Max von Tiefenbach war von einem scharfen Ausritt heimgekehrt, den
er in der Richtung auf Zehmen zur Besichtigung des Saatenstandes
unternommen hatte.
Nun stand er auf dem Hofe neben dem warm gewordenen Pferde und
strich ihm über die Fesseln der Vorderfüße, nachdem er die braunen
Wickelbänder von ihnen gelöst hatte.
Das Tier schlug mit dem langen Schweife kräftig seine Weichen, um
sich der Mücken zu erwehren, die es umschwärmten. Sein Herr verfolgte
aufmerksam diese Anstrengungen und kam ihnen dadurch zu Hilfe, daß er
selbst hier und da einen dieser Blutsauger abschlug.
Drüben am Stalle stand ein Knecht, der einen Strohwisch drehte, um den
Braunen damit abzureiben.
Herr von Tiefenbach versetzte dem Pferde einen leichten Schlag auf den
Schenkel, worauf das Tier hinüber nach dem Stall trabte. Hell klang der
Hufschlag von dem Pflaster des weiten Hofes wider, dessen Einzelheiten
in der hereinbrechenden Dunkelheit dem Auge bald verschwanden. Hierauf
ging der Herr des Freihofs noch einmal durch die Rinderställe und trat
dann wieder auf den Hof, um sich nach dem Familienhaus zu begeben, als
er vom Tore her Schritte vernahm, die sich rasch näherten.
Er wandte sich um. Wer konnte das sein? Von den Leuten war vielleicht
noch ein Verspäteter mit einer letzten Verrichtung des Tages
beschäftigt, die meisten von ihnen aber saßen schon geraume Zeit
drinnen in der Stube beim Abendessen. Das Abendläuten hatte eben
begonnen. Es war neun Uhr.
Der Unbekannte hatte den Mann auf dem Hofe entdeckt und ging auf ihn
zu. Als er näher an ihn herankam, verlangsamte er die Schritte, bis er
dicht vor ihm stehen blieb.
»Grüß Dich Gott, Max!« sagte er, indem er dem Angesprochenen die Hand
darbot.
Dieser trat erstaunt an den Sprecher heran. Die Stimme klang ihm
bekannt, ohne daß er es vermocht hätte, ihren Besitzer zu erkennen.
Obwohl die Körpergröße des Fremden noch über das Mittelmaß
hinausragte, erschien er doch klein neben dem mächtigen Wuchs des Herrn
von Tiefenbach, der sich deshalb auch herabbeugen mußte, um dem Fremden
scharf ins Gesicht zu schauen.
»Bernhard! Ist es möglich, Du hier!« rief er erfreut aus, den
Angekommenen herzlich umarmend. »Willkommen, willkommen auf dem
Freihofe! Jahrelang habe ich vergebens auf Deinen Besuch gewartet, und
nun kommst Du so überraschend. Das hast Du recht gemacht, alter Junge!«
»Du hättest eigentlich Ursache, mir zu zürnen, Max,« antwortete der
Fremde, »nachdem ich Dir für vorigen Sommer meinen Besuch bestimmt
versprochen hatte. Aber Du weißt, der Soldat ist eben selten in der
Lage, über seine Zeit zu verfügen; er harrt immer der Oberen Befehle.«
Herr von Tiefenbach hatte seinen Arm schon unter den des Freundes
geschoben und führte diesen nach der offenen Tür des Hauses. Bevor sie
eintraten, blieb Max plötzlich stehen und fragte:
»Wirst Du uns aber auch nicht gleich wieder verlassen? Wie lange hast
Du denn Urlaub?«
»Beruhige Dich, mein Lieber,« antwortete der Angekommene. »Da ich nun
einmal hier bin, wirst Du mich nicht so bald wieder los.«
Sie waren bei diesen Worten in den dunkeln Hausflur getreten. Max ging
schnell voraus und öffnete eine Tür, durch die heller Lampenschein
herausdrang.
»Mutter,« rief er, »einen Gast bringe ich Dir. -- Rate einmal wer es
ist!«
Der Blick des Fremden fiel in das Zimmer, ein geräumiges Gemach mit
schweren, altväterischen Möbeln, das von einer Hängelampe erleuchtet
wurde. In der Mitte des Raumes stand ein großer, runder Tisch, auf
dessen weißem Tuche das Abendbrot aufgetragen war.
In einem hochlehnigen, mit Leder bezogenem Stuhle saß eine Frau, die
in einem Buche las, von der Form der auf dem Lande damals im Gebrauche
befindlichen Andachtbücher. Bei den hastig ausgestoßenen Worten ihres
Sohnes nahm Frau von Tiefenbach langsam die Brille mit den runden
Gläsern von der Nase, klappte das Buch zu, erhob sich vom Stuhle
und schaute auf die Eintretenden. Sie hatte, wie ihr Sohn, die hohe
Gestalt der Tiefenbachs und schien sich den Siebzigern zu nähern.
Die leichtgebeugte Haltung des mit tiefschwarzem, glattgestrichenem
Haar bedeckten Kopfes deutete auf starkes Selbstbewußtsein. Aus
dem hagern Gesicht ragte die starke Nase scharf hervor, und die
leichtgeschlossenen Lippen umspielte ein Zug, der eisernen Willen
gepaart mit Stolz verriet. Beherrscht wurde der Ausdruck dieses
Gesichts aber durch die tief in ihre Höhlen zurückgesunkenen, grauen
Augen, die sie auf jeden, mit dem sie sprach, fest zu richten pflegte.
Der freudige Ton, der aus Maxens Worten geklungen hatte, war Frau von
Tiefenbach nicht entgangen. Sie sah voll Erwartung auf den Fremden,
dessen Fuß bei ihrem Anblick einen Augenblick gestockt hatte. Dann trat
der Ankommende auf sie zu und ergriff mit einer tiefen Verbeugung die
zum Gruße dargebotene Hand.
»Bernhard von Friesen ist es, Mutter, mein alter Freund, von dem ich
Dir so manches liebe Mal erzählt habe.«
Die Freihoferin ließ einen langen Blick über den jungen Mann gleiten,
der noch immer in achtungsvoller Haltung vor ihr stand.
»Seien Sie willkommen, Herr von Friesen,« sagte sie. »Sie haben recht
getan, Ihre Schritte nach Rehefeld zu lenken. Freilich werden Sie
manches von dem entbehren müssen, was die königliche Residenzstadt
Ihnen bietet. Aber was der Freihof besitzt, wird er Ihnen geben. Ich
bin erfreut, meines Sohnes Freund kennen zu lernen!«
Während dieser Begrüßung war es dem Angekommenen noch nicht gelungen,
sich von dem Bann zu befreien, den die Erscheinung dieser Frau auf ihn
ausübte. Jetzt aber hörte er aus dem ihm anfangs hart erschienenen
Klange der Stimme Wärme und Herzlichkeit heraus und er bekam seine
verlorene Sicherheit schnell wieder.
Mit dem Anstand eines Jünglings von guter Erziehung, dankte er der
Hausherrin für den herzlichen Willkomm und sprach die Bitte aus,
ihm wegen seines Eintritts zu dieser ungewohnten Stunde und ohne
vorausgegangene Anmeldung seines Erscheinens nicht zu zürnen.
Dann setzten sie sich zum Abendessen an den mächtigen Tisch, das in
angeregter Unterhaltung verlief.
Die beiden jungen Männer tauschten Erinnerungen an die Jahre aus, die
sie zusammen auf der Fürstenschule des nahegelegenen Grimma in treuer
Freundschaft verlebt hatten. Seitdem hatten sie sich nicht wieder
gesehen und nur wenige Briefe gewechselt.
Friesen war nach dem Verlassen der Schule nach Dresden gegangen und
Offizier geworden. Er hatte bei Jena mitgefochten und dann an allen
kriegerischen Ereignissen teilgenommen, zu denen Napoleon den ihm
ergebenen Sachsenkönig drängte.
Er sprach von den Feldzügen, und Frau von Tiefenbach zeigte großes
Interesse an seiner Erzählung. Sie fragte nach der Stimmung in der
Hauptstadt und wollte wissen, welche Meinung die Offiziere von der
politischen Lage hätten, und welcher Geist unter den Truppen herrsche.
Denn die Unzufriedenheit mit Napoleons Regiment wuchs und breitete sich
allmählich über das ganze Land aus.
Zuletzt schilderte Friesen die Stimmung, die ihn heute überkommen, als
er von der Anhöhe herab den segensreichen Frieden betrachtet hatte.
Da unterbrach Max mit einem Male die Unterhaltung, indem er sich mit
der Frage an seine Mutter wandte:
»Ist Elisabeth denn noch nicht zurück?«
Die Blicke der Freihoferin streiften die Uhr. Dann fuhr sie, ohne auf
Maxens Frage geantwortet zu haben, in der Unterhaltung fort. Max schien
dem Schweigen der Mutter eine Antwort entnommen zu haben, denn er
wiederholte seine Frage nicht und beteiligte sich von neuem lebhaft am
Gespräch.
Da verkündete die Uhr mit langsamen Schlägen die zehnte Stunde. Die
Freihoferin brach die Unterhaltung kurz ab und beauftragte Max, den
Gast in sein Zimmer zu begleiten.
Die Anstrengung, die Friesen während der beiden letzten Tage überwunden
hatte, machten sich nunmehr geltend. Eine große Müdigkeit hatte sich
bei ihm eingestellt, die er nur mit Mühe bekämpfte.
Beim Scheine der Kerze führte Max den Freund nach dem für ihn im
Oberstock hergerichteten Zimmer und ließ ihn alsbald nach Gutenachtgruß
und dem Wunsche allein, daß der erste Schlaf unter dem Dache des
Freihofes für ihn recht erquickend sein möge.
Gähnend und mit schon halbgeschlossenen Augen sah sich Friesen in
dem Raume um. Aber seine Betrachtungen währten nicht lange. Er
entkleidete sich und streckte den müden Körper auf das breite,
behagliche Bett. Ein wohliges Gefühl überkam ihn. Da trat noch einmal
rasch die Geschichte des Weißen Schlosses an seine Seele heran. Bald
aber drängte sich in die Wirklichkeit die Phantasie. Die Urahnen des
Tiefenbachschen Geschlechts standen in Reih und Glied salutierend im
Schloßhofe, während die Mutter Lehnhardt in Holzpantoffeln und mit
einer kürbisähnlichen Kartoffel unter dem Arm auf einer ungeheuern
Katze an den alten Haudegen freundlich grüßend vorbeiritt. Dann aber
verblich auch dieses letzte freundliche Bild, und der traumlose Schlaf
der Jugend senkte sich auf den Müden herab.
* * * * *
Als Friesen am andern Morgen erwachte, stand die Sonne schon hoch
am Himmel. Schnell beendete er seine Morgentoilette und schaute zum
Fenster hinaus. Das Zimmer lag an der Giebelseite des Wohnhauses. Edle
Weinreben umrankten das Fenster, und ein paar mächtige Birnenbäume
verwehrten den Sonnenstrahlen den ungehinderten Zutritt. In kurzer
Entfernung vom Gute rieselte zwischen dunkelgrünen Wiesen der Göselbach
vorüber, an dessen beiden Ufern dichte Weidengebüsche standen, die,
vom Winde bewegt, sich tief über das Wasser neigten, als ob die langen
Ruten darnach trachteten, ihre Spitzen zu benetzen. Darüber hinweg sah
das Auge weit hinein in die tiefe Ebene.
Friesen ging hinab und trat in das Wohnzimmer, wo er aber niemand
vorfand. Eine Magd, die ihn bemerkt hatte, deckte alsbald den Tisch
und trug das Frühstück auf. Dann verließ sie mit einer schüchternen
Einladung zum zulangen wieder die Stube.
Der würzig duftende Kaffee, die goldgelbe Butter und das frische Brot
lockten unwiderstehlich, und Friesen hatte genug Appetit, um sich nicht
vergeblich einladen zu lassen.
Er wollte sich mit dem Essen beeilen, um dann nach Max zu sehen, der
gewiß schon längst bei der Arbeit war und über den Langschläfer lächeln
würde.
Das Frühstück mundete vortrefflich, als Friesen mit einem Male ein
leises Geräusch vernahm, und als er sich rasch umschaute, sah er auf
der Schwelle der weitgeöffneten Tür ein weibliches Wesen stehen, das
ihm wahrscheinlich schon eine Weile zugesehen hatte.
Er fühlte sich überrascht und wußte nicht, welche Bezeichnung er
der plötzlichen Erscheinung geben sollte. War es eine Jungfrau, die
da vor ihm stand, oder ein hochaufgeschossenes Kind? Er konnte sich
diese Frage nicht beantworten. So ließ er den Blick unverwandt auf dem
etwas bleichen, allerliebsten Gesichtchen ruhen, das sich in tiefe
Sorgenfalten gelegt hatte und sich sichtlich alle erdenkliche Mühe gab,
seinen bekümmerten Ausdruck festzuhalten.
»Also, so behandelt man Gäste,« scholl es von der Tür her, die im
nächsten Augenblick zuflog. »Nein, nein, bitte setzen Sie sich wieder
und lassen Sie sich’s weiter schmecken! Sie müssen schon entschuldigen,
Herr von Friesen, die arge Vernachlässigung findet ihren Grund aber nur
darin, daß man auf dem Freihof nicht gewöhnt ist, Gäste zu empfangen.
Nun ich denke, wir werden an Ihnen darin lernen, um wenigstens
allmählich so weit zu kommen, daß wir in Zukunft unsere Gäste nicht
mehr allein sitzen lassen.«
Das Mädchen war, indem es diese Worte hervorgesprudelt hatte, langsam
näher getreten, während Friesen auf wiederholtes Drängen hin das
unterbrochene Frühstück fortsetzte.
Nun stand sie ihm gegenüber am Tische. Die beiden Hände aufgestützt
und den Oberkörper leicht vornübergeneigt, schaute sie ihm mit
unverhohlener Neugierde in das Gesicht.
Friesen gestand sich, daß ihm gestern Abend, Maxens Mutter gegenüber,
seine kühle Besonnenheit eine kleine Weile im Stich gelassen hatte;
unter den Augen dieses Kindes aber, schien sich seine Verlegenheit
wiederholen zu wollen. Die Ähnlichkeit, besonders aber die blauen Augen
des Mädchens, konnten ihm keinen Zweifel lassen, daß sie die Schwester
des Freundes war, von der ja auch Mutter Lehnhardt gesprochen hatte. So
viel frischer Natürlichkeit und holdem Liebreiz gegenüber, konnte er
sich nur langsam aus seiner Überraschung erholen, zumal ihn das Mädchen
noch immer unverwandt musterte. Ihre Augen leuchteten wie die eines
Kindes, dem eine große Freude geworden ist, aber in den Winkeln des in
komischer Entrüstung zusammengekniffenen Mundes lauerte der Schalk.
Jetzt endlich verschwand der gutgespielte Ernst von dem Gesichtchen,
und das Mädchen brach in ein fröhliches Lachen aus.
Friesen begrüßte diesen Heiterkeitsausbruch als willkommene
Erleichterung, doch kam ihm der plötzliche Umschlag der Situation
immerhin ein wenig unvermittelt, und seine Ratlosigkeit wurde
infolgedessen nicht geringer. Dieses Gefühl mußte sich wahrscheinlich
auf seinem Gesicht widerspiegeln, denn die Heiterkeit wurde lauter und
zuletzt so befreiend, daß Friesens Verlegenheit mit einem Schlage wich,
und er von der Fröhlichkeit angesteckt und mit fortgerissen wurde. Und
damit war er wieder Herr seiner selbst.
Endlich verklang das fröhliche Lachen, und das Mädchen zog sich einen
Stuhl heran, um ebenfalls zu frühstücken. Aber obgleich die kleinen,
weißen Zähne tapfer in die Semmeln bissen, konnte sie nicht schweigen.
Hundert Fragen zugleich schwebten ihr auf der Zunge, die sämtlich
verrieten, daß das Kind von alledem, was sich jenseits eines Umkreises
von drei Meilen von Rehefeld auf der Erde abspielte, herzlich wenig
kannte. Ihr Wissensdurst war unbegrenzt und die Einfalt ihrer Fragen
so erfrischend, daß Friesen immer wieder in dieses Kindergesicht
blicken mußte, um sich von neuem Gewißheit zu verschaffen, daß mit ihm
nicht ein loses Spiel getrieben wurde. Die Augen voll Erwartung auf
ihn gerichtet, lauschte das Mädchen seinen Antworten, sie zuweilen
mit verständnisvollem Nicken oder mit unwilligem Schütteln des Kopfes
begleitend, das so arg werden konnte, daß der blonde Zopf, der bis zum
Schürzenband hinabreichte, hin- und herflog.
Friesen mußte unwillkürlich dieses kleine Dorffräulein in seiner
rührenden Unschuld mit denen ihres Geschlechtes vergleichen, die
in kunstvoller Perrücke und mit gemalten Gesichtern alle pikanten
und skandalösen Ereignisse der Residenz vor dem allzu schnellen
Hinabtauchen in die Vergessenheit glücklich bewahrten und nicht müde
wurden, solche Vorgänge mit liebevoller Mühe und Beharrlichkeit in die
kleinsten Einzelheiten zu zerlegen. Unter diesen wäre kein Boden für
solch ein Pflänzlein, dachte er, es würde bald traurig das Köpfchen
hängen, und der Seelenfrieden eines so lieblichen Menschenkindes würde
in kurzer Zeit gestört sein.
Aber Friesen fand nicht viel Zeit zu längeren Betrachtungen, denn die
Kleine war unermüdlich im Fragen.
Plötzlich brach sie ab, es schien ihr etwas einzufallen. Dann sagte sie
sehr ernst:
»Aber, Herr von Friesen, wissen Sie denn eigentlich wer ich bin?«
Diese Frage kam wieder so unerwartet und berührte Friesen so komisch,
daß er nur mit Mühe ein Lächeln zurückhalten konnte. Er zwang sich
dazu, ebenfalls ernst zu sein und sagte, mit schelmischem Anklang in
der Stimme, vorwurfsvoll:
»Nein, wie kann ich denn wissen wer Sie sind, wenn Sie mir es nicht
sagen!«
Das niedliche Geschöpfchen sah seinem Gegenüber noch eine kleine Weile
in die Augen, dann erfolgte ein neuer Heiterkeitsausbruch der alle
vorangegangenen übertraf, und in den Friesen wieder mit einstimmte.
Das Mädchen lachte so herzlich, daß ihm Tränen in die Augen traten.
»Nein,« rief sie jubelnd, »so ein Stadtherr. Ist mit mir eine halbe
Stunde zusammen, spricht fortwährend zu mir und weiß nicht einmal wie
ich heiße!«
Da überflog ihr Gesichtchen mit einem Male wieder der altkluge, ernste
Zug, als sie vorwurfsvoll fragte:
»Ja, Herr von Friesen, warum fragen Sie mich denn eigentlich garnicht
wie ich heiße?«
Jetzt kam ihr Friesen mit der Heiterkeit aber zuvor. Aber diesmal
lachte nur er. Seine Nachbarin schien nicht zu verstehen, was seine
Fröhlichkeit herausforderte.
Sie wurde noch um einen Grad ernster und sagte:
»Ich bin nämlich die Elisabeth.«
Und als Friesen mit ihrem zunehmenden Ernst noch ausgelassener wurde,
wiederholte sie beinahe feierlich:
»Ja gewiß, Herr von Friesen, ich bin Elisabeth von Tiefenbach!«
Der aber, dem diese Beteuerung galt, verlor auch noch den letzten
Rest von Beherrschung. Er lachte, daß ihm die Tränen über die Wangen
liefen und machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung, als ob er es
verhindern wolle, daß das Mädchen weiter spreche. Schließlich stimmte
auch Elisabeth wieder in die Fröhlichkeit ein, als sich plötzlich die
Tür öffnete und Max ins Zimmer trat.
Als er die ausgelassene Heiterkeit der beiden sah, blieb er einen
Augenblick verdutzt stehen.
»Hallo!« rief er »Ihr habt ja recht schnell Freundschaft geschlossen.
Das gefällt mir!«
Dann schritt er zu dem Freunde.
»Guten Morgen Bernhard. Nun, wie war die erste Nacht auf dem Freihof?«
Aber noch bevor der Angesprochene antworten konnte, rief Elisabeth dem
Bruder zu:
»Wenn Du es durchaus willst, daß Herr von Friesen seinen Kaffee früh
allein trinken soll, so gewöhne ihn doch wenigstens nur nach und nach
daran. Das muß ich gestehen, Max, Du verwöhnst Deinen Freund gleich vom
ersten Tage ab nicht.«
Max trat zu seiner Schwester, hob sie samt ihrem Stuhle zu sich empor
und drückte ihr trotz Sträubens einen Kuß auf den Mund. Dann setzte er
behutsam das Mädchen wieder nieder.
Friesen war Maxens Bewegungen mit den Augen gefolgt und er hatte
die Gruppe sehr hübsch gefunden: der blonde Riese, dessen Arme dazu
geschaffen schienen, einen rasenden Stier vor sich niederzuzwingen,
im Kampf mit dem zierlichen, sich heftig wehrenden Mädchen, dessen
Gesichtsausdruck trotz ihres Sträubens nur allzudeutlich verriet, wie
gerne sie die Zärtlichkeit des Bruders ertrug.
»So, Du hast deinen Lohn für die Schelte am frühen Morgen,« sagte Max.
»Wenn Du aufmerksam gewesen wärst, hätte Bernhard gleich Gesellschaft
gehabt.«
Die letzten Worte mußte er ihr nachrufen, da das Mädchen schmollend aus
dem Zimmer schlüpfte.
Max wandte sich an Friesen und fuhr fort:
»Ich hätte schon lange wieder zurück sein können, wenn der Braune nicht
etwas lahmte. Deshalb mußte ich langsam reiten.«
Dann lud Max den Freund zu einem Spaziergang ein, um ihn mit der
Umgebung vertraut zu machen. Sie betraten den Hof, um zuerst das Gut in
allen Einzelheiten kennen zu lernen. Hier fand Friesen die Freihoferin
vor, die den Hühnern Futter gestreut hatte.
Nach etwa einer Stunde schlenderten die Freunde dem Ufer des Baches
entlang, bis sie sich endlich unter einem großen Apfelbaum in das
weiche Gras streckten.
»Du hast mir früher so manches von Deiner Familie erzählt,« begann
Friesen, »das bei mir unvergessen geblieben ist. Aber ich muß Dir
beichten,« fügte er lächelnd hinzu, »daß ich seit gestern viel mehr von
den Tiefenbachs weiß als bisher.«
Und mit kurzen Worten erzählte er seine Begegnung mit Mutter Lehnhardt.
»Da bist Du ja gleich vor die richtige Schmiede gegangen,« scherzte
Max, »sie ist allerdings der beste Kenner unserer Familiengeschichte.
Bernhard,« fuhr er nachdenklich fort, »laß mich der Erzählung der Alten
noch ein paar Worte hinzufügen, Du dürftest ohne sie sonst manches
unverständlich finden.
Meine Mutter ist eine jener äußerlich rauhen Frauennaturen, denen
man im Leben nicht allzuoft begegnet. Die Jahre sind ohne große
Ereignisse an ihr vorüber gegangen. Mit nimmermüden Händen hat sie
geschafft, um unsern Besitzstand zu mehren, aber als die höchste
ihrer Pflichten hat ihr die Erziehung ihrer Kinder gegolten. Sie
besitzt einen ungemein scharfen Verstand und viel praktischen Sinn.
Sentimentale Lebensanschauung ist ihr fremd. Sie liebt das Edle aus
voller Seele und verabscheut alles Niedrige. Die Mittel, der Freude und
dem Schmerz auch äußerlich Ausdruck zu geben, die die gütige Natur dem
Menschen verliehen hat, sind ihr versagt geblieben. Nur selten tritt
ein flüchtiges Lächeln auf ihre Lippen, um alsbald wieder dem ernsten
Ausdruck Raum zu geben, der immer auf ihrem Gesichte lagert. Tränen
sind ihr versagt. Möge sie diesen Verlust niemals bitter empfinden.«
Friesen war des Freundes Worten aufmerksam gefolgt. Nun fand er auch
die Erklärung für Maxens ernsten Charakter, denn der mütterliche
Einfluß war unverkennbar.
»Und doch,« fuhr Max fort, »besitzt meine Mutter mehr Gemüt als der
Fremde bei ihr vermutet. In ihrem tiefsten Herzen liegen Saiten, die
zuweilen mit Macht tönen und dann so gebieterisch die Mitteilung ihres
Klanges an die Außenwelt fordern, daß solche Augenblicke für sie
qualvoll sein müssen. Ihren gefaßten Grundsätzen bleibt sie treu, und
was meine Mutter einmal beschlossen hat, führt sie mit einem Willen
durch, der vielleicht an Starrsinn grenzt.
Ihr Liebling ist meine Schwester. Du wirst bei Eurer heutigen Begegnung
sofort empfunden haben, was für ein Kind dieses achtzehnjährige
Mädchen noch ist. Das Schicksal hat mit ihr wunderlich geschaltet.
Die Tiefenbachs sind immer Naturen gewesen, denen eine heitere
Lebensauffassung fern lag. Elisabeth aber sieht alles in rosigem Licht.
Sie weiß von der Welt so wenig, daß sie auch ihre Gefahren nicht kennt.
Eine glückliche Veranlagung läßt sie von jeder Sache nur die lichte
Seite betrachten. Sie ist eben ein Kind und der Sonnenschein unseres
Hauses.
Das Schloß und seine Bewohner übten auf Elisabeth schon in frühester
Jugend eine unerklärliche Anziehung aus. Sie wendete alles auf, der
Überwachung zu entwischen, um hinauf zu eilen und mit ihrer, nur um
wenige Jahre älteren Cousine zusammen zu sein. Bitten, Ermahnungen und
Strafen waren umsonst. Das Kind konnte sich, so sehr es zuweilen auch
kämpfte, gegen den unwiderstehlichen Drang nicht auflehnen. Die Mutter
ließ nichts unversucht, um dieser Neigung des Kindes zu begegnen.
Zuletzt war ihre mütterliche Geduld aber erschöpft, und eines Tages war
sie so zornig, daß sie die zehnjährige Elisabeth hart schlug.
Es war ergreifend, die Wirkung dieser Strafe an dem Kinde zu
beobachten. Während es bisher schon bei einem zurechtweisenden Blicke
der Mutter Tränen hatte, ließ sie die Züchtigung lautlos über sich
ergehen. Und, welch Wunder, -- sie lief nicht mehr hinauf, sprach
auch nicht einmal den Wunsch darnach aus. Aber welche Veränderung
war mit ihr vorgegangen! Ihr munteres Plaudern, ihr heiteres Lachen
waren verstummt. Ohne daß man eine Absicht merkte, unterblieben die
stürmischen Beweise der Zärtlichkeit, die Elisabeth sonst immer für
die Mutter gehabt hatte, und die diese jetzt schmerzlich vermißte.
Stundenlang konnte das Kind ohne zu ermüden im Grase sitzen und mit
seinen großen, matten Augen hinaufschauen zu dem alten Gemäuer. Ihr
ohnehin sehr schwächlicher Körper zehrte immer mehr ab, und ihr
bleiches Gesicht ward immer schmaler.
Meine Mutter litt fürchterlich. Stumm betrachtete sie Elisabeth, und
ich konnte in ihren Augen die tiefe Rührung lesen, die sie beherrschte.
So ging es wohl zwei Monate lang. Elisabeth wurde von Tag zu Tag
bleicher, und ihre Augen wurden glanzvoller. Ihre Bewegungen waren
müde, ihre Sprache leise. Dabei war sie aber stets freundlich zur
Mutter, die alles daran setzte, das Kind aufzuheitern, und die durch
ein schwaches Lächeln auf seinem Gesicht hochbeglückt war. Aber man
sah, wie der Gram das Kind zu verzehren drohte. Meine Mutter kämpfte
im Innern einen gewaltigen Kampf. Und sie unterlag ...
Eines Tages saß Elisabeth, wie so oft, im Obstgarten hinter dem Hause.
Es war ein prächtiger Frühlingstag. Aber das Kind hatte keinen Blick
für den goldenen Sonnenschein und die schneeweißen Blüten auf den
Bäumen. Es starrte traumverloren dorthin, wohin es sein unschuldiges
Herz zog.
Die Mutter war leise zum offenen Fenster getreten und sah hinter der
Gardine verstohlen hinaus. Mit unendlicher Wehmut hafteten ihre Blicke
auf Elisabeth. Sie schien darüber nachzudenken, wie jetzt alles in der
Natur seine Wiederauferstehung feiere und sich zu frischem, blühendem
Leben entwickele, während ihr heißgeliebtes Kind mit sicheren Schritten
dem Grabe zueilte. Da wandte sie sich plötzlich mit einem Ruck nach der
Tür, -- fast schien ihr Fuß sie nicht dahin tragen zu wollen, -- und
stockend überschritt sie die Schwelle. Dann stand sie bei dem Kinde,
das, aus seinen süßen Träumen aufgeschreckt, die Mutter verwundert
ansah. Sie ergriff Elisabeths Hand, führte sie schweigend durch
den Garten, öffnete das Türchen, das den Austritt nach den Feldern
gestattet und stellte das erstaunte Mädchen auf die schmale Brücke, die
über den Bach führt und auf den Weg ausmündet, der nach dem Schlosse
läuft.
Wie ein Blitz kam dem Kinde die Erklärung für das Gebaren der Mutter.
Und während diese sich wieder umwandte, eilte Elisabeth, so schnell die
Füße sie tragen wollten, den Weg hinauf, als wenn sie fürchtete, wieder
zurückgerufen zu werden.
Mit schleppenden Schritten betrat die Mutter wieder das Zimmer und sank
in den Stuhl.
Am Abend jenes Tages, Bernhard, sah ich meine Mutter zum ersten Male
in tiefer Bewegung erzittern, als sich die dünnen Arme des jubelnden
Kindes ihr liebkosend um den Hals legten ...
Und so ist Elisabeths Verhältnis zu den Leuten da droben bis auf den
heutigen Tag geblieben. Sie würde das Verbot nicht verstehen, sondern
es als eine grausame Härte empfinden.
Du weißt, Bernhard, daß sich die Großväter der beiden Familien
Tiefenbach entzweit haben, nachdem der ältere Bruder die Braut des
Jüngeren beschimpft hatte. Aus diesem Grunde haben auch die Tiefenbachs
auf dem Freihofe mit denen auf dem Schlosse, außer ihrem Namen, nichts
mit einander gemein. Die tiefe Kluft kann niemals überbrückt werden!
Neben der Liebe zu ihren Kindern, ist die stärkste Empfindung, von der
meine Mutter beherrscht wird, glühender Haß gegen die droben. Der Vater
hat ihn dem Kinde mit dem Blute vererbt, und seine letzten Worte auf
dem Sterbebette waren eine Aufforderung, auch auf ihre Kinder in diesem
Geiste einzuwirken.
Meiner Mutter zittern die Worte der Beschimpfung noch heute in der
Seele nach, und ihr Einfluß auf meine Anschauungen hat das seinige
getan. Die jetzt auf dem Schlosse Wohnenden sind freilich unschuldig
an der Sünde ihres Vorfahren, dennoch kann ich meine Abneigung gegen
sie nicht unterdrücken. Sie sind die Nachkommen des Mannes, der meine
Großeltern tödlich beleidigte, und dessen Worte einen bleibenden
Schatten auf ihren Lebensweg geworfen haben.
Mag Elisabeth immerhin zu ihnen freundlich sein, Kinder sind nicht dazu
berufen, die Sorgen der Erwachsenen zu teilen. Sie selbst empfindet
schon längst, daß die Wiederaussöhnung der beiden Familien unmöglich
ist, aber ihr ausgeprägtes Zartgefühl läßt sie über ihre Besuche auf
dem Schlosse schweigen.«
Eine Pause entstand. Dann sagte Max:
»Bernhard, nun erzähle _Du_ mir etwas, ich bin begierig, mehr davon zu
hören, wie es Dir in den letztverflossenen Jahren gegangen ist.«
»Mein Leben ist,« begann Friesen, »seitdem wir auseinandergegangen
sind, recht wechselvoll gewesen.
Nach Jena folgte Friedland, wo ein russischer Kamerad so
unliebenswürdig war, mir seinen Degen in den Leib zu rennen, was
dem Feldscher Anlaß gab, mein alsbaldiges, sicheres Abtreten von
dem irdischen Kriegsschauplatz vorauszusagen. Wie sehr er sich zu
meinem Heile aber geirrt hat, siehst Du, lieber Freund, denn so, wie
ich in diesem Augenblick neben dir liege, bin ich doch ein nicht zu
bestreitender Beweis für die Unrichtigkeit seiner voreiligen Ansicht.
Ich war entschieden noch nicht reif genug für den Eintritt in eine
bessere Welt und mußte hier noch einmal anfangen. Freilich verurteilte
mich die Blessur zu einer unfreiwilligen Ruhezeit von mehreren Monaten.
Dann kam eine Periode, die uns allen unendlich öde erschien, da sie
nur durch den Garnisondienst ausgefüllt wurde. Selbst der Geduldigste
von uns fand diese Zeit erdrückend langweilig und sehnte Veränderung
herbei. Da schaffte Napoleon Rat.
Der politische Horizont umdüsterte sich wieder, und alles deutete
auf einen neuen, herzerfrischenden Krieg. Diesmal sollten wir unter
Bernadotte gegen die Österreicher kämpfen. Bei Linz schwankte das
Zünglein der Wage lange, bis sich das Glück endlich für uns entschied.
Viel heißer aber sollte Wagram werden. Das Bataillon Metzsch, bei
dem ich damals stand, kämpfte im ersten Treffen. Wie verzweifelt
schlugen wir uns den ganzen Tag herum, um am Abend doch zurückgehen
zu müssen. Am nächsten Vormittag standen wir ruhig hinter unserer
Artillerie. Wahrscheinlich um unser Interesse an der Schlacht rege zu
halten, schlugen die österreichischen Geschosse unaufhörlich in die
dichten Reihen. Es fehlte nicht mehr viel, und der brave Erzherzog
drüben hätte können Viktoria blasen lassen; man sah auf unserm Flügel
nur noch zurückflutende Truppen. Da erschien der Kaiser bei uns, und
bald darauf entschied sich das Schicksal des Tages: der Österreicher
wurde zurückgeworfen. Dann kam eine Anzahl kleiner Scharmützel, die
sich immer niedlicher gestalteten, so daß die letzten von ihnen gegen
die vorangegangenen großen Tage sich nur noch wie Friedensübungen
ausnahmen.«
Max hatte, während der Freund sprach, zuweilen ein Lächeln nicht
unterdrücken können. Er war noch immer der alte: keck bis zur Kühnheit,
lustig bis zum Leichtsinn, aber gutmütig und ritterlich dabei. Daß
Bernhard den Krieg liebte, fand Max ganz natürlich, denn alle die unter
dem Kaiser kämpften waren ja so.
»Nun, und jetzt ist Dir der Gamaschendienst so langweilig geworden, daß
Du ihm selbst das Landleben vorziehst?« scherzte Max.
Friesens Gesicht überzog ein lebhaftes Rot. Einen Augenblick schien er
verlegen, dann sagte er:
»Du irrst, Max, Scherz beiseite. Wie ich vorhin erzählte, sprach ich
das aus, was mich noch bis vor zwei Jahren bewegte. Früher konnte ich
nicht genug des Lebens im Feldlager kosten. Allmählich hat sich in
mir, wie in manchem meiner Kameraden, aber ein Umschwung vollzogen.
So wie bisher, kann es mit den endlosen Kriegen nicht fortgehen. Ich
tue meine Pflicht als treuer Soldat meines Königs, dies verhindert
mich aber nicht, das Gebaren derer zu verurteilen, die nicht aufhören,
unsagbares Weh über unser Land heraufzubeschwören. Und ich denke, daß
ein gedeihlicher Frieden auf Jahrzehnte hinaus nunmehr der Wunsch jedes
ehrlichen Mannes sein muß.«
»Du sprichst mir aus der Seele, Bernhard,« rief Max lebhaft und reichte
ihm die Hand hin, in die Friesen ohne Besinnen kräftig einschlug. »Das
sind auch meine Gedanken. Jetzt sollten sie endlich einmal Ruhe halten,
und jeder sollte sich mit dem bescheiden, was er besitzt. Freilich
taugt die ganze Franzosenwirtschaft nichts, aber so schnell, wie sie
über uns gekommen ist, werden wir sie nicht wieder los. Und zuletzt hat
jedes Ding sein Aber. Wir Sachsen haben dem Kaiser für so manches zu
danken.
Aber, Bernhard,« fuhr Max nach einer kleinen Weile fort, »wenn es der
gleichförmige Dienst nicht war, der Dich aus der Hauptstadt forttrieb,
dann kann es ja nichts Anderes gewesen sein, als der Wunsch, Dein altes
Versprechen nun endlich einzulösen. Ist es so?«
Wieder bedeckte wie vorhin eine tiefe Röte Friesens Gesicht.
»Max,« begann er langsam, »ich muß Dir leider gestehen, daß mich
die Gefühle, die Du voraussetzest, allerdings nicht bewogen haben,
die Residenz zu verlassen, da ich meinen Besuch eigentlich bis zum
kommenden Jahr aufgeschoben hatte. Aber laß Dir alles erzählen.
Das Kriegsleben hatte uns, trotz seiner Entbehrungen und Strapazen,
und obgleich man nie wußte, ob der nächste Tag einen noch gesund
sah, wegen seiner vielen Abwechslungen, die es mit sich brachte,
gefallen. Wir waren gewöhnt, Zerstreuungen zu finden. Als aber die
Waffen ruhten, und das Einerlei des Garnisondienstes begann, blieben
die Zerstreuungen aus. Deshalb waren wir im vergangenen Winter darauf
bedacht, uns allerhand Kurzweil zu verschaffen. Die Kriegszeiten haben
die Unternehmungslust der Dresdener Bürger aber erklärlicherweise stark
herabgedrückt, so daß der Mangel an Einladungen zu den üblichen Bällen
und sonstigen Unterhaltungen besonders uns jüngeren Offizieren sehr
empfindlich wurde. Was half es, daß wir versuchten jeder in seinem
Bekanntenkreise, Stimmung zu machen. Hier und da machte man wohl
Anstrengungen, um wieder in das Fahrwasser der alten Geselligkeit zu
gleiten; aber die Versuche fielen schwach aus. Ein rechter Frohsinn
wollte nicht aufkommen.
Da kam einem von uns eine Idee. Der liebe Sichart, der trotz seiner
dreiundzwanzig Jahre, und zwar mit einer reizenden, jungen Frau, schon
verheiratet war, schlug die Gründung eines Klubs vor, dessen Mitglieder
selbst kleine Festlichkeiten veranstalten sollten. Eine ganze Anzahl
von uns, meistens Leutnants, traten dem Finkenkasten, wie wir unsern
Bund tauften, bei. Hauptmann von Einsiedel war der Vorstand. Wir
Bündler hatten nun nichts Ernsteres zu tun, als zu werben, besonders
unter verheirateten Kameraden. Mit erstaunlicher Schnelligkeit nahm
die Mitgliederzahl des Finkenkastens zu; auch einige Bürgerfamilien
traten bei. Jeder war willkommen. Der Grad der Freude unter den
Bündlern beim Eintritt eines Mitgliedes richtete sich nach der Anzahl
der Angehörigen, die der Hinzutretende anmeldete. Geheimrat Vogel
brachte es auf fünf. Darüber besondere Freude! Und als Oberstleutnant
von Carlowitz sich mit vier Töchtern und drei weiteren, verwandten
Damen anmeldete, war der Jubel groß. Nach ihrem Alter fragten wir
nicht. Der Finkenkasten aber zählte nunmehr sechsunddreißig Herren und
nahezu noch einmal so viel Damen.
Als wir bei der Gründung des Klubs unsere Meinungen zum besten gaben,
wieviel Mitglieder er wohl nach einem Monat zählen würde, riet der
immer zur Tollkühnheit geneigte Sichart auf sechzig. Wir hätten uns
auch schon mit vierzig zufrieden erklärt, deshalb lachten wir ihn aus
und meinten, er könne nie genug bekommen. Als nun aber fast das Hundert
voll geworden war, lachten wir wieder über ihn, weil er so schlecht
geraten hatte.
Von meiner Tätigkeit schien man sich viel zu versprechen, deshalb wurde
ich in das Vergnügungskomitee gewählt. Diese Wahl ehrte mich in hohem
Maße, und ich gab mir das ernstliche Versprechen, mich dem Vertrauen
der Bündler würdig zu zeigen.
Wir mieteten auf der Meißnerstraße einen gemütlichen Saal und trafen
Vorbereitungen für das erste Fest, das den Reigen beginnen und deshalb
besonders glanzvoll veranstaltet werden sollte. Eine Bühne wurde
errichtet, ein Stück gewählt, die Rollen verteilt und geprobt. Als es
sich darum handelte, einen von uns als Regisseur zu dingen, kam man
allgemein auf mich. Außerdem lag mir noch die Darstellung des Helden
der sehr rührseligen Komödie ob.
Ich hatte herzlich viel Not, den einzelnen Darstellern ihre Rollen
einzupauken. Mit der ersten Probe war ich nicht sonderlich zufrieden
und glaubte, meinem überquellenden Herzen damit Luft machen zu müssen,
daß ich den Eifer der Mitwirkenden rühmte, den sie auf das Studium
der Rollen verwendet hätten. Die Wahrheit war freilich gerade das
Gegenteil, denn sie hatten ihre Rollen fast ohne Ausnahme abgelesen.
Aber niemand schien den Hohn zu fühlen. Sie waren stolz auf ihre
Leistungen, und jeder drückte mir zum Abschied wohlwollend die Hand.
Nach mancher mühevollen Probe, nach der fast jeder heiser und ich
obendrein völlig durchnäßt war, schien das Zusammenspiel endlich
erträglich zu sein. Ich hatte mich vieler Mühe unterzogen, war einige
Male ins Theater gegangen, lediglich um die Haltung und die Bewegungen
der Schauspieler zu studieren und empfand plötzlich ein Interesse an
mancherlei Dingen, an die ich bisher noch nie gedacht hatte, die aber
für einen rechtschaffenen Regisseur zu wissen unentbehrlich sind. Nun
wurde es aber hohe Zeit, daß das Fest stattfand, denn mich überfiel
eine noch nie gekannte Unruhe. Die Glieder zitterten mir wie einem
Hundertjährigen, und die sämtlichen sechszehn Rollen des Stückes zogen
allnächtlich an meinem Geist vorüber. Mich überkam, offen gesagt, ein
gelindes Grausen vor meiner Würde.
Die letzte Probe war endlich gekommen. Alles ging wie am Schnürchen.
Ich teilte noch einige kritische Ratschläge aus, wie den, die
Stimme nicht allzu heftig zu erheben, da mancher der Kameraden im
Feuereifer seine Rolle vergaß und glaubte, daß er noch auf dem
Schlachtfeld stände. Zu diesen gehörte besonders der junge Sichart,
der im gewöhnlichen Leben im Regiment mein elfter Hintermann, auf der
Bühne aber mein Großvater war. Dann prägte ich allen nochmals ein,
die mannigfachen Liebesscenen recht natürlich darzustellen, da dies
ihre Wirksamkeit besonders erhöhen würde. Und um es nicht bloß bei
Ratschlägen zu belassen und den für solche Leistungen weniger gut
Begabten ein Beispiel zu geben, postierte ich sämtliche Darsteller vor
die Bühne und spielte ihnen die Stelle meiner Rolle vor, in der ich
der Geliebten meine Erklärung abgeben und, da sie mich nicht erhören
durfte, rasen mußte. Alle ohne Ausnahme waren von meinen Leistungen
entzückt, und Sichart meinte, das Toben brächte ich besonders
wirkungsvoll zur Darstellung. Es sähe aus, als ob es nicht mehr Spiel
wäre. Und da ich mich andernfalls über dieses bedenkliche Lob hätte
ärgern müssen, freute ich mich darüber.
Meine Partnerin war ein allerliebstes Kind von kaum zwanzig Jahren
und die Schwester der Frau von Sichart. Mir erschien es immer, als ob
sie ihre Rolle mit hinreißender Natürlichkeit spiele. Wenn ich meine
Liebesschwüre sprach, machte sie ein beinah feierliches Gesicht, und es
mochte ihr aufrichtig leid tun, daß sie mir kein Gehör schenken durfte.
Der Abend kam. Das Stück wurde flott gespielt und -- gefiel. Alle
Zuschauer waren entzückt; meine Partnerin und ich sowie Sichart, mein
Großvater, waren die Löwen des Tages. Mit dem letzten Fallen des
Vorhangs rutschte eine Riesenlast von meiner Brust. Länger hätte ich
aber die Aufregung auch nicht mehr ausgehalten. Ich zitterte wie
Espenlaub, denn ein Gefühl unsagbarer Angst hatte hinter mir gestanden,
das ich selbst auf den Schlachtfeldern von Friedland und Wagram nicht
gekannt hatte.
Aber nun war alles vorbei, und es war über alle Erwartungen gut
ausgefallen. Von allen Seiten umdrängte man mich, um mich zu
beglückwünschen, und mit gehobener Stimmung nahm ich die Gratulationen
entgegen. Schließlich wurde mir es zu viel. Ich suchte Sichart und zog
ihn in einem anstoßenden Zimmer an einen Tisch nieder, um mit einem
labenden Trunk das eigene Ich zu belohnen. Wie lange wir dort saßen,
weiß ich nicht mehr. Ab und zu kamen welche, tranken mit uns und gingen
wieder. Wir blieben sitzen. Vom Tanzen konnte bald füglich keine Rede
mehr sein. Sicharts Frau und ihre reizende Schwester, meine holde Braut
in der Komödie, saßen eine Zeitlang bei uns, und das Plaudern mit ihnen
bot viel Stoff zu herzlichem Lachen. Dann waren sie mit einem Male
verschwunden. Ich vermißte sie eigentlich nicht, und von unserer ganzen
Unterhaltung wußte ich am andern Morgen kein Sterbenswörtchen mehr.
Während mehrerer Stunden hatten unaufhörlich die Pfropfen geknallt,
als ich endlich aufstand und mit Sichart durch die Zimmer wandelte.
Dann war ich plötzlich von ihm getrennt und lief, ohne noch zu wissen
wohin, hierhin und dahin. Später entsann ich mich dunkel, mit vielen
der Festgäste ein paar Worte gewechselt zu haben, auch mit Sicharts
Schwägerin. Ich stand dicht vor ihr, hatte wohl auch etwas gesagt, das
die Heiterkeit der Anwesenden erregt haben mochte. Mit einem Male aber
lachte niemand mehr, und das Mädchen lief rasch fort.
Kurz darauf kam ich wieder zu mir, nachdem ich eine Zeitlang frische
Luft geschöpft hatte. Ich traf auch Sichart wieder, der allerdings in
einem nicht beneidenswerten Zustande war. Vergebens suchte ich nach
seinen Damen, bis ich die mich befremdende Mitteilung vernahm, daß sie
bereits nach Hause gefahren seien.
Ich führte den widerstrebenden Freund hinaus und bestieg mit ihm einen
Wagen. Für den Armen war es wirklich das beste, daß ich ihn nach seinem
Heim beförderte.
Auf dem Nachhausewege grübelte ich über diejenigen Stunden des heutigen
Abends nach, deren Verlauf mir dunkel war. Aber keine Erleuchtung
wollte mir kommen, und ich tröstete mich mit dem armen Sichart, der
noch viel schlimmer daran war als ich. -- Nun, dieser Abend sollte
jedenfalls den Grund für meinen Urlaub hergeben.«
Friesen machte eine Pause und sah Max an. Diesen hatte des Freundes
Erzählung belustigt, zuweilen hatte er bei seinen Worten laut
aufgelacht.
»Ich kann aber,« warf Max ein, »den Grund für den Urlaub beim besten
Willen nicht erraten ...«
»Du wirst ihn gleich haben,« versetzte Friesen. »Findest Du nicht, daß
dieser Abend ganz unterhaltsam gewesen ist?«
»Aber freilich,« lachte Max, »recht lustig ist er gewesen.«
»Ja, recht lustig,« wiederholte Friesen langsam, »Du hast schon recht,
Max!«
»Am übernächsten Tage gingen viel teilnehmende Menschen in Sicharts
Haus, um der Witwe ihr Beileid auszusprechen, denn Sichart war sehr
beliebt gewesen; nun war er tot.«
Max machte eine Gebärde des Erschreckens.
»Das war doch schmerzlich, nicht wahr?« fragte Friesen.
»Das Schicksal des jungen Mannes fordert noch heute meine ganze
Teilnahme heraus,« antwortete Max. »Aber wie ist denn der Arme so
schnell gestorben?«
Friesen war bleich geworden. Er tat einen tiefen Atemzug, dann sagte er:
»Er fiel von meiner Hand!«
Max konnte seine Bewegung nicht bemeistern, während Friesen fortfuhr:
»Am späten Morgen nach jenem Feste erschienen zwei Kameraden bei mir.
Ich lag noch im Bett und wunderte mich, sie schon munter zu sehen. Sie
waren tiefernst, ihr Kommen mochte ihnen ziemlich schwer fallen. Mit
kurzen Worten verständigten sie mich davon, daß ich Sicharts Schwägerin
gestern abend in hohem Grade bloßgestellt hätte, und daß Sichart der
einzige Mann sei, der ihr zur Seite stände.
Ich will mir das Weitere ersparen, Max; jener vergnügte Abend hat
jedenfalls meinem Herzen eine Wunde geschlagen, die niemals ganz
verheilen wird.
Nach dem Duell machte man mir den Prozeß. Ich wurde für zwei Jahre auf
den Königstein geschickt. Als ich die Hälfte meiner Strafe verbüßt
hatte, begnadigte mich der König, »in Ansehung seiner mehrfachen
Auszeichnungen vor dem Feind«. Und als ich mich dann beim Regiment
zurückmeldete, schickte mich der Oberst mit unbeschränktem Urlaub
von Dresden fort. Ein paar Wochen habe ich jetzt bei meinem Onkel
zugebracht, der, wie Du weißt, in Tharandt Oberförster ist. Dann aber
trieb es mich zu Dir.«
Auf Maxens männlich-schönes Gesicht hatte sich ein Zug tiefsten Ernstes
gelagert, während sein Auge teilnahmsvoll auf Friesen ruhte. Aber er
fand keine Worte, seinen Gefühlen Ausdruck zu geben und drückte deshalb
dem Freunde nur stumm die Hand.