Kadhesch

Die Macht der Gesetze hängt einzig von ihrer Weisheit ab, und der

Volkswille erhält sein größtes Gewicht durch die Vernunft, die sie diktiert

hat. Um deswillen hält es Plato für eine überaus wichtige

Vorsichtsmaßregel, Edikten eine vernünftige Einleitung vorauszuschicken,

die auf ihre Gerechtigkeit und gleichzeitig auf den Nutzen, den sie

bringen, hinweisen.

Tatsächlich ist das erste Gesetz, die Gesetze zu respektieren. Die strengen

Bestrafungen sind nur ein eitles und strafbares Zufluchtsmittel, die von

beschränkten Köpfen und bösen Herzen ersonnen sind, um den Schrecken an die

Stelle des Respektes, den sie sich nicht verschaffen können, zu setzen.

Auch ist es ganz allgemein bekannt und durch die ausgedehnteste Erfahrung

nicht widerlegt, daß Strafen in keinem der Länder so häufig sind wie in

denen, wo es ihrer fürchterliche gibt, so daß die Grausamkeit der

Leibesstrafen untrüglich die Menge der Missetäter bezeichnet, und daß man,

indem man alles mit gleicher Strenge ahndet, die Schuldigen, die oft nur

schwache Menschen sind, Verbrechen zu begehen zwingt, um der Bestrafung

ihrer Fehler zu entgehen.

Nicht immer ist die Regierung Herr des Gesetzes, stets aber ihr

Gewährsmann; und welche Mittel stehen ihr nicht zur Verfügung, um sie

beliebt zu machen! Die Gabe zu herrschen ist demnach nicht unsäglich schwer

zu erwerben, denn sie besteht nur darin. Wohl weiß ich, daß es noch

leichter ist, alle Welt zittern zu machen, wenn man die Macht in den Händen

hat, aber sehr leicht ist es auch, die Herzen für sich einzunehmen, denn

das Volk hat seit langen Zeiten gelernt, große Stücke auf seine Häupter zu

halten all des Übels wegen, das sie ihm nicht tun, und sie anzubeten, wenn

es von ihnen nicht gehaßt wird.

Wie dem auch sein möge, jeder gehorsame Tropf kann wie ein anderer die

Missetaten bestrafen, ein wahrer Staatsmann aber weiß ihnen zuvorzukommen.

Mehr auf den Willen als auf die Tat sucht er seine Macht auszudehnen. Wenn

er es durchsetzen könnte, daß jedermann Gutes täte, was bliebe ihm da zu

tun? Das Meisterwerk seines Wirkens würde es sein, dahin zu gelangen, daß

er in Untätigkeit verharren könnte.

Daher gibt es keine größere Ungeschicklichkeit als Prahlerei und Mißbrauch

der Macht. Die höchste Kunst besteht darin, sie zu verheimlichen (denn jede

Machtäußerung ist dem Menschen unangenehm) und vor allem nicht nur die

Menschen so zu gebrauchen zu wissen, wie sie sind, sondern es dahin zu

bringen, daß sie sind, wie man sie nötig hat. Das ist sehr leicht möglich;

denn die Menschen sind auf die Dauer so, wie sie die Regierung gemacht hat:

Krieger, Bürger, Sklaven; sie bildet alles nach ihrem Willen, und wenn ich

einen Staatsmann sagen höre: »Ich verachte dieses Volk,« so zucke ich die

Achseln und antworte bei mir selber: »Und ich verachte dich, weil du es

nicht schätzenswert zu machen verstanden hast.«

Darin bestand die große Kunst der Alten, die uns in den moralischen

Kenntnissen ebenso überlegen gewesen zu sein scheinen, wie wir ihnen in den

physikalischen Wissenschaften über sind. Ihr höchstes Ziel war es, die

Sitten zu lenken, Charaktere zu bilden, vom Menschen zu erlangen, daß es

ihm, um zu tun, was er tun sollte, zu denken genügte, daß er es tun müßte.

O, welch ein Triebrad der Ehre, der Tugend, des Wohlstandes würde die also

durch ein einziges Prinzip vollkommene Gesetzgebung sein! Die alten Gesetze

waren dergestalt die Frucht hoher Gedanken und hoher Vorsätze, in einem

Wort das Produkt des Genies, daß ihr Einfluß die Sitten der Völker, für

welche sie gemacht worden waren, überlebt haben. Wie lange, zum Exempel,

hat nicht das von den alten Gesetzgebern eingeprägte Vorurteil gegen

unfruchtbare Ehen nachgewirkt?

Moses ließ den Männern kaum die Freiheit, sich zu verheiraten oder nicht.

Lykurgos bedeckte die mit Schimpf, welche sich nicht verheirateten. Es gab

sogar eine für Lacedaemon eigentümliche Feierlichkeit, bei der die Weiber

sie mutternackt zu Füßen der Altäre führten und sie der Natur eine

ehrenwerte Buße zahlen ließen, die sie mit einem sehr strengen Verweise

begleiteten. Diese so berühmten Republikaner waren in ihren

Vorsichtsmaßregeln so weit gegangen, daß sie gegen die sich zu spät

Verheiratenden[A] und gegen die Ehemänner, die ihre Weiber nicht gut

behandelten, Verordnungen veröffentlichten[B]. Man weiß, welche

Aufmerksamkeit Ägypter und Römer aufwendeten, um die Fruchtbarkeit der Ehen

zu begünstigen.

[Fußnote A: [Griechisch: Ephigaia].]

[Fußnote B: [Griechisch: Kachogamia].]

Wenn es wahr ist, daß in den ersten Zeiten der Welt Weiber vorhanden waren,

die Unfruchtbarkeit vorgaben, wie aus einem angeblichen Fragmente eines

angeblichen Buches Enoch hervorgeht, so können auch Männer dagewesen sein,

die sich ebenso ein Geschäft daraus machten: die Anzeichen dazu sind aber

nichts weniger als günstig. Damals war es vor allem nötig, die Welt zu

bevölkern. Das Gebot Gottes und das der Natur legten beiden Arten von

Personen die Verpflichtung auf, zur Vermehrung des Menschengeschlechtes

beizutragen, und man hat allen Grund zur Annahme, daß die ersten Menschen

es sich eine Hauptangelegenheit sein ließen, diesem Gebote Folge zu

leisten. Alles, was uns die Bibel von den Patriarchen meldet, ist, daß sie

Weiber nahmen und gaben, daß sie Söhne und Töchter in die Welt setzten, und

dann starben, wenn sie nichts Wichtiges mehr zu tun hatten. Ehre, Ansehen,

Macht bestanden damals in der Zahl der Kinder; man war sicher, sich durch

Fruchtbarkeit große Hochachtung zu erwerben, sich bei seinen Nachbarn

Geltung zu verschaffen, selbst einen Platz in der Geschichte zu haben.

Weder die der Juden hat den Namen Jairs vergessen, der dreißig Söhne im

Dienste des Vaterlandes stehen hatte, noch die der Griechen die Namen

Danaus und Egyptus, berühmt durch ihre fünfzig Söhne und fünfzig Töchter.

Unfruchtbarkeit galt damals für beide Geschlechter als eine Schande und für

einen unzweideutigen Beweis des Fluches Gottes. Man sah es hingegen für

einen authentischen Beweis seines Segens an, eine große Kinderschar um

seinen Tisch herum zu versammeln. Die nicht heirateten, wurden als Sünder

wider die Natur angesehen. Plato duldet sie bis zum Alter von

fünfunddreißig Jahren, verweigert ihnen aber die Ämter und weist ihnen die

letzten Plätze bei den öffentlichen Zeremonien an. Bei den Römern waren die

Zensoren hauptsächlich damit beauftragt, diese einsame Lebensweise zu

verhindern[A]. Die Zölibatäre konnten weder ein Testament machen noch

Zeugenschaft ablegen[B]. Die Religion unterstützte darin die Politik. Die

heidnischen Theologen belegten sie mit außergewöhnlichen Strafen im anderen

Leben; und in ihrer Doktrin war es das größte der Übel, aus dieser Welt zu

gehen, ohne Kinder zu hinterlassen, denn dann wurde man der grausamsten

Dämonen Beute[C].

[Fußnote A: Coelibes esse prohibendos.]

[Fußnote B: Ex alii tui senta tu equum habes, tu uscorem habes? testa.]

[Fußnote C: Ex vitam calamitas et impietas accidit, illi qui ubsque filii

a vita discedit, et daemonibus maximas dat poenas post obitum.]

Doch gibt es keine Gesetze, die einer vollendeten Ausschweifung Einhalt zu

gebieten vermögen. Auch trotz der Einschärfungen der Gesetzgeber ging man

im Altertum recht häufig den Zielen der Natur aus dem Wege. Die Geschichte

sagt nicht, wie und durch wen die Liebe zu jungen Knaben entstanden ist,

die so allgemein wurde. Aber eine so eigenartige und dem Scheine nach

krause Geschmacksrichtung trug den Sieg über die Strafgesetze, die

außerordentlichen Steuern, die Beschimpfungen und über die Moral und die

gesunde Physis davon. Demnach muß dieser Reiz ja allgebietend gewesen sein.

Diese krause Leidenschaft hat einen Ursprung, der mich sehr eigentümlich

anmutet.

Ich glaube, daß das Unvermögen, mit dem manchmal die Natur jemanden

schlägt, sich mit zügellosen Temperamenten verbündete, um sich zu kräftigen

und fortzupflanzen. Nichts ist einfacher.

Unvermögen ist immer ein sehr schimpflicher Makel gewesen. Bei den

Orientalen hatten die mit diesem Stempel der Schande bezeichneten Männer

den brandmarkenden Titel: Eunuchen des Himmels, Eunuchen der Sonne, von

Gottes Hand erschaffene Eunuchen. Die Griechen nannten sie Invaliden. Die

Gesetze, die ihnen Frauen zusprachen, erlaubten diesen Frauen auch, sie zu

verlassen. Die zu diesem zweideutigen Zustande, der in seinen Anfängen sehr

selten aufgetreten sein muß, verdammten Männer, die von beiden

Geschlechtern in gleicher Weise verachtet wurden, sahen sich verschiedenen

Demütigungen ausgesetzt, die sie zu einem finsteren und zurückgezogenen

Leben zwangen. Die Notwendigkeit gab ihnen mancherlei Mittel ein, all die

zu beseitigen und sich schätzenswert zu machen. Losgelöst von den unruhigen

Regungen der fremden Liebe, der Physis, der Selbstachtung, unterwarfen sie

sich dem Willen anderer und wurden als so ergeben, so bequem erfunden, daß

jedermann sie haben wollte. Der wütendste der Despotismen vermehrte ihre

Zahl sehr bald; Väter, Herren, Herrscher maßten sich das Recht an, ihre

Kinder, ihre Sklaven, ihre Untertanen diesem zweideutigen Stande

zuzuführen. Und die ganze Welt, die seit Anbeginn nur zwei Geschlechter

kannte, sah die zu ihrem Erstaunen unmerklich in drei beinahe gleiche Teile

geteilt.

Wunderlichkeit, Überdruß, Ausschweifung, Gewohnheit, besondere Gründe, eine

geheuchelte oder kühne Philosophie, Armut, Habsucht, Eifersucht, Aberglaube

wirkten bei dieser ungewöhnlichen Umwälzung mit. Aberglaube, sage ich, weil

die herabwürdigendsten, lächerlichsten, grausamsten Handlungen stets von

gallsüchtigen Fanatikern ausgedacht sind, die traurige, düstere, unbillige

Gesetze diktieren, bei denen Beraubung Tugend und Verstümmelung Verdienst

ausmacht.

Bei den Römern wimmelte es von Eunuchen. In Asien und Afrika bedient man

sich ihrer noch heute zur Bewachung der Weiber; in Italien hat diese

Scheußlichkeit die Vollendung eines eitlen Talents zum Gegenstande. Am Kap

schneiden die Hottentotten nur eine Testikel aus, um, wie sie sagen,

Zwillinge zu vermeiden. In vielen Ländern verstümmeln die Armen sich, um

keine Nachkommenschaft zu haben, damit ihre unglücklichen Kinder nicht

eines Tages das doppelte Elend verspüren: des Hungertodes zu sterben oder

die Ihrigen ihn sterben zu sehen. Es gibt so viele Arten von Eunuchen!

Wenn man nur die Vollkommenheit der Stimme in Betracht zieht, entfernt man

lediglich die Testikeln; die Eifersucht aber in ihrem grausamen Mißtrauen

schneidet alle zur Fortpflanzung dienenden Teile fort. Mit ziemlich

sicherem, gutem Ausgange kann man das nur vor der Geschlechtsreife tun;

dabei gibt's doch noch viele Gefahren. Nach dem fünfzehnten Lebensjahre

kommt kaum der vierte Teil mit dem Leben davon. Welch schreckliche Wunde

hat man der Menschheit beigebracht! Die berühmtesten sind Aetiopier; sie

sind so häßlich, daß Eifersüchtige sie mit Gold aufwiegen. Die vollkommen

Unfähigen nennen sich Kanaleunuchen, weil sie, ihrer Rute beraubt, die den

Wasserstrahl nach draußen führt, sich genötigt sehen, sich einer

Ergänzungsröhre zu bedienen, da sie den Strahl nicht wie die Weiber

loslassen können, deren Vulva im Besitz ihrer vollen Spannkraft ist. Die

hingegen nur ihrer Testikeln beraubt sind, erfreuen sich jeglicher Heizung,

die die Begierde entflammt, und können sich in gewissem Sinne sehr fähig

nennen (besonders wenn man sie erst operiert, nachdem ihr Organ sich

vollkommen entwickelt hat)[A], doch mit der betrüblichen Nebenerscheinung,

daß, da sie sich niemals befriedigen können, die venerische Hitze bei ihnen

in eine Art Wut ausartet; sie beißen die Weiber, die sie mit kostbarer

Beständigkeit lieben.

[Fußnote A: Ergo expectatos: ac jussos crescere primium. Testiculos,

postquam coeperunt esse bilibres, Tonsoris ducimo tantum capit Heliodorus.

(Iuv. I, 2).

Man möge im 365. bis 379. Verse dieser Satyre über den Vorzug nachlesen,

den die römischen Damen den Eunuchen gaben, und welchen Vorteil sie aus

ihnen zogen.]

Wie man sieht, hat diese Eunuchenart den doppelten Vorteil, ohne Gefahr den

Freuden der Weiber und den entarteten Geschmacksrichtungen der Männer zu

dienen. Ehedem wurden alle Knaben Georgiens an Griechen verkauft und die

Mädchen bevölkerten die Serails. Man versteht, daß man in diesem schönen

Klima ebenso viele Ganymede wie Venusse findet; und wenn irgend etwas diese

Leidenschaft in den Augen derer, die ihr nicht frönen, entschuldigt, wird

es zweifelsohne die unvergleichliche Schönheit dieser Modelle sein.

Bekanntlich versteht man heute unter dem Worte: die Sünde wider die Natur

alles, was auf die Nichtfortpflanzung der Art Bezug nimmt, und das ist

weder richtig noch gut gesehen. Sodomie, in ihrer Übereinstimmung mit der

Stadt der heiligen Schrift, zum Exempel ist sehr verschieden von einer

einfachen Pollution. Obwohl dieser seltsame Geschmack, den man gleich

vielen anderen mit dem Worte: Entartung bezeichnet, hauptsächlich in den

zivilisiertesten Ländern verbreitet gewesen ist, bringt die Geschichte

nichts Stärkeres vor, als in der heiligen Schrift berichtet worden ist.

Alle die Städte der Pentapolis wurden derartig unsicher von ihm gemacht,

daß kein Fremdling dort erscheinen konnte, der nicht seinen Begierden zur

Beute fiel. Die beiden Engel, welche Loth besuchen wollten, wurden

augenblicks von einer Volksmenge überfallen[A]. Vergebens gab Loth ihr

seine Töchter preis. Diese ungewöhnliche Handlung gastfreundschaftlicher

Tugend hatte keinen Erfolg. Die Sodomisten hatten Männerhinterteile

nötig[B] und die Engel entrannen ihnen nur der plötzlichen Finsternis

zufolge, welche die Zuchtlosen daran hinderte, einander zu erkennen.

[Fußnote A: Genesis XIX, 4. Aber ehe sie sich legten, kamen die Leute der

Stadt Sodom, und umgaben das Haus, jung und alt, das ganze Volk aus allen

Enden . . . 4 . . . Ut cognoscamus eos.]

[Fußnote B: Die Sodomiter dachten wahrscheinlich wie ein moderner hoher

Herr. Ein vertrauter Kammerdiener teilte ihm mit, daß auf der Seite, die er

bevorzuge, seine Geliebte genau so aussähe wie seines Herrn Ganymede

. . . was man für Lasten Goldes nicht haben könnte; er könnte . . . die

Weiber . . . »Weiber,« rief der Herr, »das ist gerade so wie wenn du mir

eine Hammelkeule ohne Knochen auftragen wolltest!«]

Dieser Zustand hielt nicht lange an. Denn zwölf Stunden später ging alles

in einem Schwefelregen unter, bis auf Loth und seine Töchter, die, in einer

Höhle verborgen, glaubten, daß die Welt im Feuer vergehen wollte, wie sie

bei der Sintflut in Wasser ersäuft worden war. Und die Furcht, keine

Nachkommenschaft zu haben, bestimmte die Töchter, die anscheinend nicht auf

die Folgen ihrer frischen Schändung rechneten, so schnell wie möglich von

ihrem Vater welche zu erlangen. Die Ältere widmete sich als erste diesem

frommen Opfer; sie legte sich auf den Biedermann Loth, den sie berauscht

gemacht hatte, ersparte ihm alle Mühe bei diesem von der Liebe zur

Menschheit dargebrachten Opfer und gebrauchte ihn, ohne daß er etwas davon

merkte[A]. In folgender Nacht tat ihre Schwester desgleichen; und der gute

Loth, der ebenso leicht zu täuschen wie schwer zu erwecken gewesen zu sein

scheint, hatte mit diesen unfreiwilligen Handlungen so großen Erfolg, daß

seine Töchter neun Monate nach diesem Erlebnisse zwei Knaben zur Welt

brachten, Moab, den Gebieter des Moabiterstammes[B], und Ammon, den der

Ammoniter.

Unabhängig von der ausdrücklichen Zeugenschaft des Apostel Paulus[C] weiß

man, daß die Römer sehr weit gingen in den Ausschweifungen der Päderastie.

Bemerkenswert aber ist, daß nach den Worten des großen Apostels die Weiber

dem Vergnügen wider die Natur größeren Vorzug einräumten als dem, das sie

herausfordern. -- Et feminae imitaverunt naturalem usum in eum usum qui est

contra naturam: Im zweiundzwanzigsten Verse des siebenten Kapitels unten

auf der Seite liest man diese Worte. Und der folgende Vers hat Caravaggio

den Gedanken zu seinem Rosenkranz eingegeben, der sich im Museum des

Großherzogs von Toskana befindet. Man sieht da etwa dreißig eng

verschlungene Männer (turpiter ligati) im Kreise, die sich mit der

wollüstigen Glut umarmen, welche der Maler seinen zügellosen Kompositionen

zu geben wußte.

[Fußnote A: Genesis XIX, 33: Dormivit cum patre, at ille non sensit ne

quando accubuit filia, nec quando surrexit.]

[Fußnote B: Moab war der Sohn der ersteren, Ammon wurde von der zweiten

geboren.]

[Fußnote C: Apostel Paulus an die Römer I, 27: Masculi, delicto naturali

usu faeminae as exarserunt in desiriis suis in invicem, masculi in

masculos, turpitudinem operantes let mercidem quam oportuit erroris sui in

somatipsis recipientes.]

Im übrigen ist die Päderastie auf dem ganzen Erdball bekannt gewesen:

Reisende und Missionare beglaubigen es. Letztere berichten sogar einen Fall

dreifacher Sodomie, der Doktor Sanchez' Scharfsinn in Verwirrung gesetzt

und gewetzt hat. Hier ist er:

Marco Polo hat in seiner geographischen Beschreibung, die 1566 gedruckt

worden ist, die Schwanzmenschen des Königreichs Lambri beschrieben. Struys

hatte von denen der Insel Formosa und Gemelli Carreri von denen der Insel

Mindors, in der Nähe von Manilla, gesprochen. So viele Autoritäten waren

mehr als hinreichend, um die jesuitischen Missionare zu bestimmen,

vorzugsweise in diesem Lande Bekehrungen zu unternehmen. Tatsächlich

brachten sie welche von diesen Schwanzmenschen mit, die infolge einer

Verlängerung des Steißbeins wirklich Schwänze von sieben, acht und zehn

Zoll trugen, die empfindlich waren und, was ihre Beweglichkeit anlangte,

alle Bewegungen machten, die man einen Elefantenrüssel vollführen sieht.

Nun legte sich einer dieser Schwanzmänner zwischen zwei Weiber schlafen,

von denen eine, die im Besitz einer großen Clitoris war, es so einrichtete,

daß sie ihre Clitoris päderastisch unterbrachte, während der Schwanz des

Insulaners sieben Zoll in das legitime Gefäß ragte. Der Insulaner -- er war

recht gefällig -- ließ es geschehen und näherte sich, um alle seine

Fähigkeiten in Wirksamkeit zu bringen, der anderen Frau, und erfreute sich

ihrer, wo die Natur dazu einladet . . . Das war gewißlich eine herrliche

Gelegenheit zur Übung seiner Talente für den Fürsten der Kasuistiker.

Sanchez urteilt: »Was den ersten Fall anlangt,« sagte er, »die doppelte,

wenngleich in ihren Endzwecken unvollständige Sodomie, weil weder Schwanz

noch Clitoris das Trankopfer vollziehen konnten, so handelten sie in nichts

wider den Willen Gottes und die Stimme der Natur; im zweiten Falle handelte

es sich um einfache Hurerei.«

Ich denke mir, ähnliche Schwänze würden mehr als einem ersprießlichen

Zwecke in Paris dienen, wo die Verbreitung der Päderasten beträchtliche

Fortschritte macht, wenn sie auch weniger blüht als zu Zeiten Heinrichs

III., unter dessen Herrschaft Männer sich gegenseitig unter den Portiken

des Louvre herausforderten. Bekanntlich ist diese Stadt ein Muster der

Polizeiverwaltung. Infolgedessen gibt es öffentliche Orte, die zu diesem

Treiben bestimmt sind. Die jungen Männer, die sich dieser Profession

widmen, sind sorgfältig in Klassen geteilt; denn die reglementarischen

Systeme erstrecken sich auch bis dahin. Man prüft sie. Die zu handeln und

leiden verstehen, die schön, rosig, wohlgebaut, fleischig sind, werden den

großen Herren aufgespart, oder sie lassen sich teuer von Bischöfen und

Finanzmännern bezahlen. Die, welche ihrer Testikeln beraubt sind, oder wie

der Kunstausdruck lautet (denn unsere Sprache ist keuscher als unsere

Sitten), die kein Webergewicht haben, aber geben und empfangen, bilden die

zweite Klasse. Sie sind ebenfalls teuer, weil sich die Weiber ihrer

bedienen, während sie den Männern dienen. Die keiner Erektion mehr fähig,

weil sie zu verbraucht sind, obwohl sie alle zum Vergnügen notwendigen

Organe haben, schreiben sich als Nur-Patienten ein, und aus ihnen setzt

sich die dritte Klasse zusammen. Wer ihren Vergnügungen vorsitzt, tritt den

Wahrheitsbeweis ihrer Ohnmacht an. Zu diesem Zwecke legt man sie ganz nackt

auf eine am unteren Ende offene Matratze, zwei Mädchen liebkosen sie nach

bestem Können, während eine dritte den Sitz des venerischen Verlangens mit

frischen Brennesseln schlägt. Nach viertelstündigen derartigen Versuchen

führt man in ihren Anus roten spanischen Pfeffer ein, der eine

beträchtliche Reizung ausübt. Auf die durch die Brennesseln hervorgerufenen

Hitzblattern streicht man scharfen Caudebecer Senf und hält die Eichel in

Kampfer. Die all diesen Prüfungen widerstehen und keine Spur von Erektion

aufzuweisen haben, dienen als Patienten für dreifachen Preis. O, wie recht

tut man, die Aufklärungsfortschritte unseres philosophischen Jahrhunderts

zu rühmen!

Erotika Biblion · 第 9 / 14 题