XVI.

Was soll ich von Paris sagen? Alles das war natürlich halb Fiebertraum,

halb Blödsinn. Drei Wochen und ein paar Tage verlebte ich in Paris, und

in dieser Zeit waren meine hunderttausend Franken restlos verausgabt.

Ich rede nur von dem einen Hunderttausend; das andere Hunderttausend

habe ich in barem Gelde Blanche gegeben: fünfzigtausend Franken in

Frankfurt, und drei Tage später in Paris einen Wechsel wieder auf

fünfzigtausend Franken, für dessen Tilgung sie aber nach einer Woche das

bare Geld von mir verlangte, – „^et les cent mille francs, qui nous

restent^,“ sagte sie mir bei der Gelegenheit, „^tu les mangeras avec

moi, mon outchitel^.“ Sie nannte mich nie anders als „^mon outchitel^“.

Es ist schwer, sich etwas Geizigeres, Berechnenderes und Knauserigeres

vorzustellen als es diese Geschöpfe von der Art der Mademoiselle Blanche

sind. Natürlich nur, was ihr eigenes Geld betrifft! Mit meinem Gelde

dagegen pflegte sie ganz anders umzugehen. Die hunderttausend Franken z.

B., die mir geblieben waren, knüpfte sie mir nach und nach gleichfalls

ab, und zwar mit der Begründung, daß sie sie unbedingt nötig habe, um

sich in Paris erst einmal einzurichten. Später erklärte sie mir: „Aber

jetzt habe ich auch ein für allemal hier Fuß gefaßt, jetzt wird mich

niemand mehr so leicht aus meiner Position drängen, – wenigstens habe

ich meine Vorkehrungen getroffen.“

Übrigens habe ich diese Hunderttausend kaum zu Gesicht bekommen, denn

das Geld bewahrte sie auf, und in meinem Portemonnaie, das sie täglich

untersuchte, sammelte sich nie mehr an als – hundert Franken, gewöhnlich

aber nicht einmal soviel.

„Wozu brauchst du Geld?“ fragte sie zuweilen mit der naivsten Miene, und

ich widersprach ihr nicht. Dafür aber richtete sie ihre Wohnung sehr,

ich sage sehr vorteilhaft ein, und als sie mich dann durch alle Zimmer

ihres neuen Heims führte, konnte sie mit einer gewissen nicht

unerheblichen Selbstzufriedenheit sagen: „Sieh, was man, wenn man zu

rechnen versteht und Geschmack hat, mit den lumpigsten Mitteln machen

kann!“ Diese Lumpigkeit kostete aber nichtsdestoweniger rund

fünfzigtausend Franken. Für die anderen fünfzigtausend Franken schaffte

sie sich eine Equipage und Pferde an, außerdem gaben wir zwei Bälle oder

vielmehr Soireen, zu denen auch Hortense und Lisette und Cléopatre

eingeladen wurden – Damen, die in vielen, in sehr vielen Beziehungen

bemerkenswert waren und aussahen. An diesen Abenden war ich gezwungen,

die höchst dumme Rolle eines Hausherrn zu spielen, reich gewordene, doch

stumpfsinnig gebliebene Geschäftsleute zu empfangen und zu unterhalten,

desgleichen in ihrer Unwissenheit und zugleich Schamlosigkeit

unerträgliche unbedeutende Leutnants und verschiedene kleine Autoren und

Zeitungsmenschen, die in Fracks nach neuester Mode und mit hellgelben

Glacéhandschuhen erschienen und sich mit einer Eigenliebe und

Aufgeblasenheit brüsteten, wie es in dem Maße sogar bei uns in

Petersburg undenkbar wäre – das aber will viel sagen. Sie ließen es sich

sogar einfallen, über mich zu lachen, doch ich zog mich bald in eines

der hinteren Zimmer zurück und trank Champagner. Alles das war mir im

höchsten Grade widerlich.

„^C’est un outchitel^,“ erzählte derweilen Blanche ihren Gästen, „^il a

gagné deux cent mille francs^, die er ohne mich nicht auszugeben

verstände. Nachher wird er wieder ^outchitel^, – weiß nicht jemand von

Ihnen eine Stelle für ihn? Man muß etwas für ihn tun.“

Ich nahm allmählich immer öfter meine Zuflucht zum Champagner. Ich war

dabei beständig traurig gestimmt ... und dann – dann war es auch so

furchtbar langweilig! Ich lebte in einem echt bourgeoisen, echt

krämerhaften Milieu, in dem jeder Sou berechnet und gewogen wurde. In

den ersten zwei Wochen liebte mich Blanche durchaus nicht, sogar im

Gegenteil, und das merkte ich natürlich sehr gut. Zwar legte sie sehr

viel Gewicht darauf, daß ich stets elegant gekleidet war, ja sie bestand

sogar darauf, mir täglich selbst die Krawatte zu binden, aber im Grunde

verachtete sie mich doch aufrichtig. Nur war mir das alles furchtbar

gleichgültig. Gelangweilt und schwermütig, wie ich war, gewöhnte ich mir

an, mich ins Château des Fleurs zu begeben, wo ich mir jeden Abend einen

Rausch antrank und mich in den Künsten und Kenntnissen des Cancans

unterrichten ließ (der dort übrigens miserabel getanzt wird), so daß ich

mir zum Schluß sogar eine gewisse Berühmtheit erwarb. Endlich aber

lernte mich Blanche doch besser verstehen. Es hatte sich in ihr vom

ersten Tage an die Vorstellung festgesetzt, daß ich während der ganzen

Zeit unseres Zusammenlebens nichts anders tun würde, als ihr mit

Bleistift und Notizbuch in der Hand auf Schritt und Tritt zu folgen, um

nur ja alles zu notieren und zu summieren, was sie ausgegeben und was

sie gestohlen, was sie ausgeben werde und voraussichtlich noch stehlen

werde. Und selbstverständlich war sie überzeugt, daß es zwischen uns

wegen jedes Zehnfrankenstückes zu einer Schlacht kommen werde. Und so

hatte sie schon im voraus auf jeden meiner erwarteten Angriffe eine

Antwort bereit. Als aber dann alle diese Angriffe meinerseits

ausblieben, begann sie von selbst, ohne jede Veranlassung, ihre

Erklärungen und Rechtfertigungen vorzutragen. Zuweilen machte sie sich

sogar mit einem wahren Übereifer daran, plötzlich aber, wenn es ihr dann

auffiel, daß ich mit dem größten Gleichmut schwieg – gewöhnlich

faulenzte ich auf der Chaiselongue herum und sah ruhig zur Decke hinauf

– da begann sie sich doch zu wundern. Anfangs dachte sie, ich sei

einfach nur bodenlos dumm – „^un outchitel^“ und nichts weiter – und sie

verstummte dann plötzlich, wahrscheinlich mit dem Gedanken: „Er ist ja

doch dumm, wozu ihn also darauf bringen, wenn er nicht selbst darauf

verfällt.“ Doch vergingen dann keine zehn Minuten und sie begann von

neuem mit ihrer Verteidigung – namentlich in der letzten Zeit, als ihre

Ausgaben immer verschwenderischer wurden, als sie z. B. ein Paar Pferde

für sechzehntausend Franken gekauft hatte.

„Nun, also du, Bibi, ärgerst dich nicht,“ kam sie wieder darauf zurück.

„N–n–ein! Laß – mich – in – Ruh!“ sagte ich müde und gelangweilt und

schob sie mit der Hand von mir fort – doch das war für sie so

interessant, daß sie sich sogleich neben mich setzte.

„Siehst du, wenn ich mich entschlossen habe, soviel für sie zu zahlen,

so tat ich es doch nur, weil es ein Gelegenheitskauf war. Man kann sie

für zwanzigtausend Franken wieder verkaufen.“

„Ja, ja, ich glaub’s ja schon. Die Pferde sind tadellos und du hast

jetzt ein wundervolles Gespann. Gut so. Wird dir zustatten kommen. Aber

jetzt genug davon.“

„So ärgerst du dich wirklich nicht?“

„Worüber? Es ist doch sehr klug von dir, daß du dich mit einigen

notwendigen Sachen versorgst. Alles das wird dir später sehr nützlich

sein. Ich sehe doch ein, daß du dir zuerst eine gute Grundlage

verschaffen mußt: anders wirst du’s nicht zur Millionärin bringen. Hier

sind unsere hunderttausend Franken nur der Anfang, nur ein Tropfen im

Meer.“

Blanche, die alles eher als eine solche Antwort erwartet hatte – an

Stelle der Vorwürfe und womöglich Szenen! – fiel aus den Wolken.

„So bist du ... Also _so_ bist du! ^Mais tu as l’esprit pour comprendre!

Sais-tu, mon garçon^, du bist zwar ein ^outchitel^, aber du hättest als

Prinz geboren werden müssen! So tut es dir nicht leid, daß das Geld bei

uns so schnell – geht?“

„Ach nun, mag’s doch, wenn’s doch nur schneller ginge!“

„^Mais ... sais-tu ... mais dis donc^, bist du denn reich? ^Mais

sais-tu^, du verachtest mir das Geld schon gar zu sehr! ^Qu’est-ce que

tu feras après, dis donc?^“

„^Après^ fahre ich nach Homburg und gewinne wieder hunderttausend

Gulden.“

„^Oui, oui, c’est ça, c’est magnifique!^ Und ich weiß, du wirst

unbedingt gewinnen und das Geld herbringen. ^Dis donc^, – du bringst es

wahrhaftig fertig, daß ich dich wirklich zu lieben beginne! ^Eh bien^,

dafür, daß du so bist, werde ich dich jetzt die ganze Zeit lieben und

werde dir kein einziges Mal untreu sein. Denn sieh, wenn ich dich bis

jetzt auch nicht geliebt habe, ^parce que je croyais, que tu n’es qu’un

outchitel (quelque chose comme un laquais, n’est-ce pas?)^ so bin ich

dir doch immer treu gewesen, denn – ^je suis bonne fille^.“

„Na, und das soll ich glauben? Und jener Albert, jener Leutnant mit dem

schwarzglänzenden Haar – habe ich dich denn nicht mit ihm gesehen?“

„Oh, oh, ^mais tu es^ ...“

„Na, lüge nur nicht, schon gut; oder glaubst du, daß ich mich darüber

ärgere? Das ist mir doch furchtbar egal. ^Il faut que jeunesse se

passe.^ Du kannst ihn doch nicht vor die Tür setzen, wenn er ältere

Rechte hat und du ihn liebst. Nur Geld brauchst du ihm deshalb nicht zu

geben, hörst du?“

„So bist du auch darüber nicht böse? ^Mais tu es un vrai philosophe,

sais-tu? Un vrai philosophe!^“ rief sie ganz begeistert. „^Eh bien, je

t’aimerai, je t’aimerai – tu verras, tu seras content!^“

Und wirklich, von dem Tage an bezeugte sie eine gewisse Anhänglichkeit,

ja sogar eine gewisse Freundschaft entwickelte sich zwischen uns, und so

vergingen die letzten zehn Tage. Die verhießenen „Sterne“ habe ich zwar

nicht gesehen, aber in gewissen anderen Beziehungen hielt sie

tatsächlich ihr Versprechen. Außerdem machte sie mich mit Hortense

bekannt, einer in ihrer Art allerdings sehr bemerkenswerten Dame, die in

unserem Kreise „^Thérèse philosophe^“ genannt wurde ...

Übrigens, es lohnt nicht, sich darüber zu verbreiten. Alles das ließe

sich als Vorwurf zu einer anderen Erzählung mit einem anderen Kolorit,

wie ich es hier nicht hineinbringen will, verwenden. Kurz, die Sache war

die, daß ich keinen sehnlicheren Wunsch hatte, als diesen einen: daß

alles möglichst schnell zu Ende sei. Doch leider reichten meine

hunderttausend Franken, wie gesagt, fast für einen ganzen Monat aus,

worüber ich selbst aufrichtig erstaunt war. Von diesem Gelde kaufte sich

Blanche für mindestens achtzigtausend Franken „das Notwendigste“,

verlebt aber haben wir ganz gewiß nicht mehr als zwanzigtausend Franken.

Blanche, die zum Schluß sogar aufrichtig gegen mich war – wenigstens in

gewissen Dingen belog sie mich nicht mehr – machte mich noch vor der

Trennung darauf aufmerksam, ganz gerührt durch ihre eigene Güte, daß mir

wenigstens nicht die Schulden zur Last fallen würden, welche sie früher

zu machen gezwungen gewesen sei.

„Ich habe dich keine Rechnungen und Wechsel unterzeichnen lassen,“ sagte

sie, „denn du tatest mir leid; eine andere aber hätte das bestimmt getan

und dich ins Schuldgefängnis gebracht. Siehst du, siehst du jetzt, wie

ich dich geliebt habe und wie gut ich bin! Und bedenk doch nur, was mich

allein diese verwünschte Hochzeit kosten wird!“

Es wurde nämlich wirklich eine Hochzeit gefeiert, gegen Ende des Monats,

und es ist anzunehmen, daß sie die letzten Reste meiner Hunderttausend

verschlang. Und damit war dann alles erledigt, d. h. es war das Ende

unseres Monats und ich erhielt meinen Abschied. Mit der Hochzeit aber

verhielt es sich folgendermaßen: Eine Woche nach unserer Ankunft in

Paris traf auch der General dort ein. Er kam gleich zu Blanche und blieb

von seinem ersten Besuch an so gut wie ganz bei uns, obwohl er da

irgendwo auch eine Wohnung hatte. Blanche empfing ihn hocherfreut, lief

ihm mit Jubel und Gelächter entgegen und umarmte ihn sogar. Und es kam

bald so weit, daß sie ihn kaum noch fort ließ und er sie überallhin

begleiten mußte: auf die Boulevards und auf den Spazierfahrten, ins

Theater und zu Bekannten. Dazu ließ sich der General noch sehr gut

verwenden: er zeichnete sich immerhin durch eine ganz imposante

Erscheinung aus, war groß von Wuchs, hinzu kamen gute Manieren, ein

etwas gefärbter Backenbart, ein riesiger Schnurrbart, wie ihn die Mode

verlangte – er war ehemaliger Kürassier – und ein noch ganz

sympathisches Gesicht, wenn auch die Züge schon ein wenig zu

verschwimmen begannen. Kurz, sein Auftreten war tadellos und sein Frack

war es nicht minder. Und in Paris trug er nun auch seine Orden. Mit

einem solchen Herrn aber auf den Boulevards zu promenieren, war nicht

nur „möglich“, sondern sogar empfehlenswert. Natürlich war der gute und

jetzt mehr denn je auf den Kopf gefallene General sehr zufrieden mit

dieser Verwendung seiner Person, – hatte er doch gar nicht auf so viel

Freundlichkeit ihrerseits zu hoffen gewagt, als er uns nach Paris

gefolgt war! Er zitterte ja förmlich vor Angst, als er erschien, denn er

fürchtete zunächst, Blanche werde ihn anschreien und hinauswerfen

lassen. Da kann man sich denken, wie selig ihn dieser unerwartete

Empfang machen mußte. Er war die ganze Zeit, während der ich mit ihm

zusammen war, geradezu und wörtlich genommen: sinnlos glücklich. Ich

hatte ihn bis dahin noch nie in einem solchen Zustande gesehen, und in

diesem Rausch befand er sich auch dann noch, als ich sie drei Wochen

später verließ.

Erst hier habe ich genauer erfahren, wie damals unsere plötzliche

Abreise aus Roulettenburg auf ihn gewirkt hatte: er war bewußtlos

zusammengebrochen – vielleicht ist es sogar eine Art Schlaganfall

gewesen – und dann hatte er sich eine Woche lang wie ein Irrsinniger

benommen. Die Ärzte sollen ihn nach bestem Wissen behandelt haben, doch

plötzlich hatte er sich auf und davon gemacht – um in Paris

aufzutauchen. Selbstverständlich war dann der Empfang, den Blanche ihm

unerwarteterweise bereitete, das beste Heilmittel für ihn; dennoch

verrieten sich noch lange die Folgen der überstandenen Krankheit, trotz

seiner frohen, ja sogar begeisterten Stimmung. Denken oder auch nur ein

etwas ernstes Gespräch führen, konnte er überhaupt nicht mehr. Wenn

andere zu ihm sprachen, begnügte er sich damit, nach jedem Satz „Hm!“ zu

sagen und tiefernst mit dem Kopf zu nicken. Das nahm sich dabei gar

nicht so übel aus. Sehr oft aber hörte ich ihn lachen, doch klang es wie

das nervöse Gelächter eines Kranken: oft wiederum saß er stundenlang wie

in Gedanken versunken, mit düsterem Gesicht, die buschigen Brauen

zusammengezogen, und rührte sich nicht. Vieles war ganz aus seinem

Gedächtnis entschwunden; gewöhnlich war er unglaublich zerstreut und

überdies hatte er sich angewöhnt, mit sich selbst zu sprechen. Nur

Blanche vermochte ihn aufzuheitern und zu beleben. Übrigens bedeuteten

diese Anfälle von düsterer Gedankenversunkenheit und stumpfem

Vorsichhinbrüten – er saß dann ganz zurückgezogen in einem Winkel –

nichts anderes, als daß er Blanche lange nicht gesehen hatte, z. B. wenn

sie ausgefahren war, ohne ihn mitzunehmen oder ohne sich herzlich von

ihm verabschiedet zu haben. Er hätte aber gewiß selbst nicht zu sagen

gewußt, was ihm dann fehlte, und ich glaube, er wußte es ebensowenig,

daß er traurig und düster war. Nachdem er dann ein bis zwei Stunden so

gesessen (ich habe es zweimal beobachtet, als Blanche für den ganzen Tag

ausgefahren war, wahrscheinlich zu ihrem Albert), zuckte er plötzlich

zusammen, schaute sich nach allen Seiten um, als suche er jemanden; doch

da er niemanden sah und natürlich nicht wußte, was er eigentlich haben

oder fragen wollte, versank er wieder in sein dumpfes Brüten – bis dann

endlich Blanche erschien, heiter, ausgelassen lustig, in schöner

Toilette und mit ihrem hellen Lachen. Sie eilte dann lachend auf ihn zu,

schüttelte ihn und küßte ihn womöglich – mit letzterem beglückte sie ihn

übrigens nur selten. Einmal brach er vor lauter Seligkeit sogar in

Tränen aus, als sie nach längerer Abwesenheit heimkehrte und ihn wieder

so begrüßte. Ich wunderte mich im stillen nicht wenig.

Gleich nachdem der General bei uns aufgetaucht war, schwang sich Blanche

zu seiner Verteidigerin vor mir auf. Und sie redete, wie ein

raffinierter Advokat es nicht besser verstanden hätte. Zuerst hielt sie

mir vor, daß sie ihm um meinetwillen untreu geworden sei, sie, die doch

schon so gut wie seine Braut gewesen, die ihm sogar ihr Wort gegeben!

Und er habe doch um ihretwillen seine Familie verlassen, ich aber, nicht

zu vergessen, ich habe doch einst bei ihm „gedient“; das dürfe ich nicht

so ohne weiteres unberücksichtigt lassen, und ... und – ob ich mich denn

gar nicht schäme! ... Ich schwieg unentwegt und sie redete hochtrabender

denn je weiter. Endlich brach ich in schallendes Gelächter aus, und

damit war die Sache erledigt, d. h. zuerst dachte sie, ich sei ein

unverbesserlicher Esel, dann aber blieb sie bei der Meinung, daß ich ein

sehr guter und vernünftiger Mensch sei. Mit einem Wort, ich hatte das

Glück, die unschätzbare Geneigtheit dieser ehrenwerten Demoiselle zu

verdienen. Übrigens war Blanche wirklich ein herzensgutes Mädchen –

allerdings, versteht sich, nur in ihrer Art. Ich hatte sie eben anfangs

nicht richtig zu schätzen gewußt!

„Du bist ein kluger und guter Mensch,“ sagte sie mir zum Schluß, „und

... und ... schade nur, daß du so ein Dummkopf bist! Nichts, nichts

wirst du dir ersparen, zu nichts wirst du es bringen!“ Ich sei eben ein

„^vrai russe, un kalmouk^!“

Als solchen schickte sie mich mit dem General spazieren, genau wie einen

Diener mit einem Windspiel. Doch das war mir natürlich gleich und so

ging ich denn mit ihm ins Theater, in die Restaurants, und sogar der

„Bal Mabille“ hat uns gesehn. Für diese Zerstreuungen gab Blanche selber

das nötige Geld, obschon der General auch welches besaß und mit

besonderer Vorliebe seine Brieftasche hervorzog, wenn andere zugegen

waren. Einmal mußte ich fast Gewalt anwenden, um ihn zu verhindern, im

Palais Royal eine Brosche für siebenhundert Franken zu kaufen, die er

Blanche schenken wollte. Was war für sie eine Brosche zu siebenhundert

Franken? Und übrigens besaß ja der General selbst nicht mehr als etwa

tausend Franken. Leider habe ich nicht erfahren können, von wem er sie

hatte. Ich nehme an – von Mister Astley, da dieser ja auch im Hotel für

ihn bezahlt hatte! Was aber mein Verhalten zum General und dessen

Verhalten zu mir betrifft, so glaube ich, daß er von meinen wirklichen

Beziehungen zu Blanche keine Ahnung hatte. Er hatte wohl gehört, daß ich

ein Vermögen gewonnen, doch schien er trotzdem anzunehmen, daß ich bei

Blanche die Stellung – nun, etwa die eines Privatsekretärs oder

vielleicht sogar eines Dieners einnahm. Wenigstens sprach er mit mir nur

in herablassendem Tone, ganz wie ehedem, als ich noch Hauslehrer seiner

Kinder war, und zuweilen hielt er mir sogar eine Standrede. Ich weiß

noch, einmal erheiterte er uns, Blanche und mich, beim Frühstück so

köstlich, daß wir Tränen lachten. Er war eigentlich kein empfindlicher

Mensch, plötzlich aber fühlte er sich durch mich gekränkt – warum?

wodurch? – ja das weiß ich heute noch nicht. Selbstverständlich wußte er

es damals ebensowenig! Kurz, er brach einen Streit vom Zaun – der

eigentlich kein Streit war, denn ich widersprach ihm ja nicht – und

redete ohne Ende: ^à bâtons rompus^, schrie, daß ich ein Bengel sei, daß

er mich lehren werde ... daß er mir den Standpunkt klarmachen werde ...

und so weiter, und so weiter. Doch konnten wir leider nichts davon

begreifen. Blanche lachte Tonleitern. Endlich gelang es uns, ihn

einigermaßen zu beruhigen: und dann wurde er wieder spazieren geführt.

Doch oft bemerkte ich, daß er traurig wurde, daß ihm, wie es schien,

irgend etwas oder irgend jemand leid tat, daß ihm trotz der Anwesenheit

Blanches irgend jemand fehlte. In solchen Augenblicken begann er mit mir

zu sprechen, doch niemals konnte ich aus seinen Worten klug werden: er

sprach von seinem Dienst, von seiner verstorbenen Frau, von seinem Gut

und seinem früheren Hausstand. Verfiel er dann plötzlich auf irgendein

besonderes Wort, so freute er sich darüber so, daß er es hundertmal am

Tage wiederholte, obgleich es weder seine Gefühle, noch seine Gedanken

irgendwie ausdrückte. Ich versuchte, ihn an seine Kinder zu erinnern,

damit er auf sie zu sprechen käme, doch er sagte nur hastig: „Ja, ja!

die Kinder, die Kinder, Sie haben recht, die Kinder!“ – und ging dann

schnell, doch offenbar ganz ohne Absicht, wieder auf ein anderes Thema

über. Nur einmal wurde er wirklich weich – wir gingen gerade ins

Theater: „Diese armen, unglücklichen Kinder!“ sagte er plötzlich, „ja

... ja ... mein Herr, _un_glückliche Kinder sind es!“ Und dann

wiederholte er an diesem Abend noch etlichemal: „diese _un_glücklichen

Kinder! ... diese _un_glücklichen Kinder!“

Als ich aber einmal auf Polina zu sprechen kam, rief er fast jähzornig:

„Dieses undankbare Frauenzimmer!“ und er schien aufrichtig empört zu

sein. „Boshaft ist sie und undankbar! Sie hat die ganze Familie

beschimpft! Wenn es hier Gesetze gäbe, würde ich ihr schon zeigen, was

es heißt! ... Jawohl, mein Herr, jawohl!“

Doch von de Grillet konnte er nicht einmal den Namen hören: dann wurde

er schon wild: „Er hat mich zugrunde gerichtet, er hat mich bestohlen!

er hat mich erwürgt! Ganze zwei Jahre lang war er mein Albdruck! Ganze

Monate habe ich ihn Nacht für Nacht im Traume gesehn! Das, das, das ...

O, erinnern Sie mich nie mehr an diesen Menschen!“

Ich merkte natürlich bald, daß Blanche und er schon so ziemlich einig

waren, schwieg aber nach meiner Gewohnheit. Eine Woche vor unserer

Trennung erklärte mir dann Blanche den ganzen Sachverhalt.

„^Il a de la chance^,“ damit begann sie, denn das war die Hauptsache.

„^La babouchka^ ist jetzt wirklich krank und wird bestimmt bald sterben.

Mister Astley hat schon depeschiert. Nun, und er ist doch immerhin ihr

Erbe. Aber selbst dann, wenn er nichts von ihr erben sollte, so schadet

das ja weiter auch nichts. Denn, erstens hat er doch seine Pension, und

zweitens wird er dort in dem Hinterzimmer leben und sehr glücklich sein.

Und ich bin dann ^madame la générale^ und gehöre zur besten

Gesellschaft.“ Daran dachte sie mit besonderer Vorliebe. „Und späterhin

werde ich eben russische Gutsbesitzerin, ^j’aurai un château, des

moujiks, et puis j’aurai toujours mon million^.“

„Nun, aber wenn er eifersüchtig wird und verlangt ... Gott weiß was, –

verstehst du?“

„Oh nein, ^non, non, non^! Wie darf er es wagen! Ich habe Maßregeln

getroffen, beruhige dich. Ich habe ihn einige Wechsel mit Alberts Namen

unterzeichnen lassen. Sollte je etwas – dann wird er sofort bestraft!

Aber er wird ja nichts wagen!“

„Nun, so heirate ihn ...“

Die Hochzeit wurde ohne besonderen Pomp still und ganz „unter uns“

gefeiert. Eingeladen waren nur Albert und noch ein paar Bekannte.

Hortense, Cléopatre und die übrigen von dieser Kategorie wurden von nun

an unerbittlich von uns ferngehalten. Der Bräutigam war sehr eingenommen

von seiner neuen Würde. Blanche band ihm eigenhändig die Krawatte, und

in seinem Frack und der weißen Weste sah er ^très comme il faut^ aus.

„^Il est pourtant très comme il faut^,“ erklärte mir Blanche, als sie

aus seinem Zimmer trat, ganz als habe die Tatsache, daß er ^très comme

il faut^ sei, sie selbst verblüfft. Ich interessierte mich so wenig für

all diese Einzelheiten und da ich eben nur als tödlich gelangweilter

Zuschauer an den Ereignissen teilnahm, so habe ich wohl sehr vieles von

dem, was geschah, vergessen oder überhaupt nicht bemerkt. Ich weiß nur

noch, daß Blanche plötzlich nicht mehr de Cominges hieß, ebensowenig wie

ihre Mutter nicht ^madame veuve de Cominges^, sondern – du Placet.

Weshalb sie sich aber bis dahin de Cominges genannt hatten, das weiß ich

nicht. Der General war aber auch mit dieser Veränderung zufrieden, und

du Placet schien ihm sogar noch mehr zu gefallen, als de Cominges. Am

Morgen des Hochzeitstages ging er, bereits zur Trauung angekleidet, im

Salon auf und ab und murmelte mit ungewöhnlich ernster und wichtiger

Miene vor sich hin: „Mademoiselle Blanche du Placet! ... Blanche du

Placet ... du Placet! Fräulein Blanche du Placet! ...“ und in seinem

Gesicht drückte sich eine nicht unerhebliche Zufriedenheit aus. In der

Kirche, beim Maire und zu Hause beim Diner sah er nicht nur froh und

zufrieden aus, sondern war sogar ersichtlich stolz. Es war, als sei in

das Brautpaar etwas Besonderes gefahren. Auch Blanche blickte ungeheuer

würdevoll drein.

„Ich muß mich jetzt ganz anders halten,“ sagte sie mir sehr ernst.

„^Mais vois-tu^, an dieses eine verwünschte Hindernis habe ich noch gar

nicht gedacht: stelle dir vor, ich kann noch immer nicht meinen neuen

Familiennamen behalten: Sa–go–rjanskij, Sago–sjanskij, ^madame la

générale de Sago–Sago–, ces diables de noms russes! Enfin madame la

générale à quatorze consonnses! Comme c’est agréable, n’est-ce pas?^“

Endlich aber kam dann der Augenblick der Trennung, und Blanche, diese

dumme Blanche brach beim Abschied sogar in Tränen aus.

„^Tu étais bon enfant^,“ sagte sie schluchzend. „^Je te croyais bête et

tu en avais l’air^, aber das paßt zu dir.“ Doch nachdem sie mir schon

endgültig „zum letzten Mal“ die Hand gedrückt hatte, rief sie plötzlich:

„^Attends!^“ lief schnell in ihr Boudoir und kehrte nach einer Minute

wieder zurück – in der Hand zwei Tausendfranknoten, die sie mir

aufdrängte. Ich traute meinen Augen nicht! Nein, alles eher, aber das

hätte ich niemals von ihr erwartet!

„Nimm nur, du wirst es brauchen können! Du bist vielleicht ein sehr

kluger ^outchitel^, aber du bist doch ein furchtbar dummer Mensch. Mehr

als Zweitausend gebe ich dir auf keinen Fall, denn du wirst das Geld

doch sowieso verspielen. Nun, leb wohl! ^Nous serons toujours bons

amis^, wenn du aber wieder gewinnst, so komme unbedingt zu mir, ^et tu

seras heureux^!“

Ich hatte selbst noch an fünfhundert Franken, außerdem eine goldene Uhr

von tausend Franken Wert, moderne Hemdknöpfe mit Brillanten und dergl.,

so daß ich hier noch ziemlich lange sorgenfrei werde leben können. Ich

habe mich absichtlich in diesem kleinen Städtchen und nicht in einer

großen Stadt niedergelassen, um mich gewissermaßen erst einmal zu

sammeln. Und dann – ich erwarte Mister Astley. Ich habe aus

zuverlässiger Quelle erfahren, daß er sich auf der Durchreise

vierundzwanzig Stunden hier aufhalten wird – in Geschäften. Von ihm

werde ich dann alles hören ... und dann – dann sofort nach Homburg! Nach

Roulettenburg werde ich nicht fahren, wenigstens nicht in diesem Jahre!

Im nächsten – vielleicht! In der Tat, man sagt ja, es sei ein schlechtes

Omen, wenn man zweimal an ein und demselben Tisch sein Glück versucht.

In Homburg aber, da wird ja noch ganz anders gespielt.

Sämtliche Werke 21 · 第 26 / 46 题