3. Kapitel.

Seit Friesens Ankunft auf dem Freihofe waren nun schon einige Wochen

vergangen, und die Ernte war im vollen Gange. Von frühesten Morgen ab

war Max draußen auf den Feldern, wohin ihn zuweilen Friesen begleitete.

Die Freihoferin leitete trotz ihres Alters noch alle weiblichen

Arbeiten auf dem Gute, und ihre Tätigkeit wurde in den Erntetagen

stark beansprucht. Am Frühstückstische trafen sich deshalb immer nur

Elisabeth und Friesen, während die Mittagsmahlzeit alle vereinigte.

Nach dem Abendessen blieb der kleine Kreis noch ein Stündchen plaudernd

sitzen, und Friesen hatte oft Gelegenheit, der Freihoferin knappes und

treffendes Urteil zu bewundern. Ihr scharfer Verstand fand immer das

Richtige, und ein Phrasenmacher hätte ihr gegenüber schweren Stand

gehabt, da sie seine Rede augenblicklich und schonungslos zerpflückt

hätte.

Im Vordergrund des öffentlichen Interesses stand zur damaligen Zeit

erklärlicherweise die politische Lage Europas. Die vorangegangenen

Jahrzehnte hatten ja genug Stoff geliefert. Von den Eltern waren die

glänzenden Waffentaten Preußens unter seinem großen König den Kindern

überliefert worden, und das jetzige Geschlecht hatte die schrecklichen

Tage der Pariser Revolution gesehen, nach denen die ganze gebildete

Welt das Wachsen des jungen Korsen betrachtete. Anfangs konnte man wohl

ein Lächeln nicht unterdrücken, wenn man von dem Jüngling vernahm, der

in der französischen Hauptstadt die oberste Gewalt besaß. Wie viele

waren ihm in den letzten Jahren in dieser Stellung nicht vorangegangen,

und wie lange würde es dauern, bis auch ihn das Schicksal herunterwarf

und er klanglos jenen nachfolgte.

Dann wieder horchte man auf, wie es hieß, daß er, zur Unterdrückung

des Pariser Aufstandes der Königstreuen berufen, keine

Beschwichtigungsreden an die Aufständischen gehalten, sondern sie ohne

Wimpernzucken hätte niederkartätschen lassen. Mit wachsendem Interesse

sah man auf den siebenundzwanzigjährigen, kühnen Obergeneral, der

trotz der trostlosen Verhältnisse, die die Revolution in seinem Lande

zurückgelassen hatte, ein Heer zusammenraffte und diese völlig mutlosen

Truppen in kurzer Zeit sich derartig ergeben machen und für den Krieg

so zu entflammen wußte, daß sie jeder Gefahr spotteten. Der Soldat

wuchs unter solcher Leitung und vertraute blind auf seinen Führer.

Dieser fiel nunmehr in Italien ein und schlug in rascher

Aufeinanderfolge mehrere auf den Schlachtfeldern ergraute

Feldherren, die sich an der Spitze ihrer kampfgeübten Truppen ihm

entgegenstellten. Infolgedessen wurde der Einfluß, den dieser Bonaparte

als erster Konsul in Paris ausübte, immer größer.

Und als dann nach wenigen Jahren der Sieger von Marengo und Hohenlinden

sich selbst krönte und als Napoleon der Erste zum Kaiser der Franzosen

ausgerufen wurde, da empfanden es die Völker Europas, daß der Zwerg,

der noch vor einem Jahrzehnt ihre Spottlust erregt hatte, zu einem

gewaltigen Riesen herangewachsen war. Man traute seiner Friedfertigkeit

nicht, und im nördlichen Deutschland sah man mit gemischten Gefühlen

und untätig zu, wie der unfehlbare Eroberer, über Russen und

Oesterreicher zugleich, bei Austerlitz einen seiner glänzendsten Siege

erfocht, und Schmach und Schmerz beschlich die deutsche Mannesbrust,

wie das alte deutsche Reich, dessen gewaltiger Bau den wildesten

Stürmen eines Jahrtausends getrotzt hatte, in Trümmer ging.

Eine Bangigkeit überfiel die vom Kriege noch nicht heimgesuchten

deutschen Staaten, -- die verhängnisvolle Ruhe vor einem Gewittersturm.

Und dann kam jener unselige Oktobertag, an dem die Nation Friedrichs

des Großen, das starke, das stolze Preußen tief gedemütigt wurde.

Die darauffolgenden Jahre hatten dann nichts als Tod und Verwüstung

gebracht. Jetzt schrieb man das Jahr 1811. Was würde wohl noch kommen?

Wieviel Schmerzliches, wie viel Erniedrigung barg die Zukunft noch in

ihrem Schoße?

Max vertrat die Meinung, daß Sachsen mit den bestehenden Verhältnissen,

obwohl sie auch vieles zu wünschen übrig ließen, immerhin noch

zufrieden sein könne, denn das Land hätte Napoleon doch für manches

zu danken. Er hatte sein Bündnis nicht zurückgewiesen und es zum

Königreich gemacht. Und dann: durfte der König den Kaiser nicht seinen

Freund nennen?

Die Freihoferin hingegen verwarf diese Ansicht. Das am Boden liegend

Preußen war ein Bruderstaat, war deutsch. Von Napoleon konnte Sachsen

nicht dauernd Gutes erhoffen, er war und blieb ein Franzose, ein Feind.

Was halfen Versprechen, wohl auch Geschenke, wie dieses Herzogtum

Warschau, das, richtig besehen, nur das Unglück des Landes vergrößerte.

Alle seine Beteuerungen freundschaftlicher Gefühle seien eitel Dunst,

drüben aber winke eine Hand, die man nicht verschmähen dürfe, die

Hand des blutverwandten Stammes. Freilich, _wie_ eine Änderung zum

guten herbeigeführt werden könne, wußte sie nicht. Wie konnte man beim

Anblick dieses mit schweren Gewitterwolken behangenen politischen

Himmels auch hoffen; kein freundlicher Stern drang durch das dunkle

Gewölk.

Aber des Krieges war es für lange Zeit genug, darin waren alle einig.

* * * * *

Friesen schlenderte am Bache entlang, der infolge der andauernden

Sommerhitze fast versiecht war. Nur ein schmaler Streifen Wassers, in

einer Rinne in der Mitte des Bettes, hatte sich noch erhalten, und kein

Fremder hätte vermutet, daß dieses unschuldige Wässerchen zuzeiten ein

wildschäumender Bach werden konnte, der alles mit fortriß, was sich ihm

in den Weg stellte und selbst schon Menschenleben gefordert hatte.

Friesen war wieder einmal allein; Max konnte ihm in der jetzigen Zeit

unmöglich Gesellschaft leisten. Oftmals vertrieb er sich die Stunden

mit Elisabeth im Spiel, -- anders konnte er die Unterhaltung mit ihr

nicht nennen. Sie liefen mit einander um die Wette, sprangen im hohen

Grase herum, oder zogen ihre Schuhe von den Füßen und liefen in das

seichte Wasser.

Jeden Tag hatte Elisabeth neue Fragen an ihn zu stellen; ihre

Wißbegierde nach dem Leben in der Stadt war unerschöpflich. Zuweilen

traf es sich, daß sie etwas von dem, was Friesen ihr am Tage vorher

erzählt, trotz emsigen Grübelns nicht richtig verstanden hatte und

deshalb eine neue Erklärung erbat.

Aber bald trug es sich zu, daß Friesen öfters fragte als sie. Das

Fehlen einer tieferen Kenntnis der Natur in ihrem mannigfachen Kleide

wurde ihm erst jetzt so richtig klar. Elisabeth hatte diese schwache

Seite an ihm mit lebhafter Befriedigung entdeckt und war sehr stolz,

daß sie klüger war als der kluge Stadtherr. Und wie gut sie ihm das

geheimnisvolle Weben anschaulich machen konnte! Denn dieses Kind

hatte in dem großen Buche der Natur mit vielem Erfolg gelesen. Ihre

Kenntnis der Pflanzen, der Insekten, war verblüffend. Mit erstaunlicher

Sicherheit beschrieb und suchte sie selten vorkommende Gräser und

machte ihn auf kaum bemerkbare Unterschiede in dem Bau einzelner

Blüten aufmerksam. Wenn Friesen manchmal einen leisen Zweifel über die

Richtigkeit ihrer Belehrung aussprach, so war ihr erstes Wort »die

Mutter«, die sie das alles gelehrt hatte, und von deren Unfehlbarkeit

sie überzeugt war. Aber seitdem Friesen eines Tages errötend gestehen

mußte, daß er die Nadeln der Kiefer von denen der Fichte nicht

unterscheiden könne, wagte er es nicht mehr, ihr zu widersprechen. Sie

war durch diese Unkenntnis derart überrascht gewesen, daß sie nicht

einmal ein Lächeln fand, sondern ihm einen Blick tiefsten Bedauerns

zuwarf, als sei ihr bange um sein gesundes geistiges Vermögen. Eine

Entschuldigung dieser bewiesenen Schwäche ließ sie nicht gelten. Selbst

die schüchterne Einwendung sprach nicht für ihn, daß ihm keine Zeit zur

Betrachtung geblieben sei, wenn er mit eigenen Händen so manche junge

Kiefer in das auflodernde Lagerfeuer geschoben, oder wenn ihm eine

starke Fichte Schutz vor den heranfliegenden feindlichen Kugeln gewährt

habe.

Elisabeth wies seine Rechtfertigungen schonungslos zurück und meinte,

daß sie es nie begreifen würde, wie man ein Stück Holz ins Feuer werfen

könne, ohne dabei zu wissen, welcher Art es sei, oder daß man sich

hinter einen Baum stelle und nicht einmal dessen Namen kenne.

Diese und ähnliche Vorhaltungen leuchteten Friesen zwar nicht recht

ein, aber er wagte auch keinen Einspruch mehr.

Mit heißen Wangen, die der Eifer erröten ließ, lehrte sie ihm das

Schauen und Beobachten. Sie verfolgten mit einander das Wachsen des

Halmes, das Werden und Aufbrechen der Knospe und das Schwellen und

Treiben der Frucht. Dann wieder führte sie ihn mit blitzenden Augen, an

der Hand hinter sich her ziehend, durch das Gebüsch zu Vogelnestern,

in denen niedliche, gefleckte Eier lagen, oder die junge Brut piepsend

ihre nackten Hälse reckte und die hungrigen Schnäbel weit aufsperrte.

Jeden Vogelruf sollte er kennen; unermüdlich nannte sie ihm den Namen

des Vogels, dessen Gesang sie eben gehört hatten. Zuweilen ahmte sie

das Gezwitscher nach, und er mußte raten. Dann wieder rief sie den

Namen eines der gefiederten Sänger des Waldes, und Friesen hatte, so

gut es gehen wollte, mit dessen Gesange zu antworten.

Bei allen diesen Unterweisungen lag auf des Mädchens lieblichem Gesicht

der altkluge Ausdruck, der ihr so vortrefflich stand, und von dem es

bis zum Lachen doch nur einer ganz kleinen Bewegung der Gesichtsmuskeln

bedurfte. Lange konnte sie sich auch nicht beherrschen, dann begann sie

selbst wieder zu fragen, oder neckte ihn. Und, -- hui, flogen beide um

die Wette unter den Bäumen dahin.

Aber heute war Friesen wieder einmal allein. Elisabeth war, wie so

manch liebes Mal, verschwunden, und er wußte sie oben auf dem Schlosse.

Langsam war Friesen bis zu dem kunstlosen Stege geschritten, der über

den Bach führte und aus einem langen Brett bestand, das mit seinen

Enden hüben und drüben auf dem steinigen Uferrand auflag. Er ging

langsam und vorsichtig hinüber, denn die Brücke bog sich unter der Last

und drohte jeden Unvorsichtigen hinab in den Bach zu werfen.

Auf dieser Seite des Baches war er noch nicht gewesen. Er ging weiter

und betrat einen kleinen Buchenwald, der sich in der Flußniederung

hinzog. Es waren lauter alte, herrliche Bäume, die hier standen.

Friesen lief unter dem Laubdach hin, zuweilen an einem dichten

Brombeergebüsch stehen bleibend und nach frühreifen Früchten suchend.

Dann warf er sich in das schwellende Moos, das wie ein dunkelbraunes

Sammetpolster unter den Bäumen ausgebreitet war. Eine lange Weile blieb

er so liegen. Ueber ihm wiegten die Bäume ihre Kronen, durch die an

einigen Stellen der blaue Himmel hindurchsah. Dann kam ein leichter

Windstoß, und die Äste rauschten stärker durcheinander.

So gefiel es ihm, -- diese wohltuende Einsamkeit war Balsam, der die

Wunde in seinem Herzen kühlte.

Endlich sprang er wieder auf und ging nach dem Stege zurück. In

Gedanken versunken und die Augen gesenkt, schritt er dahin. Da war

es ihm, als wenn er Rascheln von Laub wie unter menschlichen Tritten

gehört habe, und fast gleichzeitig klang ein unterdrücktes Kichern.

Friesen sah sich erstaunt um und bemerkte in kurzer Entfernung

seitwärts des Weges, am Fuße einer mächtigen Buche, zwei

Frauengestalten, die ebenfalls geruht haben mochten und die sein

Näherkommen aufgescheucht hatte.

In der kleineren von beiden erkannte er Elisabeth. Von ihr war auch

zweifellos das unterdrückte Lachen ausgegangen, denn ihr Gesicht

verriet noch zu deutlich die Freude, die sie empfand, ihn überrascht

zu haben. Friesen fand kaum Zeit, ihr zuzunicken. Sein Blick war

zu dem anderen Mädchen geglitten, dessen Arm Elisabeth umschlungen

hielt. Es war eine hohe, herrlich gebildete Frauengestalt. Aus dem

feingeschnittenen Gesicht blickte ein sinnendes Augenpaar herüber,

über dem dunkle Brauen ihre hochgewölbten Bogen gezeichnet hatten.

Auf dem Kopfe trug sie einen dichten Kranz brauner Zöpfe. Die

Erscheinung dieses Mädchens bot ein Bild von Anmut und entzückender

Frauenschönheit.

Friesen zögerte einen Augenblick mit dem Weiterschreiten, und er

schwankte, ob er sich den Mädchen nähern solle. Dann aber kam ihm

blitzschnell das Verständnis für die Lage, und die Rücksicht auf

seine Gastgeber bewog ihn, weiterzugehen. Er grüßte tief hinüber und

bemerkte, daß das schöne Mädchen errötete und seinen Gruß durch leises

Neigen des Kopfes erwiderte.

Nach wenigen Minuten befand er sich wieder auf dem jenseitigen Ufer. Da

hörte er hinter sich eilende Tritte und wie er sich umsah, erkannte er

Elisabeth, die gerade den Steg überschritt.

»Herr von Friesen?« rief sie von weitem, »laufen Sie doch nicht so

schnell. Ich will mit Ihnen nach Hause gehen.«

Er blieb stehen und sah ihr lächelnd entgegen. Jetzt kam sie

angesprungen. Ihre stark geröteten Wangen traten aus dem bleichen

Gesicht scharf hervor. Als sie ihn erreicht hatte, legte Elisabeth

vertraulich ihren Arm in den seinen, wie sie es oft tat, wenn sie im

Walde nebeneinander gingen. Ihre Brust arbeitete infolge des schnellen

Laufes heftig, und sie mußte lange nach Atem ringen, bevor sie sprechen

konnte.

»Das war meine Freundin Maria,« sagte sie stolz, »Maria von Tiefenbach.«

»Ach, Ihre Cousine,« entgegnete Friesen achtlos, »die oben im Schlosse

wohnt?«

Ueberrascht hob Elisabeth den Kopf und sah ihm in das Gesicht.

»Aber, Herr von Friesen, woher kennen Sie denn Maria?«

»Ich habe sie noch nie gesehen, aber schon vor ihr gehört,« antwortete

er. »Max hat mir erzählt, daß es ein Schloßfräulein gäbe, mit dem unser

kleiner Wildfang vom Freihofe gute Freundschaft halte.«

Das Mädchen hörte seine Neckerei nicht. Ihr Gesicht zeigte einen

gespannten Ausdruck, als sie rasch fortfuhr:

»Das hat Ihnen mein Bruder erzählt? Ach bitte, Herr von Friesen,

sprechen Sie mehr davon. Was hat er alles von Maria gesagt?«

Eine Blutwelle war dem Mädchen ins Gesicht getreten, aus dem Friesen

zwei bittende Augen entgegenleuchteten.

Der junge Mann war betroffen. Er bereute seine Worte, die die Erregung

des Mädchens hervorgerufen hatten. Von dem, was Max ihm erzählt hatte,

durfte er natürlich nicht plaudern, da wäre er ja auf das im Freihofe

sorgfältig gemiedene Thema gekommen. Da hatte ihm sein Scherzen einen

argen Streich gespielt, den er sofort wieder gut machen mußte.

So harmlos wie es ihm nur gelingen wollte, antwortete er:

»Max hat mir beiläufig erzählt, daß seine Familie mit den Tiefenbachs

vom Schlosse verwandt sei, und daß der alte Herr dort oben nur ein

einziges Töchterchen habe. Das waren ungefähr seine Worte. So, und

nun habe ich gesagt, was ich weiß, und ich hoffe, daß eine gewisse

neugierige Fragerin befriedigt sein wird.«

Verstohlen blickte er zur Seite und sah einen Zug tiefer Enttäuschung

auf Elisabeths Gesicht lagern, während die Augen, die soeben noch voll

Erwartung auf ihm geruht hatten, gedankenvoll in die Weite schweiften.

Es schien ihm, als wenn das Mädchen seinen Worten nicht recht glaube,

und nur ihr hohes Zartgefühl sie davon zurückhalte, weiter in ihn zu

dringen.

Eine Zeitlang gingen sie schweigsam nebeneinander. Dann aber wünschte

Friesen das Mädchen auf andere Gedanken zu bringen, und er ahmte mit

großer Sorgfalt den Ruf des Kuckucks nach. Dieser Versuch mußte jedoch

nicht besonders glücklich ausgefallen sein, denn er bemerkte, wie sich

die regungslosen Züge des schmalen Gesichtes wieder belebten, wie

es dann in den Mundwinkeln zu zucken begann, und wie zuletzt seine

Nachbarin in herzliches Lachen ausbrach. Friesen aber war froh, das

Mädchen wieder heiter zu sehen, denn Ernst stand ihrem Gesicht wirklich

nicht. Im nächsten Augenblick hatte sie wieder vergessen, was ihr Herz

noch soeben schwer bedrückte. Und fröhlich plaudernd trafen sie als

Letzte zum Mittagessen ein.

* * * * *

An den folgenden Tagen war Friesen in Maxens Begleitung wiederholt

ausgeritten. Max hatte im Frühjahr ein paar schöne Wagenpferde gekauft,

die er auch zugeritten hatte, sodaß sie, obgleich es zwei schwere Gäule

waren, recht gut unter dem Sattel gingen. Da der Braune noch immer

etwas lahmte, und die beiden Pferde in diesen Tagen selten vor die

Kutsche kamen, benutzte er sie abwechselnd auf seinen Ausritten.

Zuweilen begleitete auch Elisabeth die Herren zu Pferde. Sie besaß

einen prachtvollen Apfelschimmel, ein hochgewachsenes, junges Tier, mit

langer, weißer Mähne und wallendem Schweife. Vor zwei Jahren hatte Max

das Tier aus Holstein mitgebracht, und in kurzer Zeit war das Mädchen

mit der Reitkunst so vertraut, daß ihre Leistungen alle überraschten.

Friesen gewahrte mit Erstaunen die Sicherheit, mit der Elisabeth

den Schimmel ritt. Das kluge Tier schien stolz zu sein unter seiner

jungen Reiterin; es spitzte verständnisvoll die Ohren und selbst der

leichteste Zungenschlag entging ihm nicht. Wenn aber seine Herrin, sich

herabbeugend, freundlich zu ihm sprach und ihm den glänzenden Hals

klopfte, da warf es schäumend den Kopf auf und nieder und stampfte

lebhaft den Boden.

Auf einem dieser Spazierritte lernte Friesen einen jungen Bauern aus

dem Dorfe kennen, namens Konrad Hartmann, den starke Freundschaftsbande

an Max fesselten, und der, wie Friesen schnell bemerkte, sich einer

besonderen Wertschätzung durch die Freihoferin rühmen durfte.

Konrad Hartmann besaß einen kleinen Hof, der am Ende des Dorfes lag,

und in dessen Nähe, der mündlichen Überlieferung nach, auf einem Hügel

in früheren Zeiten ein Galgen gestanden haben sollte. Jetzt war davon

freilich nichts mehr zu sehen, aber der Name war geblieben, denn das

Hartmannsche Anwesen hieß allgemein der Hof am Rabenstein und sein

Besitzer kurzweg der Rabensteiner.

Konrad ritt einen struppigen Fuchshengst, ein feuriges Tier edelster

Rasse, das ihm vor einigen Jahren ein französischer Offizier halb

geschenkt hatte, dem es darauf ankam, daß das kranke Pferd recht gute

Pflege erhielt. Unter Konrads sorgfältiger Wartung hatte sich das Tier

langsam wieder erholt, und nun hing der junge Mann, der weithin den

Ruf eines ausgezeichneten Reiters genoß, an dem Hengst mit geradezu

brüderlicher Liebe.

Konrad Hartmann war ein Feuerkopf und so etwa gerade das Gegenteil des

in seinen Entschließungen schwerfälligen Max. Mit Staunen hörte Friesen

den einfachen Bauernsohn über die politischen Verhältnisse treffende

Worte sprechen. Sein Urteil über die zweideutige Rolle, die Sachsen

seit der Katastrophe von Jena spielte, war vielleicht zu hart und für

die Leiter der Geschicke des Volkes schonungslos. Aber von seinen

Plänen über die Befreiung von den unwürdigen Fesseln, die das Land mit

dem Kaiser verbanden, ging ein Hauch glühender Begeisterung aus und

alle Gefahr nicht achtender Liebe zu seinem Vaterland. Leider litten

diese Pläne, wie sich Friesen gestand, an dem großen Fehler, daß sie

niemals verwirklicht werden konnten, denn Alldeutschland lag gedemütigt

am Boden, und der Stern des gewaltigen Eroberers hatte noch nie so

glänzend gestrahlt als in diesen Tagen. Dennoch lauschte Friesen gern

und mit Aufmerksamkeit Konrads Worten, und es stieg in ihm dunkel die

Meinung herauf, daß es solcher Männer, wie diesen, leider nicht genug

gäbe unter dem sächsischen Volk.

* * * * *

Der Sommer war vorüber, der Winter stellte sich ein, -- und Friesen

weilte noch immer auf dem Freihof und half den ihm so rasch

liebgewordenen Menschen in dem einsamen, verschneiten Dorfe die langen

Winterabende kürzen. Nun war auch Weihnachten vorüber. Das alte Jahr

tauchte hinab in die Ewigkeit und ungewiß, was es bringen würde,

schaute man dem neuen entgegen.

Da wurde plötzlich die Harmonie der ruhig dahinfließenden Tage auf dem

Freihofe rauh unterbrochen: Friesen erhielt die schriftliche Ordre,

sich unverzüglich bei seinem Regimente zu melden. Von den besten

Wünschen und Hoffnungen auf frohes Wiedersehen in nicht allzuferner

Zeit begleitet, nahm er schweren Herzens von der trauten Stätte und

ihren lieben Bewohnern Abschied.

Noch ahnte niemand die schreckenvolle Zeit, der man entgegenging. Aber

nur allzubald sollte sich der gnädig verhüllende Schleier der Zukunft

lüften, denn von neuem und diesmal unheilvoller denn je, klangen die

Kriegstrompeten durch die deutschen Gauen.

Napoleons grenzenloser Hochmut geizte nach neuem Ruhm. Die Taten

eines Alexanders, eines Karls des Großen standen ihm beständig vor

der Seele und trieben seinen empfindlichen Ehrgeiz bis ins Maßlose.

Die Völker zwischen dem Rhein und der Oder lagen zu seinen Füßen,

und ihre Herrscher buhlten um seine Gunst. Nur Rußland stand noch

aufrecht und spottete der Eroberungsgelüste des Kaisers. Das Verhältnis

zwischen ihm und dem Kaiser Alexander war seit dem Wiener Frieden immer

kälter, zuletzt feindselig geworden, bis endlich Rußlands Forderungen,

Napoleon solle die französischen Besatzungen aus Pommern und Preußen

zurückziehen, die Kriegserklärung folgte.

Ganz Europa hallte wider von den ungeheuern Rüstungen der beiden

mächtigen Gegner.

Der Kaiser hatte schon seit länger als einem Jahre mit den

Vorbereitungen für diesen Krieg im Geheimen begonnen. Wie er nie

aufgehört hatte, Preußen zu mißtrauen, sah er dem Zusammenstoße mit

Rußland wie etwas Unvermeidlichem entgegen. Sein erster Schritt

war gewesen, die Besserung der sächsischen Heeresverhältnisse bei

dem Könige von Sachsen auf das eifrigste zu betreiben. Und eine

gründliche Umgestaltung war hier nach den Erfahrungen der letzten

Feldzüge allerdings ein unabweisbares Bedürfnis. Vor allem galt es,

eine Menge veralteter Einrichtungen zu beseitigen und das Heer von

der ihm anhaftenden Greisenhaftigkeit zu befreien. Eine Anzahl alter,

unfähiger Generale wurde verabschiedet, und mehrere jüngere, befähigte

Stabsoffiziere, die die napoleonische Schule gebildet hatte, rückten

mit einer für die damaligen Verhältnisse unerhörten Schnelligkeit auf.

Das weitere Verlangen des Kaisers ging dahin, in Sachsen einen großen

befestigten Platz anzulegen, wozu Torgau ausersehen wurde.

Der leitende Minister der auswärtigen Politik Sachsens war zu jener

Zeit Senfft von Pilsach, der keineswegs wie sein Vorgänger zu den

knechtischen Bewunderern Napoleons gehörte. Ja, er haßte ihn und trug

sich mit Gedanken an eine Abschüttelung des französischen Jochs. Mit

welch segensreichem Erfolge seine Tätigkeit hätte gekrönt sein können,

wie viel Kummer und Verlust an Menschen, Land und Eigentum Sachsen

erspart geblieben wäre, wenn die Pläne dieses Mannes nicht von einer

Niederwerfung Preußens ausgegangen wären, auf dessen Trümmern er

die Aufrichtung einer sächsisch-polnischen Macht im Herzen Europas

erträumte. In einer unbegreiflichen Verblendung wähnte er Preußen auf

alle Zeiten verloren, und aus diesem Grunde liefen seine Gedanken,

anstatt mit Preußen Verbindung zu suchen, darauf hinaus, seinen

Niedergang zu beschleunigen.

Um den Osten zu stärken, hatte Napoleon ungeheure Waffenvorräte in dem

Großherzogtum Warschau angehäuft und die polnischen Reiterregimenter

umgewandelt und verstärkt, um im Falle des Krieges die lästigen

Kosakenschwärme von dem französischen Heere fernzuhalten. Weiter war

die Bildung von Nationalgarden, die Verstärkung von Festungen und deren

Armierung an der russischen Grenze sowie die Bereithaltung großer

Mundvorräte in den Magazinen anbefohlen. Schon in der Mitte des Jahres

1810 war in Dresden ein französischer Stabsoffizier erschienen, um zu

horchen, ob der Kaiser in jedem Falle auf die sächsische Armee rechnen

könne.

Die Stimmung in Sachsen war beim Ausbruche des Krieges nicht überall

dieselbe. Das verjüngte, trefflich geschulte Heer freilich war von

kriegerischem Geiste beseelt und vertraute blind dem Genius des

Kaisers. Der Erfolg des Feldzuges erschien im voraus gesichert, und der

glückliche Ausgang versprach hohen Gewinn für das Land.

Die Bevölkerung teilte jedoch diese hoffnungsvolle Meinung nicht.

Der Bauer war des unaufhörlichen Kriegführens müde und sehnte sich

nach bleibender Ruhe. Die vorangegangenen Feldzüge hatten zuviel

Blut gefordert und das Land ausgesogen und bis an den Rand des Ruins

gebracht. Aber das sächsische Volk war gewöhnt, seinem Fürsten zu

folgen und ihm sein ganzes Vertrauen zu schenken. Deshalb legte man

auch diesmal wieder das Geschick des Landes zuversichtlich in die Hände

des geliebten Königs.

Und so folgte Sachsen dem mächtigen Strom, der es in einen der

schrecklichsten Kriege, den die Weltgeschichte kennt, hineinriß, und

dessen Folgen für das unglückliche Land so verhängnisvoll werden

sollten.

Herr, mach' uns frei! · 第 5 / 31 题