Ein Jahr und acht Monate sind nun schon vergangen, seit ich diese
Aufzeichnungen nicht mehr angerührt habe. Erst heute kam mir nach langer
Zeit der Gedanke, die Blätter wieder hervorzusuchen und das Geschriebene
durchzulesen, um darüber Sorgen und Sehnsucht vielleicht zu vergessen.
Ich blieb dabei stehen, daß ich nach Homburg fahren wollte. Gott! Mit
wie leichtem Herzen, im Vergleich zu jetzt, schrieb ich damals jene
letzten Zeilen! Das heißt, nicht buchstäblich mit leichtem Herzen, aber
doch – mit welch einem Selbstvertrauen, mit wie unerschütterlichen
Hoffnungen! Zweifelte ich etwa auch nur im geringsten an mir selbst? –
Und nun? Noch sind keine zwei Jahre seitdem vergangen und ich bin,
meiner eigenen Überzeugung nach, schlimmer als ein Bettler! Was ist ein
Bettler! Ich pfeife auf Armut! Ich aber habe mich einfach zugrunde
gerichtet! Verkommen bin ich. Übrigens – es gibt nichts, womit ich mich
überhaupt noch vergleichen könnte ... Aber wozu sich jetzt Moral
predigen! Nichts kann dümmer sein, als Moral in solchen Zeiten! O, ihr
selbstzufriedenen Leute! – mit welch stolzer Selbstgerechtigkeit sind
diese Schwätzer jederzeit bereit, einem ihre Sentenzen zu predigen! Wenn
sie wüßten, in welchem Maße ich den ganzen Ekel meines gegenwärtigen
Zustandes begreife, so würde ihnen ihre Zunge, denke ich, nicht mehr
gehorchen, wollten sie mich noch belehren. Was könnten sie mir wohl
Neues sagen, das ich nicht selbst wüßte? Aber kommt es denn darauf an?
Nein, sondern darauf, daß – eine Drehung des Rades alles ändern kann,
und daß dann diese selben Moralprediger, die ersten sein werden, die
(davon bin ich überzeugt) mit freundschaftlichen Scherzen zu mir kommen,
um zu gratulieren. Und niemand wird sich dann so von mir abwenden, wie
es jetzt alle tun. Ach, zum Teufel mit ihnen, was gehen sie mich an!
Aber was bin ich jetzt? ^Zéro.^ Und was kann ich morgen sein? Morgen
kann ich von den Toten auferstehen und von neuem zu leben beginnen! Ich
kann den Menschen in mir wieder emporrichten, solange er noch nicht
ertrunken ist in Verkommenheit.
Ich fuhr damals wirklich nach Homburg, aber ... dann war ich auch wieder
in Roulettenburg, war auch in Spa, war sogar in Baden, wohin ich als
Kammerdiener eines Herrn Hinze reiste, eines ekelhaften Menschen, der
hier mein Brotherr war. Jawohl: ich bin sogar bis zum Diener
herabgesunken – ganze fünf Monate war ich es! Das war nach dem
Gefängnis. (Ich habe doch auch im Gefängnis gesessen, in Roulettenburg,
wegen einer Schuld, die ich dort nicht bezahlen konnte. Ein Unbekannter
hat mich losgekauft, – wer? Mister Astley? Polina? Ich weiß es nicht,
aber die Schuld ist bezahlt worden, im ganzen zweihundert Taler: und so
wurde ich aus dem Gefängnis entlassen.) Wo sollte ich bleiben? Ich kam
also zu diesem Hinze. Er ist ein junger, leichtsinniger Mensch, der eine
besondere Vorliebe fürs Faulenzen hat und ungern Briefe schreibt, ich
aber beherrsche drei Sprachen in Wort und Schrift. Anfangs war ich sein
Sekretär, denn als solcher hatte ich die Stelle angenommen, und erhielt
dreißig Gulden monatlich. Doch bald erlaubten es ihm seine Mittel nicht
mehr, soviel zu zahlen, und er verringerte mein Gehalt. Ich aber hatte
nichts und blieb bei ihm. So machte es sich schließlich ganz von selbst,
daß ich zu guter Letzt sein Diener wurde. Ich hungerte und trank keinen
Tropfen, solange ich bei ihm war, dafür aber ersparte ich mir innerhalb
dieser fünf Monate siebzig Gulden. Und eines Abends, es war in Baden,
erklärte ich ihm, daß ich meine Stelle aufgäbe: und noch an demselben
Abend suchte ich die Spielsäle auf. O, wie mein Herz schlug! Nein, nicht
um das Geld war es mir zu tun! Damals wollte ich nur, daß morgen alle
diese Hinzes, alle diese Oberkellner, alle diese reichen Damen der
vornehmen Gesellschaft Badens – daß sie alle von mir sprechen, daß sie
von meinem Glück erzählen, daß sie sich über mich wundern, mich loben
und beneiden und alle sich vor der Macht meines neuen Reichtums beugen
sollten. Das waren natürlich nur kindische Träume und kindischer
Ehrgeiz, aber ... wer weiß: vielleicht hätte ich Polina getroffen, und
dann hätte ich mit ihr gesprochen und sie hätte gesehen, daß ich _über_
dem Schicksal stehe, daß mir alle Schicksalsschläge nichts anhaben
können ... O, nicht am Gelde liegt mir! Bin ich doch überzeugt, daß ich
es wieder irgendeiner Blanche hinwerfen und wieder in Paris drei Wochen
lang mit eigenen Pferden zu sechzehntausend Franken fahren würde! Ich
weiß ja doch ganz genau, daß ich nicht geizig bin; ich glaube sogar, ich
bin ein Verschwender, – aber dennoch: mit welchem Zittern, mit welchem
atemraubenden Herzklopfen horche ich auf den Ruf des Croupiers: ^trente
et un, rouge, impair et passe, oder: quatre, noir, pair et manque^! Mit
welcher Gier starre ich auf den grünen Tisch, auf dem Louisdors,
Friedrichsdors und Taler umherliegen, auf die kleinen Säulen von
Goldmünzen, wenn sie durch die Krücke des Croupiers umfallen und sich in
einen wie Glut brennend glänzenden Haufen zerstreuen, oder auf die
langen, über einen halben Meter langen Silberrollen, die rings um das
Rad liegen. Noch bevor ich den Spielsaal betreten, noch zwei Säle von
ihm entfernt – sobald ich nur das Klingen und Klirren des Geldes, der
zusammengescharrten Geldberge höre – ist es mir, als erfaßten mich
Krämpfe.
O, auch jener Abend, an dem ich meine siebzig Gulden zum Spieltisch
trug, war merkwürdig. Ich begann mit zehn Gulden und setzte sie wieder
auf ^passe^. Ich habe nun einmal Vertrauen zu ^passe^. Ich verlor. Es
blieben mir noch sechzig Gulden in Silber; ich dachte nach und entschied
mich für ^zéro^. Ich setzte immer zu fünf Gulden auf einmal. Das dritte
Mal setzte ich – da kam ^zéro^. Ich starb fast vor Freude, als mir
hundertundfünfundsiebzig Gulden zugeschoben wurden. So froh war ich
nicht gewesen, als ich damals hunderttausend Gulden gewonnen hatte. Ich
setzte sofort hundert Gulden auf ^rouge^ – und gewann; alle zweihundert
auf ^rouge^ – und gewann; alle vierhundert auf ^noir^ – und gewann; alle
achthundert auf ^manque^ – und gewann! Alles in allem hatte ich jetzt
tausendundsiebenhundert Gulden und das – in weniger als fünf Minuten!
Ja, in solchen Augenblicken vergißt man alle früheren Mißerfolge! Hatte
ich sie doch gewonnen, indem ich mehr als mein Leben aufs Spiel gesetzt.
Ich hatte es gewagt, und ich gehörte wieder zu den Menschen!
Ich nahm ein Zimmer im Hotel, schloß mich ein und saß bis drei Uhr
nachts und zählte mein Geld. Als ich am Morgen erwachte, war ich nicht
mehr Lakai. Ich beschloß, sogleich nach Homburg zu fahren: dort war ich
nicht Diener gewesen und hatte nicht im Gefängnis gesessen. Eine halbe
Stunde vor der Abfahrt des Zuges ging ich noch einmal in den Spielsaal,
um noch zwei Einsätze zu machen, nicht mehr, und ich verlor
tausendfünfhundert Gulden. Ich fuhr aber trotzdem nach Homburg und nun
bin ich schon einen Monat hier.
Ich lebe natürlich in beständiger Aufregung, spiele nur sehr vorsichtig,
wage nur die kleinsten Einsätze und warte auf irgend etwas, das ich
selbst nicht zu nennen vermöchte, berechne und rechne, stehe ganze Tage
lang am Spieltisch _und beobachte_ das Spiel, sogar im Traume sehe ich
nur noch das Spiel, – aber bei alledem scheint es mir, daß ich doch
schon gleichsam verknöchert, daß ich wie in einem Moor versunken bin,
aus dem ich mich nicht mehr herausreißen kann. Ich schließe das aus dem
Eindruck, den meine Begegnung mit Mister Astley auf mich gemacht hat.
Ich hatte ihn seit jenem Morgen im Hotel d’Angleterre nicht
wiedergesehen und traf ihn hier plötzlich ganz zufällig. Ich ging gerade
in den Parkanlagen spazieren und rechnete und dachte daran, daß ich
jetzt fast ganz ohne Geld sei, nur fünf Gulden besaß ich noch. Aber im
Hotel, wo ich ein kleines, billiges Zimmer genommen, hatte ich vor drei
Tagen alles bezahlt. Ich konnte also noch einmal spielen, nur einmal,
sagte ich mir: gewinne ich, so kann ich das Spiel fortsetzen, verliere
ich – so muß ich wieder Diener werden, falls ich nicht im Augenblick
hier Russen finde, die gerade einen Lehrer brauchen. Mit diesen Gedanken
beschäftigt, machte ich meinen täglichen Spaziergang durch den Park.
Sehr oft ging ich weiter durch den Wald, bis ins nächste Fürstentum, und
kehrte dann erst nach mehreren Stunden müde und hungrig nach Homburg
zurück. Kaum aber war ich diesmal aus den Anlagen in den Park getreten,
als ich plötzlich auf einer Bank Mister Astley erblickte. Er hatte mich
zuerst bemerkt und mich angerufen. Ich setzte mich neben ihn. Doch da
mir eine gewisse Kühle an ihm auffiel, mäßigte ich sogleich meine
Freude. Sonst hätte ich mich fürchterlich über das Wiedersehen gefreut.
„Also Sie sind hier!“ sagte er. „Ich dachte es mir, daß ich Ihnen hier
begegnen würde. – Bemühen Sie sich nicht, mir von Ihren Erlebnissen zu
erzählen, ich weiß alles; Ihr ganzes Leben in diesen anderthalb Jahren,
mehr als anderthalb Jahren, ist mir bekannt.“
„Bah! Also so viel ist Ihnen daran gelegen, Ihre alten Freunde im Auge
zu behalten!“ versetzte ich. „Das macht Ihnen ja alle Ehre, daß Sie sie
nicht vergessen ... Apropos! Sie bringen mich auf einen Gedanken: sind
nicht Sie es gewesen, der mich aus dem Roulettenburger Gefängnis, in dem
ich wegen einer Schuld von zweihundert Gulden saß, befreit hat? Ein
Unbekannter hat die Schuld für mich bezahlt.“
„Nein, o nein, ich nicht, aber ich habe es gewußt, daß Sie wegen einer
Schuld von zweihundert Gulden im Gefängnis saßen.“
„Und so wissen Sie doch auch, wer es getan hat?“
„O nein, ich kann nicht sagen, daß ich’s wüßte.“
„Sonderbar. Von den hiesigen Russen kennt mich keiner, und übrigens
würden diese Russen hier wohl kaum einen Landsmann loskaufen; bei uns
dort in Rußland, ja, dort kaufen Rechtgläubige wohl Rechtgläubige los.
Und da dachte ich denn, daß es vielleicht irgendein englischer
Sonderling aus Sonderbarkeit getan habe.“
Mister Astley hörte mit einiger Verwunderung zu. Ich glaube, er hatte
erwartet, daß ich ganz niedergeschlagen und bekümmert sein würde.
„Nun, es freut mich, daß Sie sich Ihre alte geistige Unabhängigkeit und
sogar noch Munterkeit bewahrt haben, wie ich sehe,“ sagte er mit
ziemlich mißvergnügter Miene.
„Das heißt, innerlich knirschen Sie vor Ärger darüber, daß ich nicht
niedergeschlagen und bekümmert bin,“ sagte ich lachend.
Er begriff nicht sogleich, als er mich aber dann verstand, lächelte er.
„Ihre Bemerkungen gefallen mir. Ich erkenne in ihnen meinen alten
begeisterten und gleichzeitig doch zynischen Freund von früher. Nur die
Russen können soviel Gegensätze in sich vereinigen. In der Tat, der
Mensch liebt es, seinen Nächsten, auch wenn er sein bester Freund ist,
vor sich erniedrigt zu sehen: auf der Erniedrigung des anderen beruht
zum größten Teil die Freundschaft. Das ist nun einmal eine alte, allen
erfahrenen Leuten längst bekannte Wahrheit. Doch in diesem Fall, ich
versichere Sie, bin ich aufrichtig froh, daß Sie den Mut nicht sinken
lassen. Sagen Sie, Sie haben wohl nicht die Absicht, das Spiel
aufzugeben?“
„O, der Teufel hole es! Sofort gebe ich es auf, wenn ich nur erst ...“
„Wenn ich nur erst das Verlorene wiedergewonnen habe? Das dachte ich mir
– es ist nicht nötig, daß Sie weiterreden – ich weiß schon. Sie haben es
ganz unbedacht gesagt, folglich waren Sie aufrichtig. Sagen Sie, außer
mit dem Spiel beschäftigen Sie sich sonst mit nichts?“
„Nein, mit nichts.“
Er begann, mich nach allem möglichen auszufragen, das in der letzten
Zeit in der Welt geschehen war.
Ich wußte von nichts, ich hatte ja kaum eine Zeitung zur Hand genommen,
kaum mehr ein Buch aufgeschlagen.
„Sie sind abgestumpft,“ bemerkte er zum Schluß, „Sie haben nicht nur dem
Leben, Ihren eigenen Interessen und denen der ganzen Menschheit den
Rücken gewandt, Ihren Pflichten als Bürger und Mensch und außerdem auch
Ihren Freunden – und Sie hatten doch wirklich Freunde –, Sie haben sich
nicht nur von jedem Lebensziel und -zweck losgesagt – außer dem einen:
im Spiel zu gewinnen –, Sie haben auch Ihre Erinnerungen als
überflüssigen Ballast über Bord geworfen. Ich denke daran, wie Sie
einmal in einer heißen und großen Stunde Ihres Lebens vor mir standen –
aber ich bin überzeugt, daß Sie alle Ihre besten Empfindungen und
Absichten von damals vergessen haben, und Ihre jetzigen Gedanken und
Wünsche nicht hinausreichen über ^pair^, ^impair^, ^rouge^, ^noir^ – und
so weiter ... davon bin ich überzeugt!“
„Genug, Mister Astley, bitte, erinnern Sie mich nicht daran!“ rief ich
ärgerlich, fast erbittert. „Ich habe nichts vergessen – ich habe nur
jetzt _zeitweilig_ alles das aus meinem Denken und Sinnen
ausgeschlossen, ja, auch die Erinnerungen, Sie haben recht, – aber nur
vorläufig, bis ich meine pekuniäre Lage radikal gebessert habe; dann
aber ... dann werden Sie sehen, daß ich von den Toten auferstehe!“
„In zehn Jahren werden Sie noch hier sein,“ erwiderte Mister Astley
darauf. „Ich gehe mit Ihnen jede Wette ein, daß ich Sie an diese meine
Worte noch nach zehn Jahren, wenn ich lebe, hier auf dieser Bank
erinnern werde.“
„Nun gut,“ schnitt ich ungeduldig ab, „doch um Ihnen zu beweisen, daß
ich das Vergangene doch nicht ganz so vergessen habe, wie Sie annehmen,
erlauben Sie die Frage: wo ist jetzt Miß Polina? Wenn nicht Sie mich aus
dem Gefängnis befreit haben, so hat es bestimmt Miß Polina getan. Seit
jenem letzten Tage damals in Roulettenburg habe ich nichts von ihr
gehört.“
„Nein, o nein! Ich glaube nicht, daß sie Sie losgekauft hat. Sie ist
jetzt in der Schweiz, aber Sie würden mir einen großen Gefallen
erweisen, wenn Sie mich nicht weiter nach ihr fragten,“ sagte er kurz
und sichtlich verstimmt.
„Das bedeutet wohl, daß auch Ihr Herz schon gar zu sehr durch sie
verwundet ist!“ sagte ich unwillkürlich lachend.
„Miß Polina verdient die größte Hochachtung und ist der beste Mensch,
aber ich sage Ihnen nochmals, daß Sie mir einen großen Gefallen erweisen
würden, wenn Sie mich nicht weiter nach ihr fragen wollten. Sie haben
sie überhaupt nicht gekannt und ich empfinde es als Beleidigung, wenn
Sie ihren Namen aussprechen.“
„Ah! Also so stehen wir! Übrigens täuschen Sie sich. Und wovon sollte
ich denn mit Ihnen sprechen, sagen Sie doch selbst, wenn nicht – davon?
Andere gemeinsame Erinnerungen haben wir ja gar nicht. Doch beunruhigen
Sie sich nicht, ich frage ja nicht nach Geheimnissen oder Gefühlen ...
ich interessiere mich sozusagen nur für die äußere Lage der Miß Polina,
nur für die Verhältnisse, in denen sie jetzt lebt. Das aber läßt sich ja
in zwei Worten sagen.“
„Nun gut, aber unter der Bedingung, daß die Sache damit abgetan ist. Miß
Polina war lange krank; sie ist auch jetzt noch krank; eine Zeitlang
lebte sie bei meiner Mutter und Schwester in Schottland. Vor einem
halben Jahr starb ihre Großtante – Sie erinnern sich doch noch jener
alten Dame? Nun, die ist jetzt tot, hat aber testamentarisch
siebentausend Pfund Sterling Miß Polina vermacht. Augenblicklich reist
sie mit der Familie meiner verheirateten Schwester in der Schweiz. Ihr
kleiner Bruder und die kleine Schwester sind in London und lernen dort.
Für sie ist gleichfalls durch das Testament der Großtante gesorgt. Der
General, ihr Stiefvater, ist vor einem Monat in Paris am Schlage
gestorben. Mademoiselle Blanche hat ihn gut behandelt, dafür aber alles,
was er von der Tante geerbt hat, auf ihren Namen schreiben lassen ...
Das ist, glaube ich, alles.“
„Und de Grillet? Reist er nicht gleichfalls in der Schweiz?“
„Nein, de Grillet reist nicht in der Schweiz, ich weiß nicht, wo er sich
aufhält. Ich möchte Sie aber ein für allemal ersuchen, ähnliche
Bemerkungen und Andeutungen, die Ihnen jedenfalls nicht Ehre machen,
fernerhin zu unterlassen, anderenfalls werden Sie es mit mir zu tun
haben.“
„Was! Ungeachtet unserer früheren freundschaftlichen Beziehungen?“
„Ja, ungeachtet unserer früheren freundschaftlichen Beziehungen.“
„Ich bitte Sie tausendmal um Entschuldigung, Mister Astley. Aber
erlauben Sie ... einstweilen – hierbei ist doch nichts Beleidigendes,
ich mache ihr doch keinen Vorwurf oder ... sonst was. Außerdem ist, im
allgemeinen gesprochen, die – nun: Zusammenstellung eines Franzosen und
eines russischen jungen Mädchens etwas so Haarsträubendes, daß Sie und
ich das Problem weder lösen noch überhaupt begreifen können.“
„Wenn Sie de Grillet nicht in einem Atemzuge mit dem anderen Namen
nennen wollten oder überhaupt in Verbindung bringen, so würde ich ganz
gern erfahren wollen, weshalb Sie so verallgemeinernd von dem Problem
der ‚Zusammenstellung‘ eines ‚Franzosen mit einem russischen jungen
Mädchen‘ reden. Wie kommen Sie überhaupt darauf?“
„Sehen Sie, da hat es nun auch Ihr Interesse geweckt. Aber: das ist ein
langes Thema, Mister Astley. Und es sind auch einige Vorkenntnisse
vonnöten. Übrigens ist es ein sehr bedeutsames Problem, wie lächerlich
das auch auf den ersten Blick scheinen mag. Ein Franzose, Mister Astley,
ist die vollendete hübsche Form. Sie als Engländer brauchen sich damit
nicht einverstanden zu erklären, Sie sind wahrscheinlich anderer
Meinung. Und ich als Russe bin gleichfalls nicht damit einverstanden,
wenn auch nur – nun, sagen wir meinetwegen, aus Neid. Unsere jungen
Damen aber sind anderer Meinung. Wir beide können Racine unnatürlich
finden, phrasenhaft, geziert und parfümiert, und lesen werden Sie ihn zu
Ihrem Vergnügen ganz gewiß nicht. Ich finde ihn einfach lächerlich; aber
er ist äußerlich von guter Form, Mister Astley, und ein Meister der
poetischen Ausdrucksweise, gleichviel ob wir das anerkennen wollen –
oder nicht. Die nationale Form des Franzosen, d. h. des Parisers, hat
sich schon zu einer Zeit, als wir noch Bären waren, zu einer
ausgesprochen eleganten Form entwickelt. Die Revolution stellte den
Bourgeois neben den Edelmann. Und heutzutage kann der lumpigste
Franzusischka Manieren, eine Ausdrucksweise und sogar Gedanken von
durchaus eleganter Form haben, ohne dabei an dieser Form weder durch
seine Erfindungsgabe, noch mit seiner Seele, seinem Herzen, seinem Geist
irgendwie beteiligt zu sein: er hat eben alles das einfach geerbt. An
sich kann er leerer als leer und gemeiner als gemein sein. Nun und
jetzt, Mister Astley, sage ich Ihnen, daß es in der ganzen Welt kein
Wesen gibt, das vertrauensvoller, aufrichtiger und von Herzen
zutraulicher wäre, als die klugen, jungen russischen Mädchen, selbst
wenn sie auch noch so verbildet sind. Freilich gar zu verbildet dürfen
sie nicht sein. Daher kann so ein de Grillet, wenn er in einer schönen
Rolle, d. h. also maskiert, unter ihnen erscheint, mit größter
Leichtigkeit das Herz eines russischen Mädchens erobern; er hat die
elegante Form, Mister Astley, und das betreffende Mädchen hält diese
Form, diese äußere Maske, für das wahre Gesicht des inneren Menschen,
für die natürliche Form seines Charakters und seines Herzens, und nicht
bloß für ein Gewand, das ihm durch Erbschaft zugefallen ist.
Leider muß ich Ihnen sagen – Sie werden wohl kaum sehr erbaut davon sein
–, daß die Engländer größtenteils eckig und steif sind, die Russinnen
aber haben ein recht feines Empfinden für Schönheit und lassen sich
durch sie am leichtesten ködern. Denn, um die innere Schönheit eines
Menschen und die Originalität seiner Persönlichkeit erkennen zu können,
dazu gehört unvergleichlich mehr Selbständigkeit und Sicherheit in der
Beurteilung eines Menschen, als ihn unsere Frauen besitzen und erst
recht unsere jungen Mädchen, und vor allen Dingen, versteht sich: weit
mehr Erfahrung. Miß Polina aber – verzeihen Sie, was ausgesprochen ist,
läßt sich nicht mehr unausgesprochen machen – muß sich sehr, sehr lange
bedenken, bis sie sich entschließen kann, Sie dem Gauner de Grillet
vorzuziehen. Sie wird Sie schätzen lernen, sie wird Ihr Freund werden,
wird Ihnen ihr ganzes Herz öffnen, aber dennoch wird in diesem Herzen
der verhaßte Lump, der kleinliche, gemeine und habgierige Wucherer de
Grillet herrschen. Dabei bleibt es. Ihr Eigensinn und ihre Eigenliebe
halten daran fest: denn dieser de Grillet ist ihr nun einmal in der
Aureole eines eleganten Marquis, eines enttäuschten und wie es hieß,
verarmten Menschenfreundes erschienen, der ihrer Familie und dem
leichtsinnigen General aus der Not geholfen hat. Die ganze Komödie, die
er gespielt hat, ist ja jetzt für sie kein Geheimnis mehr, aber das hat
nichts zu sagen, trotzdem: bitte, geben Sie ihr den früheren de Grillet,
– das ist alles, was sie haben will! Und je mehr sie den jetzigen de
Grillet haßt, um so mehr sehnt sie sich nach dem früheren, obschon der
frühere nur in ihrer Phantasie existiert hat. Sie sind Zuckersieder,
Mister Astley?“
„Ich bin Mitinhaber der bekannten Zuckerfabrik Lowell und Kompagnie.“
„Nun, sehen Sie wohl! Hier ein Zuckersieder – dort ein Apoll! Das geht
eben nicht, es harmoniert nicht, es läßt sich nicht vereinigen. Ich aber
bin nicht einmal Zuckersieder, sondern einfach nur ein kleiner Spieler,
bin sogar ein Diener gewesen, was Miß Polina sicherlich bereits wissen
wird, denn wie ich sehe, scheint sie eine gute Geheimpolizei zu haben
...“
„Sie sind verbittert, deshalb reden Sie diesen ganzen Unsinn,“ sagte
Mister Astley kaltblütig, nach kurzem Nachdenken. „Außerdem entbehren
Ihre Worte der Originalität.“
„Einverstanden! Aber gerade darin liegt ja das Entsetzliche, mein
verehrter Freund, daß alle diese meine Beschuldigungen, so veraltet, so
billig und phrasenhaft sie sein mögen, dennoch die Wahrheit selbst sind!
Immerhin haben wir beide nichts erreichen können!“
„Das ist nichts weiter als ganz abscheulicher Unsinn ... denn ... denn
... so hören Sie!“ rief plötzlich Mister Astley mit aufblitzenden Augen,
und seiner Stimme hörte man die innere Erregung an, „ich will es Ihnen
sagen, Sie undankbarer und unwürdiger, gesunkener und unglücklicher
Mensch: ich bin in ihrem Auftrage nach Homburg gekommen, nur um Sie zu
sehen und aufrichtig und herzlich mit Ihnen zu sprechen, und ihr dann
alles mitzuteilen, alles – Ihre Gefühle, Gedanken, Hoffnungen und ...
Erinnerungen!“
„Nicht möglich! Das ist nicht möglich!“ rief ich, und plötzlich stürzten
mir Tränen aus den Augen.
Ich konnte sie nicht zurückhalten, und das geschah, glaube ich, zum
erstenmal in meinem Leben.
„Ja, Sie unglücklicher Mensch, sie liebte Sie – das kann ich Ihnen jetzt
mitteilen, weil Sie ja doch schon ein verlorener Mensch sind. Ja, ich
glaube sogar, selbst wenn ich Ihnen sage, daß sie Sie auch jetzt noch
liebt – Sie werden trotzdem hier bleiben! Ja, Sie haben sich zugrunde
gerichtet. Sie hatten einige Fähigkeiten, einen lebhaften Charakter und
Sie waren kein schlechter Mensch. Sie könnten sogar Ihrem Vaterlande
etwas sein – und Rußland hat doch einen solchen Mangel an Menschen – Sie
aber werden hier bleiben. Ihr Leben ist zu Ende. Ich schreibe Ihnen
keine Schuld zu. Meiner Ansicht nach sind alle Russen so – oder sind
geneigt, so zu sein. Ist es nicht das Roulette, dann ist es etwas
anderes, Ähnliches. Die Ausnahmen sind gar zu selten. Sie sind nicht der
Erste, der nicht weiß, was Arbeit ist – natürlich rede ich nicht vom
Volk. Das Roulette wird vorzugsweise von Russen gespielt. Bis jetzt
waren Sie noch ehrlich und haben es vorgezogen, Diener zu werden, als zu
stehlen ... Aber mir graut vor dem Gedanken, was in Zukunft geschehen
wird. Doch genug, reden wir nicht davon! Leben Sie wohl. Sie haben Geld
nötig? Hier haben Sie von mir zehn Louisdor, mehr gebe ich Ihnen nicht,
denn Sie werden sie ja doch verspielen. Nehmen Sie und leben Sie wohl!
So nehmen Sie doch!“
„Nein, Mister Astley, nach allem, was Sie soeben gesagt haben ...“
„Nehmen Sie!“ rief er impulsiv, „ich bin überzeugt, daß Sie noch ein
anständiger Mensch sind und ich gebe es Ihnen als Freund. Könnte ich
überzeugt sein, daß Sie sofort das Spiel aufgeben und Homburg verlassen
würden, um in Ihr Vaterland zurückzukehren – ich wäre ohne weiteres
bereit, Ihnen tausend Pfund Sterling für den Anfang eines neuen Lebens
zu geben. Statt dessen gebe ich Ihnen nur zehn Louisdor, denn für Sie
sind sie im Augenblick dasselbe wie tausend Pfund: sie werden ja doch
alles verspielen! So, und jetzt nehmen Sie das Geld und leben Sie wohl.“
„Ich werde es annehmen, aber nur, wenn Sie mir erlauben, Sie zum
Abschied zu umarmen.“
„O, das mit Vergnügen!“
Wir umarmten uns herzlich und Mister Astley verließ mich.
Nein, er hat nicht recht! Wenn ich mich vorschnell und dumm über Polina
und de Grillet geäußert habe, so hat er das Gleiche in seiner
Beurteilung der Russen getan. Von mir will ich nicht reden. Übrigens ...
übrigens ist das ja vorläufig gar nicht, was – das sind ja nur Worte,
Worte und Worte, während doch gerade Taten nottun! Die Hauptsache ist
hier jetzt die Schweiz! Morgen noch – o, wenn ich doch morgen schon
abreisen könnte! Ich muß ein neuer Mensch werden, ich muß auferstehen.
Ich muß ihnen beweisen ... Polina soll wissen, daß ich noch Mensch sein
kann. Ich brauche ja nur ... Jetzt ist es übrigens schon zu spät, – aber
morgen ... O, ich habe ein gutes Vorgefühl, es kann nicht anders sein!
Ich habe jetzt außer meinen fünf Gulden noch zehn Louisdor, und habe
doch schon mit viel weniger, habe mit nur fünfzehn Gulden zu spielen
begonnen! Wenn man vorsichtig beginnt ... – o, bin ich denn wirklich,
wirklich ein so kleines Kind! Begreife ich denn wirklich nicht, daß ich
ein verlorener Mensch bin? Aber – was hindert mich denn, aufzuerstehen?
Ja! Man braucht nur einmal im Leben Berechnung und Ausdauer zu beweisen,
einmal nicht die Geduld zu verlieren – und das ist alles! Ich muß nur
einmal charakterfest sein und in einer Stunde kann sich mein ganzes
Schicksal umdrehen! Die Hauptsache ist, wie gesagt – Charakter! Wenn ich
daran denke, was ich vor sieben Monaten in Roulettenburg in der
Beziehung erlebt habe! – es war gerade vor meinem großen Verlust. O, das
ist das beste Beispiel dafür, was mitunter Entschlossenheit bedeuten
kann. Ich hatte alles verloren, alles ... Wie ich aus dem Kurhaus
hinaustrete – fühle ich plötzlich, daß in meiner Westentasche noch ein
Gulden sich regt. „Ah, da habe ich ja noch was, wofür ich zu Mittag
speisen kann!“ dachte ich bei mir, doch – keine hundert Schritte weiter
hatte ich mich anders bedacht und kehrte zurück. Ich setzte den Gulden
auf ^manque^ (damals war gerade ^manque^ an der Reihe) und wirklich, es
liegt etwas Eigentümliches in unserem Gefühl und Bewußtsein, wenn man
ganz allein in der Fremde, fern von der Heimat, fern von Freunden und
Bekannten, ohne zu wissen, was man essen und wo man schlafen wird, den
letzten, den allerletzten Gulden aufs Spiel setzt! Ich gewann, und nach
zwanzig Minuten verließ ich das Kurhaus mit hundertsiebzig Gulden in der
Tasche. Tatsache! Da sieht man, was mitunter der letzte Gulden bedeuten
kann! Wie, wenn ich damals den Mut verloren hätte, wenn ich nicht gewagt
hätte, den Entschluß zu fassen? ...
Morgen, morgen wird alles ein Ende haben!