Der Sommer war da und Weltschaninoff war ganz gegen alle Erwartung doch
in Petersburg geblieben. Aus seiner beabsichtigten Reise nach dem Süden
Rußlands war nichts geworden, sein Prozeß aber zog sich immer noch hin,
ohne daß man auch nur das Ende hätte absehen können. Ja, dieser Prozeß –
ein Rechtsstreit in Vermögenssachen – hatte in letzter Zeit sogar eine
äußerst unangenehme Wendung genommen: noch vor drei Monaten war er ihm
so klar und unverwickelt erschienen, fast als brauche man da überhaupt
keine Worte mehr zu verlieren – plötzlich aber begann alles, sich zu
verwickeln und zum Ungünstigen zu verändern.
„Und überhaupt scheint sich jetzt alles gegen mich zu verschwören: alles
nimmt eine ungünstige Wendung!“ sagte Weltschaninoff neuerdings oft zu
sich selbst, wobei er geradezu eine gewisse Schadenfreude empfand.
Er hatte sich an einen geschickten, berühmten und teuren Rechtsanwalt
gewandt und scheute keine Ausgaben; seine Ungeduld und sein Mißtrauen
verleiteten ihn aber, sich auch persönlich mit der Angelegenheit zu
befassen: er las verschiedene, ihm wichtig scheinende Schriftstücke,
verfaßte sogar selbst welche, die sein Rechtsanwalt jedoch ausnahmslos
in den Papierkorb warf, lief von einer Gerichtsbehörde zur anderen,
stellte auf eigene Faust Nachforschungen an und hielt den natürlichen
Verlauf des Rechtsstreites vermutlich weit mehr auf, als daß er ihn
beschleunigte. Wenigstens beklagte sich sein Rechtsanwalt wiederholt
über diese Einmischungen seinerseits und redete ihm nach Kräften zu,
doch irgendeine Sommerfrische aufzusuchen. Er aber konnte sich nicht
einmal dazu entschließen. Und so blieb er in Petersburg, blieb
ungeachtet des Staubes, der drückenden Schwüle und der nervenreizenden
hellen Nächte.
Auch seine Wohnung, die er in der Nähe des Großen Theaters vor kurzem
erst bezogen hatte, wollte ihm nicht gefallen. Kurz – „alles ging
schief“! – und seine Hypochondrie wuchs mit jedem Tage. – Übrigens war
er schon von jeher zum Hypochonder veranlagt gewesen.
Weltschaninoff hatte ein flottes, genußreiches Leben hinter sich, war
freilich auch nicht mehr jung – etwa achtunddreißig, wenn nicht gar
neununddreißig – das aber war doch schon „das Alter“, wie er sich selbst
gestand, oder glaubte, sich gestehen zu müssen, – in das er sich „ganz
plötzlich und unerwartet“ hineinversetzt sah. Er begriff jedoch
vollkommen, daß es weniger die Zahl als die Art der Jahre war, was ihn
alt machte, daß das Alter sich daher, wenn man so sagen darf, mehr von
innen heraus in ihm verbreitete, als daß es ihn von außen sichtbar
überkam. Denn nach seinem Äußeren zu urteilen, war er immer noch ein
stattlicher Mann in den besten Jahren, der es mit jedem aufnehmen
konnte: er war sehr groß von Wuchs und dabei stämmig, hatte dichtes
hellblondes Haar und einen langen blonden Bart, in dem sich ebenso wie
auf seinem Haupte noch kein einziges graues Härchen finden ließ. Auf den
ersten Blick mochte er jetzt vielleicht etwas plump und im Vergleich zu
früher vielleicht auch vernachlässigt erscheinen, doch wenn man ihn
genauer beobachtete, erkannte man in ihm sofort den feinen Herrn und
Weltmann, der eine vorzügliche Erziehung genossen hatte. Sein Auftreten
war auch jetzt noch sicher, ungezwungen und sogar elegant, trotz einer
gewissen Behäbigkeit und Schwerfälligkeit, die er sich im Laufe der
Jahre erworben hatte: Trotz alledem hatte sich Weltschaninoff noch sein
ganzes unverfrorenes, wahrhaft unerschütterliches Selbstvertrauen
bewahrt, dessen ganzer Größe er sich als Lebemann nicht einmal bewußt zu
sein schien, obschon er kein dummer, in manchen Dingen sogar ein recht
gescheiter, fast kann man sagen gebildeter und zweifellos ein in mancher
Hinsicht begabter Mensch war. Sein offenes, frisches Gesicht hatte einst
in jungen Jahren durch seine fast frauenhaft zarten Farben die
Aufmerksamkeit der Damen auf sich gelenkt, und auch jetzt noch sagte so
manch einer, wenn er ihn sah: „Welch ein kerngesunder Mensch,
wahrhaftig, Milch und Blut!“
Und dennoch kannte dieser „kerngesunde Mensch“ bereits alle Qualen der
Hypochondrie. Noch vor zehn Jahren hatten seine großen blauen Augen so
siegesgewiß in die Welt geblickt: es waren noch so helle und gute, so
lustige und sorglose Augen gewesen, daß ein jeder, der ihn sah, sich
ohne weiteres zu ihm hingezogen fühlte. Jetzt aber, auf der Schwelle der
vierziger Jahre, waren die Klarheit und Güte in ihnen fast ganz
erloschen: um sie herum begannen sich schon leichte Runzeln einzugraben,
und statt der jungen Sorglosigkeit sprach aus ihnen der Zynismus eines
ermüdeten Menschen, dessen Lebenswandel, vom Standpunkt der Sittlichkeit
aus betrachtet, nicht ganz einwandfrei gewesen war. Zu diesem Zynismus
aber gesellte sich noch eine gewisse mißtrauische Schlauheit, sehr oft
auch Spott, und dann noch ein neuer Ausdruck, den er früher nicht in
ihnen gehabt hatte: es lag nämlich wie ein Schatten von Schwermut und
Schmerz über ihnen – einer gleichsam zerstreuten, gewissermaßen
gegenstandslosen Schwermut, die aber doch tief und echt zu sein schien.
Diese Schwermut überkam ihn namentlich dann, wenn er allein blieb. Und
sonderbar, dieser Mensch, der noch vor etwa zwei Jahren ein
so lebenslustiger, in seiner Unterhaltung übersprudelnder
Gesellschaftsmensch gewesen war und mit so köstlichem Humor seine
lustigen Geschichten wiederzugeben verstanden hatte – der liebte jetzt
nichts so sehr, als ganz allein zu sein. Mit Absicht gab er eine Menge
seiner früheren Bekanntschaften auf, obschon er sie trotz seiner im
Augenblick sehr zerrütteten Vermögensverhältnisse auch jetzt noch hätte
fortsetzen und pflegen können. Doch um die Wahrheit zu sagen: hier war
sein Ehrgeiz das ausschlaggebende Moment. Ein Mensch, der so
argwöhnisch, eitel und ehrgeizig war wie er, mußte es allerdings als
unmöglich empfinden, mit Leuten, die ihn nur in glänzenden Verhältnissen
gekannt hatten, nun in minder glänzenden weiter zu verkehren. Doch auch
seine Eitelkeit und sein Ehrgeiz begannen sich unter dem Einfluß der
Einsamkeit allmählich zu verwandeln. Nicht, daß sie sich verringert
hätten – o nein, sogar im Gegenteil; aber sie entwickelten sich zu einer
ganz besonderen Art von Ehrgeiz und Eitelkeit, die von ihrer früheren
Art merklich abstach: er grämte sich jetzt immer öfter um ganz andere
Dinge, als es die Ursachen seiner früheren kleinen menschlichen Leiden
gewesen waren. Es waren das ganz entschieden „höhere“ Dinge als bisher –
das heißt, wenn man sich nur so ausdrücken darf, wenn es in der
Beziehung wirklich höhere und niedrigere Ursachen und Dinge gibt ... wie
Weltschaninoff zu sich selbst sagte.
Ja, so weit war es mit ihm gekommen: diese sogenannten „höheren“
Ursachen, an die er früher überhaupt nicht gedacht hatte, quälten ihn
jetzt regelrecht. Als „höher“ aber betrachtete er seiner Erkenntnis
gemäß und vor seinem Gewissen alle diejenigen „Ursachen“, über die er
sich (zu seiner eigenen Verwunderung) nicht mehr lustig zu machen
vermochte – bei sich im stillen, versteht sich –, was bis dahin,
wenigstens wenn er allein gewesen, noch nie vorgekommen war. Denn in
Gesellschaft – o, da war es etwas ganz anderes! Er wußte ja nur zu gut,
daß er auch jetzt noch – es brauchten sich nur die äußeren Umstände so
zu fügen – ohne zu zögern und ungeachtet aller stillen Erkenntnisse und
festen Vorsätze seines besseren Selbst, mit der größten
Kaltschnauzigkeit alle diese „höheren Ursachen“ leugnen und selbst als
erster über sie lachen würde – natürlich ohne dabei einzugestehen, daß
es Stunden gab, in denen er anders dachte. Mit dieser Selbsterkenntnis
täuschte er sich durchaus nichts vor: so war es, oder vielmehr, so wäre
es unfehlbar gewesen, sogar trotz einer gewissen ganz erheblichen
Portion Unabhängigkeit im Denken, die er sich neuerdings von den ihn bis
dahin vorwiegend beherrschenden „niedrigeren Ursachen“ abgerungen hatte.
Doch wie oft hatte er sich, wenn er sich morgens aus dem Bett erhob,
seiner Gedanken und Gefühle geschämt, die er in den schlaflosen Stunden
der Nacht gedacht und gefühlt! (In der ganzen letzten Zeit litt er
nämlich wirklich an Schlaflosigkeit.) Hinzu kam, was ihm schon vor
längerer Zeit aufgefallen: daß er in jeder Beziehung furchtbar
mißtrauisch geworden war, und zwar sowohl in kleinen wie in großen
Dingen. Infolgedessen nahm er sich vor, auch in Zukunft sich selbst
möglichst wenig zu trauen. Indessen gab es da doch Verschiedenes, was
einfach als eine Tatsache vor ihm stand, die er ganz unmöglich als
solche nicht anerkennen oder leugnen konnte. So ließ es sich nicht aus
der Welt schaffen, daß sich z. B. seine Gedanken und Gefühle nachts
immer veränderten, wenigstens hatte er früher noch niemals solche
gehabt, wie er sie jetzt hatte, und größtenteils glichen sie auch nicht
im geringsten denjenigen, die er tagsüber oder wenigstens in der ersten
Hälfte des Tages noch immer hatte. Das gab ihm zu denken. Ja, er sprach
sogar – natürlich nur so bei Gelegenheit und im Scherz – mit einem
berühmten Arzt, einem näheren Bekannten, über diesen „sonderbaren Fall“.
Jener erwiderte ihm darauf, daß diese Veränderung oder vielmehr daß
dieser Widerspruch der Gedanken und Gefühle in schlaflosen Nächten, oder
überhaupt nachts, bei „viel denkenden und temperamentvollen“ Menschen
keineswegs eine so ungewöhnliche Erscheinung sei: unter dem
melancholischen Einfluß der Nacht käme es bei ihnen oft vor, daß sich
ihre Überzeugungen, an denen sie ihr ganzes Leben gehangen, plötzlich
änderten und daß sie ebenso plötzlich und ohne jeden triftigen Grund die
schwerwiegendsten Entschlüsse faßten. Freilich habe das immer noch eine
gewisse Grenze; wenn aber der Betreffende diese Widersprüche, diese
Zwieheit fast schon als Pein empfinde, so müsse man sie fraglos als ein
Krankheitssymptom betrachten und folglich – je früher desto besser – zur
Behandlung schreiten. Das Zweckmäßigste sei in diesem Fall wohl eine
radikale Veränderung der Lebensweise, eine andere Diät, wenn möglich
eine Reise. Auch Abführmittel wären angebracht.
Weiter wollte Weltschaninoff nichts mehr hören, doch seine Krankheit
betrachtete er jetzt als bewiesen.
„Also nichts weiter als ein Krankheitssymptom, alles dieses ‚Höhere‘,
also Krankheit, nichts als Krankheit!“ sagte er mit einem gewissen
Ingrimm zu sich selbst, sagte es sich sogar ziemlich oft, denn es
widerstrebte ihm doch gar zu sehr, innerlich derselben Meinung zu sein.
Sehr bald übrigens begann sich auch vormittags dasselbe zu wiederholen,
was er sonst nur in einzelnen Nachtstunden gekannt hatte, bloß mit dem
Unterschiede, daß ihn dabei weit mehr Galle überkam, als in der Nacht,
daß er anstatt der Reue nur Bosheit empfand und bitteren Spott statt der
nächtlichen Rührung.
Im Grunde wurden diese Stimmungen durch nichts anderes heraufbeschworen,
als durch „plötzlich und Gott weiß weshalb“ auftauchende Erinnerungen an
verschiedene Erlebnisse aus längst vergangenen und auch schon längst
vergessenen Jahren, die ihm aber jetzt regelmäßig in einer ganz
besonderen Weise wieder ins Gedächtnis traten. Ja, diese Begleitumstände
waren vielleicht gerade das Merkwürdigste an der Sache. Weltschaninoff
klagte zum Beispiel schon seit längerer Zeit über die augenscheinliche
Abnahme seines Gedächtnisses: so vergaß er die Gesichter seiner
Bekannten, die sich dann gekränkt fühlten, wenn er sie auf der Straße
nicht grüßte; Bücher, die er vor einem halben Jahr gelesen, konnte er in
dieser kurzen Frist so vergessen, als hätte er sie nie in der Hand
gehabt. Andererseits aber, trotz dieser doch greifbar tatsächlichen
Abnahme seiner Gedächtniskräfte, die ihn nicht wenig beunruhigte, begann
jetzt alles längst Vergangene, was über zehn, fünfzehn Jahre zurücklag
und ebenso lange sogar ganz vergessen gewesen war, wieder aufzutauchen –
alles das fiel ihm jetzt plötzlich wieder ein, und zwar mit einer so
erstaunlichen Deutlichkeit bis in die geringsten Details, als durchlebe
er es in Wirklichkeit von neuem. Ja, einige dieser Erlebnisse hatte er
in der Zwischenzeit so vergessen, daß ihm allein schon das Faktum, daß
er sich ihrer überhaupt wieder erinnern konnte, als unfaßbares Wunder
erschien. Dabei war das noch nicht alles; doch übrigens – welcher
Lebemann hätte nicht seine besonderen Erinnerungen?
In seinem Falle freilich lag das Auffällige darin, daß alle diese
Erlebnisse, die in seiner Erinnerung wieder auftauchten, jetzt in einer
gleichsam von irgend jemandem vorbereiteten, früher ganz undenkbaren,
ganz neuen Beleuchtung erschienen, d. h. er betrachtete und beurteilte
sie jetzt von einem ganz, ganz anderen Standpunkt aus. Das befremdete
ihn am meisten. Warum erschien ihm jetzt so manches geradezu als
Verbrechen, was er früher kaum ernst genommen hatte? Und nicht nur sein
Verstand urteilte jetzt so: dem allein hätte er, der in der Einsamkeit
krank, griesgrämig, düster und innerlich einsam Gewordene, nicht so ohne
weiteres getraut; aber es war ja bei ihm schon aus dem bloßen Gefühl
heraus zu Verwünschungen und Flüchen gekommen und fast sogar zu Tränen –
wenn auch nicht gerade zu äußerlich sichtbaren, so doch immerhin zu
innerlichen. Noch vor zwei Jahren aber hätte er es nicht für möglich
gehalten, daß er jemals weinen würde!
Anfangs waren es übrigens mehr unangenehme, sogar peinliche Erlebnisse,
die ihm seine Erinnerung wieder ins Gedächtnis rief, wie zum Beispiel
gesellschaftliche Mißerfolge, Blößen, die er sich mal gegeben, kleine
Kränkungen; etwa: wie ihn einmal ein „Intrigant verleumdet“ hatte,
weshalb er in einem angesehenen Hause nicht mehr empfangen worden war;
wie man ihn ein andermal – und das war gar nicht so lange her –
öffentlich und im Ernst beleidigt und wie er damals den Beleidiger nicht
gefordert; wie man ihn ein drittes Mal im Kreise der reizendsten Frauen
mit einem geistvollen Epigramm abgetrumpft und wie er darauf keine
Antwort gefunden hatte, während alle auf eine schlagfertige Replik
warteten. Dann fielen ihm noch zwei oder drei unbezahlte Schulden ein,
freilich nur geringe Summen, aber doch Ehrenschulden und überdies an
Leute, mit denen er den Verkehr abgebrochen und über die er sich schon
mehrfach abfällig geäußert hatte. Auch quälte ihn – jedoch nur in den
bösesten Stunden – die Erinnerung an die zwei Vermögen, die er in der
dümmsten Weise durchgebracht und von denen jedes nichts weniger als
unbedeutend gewesen war.
Doch bald kamen auch die von ihm gefürchteten Erinnerungen an die Reihe,
jene der „höheren“ Kategorien, wie er sie klassifizierte.
So sah er plötzlich und „ganz ohne jede Veranlassung“ die längst
vergessene, in seinem Gedächtnis bis dahin spurlos ausgelöscht gewesene
Gestalt eines alten guten Männleins vor sich, eines komischen kleinen
Beamten mit silberweißem Haar, den er einmal vor langer, langer Zeit
öffentlich und ungestraft beleidigt hatte, und zwar einzig deshalb, um
einen guten Witz, der nachher viel belacht und weitererzählt worden war,
im Augenblick anbringen zu können. Er hatte den Fall so sehr vergessen,
daß er sich nicht einmal auf den Namen des Alten besinnen konnte,
obschon er sich im Moment selbst der kleinsten Einzelheit der Umgebung –
„und wie sich das alles zugetragen“ – mit geradezu fabelhafter
Deutlichkeit entsann. Er erinnerte sich noch ganz genau, wie der Alte
damals für die Ehre seiner Tochter – ein unverheiratetes, nicht mehr
ganz junges Mädchen, das bei ihm lebte, und über das man in der Stadt zu
munkeln begonnen – eingetreten war. Der Alte hatte seine Tochter zu
verteidigen gesucht, hatte nur so gezittert vor Empörung und Aufregung,
und plötzlich war er in Tränen ausgebrochen und hatte laut geschluchzt –
vor der ganzen Gesellschaft, die selbst eine gewisse Peinlichkeit zu
empfinden schien. Geendet aber hatte die Geschichte damit, daß man ihm
zum Scherz immer wieder das Champagnerglas gefüllt, um dann nach
Herzenslust über ihn lachen zu können.
Als Weltschaninoff sich nun auf einmal jener Szene erinnerte, in der der
arme Alte in Tränen ausgebrochen war und sein Gesicht mit den Händen
bedeckt hatte, wie es kleine Kinder tun, da war es ihm plötzlich, als
habe er alles das nie auch nur einen Augenblick vergessen. Und
sonderbar: damals war ihm der ganze Vorfall sehr komisch erschienen;
jetzt aber war gerade das Gegenteil der Fall – namentlich jenes
Verbergen des Gesichts in den Händen kam ihm fast tragisch vor. Dann
fiel ihm ein, wie einmal die Frau eines Schullehrers – ein ganz
entzückendes Frauchen – „nur so zum Scherz“ von ihm verleumdet worden
war. Die Folgen waren ihm unbekannt geblieben, da er das Städtchen
gleich darauf verlassen hatte; er wußte nur, daß die Verleumdung ihrem
Manne zu Ohren gekommen sei. Jetzt aber begann er plötzlich sich diese
Folgen auszumalen, und Gott weiß, bis zu welchen Schreckbildern seine
Phantasie sich noch verstiegen hätte, wenn nicht plötzlich ein viel
näher liegendes Erlebnis aufgetaucht wäre: die Erinnerung an ein Mädchen
aus ganz einfachen, kleinbürgerlichen Verhältnissen, das ihm nicht
einmal gefallen hatte, ja, dessen er sich, genau genommen, sogar
geschämt, mit dem er aber, ohne selbst recht zu wissen warum und wozu,
ein Kind in die Welt gesetzt. Und dann – ja, dann hatte er sie mit dem
Kinde sitzen lassen und hatte sich nicht einmal von ihr verabschiedet
(freilich nicht vorsätzlich, sondern so – aus Zeitmangel!) als er
Petersburg verlassen. Später freilich hatte er dann ein ganzes Jahr lang
nach diesem Mädchen geforscht, doch vergeblich: beide, sie und das Kind,
waren spurlos verschwunden gewesen. Übrigens fielen ihm jetzt, wie ihm
schien, hunderte solcher Geschichten ein – ja, es war ihm sogar, als
ziehe eine jede dieser Erinnerungen gleich Dutzende ähnlicher nach sich.
Alles das aber bewirkte, daß ihn mit der Zeit auch noch seine Eitelkeit
zu quälen begann.
Wie bereits erwähnt, hatte sich seine Eitelkeit, oder, wenn man will,
sein Ehrgeiz – der Unterschied ist nicht groß – zu einer ganz besonderen
Abart entwickelt. Das war Tatsache. Mitunter – allerdings kam das nur
selten vor – ging er in seiner Selbstvergessenheit so weit, _sich nicht
einmal dessen zu schämen_, daß er keine eigene Equipage besaß, daß er zu
Fuß die verschiedenen Gerichtsbehörden aufsuchte, daß er sich ein wenig
nachlässiger kleidete; und hätte ihn einer seiner früheren Bekannten
deshalb etwas erstaunt angesehen oder sich gar einfallen lassen, ihn
nicht zu grüßen, so hätte seine Anmaßung ganz gewiß ausgereicht, die
Kränkung zu übersehen und zwar, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken –
auch innerlich nicht zu zucken, also nicht bloß, um sich äußerlich
darüber erhaben zu zeigen. Natürlich galt das nur von Ausnahmefällen,
wie es die Augenblicke vollständiger Apathie in diesen Dingen immerhin
noch waren. Doch gleichviel, wie dem auch sein mochte – jedenfalls
begann sein Ehrgeiz aus seinen früheren Grenzen herauszutreten und sich
auf ein psychologisches Problem, mit dem er sich jetzt fast unausgesetzt
beschäftigte, zu beschränken.
„Sonderbar,“ begann er zuweilen in sarkastischer Überlegenheit sein
Selbstgespräch (wenn er an sich selbst dachte, begann er stets mit
Sarkasmus), „da scheint sich ja wahrhaftig jemand um die Hebung meiner
Sittlichkeit zu bemühen und mir diese verdammten Erinnerungen auf den
Hals zu schicken, um mir lobesame Reuetränchen abzupressen! Nun, mag er,
es ist ja doch zwecklos! Das sind ja nur blinde Schüsse! Als ob ich
nicht wüßte, genau wüßte, mehr noch als genau, einfach mit tödlicher
Sicherheit, daß trotz aller Reuetränen und Selbstverurteilung kein Atom
Selbstbeherrschung in mir steckt, sogar ungeachtet meiner albernen
vierzig Jahre! Es braucht ja doch morgen nur wieder mal so eine
Versuchung an mich heranzutreten – nun, sagen wir zum Beispiel, die
Umstände fügen es so, daß es mir vorteilhaft erscheint, zu sagen, die
junge Frau jenes Lehrers habe von mir Geschenke angenommen – und ich
werde es doch unbedingt wieder sagen, ohne auch nur mit der Wimper zu
zucken, – und es wird dann alles noch gemeiner und schmutziger
herauskommen, als das erstemal, denn diesmal wäre es eben das zweitemal,
da ist man schon geübter. Nun, oder sagen wir, jener junge Fürst, der
einzige Sohn seiner Mutter, dem ich damals vor elf Jahren das Bein
abschoß, der sollte mich wieder so beleidigen – ich würde ihn doch
sofort wieder fordern und ihm wieder zu einem Stelzfuß verhelfen. Nun –
und da sollen das nicht blinde Schüsse sein?! Nützen tun sie jedenfalls
nichts! Wozu also diese Erinnerungen, wenn ich’s nun mal nicht verstehe,
mich wenigstens einigermaßen mit Anstand von mir loszumachen!“
Und wenn er auch keine junge Frau wieder verleumdete und keinem jungen
Fürsten zu einem Stelzfuß verhalf, so war für ihn doch allein schon der
Gedanke, daß sich alles unfehlbar wiederholen würde, wenn nur die
Umstände es wieder so fügten, fast tötend ... d. h. – bisweilen! Man
kann doch, in der Tat, nicht immer unter Erinnerungen leiden! Man darf
sich doch wohl auch etwas erholen und zerstreuen – in den
Zwischenpausen.
Das tat denn auch Weltschaninoff: er war bereit, die Zwischenpausen
auszunutzen; aber je länger die Sache dauerte, um so unangenehmer wurde
ihm sein Leben in Petersburg. Der Juli stand schon vor der Tür. Ihm kam
wohl mitunter der Gedanke, alles liegen zu lassen, sogar den Prozeß zu
vergessen, und irgendwohin fortzufahren, nur fort, ohne sich
umzuschauen, und ganz plötzlich, wie zufällig, gleichviel wohin, etwa
nach der Krim zum Beispiel. Doch schon nach einer Stunde hatte er nur
noch ein verächtliches Lächeln und blanken Spott für diesen Einfall.
Sarkastisch sagte er sich dann: „Diesen miserablen Gedanken wird auch
kein Süden ein Ende machen können, wenn sie einmal angefangen haben,
mich heimzusuchen, und wenn ich wenigstens nur ein halbwegs anständiger
Mensch bin! Folglich aber – wozu vor ihnen fliehen? Es liegt ja auch gar
kein Grund vor!“
„Und überhaupt – wozu das Weite suchen,“ fuhr er vor Trübsal zu
philosophieren fort, „hier ist es so staubig, so drückend schwül, in
diesen Häusern der Gerichtsbehörden, in denen ich mich herumtreibe, ist
doch alles so schmutzig, in diesen kleinen Geschäftsleuten, die sich
dort drängen, steckt so viel nichtige, hastende, widerliche
Geschäftigkeit, ganz als wären sie Mäuse und nicht Menschen, so viel
bettelhafte Kopekensorgen! – in diesem ganzen Pöbel, der jetzt noch in
der Stadt geblieben ist, in all diesen Gesichtern, die vom Morgen bis
zum Abend an mir vorüberstreifen, drückt sich so aufrichtig ihre ganze
dumme Gemeinheit aus, die ganze Feigheit ihrer kleinen Seelen, die ganze
Hühnerherzigkeit ihrer kleinen Herzen, – daß man, bei Gott, Petersburg
im Sommer nur das wahre Eldorado eines Hypochonders nennen kann! Im
Ernst! Alles ist unmaskiert, alles offenkundig, nichts wird verdeckt,
man denkt nicht mal daran, Verbergen für notwendig zu halten – ähnlich
wie es unsere Damen in der Sommerfrische tun, oder in ausländischen
Bädern! – Folglich verdient ja alles allein schon wegen dieser Offenheit
und naiven Einfachheit meine vollste Hochachtung! ... Ich fahre nirgends
hin! Basta! Und sollte ich auch bersten, ich rühr’ mich nicht von hier!
...“