Meine Mutter.
Kein Vogel sitzt in Flaum und Moos
In seinem Nest so warm,
Als ich auf meiner Mutter Schoß,
Auf meiner Mutter Arm;
Und tut mir weh mein Kopf und Fuß,
Gibt mir die Mutter einen Kuß
Und drückt mich an ihr Herz.
Friedrich Güll.
Kniereiterliedchen.
Hoppe, hoppe, Reiter,
Wenn er fällt, da schreit er.
Fällt er in den Graben,
Fressen ihn die Raben,
Fällt er in den Sumpf,
Macht der Reiter plumps!
Schacker, schacker, rillichen,
Wir reiten auf dem Füllichen.
Wenn wir größer werden,
Reiten wir auf Pferden.
Hopp, hopp, hopp,
Pferdchen lauf’ Galopp,
Ueber Stock und über Steine,
Tu’ dir ja nicht weh die Beine;
Immer im Galopp,
Hopp, hopp, hopp, hopp, hopp!
Wie reiten denn die Herren?
Trapp, trapp, trapp!
Wie reiten denn die Bauern?
Stupp, stupp, stupp!
Wie reitet denn der Edelmann
Mit seinem Pferdchen hintendran?
Galoppe, galoppe!
Wie reiten denn die Jüngferlein
Mit den bunten Schühelein?
Hitte, pitte, hitte, pitte!
Bums in ’n Graben ’nein!
Hopp, mein Pferdchen, nach der Stadt,
Bring’ meinem lieben Kindchen wat.
Was soll ich ihm denn bringen?
’n großen Sack voll Kringeln:
Zuckerbrot und Mandelkern
Mag mein liebes Kindchen gern.
Wenn der kleine Schelm verdrießlich aufwacht.
Grüß Gott, mei’ lieb’s Franzerl!
Bist da von der Fremd’?
Wo hast denn dei’ Ranzerl,
Dei’ Huterl, dei’ Hemd?
Wo hast denn dei’ Rockerl,
Dei’ Höserl, dei’ Sockerl?
Du trauriger Bu’!
Jetzt holt mir den Schneider
Und Schuster im Nu,
Und schneidert ihm Kleider,
Und schustert ihm Schuh’!
Friedrich Güll.
Der Laternenmann.
Sonne steckt jetzt hinterm Haus,
Und das Kinderspiel ist aus.
Ja, die Kleinen sind schon heim,
Gucken dort am Fensterlein.
Kommt ein Mann dahergegangen,
Kommt mit einer großen Stangen.
Seht, dort drüben steht er still!
Was er nur mit der Stange will? —
Kling! — Da geht ein Türlein auf
Puff!! — Sitzt schon ein Lichtlein drauf.
Noch ein Klapp! — Der Mann hat Eile.
Bald gibt’s Lichter, eine lange, lange Zeile.
R. Bär.
Gute Nacht.
Wenn die Kinder schlafen ein,
Wachen auf die Sterne,
Und es steigen Engelein
Nieder aus der Ferne;
Halten wohl die ganze Nacht
Bei den frommen Kindern Wacht.
Friedrich Güll.
Notwendige Unterbrechung.
Klein Evchen kniet im Hemdelein
Im Bett mit gefalteten Händen,
Und will, wie täglich, ihr Nachtgebet
Hinauf zum Himmel noch senden.
Da kommt der Bruder heran
Ganz leise und verstohlen,
Und reckt sich plötzlich zu ihr empor
Und kitzelt sie an den Sohlen.
Klein Evchen erträgt das mit Geduld;
Da zwickt er sie in die Zehe.
Nun wird es doch der Kleinen zu viel
Und bittend schaut sie in die Höhe;
„Mein lieber Gott, du entschuldigst doch —
Sonst würd’ ich mir’s auch nicht getrauen,
Ich bet’ gleich fertig, nur muß ich erst —
Dem Hans eine ’runterhauen.“
Schlummerlied.
Die Vöglein gingen längst zur Ruh,
Das Täubchen flog dem Schlage zu
Und sitzt nun bei den Kleinen.
Der Vater schließt das Gartentor,
Da guckt auch schon der Mond hervor
Und tausend Sterne scheinen.
Nun mache deine Aeuglein zu,
Und schlafe süß, mein Liebling du!
Ein Engel hält am Bette Wacht,
Mein Herzenskind, gut’ Nacht, gut’ Nacht!
Gute Nacht!
Schlaflied.
Schlaf, Kindchen, schlaf’!
Da draußen geh’n zwei Schaf’,
Ein schwarzes und ein weißes.
Und wenn das Kind nicht schlafen will,
So kommt das schwarze und beißt es.
Sonne hat sich müd gelaufen.
Sonne hat sich müd gelaufen,
Spricht: „Nun laß ich’s sein!“
Geht zu Bett und schließt die Augen
Und schläft ruhig ein.
Sum, sum, sum,
Mein Kindchen macht es ebenso,
Mein Kindchen ist nicht dumm!
Bäumchen, das noch eben rauschte,
Spricht: „Was soll das sein?
Will die Sonne nicht mehr scheinen,
Schlaf ich ruhig ein.“
Sum, sum, sum,
Mein Kindchen macht es ebenso,
Mein Kindchen ist nicht dumm!
Vogel, der im Baum gesungen,
Spricht: „Was soll das sein?
Will das Bäumchen nicht mehr rauschen,
Schlaf ich ruhig ein!“
Sum, sum, sum,
Mein Kindchen macht es ebenso,
Mein Kindchen ist nicht dumm!
Häschen spitzt die langen Ohren,
Spricht: „Was soll das sein?
Hör’ ich keinen Vogel singen,
Schlaf ich ruhig ein!“
Sum, sum, sum,
Mein Kindchen macht es ebenso,
Mein Kindchen ist nicht dumm!
Jäger höret auf zu blasen,
Spricht: „Was soll das sein?
Seh’ ich keinen Hasen laufen,
Schlaf ich ruhig ein!“
Sum, sum, sum,
Mein Kindchen macht es ebenso
Mein Kindchen ist nicht dumm!
Kommt der Mond und guckt herunter,
Spricht: „Was soll das sein?
Kein Jäger lauscht!
Kein Häschen springt?
Kein Vogel singt?
Kein Bäumchen rauscht?
Kein Sonnenschein!
Und’s Kind allein
Sollt’ wach noch sein?“
Nein! Nein! Nein!
Lieb’ Kindchen macht die Augen zu,
Lieb’ Kindchen schläft schon ein!
Robert Reinick.
Elfenlied.
Bei Nacht im Dorf der Wächter rief:
Elfe!
Ein ganz kleines Elfchen im Walde schlief —
Wohl um die Elfe! —
Und meint, es rief ihn aus dem Tal
Bei seinem Namen die Nachtigall,
Oder Silpelit hätt’ ihn gerufen.
Reibt sich der Elf’ die Augen aus,
Begibt sich vor sein Schneckenhaus,
Und ist als wie ein trunken Mann,
Sein Schläflein war nicht voll getan,
Und humpelt also tippe tapp
Durchs Haselholz ins Tal hinab,
Schlupft an der Mauer hin so dicht,
Da sitzt der Glühwurm, Licht an Licht.
„Was sind das helle Fensterlein?
Da drin wird eine Hochzeit sein:
Die Kleinen sitzen beim Mahle,
Und treiben’s in dem Saale.
Da guck’ ich wohl ein wenig ’nein!“
— Pfui, stößt der Kopf an harten Stein!
Elfe, gelt, du hast genug?
Gukuk! Gukuk!
Eduard Mörike.
Was fang ich an?
Ach, wo ich gerne bin,
Da soll ich nimmer hin,
Und wo ich bleiben muß,
Da hab’ ich nur Verdruß.
Nach dem Walde soll ich nicht,
In den Garten mag ich nicht,
In der Stube bleib’ ich nicht, —
Was fang’ ich an?
Ach, in dem Wald allein,
Da kann man lustig sein;
Da grünt es überall,
Da singt die Nachtigall.
Mutter, laß mich geh’n hinaus,
In den grünen Wald hinaus!
Einen schönen Blumenstrauß,
Den bring’ ich dir.
Könnt’ ich ein Vogel sein,
Flög’ ich in den Wald hinein,
Zur reinen Maienluft,
Nach dem Walde soll ich nicht,
Zum frischen Laubesduft,
In den Garten mag ich nicht,
In der Stube bleib’ ich nicht,
Was fang ich an?
Hoffmann von Fallersleben.
Peter und das Echo.
Möcht’ wissen, wo der Kerl nur steckt,
Der mich im Wald hier foppt und neckt!
Bald tönt’s von rechts, von links dann her,
So wie ich rufe, ruft auch er.
Wenn ich dich krieg’, — na warte! Echo: Warte!
Er folgt mir nach auf Schritt und Tritt,
Und wie ich singe, singt er mit.
Steckst du dort oben auf dem Ast,
So sprich, wenn du Chourage hast,
Und zeig’ dich mir, — potz Kuckuck! Echo: Kuckuck!
Was sprichst du nach mir immerzu?
Du feiger Kerl, wie heißt denn du;
So war ich Peter heiß’, — auf Wort! —
Ich fasse dich und schlepp’ dich fort,
Ob früher oder später! Echo: Peter!
Sei still und sprich kein Wörtchen mehr,
Sonst hol’ ich mir ein Schießgewehr!
Und hab’ ich dich aufs Korn gefaßt,
So schieß’ ich dich vom höchsten Ast
Herab mit meiner Waffe! Echo: Affe!
Du schimpfest gar? Du dummer Wicht!
Wahrhaftig! Nein, das leid’ ich nicht!
Ich geh’ nicht eher hier vom Fleck,
Bis ich gefunden dein Versteck,
Daß ich mich mit dir boxe! Echo: Ochse!
R. Löwenstein.
Aus dem grünen Wald.
Die Sonne schien so lustig drauß,
Es ging ein Kind durch den Wald nach Haus:
Trali trala!
Wie sang es da!
Trali trala!
Wie klang es da
So hell in dem grünen Walde!
Und wie es so ging durch Busch und Gras,
Da riefen die Vögel ohn’ Unterlaß:
Trala trali!
Bleib hie! Bleib hie!
Trali trala,
Wie schön ist’s da
Bei uns in dem grünen Walde!
Und als es kam an den blauen Bach,
Da liefen und riefen die Wellen ihm nach:
Trala trali!
Bleib hie! Bleib hie!
Trali trala,
Wie schön ist’s da
Bei uns in dem grünen Walde!
Und als es da sprach: „Das kann nicht sein,
Ich muß zurück zu dem Mütterlein.“
Trala trali!
Wie flogen sie!
Trala trali
Wie liefen sie
Ihm nach aus dem grünen Walde!
Und andern Tag’s, als aus dem Haus
Das Kind nun schaut zum Fenster hinaus:
Trali trala!
Die Vögel sind da!
Trala trali,
Und die Wellen sieh,
Die bringen ihm Grüß’ aus dem Walde!
Robert Reinick.
Kind und Tiere.
[Illustration]
Beim Osterhasen.
Bitt schön, Osterhäschen im Schnee,
Tut dir das Eierlegen nicht weh?
Na, wieviel werden’s denn heuer?
Drei Dutzend? Hoffentlich nicht zu teuer.
Ist auch eine Menge bunter,
So recht knallroter und gelber darunter?
Du! Ich weiß dir mal schöne Verstecke!
Im Hühnerstall und hinter der Buchsbaumhecke.
Wie wärs mit der Hundehütte vom Spitz?
Oder unter Großväterchens Zipfelmütz?
Halt — pst! In Lilis gelbseidenem Puppenwagen;
Du darfst’s aber niemandem weitersagen!
Ad. Holst.
Lämmchen.
Mäh, Lämmchen, mäh!
Das Lämmchen läuft in Wald,
Da stieß sichs an ein Steinchen,
Da tat ihm weh sein Beinchen,
Da schrie das Lämmchen mäh!
Mäh, Lämmchen, mäh!
Das Lämmchen läuft in Wald,
Da stieß sichs an ein Stöckelchen,
Da tat ihm weh sein Köppelchen,
Da schrie das Lämmchen mäh!
Mäh, Lämmchen, mäh!
Das Lämmchen läuft in Wald,
Da stieß sichs an ein Sträuchelchen,
Da tat ihm weh das Bäuchelchen,
Da schrie das Lämmchen mäh!
Mäh, Lämmchen, mäh!
Das Lämmchen läuft in Wald,
Da stieß sichs an ein Hölzchen,
Da tat ihm weh sein Hälschen,
Da schrie das Lämmchen mäh!
Kinderreim.
Mauskätzchen.
Mauskätzchen, wo bleibst du?
Mauskätzchen, was treibst du?
In unserm Häuschen
Sind schrecklich viel Mäuschen.
Sie pfeifen und rappeln,
Und trippeln und trappeln
In Kisten und Schränken,
Auf Tischen und Bänken.
Sie stehlen und naschen,
Und will man sie haschen:
Wupp, sind sie fort!
Hoffmann von Fallersleben.
Bei Goldhähnchens.
Bei Goldhähnchens war ich jüngst zu Gast!
Sie wohnen im grünen Fichtenpalast.
In einem Nestchen klein,
Sehr niedlich und sehr fein.
Was hat es gegeben? Schmetterlingsei,
Mückensalat und Gnitzenbrei
Und Käferbraten famos —
Zwei Millimeter groß.
Dann sang uns Vater Goldhähnchen was,
So zierlich klang’s wie gesponnenes Glas.
Dann wurden die Kinder besehn:
Sehr niedlich alle zehn!
Dann sagt’ ich: „Adieu!“ und: „Danke sehr!“
Sie sprachen: „Bitte, wir hatten die Ehr’,
Und uns mächtig gefreut!“
Es sind doch reizende Leut’!
Frühstück.
Alle unsre Tauben
Sind schon lange wach,
Sitzen auf den Lauben,
Sitzen auf dem hohen Dach:
Sitzen auf dem Regenfaß:
Wer gibt nun den Tauben was?
Alle unsre Hennen
Sind schon aus dem Stall,
Gackeln schon und rennen,
Scharren überall.
Und der Hahn kräht: „Futter her!
Immer mehr, nur immer mehr!“
Alle unsre Kleinen
Machen ein Geschrei,
Strampeln mit den Beinen,
wollen ihren Brei.
Lirum, larum Löffelstiel,
Wer krakeelt, der kriegt nicht viel!
Gustav Falke.
Böcklein.
Du Schäckerer,
Du Mäckerer,
Hast gar ein zottlig Kleid.
Nicht neu, nicht alt,
Nicht warm, nicht kalt,
Nicht eng und auch nicht weit.
Da spricht der Bock:
Mein Zottelrock,
Der ist mir zehnmal lieber,
Als ein Gewand
Von allerhand
Tuch, Sammet oder Biber.
Er reißt mir nicht
und schleißt mir nicht,
und kommt nicht aus der Mode.
Ich trag’ ihn von Geburt an schon
Und trag’ ihn bis zum Tode.
Ob ihr auch lacht,
er ist gemacht
Mir doch zu meinem Putze.
Ich schäm’ mich nicht
und gräm’ mich nicht
Und trag’ ihn euch zum Trutze.
Friedrich Güll.
Das Taubenhaus.
Wir öffnen jetzt das Taubenhaus,
Die Täubchen, sie fliegen so froh hinaus,
Sie fliegen über das weite Feld,
Wo’s ihnen gar so wohl gefällt.
Und kehren sie heim zur süßen Ruh’,
So schließen wir wieder das Taubenhaus zu.
Krukru, krukru, krukru, krukru.
(Im Innern des festgeschlossenen Kreises stehen einige Kinder, die
„Täubchen“. Bei Beginn des Spieles erheben alle die Hände und öffnen
durch Rückwärtsgehen den Kreis, um die „Täubchen“ ausfliegen zu
lassen. Sind sie heimgekehrt, so wird der Kreis geschlossen gehalten;
erst wenn die Kinder die erste Strophe wieder singen, fliegen die
„Täubchen“ wieder aus.)
Hahn Gockels Leichenbegängnis.
„Wer erschlug den Hahn Gockel?“
„Ich,“ spricht der Sperber;
„Ich bin der Verderber,
Ich erschlug den Hahn Gockel.“
„Wer hat’s geseh’n?“
„Ich,“ spricht das Mäuslein;
„Aus meinem Häuslein
Hab’ ich’s geseh’n.“
„Wer trank sein Blut?“
„Ich,“ spricht das Mücklein:
„Mit kleinen Schlücklein
Trank ich sein Blut.“
„Wer gräbt sein Grab?“
„Ich,“ spricht Rotkehllein;
„Mit meinen Zehlein
Grab ich sein Grab.“
„Wer trägt die Bahr?“
„Ich,“ spricht der Rabe;
„Ich trage im Trabe
Die Totenbahr.“
„Wer ist der Priester?“
„Ich,“ spricht die Dohle;
„Bin schwarz wie Kohle,
Ich bin der Priester.“
„Wer singt den Psalm?“
„Ich,“ spricht die Nachtigall;
„Ich sing’ mit süßem Schall,
Ich sing’ den Psalm.“
„Wer läut’t die Glock’ hell?“
„Ich,“ spricht das Böcklein;
„Ich läut’ ihms Glöcklein.
Fahr wohl, Hahn Gockel!“
Alle Vögel in der Luft
Kam ein Seufzen an und Klagen,
Als sie hörten ’s Glöcklein schlagen
Zu Hahn Gockels Gruft.
Fr. Rückert.
Vom listigen Grasmücklein.
Klaus ist in den Wald gegangen,
Weil er will die Vöglein fangen;
Auf den Busch ist er gestiegen,
Weil er will die Vöglein kriegen.
Doch im Nestchen sitzt das alte
Vögelein just vor der Spalte,
Schaut und zwitschert: „Ei der Taus’ —
Kinderlein, es kommt der Klaus!
Hu, mit einem großen Prügel,
Kinderlein, wohl auf die Flügel!“
Prr, da flattert’s: Husch, husch, husch!
Leer das Nest und leer der Busch.
Und die Vöglein lachen Klaus
Mit dem großen Prügel aus,
Daß er wieder heimgegangen,
Zornig, weil er nichts gefangen;
Daß er wieder heimgestiegen,
Weil er konnt’ kein Vöglein kriegen.
Friedrich Güll.
Wolf und Gänse.
Ein Kind ist der Wolf, ein anderes die Mutter, die übrigen sind
Gänschen. Mutter und Gänschen sind in einiger Entfernung aufgestellt,
während der Wolf zur Seite kommt.