Bekanntlich[A] haben unter den zahllosen Ausgrabungen der Altertümer von
Herkulanum die Handschriften die Geduld und den Scharfsinn der Künstler und
Gelehrten erschöpft. Die Schwierigkeit besteht in dem Aufrollen der seit
zweitausend Jahren durch die Lava des Vesuvs halbvernichteten Schriften.
Sowie man sie berührt, zerfällt alles in Staub.
Indessen haben ungarische Mineralogen, die geduldiger und gewandter als die
Italiener sind, Vorteile aus den Erzeugnissen, die der Mutterschoß der Erde
darbietet, zu ziehen, der Königin von Neapel ihre Dienste angeboten. Die
Fürstin, eine Freundin aller Künste, die den Wetteifer geschickt anzufeuern
versteht, hat die Künstler liebenswürdig aufgenommen: sie aber stürzten
sich auf diese unsäglich schwierige Arbeit.
Zuerst kleben sie eine dünne Leinwand über eine dieser Rollen; wenn das
Leinen trocken ist, hängt man es auf und legt gleichzeitig die Rolle auf
einen beweglichen Rahmen, um ihn unmerklich zu senken, je nachdem die
Abwicklung vor sich geht. Um sie zu erleichtern, streicht man mit einem
Federbart einen Faden Gummiwassers auf die Rolle, und allmählich lösen sich
Teile davon ab, um sich unverzüglich auf die ausgespannte Leinewand zu
leimen.
[Fußnote A: Der Titel dieses Buchs wird nicht allen Lesern verständlich
sein und manche werden keinen Zusammenhang zwischen ihm und dem Stoff
finden. Nichtsdestoweniger würde ein anderer nicht zu ihm passen; und wenn
wir ihn griechisch gelassen haben, wird man den Grund dazu leicht
verstehen.]
Diese mühselige Arbeit nimmt soviel Zeit in Anspruch, daß man im Laufe
eines Jahres kaum einige Blätter abrollen kann. Die Unannehmlichkeit, nur
allzu oft Handschriften zu finden, die nichts enthalten, hätte auf dieses
schwierige und mühselige Unternehmen verzichten lassen, wenn so viele
Anstrengungen nicht schließlich durch die Entdeckung eines Werkes belohnt
worden wären, das bald den Scharfsinn von einhundertfünfzig Akademien
Italiens herausgefordert hat[A].
[Fußnote A: Deren Namen zum mindesten seltsam sind. Akademien in Bologna:
Abbandonati, Ansiosi, Ociosi, Arcadi, Confusi, Difettuosi, Dubbiosi,
Impatienti, Inabili, Indifferenti, Indomiti, Inquieti, Istabili, Della
Notte, Piacere, Sienti, Sonnolenti, Torbidi, Verpentini.
In Genua: Accordati, Sopiti, Resvegliati.
In Gubio: Addormentati.
In Venedig: Acuti, Allettati, Discordanti, Disgiunti, Disingannati,
Dodonci, Filadelfici, Incruscabili, Instancabili.
In Rimini: Adagiati, Entrupelli.
In Pavia: Affidati, Della Chevia.
In Fermo: Raffrontati.
In Molisa: Agiati.
In Florenz: Alterati, Humidi, Furfurati, Della Crusca, Del Cimento,
Infocati.
In Cremona: Animosi.
In Neapel: Arditi, Infernati, Intronati, Lunatici, Secreti, Sirenes,
Sicuri, Volanti.
In Ancona: Argonauti, Caliginosi.
In Urbino: Assorditi.
In Perugia: Atomi, Eccentrici, Insentati, Insipidi, Unisoni.
In Tarent: Audaci.
In Macerata: Catenati, Imperfetti, Chimerici.
In Siena: Cortesi, Giovali, Prapussati.
In Rom: Delfici, Humoristi, Lincai, Fantastici, Negletti, Illuminati,
Incitati, Indispositi, Infecondi, Melancholici, Notti, Vaticane, Notturi,
Ombrosi, Pellegrini, Sterili, Vigilanti.
In Padua: Delii, Immaturi, Orditi.
In Drepano: Difficilli.
In Brescia: Dispersi, Erranti.
In Modena: Dissonanti.
In Syrakus: Ebrii.
In Mailand: Cliconii, Faticosi, Fenici, Incerti, Miscosti.
In Recannati: Disuguali.
In Candia: Extravaganti.
In Pezzaro: Eterocliti.
In Commachio: Flattuanti.
In Arezzo: Forzati.
In Turin: Fulminales.
In Reggio: Fumosi, Muti.
In Cortone: Incogniti.
In Rossano: Incuriosi.
In Brada: Innominati, Tigri.
In Acis: Intricati.
In Mantua: Invaghiti.
In Agrigent: Mutabili, Offuscati.
In Verona: Olympici, Unanii.
In Viterbo: Ostinati, Vagabondi.
Wenn irgendein Leser begierig ist, diese Namenreihe zu vermehren, braucht
er nur ein Werk von Jarckins nachzuschlagen, das 1725 in Leipzig gedruckt
worden ist. Der Verfasser hat nur die Geschichte der Akademien von Piemont,
Ferrara und Mailand geschrieben. Er zählt ihrer fünfundzwanzig allein in
letzter Stadt auf. Die Liste der anderen ist endlos, und ihre Namen sind
die einen noch seltsamer als die anderen.]
Es handelte sich um eine mozarabische Handschrift, die geschrieben ist in
den fernen Zeiten, wo Philippus von der Seite des Eunuchen von Candacia
fort geraubt wurde[A]; wo Habacuc, an den Haaren[B] emporgetragen, Daniel
das Mittagbrot fünfhundert Meilen weit trug, ohne daß es kalt wurde, wo die
beschnittenen Philister sich Vorhäute machten[C], wo Hintern von Gold
Hämorrhoiden heilten[D] . . . . . Ein gewisser Jeremias Shackerley, ein
Rechtgläubiger laut der Handschrift, nutzte die Gelegenheit für sich aus.
Er war gereist, und von Vater auf Sohn war nichts in der Familie, einer der
ältesten auf der Welt, verloren gegangen, da sie nicht unzuverlässige
Überlieferungen aus dem Zeitabschnitt aufbewahrte, wo die Elefanten die
kältesten Teile Rußlands bevölkerten, wo Spitzbergen wundervolle Orangen
hervorbrachte, wo England nicht von Frankreich getrennt war, wo Spanien
noch am Festland von Kanada hing durch das große, Atlantis geheißene Land,
dessen Namen man kaum bei den Alten wiederfindet, das uns aber der
scharfsinnige Herr Bailly so gut zu schildern weiß.
Shackerley wollte auf einen der entferntesten Planeten, die unser System
bilden, gebracht werden[E], doch setzte man ihn nicht auf dem Planeten
selber nieder, sondern lud ihn auf dem Ring des Saturn ab. Dieser ungeheure
Himmelskörper war noch nicht in Ruhe. Auf seinen niedrig gelegenen Teilen
gabs tiefe und stürmische Meere, reißende Sturzbäche, strudelnde Gewässer,
beinahe immerwährende Erdbeben, die durch das Einsinken von Höhlen und
häufige Vulkanausbrüche hervorgerufen wurden, wirbelnde Dampf- und
Rauchsäulen, Stürme, die unaufhörlich durch die Erschütterungen der Erde
und ihren wütenden Anprall gegen die Gewässer der Meere erregt wurden,
Überschwemmungen, Austreten der Flüsse, Sintfluten Lava-, Erdpech-,
Schwefelströme, die die Gebirge verheerten und sich in die Ebenen stürzten,
wo sie die Gewässer vergifteten; das Licht aber war durch Wasserwolken,
durch Aschenmassen, durch glühende Steine, die die Vulkane auswarfen,
verdunkelt . . . . Also sah es auf diesem noch ungestalten Planeten aus.
Einzig der Ring war bewohnbar. Sehr viel dünner und mehr abgekühlt erfreute
er sich bereits seit langem der Vorteile der vollkommenen, empfänglichen,
weisen Natur; aber man erblickte von dort aus die furchtbaren Vorgänge,
deren Theater der Saturn war.
[Fußnote A: Aet., Kap. 8, 39. Spiritus Domini rapuit Philippum et amplius
non vidit eunuchus.]
[Fußnote B: Daniel, Kap. 14, 32. Erat autem Habacuc prophaeta in Judaea,
et ipse coxerat pulmentum . . . Et ibat in campum ut ferret messoribus.
33. Dixit que angelus Domini ad Habacuc: fer prandium quod habes in
Babylonem Danieli.
35. Et apprehendit eum angelus Domini in vertice eius, et portavit eum
capillo capitis sui, posuitque eum in Babylone.
Isaac, Baron de Sacy, hat capillo mit: die Haare übersetzt. Luther
schreibt: oben beym Schopf; was derselbe Fehler ist. Denn Habacuc an einem
Haar dahingetragen zu haben, ist ein größeres Wunder als an den Haaren; auf
alle Fälle aber ging die Fahrt schnell von statten.]
[Fußnote C: Maccab. 1. 16. I v. I c.
Et fecerunt sibi praeputia. Was Isaac, Baron de Sacy, mit: Sie nahmen von
sich die Zeichen der Beschneidung übersetzt. Die Septuaginta sagt ganz
einfach: sie machten sich Vorhäute. Die Kirchenväter haben ebenso
übersetzt. Doch als die Jansenisten auf der Bildfläche erschienen,
behaupteten sie, daß man die Vorhäute jungen Mädchen nicht in den Mund
legen könnte, wenn man sie die Bibel aufsagen läßt. Im Gegenteil dazu
erklärten die Jesuiten, auch nur ein einziges Wort in der Bibel zu
verändern, sei ein Verbrechen.
Der Baron de Sacy hat also umschrieben, und der Pater Berrhuyer hat Sacy
der Ketzerei geziehen und behauptet, er habe Luthers Bibel benutzt.
Tatsächlich bedient sich Luther in seiner Bibel des Wortes Beschneidung.
Und hielten die Beschneidung nicht mehr.
1 2 3 4 5 6
Et ont gardé la coupure point davantage.
1 2 3 4 5 6
Luther hat wahrlich schlecht übertragen. Das Wunder, wie man es auch
übersetzt, bestand darin, daß man sich eine Vorhaut machte. Nun war die
Sache im Texte der Septuaginta wirklich wunderbar und ist es durchaus nicht
in der Übersetzung der Jansenisten.]
[Fußnote D: Buch der Könige, lib. VII, Kap. 6, Vers 17. Hi sunt autem ani
aurei quos reddiderunt pro dilecto domino.]
[Fußnote E: Ich zweifle nicht, daß irgendeine halbgelehrte oder
starrsinnige Kritik in der Folge dieses Berichts Shackerley für viel
erfahrener in der Astronomie halten wird, als es sich mit der genauen
Schilderung eines von Herkulanum zeitgenössischen Werkes verträgt. Doch
bitte ich zu bedenken, daß erstens die mystische Auslegung der heiligen
Schrift eine von Jeremias Shackerley gemachte Enthüllung ist, ganz wie
. . . ach! ja: ganz wie Sankt Johannes die Apokalypse auf der Insel Pathmos
geschrieben hat, daß zweitens kein Mensch in Herkulanum aus dieser
Handschrift hat klug werden können, die wohl vor Jesu Christi Geburt
geschrieben worden ist, wie wir auch ganz ratlos der Apokalypse
gegenüberstehen, die die Zahl 666 . . . . . auf der Stirn hat, eine Zierde,
die selbst für einen französischen Ehemann einzig sein würde, was durchaus
nicht die Echtheit unseres gelehrten Manuskripts in Frage stellt. Und daß
man drittens nur die unbestreitbare Geschichte der vorsintflutlichen
Astronomie des Herrn Bailly nachzulesen braucht, um sich davon zu
überzeugen, daß Shackerley alles wissen konnte, was er gewußt zu haben
schien . . . Endlich erkläre ich aus sechsunddreißigtausend Gründen, die
anzuführen allzu weitschweifig sein würde, daß, wer an Jeremias Shackerley
zweifelt, als Ketzer verbrannt werden müßte.]
Form und Bildung dieses Ringes erschienen Shackerley so ungewöhnlich, wie
ihm nichts auf dem Erdboden gleich seltsam erschienen war. Erstens machte
unsere Sonne, die auch für die Bewohner dieses Landes die Sonne ist, für
sie kaum den dreißigsten Teil von dem aus, den sie für uns darstellt. Für
ihre Augen erzeugte sie die Wirkung, die bei uns der Morgenstern
hervorbringt, wenn er im höchsten Glanze steht. Merkur, Venus, Erde und
Mars können von dort aus nicht unterschieden werden, doch vermutet man ihr
Vorhandensein. Einzig der Jupiter zeigt sich dort, und zwar etwas näher,
als wir ihn sehen, mit dem Unterschiede, daß er Wandlungen durchmacht, wie
sie die Mondscheibe uns zeigt. Er war ebenfalls einer seiner Trabanten, und
aus diesem Zusammentreffen gleichmäßiger Veränderungen ergaben sich
seltsame und nützliche Erscheinungen. Seltsame: indem man den Jupiter im
Wachsen und seine vier kleinen Monde bald im Wachsen, bald im Abnehmen,
oder die einen zur Rechten und die anderen sich mit dem Planeten selber
vermischen sah. Nützliche, indem Jupiter manchmal die Sonne mit seinem
ganzen Gefolge passierte, was eine Menge von Berührungspunkten,
nacheinander folgende Eintauchungen und Austritte mit sich brachte, die für
die ganz regelmäßigen Beobachtungen nichts zu wünschen übrig ließen.
Ebenso war die Deduktion der Parallaxen aufs genaueste berechnet worden,
dergestalt, daß trotz der Entfernung des Ringes oder des Saturns oder der
Sonne, welche nach dem gelehrten Jeremias Shackerley nicht viel weniger als
dreihundertdrei Millionen Meilen beträgt, man seit unzähligen Jahrhunderten
dort mehr Fortschritte auf dem Gebiete der Astronomie als auf der Erde
gemacht hatte.
Die Sonne wirkte schwach; doch das Fehlen ihrer Wärme wurde durch die des
Saturnballes ausgeglichen, der sich noch nicht abgekühlt hatte. Der Ring
empfing von seinem Hauptplaneten mehr Licht und Wärme, als wir hier unten
erhalten, denn schließlich hatte der Ring ja in sich selbst, in seinem
Zentrum, den Saturnglobus, der neunhundertmal größer als die Erde ist, und
war fünfundfünfzigtausend Meilen von ihm entfernt, was dreiviertel der
Entfernung des Mondes von der Erde ausmacht.
Um den Ring herum, in großen Zwischenräumen, sah man fünf Monde, die
manchmal alle auf derselben Seite aufgingen. Nach Shackerleys Behauptung
ist es unmöglich, sich einen hinreichenden Begriff von diesem glänzenden
Schauspiele zu machen.
Der so gut gelegene Ring bildete gleich einer Hängebrücke einen
kreisförmigen Bogen, man konnte ihn auf seinem ganzen Umfange bereisen,
ebenso vermochte man von Ferne um den Saturnball zu reisen, dergestalt
aber, daß der Reisende diesen Ball stets auf der gleichen Seite behielt.
Die Breite des Ringes beträgt nicht weniger als den Durchmesser unseres
Erdballs, ist aber gleichzeitig so dünn, daß dieser Durchmesser für den,
der ihn von der Erde aus wahrnehmen will, unsichtbar ist. Darum gleicht er
einer Messerklinge, deren dünne Schneide man von weitem aus betrachtet.
Shackerley kannte die Erscheinungen, die man hier unten feststellen kann,
sehr genau, erwartete aber, sich wenigstens rittlings auf der Schneide
dieses Ringes fortbewegen zu können. Wie überrascht war er jedoch, als er
sah, daß dieser so geringe Durchmesser, der unserem Auge entgeht, eine
ebenso große Entfernung wie die von Paris nach Straßburg ausmachte, denn
dieses Beispiel wird schneller und genauer den Begriff der Ausdehnung geben
als die Wegmessungen, die Shackerley vornahm, für die es einige
tausendseitiger Erklärungen bedürfte, bis man sie unbestreitbar abgeschätzt
hätte. Folglich könnte es auf dem unteren konkaven Rande kleine Königreiche
geben, welche die Politiken unseres Erdballes, wenn er ihnen zur Verfügung
stünde, herrlich in ein blutiges und durch zahllose ruhmreiche Ränke
denkwürdiges Theater verwandeln könnten. Die Bewohner dieses Teiles, die
man die Antipoden des äußeren Ringrückens nennen kann, die Bewohner des
Inneren, sage ich, hatten den ungeheuren Saturnball zu ihren Häupten
aufgehängt; der Ring aber bewegte sich wieder über diesen Ball hinweg und
über den Ring hin strebten die fünf Monde.
Kurz, die Bewohner des Inneren sahen ihre rechte und linke Seite, wie wir
die unsrigen auf der Erde sehen; der Horizont aber von vorn, ebenso wie der
von hinten, waren sehr verschieden von denen, die wir hier unten erblicken.
Auf zehn Meilen verlieren wir auf Grund der Biegung unseres Erdballes ein
Schiff aus den Augen; auf dem Saturnring aber geht diese Biegung in
entgegengesetzter Weise vor sich, sie erhebt sich, statt sich zu senken; da
aber der Ring den Saturn in einer Entfernung von fünfzigtausend Meilen
umgibt, folgt daraus, daß dieser Ring in der Form eines Wulstes einen
Umkreis von mindestens fünfhunderttausend Meilen hat. Seine Biegung erhebt
sich also unmerkbar. Der Horizont, der sich auf unserer Erde senkt,
erscheint dort auf einige Meilen Entfernung dem Auge eben, dann erhebt er
sich ein weniges, die Gegenstände verkleinern sich; anfangs noch
erkenntlich, verwischen sie sich schließlich: man erblickt nur noch die
Massen; kurz, diese Erde erhebt sich in der Entfernung zu ungeheuren
Weiten, indem sie kleiner wird. So sehr, daß dieser Ring, der durch die
Täuschungen der Optik in der Luft endigt, für das Auge den Umfang unseres
Mondes erhält und kaum in dem Teile gewahr wird, der sich über dem Haupte
des Beobachters befindet, denn er macht für ihn mehr als die doppelte
Entfernung des Mondes von der Erde aus, das heißt, fast zweihunderttausend
Meilen.
Ich will nicht von den vermehrten Phänomenen reden, die alle diese an ihren
beiderseitigen Eklipsen aufgehängten Körper hervorrufen; Shackerley kannte
sie schon auf der Erde und hatte sie recht beurteilt.
Ihr Himmel war wie unserer, in allen Sternbildern gab es keine
Verschiedenheit, aber eine Unzahl Kometen erfüllte den ungeheuren und
unschätzbaren Zwischenraum, der zwischen Saturn und den Sternen bestand,
von denen man die nächsten ahnte.
Da die Anziehungskraft des Saturnglobus teilweise die des Ringes im
Gleichgewicht hielt, war die Schwerkraft dort sehr vermindert; man
marschierte ohne Anstrengung, und die geringste Bewegung schaffte die Masse
fort. Wie eine Person, die badet, nur das gleiche Volumen des Wassers, das
sie einnimmt, verdrängen kann, bewegt man sich dort durch unfühlbaren
Antrieb.
Ebenso brauchten die Körper, um sich zu vereinigen, sich nur zu streifen.
Sie näherten sich ohne Druck, alles war beinahe luftig. Die zartesten
Empfindungen dauerten fort, ohne die Organe abzustumpfen. Man kann sich
denken, daß diese Art zu sein, großen Einfluß auf die moralische Kraft der
Bewohner dieses planetarischen Bogens hatte. So war denn eines der Wunder,
das Shackerley am meisten überraschte, die Vervollkommnungsfähigkeit der
Lebewesen, die den seltsamen Ring bewohnten. Sie erfreuten sich sehr vieler
Sinne, die uns unbekannt sind; die Natur hatte zu große Vorteile in das
System all dieser großen Körper gelegt, als daß sie sich bei der
Zusammensetzung derer, die sie bestimmt hatte, sich all dieser Schauspiele
zu erfreuen, mit fünf Sinnen hätte zufrieden geben können.
Hier steigert sich Shackerleys Verwirrung ins Ungeheure. Er besaß
Kenntnisse genug, um die großen Wirkungen dieser verschiedenen und
schwebenden Körper zu verstehen und zu schildern. Er scheiterte aber, als
er die Lebewesen beschreiben wollte. So findet man denn in dem
mozarabischen Manuskript nicht all die Klarheit, all die Einzelheiten, wie
man sie sich in dieser Beziehung gewünscht hätte. Wenigstens haben die
Abbandonati in Bologna, die Resvegliati in Genua, die Addormentati in
Gubio, die Disingannati in Venedig, die Adagiati in Rimini, die Furfurati
in Florenz, die Lunatici in Neapel, die Caliginosi in Ancona, die Insipidi
in Perugia, die Melancholici in Rom, die Extravaganti in Candia, die Ebrii
in Syracus und alle, die man um Rat befragt hat, darauf verzichtet, die
Übersetzung klarer wiederzugeben. Wahrlich, die bürgerliche und religiöse
Untersuchung wird sich vielleicht in etwas in solche Schwierigkeit
hineinversetzen können.
Indessen muß man gerecht sein, nichts ist schwieriger zu erklären, als ein
Sinn, der uns fremd ist. Man hat Beispiele Blindgeborener, die mit Hilfe
der Sinne, die ihnen blieben, Wunder in ihrer Blindheit verrichtet haben.
Nun gut! Einer von ihnen, ein Chemiker und Musiker, der seinen Sohn Lesen
lehrt, kann keine andere Erklärung für einen Spiegel wie folgende geben:
»er ist ein Gegenstand, durch den die Dinge außerhalb ihrer selbst erhaben
hervortreten können.« Seht, wie abgeschmackt dennoch diese Definition ist,
die die Philosophen, die sie ergründet haben, sehr scharf und gar
erstaunlich fanden[A]. Ich kenne kein Beispiel, das geeigneter wäre, die
Unmöglichkeit zu zeigen, Sinne, mit denen man nicht versehen ist,
auszudrücken; indessen stammen alle Gefühle und moralischen Eigenschaften
von den Sinnen ab, folglich könnte man sich bei dem, was es über die Moral
der Wesen einer von unserer so verschiedenen Art zu sagen gäbe, nur auf
Beobachtungen stützen, die sich auf sie beziehen.
[Fußnote A: Tatsächlich, welcher Gedankenfeinheit hat es nicht bedurft,
wie der berühmte Herr d'Alembert nach dem geistvollen und manchmal
erhabenen Diderot bemerkt, um dahin zu gelangen? Der Blinde lernt alles nur
durch den Tastsinn kennen; er weiß, daß man sein Gesicht nicht sehen kann,
obwohl man es zu berühren vermag. »Die Sehkraft,« folgert er, »ist also
eine Art Tastsinn, der sich nur auf die Gegenstände erstreckt, die
verschieden vom Gesicht und von uns entfernt sind.« Der Tastsinn gibt ihm
überdies noch den Begriff des Hervortretens. Daher ist der Spiegel ein
Werkzeug, welches uns außerhalb von uns selbst erhaben hervortreten läßt.
Das Wort erhaben ist kein Pleonasmus. Wenn der Blinde sagte, »außerhalb von
uns selbst hervortreten läßt«, würde er eine Abgeschmacktheit noch dazu
sagen, denn wie einen Gegenstand begreifen, welcher die Dinge verdoppeln
kann? Das Wort erhaben paßt nur auf die Oberfläche; also heißt für uns
»außerhalb von uns selbst erhaben hervortreten lassen«, die Darstellung
unseres Körpers außerhalb von uns selbst bewerkstelligen. Diese Bezeichnung
ist stets ein Rätsel für den Blinden, doch sieht man, daß er das Rätsel, so
gut es ihm möglich war, zu vermindern gesucht hat.]
Im übrigen steht zu hoffen, daß die Gewohnheit, die uns unsere Reisenden
und Geschichtsschreiber aufgezwungen haben, sie das, was nur von Sitten,
Gesetzen und Gebräuchen handelt, vernachlässigen und sogar gänzlich außer
Acht lassen zu sehen, unsere Leser, Shackerley gegenüber, nachsichtig
machen wird, der immerhin den Freipaß eines hohen Alters für sich hat, ohne
welchen man vielleicht kein Wort von dem, was er gesagt, glauben würde. War
er doch für seine Zeitgenossen -- und in vieler Hinsicht ist er es auch für
uns -- in der Lage eines Mannes, der nur einen oder zwei Tage lang gesehen
hat und sich in einem Volk von Blinden aufhält; er müßte gewißlich
schweigen oder man möchte ihn für einen Narren halten, da er eine Menge
geheimnisvolle Dinge verkünden würde, die es in Wahrheit nur für das Volk
wären; aber so viele Menschen sind »Volk« und so wenige Philosophen, daß
man durchaus nicht sicher geht, nur für die zu handeln, zu denken und zu
schreiben.
Shackerley hat indessen einige Beobachtungen gemacht, deren ungewöhnlichste
hier folgen sollen:
Er bemerkte, daß das Gedächtnis bei den Lebewesen des Saturns sich niemals
trübte. Die Gedanken teilten sich bei ihnen ohne Worte und ohne Zeichen
mit. Keine Sprache gabs, infolgedessen nichts Geschriebenes, nichts
Ausgesagtes; wie viele Tore waren den Lügen und den Irrtümern verschlossen!
Die verschwenderischen, unzähligen Kleinigkeiten, die uns entnerven, waren
ihnen unbekannt. Sie hatten alle nur denkbare Bequemlichkeit, um ihre
Gedanken zu übertragen, um ihrer Ausführung eine erstaunliche Schnelligkeit
zu geben, um alle Fortschritte ihrer Kenntnisse zu beschleunigen; es
schien, daß bei dieser bevorzugten Art sich alles durch Instinkt und mit
der Schnelligkeit des Blitzes vollzog.
Da das Gedächtnis alles behielt, lebte die Überlieferung mit unendlich viel
größerer Treue, Genauigkeit und Bestimmtheit fort als bei den verwickelten
und unendlichen Mitteln, die wir anhäufen, ohne irgendeine Art von
Sicherheit erreichen zu können. Jeder Körper hat seine Ausströmungen; die
der Erde sind ganz nutzlos. Auf dem Ringe bilden sie eine stets auf
beträchtliche Entfernungen hin wirksame Atmosphäre; und diese Emanationen,
von denen Shackerley nur einen Begriff geben konnte, indem er sie mit den
Atomen verglich, die man mit Hilfe von Sonnenstrahlen, die in ein dunkles
Zimmer eingeführt werden, unterscheidet, diese Emanationen, sage ich,
antworteten auf all die Nervenbüschel des Gefühls des Individuums. Ähnlich
den Staubfäden der Pflanzen, den chemischen Verwandtschaften strömten sie
in die Emanationen eines anderen Individuums über, wenn die Sympathie sich
da begegnete; was, wie man sich leichtlich denken kann, die Sensationen,
von denen wir uns nur ein sehr ungenaues Bild machen können, ins Unendliche
vervielfältigte. Zum Beispiel geben sie die Wonnen zweier Liebenden wieder,
ähnlich denen des Alphaeus, der, um sich der Arethusa zu erfreuen, welche
Diana eben in einen Quell verwandelt hatte, sich in einen Fluß verzauberte,
um sich noch inniger mit seiner Geliebten zu vereinigen, indem er seine
Wogen mit ihren vermischte.
Diese lebhafte und fast unendliche Kohäsion so vieler fühlbarer Moleküle
brachte notwendigerweise in diesen Wesen einen Lebensgeist hervor, den
Shackerley durch ein mozarabisches Wort ausdrückt, das die Akademie der
Innamorati mit dem Worte elektrisch übersetzt hat, obwohl die Phänomene der
Elektrizität in diesen zurückliegenden Zeiten noch nicht bekannt waren.
Alles war in diesen Gegenden ohne Pflege im Überfluß und derartig
vorhanden, daß der Besitz dort ebenso nutzlos wie lästig geworden wäre. Man
fühlt, daß, wo es keinen Besitz gibt, auch sehr wenige Ursachen zu
Zwistigkeiten und Feindschaften vorliegen können, und daß die vollkommenste
politische Gleichheit herrscht, vorausgesetzt, daß solche Wesen eines
politischen Systems bedürfen. Ich weiß nicht, was ihre Ruhe trüben könnte,
da ihre Bedürfnisse mehr im Vorbeugen als im Befriedigen liegen, wenn der
Geschmack des Verlangens ihnen nicht abgeht und sie das Gift des
Überdrusses nicht zu fürchten haben.
Auf dem Saturnringe übertragen sich die Kenntnisse durch die Luft auf sehr
beträchtliche Entfernungen hin, auf demselben Wege, auf dem sich das
Sonnenlicht fortpflanzt, das bekanntlich in sieben Minuten zu uns kommt.
Eine Einatmung, oder anders ein gemäßigter Hauch genügt, um einen Gedanken
mitzuteilen. Davon geht der bewunderungswürdige Wettstreit unter den
unendlichen Völkern aus, die dieses Verständnisses und dieser auf dem
ganzen Ringe allgemein verbreiteten Harmonie zufolge sich nur mit ihrer
gemeinsamen Glückseligkeit beschäftigen, die niemals im Widerspruch mit der
eines einzelnen Individuums gestanden hat.
Diese, besonders für die Menschheit so seltsamen Wesen erfreuten sich also
eines ewigen Friedens und eines unwandelbaren Wohlbefindens. Die
Geschicklichkeiten, die auf das Glück und die Erhaltung der Art abzielten,
waren so vervollkommnet, wie man sie sich nur denken und sich selber
wünschen kann, und man hatte dort nicht den geringsten Begriff von den
verheerenden, durch den Krieg erzeugten Kunstgriffen. So hatten die
Ringbewohner nicht die Wechsel von Vernunft und Wahnsinn durchzumachen, die
unsere Gemeinschaften so verschwenderisch mit Gut und Böse vermischt haben.
Die großen Talente in der furchtbaren Wissenschaft, diese hervorzubringen,
waren, weit entfernt davon, bei ihnen bewundert zu werden, dort nicht
einmal bekannt. Die unfruchtbaren oder künstlichen Vergnügungen herrschten
dort ebensowenig wie der falsche Ehrbegriff, und ihr Instinkt hatte die
glückseligen Wesen mühelos gelehrt, was die traurige Erfahrung so vieler
Jahrhunderte uns noch vergeblich anzeigt, ich will sagen, daß der wahre
Ruhm eines intelligenten Wesens Kenntnisse sind und der Friede sein wahres
Glück ist.
Das ist alles, was eine rasche Lektüre von Shackerleys Reise mir zu
behalten erlaubte, den Habacuc am Ende seiner Fahrt bei den Haaren ergriff
und in Arabien niedersetzte, wo er ihn aufgehoben hatte. Wenn das
Auseinanderfalten und die Übersetzung dieses kostbaren Manuskripts
vollendet sein wird, will ich dem weisen Europa eine nicht minder
authentische Ausgabe als die des heiligen Buches der Brahmanen vorlegen,
die Herr Auquetil ganz gewiß von den Ufern des Ganges hergebracht hat, denn
ich schmeichle mir, die mozarabische Sprache beinahe ebenso gut zu können,
wie er den Zent oder den Pelhvi versteht.