Die Nächte waren still und sanft und hatten süße Gerüche. O, die Nächte
waren schön – die Nächte.
Yvonne lächelte doch, wenn sie den Himmel sah, den besternten Himmel.
Sie sagte: „Gut tut die Dunkelheit. Man kann ausruhen. Alle Dinge
geschehen, die geschehen müssen. Aber man weiß es nicht.“
Dann lachte sie: „Renée, ich möchte tanzen mit dir. Ich möchte einmal
tanzen. Das müßte ganz wild gehn nach einer tollen Melodie.“
Renée sagte: „So, daß wir gar nicht wieder aufhören könnten. Das ist das
Schönste.“
„Tanzt du gern?“ frug Yvonne.
„Ja, früher schon,“ sagte Renée, „ganz gern.“
„In den Garten wollen wir viele Rosen hineintun, Renée, fast nur Rosen.
Dann schneidest du manchmal große Sträuße von Rosen. Die sollst du neben
mich stellen.“
„Du sollst mit mir schneiden, du sollst gar nicht so faulenzen,“ sagte
Renée.
„Ich darf faulenzen.“
„Gar nicht faulenzen darfst du. Sonst bekommst du keine Rosen.“
„Du gibst sie mir noch, Renée.“
Yvonne sprach nicht. Sie sagte nicht mehr: Erzähl mir, Renée. Sie sprach
nicht mehr von all den süßen Dingen, die Wind heißen oder Frühling oder
Rosen. Renée saß bei ihr. Am Tage schien die Sonne hinein und es war
warm draußen. Die Sonne machte es grell im Zimmer. Da war nichts von dem
sanften Grau, das die Schatten der Gegenstände bekommen bei der
Dämmerung. Hart und unvermittelt standen sie da vor der Wand. Die Wand
war grell weiß.
Dann saß Renée den ganzen Tag und sah Yvonne an. Aber ihr Herz war leer
und ihre Seele war leer. Sie konnte nichts fassen von allem, was vor ihr
geschah. Sie konnte es nicht fassen, daß Yvonne fortgehn würde.
Sie suchte auszudenken, was der Tod war. Sie suchte diese Erkenntnis
ihrem Herzen aufzuzwingen. Aber das wehrte sich – wehrte sich.
Es kam ein Brief von Elisabeth. Renée mußte sich richtig besinnen, wer
es war, und was man von ihr wollte. Eine ganze Weile las sie daran, daß
Papa empört sei, weil Renée die kranke Sarah so im Stich gelassen und
sich zu dieser fremden Dame begeben habe, um sie zu pflegen. Außerdem
fürchte Papa die Ansteckung für Renée, denn wie sie durch Sarah erfahren
hätten –
So lange las Renée, ohne daß es an sie herankam. Und dann einen kurzen
Augenblick fühlte sie ein kleines Stechen im Herzen. Das ging vorbei.
Am Schluß standen ein paar Phrasen, wie Elisabeth sich sorgte um Renée.
Nein, das konnte nicht an sie heran. Das war aus einer fernen, fremden
Welt, in die weder Schmerz noch Glück sie zurückbringen konnten.
„Renée, hast du nicht Sehnsucht nach zu Haus?“ sagte Yvonne.
„Nein, gar nicht.“
„Sagen sie nicht, du sollst kommen und sind dir böse darum?“
„Nein,“ sagte Renée. „Sie brauchen mich nicht. Ich ginge auch nicht.“
„Aber du solltest gehn, Renée.“
Renée erschrak, sah sie an. Warum sagte Yvonne das? Warum sprach sie mit
dieser traurigen, stillen Stimme – ja, Renée erschrak. –
„Gingest du doch, Renée. Soll ich wissen, daß ich dich – o, dich so sehr
beschwert habe.“
Renée sagte: „Nicht doch – wie redest du. Ohne dich zu sein ist schwer
und mit dir ist es leicht.“
Yvonne sah sie an. Ihre Augen waren eine lange Zeit groß und fragend auf
Renée gerichtet.
Renée lächelte. Renée fühlte einen zitternden, kleinen Schmerz. Sie
hielt ganz fest die Lippen zusammen, damit es keinen Laut gäbe – und
lächelte.
Yvonne streichelte ihre Hände.
„Es ist nicht leicht für dich,“ sagte Yvonne. Dann zog sie Renée an
sich.
Renée legte den Kopf an ihr Herz und weinte.
Danach war es gut. So gut. Renée war nicht mehr allein mit diesem
entsetzlichen Wissen. Nein, nicht mehr. Sie brauchte nicht mehr Scherze
zu machen und kleine, leichtsinnige Reden.