Draußen fand sie den Arzt.
„Es ist wohl besser, Sie lassen Ihren Vater eine Zeitlang allein,“ sagte
er. „Und – es handelt sich hier um einen Jagdunfall, wie ich höre, ja
nicht wahr, Sie verstehen mich?“ –
Renée nickte. – „Ich fahre nun nach der Stadt, um das Weitere zu
erledigen. Ihr Herr Schwager ist telephonisch benachrichtigt. Er hat die
Anzeigen und so weiter übernommen. Er wird übrigens gleich eintreffen.
Ja. Darf ich Sie um eins bitten – wollen Sie etwas acht haben auf Ihre
Frau Schwägerin.“ –
„Ich? ja nachher,“ sagte Renée. Der Arzt sah sie eindringlich an. –
„Nein, bitte gleich,“ sagte er. Dann zog er etwas heraus. – „Hier ist
ein Brief Ihres Bruders für Sie, gnädiges Fräulein, ich fand es in
seiner Tasche.“ – –
Renée hielt den Brief in der Hand; es stand ihr Name darauf in einer
schönen, klaren Schrift.
– – ‚Nun weißt du schon, kleiner Bub Renée, warum dein ‚großer Bruder‘
gestern bei dir war, nun hat er dir das Herz ein wenig schwer gemacht,
nicht wahr? Wenn du nur nicht gar zu sehr erschrocken bist. Aber
vielleicht hat irgend jemand es dir langsam und gut gesagt. –
Du sollst mir eine Liebe tun, kleiner Bub – denn ich lasse einen auf der
Erde zurück, um den mich das Sterben reuen könnte. – Ich weiß, wenn ein
Unglück geschieht, suchen die Menschen einen, der die Schuld trägt. Aber
du darfst ihr keine Schuld geben. Weil du mich lieb hast, mußt du sie
lieb haben, denn ich hasse ihre Feinde. –
Alles Gute von dir in all den Jahren wäre mir nichts mehr wert, wenn du
ihr ein Böses tust.
Sei bei ihr, damit sie nicht so allein ist. – Nimm alles von ihr, was
sie beschweren könnte. –
Sage ihr, daß mir das Sterben schwer war, weil es ein Fortgehn ist von
ihr.‘ – – –
So hatte Hannsbabo geschrieben, und so mußte Renée tun, genau so, denn
sie hatte ihn ja lieb. –
Jemand klopfte an Renées Tür. Es war Sarah. Sie sagte: „Ich möchte, daß
du deinen Vater veranlassest, mir die Tür zu öffnen, er hat das Zimmer
zugeschlossen.“
Renée stand auf. „Ich gehe sofort,“ sagte sie. „Leg dich hier aufs Sofa,
willst du? Dann hole ich dich.“
Papa saß bei seinem Schreibtisch. „Papa, gib mir den Schlüssel für
Sarah.“
„Ich wünsche nicht, daß jemand jetzt hineingeht.“
„Aber Sarah!“ – „Es kann ja nachher geschehn.“
„Papa, sie hat das erste Recht, denn Hannsbabo liebte _sie_ am meisten.“
–
Renée legte Hannsbabos Brief vor Papa auf den Tisch, und er las.
„Nimm also den Schlüssel,“ sagte Papa dann.
Renée ging zu Sarah. Sarah nahm den Schlüssel, sie sagte: „Ich danke
dir. Ich gehe allein. Willst du so gut sein, mich zu avertieren, wenn
deine Schwester kommt. Ich möchte mit niemandem zusammentreffen.“ –
Am Abend dieses Tages ging Renée zu Sarah, saß bei ihr die ganze Nacht.
Denn Sarah weinte. –
– – – Die Glocken läuteten schon den ganzen Tag, die brummende Glocke
und die mit dem hellen Geklingel – läuteten, läuteten. Auf dem Hof
standen die Leute vom Kriegerverein und warteten.
Der große Saal, in dem Hannsbabo lag, war schwarz von allem Flor, und
dieser schwere Geruch war darin von Lichtern und Blumen.
Der Sarg war weiß, der Helm lag darauf und der Pallasch – darin war
Hannsbabo. Renée sah diesen weißen Sarg an, die ganze Zeit, während der
Pastor sprach, und dachte – darin ist Hannsbabo. – Der Pastor sagte: „In
der Blüte seiner Jahre“ – er sagte: „Der Stolz und die Hoffnung seines
alten Vaters.“ – Der Pastor sagte: „Von den Seinen innig geliebt und
heiß beweint.“ –
Neben dem Sarg stand Schoenburg mit dem Kranz des Regiments.
War das nun Hannsbabos Sarg – und trug man ihn gleich fort in die Erde –
– in die Erde –