses Verbrechens beschuldigt. Es hatte sich schon eine ganze
Menge versammelt, aber es kamen immer noch mehr hinzu, so daß die Tür
gar nicht geschlossen wurde, sondern offen stand. Doch das allgemeine
Interesse konzentrierte sich schließlich auf einen sonderbaren Menschen,
den er gekannt und der ihm einmal sehr nahe gestanden hatte, jedoch
schon seit Jahren verstorben, jetzt aber aus irgendeinem Grunde
plötzlich gleichfalls eingetreten war. Am meisten quälte Weltschaninoff,
daß er nicht wußte, wer dieser Mensch war, daß er seinen Namen vergessen
hatte und sich nicht auf ihn besinnen konnte; er entsann sich nur noch,
ihn einst sehr gern gehabt zu haben. Und von diesem Menschen schienen
alle Anwesenden voll Ungeduld das entscheidende Wort zu erwarten: die
Beschuldigung oder die Freisprechung Weltschaninoffs. Doch jener saß
regungslos am Tisch und schwieg und wollte nicht sprechen. Die Menge
wurde immer lauter, der Lärm wuchs unaufhaltsam, man war aufgebracht,
gereizt, und plötzlich wurde Weltschaninoff von rasender Wut erfaßt, er
holte aus und schlug diesen Menschen, weil er nicht sprechen wollte. Das
Gefühl aber, das diese Tat in ihm hervorrief, war wie eine seltsame
Genugtuung, wie ein Genuß: sein Herz stand still vor Entsetzen und
Schmerz über seine Tat, doch gerade in diesem Aussetzen des Herzschlages
lag der Genuß. Und da packte ihn plötzlich grimmiger Haß und er schlug
ihn noch einmal und schlug ihn zum drittenmal, und wie trunken vor
Jähzorn und sinnloser Angst, die fast an Wahnsinn grenzte und dennoch
nur eine grenzenlose Lust war, zählte er nicht mehr seine Schläge, er
schlug nur und schlug. Er wollte alles, alles „jenes“ vernichten.
Plötzlich aber war irgend etwas geschehen: das Geschrei der Menge
schwoll laut an und alle wandten sich wie in gespannter Erwartung zur
Tür, und in derselben Sekunde wurde jäh die Türglocke gezogen, gellend
laut, und mit solcher Kraft, als wolle man den Glockenzug abreißen.
Weltschaninoff erwachte, kam im Augenblick zu sich, sprang auf und
stürzte zur Tür – er war überzeugt, daß wirklich geläutet worden sei, –
denn das konnte doch kein Traum sein! „Es wäre doch gar zu unnatürlich,
wenn ich diesen lauten, greifbar hörbaren Schall nur im Traum gehört
haben sollte!“ sagte er sich.
Zu seiner größten Verwunderung aber erwies sich der Schall doch nur als
Traum. Er öffnete die Tür, trat in den Flur hinaus, sah auch hinunter
ins Treppenhaus – es war niemand zu sehen. Die Glocke hing regungslos.
Er wunderte sich, fühlte sich aber doch leichter gestimmt, und kehrte
ins Zimmer zurück. Während er das Licht anzündete, fiel es ihm ein, daß
er die Tür wohl geschlossen, aber nicht verschlossen und verriegelt
hatte. Auch früher schon hatte er nachts, wenn er nach Haus kam, oft
vergessen, den Schlüssel umzudrehen, ohne der Sache irgendwelche
Bedeutung beizumessen, obschon Pelageja ihm deshalb jedesmal Vorwürfe
gemacht hatte. So ging er jetzt ins Vorzimmer zurück, öffnete noch
einmal die Tür und sah in den Flur hinaus, dann schloß er sie wieder und
schob den Riegel vor – nur um den Schlüssel umzudrehen, dazu war er doch
zu faul. Die Uhr schlug halb drei; er mußte also über drei Stunden
geschlafen haben.
Der Traum hatte ihn so aufgeregt, daß er sich nicht gleich wieder
hinlegen wollte und im Zimmer eine halbe Stunde auf- und abzugehen
beschloß – „Zeit, um eine Zigarette zu rauchen,“ sagte er sich. Er zog
die vorhin abgeworfenen Kleidungsstücke wieder an, trat ans Fenster,
schob den schweren Stoffvorhang zur Seite und zog das weiße Rouleau in
die Höhe. Auf der Straße war es bereits hell genug, um alles deutlich
unterscheiden zu können. Die hellen Petersburger Sommernächte hatten von
jeher eine gewisse nervöse Reizbarkeit in ihm hervorgerufen, und in der
letzten Zeit waren sie gewiß auch an seiner Schlaflosigkeit schuld
gewesen, wenigstens zum Teil. Deshalb hatte er vor etwa zwei Wochen
diese dicken Vorhänge gekauft, die das Zimmer vollständig verdunkelten,
wenn er sie vorzog. Von draußen drang jetzt das fahle Dämmerlicht der
hellen Nacht ins Zimmer, doch Weltschaninoff vergaß die brennende Kerze
auf dem Tisch und ging mit einem eigentümlich schweren und kranken
Gefühl auf und ab. Der Eindruck des Traumes wirkte noch nach. Er litt
noch im Ernst darunter, daß er seine Hand gegen diesen Menschen hatte
erheben und ihn schlagen können.
„Aber diesen Menschen gibt es ja gar nicht, hat es nie gegeben und wird
es nie geben, das war doch nur ein Traum – was fällt mir denn ein?“
Und er zwang sich mit einer förmlichen Erbitterung – und als sei das
seine einzige Sorge – nur daran zu denken, daß er entschieden einer
Krankheit entgegengehe und daß er „überhaupt ein kranker Mensch“ sei.
Es fiel ihm gar zu schwer, sich einzugestehen, daß er eben älter, daß er
alt und schwach werde, und nur in den schlimmsten Stunden übertrieb er
wohl in Gedanken alle Altersanzeichen geflissentlich und bis zur
Boshaftigkeit, nur um sich in seinem Ingrimm noch mehr zu reizen.
„Ja: das ist das Alter!“ murmelte er dann vor sich hin, während er
ruhelos auf- und abging, „bin schon der richtige Klappergreis – das
Gedächtnis schwindet, sehe Halluzinationen, verrückte Träume, höre
Glocken läuten ... Hol’s der Teufel! Ich weiß doch aus Erfahrung, daß
solche Träume immer eine Krankheit bei mir ankünden! ... Ich bin
überzeugt, daß auch diese ganze Geschichte mit dem Trauerflor
gleichfalls nur ein Traum ist. Ganz entschieden habe ich gestern recht
gehabt: nicht er ist es, der mir nachläuft, sondern umgekehrt: ich, ich
bin es, der ihm nachläuft! Ich habe mir da ’ne ganze Ballade um seine
Person zusammengereimt und bin vor Angst fast unter den Tisch gekrochen.
Und wie komme ich eigentlich darauf, ihn mit allen nur ausdenkbaren
Schimpfwörtern zu betiteln? Er kann sogar ein äußerst anständiger Mensch
sein. Sein Gesicht – das ist wahr – ist allerdings unsympathisch,
obschon darin eigentlich nichts ausgesprochen Häßliches liegt. Kleidet
sich wie alle anderen. Der Blick ist zwar irgendwie so ... Doch schon
wieder denke ich an ihn! Schon wieder! Was zum Teufel geht mich sein
Blick an! Bei Gott, es ist ja, als konnte ich überhaupt nicht mehr leben
ohne diesen ... Spitzbuben!“
Es fuhren ihm verschiedene Gedanken durch den Sinn, von denen ihn aber
einer höchst unangenehm berührte; es war ihm, als sei er plötzlich
überzeugt, daß dieser Mensch mit dem Trauerflor irgendwo und -wann
einmal mit ihm befreundet gewesen sein müsse und jetzt bei jeder
Begegnung über ihn lache, weil er um irgendein großes Geheimnis seiner
Vergangenheit wußte und ihn nun in einer so „erniedrigenden Situation“
sah. Mit diesen Gedanken beschäftigt, trat er ganz mechanisch ans
Fenster, um es zu öffnen und die Nachtluft einzuatmen und – und
plötzlich, er hatte den Fenstergriff noch nicht angerührt, erschrak er
so heftig, daß er zusammenfuhr: es war die jähe Empfindung, daß dort vor
ihm etwas Unerhörtes, Unmögliches geschehen sei.
Im Augenblick versteckte er sich hinter dem dunklen Vorhang, um
vorsichtig, ohne selbst gesehen werden zu können, auf die Straße zu
spähen: und richtig: auf dem gegenüberliegenden Trottoir der
menschenleeren Straße sah er plötzlich, seinem Hause gerade gegenüber,
den Herrn mit dem Trauerflor stehen. Der Herr stand, das Gesicht den
Fenstern seiner Wohnung zugewandt, (doch offenbar hatte er ihn nicht am
Fenster bemerkt) und betrachtete neugierig und wie mit bestimmten
Gedanken vorbeschäftigt, das Haus. Es machte den Eindruck, als könne er
mit den Gedanken nicht zu Ende kommen, obschon er sich sichtlich gern zu
etwas entschließen wollte: er hob die Hand und schien den Finger an die
Stirn zu legen. Endlich hatte er sich entschlossen: er sah sich flüchtig
nach beiden Seiten um und schlich dann schnell auf den Fußspitzen über
die Straße, und – richtig! – er verschwand unter dem Torbogen des Hauses
–: das Nebenpförtchen, das im Sommer oft nicht vor dem Morgen
verschlossen wurde, kreischte leise.
„Er kommt zu mir!“ fuhr es Weltschaninoff wie ein Blitz durch den Sinn,
und plötzlich eilte er schnell, doch leise und auf den Fußspitzen, ins
Vorzimmer zur Tür und – hielt den Atem an, die zuckende Rechte leicht
auf den vorgeschobenen Riegel gelegt, und so lauschte er in äußerster
Spannung auf das Geräusch der erwarteten Schritte im Treppenhaus.
Sein Herz pochte so laut, daß er fürchtete, zu überhören, wie der
Unbekannte auf den Fußspitzen die Treppen hinaufschlich. Er dachte nicht
an die Bedeutung des Vorgangs, er fühlte nur alles mit einer wie
verzehnfachten Schärfe. Sein Traum von vorhin schien mit der
Wirklichkeit eins geworden zu sein. Weltschaninoff war von Natur mutig,
doch liebte er es zuweilen, seine Furchtlosigkeit in Erwartung der
Gefahr so weit zu treiben, daß sie förmlich an Prahlerei gemahnte –
sogar dann, wenn niemand zugegen war; er tat’s eben, um sich selbst zu
gefallen. Jetzt aber kam noch etwas anderes hinzu. Der Hypochonder und
angehende Greis von vorhin hatte sich vollständig verwandelt, er war ein
ganz anderer Mensch geworden. Ein nervöses, unhörbares Lachen
erschütterte ihn innerlich. Hinter der geschlossenen Tür stehend, erriet
er jede Bewegung des Unbekannten.
„Ah! Da kommt er! ... Jetzt ist er angelangt ... hält Umschau ... horcht
hinunter ... atmet kaum, schleicht ... ah! Da hat er die Klinke gefaßt,
drückt, versucht! Er hat wohl darauf gerechnet, daß meine Tür offen sein
wird! Dann muß er also schon erfahren haben, daß ich bisweilen vergesse,
zuzuschließen! Wieder drückt er die Klinke, zieht ... was er wohl denken
mag? – daß der Riegel von selbst zurückschnellen wird? Er kann sich
nicht trennen! Es tut ihm gewiß leid, umsonst gekommen zu sein!“
Und in der Tat, es mußte dort hinter der Tür wirklich alles so geschehen
sein, wie er es sich vorstellte: jemand stand dort und versuchte leise
und vorsichtig die Tür zu öffnen, und tat es – „versteht sich, nicht
ohne besondere Absicht“, wie sich Weltschaninoff sagte: und im Nu hatte
er seinen Entschluß gefaßt, wie er das Rätsel lösen wollte. Mit einer
gewissen Begeisterung geradezu wartete er auf den richtigen Augenblick,
stellte er sich zurecht und machte sich bereit: er wollte plötzlich den
Riegel zurückziehen und die Tür aufstoßen und Auge in Auge dem
„Schreckgespenst“ gegenüberstehen. – „Wenn ich bitten darf, was tun Sie
denn hier, Verehrtester?“
Und so geschah es auch: als er den richtigen Moment abgepaßt hatte, zog
er den Riegel zur Seite, riß die Tür auf und – prallte fast zusammen mit
dem Herrn, der auf dem Hut einen Trauerflor trug.