geltend zu machen, und die Tatsache der Übertragung sowie die Psychosen
belehren uns, daß sie auf dem Wege durch das System des Vorbewußten zum
Bewußtsein und zur Beherrschung der Motilität durchdringen möchten. In
der Zensur zwischen ~Ubw~ und ~Vbw~, deren Annahme uns der Traum
geradezu aufnötigt, haben wir also den Wächter unserer geistigen
Gesundheit zu erkennen und zu ehren. Ist es nun nicht eine
Unvorsichtigkeit dieses Wächters, daß er zur Nachtzeit seine Tätigkeit
verringert, die unterdrückten Regungen des ~Ubw~ zum Ausdrucke kommen
läßt, die halluzinatorische Regression wieder ermöglicht? Ich denke
nicht, denn wenn sich der kritische Wächter zur Ruhe begibt -- wir haben
die Beweise dafür, daß er doch nicht tief schlummert --, so schließt er
auch das Tor zur Motilität. Welche Regungen aus dem sonst gehemmten
~Ubw~ sich auch auf dem Schauplatze tummeln mögen, man kann sie gewähren
lassen, sie bleiben harmlos, weil sie nicht im stande sind, den
motorischen Apparat in Bewegung zu setzen, welcher allein die Außenwelt
verändernd beeinflussen kann. Der Schlafzustand garantiert die
Sicherheit der zu bewachenden Festung. Minder harmlos gestaltet es sich,
wenn die Kräfteverschiebung nicht durch den nächtlichen Nachlaß im
Kräfteaufwand der kritischen Zensur, sondern durch pathologische
Schwächung derselben oder durch pathologische Verstärkung der unbewußten
Erregungen hergestellt wird, solange das Vorbewußte besetzt und die Tore
zur Motilität offen sind. Dann wird der Wächter überwältigt, die
unbewußten Erregungen unterwerfen sich das ~Vbw~, beherrschen von ihm
aus unser Reden und Handeln oder erzwingen sich die halluzinatorische
Regression und lenken den nicht für sie bestimmten Apparat vermöge der
Anziehung, welche die Wahrnehmungen auf die Verteilung unserer
psychischen Energie ausüben. Diesen Zustand heißen wir Psychose.
Die Wunschtheorie der psychoneurotischen Symptome.
Wir befinden uns da auf dem besten Wege, an dem psychologischen Gerüste
weiterzubauen, das wir mit der Einfügung der beiden Systeme ~Ubw~ und
~Vbw~ verlassen haben. Wir haben aber noch Motive genug, bei der
Würdigung des Wunsches als einziger psychischer Triebkraft für den Traum
zu verweilen. Wir haben die Aufklärung entgegengenommen, daß der Traum
darum jedesmal eine Wunscherfüllung ist, weil er eine Leistung des
Systems ~Ubw~ ist, welches kein anderes Ziel seiner Arbeit als
Wunscherfüllung kennt und über keine anderen Kräfte als die der
Wunschregungen verfügt. Wenn wir nun auch nur einen Moment länger an dem
Rechte festhalten wollen, von der Traumdeutung aus so weitgreifende
psychologische Spekulationen aufzuführen, so obliegt uns die
Verpflichtung zu zeigen, daß wir durch sie den Traum in einen
Zusammenhang einreihen, welcher auch andere psychische Bildungen
umfassen kann. Wenn ein System des ~Ubw~ -- oder etwas ihm für unsere
Erörterungen Analoges -- existiert, so kann der Traum nicht dessen
einzige Äußerung sein; jeder Traum mag eine Wunscherfüllung sein, aber
es muß noch andere Formen abnormer Wunscherfüllungen geben als die
Träume. Und wirklich gipfelt die Theorie aller psychoneurotischen
Symptome in dem einen Satze, _daß auch sie als Wunscherfüllungen des
Unbewußten aufgefaßt werden müssen_(237). Der Traum wird durch unsere
Aufklärung nur das erste Glied einer für den Psychiater höchst
bedeutungsvollen Reihe, deren Verständnis die Lösung des rein
psychologischen Anteiles der psychiatrischen Aufgabe bedeutet(238). Von
anderen Gliedern dieser Reihe von Wunscherfüllungen, z. B. von den
hysterischen Symptomen, kenne ich aber einen wesentlichen Charakter, den
ich am Traume noch vermisse. Ich weiß nämlich aus den im Laufe dieser
Abhandlung oftmals angedeuteten Untersuchungen, daß zur Bildung eines
hysterischen Symptoms beide Strömungen unseres Seelenlebens
zusammentreffen müssen. Das Symptom ist nicht bloß der Ausdruck eines
realisierten unbewußten Wunsches, es muß noch ein Wunsch aus dem
Vorbewußten dazukommen, der sich durch das nämliche Symptom erfüllt, so
daß das Symptom _mindestens_ zweifach determiniert wird, je einmal von
einem der im Konflikt befindlichen Systeme her. Einer weiteren
Überdeterminierung sind -- ähnlich wie beim Traume -- keine Schranken
gesetzt. Die Determinierung, die nicht dem ~Ubw~ entstammt, ist, soviel
ich sehe, regelmäßig ein Gedankenzug der Reaktion gegen den unbewußten
Wunsch, z. B. eine Selbstbestrafung. Ich kann also ganz allgemein sagen,
_ein hysterisches Symptom entsteht nur dort, wo zwei gegensätzliche
Wunscherfüllungen, jede aus der Quelle eines anderen psychischen
Systems, in einem Ausdruck zusammentreffen können_. (Vgl. hiezu meine
letzten Formulierungen der Entstehung hysterischer Symptome in dem
Aufsatz »Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität« in
der zweiten Folge der Sammlung kl. Sch. z. Neurosenlehre 1909.)
Beispiele würden hier wenig fruchten, da nur die vollständige Enthüllung
der vorliegenden Komplikation Überzeugung erwecken kann. Ich lasse es
darum bei der Behauptung und bringe ein Beispiel bloß seiner
Anschaulichkeit, nicht seiner Beweiskraft wegen. Das hysterische
Erbrechen also bei einer Patientin erwies sich einerseits als die
Erfüllung einer unbewußten Phantasie aus den Pubertätsjahren, nämlich
des Wunsches, fortwährend gravid zu sein, ungezählt viele Kinder zu
haben, wozu später die Erweiterung trat: von möglichst vielen Männern.
Gegen diesen unbändigen Wunsch hatte sich eine mächtige Abwehrregung
erhoben. Da die Patientin aber durch das Erbrechen ihre Körperfülle und
ihre Schönheit verlieren konnte, so daß kein Mann mehr an ihr Gefallen
fand, so war das Symptom auch dem strafenden Gedankengang recht und
durfte, von beiden Seiten zugelassen, zur Realität werden. Es ist
dieselbe Manier auf eine Wunscherfüllung einzugehen, welche der
Partherkönigin gegen den Triumvir Crassus beliebte. Sie meinte, er habe
den Feldzug aus Goldgier unternommen; so ließ sie der Leiche
geschmolzenes Gold in den Rachen gießen. »Hier hast du, was du dir
gewünscht hast.« Vom Traume wissen wir bis jetzt nur, daß er eine
Wunscherfüllung des Unbewußten ausdrückt; es scheint, daß das
herrschende, vorbewußte System diese gewähren läßt, nachdem sie ihr
gewisse Entstellungen aufgenötigt hat. Man ist auch wirklich nicht im
stande, allgemein einen dem Traumwunsche gegensätzlichen Gedankenzug
nachzuweisen, der sich wie sein Widerpart im Traume verwirklicht. Nur
hie und da sind uns in den Traumanalysen Anzeichen von Reaktionsschöpfungen
begegnet, z. B. die Zärtlichkeit für Freund R. im Onkeltraume
(p. 106). Wir können aber die hier vermißte Zutat aus dem
Vorbewußten an anderer Stelle auffinden. Der Traum darf einen Wunsch aus
dem ~Ubw~ nach allerlei Entstellungen zum Ausdruck bringen, während sich
das herrschende System auf den _Wunsch zu schlafen_ zurückgezogen hat,
und diesen Wunsch durch Herstellung der ihm möglichen Besetzungsänderungen
innerhalb des psychischen Apparates realisiert, endlich
ihn die ganze Dauer des Schlafes über festhält(239).
(237) Korrekter gesagt: Ein Anteil des Symptoms entspricht der
unbewußten Wunscherfüllung, ein anderer der Reaktionsbildung gegen
dieselbe.
(238) _Hughlings Jackson_ hatte geäußert: Findet das Wesen des Traums,
und ihr werdet alles, was man über das Irresein wissen kann, gefunden
haben. (Find out all about dreams and you will have found out all
about insanity.)
(239) Diesen Gedanken entlehne ich der Schlaftheorie von _Liébault_,
des Erweckers der hypnotischen Forschung in unseren Tagen. (Du sommeil
provoqué etc., Paris 1889.)
Der Wunsch zu schlafen.
Dieser festgehaltene Wunsch des Vorbewußten zu schlafen, wirkt nun ganz
allgemein erleichternd auf die Traumbildung. Denken wir an den Traum des
Vaters, den der Lichtschein aus dem Totenzimmer zur Folgerung anregt,
die Leiche könne in Brand geraten sein. Wir haben als die eine der
psychischen Kräfte, die den Ausschlag dafür geben, daß der Vater im
Traume diesen Schluß zieht, anstatt sich durch den Lichtschein wecken zu
lassen, den Wunsch aufgewiesen, der das Leben des im Traume
vorgestellten Kindes um den einen Moment verlängert. Andere aus dem
Verdrängten stammende Wünsche entgehen uns wahrscheinlich, weil wir die
Analyse dieses Traumes nicht machen können. Aber als zweite Triebkraft
dieses Traumes dürfen wir das Schlafbedürfnis des Vaters hinzunehmen;
sowie durch den Traum das Leben des Kindes, so wird auch der Schlaf des
Vaters um einen Moment verlängert. Den Traum gewähren lassen, heißt
diese Motivierung, sonst muß ich erwachen. Wie bei diesem Traume, so
leiht auch bei allen anderen der Schlafwunsch dem unbewußten Wunsche
seine Unterstützung. Wir haben auf p. 96 von Träumen berichtet, die sich
offenkundig als Bequemlichkeitsträume geben. Eigentlich haben alle
Träume Anspruch auf diese Bezeichnung. Bei den Weckträumen, die den
äußeren Sinnesreiz so verarbeiten, daß er mit der Fortsetzung des
Schlafens verträglich wird, ihn in einen Traum verweben, um ihm die
Ansprüche zu entreißen, die er als Mahnung an die Außenwelt erheben
könnte, ist die Wirksamkeit des Wunsches, weiter zu schlafen, am
leichtesten zu erkennen. Derselbe muß aber ebenso seinen Anteil an der
Gestaltung aller anderen Träume haben, die nur von innen her als Wecker
am Schlafzustand rütteln können. Was das ~Vbw~ in manchen Fällen dem
Bewußtsein mitteilt, wenn der Traum es zu arg treibt: Aber lass' doch
und schlaf' weiter, es ist ja nur ein Traum; das beschreibt, auch ohne
daß es laut wird, ganz allgemein das Verhalten unserer herrschenden
Seelentätigkeit gegen das Träumen. Ich muß die Folgerung ziehen, _daß
wir den ganzen Schlafzustand über ebenso sicher wissen, daß wir träumen,
wie wir es wissen, daß wir schlafen_. Es ist durchaus notwendig, den
Einwand dagegen gering zu schätzen, daß unser Bewußtsein auf das eine
Wissen nie gelenkt wird, auf das andere nur bei bestimmtem Anlaß, wenn
sich die Zensur wie überrumpelt fühlt. Dagegen gibt es Personen, bei
denen die nächtliche Festhaltung des Wissens, daß sie schlafen und
träumen, ganz offenkundig wird, und denen also eine bewußte Fähigkeit,
das Traumleben zu lenken, eigen scheint. Ein solcher Träumer ist z. B.
mit der Wendung, die ein Traum nimmt, unzufrieden, er bricht ihn, ohne
aufzuwachen, ab und beginnt ihn von neuem, um ihn anders fortzusetzen,
ganz wie ein populärer Schriftsteller auf Verlangen seinem Schauspiel
einen glücklicheren Ausgang gibt. Oder er denkt sich ein anderes Mal im
Schlafe, wenn ihn der Traum in eine sexuell erregende Situation versetzt
hat: »Das will ich nicht weiter träumen, um mich in einer Pollution zu
erschöpfen, sondern hebe es mir lieber für eine reale Situation auf.«
Der Marquis d'_Hervey_ (Vaschide p. 139) behauptete, eine solche Macht
über seine Träume gewonnen zu haben, daß er ihren Ablauf nach Belieben
beschleunigen und ihnen eine ihm beliebige Richtung geben konnte. Es
scheint, daß bei ihm der Wunsch zu schlafen einem anderen vorbewußten
Wunsch Raum gegönnt hatte, dem, seine Träume zu beobachten und sich an
ihnen zu ergötzen. Mit einem solchen Wunschvorsatz ist der Schlaf
ebensowohl verträglich wie mit einem Vorbehalt als Bedingung des
Erwachens (Ammenschlaf). Es ist auch bekannt, daß das Interesse am Traum
bei allen Menschen die Anzahl der nach dem Erwachen erinnerten Träume
erheblich steigert(240).
(240) Über andere Beobachtungen von Lenkung der Träume sagt
_Ferenczi_: »Der Traum bearbeitet den das Seelenleben gerade
beschäftigenden Gedanken von allen Seiten her, läßt das eine Traumbild
bei drohender Gefahr des Mißlingens der Wunscherfüllung fallen,
versucht es mit einer neuen Art der Lösung, bis es ihm endlich
gelingt, eine die beiden Instanzen des Seelenlebens kompromissuell
befriedigende Wunscherfüllung zu schaffen.«
Zusammenfassung der Traumbildung.
d) _Das Wecken durch den Traum_. _Die Funktion des Traumes_. _Der
Angsttraum_.
Seitdem wir wissen, daß das Vorbewußte über die Nacht auf den Wunsch zu
schlafen eingestellt ist, können wir den Traumvorgang mit Verständnis
weiter verfolgen. Wir fassen aber zunächst unsere bisherige Kenntnis
desselben zusammen. Es seien also von der Wacharbeit Tagesreste übrig
geblieben, denen sich die Energiebesetzung nicht völlig entziehen ließ.
Oder es sei durch die Wacharbeit tagsüber einer der unbewußten Wünsche
rege geworden oder es treffe beides zusammen; wir haben die hier
mögliche Mannigfaltigkeit bereits erörtert. Schon im Laufe des Tages
oder erst mit Herstellung des Schlafzustandes hat der unbewußte Wunsch
sich den Weg zu den Tagesresten gebahnt, seine Übertragung auf sie
bewerkstelligt. Es entsteht nun ein auf das rezente Material
übertragener Wunsch oder der unterdrückte rezente Wunsch hat sich durch
Verstärkung aus dem Unbewußten neu belebt. Er möchte nun auf dem
normalen Wege der Gedankenvorgänge durch das ~Vbw~, dem er mit einem
Bestandteil ja angehört, zum Bewußtsein vordringen. Aber er stößt auf
die Zensur, die noch besteht, und deren Einfluß er jetzt unterliegt.
Hier nimmt er die Entstellung an, die schon durch die Übertragung auf
das Rezente angebahnt war. Bis jetzt ist er nun auf dem Wege, etwas
Ähnliches zu werden wie eine Zwangsvorstellung, eine Wahnidee u. dgl.,
nämlich ein durch Übertragung verstärkter, durch Zensur im Ausdruck
entstellter Gedanke. Nun aber gestattet der Schlafzustand des
Vorbewußten nicht das weitere Vordringen; wahrscheinlich hat sich das
System durch Herabsetzung seiner Erregungen gegen das Eindringen
geschützt. Der Traumvorgang schlägt also den Weg der Regression ein, der
gerade durch die Eigentümlichkeit des Schlafzustandes eröffnet ist, und
folgt dabei der Anziehung, welche Erinnerungsgruppen auf ihn ausüben,
die zum Teil selbst nur als visuelle Besetzungen, nicht als Übersetzung
in die Zeichen der späteren Systeme vorhanden sind. Auf dem Wege zur
Regression erwirbt er die Darstellbarkeit. Von der Kompression werden
wir später handeln. Er hat jetzt das zweite Stück seines mehrmals
geknickten Verlaufes zurückgelegt. Das erste Stück spann sich
progredient von den unbewußten Szenen oder Phantasien zum Vorbewußten;
das zweite Stück strebt von der Zensurgrenze an wieder zu den
Wahrnehmungen hin. Wenn der Traumvorgang aber Wahrnehmungsinhalt
geworden ist, so hat er das ihm durch Zensur und Schlafzustand im ~Vbw~
gesetzte Hindernis gleichsam umgangen. Es gelingt ihm, Aufmerksamkeit
auf sich zu ziehen und vom Bewußtsein bemerkt zu werden. Das Bewußtsein
nämlich, das uns ein Sinnesorgan für die Auffassung psychischer
Qualitäten bedeutet, ist im Wachen von zwei Stellen her erregbar. Von
der Peripherie des ganzen Apparates, dem Wahrnehmungssystem, in erster
Linie; außerdem von den Lust- und Unlusterregungen, die sich als einzige
psychische Qualität bei den Energieumsetzungen im Innern des Apparates
ergeben. Alle Vorgänge in den Ψ-Systemen sonst, auch die im ~Vbw~,
entbehren jeder psychischen Qualität und sind darum kein Objekt des
Bewußtseins, insofern sie ihm nicht Lust oder Unlust zur Wahrnehmung
liefern. Wir werden uns zur Annahme entschließen müssen, daß _diese
Lust- und Unlustentbindungen automatisch den Ablauf der
Besetzungsvorgänge regulieren_. Es hat sich aber später die
Notwendigkeit herausgestellt, zur Ermöglichung feinerer Leistungen den
Vorstellungsablauf unabhängiger von den Unlustzeichen zu gestalten. Zu
diesem Zwecke bedurfte das ~Vbw~-System eigener Qualitäten, die das
Bewußtsein anziehen könnten, und erhielt sie höchstwahrscheinlich durch
die Verknüpfung der vorbewußten Vorgänge mit dem nicht qualitätslosen
Erinnerungssystem der Sprachzeichen. Durch die Qualitäten dieses Systems
wird jetzt das Bewußtsein, das vorher nur Sinnesorgan für die
Wahrnehmungen war, auch zum Sinnesorgan für einen Teil unserer
Denkvorgänge. Es gibt jetzt gleichsam zwei Sinnesoberflächen, die eine
dem Wahrnehmen, die andere den vorbewußten Denkvorgängen zugewendet.
Ich muß annehmen, daß die dem ~Vbw~ zugewendete Sinnesfläche des
Bewußtseins durch den Schlafzustand weit unerregbarer gemacht wird, als
die gegen die ~W~-Systeme gerichtete. Das Aufgeben des Interesses für
die nächtlichen Denkvorgänge ist ja auch zweckmäßig. Es soll im Denken
nichts vorfallen; das ~Vbw~ verlangt zu schlafen. Ist der Traum aber
einmal Wahrnehmung geworden, so vermag er durch die jetzt gewonnenen
Qualitäten das Bewußtsein zu erregen. Diese Sinneserregung leistet das,
worin überhaupt ihre Funktion besteht; sie dirigiert einen Teil der im
~Vbw~ verfügbaren Besetzungsenergie als Aufmerksamkeit auf das
Erregende. So muß man also zugeben, daß der Traum jedesmal _weckt_,
einen Teil der ruhenden Kraft des ~Vbw~ in Tätigkeit versetzt. Er
erfährt nun von dieser jene Beeinflussung, die wir als sekundäre
Bearbeitung mit Rücksicht auf Zusammenhang und Verständlichkeit
bezeichnet haben. Das will besagen, der Traum wird von ihr behandelt wie
jeder andere Wahrnehmungsinhalt; er wird denselben Erwartungsvorstellungen
unterzogen, soweit sein Material sie eben zuläßt. Soweit bei diesem
dritten Stück des Traumvorganges eine Ablaufrichtung in Betracht kommt,
ist es wieder die progrediente.
Zur Verhütung von Mißverständnissen wird ein Wort über die zeitlichen
Eigenschaften dieser Traumvorgänge wohl angebracht sein. Ein sehr
anziehender Gedankengang _Goblots_, der offenbar durch das Rätsel des
_Maury_schen Guillotinentraumes angeregt ist, sucht darzutun, daß der
Traum keine andere Zeit in Anspruch nimmt als die der Übergangsperiode
zwischen Schlafen und Erwachen. Das Erwachen braucht Zeit; in dieser
Zeit fällt der Traum vor. Man meint, das letzte Bild des Traumes war so
stark, daß es zum Erwachen nötigte. In Wirklichkeit war es nur darum so
stark, weil wir bei ihm dem Erwachen schon so nahe waren. »Un rêve c'est
un réveil qui commence.«
Die psychischen Wege des Traumvorganges.
Es ist schon von _Dugas_ hervorgehoben worden, daß _Goblot_ viel
Tatsächliches beseitigen muß, um seine These allgemein zu halten. Es
gibt auch Träume, aus denen man nicht erwacht, z. B. manche, in denen
man träumt, daß man träumt. Nach unserer Kenntnis der Traumarbeit können
wir unmöglich zugeben, daß sie sich nur über die Periode des Erwachens
erstrecke. Es muß uns im Gegenteil wahrscheinlich werden, daß das erste
Stück der Traumarbeit bereits am Tage, noch unter der Herrschaft des
Vorbewußten, beginnt. Das zweite Stück derselben, die Veränderung durch
die Zensur, die Anziehung durch die unbewußten Szenen, das Durchdringen
zur Wahrnehmung, das geht wohl die ganze Nacht hindurch fort, und
insofern dürften wir immer recht haben, wenn wir eine Empfindung
angeben, wir hätten die ganze Nacht geträumt, auch wenn wir nicht zu
sagen wissen, was. Ich glaube aber nicht, daß es notwendig ist
anzunehmen, die Traumvorgänge hielten bis zum Bewußtwerden wirklich die
zeitliche Folge ein, die wir beschrieben haben; es sei zuerst der
übertragene Traumwunsch vorhanden, dann gehe die Entstellung durch die
Zensur vor sich, darauf folge die Richtungsänderung zur Regression usw.
Wir haben eine solche Sukzession bei der Beschreibung herstellen müssen;
in Wirklichkeit handelt es sich wohl vielmehr um gleichzeitiges Erproben
dieser und jener Wege, um ein Hin- und Herwogen der Erregung, bis
endlich durch deren zweckmäßigste Verteilung gerade die eine Gruppierung
die bleibende wird. Ich möchte selbst nach gewissen persönlichen
Erfahrungen glauben, daß die Traumarbeit oft mehr als einen Tag und eine
Nacht braucht, um ihr Ergebnis zu liefern, wobei dann die
außerordentliche Kunst im Aufbau des Traumes alles Wunderbare verliert.
Selbst die Rücksicht auf die Verständlichkeit als Wahrnehmungsereignis
kann meiner Meinung nach zur Wirkung kommen, ehe der Traum das
Bewußtsein an sich zieht. Von da an erfährt der Vorgang allerdings eine
Beschleunigung, da der Traum ja jetzt dieselbe Behandlung erfährt wie
etwas anderes Wahrgenommenes. Es ist wie mit einem Feuerwerk, das
stundenlang hergerichtet und dann in einem Moment entzündet wird.
Durch die Traumarbeit gewinnt der Traumvorgang nun entweder die
genügende Intensität, um das Bewußtsein auf sich zu ziehen und das
Vorbewußte zu wecken, ganz unabhängig von der Zeit und Tiefe des
Schlafes; oder seine Intensität ist dazu nicht genügend, und er muß
bereit bleiben, bis ihm unmittelbar vor dem Erwachen die beweglicher
gewordene Aufmerksamkeit entgegenkommt. Die meisten Träume scheinen mit
vergleichsweise geringen psychischen Intensitäten zu arbeiten, denn sie
warten das Erwachen ab. Es erklärt sich so aber auch, daß wir in der
Regel etwas Geträumtes wahrnehmen, wenn man uns plötzlich aus tiefem
Schlafe reißt. Der erste Blick dabei wie beim spontanen Erwachen trifft
den von der Traumarbeit geschaffenen Wahrnehmungsinhalt, der nächste
dann den von außen gegebenen.
Das größere theoretische Interesse wendet sich aber den Träumen zu, die
mitten im Schlafe zu wecken vermögen. Man darf der sonst überall
nachweisbaren Zweckmäßigkeit gedenken und sich fragen, warum dem Traume,
also dem unbewußten Wunsche, die Macht gelassen wird, den Schlaf, also
die Erfüllung des vorbewußten Wunsches, zu stören. Es muß das wohl an
Energierelationen liegen, in welche uns die Einsicht fehlt. Besäßen wir
diese, so würden wir wahrscheinlich finden, daß das Gewährenlassen des
Traumes und der Aufwand einer gewissen detachierten Aufmerksamkeit für
ihn eine Ersparnis an Energie darstellt gegen den Fall, daß das
Unbewußte nachts ebenso in Schranken gehalten werden sollte wie
tagsüber. Wie die Erfahrung zeigt, bleibt das Träumen, selbst wenn es
mehrmals in einer Nacht den Schlaf unterbricht, mit dem Schlafen
vereinbar. Man erwacht für einen Moment und schläft sofort wieder ein.
Es ist, wie wenn man schlafend eine Fliege wegscheucht; man erwacht ad
hoc. Wenn man wieder einschläft, hat man die Störung beseitigt. Die
Erfüllung des Schlafwunsches ist, wie bekannte Beispiele vom
Ammenschlafe u. dgl. zeigen, ganz gut mit der Unterhaltung eines
gewissen Aufwandes von Aufmerksamkeit nach einer bestimmten Richtung
vereinbar.
Hier verlangt aber ein Einwand gehört zu werden, der auf einer besseren
Kenntnis der unbewußten Vorgänge fußt. Wir haben selbst die unbewußten
Wünsche als immer rege bezeichnet. Trotzdem seien sie bei Tag nicht
stark genug, sich vernehmbar zu machen. Wenn aber der Schlafzustand
besteht und der unbewußte Wunsch die Kraft gezeigt hat, einen Traum zu
bilden und mit ihm das Vorbewußte zu wecken, warum versiegt diese Kraft,
nachdem der Traum zur Kenntnis genommen worden ist? Sollte der Traum
sich nicht vielmehr fortwährend erneuern, gerade wie die störende Fliege
es liebt, immer wieder nach ihrer Vertreibung wiederzukehren? Mit
welchem Rechte haben wir behauptet, daß der Traum die Schlafstörung
beseitigt?
Es ist ganz richtig, daß die unbewußten Wünsche immer rege bleiben. Sie
stellen Wege dar, die immer gangbar sind, so oft ein Erregungsquantum
sich ihrer bedient. Es ist sogar eine hervorragende Besonderheit
unbewußter Vorgänge, daß sie unzerstörbar bleiben. Im Unbewußten ist
nichts zu Ende zu bringen, ist nichts vergangen oder vergessen. Man
bekommt hievon den stärksten Eindruck beim Studium der Neurosen,
speziell der Hysterie. Der unbewußte Gedankenweg, der zur Entladung im
Anfall führt, ist sofort wieder gangbar, wenn sich genug Erregung
angesammelt hat. Die Kränkung, die vor dreißig Jahren vorgefallen ist,
wirkt, nachdem sie sich den Zugang zu den unbewußten Affektquellen
verschafft hat, alle die dreißig Jahre wie eine frische. So oft ihre
Erinnerung angerührt wird, lebt sie wieder auf und zeigt sich mit
Erregung besetzt, die sich in einem Anfall motorische Abfuhr verschafft.
Gerade hier hat die Psychotherapie einzugreifen. Ihre Aufgabe ist es,
für die unbewußten Vorgänge eine Erledigung und ein Vergessen zu
schaffen. Was wir nämlich geneigt sind, für selbstverständlich zu halten
und für einen primären Einfluß der Zeit auf die seelischen
Erinnerungsreste erklären, das Abblassen der Erinnerungen und die
Affektschwäche der nicht mehr rezenten Eindrücke, das sind in
Wirklichkeit sekundäre Veränderungen, die durch mühevolle Arbeit zu
stande kommen. Es ist das Vorbewußte, welches diese Arbeit leistet, und
die Psychotherapie kann keinen anderen Weg einschlagen, als das ~Ubw~
der Herrschaft des ~Vbw~ zu unterwerfen.
Das Wecken durch den Traum.
Für den einzelnen unbewußten Erregungsvorgang gibt es also zwei
Ausgänge. Entweder er bleibt sich selbst überlassen, dann bricht er
endlich irgendwo durch und schafft seiner Erregung für dies eine Mal
einen Abfluß in die Motilität, oder er unterliegt der Beeinflussung des
Vorbewußten, und seine Erregung wird durch dasselbe _gebunden_, anstatt
_abgeführt_. _Letzteres aber geschieht beim Traumvorgang._ Die
Besetzung, die dem zur Wahrnehmung gewordenen Traum von Seite des ~Vbw~
entgegenkommt, weil sie durch die Bewußtseinserregung hingelenkt worden
ist, bindet die unbewußte Erregung des Traumes und macht sie als Störung
unschädlich. Wenn der Träumer für einen Augenblick erwacht, so hat er
wirklich die Fliege weggescheucht, die den Schlaf zu stören drohte. Es
kann uns jetzt ahnen, daß es wirklich zweckmäßiger und wohlfeiler war,
den unbewußten Wunsch gewähren zu lassen, ihm den Weg zur Regression
freizugeben, damit er einen Traum bilde, und dann dessen Traum durch
einen kleinen Aufwand von vorbewußter Arbeit zu binden und zu erledigen,
als das Unbewußte auch die ganze Zeit des Schlafens über im Zaume zu
halten. Es stand ja zu erwarten, daß der Traum, auch wenn er
ursprünglich kein zweckmäßiger Vorgang war, im Kräftespiel des
seelischen Lebens sich einer Funktion bemächtigt haben würde. Wir sehen,
welches diese Funktion ist. Er hat die Aufgabe übernommen, die frei
gelassene Erregung des ~Ubw~ wieder unter die Herrschaft des Vorbewußten
zu bringen; er führt dabei die Erregung des ~Ubw~ ab, dient ihm als
Ventil und sichert gleichzeitig gegen einen geringen Aufwand an
Wachtätigkeit den Schlaf des Vorbewußten. So stellt er sich als ein
Kompromiß, ganz wie die anderen psychischen Bildungen seiner Reihe,
gleichzeitig in den Dienst der beiden Systeme, indem er beider Wünsche,
insoweit sie miteinander verträglich sind, erfüllt. Ein Blick auf die
p. 59 f. mitgeteilte _Robert_sche »Ausscheidungstheorie« wird zeigen,
daß wir diesem Autor in der Hauptsache, in der Bestimmung der Funktion
des Traumes, recht geben müssen, während wir in den Voraussetzungen und
in der Würdigung des Traumvorganges von ihm abweichen(241).
(241) Ist dies die einzige Funktion, die wir dem Traume zugestehen
können? Ich kenne keine andere. A. _Maeder_ hat zwar den Versuch
gemacht, andere, »sekundäre«, Funktionen für den Traum in Anspruch zu
nehmen. Er ging von der richtigen Beobachtung aus, daß manche Träume
Lösungsversuche von Konflikten enthalten, die späterhin wirklich
durchgeführt werden, sich also wie Vorübungen zu Wachtätigkeiten
verhalten. Er brachte darum das Träumen in Parallele zu dem Spielen
der Tiere und der Kinder, welches als vorübende Betätigung
mitgebrachter Instinkte und als Vorbereitung für späteres ernsthaftes
Tun aufzufassen ist, und stellte eine »fonction ludique« des Träumens
auf. Kurze Zeit vor _Maeder_ war die »vorausdenkende« Funktion des
Traumes auch von _Alf. Adler_ betont worden. (In einer von mir 1905
veröffentlichten Analyse wurde ein als Vorsatz aufzufassender Traum
jede Nacht bis zu seiner Ausführung wiederholt.)
Allein eine leichte Überlegung muß uns lehren, daß diese »sekundäre«
Funktion des Traumes im Rahmen einer Traumdeutung keine Anerkennung
verdient. Das Vorausdenken, Fassen von Vorsätzen, Entwerfen von
Lösungsversuchen, die dann eventuell im Wachleben verwirklicht werden
können, dies und viel anderes sind Leistungen der unbewußten und
vorbewußten Tätigkeit des Geistes, welche sich als »Tagesrest« in den
Schlafzustand fortsetzen und dann mit einem unbewußten Wunsch (siehe
p. 433 f.) zur Traumbildung zusammentreten kann. Die vorausdenkende
Funktion des Traumes ist also vielmehr eine Funktion des vorbewußten
Wachdenkens, deren Ergebnis uns durch die Analyse der Träume oder auch
anderer Phänomene verraten werden kann. Nachdem man solange den Traum
mit seinem manifesten Inhalt zusammenfallen ließ, muß man sich jetzt
auch davor hüten, den Traum mit den latenten Traumgedanken zu
verwechseln.
Die Einschränkung, _insofern beide Wünsche miteinander verträglich
sind_, enthält einen Hinweis auf die möglichen Fälle, in denen die
Funktion des Traumes zum Scheitern gelangt. Der Traumvorgang wird
zunächst als Wunscherfüllung des Unbewußten zugelassen; wenn diese
versuchte Wunscherfüllung am Vorbewußten so intensiv rüttelt, daß dies
seine Ruhe nicht mehr bewahren kann, so hat der Traum das Kompromiß
gebrochen, das andere Stück seiner Aufgabe nicht mehr erfüllt. Er wird
dann sofort abgebrochen und durch das volle Erwachen ersetzt. Es ist
eigentlich auch hier nicht die Schuld des Traumes, wenn er, sonst der
Hüter des Schlafes, als Störer desselben auftreten muß, und braucht uns
gegen seine Zweckmäßigkeit nicht einzunehmen. Es ist dies nicht der
einzige Fall im Organismus, daß eine sonst zweckmäßige Einrichtung
unzweckmäßig und störend wird, sobald in den Bedingungen ihres
Entstehens etwas geändert ist, und dann dient die Störung wenigstens dem
neuen Zwecke, die Veränderung anzuzeigen und die Regulierungsmittel des
Organismus wider sie wachzurufen. Ich habe natürlich den Fall des
Angsttraumes im Auge, und um nicht dem Anscheine recht zu geben, daß ich
diesem Zeugen gegen die Theorie der Wunscherfüllung ausweiche, wo immer
ich auf ihn stoße, will ich der Erklärung des Angsttraumes wenigstens
mit Andeutungen nähertreten.
Daß ein psychischer Vorgang, der Angst entwickelt, darum doch eine
Wunscherfüllung sein kann, enthält für uns längst keinen Widerspruch
mehr. Wir wissen uns das Vorkommnis so zu erklären, daß der Wunsch dem
einen System, dem ~Ubw~, angehört, während das System des ~Vbw~ diesen
Wunsch verworfen und unterdrückt hat. Die Unterwerfung des ~Ubw~ durch
das ~Vbw~ ist auch bei völliger psychischer Gesundheit keine
durchgreifende; das Maß dieser Unterdrückung ergibt den Grad unserer
psychischen Normalität. Neurotische Symptome zeigen uns an, daß sich die
beiden Systeme im Konflikt miteinander befinden; sie sind die
Kompromißergebnisse dieses Konfliktes, die ihm ein vorläufiges Ende
setzen. Sie gestatten einerseits dem ~Ubw~ einen Ausweg für den Abfluß
seiner Erregung, dienen ihm als Ausfallstor und geben doch anderseits
dem ~Vbw~ die Möglichkeit, das ~Ubw~ einigermaßen zu beherrschen.
Lehrreich ist es z. B., die Bedeutung einer hysterischen Phobie oder der
Platzangst in Betracht zu ziehen. Ein Neurotiker sei unfähig, allein
über die Straße zu gehen, was wir mit Recht als »Symptom« anführen. Man
hebe nun dieses Symptom auf, indem man ihn zu dieser Handlung nötigt,
für die er sich unfähig glaubt. Es erfolgt dann ein Angstanfall, wie
auch oft ein Angstanfall auf der Straße die Veranlassung für die
Herstellung der Platzangst geworden ist. Wir erfahren so, daß das
Symptom konstituiert worden ist, um den Ausbruch der Angst zu verhüten;
die Phobie ist der Angst wie eine Grenzfestung vorgelegt.
Die Traumfunktion. Ihr Scheitern im Angsttraum.
Unsere Erörterung läßt sich nicht weiterführen, wenn wir nicht auf die
Rolle der Affekte bei diesen Vorgängen eingehen, was aber hier nur
unvollkommen möglich ist. Stellen wir also den Satz auf, daß die
Unterdrückung des ~Ubw~ vor allem darum notwendig wird, weil der sich
selbst überlassene Vorstellungsablauf im ~Ubw~ einen Affekt entwickeln
würde, der ursprünglich den Charakter der Lust hatte, aber seit dem
Vorgang der _Verdrängung_ den Charakter der Unlust trägt. Die
Unterdrückung hat den Zweck, aber auch den Erfolg, diese
Unlustentwicklung zu verhüten. Die Unterdrückung erstreckt sich auf den
Vorstellungsinhalt des ~Ubw~, weil vom Vorstellungsinhalt her die
Entbindung der Unlust erfolgen könnte. Eine ganz bestimmte Annahme über
die Natur der Affektentwicklung ist hier zu Grunde gelegt. Dieselbe wird
als eine motorische oder sekretorische Leistung angesehen, zu welcher
der Innervationsschlüssel in den Vorstellungen des ~Ubw~ gelegen ist.
Durch die Beherrschung von Seite des ~Vbw~ werden diese Vorstellungen
gleichsam gedrosselt, an der Aussendung der Affekt entwickelnden Impulse
gehemmt. Die Gefahr, wenn die Besetzung von Seite des ~Vbw~ aufhört,
besteht also darin, daß die unbewußten Erregungen solchen Affekt
entbinden, der -- infolge der früher stattgehabten Verdrängung -- nur
als Unlust, als Angst verspürt werden kann.
Diese Gefahr wird durch das Gewährenlassen des Traumvorganges
entfesselt. Die Bedingungen für deren Realisierung liegen darin, daß
Verdrängungen stattgefunden haben, und daß die unterdrückten
Wunschregungen stark genug werden können. Sie stehen also ganz außerhalb
des psychologischen Rahmens der Traumbildung. Wäre es nicht, daß unser
Thema durch dies eine Moment, die Befreiung des ~Ubw~ während des
Schlafes, mit dem Thema der Angstentwicklung zusammenhinge, so könnte
ich auf die Besprechung des Angsttraumes verzichten und mir alle ihm
anhängenden Dunkelheiten hier ersparen.
Die Lehre vom Angsttraume gehört, wie ich schon wiederholt ausgesprochen
habe, in die Neurosenpsychologie. Ich möchte sagen: die Angst im Traume
ist ein Angstproblem, kein Traumproblem. Wir haben weiter nichts mit ihr
zu schaffen, nachdem wir einmal ihre Berührungsstelle mit dem Thema des
Traumvorganges aufgezeigt haben. Ich kann nur noch eines tun. Da ich
behauptet habe, daß die neurotische Angst aus sexuellen Quellen stammt,
kann ich Angstträume der Analyse unterziehen, um das sexuelle Material
in deren Traumgedanken nachzuweisen.
Aus guten Gründen verzichte ich hier auf alle die Beispiele, die mir
neurotische Patienten in reicher Fülle bieten, und bevorzuge Angstträume
von jugendlichen Personen.
Analysen von Angstträumen. -- Der Pavor nocturnus.
Ich selbst habe seit Jahrzehnten keinen eigentlichen Angsttraum mehr
gehabt. Aus meinem siebten oder achten Jahre erinnere ich mich an einen
solchen, den ich etwa 30 Jahre später der Deutung unterworfen habe. Er
war sehr lebhaft und zeigte mir _die geliebte Mutter mit eigentümlich
ruhigem, schlafendem Gesichtsausdruck, die von zwei (oder drei) Personen
mit Vogelschnäbeln ins Zimmer getragen und aufs Bett gelegt wird_. Ich
erwachte weinend und schreiend und störte den Schlaf der Eltern. Die --
eigentümlich drapierten -- überlangen Gestalten mit Vogelschnäbeln hatte
ich den Illustrationen der _Philippson_schen Bibel entnommen; ich
glaube, es waren Götter mit Sperberköpfen von einem ägyptischen
Grabrelief. Sonst aber liefert mir die Analyse die Erinnerung an einen
ungezogenen Hausmeistersjungen, der mit uns Kindern auf der Wiese vor
dem Hause zu spielen pflegte; und ich möchte sagen, der hieß _Philipp_.
Es ist mir dann, als hätte ich von dem Knaben zuerst das vulgäre Wort
gehört, welches den sexuellen Verkehr bezeichnet und von den Gebildeten
nur durch ein lateinisches, durch »koitieren« ersetzt wird, das aber
durch die Auswahl der Sperberköpfe deutlich genug gekennzeichnet ist.
Ich muß die sexuelle Bedeutung des Wortes aus der Miene des
welterfahrenen Lehrmeisters erraten haben. Der Gesichtsausdruck der
Mutter im Traume war vom Angesicht des Großvaters kopiert, den ich
einige Tage vor seinem Tode im Koma schnarchend gesehen hatte. Die
Deutung der sekundären Bearbeitung im Traume muß also gelautet haben,
daß die Mutter _stirbt_, auch das _Grab_relief stimmt dazu. In dieser
Angst erwachte ich und ließ nicht ab, bis ich die Eltern geweckt hatte.
Ich erinnere mich, daß ich mich plötzlich beruhigte, als ich die Mutter
zu Gesicht bekam, als ob ich die Beruhigung bedurft hätte: sie ist also
nicht gestorben. Diese sekundäre Deutung des Traumes ist aber schon
unter dem Einflusse der entwickelten Angst geschehen. Nicht daß ich
ängstlich war, weil ich geträumt hatte, daß die Mutter stirbt; sondern
ich deutete den Traum in der vorbewußten Bearbeitung so, weil ich schon
unter der Herrschaft der Angst stand. Die Angst aber läßt sich mittels
der Verdrängung zurückführen auf ein dunkles, offenkundig sexuelles
Gelüste, das in dem visuellen Inhalt des Traumes seinen guten Ausdruck
gefunden hatte.
Ein 27 jähriger Mann, der seit einem Jahre schwer leidend ist, hat
zwischen 11 und 13 Jahren wiederholt unter schwerer Angst geträumt, _daß
ein Mann mit einer Hacke ihm nachsetzt; er möchte laufen, ist aber wie
gelähmt und kommt nicht von der Stelle_. Das ist wohl ein gutes Muster
eines sehr gemeinen und sexuell unverdächtigen Angsttraumes. Bei der
Analyse gerät der Träumer zuerst auf eine der Zeit nach spätere
Erzählung seines Onkels, daß er auf der Straße nächtlich von einem
verdächtigen Individuum angefallen wurde, und schließt selbst aus diesem
Einfall, daß er zur Zeit des Traumes von einem ähnlichen Erlebnis gehört
haben kann. Zur Hacke erinnert er, daß er sich in jener Lebenszeit
einmal beim Holzverkleinern mit der _Hacke_ an der Hand verletzt hatte.
Er gerät dann unvermittelt auf sein Verhältnis zu seinem jüngeren
Bruder, den er zu mißhandeln und hinzuwerfen pflegte, erinnert sich
speziell eines Males, wo er ihn mit dem Stiefel an den Kopf traf, so daß
er blutete und die Mutter dann äußerte: Ich habe Angst, er wird ihn noch
einmal umbringen. Während er so beim Thema der _Gewalttat_ festgehalten
scheint, taucht ihm plötzlich eine Erinnerung aus dem neunten
Lebensjahre auf. Die Eltern waren spät nach Hause gekommen, gingen,
während er sich schlafend stellte, zu Bette, und er hörte dann ein
Keuchen und andere Geräusche, die ihm unheimlich vorkamen, konnte auch
die Lage der beiden im Bette erraten. Seine weiteren Gedanken zeigen,
daß er zwischen dieser Beziehung der Eltern und seinem Verhältnis zu
seinem jüngeren Bruder eine Analogie hergestellt hatte. Er subsumierte,
was bei den Eltern vorfiel, unter den Begriff: _Gewalttat und Rauferei_,
und gelangte so, wie bei Kindern sehr häufig, zur sadistischen
Auffassung des Koitusaktes. Ein Beweis für diese Auffassung war ihm, daß
er oft _Blut im Bette der Mutter_ bemerkt hatte.
Daß der sexuelle Verkehr Erwachsener den Kindern, die ihn bemerken,
unheimlich vorkommt und Angst in ihnen erweckt, ist, möchte ich sagen,
Ergebnis der täglichen Erfahrung. Ich habe für diese Angst die Erklärung
gegeben, daß es sich um eine sexuelle Erregung handelt, die von ihrem
Verständnis nicht bewältigt wird, auch wohl darum auf Ablehnung stößt,
weil die Eltern in sie verflochten sind, und die sich darum in Angst
verwandelt. In einer noch früheren Lebensperiode stößt die sexuelle
Regung für den gegengeschlechtlichen Teil des Elternpaares noch nicht
auf Verdrängung und äußert sich frei, wie wir gehört haben (p. 194).
Auf die bei Kindern so häufigen nächtlichen Angstanfälle mit
Halluzinationen (den Pavor nocturnus) würde ich dieselbe Erklärung
unbedenklich anwenden. Es kann sich auch da nur um unverstandene und
abgelehnte sexuelle Regungen handeln, bei deren Aufzeichnung sich auch
wahrscheinlich eine zeitliche Periodizität herausstellen würde, da eine
Steigerung der sexuellen Libido ebensowohl durch zufällige erregende
Eindrücke, als auch durch die spontanen, schubweise eintreffenden
Entwicklungsvorgänge erzeugt werden kann.
Mir fehlt es an dem erforderlichen Beobachtungsmaterial, um diese
Erklärung durchzuführen. Den Kinderärzten scheint es dagegen an dem
Gesichtspunkte zu fehlen, der allein das Verständnis der ganzen Reihe
von Phänomenen, sowohl nach der somatischen als auch nach der
psychischen Seite gestattet. Als ein komisches Beispiel, wie nahe man,
durch die Scheuklappen der medizinischen Mythologie geblendet, am
Verständnis solcher Fälle vorbeigehen kann, möchte ich einen Fall
anführen, den ich in der These über den Pavor nocturnus von _Debacker_
1881 (p. 66) gefunden habe.
Ein 13 jähriger Knabe von schwacher Gesundheit begann ängstlich und
verträumt zu werden, sein Schlaf wurde unruhig und fast jede Woche
einmal durch einen schweren Anfall von Angst mit Halluzinationen
unterbrochen. Die Erinnerung an diese Träume war immer sehr deutlich. Er
konnte also erzählen, daß der _Teufel_ ihn angeschrien habe: Jetzt haben
wir dich, jetzt haben wir dich, und dann roch es nach Pech und Schwefel
und das Feuer verbrannte seine Haut. Aus diesem Traume schreckte er dann
auf, konnte zuerst nicht schreien, bis die Stimme frei wurde und man ihn
deutlich sagen hörte: »Nein, nein, nicht mich, ich hab' ja nichts
getan«, oder auch: »Bitte, nicht, ich werd' es nie mehr tun.« Einigemal
sagte er auch: »Albert hat das nicht getan.« Er vermied es später sich
auszukleiden, »weil das Feuer ihn nur angreife, wenn er ausgekleidet
sei«. Mitten aus diesen Teufelsträumen, die seine Gesundheit in Gefahr
brachten, wurde er aufs Land geschickt, erholte sich dort im Verlaufe
von 1½ Jahren und gestand dann einmal, 15 Jahre alt: »Je n'osais pas
l'avouer, mais j'éprouvais continuellement des picotements et des
surexcitations aux _parties_(242); à la fin, cela m'énervait tant que
plusieurs fois, j'ai pensé me jeter par la fenêtre au dortoir.«
(242) Von mir hervorgehoben; übrigens nicht mißverständlich.
Es ist wahrlich nicht schwer zu erraten, 1. daß der Knabe in früheren
Jahren masturbiert, es wahrscheinlich geleugnet hatte und mit schweren
Strafen für seine Unart bedroht worden war. (Sein Geständnis: Je ne le
ferai plus; sein Leugnen: Albert n'a jamais fait ça); 2. daß unter dem
Andrang der Pubertät die Versuchung zu masturbieren in dem Kitzel an den
Genitalien wieder erwachte; daß aber jetzt 3. ein Verdrängungskampf in
ihm losbrach, der die Libido unterdrückte und sie in Angst verwandelte,
welche Angst nachträglich die damals angedrohten Strafen aufnahm.
Hören wir dagegen die Folgerungen unseres Autors (p. 69). »Es geht aus
dieser Beobachtung hervor, daß 1. der Einfluß der Pubertät bei einem
Knaben von geschwächter Gesundheit einen Zustand von großer Schwäche
herbeiführen und daß es dabei zu einer _sehr erheblichen
Gehirnanämie_(243) kommen kann.
(243) Meine Hervorhebung.
2. Diese Gehirnanämie erzeugt eine Charakterveränderung, dämonomanische
Halluzinationen und sehr heftige nächtliche, vielleicht auch tägliche
Angstzustände.
3. Die Dämonomanie und die Selbstvorwürfe des Knaben gehen auf die
Einflüsse der religiösen Erziehung zurück, die als Kind auf ihn gewirkt
hatten.
4. Alle Erscheinungen sind infolge eines längeren Landaufenthaltes durch
körperliche Übung und Wiederkehr der Kräfte nach abgelaufener Pubertät
verschwunden.
5. Vielleicht darf man der Heredität und der alten Syphilis des Vaters
einen prädisponierenden Einfluß auf die Entstehung des Gehirnzustandes
beim Kinde zuschreiben.«
Das Schlußwort: »Nous avons fait entrer cette observation dans le cadre
des délires apyrétiques d'inanition, car c'est à l'ischémie cérébrale
que nous rattachons cet état particulier.«
Versöhnung der Widersprüche in der Traumlehre.
e) _Der Primär- und der Sekundärvorgang_. _Die Verdrängung_.
Indem ich den Versuch wagte, tiefer in die Psychologie der Traumvorgänge
einzudringen, habe ich eine schwierige Aufgabe unternommen, welcher auch
meine Darstellungskunst kaum gewachsen ist. Die Gleichzeitigkeit eines
so komplizierten Zusammenhanges durch ein Nacheinander in der
Beschreibung wiederzugeben und dabei bei jeder Aufstellung
voraussetzungslos zu erscheinen, will meinen Kräften zu schwer werden.
Es rächt sich nun an mir, daß ich bei der Darstellung der
Traumpsychologie nicht der historischen Entwicklung meiner Einsichten
folgen kann. Mir waren die Gesichtspunkte für die Auffassung des Traumes
durch vorhergegangene Arbeiten über die Psychologie der Neurosen
gegeben, auf die ich mich hier nicht beziehen soll und doch immer wieder
beziehen muß, während ich in umgekehrter Richtung vorgehen und vom
Traume aus den Anschluß an die Psychologie der Neurosen erreichen
möchte. Ich kenne alle Beschwerden, die sich hieraus für den Leser
ergeben; aber ich weiß kein Mittel, sie zu vermeiden.
Unbefriedigt von dieser Sachlage verweile ich gern bei einem anderen
Gesichtspunkte, der mir den Wert meiner Bemühung zu heben scheint. Ich
fand ein Thema vor, das von den schärfsten Widersprüchen in den
Meinungen der Autoren beherrscht war, wie die Einführung des ersten
Abschnittes gezeigt hat. Nach unserer Bearbeitung der Traumprobleme ist
für die meisten dieser Widersprüche Raum geschaffen worden. Nur zweien
der geäußerten Ansichten, daß der Traum ein sinnloser und ein
somatischer Vorgang sei, mußten wir selbst entschieden widersprechen;
sonst aber haben wir allen einander widersprechenden Meinungen an irgend
einer Stelle des verwickelten Zusammenhanges recht geben und nachweisen
können, daß sie etwas Richtiges herausgefunden hatten. Daß der Traum die
Anregungen und Interessen des Wachlebens fortsetzt, hat sich durch die
Aufdeckung der verborgenen Traumgedanken ganz allgemein bestätigt. Diese
beschäftigen sich nur mit dem, was uns wichtig scheint und uns mächtig
interessiert. Der Traum gibt sich nie mit Kleinigkeiten ab. Aber auch
das Gegenteil haben wir gelten lassen, daß der Traum die gleichgültigen
Abfälle des Tages aufklaubt und sich eines großen Tagesinteresses nicht
eher bemächtigen kann, als bis es sich der Wacharbeit einigermaßen
entzogen hat. Wir fanden dies gültig für den Trauminhalt, der den
Traumgedanken einen durch Entstellung veränderten Ausdruck gibt. Der
Traumvorgang, sagten wir, bemächtigt sich aus Gründen der
Assoziationsmechanik leichter des frischen oder des gleichgültigen
Vorstellungsmaterials, welches von der wachen Denktätigkeit noch nicht
mit Beschlag belegt ist, und aus Gründen der Zensur überträgt er die
psychische Intensität von dem Bedeutsamen, aber auch Anstößigen, auf das
Indifferente. Die Hypermnesie des Traumes und die Verfügung über das
Kindheitsmaterial sind zu Grundpfeilern unserer Lehre geworden; in
unserer Traumtheorie haben wir dem aus dem Infantilen stammenden Wunsch
die Rolle des unentbehrlichen Motors für die Traumbildung zugeschrieben.
An der experimentell nachgewiesenen Bedeutung der äußeren Sinnesreize
während des Schlafes zu zweifeln, konnte uns natürlich nicht einfallen,
aber wir haben dieses Material in dasselbe Verhältnis zum Traumwunsch
gesetzt wie die von der Tagarbeit erübrigten Gedankenreste. Daß der
Traum den objektiven Sinnesreiz nach Art einer Illusion deutet,
brauchten wir nicht zu bestreiten; aber wir haben das von den Autoren
unbestimmt gelassene Motiv für diese Deutung hinzugefügt. Die Deutung
erfolgt so, daß das wahrgenommene Objekt für die Schlafstörung
unschädlich und für die Wunscherfüllung verwendbar wird. Den subjektiven
Erregungszustand der Sinnesorgane während des Schlafes, der durch
_Trumbull Ladd_ nachgewiesen scheint, lassen wir zwar nicht als
besondere Traumquelle gelten, aber wir wissen ihn durch regrediente
Belebung der hinter dem Traume wirkenden Erinnerungen zu erklären. Auch
den inneren organischen Sensationen, die gern zum Angelpunkte der
Traumerklärung genommen werden, ist in unserer Auffassung eine,
wenngleich bescheidenere Rolle verblieben. Sie stellen uns -- die
Sensationen des Fallens, Schwebens, Gehemmtseins -- ein allezeit
bereites Material dar, dessen sich die Traumarbeit zum Ausdruck der
Traumgedanken, so oft es not tut, bedient.
Daß der Traumvorgang ein rapider, momentaner ist, erscheint uns richtig
für die Wahrnehmung des vorgebildeten Trauminhaltes durch das
Bewußtsein; für die vorhergehenden Stücke des Traumvorganges haben wir
einen langsamen, wogenden Ablauf wahrscheinlich gefunden. Zum Rätsel des
überreichen, in den kürzesten Moment zusammengedrängten Trauminhaltes
konnten wir den Beitrag liefern, daß es sich dabei um das Aufgreifen
bereits fertiger Gebilde des psychischen Lebens handle. Daß der Traum
von der Erinnerung entstellt und verstümmelt wird, fanden wir richtig,
aber nicht hinderlich, da dies nur das letzte manifeste Stück einer von
Anfang der Traumbildung an wirksamen Entstellungsarbeit ist. In dem
erbitterten und einer Versöhnung scheinbar unfähigen Streite, ob das
Seelenleben nachts schlafe oder über all seine Leistungsfähigkeit wie
bei Tage verfüge, haben wir beiden Teilen recht und doch keinem ganz
recht geben können. In den Traumgedanken fanden wir die Beweise einer
höchst komplizierten, mit fast allen Mitteln des seelischen Apparates
arbeitenden, intellektuellen Leistung; doch ist es nicht abzuweisen, daß
diese Traumgedanken bei Tage entstanden sind, und es ist unentbehrlich
anzunehmen, daß es einen Schlafzustand des Seelenlebens gibt. So kam
selbst die Lehre vom partiellen Schlafe zur Geltung; aber nicht in dem
Zerfall der seelischen Zusammenhänge haben wir die Charakteristik des
Schlafzustandes gefunden, sondern in der Einstellung des den Tag
beherrschenden psychischen Systems auf den Wunsch zu schlafen. Die
Ablenkung von der Außenwelt bewahrte auch für unsere Auffassung ihre
Bedeutung; sie hilft, wenn auch nicht als einziges Moment, die
Regression der Traumdarstellung ermöglichen. Der Verzicht auf die
willkürliche Lenkung des Vorstellungsablaufes ist unbestreitbar; aber
das psychische Leben wird darum nicht ziellos, denn wir haben gehört,
daß nach dem Aufgeben der gewollten Zielvorstellungen ungewollte zur
Herrschaft gelangen. Die lockere Assoziationsverknüpfung im Traume haben
wir nicht nur anerkannt, sondern ihrer Herkunft einen weit größeren
Umfang zugewiesen, als geahnt werden konnte; wir haben aber gefunden,
daß sie nur der erzwungene Ersatz für eine andere, korrekte und
sinnvolle ist. Gewiß nannten auch wir den Traum absurd; aber Beispiele
konnten uns lehren, wie klug der Traum ist, wenn er sich absurd stellt.
Von den Funktionen, die dem Traume zuerkannt worden sind, trennt uns
kein Widerspruch. Daß der Traum die Seele wie ein Ventil entlaste, und
daß nach _Roberts_ Ausdruck allerlei Schädliches durch das Vorstellen im
Traume unschädlich gemacht wird, trifft nicht nur genau mit unserer
Lehre von der zweifachen Wunscherfüllung durch den Traum zusammen,
sondern wird für uns sogar nach seinem Wortlaute verständlicher als bei
_Robert_. Das freie Sichergehen der Seele im Spiele ihrer Fähigkeiten
findet sich bei uns wieder in dem Gewährenlassen des Traumes durch die
vorbewußte Tätigkeit. Die »Rückkehr auf den embryonalen Standpunkt des
Seelenlebens im Traume« und die Bemerkung von _Havelock Ellis_, »an
archaic world of vast emotions and imperfect thoughts« erscheinen uns
als glückliche Vorwegnahmen unserer Ausführungen, die _primitive_, bei
Tage unterdrückte Arbeitsweisen an der Traumbildung beteiligt sein
lassen; die Behauptung von _Sully_, »der Traum bringe unsere früheren
sukzessive entwickelten Persönlichkeiten wieder, unsere alte Art, die
Dinge anzusehen, Impulse und Reaktionsweisen, die uns vor langen Zeiten
beherrscht haben«, konnten wir im vollen Umfange zu der unsrigen machen;
wie bei _Delage_ wird bei uns das »_Unterdrückte_« zur Triebfeder des
Traumes.
Die Rolle, welche _Scherner_ der Traumphantasie zuschreibt, und die
Deutungen _Scherners_ selbst haben wir in vollem Umfange anerkannt, aber
ihnen gleichsam eine andere Lokalität im Problem anweisen müssen. Nicht
der Traum bildet die Phantasie, sondern an der Bildung der Traumgedanken
hat die unbewußte Phantasietätigkeit den größten Anteil. Wir bleiben
_Scherner_ für den Hinweis auf die Quelle der Traumgedanken
verpflichtet; aber fast alles, was er der Traumarbeit zuschreibt, ist
der Tätigkeit des bei Tage regsamen Unbewußten zuzurechnen, welche die
Anregungen für die Träume nicht minder ergibt als die für die
neurotischen Symptome. Die Traumarbeit mußten wir von dieser Tätigkeit
als etwas gänzlich Verschiedenes und weit mehr Gebundenes absondern.
Endlich haben wir die Beziehung des Traumes zu den Seelenstörungen
keineswegs aufgegeben, sondern sie auf neuem Boden fester begründet.
Durch das Neue in unserer Traumlehre wie durch eine höhere Einheit
zusammengehalten, finden wir also die verschiedenartigsten und
widersprechendsten Ergebnisse der Autoren unserem Gebäude eingefügt,
manche derselben anders gewendet, nur wenige gänzlich verworfen. Aber
auch unser Aufbau ist noch unfertig. Von den vielen Unklarheiten
abgesehen, die wir durch unser Vordringen in das Dunkel der Psychologie
auf uns gezogen haben, scheint auch noch ein neuer Widerspruch uns zu
bedrücken. Wir haben einerseits die Traumgedanken durch völlig normale
geistige Arbeit entstehen lassen, anderseits aber eine Reihe von ganz
abnormen Denkvorgängen unter den Traumgedanken und von ihnen aus zum
Trauminhalt aufgefunden, welche wir dann bei der Traumdeutung
wiederholen. Alles, was wir die »Traumarbeit« geheißen haben, scheint
sich von den uns als korrekt bekannten psychischen Vorgängen so weit zu
entfernen, daß die härtesten Urteile der Autoren über die niedrige
psychische Leistung des Träumens uns wohl angebracht dünken müssen.
Der Widerspruch zwischen den beiden Stücken der »Traumarbeit«.
Hier schaffen wir vielleicht nur durch noch weiteres Vordringen
Aufklärung und Abhilfe. Ich will eine der Konstellationen herausgreifen,
die zur Traumbildung führen:
Wir haben erfahren, daß der Traum eine Anzahl von Gedanken ersetzt, die
aus unserem Tagesleben stammen und vollkommen logisch gefügt sind. Wir
können darum nicht bezweifeln, daß diese Gedanken unserem normalen
Geistesleben entstammen. Alle Eigenschaften, welche wir an unseren
Gedankengängen hochschätzen, durch welche sie sich als komplizierte
Leistungen hoher Ordnung kennzeichnen, finden wir an den Traumgedanken
wieder. Es besteht aber keine Nötigung, anzunehmen, daß diese
Gedankenarbeit während des Schlafes vollzogen wurde, was unsere bisher
festgehaltene Vorstellung vom psychischen Schlafzustand arg beirren
würde. Diese Gedanken können vielmehr sehr wohl vom Tage stammen, sich,
von ihrem Anstoß an, unserem Bewußtsein unbemerkt, fortgesetzt haben und
fanden sich dann mit dem Einschlafen als fertig vor. Wenn wir aus dieser
Sachlage etwas entnehmen sollen, so ist es höchstens der Beweis, daß die
_kompliziertesten Denkleistungen ohne Mittun des Bewußtseins möglich
sind_, was wir ohnedies aus jeder Psychoanalyse eines Hysterischen oder
einer Person mit Zwangsvorstellungen erfahren mußten. Diese
Traumgedanken sind an sich sicherlich nicht bewußtseinsunfähig; wenn sie
uns tagsüber nicht bewußt worden sind, so mag dies verschiedene Gründe
haben. Das Bewußtwerden hängt mit der Zuwendung einer bestimmten
psychischen Funktion, der Aufmerksamkeit, zusammen, die, wie es scheint,
nur in bestimmter Quantität aufgewendet wird, welche von dem
betreffenden Gedankengang durch andere Ziele abgelenkt sein mochte. Eine
andere Art, wie solche Gedankengänge dem Bewußtsein vorenthalten werden
können, ist folgende: Von unserem bewußten Nachdenken her wissen wir,
daß wir bei Anwendung der Aufmerksamkeit einen bestimmten Weg verfolgen.
Kommen wir auf diesem Wege an eine Vorstellung, welche der Kritik nicht
stand hält, so brechen wir ab; wir lassen die Aufmerksamkeitsbesetzung
fallen. Es scheint nun, daß der begonnene und verlassene Gedankengang
sich dann fortspinnen kann, ohne daß sich ihm die Aufmerksamkeit wieder
zuwendet, wenn er nicht an einer Stelle eine besonders hohe Intensität
erreicht, welche die Aufmerksamkeit erzwingt. Eine anfängliche, etwa mit
Bewußtsein erfolgte Verwerfung durch das Urteil, als unrichtig oder als
unbrauchbar für den aktuellen Zweck des Denkaktes, kann also die Ursache
sein, daß ein Denkvorgang sich vom Bewußtsein unbemerkt bis zum
Einschlafen fortsetzt.
Resumieren wir, daß wir einen solchen Gedankengang einen _vorbewußten_
heißen, ihn für völlig korrekt halten, und daß er ebensowohl ein bloß
vernachlässigter, wie ein abgebrochener, unterdrückter sein kann. Sagen
wir auch frei heraus, in welcher Weise wir uns den Vorstellungsablauf
veranschaulichen. Wir glauben, daß von einer Zielvorstellung aus eine
gewisse Erregungsgröße, die wir »Besetzungsenergie« heißen, längs der
durch diese Zielvorstellung ausgewählten Assoziationswege verschoben
wird. Ein »vernachlässigter« Gedankengang hat eine solche Besetzung
nicht erhalten; von einem »unterdrückten« oder »verworfenen« ist sie
wieder zurückgezogen worden; beide sind ihren eigenen Erregungen
überlassen. Der zielbesetzte Gedankengang wird unter gewissen
Bedingungen fähig, die Aufmerksamkeit des Bewußtseins auf sich zu
ziehen, und erhält dann durch dessen Vermittlung eine »_Überbesetzung_«.
Unsere Annahmen über die Natur und Leistung des Bewußtseins werden wir
ein wenig später klarlegen müssen.
Ein so im Vorbewußten angeregter Gedankengang kann spontan erlöschen
oder sich erhalten. Den ersteren Ausgang stellen wir uns so vor, daß
seine Energie nach allen von ihm ausgehenden Assoziationsrichtungen
diffundiert, die ganze Gedankenkette in einen erregten Zustand versetzt,
der für eine Weile anhält, dann aber abklingt, indem die
_abfuhrbedürftige Erregung_ sich in _ruhende Besetzung_ umwandelt(244).
Tritt dieser erste Ausgang ein, so hat der Vorgang weiter keine
Bedeutung für die Traumbildung. Es lauern aber in unserem Vorbewußten
andere Zielvorstellungen, die aus den Quellen unserer unbewußten und
immer regen Wünsche stammen. Diese können sich der Erregung in dem sich
selbst überlassenen Gedankenkreise bemächtigen, stellen die Verbindung
zwischen ihm und dem unbewußten Wunsche her, _übertragen_ ihm die dem
unbewußten Wunsch eigene Energie, und von jetzt an ist der
vernachlässigte oder unterdrückte Gedankengang im stande, sich zu
erhalten, obwohl er durch diese Verstärkung keinen Anspruch auf den
Zugang zum Bewußtsein erhält. Wir können sagen, der bisher vorbewußte
Gedankengang ist _ins Unbewußte gezogen_ worden.
(244) Vgl. hiezu die bedeutsamen Darlegungen von J. _Breuer_ in
unseren »Studien über Hysterie« 1895 und 2. Aufl. 1909.
Andere Konstellationen zur Traumbildung wären, daß der vorbewußte
Gedankengang von vornherein in Verbindung mit dem unbewußten Wunsche
stand, und darum auf Abweisung von Seite der herrschenden Zielbesetzung
stieß, oder daß ein unbewußter Wunsch aus anderen (etwa somatischen)
Gründen rege geworden ist und ohne Entgegenkommen eine Übertragung auf
die vom ~Vbw~ nicht besetzten psychischen Reste sucht. Alle drei Fälle
treffen endlich in einem Ergebnis zusammen, daß ein Gedankenzug im
Vorbewußten zu stande kommt, der von der vorbewußten Besetzung
verlassen, vom unbewußten Wunsche her Besetzung gefunden hat.
Die abnormen Vorgänge bei der Traumarbeit.
Von da an erleidet der Gedankenzug eine Reihe von Umwandlungen, die wir
nicht mehr als normale psychische Vorgänge anerkennen, und die ein uns
befremdendes Resultat, eine psychopathologische Bildung, ergeben. Wir
wollen dieselben herausheben und zusammenstellen:
1. Die Intensitäten der einzelnen Vorstellungen werden nach ihrem ganzen
Betrage abflußfähig und übergehen von einer Vorstellung auf die andere,
so daß einzelne mit großer Intensität versehene Vorstellungen gebildet
werden. Indem sich dieser Vorgang mehrmals wiederholt, kann die
Intensität eines ganzen Gedankenzuges schließlich in einem einzigen
Vorstellungselement gesammelt sein. Dies ist die Tatsache der
_Kompression_ oder _Verdichtung_, die wir während der Traumarbeit kennen
gelernt haben. Sie trägt die Hauptschuld an dem befremdenden Eindruck
des Traumes, denn etwas ihr Analoges ist uns aus dem normalen und dem
Bewußtsein zugänglichen Seelenleben ganz unbekannt. Wir haben auch hier
Vorstellungen, die als Knotenpunkte oder als Endergebnisse ganzer
Gedankenketten eine große psychische Bedeutung besitzen, aber diese
Wertigkeit äußert sich in keinem für die innere Wahrnehmung
_sinnfälligen_ Charakter; das in ihr Vorgestellte wird darum in keiner
Weise intensiver. Im Verdichtungsvorgang setzt sich aller psychische
Zusammenhang in die _Intensität_ des Vorstellungsinhaltes um. Es ist der
nämliche Fall, wie wenn ich in einem Buche ein Wort, dem ich einen
überragenden Wert für die Auffassung des Textes beilege, gesperrt oder
fett drucken lasse. In der Rede würde ich dasselbe Wort laut und langsam
sprechen und nachdrücklich betonen. Das erstere Gleichnis führt
unmittelbar zu einem der Traumarbeit entlehnten Beispiele
(_Trimethylamin_ im Traume von Irmas Injektion). Die Kunsthistoriker
machen uns darauf aufmerksam, daß die ältesten historischen Skulpturen
ein ähnliches Prinzip befolgen, indem sie die Ranggröße der
dargestellten Personen durch die Bildgröße zum Ausdruck bringen. Der
König wird zwei- oder dreimal so groß gebildet als sein Gefolge oder der
überwundene Feind. Ein Bildwerk aus der Römerzeit wird sich zu demselben
Zwecke feinerer Mittel bedienen. Es wird die Figur des Imperators in die
Mitte stellen, ihn hoch aufgerichtet zeigen, besondere Sorgfalt auf die
Durchbildung seiner Gestalt verwenden, die Feinde zu seinen Füßen legen,
ihn aber nicht mehr als Riesen unter Zwergen erscheinen lassen. Indes
ist die Verbeugung des Untergebenen vor seinem Vorgesetzten in unserer
Mitte noch heute ein Nachklang jenes alten Darstellungsprinzips.
Die Richtung, nach welcher die Verdichtungen des Traumes fortschreiten,
ist einerseits durch die korrekten vorbewußten Relationen der
Traumgedanken, anderseits durch die Anziehung der visuellen Erinnerungen
im Unbewußten vorgeschrieben. Der Erfolg der Verdichtungsarbeit erzielt
jene Intensitäten, die zum Durchbruche gegen die Wahrnehmungssysteme
erfordert werden.
2. Es werden wiederum durch freie Übertragbarkeit der Intensitäten und
im Dienste der Verdichtung _Mittelvorstellungen_ gebildet, Kompromisse
gleichsam (vgl. die zahlreichen Beispiele). Gleichfalls etwas Unerhörtes
im normalen Vorstellungsablauf, bei dem es vor allem auf die Auswahl und
Festhaltung des »richtigen« Vorstellungselementes ankommt. Dagegen
ereignen sich Misch- wie Kompromißbildungen außerordentlich häufig, wenn
wir für die vorbewußten Gedanken den sprachlichen Ausdruck suchen, und
werden als Arten des »Versprechens« angeführt.
3. Die Vorstellungen, die einander ihre Intensitäten übertragen, stehen
in den _lockersten Beziehungen_ zueinander und sind durch solche Arten
von Assoziationen verknüpft, welche von unserem Denken verschmäht und
nur dem witzigen Effekt zur Ausnutzung überlassen werden. Insbesondere
gelten Gleichklangs- und Wortlautassoziationen als den anderen
gleichwertig.
4. Einander widersprechende Gedanken streben nicht danach, einander
aufzuheben, sondern bestehen nebeneinander, setzen sich oft, _als ob
kein Widerspruch_ bestünde, zu Verdichtungsprodukten zusammen oder
bilden Kompromisse, die wir unserem Denken nie verzeihen würden, in
unserem Handeln aber oft gutheißen.
Dies wären einige der auffälligsten abnormen Vorgänge, denen im Laufe
der Traumarbeit die vorher rationell gebildeten Traumgedanken unterzogen
werden. Man erkennt als den Hauptcharakter derselben, daß aller Wert
darauf gelegt wird, die besetzende Energie beweglich und _abfuhrfähig_
zu machen; der Inhalt und die eigene Bedeutung der psychischen Elemente,
an denen diese Besetzungen haften, wird zur Nebensache. Man könnte noch
meinen, die Verdichtung und Kompromißbildung geschehe nur im Dienste der
Regression, wenn es sich darum handelt, Gedanken in Bilder zu
verwandeln. Allein die Analyse -- und noch deutlicher -- die Synthese
solcher Träume, die der Regression auf Bilder entbehren, z. B. des
Traumes »Autodidasker -- Gespräch mit Hofrat N.«, ergeben die nämlichen
Verschiebungs- und Verdichtungsvorgänge wie die anderen.
So können wir uns also der Einsicht nicht verschließen, daß an der
Traumbildung zweierlei wesensverschiedene psychische Vorgänge beteiligt
sind; der eine schafft vollkommen korrekte, dem normalen Denken
gleichwertige Traumgedanken; der andere verfährt mit denselben auf eine
höchst befremdende, inkorrekte Weise. Den letzteren haben wir schon im
Abschnitt VI als die eigentliche Traumarbeit abgesondert. Was haben wir
nun zur Ableitung dieses letzteren psychischen Vorganges vorzubringen?
Die nämlichen abnormen Vorgänge bei den Neurosen.
Wir könnten hier eine Antwort nicht geben, wenn wir nicht ein Stück weit
in die Psychologie der Neurosen, speziell der Hysterie, eingedrungen
wären. Aus dieser aber erfahren wir, daß die nämlichen inkorrekten
psychischen Vorgänge -- und noch andere nicht aufgezählte -- die
Herstellung der hysterischen Symptome beherrschen. Auch bei der Hysterie
finden wir zunächst eine Reihe von völlig korrekten, unseren bewußten
ganz gleichwertigen Gedanken, von deren Existenz in dieser Form wir aber
nichts erfahren können, die wir erst nachträglich rekonstruieren. Wenn
sie irgendwo zu unserer Wahrnehmung durchgedrungen sind, so ersehen wir
aus der Analyse des gebildeten Symptoms, daß diese normalen Gedanken
eine abnorme Behandlung erlitten haben und _mittels Verdichtung,
Kompromißbildung, über oberflächliche Assoziationen, unter Deckung der
Widersprüche, eventuell auf dem Wege der Regression in das Symptom
übergeführt worden sind_. Bei der vollen Identität zwischen den
Eigentümlichkeiten der Traumarbeit und der psychischen Tätigkeit, welche
in die psychoneurotischen Symptome ausläuft, werden wir uns für
berechtigt halten, die Schlüsse, zu denen uns die Hysterie nötigt, auf
den Traum zu übertragen.
Aus der Lehre von der Hysterie entnehmen wir den Satz, _daß solche
abnorme psychische Bearbeitung eines normalen Gedankenzuges nur dann
vorkommt, wenn dieser zur Übertragung eines unbewußten Wunsches geworden
ist, der aus dem Infantilen stammt und sich in der Verdrängung
befindet_. Diesem Satze zuliebe haben wir die Theorie des Traumes auf
die Annahme gebaut, daß der treibende Traumwunsch allemal aus dem
Unbewußten stammt, was, wie wir selbst zugestanden, sich nicht allgemein
nachweisen, wenn auch nicht zurückweisen läßt. Um aber sagen zu können,
was die »_Verdrängung_« ist, mit deren Namen wir schon so oft gespielt
haben, müssen wir ein Stück an unserem psychologischen Gerüste
weiterbauen.
Wir hatten uns in die Fiktion eines primitiven psychischen Apparates
vertieft, dessen Arbeit durch das Bestreben geregelt wird, Anhäufung von
Erregung zu vermeiden und sich möglichst erregungslos zu erhalten. Er
war darum nach dem Schema eines Reflexapparates gebaut; die Motilität,
zunächst der Weg zur inneren Veränderung des Körpers, war die ihm zu
Gebote stehende Abfuhrbahn. Wir erörterten dann die psychischen Folgen
eines Befriedigungserlebnisses und hätten dabei schon die zweite Annahme
einfügen können, daß Anhäufung der Erregung -- nach gewissen uns nicht
bekümmernden Modalitäten -- als Unlust empfunden wird und den Apparat in
Tätigkeit versetzt, um das Befriedigungserlebnis, bei dem die
Verringerung der Erregung als Lust verspürt wird, wieder herbeizuführen.
Eine solche, von der Unlust ausgehende, auf die Lust zielende Strömung
im Apparat heißen wir einen Wunsch; wir haben gesagt, nichts anderes als
ein Wunsch sei im stande, den Apparat in Bewegung zu bringen, und der
Ablauf der Erregung in ihm werde automatisch durch die Wahrnehmungen von
Lust und Unlust geregelt. Das erste Wünschen dürfte ein
halluzinatorisches Besetzen der Befriedigungserinnerung gewesen sein.
Diese Halluzination erwies sich aber, wenn sie nicht bis zur Erschöpfung
festgehalten werden sollte, als untüchtig, das Aufhören des
Bedürfnisses, also die mit der Befriedigung verbundene Lust,
herbeizuführen.
Es wurde so eine zweite Tätigkeit -- in unserer Ausdrucksweise die
Tätigkeit eines zweiten Systems -- notwendig, welche nicht gestattete,
daß die Erinnerungsbesetzung zur Wahrnehmung vordringe und von dort aus
die psychischen Kräfte binde, sondern die vom Bedürfnisreiz ausgehende
Erregung auf einen Umweg leite, der endlich über die willkürliche
Motilität die Außenwelt so verändert, daß die reale Wahrnehmung des
Befriedigungsobjektes eintreten kann. So weit haben wir das Schema des
psychischen Apparates bereits verfolgt; die beiden Systeme sind der Keim
zu dem, was wir als ~Ubw~ und ~Vbw~ in den voll ausgebildeten Apparat
einsetzen.
Um die Außenwelt zweckmäßig durch die Motilität verändern zu können,
bedarf es der Anhäufung einer großen Summe von Erfahrungen in den
Erinnerungssystemen und einer mannigfachen Fixierung der Beziehungen,
die durch verschiedene Zielvorstellungen in diesem Erinnerungsmaterial
hervorgerufen werden. Wir gehen nun in unseren Annahmen weiter. Die
vielfach tastende, Besetzungen aussendende und wieder einziehende
Tätigkeit des zweiten Systems bedarf einerseits der freien Verfügung
über alles Erinnerungsmaterial; anderseits wäre es überflüssiger
Aufwand, wenn sie große Besetzungsquantitäten auf die einzelnen Denkwege
schickte, die dann unzweckmäßig abströmen und die für die Veränderung
der Außenwelt notwendige Quantität verringern würden. Der Zweckmäßigkeit
zuliebe postuliere ich also, daß es dem zweiten System gelingt, die
Energiebesetzung zum größeren Anteil in Ruhe zu erhalten und nur einen
kleineren Teil zur Verschiebung zu verwenden. Die Mechanik dieser
Vorgänge ist mir ganz unbekannt; wer mit diesen Vorstellungen Ernst
machen wollte, müßte die physikalischen Analogien heraussuchen und sich
einen Weg zur Veranschaulichung des Bewegungsvorganges bei der
Neuronerregung bahnen. Ich halte nur an der Vorstellung fest, daß die
Tätigkeit des ersten Ψ-Systems _auf freies Abströmen der
Erregungsquantitäten_ gerichtet ist, und daß das zweite System durch die
von ihm ausgehenden Besetzungen eine _Hemmung_ dieses Abströmens, eine
_Verwandlung in ruhende Besetzung, wohl unter Niveauerhöhung_,
herbeiführt. Ich nehme also an, daß der Ablauf der Erregung unter der
Herrschaft des zweiten Systems an ganz andere mechanische Verhältnisse
geknüpft wird als unter der Herrschaft des ersten. Hat das zweite System
seine probende Denkarbeit beendigt, so hebt es auch die Hemmung und
Stauung der Erregungen auf und läßt dieselben zur Motilität abfließen.
Es ergibt sich nun eine interessante Gedankenfolge, wenn man die
Beziehungen dieser Abflußhemmung durch das zweite System zur Regulierung
durch das Unlustprinzip ins Auge faßt. Suchen wir uns das Gegenstück zum
primären Befriedigungserlebnis auf, das _äußere Schreckerlebnis_. Es
wirke ein Wahrnehmungsreiz auf den primitiven Apparat ein, der die
Quelle einer Schmerzerregung ist. Es werden dann solange ungeordnete
motorische Äußerungen erfolgen, bis eine derselben den Apparat der
Wahrnehmung und gleichzeitig dem Schmerze entzieht, und diese wird bei
Wiederauftreten der Wahrnehmung sofort wiederholt werden (etwa als
Fluchtbewegung), bis die Wahrnehmung wieder verschwunden ist. Es wird
aber hier keine Neigung übrig bleiben, die Wahrnehmung der Schmerzquelle
halluzinatorisch oder anderswie wieder zu besetzen. Vielmehr wird im
primären Apparat die Neigung bestehen, dies peinliche Erinnerungsbild
sofort, wenn es irgendwie geweckt wird, wieder zu verlassen, weil ja das
Überfließen seiner Erregung auf die Wahrnehmung Unlust hervorrufen würde
(genauer: hervorzurufen beginnt). Die Abwendung von der Erinnerung, die
nur eine Wiederholung der einstigen Flucht vor der Wahrnehmung ist, wird
auch dadurch erleichtert, daß die Erinnerung nicht wie die Wahrnehmung
genug Qualität besitzt, um das Bewußtsein zu erregen und hiedurch neue
Besetzung an sich zu ziehen. Diese mühelos und regelmäßig erfolgende
Abwendung des psychischen Vorganges von der Erinnerung des einst
Peinlichen gibt uns das Vorbild und das erste Beispiel der _psychischen
Verdrängung_. Es ist allgemein bekannt, wie viel von dieser Abwendung
vom Peinlichen, von der Taktik des Vogels Strauß, noch im normalen
Seelenleben des Erwachsenen nachweisbar geblieben ist.
Primär- und Sekundärvorgang.
Zufolge des Unlustprinzipes ist das erste Ψ-System also überhaupt
unfähig, etwas Unangenehmes in den Denkzusammenhang zu ziehen. Das
System kann nichts anderes als wünschen. Bliebe es so, so wäre die
Denkarbeit des zweiten Systems gehindert, welches die Verfügung über
alle in der Erfahrung niedergelegten Erinnerungen braucht. Es eröffnen
sich nun zwei Wege; entweder macht sich die Arbeit des zweiten Systems
vom Unlustprinzip völlig frei, setzt ihren Weg fort, ohne sich um die
Erinnerungsunlust zu kümmern; oder sie versteht es, die Unlusterinnerung
in solcher Weise zu besetzen, daß die Unlustentbindung dabei vermieden
wird. Wir können die erste Möglichkeit zurückweisen, denn das
Unlustprinzip zeigt sich auch als Regulator für den Erregungsablauf des
zweiten Systems; somit werden wir auf die zweite gewiesen, daß dies
System eine Erinnerung so besetzt, daß der Abfluß von ihr gehemmt wird,
also auch der einer motorischen Innervation vergleichbare Abfluß zur
Entwicklung der Unlust. Zur Hypothese, daß die Besetzung durch das
zweite System gleichzeitig eine Hemmung für den Abfluß der Erregung
darstellt, werden wir also von zwei Ausgangspunkten her geleitet, von
der Rücksicht auf das Unlustprinzip und von dem Prinzip des kleinsten
Innervationsaufwandes. Halten wir aber daran fest -- es ist der
Schlüssel zur Verdrängungslehre --, _daß das zweite System nur dann eine
Vorstellung besetzen kann, wenn es im stande ist, die von ihr ausgehende
Unlustentwicklung zu hemmen_. Was sich etwa dieser Hemmung entzöge,
bliebe auch für das zweite System unzugänglich, würde dem Unlustprinzip
zufolge alsbald verlassen werden. Die Hemmung der Unlust braucht indes
keine vollständige zu sein; ein Beginn derselben muß zugelassen werden,
da es dem zweiten System die Natur der Erinnerung und etwa deren
mangelnde Eignung für den vom Denken gesuchten Zweck anzeigt.
Den psychischen Vorgang, welchen das erste System allein zuläßt, werde
ich jetzt _Primärvorgang_ nennen; den, der sich unter der Hemmung des
zweiten ergibt, _Sekundärvorgang_. Ich kann noch an einem anderen Punkte
zeigen, zu welchem Zwecke das zweite System den Primärvorgang
korrigieren muß. Der Primärvorgang strebt nach Abfuhr der Erregung, um
mit der so gesammelten Erregungsgröße eine _Wahrnehmungsidentität_
herzustellen; der Sekundärvorgang hat diese Absicht verlassen und an
ihrer Statt die andere aufgenommen, eine _Denkidentität_ zu erzielen.
Das ganze Denken ist nur ein Umweg von der als Zielvorstellung
genommenen Befriedigungserinnerung bis zur identischen Besetzung
derselben Erinnerung, die auf dem Wege über die motorischen Erfahrungen
wieder erreicht werden soll. Das Denken muß sich für die Verbindungswege
zwischen den Vorstellungen interessieren, ohne sich durch die
Intensitäten derselben beirren zu lassen. Es ist aber klar, daß die
Verdichtungen von Vorstellungen, Mittel- und Kompromißbildungen in der
Erreichung dieses Identitätszieles hinderlich sind; indem sie die eine
Vorstellung für die andere setzen, lenken sie vom Wege ab, der von der
ersteren weitergeführt hatte. Solche Vorgänge werden also im sekundären
Denken sorgfältig vermieden. Es ist auch nicht schwer zu übersehen, daß
das Unlustprinzip dem Denkvorgang, welchem es sonst die wichtigsten
Anhaltspunkte bietet, auch Schwierigkeiten in der Verfolgung der
Denkidentität in den Weg legt. Die Tendenz des Denkens muß also dahin
gehen, sich von der ausschließlichen Regulierung durch das Unlustprinzip
immer mehr zu befreien und die Affektentwicklung durch die Denkarbeit
auf ein Mindestes, das noch als Signal verwertbar ist, einzuschränken.
Durch eine neuerliche Überbesetzung, die das Bewußtsein vermittelt, soll
diese Verfeinerung der Leistung erzielt werden. Wir wissen aber, daß
diese selbst im normalsten Seelenleben selten vollständig gelingt, und
daß unser Denken der Fälschung durch die Einmengung des Unlustprinzips
immer zugänglich bleibt.
Aber nicht dies ist die Lücke in der Funktionstüchtigkeit unseres
seelischen Apparates, durch welche es möglich wird, daß Gedanken, die
sich als Ergebnisse der sekundären Denkarbeit darstellen, dem primären
psychischen Vorgang verfallen, mit welcher Formel wir jetzt die zum
Traume und zu den hysterischen Symptomen führende Arbeit beschreiben
können. Der Fall von Unzulänglichkeit ergibt sich durch das
Zusammentreffen zweier Momente aus unserer Entwicklungsgeschichte, von
denen das eine ganz dem seelischen Apparat anheimfällt und einen
maßgebenden Einfluß auf das Verhältnis der beiden Systeme ausgeübt hat,
das andere aber im wechselnden Betrage zur Geltung kommt und Triebkräfte
organischer Herkunft ins Seelenleben einführt. Beide stammen aus dem
Kinderleben und sind ein Niederschlag der Veränderung, die unser
seelischer und somatischer Organismus seit den infantilen Zeiten
erfahren hat.
Wenn ich den einen psychischen Vorgang im Seelenapparat den _primären_
benannt habe, so tat ich dies nicht allein mit Rücksicht auf die
Rangordnung und Leistungsfähigkeit, sondern durfte auch die zeitlichen
Verhältnisse bei der Namengebung mitsprechen lassen. Ein psychischer
Apparat, der nur den Primärvorgang besäße, existiert zwar unseres
Wissens nicht und ist insofern eine theoretische Fiktion; aber so viel
ist tatsächlich, daß die Primärvorgänge in ihm von Anfang an gegeben
sind, während die sekundären erst allmählich im Laufe des Lebens sich
ausbilden, die primären hemmen und überlagern und ihre volle Herrschaft
über sie vielleicht erst mit der Lebenshöhe erreichen. Infolge dieses
verspäteten Eintreffens der sekundären Vorgänge bleibt der Kern unseres
Wesens, aus unbewußten Wunschregungen bestehend, unfaßbar und unhemmbar
für das Vorbewußte, dessen Rolle ein für allemal darauf beschränkt wird,
den aus dem Unbewußten stammenden Wunschregungen die zweckmäßigsten Wege
anzuweisen. Diese unbewußten Wünsche stellen für alle späteren
seelischen Bestrebungen einen Zwang dar, dem sie sich zu fügen haben,
den etwa abzuleiten und auf höherstehende Ziele zu lenken sie sich
bemühen dürfen. Ein großes Gebiet des Erinnerungsmaterials bleibt auch
infolge dieser Verspätung der vorbewußten Besetzung unzugänglich.
Die Verdrängung.
Unter diesen aus dem Infantilen stammenden, unzerstörbaren und
unhemmbaren Wunschregungen befinden sich nun auch solche, deren
Erfüllung in das Verhältnis des Widerspruches zu den Zielvorstellungen
des sekundären Denkens getreten sind. Die Erfüllung dieser Wünsche würde
nicht mehr einen Lust-, sondern einen Unlustaffekt hervorrufen, _und
eben diese Affektverwandlung macht das Wesen dessen aus, was wir als
»Verdrängung« bezeichnen und worin wir die infantile Vorstufe der
Verurteilung (der Verwerfung durch das Urteilen) erkennen_. Auf welchem
Wege, durch welche Triebkräfte eine solche Verwandlung vor sich gehen
kann, darin besteht das Problem der Verdrängung, das wir hier nur zu
streifen brauchen. Es genügt uns festzuhalten, daß eine solche
Affektverwandlung im Laufe der Entwicklung vorkommt (man denke nur an
das Auftreten des anfänglich fehlenden Ekels im Kinderleben), und daß
sie an die Tätigkeit des sekundären Systems geknüpft ist. Die
Erinnerungen, von denen aus der unbewußte Wunsch die Affektentbindung
hervorruft, waren dem ~Vbw~ niemals zugänglich; darum ist deren
Affektentbindung auch nicht zu hemmen. Eben wegen dieser
Affektentwicklung sind diese Vorstellungen jetzt auch nicht von den
vorbewußten Gedanken her zugänglich, auf die sie ihre Wunschkraft
übertragen haben. Vielmehr tritt das Unlustprinzip in Kraft und
veranlaßt, daß das ~Vbw~ sich von diesen Übertragungsgedanken abwendet.
Dieselben werden sich selbst überlassen, »verdrängt«, und somit wird das
Vorhandensein eines infantilen, dem ~Vbw~ von Anfang an entzogenen
Erinnerungsschatzes zur Vorbedingung der Verdrängung.
Im günstigsten Falle nimmt die Unlustentwicklung ein Ende, sowie den
Übertragungsgedanken im ~Vbw~ die Besetzung entzogen ist, und dieser
Erfolg kennzeichnet das Eingreifen des Unlustprinzips als zweckmäßig.
Anders aber, wenn der verdrängte unbewußte Wunsch eine organische
Verstärkung erfährt, die er seinen Übertragungsgedanken leihen, wodurch
er sie in den Stand setzen kann, mit ihrer Erregung den Versuch zum
Durchdringen zu machen, auch wenn sie von der Besetzung des ~Vbw~
verlassen worden sind. Es kommt dann zum Abwehrkampfe, indem das ~Vbw~
den Gegensatz gegen die verdrängten Gedanken verstärkt, und in weiterer
Folge zum Durchdringen der Übertragungsgedanken, welche Träger des
unbewußten Wunsches sind, in irgend einer Form von Kompromiß durch
Symptombildung. Von dem Moment aber, da die verdrängten Gedanken von der
unbewußten Wunscherregung kräftig besetzt, von der vorbewußten Besetzung
dagegen verlassen sind, unterliegen sie dem primären psychischen
Vorgang, zielen sie nur auf motorische Abfuhr oder, wenn der Weg frei
ist, auf halluzinatorische Belebung der gewünschten Wahrnehmungsidentität.
Wir haben früher empirisch gefunden, daß die beschriebenen
inkorrekten Vorgänge sich nur mit Gedanken abspielen, die
in der Verdrängung stehen. Wir erfassen jetzt ein weiteres Stück des
Zusammenhanges. Diese inkorrekten Vorgänge sind die im psychischen
Apparat _primären_; _sie treten überall dort ein, wo Vorstellungen von
der vorbewußten Besetzung verlassen, sich selbst überlassen werden und
sich mit der ungehemmten, nach Abfluß strebenden Energie vom Unbewußten
her erfüllen können_. Einige andere Beobachtungen kommen hinzu, die
Auffassung zu stützen, daß diese inkorrekt genannten Vorgänge nicht
wirklich Fälschungen der normalen Denkfehler sind, sondern die von einer
Hemmung befreiten Arbeitsweisen des psychischen Apparates. So sehen wir,
daß die Überleitung der vorbewußten Erregung auf die Motilität nach
denselben Vorgängen geschieht, und daß die Verknüpfung der unbewußten
Vorstellungen mit Worten leicht die nämlichen, der Unaufmerksamkeit
zugeschriebenen Verschiebungen und Vermengungen zeigt. Endlich möchte
sich ein Beweis für den Arbeitszuwachs, der bei der Hemmung dieser
primären Verlaufsweisen notwendig wird, aus der Tatsache ergeben, daß
wir einen _komischen_ Effekt, einen durch _Lachen_ abzuführenden
Überschuß erzielen, _wenn wir diese Verlaufsweisen des Denkens zum
Bewußtsein vordringen lassen_.
Die abnormen Vorgänge sind die primitiven.
Die Theorie der Psychoneurosen behauptet mit ausschließender Sicherheit,
daß es nur sexuelle Wunschregungen aus dem Infantilen sein können,
welche in den Entwicklungsperioden der Kindheit die Verdrängung
(Affektverwandlung) erfahren haben, in späteren Entwicklungsperioden
dann einer Erneuerung fähig sind, sei es infolge der sexuellen
Konstitution, die sich ja aus der ursprünglichen Bisexualität
herausbildet, sei es infolge ungünstiger Einflüsse des sexuellen Lebens,
und die somit die Triebkräfte für alle psychoneurotische Symptombildung
abgeben. Nur durch die Einführung dieser sexuellen Kräfte sind die in
der Theorie der Verdrängung noch aufweisbaren Lücken zu schließen. Ich
will es dahingestellt sein lassen, ob die Forderung des Sexuellen und
Infantilen auch für die Theorie des Traumes erhoben werden darf; ich
lasse diese hier unvollendet, weil ich schon durch die Annahme, der
Traumwunsch stamme jedesmal aus dem Unbewußten, einen Schritt weit über
das Beweisbare hinausgegangen bin(245). Ich will auch nicht weiter
untersuchen, worin der Unterschied im Spiele der psychischen Kräfte bei
der Traumbildung und bei der Bildung der hysterischen Symptome gelegen
ist; es fehlt uns ja hiezu die genauere Kenntnis des einen der in
Vergleich zu bringenden Glieder. Aber auf einen anderen Punkt lege ich
Wert und schicke das Bekenntnis voraus, daß ich nur dieses Punktes wegen
all die Erörterungen über die beiden psychischen Systeme, ihre
Arbeitsweisen und die Verdrängung hier aufgenommen habe. Es kommt jetzt
nämlich nicht darauf an, ob ich die in Rede stehenden psychologischen
Verhältnisse annähernd richtig oder, wie bei so schwierigen Dingen
leicht möglich, schief und lückenhaft aufgefaßt habe. Wie immer die
Deutung der psychischen Zensur, der korrekten und der abnormen
Bearbeitung des Trauminhaltes sich verändern mag, es bleibt gültig, daß
solche Vorgänge bei der Traumbildung wirksam sind, und daß sie im
Wesentlichen die größte Analogie mit den bei der hysterischen
Symptombildung erkannten Vorgängen zeigen. Nun ist der Traum kein
pathologisches Phänomen; er hat keine Störung des psychischen
Gleichgewichtes zur Voraussetzung; er hinterläßt keine Schwächung der
Leistungsfähigkeit. Der Einwand, daß meine Träume und die meiner
neurotischen Patienten nicht auf die Träume gesunder Menschen schließen
lassen, dürfte wohl ohne Würdigung abzuweisen sein. Wenn wir also aus
den Phänomenen auf deren Triebkräfte schließen, so erkennen wir, daß der
psychische Mechanismus, dessen sich die Neurose bedient, nicht erst
durch eine das Seelenleben ergreifende krankhafte Störung geschaffen
wird, sondern in dem normalen Aufbau des seelischen Apparates bereit
liegt. Die beiden psychischen Systeme, die Übergangszensur zwischen
ihnen, die Hemmung und Überlagerung der einen Tätigkeit durch die
andere, die Beziehungen beider zum Bewußtsein -- oder was eine
richtigere Deutung der tatsächlichen Verhältnisse an deren Statt ergeben
mag; -- das alles gehört zum normalen Aufbau unseres Seeleninstrumentes,
und der Traum zeigt uns einen der Wege, die zur Kenntnis der Struktur
desselben führen. Wenn wir uns mit einem Minimum von völlig gesichertem
Erkenntniszuwachs begnügen wollen, so werden wir sagen, der Traum
beweist uns, _daß das Unterdrückte auch beim normalen Menschen
fortbesteht und psychischer Leistungen fähig bleibt_. Der Traum ist
selbst eine der Äußerungen dieses Unterdrückten; nach der Theorie ist er
es in allen Fällen, nach der greifbaren Erfahrung wenigstens in einer
großen Anzahl, welche die auffälligen Charaktere des Traumlebens gerade
am deutlichsten zur Schau trägt. Das seelisch Unterdrückte, welches im
Wachleben durch die _gegensätzliche Erledigung der Widersprüche_ am
Ausdruck gehindert und von der inneren Wahrnehmung abgeschnitten wurde,
findet im Nachtleben und unter der Herrschaft der Kompromißbildungen
Mittel und Wege, sich dem Bewußtsein aufzudrängen.
(245) Es sind hier wie an anderen Stellen Lücken in der Bearbeitung
des Themas, die ich absichtlich belassen habe, weil deren Ausfüllung
einerseits einen zu großen Aufwand, anderseits die Anlehnung an ein
dem Traume fremdes Material erfordern würde. So habe ich es z. B.
vermieden anzugeben, ob ich mit dem Worte »unterdrückt« einen anderen
Sinn verbinde als mit dem Worte »verdrängt«. Es dürfte nur klar
geworden sein, daß letzteres die Zugehörigkeit zum Unbewußten stärker
als das erstere betont. Ich bin auf das naheliegende Problem nicht
eingegangen, warum die Traumgedanken die Entstellung durch die Zensur
auch für den Fall erfahren, daß sie auf die progrediente Fortsetzung
zum Bewußtsein verzichten und sich für den Weg der Regression
entscheiden, u. dgl. Unterlassungen mehr. Es kam mir vor allem darauf
an, einen Eindruck von den Problemen zu erwecken, zu denen die weitere
Zergliederung der Traumarbeit führt, und die anderen Themata
anzudeuten, mit denen dieses auf dem Wege zusammentrifft. Die
Entscheidung, an welcher Stelle die Verfolgung abgebrochen werden
soll, ist mir dann nicht immer leicht geworden. -- Daß ich die Rolle
des sexuellen Vorstellungslebens für den Traum nicht erschöpfend
behandelt und die Deutung von Träumen mit offenkundig sexuellem Inhalt
vermieden habe, beruht auf einer besonderen Motivierung, die sich
vielleicht mit der Erwartung der Leser nicht deckt. Es liegt gerade
meinen Anschauungen und den Lehrmeinungen, die ich in der
Neuropathologie vertrete, völlig fern, das Sexualleben als ein
Pudendum anzusehen, das weder den Arzt noch den wissenschaftlichen
Forscher zu bekümmern hat. Auch fand ich die sittliche Entrüstung
lächerlich, durch welche der Übersetzer von _Artemidoros_' »Symbolik
der Träume« sich anscheinend hatte bewegen lassen, das dort enthaltene
Kapitel über sexuelle Träume der Kenntnis der Leser zu unterschlagen,
bis ich von diesem erfuhr, daß er einer Weisung des Verlegers hatte
folgen müssen. (Seither ist dieses Kapitel übrigens im IX. Bande der
»Anthropophyteia« deutsch erschienen.) Für mich war allein die
Einsicht maßgebend, daß ich mich bei der Erklärung sexueller Träume
tief in die noch ungeklärten Probleme der Perversion und der
Bisexualität verstricken müßte, und so sparte ich mir dies Material
für einen anderen Zusammenhang.
_Flectere si nequeo Superos, Acheronta movebo_.
_Die Traumdeutung aber ist die Via regia zur Kenntnis des Unbewußten im
Seelenleben._
Indem wir der Analyse des Traumes folgen, bekommen wir ein Stück weit
Einsicht in die Zusammensetzung dieses allerwunderbarsten und
allergeheimnisvollsten Instrumentes, freilich nur ein kleines Stück
weit, aber es ist damit der Anfang gemacht, um von anderen --
pathologisch zu heißenden -- Bildungen her weiter in die Zerlegung
desselben vorzudringen. Denn die Krankheit -- wenigstens die mit Recht
funktionell genannte -- hat nicht die Zertrümmerung dieses Apparates,
die Herstellung neuer Spaltungen in seinem Innern zur Voraussetzung; sie
ist _dynamisch_ aufzuklären durch Stärkung und Schwächung der
Komponenten des Kräftespiels, von dem so viele Wirkungen während der
normalen Funktion verdeckt sind. An anderer Stelle könnte noch gezeigt
werden, wie die Zusammensetzung des Apparates aus den beiden Instanzen
eine Verfeinerung auch der normalen Leistung gestattet, die einer
einzigen unmöglich wäre(246).
(246) Der Traum ist nicht das einzige Phänomen, welches die
Psychopathologie auf die Psychologie zu begründen gestattet. In einer
kleinen, damals nicht abgeschlossenen Reihe von Aufsätzen in der
Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie (über den psychischen
Mechanismus der Vergeßlichkeit 1898 -- über Deckerinnerungen 1899)
suche ich eine Anzahl von alltäglichen psychischen Erscheinungen als
Stützen der nämlichen Erkenntnis zu deuten. Diese und weitere Aufsätze
über Vergessen, Versprechen, Vergreifen usw. sind seither als
»Psychopathologie des Alltagslebens« gesammelt erschienen (1904,
4. Aufl. 1912).
f) _Das Unbewußte und das Bewußtsein_. -- _Die Realität_.
Wenn wir genauer zusehen, ist es nicht der Bestand von zwei Systemen
nahe dem motorischen Ende des Apparates, sondern von _zweierlei
Vorgängen_ oder _Ablaufsarten der Erregung_, deren Annahme uns durch die
psychologischen Erörterungen der vorstehenden Abschnitte nahe gelegt
wurde. Es gälte uns gleich; denn unsere Hilfsvorstellungen fallen zu
lassen, müssen wir immer bereit sein, wenn wir uns in der Lage glauben,
sie durch etwas anderes zu ersetzen, was der unbekannten Wirklichkeit
besser angenähert ist. Versuchen wir es jetzt, einige Anschauungen
richtigzustellen, die sich mißverständlich bilden konnten, solange wir
die beiden Systeme im nächsten und rohesten Sinne als zwei Lokalitäten
innerhalb des seelischen Apparates im Auge hatten, Anschauungen, die
ihren Niederschlag in den Ausdrücken »verdrängen« und »durchdringen«
zurückgelassen haben. Wenn wir also sagen, ein unbewußter Gedanke strebe
nach Übersetzung ins Vorbewußte, um dann zum Bewußtsein durchzudringen,
so meinen wir nicht, daß ein zweiter an neuer Stelle gelegener Gedanke
gebildet werden soll, eine Überschrift gleichsam, neben welcher das
Original fortbesteht; und auch vom Durchdringen zum Bewußtsein wollen
wir jede Idee einer Ortsveränderung sorgfältig ablösen. Wenn wir sagen,
ein vorbewußter Gedanke wird verdrängt und dann vom Unbewußten
aufgenommen, so könnten uns diese dem Vorstellungskreise des Kampfes um
ein Terrain entlehnten Bilder zur Annahme verlocken, daß wirklich in der
einen psychischen Lokalität eine Anordnung aufgelöst und durch eine neue
in der anderen Lokalität ersetzt wird. Für diese Gleichnisse setzen wir
ein, was dem realen Sachverhalt besser zu entsprechen scheint, daß eine
Energiebesetzung auf eine bestimmte Anordnung verlegt oder von ihr
zurückgezogen wird, so daß das psychische Gebilde unter die Herrschaft
einer Instanz gerät oder ihr entzogen ist. Wir ersetzen hier wiederum
eine topische Vorstellungsweise durch eine dynamische; nicht das
psychische Gebilde erscheint uns als das Bewegliche, sondern dessen
Innervation.
Dennoch halte ich es für zweckmäßig und berechtigt, die anschauliche
Vorstellung der beiden Systeme weiter zu pflegen. Wir weichen jedem
Mißbrauche dieser Darstellungsweise aus, wenn wir uns erinnern, daß
Vorstellungen, Gedanken, psychische Gebilde im allgemeinen überhaupt
nicht in organischen Elementen des Nervensystems lokalisiert werden
dürfen, sondern sozusagen _zwischen ihnen_, wo Widerstände und Bahnungen
das ihnen entsprechende Korrelat bilden. Alles, was Gegenstand unserer
inneren Wahrnehmung werden kann, ist _virtuell_, wie das durch den Gang
der Lichtstrahlen gegebene Bild im Fernrohre. Die Systeme aber, die
selbst nichts Psychisches sind und nie unserer psychischen Wahrnehmung
zugänglich werden, sind wir berechtigt anzunehmen, gleich den Linsen des
Fernrohres, die das Bild entwerfen. In der Fortsetzung dieses
Gleichnisses entspräche die Zensur zwischen zwei Systemen der
Strahlenbrechung beim Übergange in ein neues Medium.
Die Überschätzung des Bewußtseins.
Wir haben bisher Psychologie auf eigene Faust getrieben; es ist Zeit,
sich nach den Lehrmeinungen umzusehen, welche die heutige Psychologie
beherrschen, und deren Verhältnis zu unseren Aufstellungen zu prüfen.
Die Frage des Unbewußten in der Psychologie ist nach dem kräftigen Worte
von _Lipps_(247) weniger eine psychologische Frage, als die Frage der
Psychologie. Solange die Psychologie diese Frage durch die Worterklärung
erledigte, das »Psychische« sei eben das »Bewußte« und »unbewußte
psychische Vorgänge« ein greifbarer Widersinn, blieb eine psychologische
Verwertung der Beobachtungen, welche ein Arzt an abnormen
Seelenzuständen gewinnen konnte, ausgeschlossen. Erst dann treffen der
Arzt und der Philosoph zusammen, wenn beide anerkennen, unbewußte
psychische Vorgänge seien »der zweckmäßige und wohlberechtigte Ausdruck
für eine feststehende Tatsache«. Der Arzt kann nicht anders, als die
Versicherung, »das Bewußtsein sei der unentbehrliche Charakter des
Psychischen«, mit Achselzucken zurückweisen, und etwa, wenn sein Respekt
vor den Äußerungen der Philosophen noch stark genug ist, annehmen, sie
behandelten nicht dasselbe Objekt und trieben nicht die gleiche
Wissenschaft. Denn auch nur eine einzige verständnisvolle Beobachtung
des Seelenlebens eines Neurotikers, eine einzige Traumanalyse, muß ihm
die unerschütterliche Überzeugung aufdrängen, daß die kompliziertesten
und korrektesten Denkvorgänge, denen man doch den Namen psychischer
Vorgänge nicht versagen wird, vorfallen können, ohne das Bewußtsein der
Person zu erregen(248). Gewiß erhält der Arzt von diesen unbewußten
Vorgängen nicht eher Kunde, als bis sie eine Mitteilung oder Beobachtung
zulassende Wirkung auf das Bewußtsein ausgeübt haben. Aber dieser
Bewußtseinseffekt kann einen von dem unbewußten Vorgang ganz
abweichenden psychischen Charakter zeigen, so daß die innere Wahrnehmung
unmöglich den einen als den Ersatz des anderen erkennen kann. Der Arzt
muß sich das Recht wahren, durch einen _Schlußprozeß_ vom
Bewußtseinseffekt zum unbewußten psychischen Vorgang vorzudringen; er
erfährt auf diesem Wege, daß der Bewußtseinseffekt nur eine entfernte
psychische Wirkung des unbewußten Vorganges ist, und daß letzterer nicht
als solcher bewußt geworden ist, auch daß er bestanden und gewirkt hat,
ohne sich noch dem Bewußtsein irgendwie zu verraten.
(247) »Der Begriff des Unbewußten in der Psychologie«. -- Vortrag auf
dem dritten internationalen Kongreß für Psychologie zu München 1897.
(248) Ich freue mich, auf einen Autor hinweisen zu können, der aus dem
Studium des Traumes den nämlichen Schluß über das Verhältnis der
bewußten zur unbewußten Tätigkeit gezogen hat.
_Du Prel_ sagt: »Die Frage, was die Seele ist, erheischt offenbar eine
Voruntersuchung darüber, ob Bewußtsein und Seele identisch seien.
Gerade diese Vorfrage nun wird vom Traume verneint, welcher zeigt, daß
der Begriff der Seele über den des Bewußtseins hinausragt, wie etwa
die Anziehungskraft eines Gestirnes über seine Leuchtsphäre« (Philos.
d. Mystik, p. 47).
»Es ist eine Wahrheit, die man nicht nachdrücklich genug hervorheben
kann, daß Bewußtsein und Seele nicht Begriffe von gleicher Ausdehnung
sind« (p. 306).
Die Rückkehr von der Überschätzung der Bewußtseinseigenschaft wird zur
unerläßlichen Vorbedingung für jede richtige Einsicht in den Hergang des
Psychischen. Das Unbewußte muß nach dem Ausdrucke von _Lipps_ als
allgemeine Basis des psychischen Lebens angenommen werden. Das Unbewußte
ist der größere Kreis, der den kleineren des Bewußten in sich
einschließt; alles Bewußte hat eine unbewußte Vorstufe, während das
Unbewußte auf dieser Stufe stehen bleiben und doch den vollen Wert einer
psychischen Leistung beanspruchen kann. Das Unbewußte ist das eigentlich
reale Psychische, _uns nach seiner inneren Natur so unbekannt wie das
Reale der Außenwelt, und uns durch die Daten des Bewußtseins ebenso
unvollständig gegeben wie die Außenwelt durch die Angaben unserer
Sinnesorgane_.
Wenn der alte Gegensatz von Bewußtleben und Traumleben durch die
Einsetzung des unbewußten Psychischen in die ihm gebührende Stellung
entwertet ist, so werden eine Reihe von Traumproblemen abgestreift,
welche frühere Autoren noch eingehend beschäftigt haben. So manche
Leistungen, über deren Vollziehung im Traume man sich wundern konnte,
sind nun nicht mehr dem Traume anzurechnen, sondern dem auch bei Tage
arbeitenden unbewußten Denken. Wenn der Traum mit einer symbolisierenden
Darstellung des Körpers, nach _Scherner_, zu spielen scheint, so wissen
wir, dies ist die Leistung gewisser unbewußter Phantasien, die
wahrscheinlich sexuellen Regungen nachgeben, und die nicht nur im
Traume, sondern auch in den hysterischen Phobien und anderen Symptomen
zum Ausdruck kommen. Wenn der Traum Arbeiten des Tages fortführt und
erledigt und selbst wertvolle Einfälle ans Licht fördert, so haben wir
hievon nur die Traumverkleidung abzuziehen als Leistung der Traumarbeit
und als Marke der Hilfeleistung dunkler Mächte der Seelentiefen (vgl.
den Teufel in _Tartinis_ Sonatentraum). Die intellektuelle Leistung
selbst fällt denselben Seelenkräften zu, die tagsüber alle solche
vollbringen. Wir neigen wahrscheinlich in viel zu hohem Maße zur
Überschätzung des bewußten Charakters auch der intellektuellen und
künstlerischen Produktion. Aus den Mitteilungen einiger
höchstproduktiven Menschen, wie _Goethe_ und _Helmholtz_, erfahren wir
doch eher, daß das Wesentliche und Neue ihrer Schöpfungen ihnen
einfallsartig gegeben wurde und fast fertig zu ihrer Wahrnehmung kam.
Die Mithilfe der bewußten Tätigkeit in anderen Fällen hat nichts
Befremdendes, wo eine Anstrengung aller Geisteskräfte vorlag. Aber es
ist das viel mißbrauchte Vorrecht der bewußten Tätigkeit, daß sie uns
alle anderen verdecken darf, wo immer sie mittut.
Es verlohnt sich kaum der Mühe, die historische Bedeutung der Träume als
ein besonderes Thema aufzustellen. Wo ein Häuptling etwa durch einen
Traum zu einem kühnen Unternehmen bestimmt wurde, dessen Erfolg
verändernd in die Geschichte eingegriffen hat, da ergibt sich ein neues
Problem nur so lange, als man den Traum wie eine fremde Macht anderen
vertrauteren Seelenkräften gegenüberstellt, nicht mehr, wenn man den
Traum als eine Form des Ausdruckes für Regungen betrachtet, auf denen
bei Tage ein Widerstand lastete, und die sich bei Nacht Verstärkung aus
tiefliegenden Erregungsquellen holen konnten(249). Die Achtung aber, mit
der dem Traume bei den alten Völkern begegnet wurde, ist eine auf
richtige psychologische Ahnung gegründete Huldigung vor dem
Ungebändigten und Unzerstörbaren in der Menschenseele, dem
_Dämonischen_, welches den Traumwunsch hergibt, und das wir in unserem
Unbewußten wiederfinden.
(249) Vgl. hiezu den oben p. 76 Anm. mitgeteilten Traum (Σα-τυρος)
Alexanders d. Gr. bei der Belagerung von Tyrus.
Ich sage nicht ohne Absicht, _in unserem Unbewußten_, denn was wir so
heißen, deckt sich nicht mit dem Unbewußten der Philosophen, auch nicht
mit dem Unbewußten bei _Lipps_. Dort soll es bloß den Gegensatz zu dem
Bewußten bezeichnen; daß es außer den bewußten Vorgängen auch unbewußte
psychische gibt, ist die heiß bestrittene und energisch verteidigte
Erkenntnis. Bei _Lipps_ hören wir von dem weiter reichenden Satze, daß
alles Psychische als unbewußt vorhanden ist, einiges davon dann auch als
bewußt. Aber nicht zum Erweis für _diesen_ Satz haben wir die Phänomene
des Traumes und der hysterischen Symptombildung herangezogen; die
Beobachtung des normalen Tageslebens reicht allein hin, ihn über jeden
Zweifel festzustellen. Das Neue, was uns die Analyse der
psychopathologischen Bildungen und schon ihres ersten Gliedes, der
Träume, gelehrt, besteht darin, daß das Unbewußte -- also das Psychische
-- als Funktion zweier gesonderter Systeme vorkommt und schon im
normalen Seelenleben so vorkommt. Es gibt also _zweierlei Unbewußtes_,
was wir von den Psychologen noch nicht gesondert finden. Beides ist
Unbewußtes im Sinne der Psychologie; aber in unserem ist das eine, das
wir ~Ubw~ heißen, auch _bewußtseinsunfähig_, während das andere ~Vbw~
von uns darum genannt wird, weil dessen Erregungen, zwar auch nach
Einhaltung gewisser Regeln, vielleicht erst unter Überstehung einer
neuen Zensur, aber doch ohne Rücksicht auf das ~Ubw~-System zum
Bewußtsein gelangen können. Die Tatsache, daß die Erregungen, um zum
Bewußtsein zu kommen, eine unabänderliche Reihenfolge, einen
Instanzenzug durchzumachen haben, der uns durch ihre Zensurveränderung
verraten wurde, diente uns zur Aufstellung eines Gleichnisses aus der
Räumlichkeit. Wir beschrieben die Beziehungen der beiden Systeme
zueinander und zum Bewußtsein, indem wir sagten, das System ~Vbw~ stehe
wie ein Schirm zwischen dem System ~Ubw~ und dem Bewußtsein. Das System
~Vbw~ sperre nicht nur den Zugang zum Bewußtsein, es beherrsche auch den
Zugang zur willkürlichen Motilität und verfüge über die Aussendung einer
mobilen Besetzungsenergie, von der uns ein Anteil als Aufmerksamkeit
vertraut ist(250).
(250) Vgl. hiezu meine »Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten in
der Psychoanalyse« (englisch in Proceedings of the Society for
Psychical Research, vol. XXVI), in denen die deskriptive, dynamische
und systematische Bedeutung des vieldeutigen Wortes »unbewußt«
voneinander geschieden werden.
Auch von der Unterscheidung _Ober-_ und _Unterbewußtsein_, die in der
neueren Literatur der Psychoneurosen so beliebt geworden ist, müssen wir
uns fernhalten, da gerade sie die Gleichstellung des Psychischen und des
Bewußten zu betonen scheint.
Die Funktion des Bewußtseins.
Welche Rolle verbleibt in unserer Darstellung dem einst allmächtigen,
alles andere verdeckenden Bewußtsein? Keine andere, als _die eines
Sinnesorganes zur Wahrnehmung psychischer Qualitäten_. Nach dem
Grundgedanken unseres schematischen Versuches können wir die
Bewußtseinswahrnehmung nur als die eigene Leistung eines besonderen
Systems auffassen, für welches sich die Abkürzungsbezeichnung ~Bw~
empfiehlt. Das System denken wir uns in seinen mechanischen Charakteren
ähnlich wie die Wahrnehmungssysteme ~W~, also erregbar durch Qualitäten,
und unfähig, die Spur von Veränderungen zu bewahren, also ohne
Gedächtnis. Der psychische Apparat, der mit dem Sinnesorgan der
~W~-Systeme der Außenwelt zugekehrt ist, ist selbst Außenwelt für das
Sinnesorgan des ~Bw~, dessen teleologische Rechtfertigung in diesem
Verhältnisse ruht. Das Prinzip des Instanzenzuges, welches den Bau des
Apparates zu beherrschen scheint, tritt uns hier nochmals entgegen. Das
Material an Erregungen fließt dem ~Bw~-Sinnesorgan von zwei Seiten her
zu, von dem ~W~-System her, dessen durch Qualitäten bedingte Erregung
wahrscheinlich eine neue Verarbeitung durchmacht, bis sie zur bewußten
Empfindung wird, und aus dem Innern des Apparates selbst, dessen
quantitative Vorgänge als Qualitätenreihe der Lust und Unlust empfunden
werden, wenn sie bei gewissen Veränderungen angelangt sind.
Die Philosophen, welche inne wurden, daß korrekte und hoch
zusammengesetzte Gedankenbildungen auch ohne Dazutun des Bewußtseins
möglich sind, haben es dann als Schwierigkeit erfunden, dem Bewußtsein
eine Verrichtung zuzuschreiben; es erschien ihnen als überflüssige
Spiegelung des vollendeten psychischen Vorganges. Die Analogie unseres
~Bw~-Systems mit den Wahrnehmungssystemen entreißt uns dieser
Verlegenheit. Wir sehen, daß die Wahrnehmung durch unsere Sinnesorgane
die Folge hat, eine Aufmerksamkeitsbesetzung auf die Wege zu leiten,
nach denen die ankommende Sinneserregung sich verbreitet; die
qualitative Erregung des ~W~-Systems dient der mobilen Quantität im
psychischen Apparat als Regulator ihres Ablaufes. Dieselbe Verrichtung
können wir für das überlagernde Sinnesorgan des ~Bw~-Systems in Anspruch
nehmen. Indem es neue Qualitäten wahrnimmt, leistet es einen neuen
Beitrag zur Lenkung und zweckmäßigen Verteilung der mobilen
Besetzungsquantitäten. Mittels der Lust- und Unlustwahrnehmung
beeinflußt es den Verlauf der Besetzungen innerhalb des sonst unbewußt
und durch Quantitätsverschiebungen arbeitenden psychischen Apparates. Es
ist wahrscheinlich, daß das Unlustprinzip die Verschiebungen der
Besetzung zunächst automatisch regelt; aber es ist sehr wohl möglich,
daß das Bewußtsein dieser Qualitäten eine zweite und feinere Regulierung
hinzutut, die sich sogar der ersteren widersetzen kann und die
Leistungsfähigkeit des Apparates vervollkommnet, indem sie ihn gegen
seine ursprüngliche Anlage in den Stand setzt, auch was mit
Unlustentbindung verknüpft ist, der Besetzung und Bearbeitung zu
unterziehen. Aus der Neurosenpsychologie erfährt man, daß diesen
Regulierungen durch die Qualitätserregung der Sinnesorgane eine große
Rolle bei der Funktionstätigkeit des Apparates zugedacht ist. Die
automatische Herrschaft des primären Unlustprinzips und die damit
verbundene Einschränkung der Leistungsfähigkeit wird durch die sensiblen
Regulierungen, die selbst wieder Automatismen sind, gebrochen. Man
erfährt, daß die Verdrängung, die, ursprünglich zweckmäßig, doch in
schädlichen Verzicht auf Hemmung und seelische Beherrschung ausläuft,
sich soviel leichter an Erinnerungen als an Wahrnehmungen vollzieht,
weil bei ersteren der Besetzungszuwachs durch die Erregung der
psychischen Sinnesorgane ausbleiben muß. Wenn ein abzuwehrender Gedanke
einerseits nicht bewußt wird, weil er der Verdrängung unterlegen ist, so
kann er andere Male nur darum verdrängt werden, weil er aus anderen
Gründen der Bewußtseinswahrnehmung entzogen wurde. Es sind das Winke,
deren sich die Therapie bedient, um vollzogene Verdrängungen rückgängig
zu machen.
Der Wert der Überbesetzung, welche durch den regulierenden Einfluß des
~Bw~-Sinnesorgans auf die mobile Quantität hergestellt wird, ist im
teleologischen Zusammenhang durch nichts besser dargetan als durch die
Schöpfung einer neuen Qualitätenreihe und somit einer neuen Regulierung,
welche vielleicht zu den Vorrechten des Menschen vor den Tieren gehört.
Die Denkvorgänge sind nämlich an sich qualitätslos bis auf die sie
begleitenden Lust- und Unlusterregungen, die ja als mögliche Störung des
Denkens in Schranken gehalten werden sollen. Um ihnen eine Qualität zu
verleihen, werden sie beim Menschen mit den Worterinnerungen assoziiert,
deren Qualitätsreste genügen, um die Aufmerksamkeit des Bewußtseins auf
sie zu ziehen und von ihm aus dem Denken eine neue mobile Besetzung
zuzuwenden.
Zensur und Bewußtsein.
Die ganze Mannigfaltigkeit der Bewußtseinsprobleme läßt sich erst bei
der Zergliederung der hysterischen Denkvorgänge übersehen. Man empfängt
dann den Eindruck, daß auch der Übergang vom Vorbewußten zur
Bewußtseinsbesetzung mit einer Zensur verknüpft ist, ähnlich der Zensur
zwischen ~Ubw~ und ~Vbw~. Auch diese Zensur setzt erst bei einer
gewissen quantitativen Grenze ein, so daß ihr wenig intensive
Gedankenbildungen entgehen. Alle möglichen Fälle der Abhaltung von dem
Bewußtsein sowie des Durchdringens zu demselben unter Einschränkungen,
finden sich im Rahmen der psychoneurotischen Phänomene vereinigt;
sämtlich weisen sie auf den innigen und zweiseitigen Zusammenhang
zwischen Zensur und Bewußtsein hin. Mit der Mitteilung zweier derartiger
Vorkommnisse will ich diese psychologischen Erörterungen beschließen.
Ein Konsilium im Vorjahre führt mich zu einem intelligent und unbefangen
blickenden Mädchen. Ihr Aufzug ist befremdend; wo doch sonst die
Kleidung des Weibes bis in die letzte Falte beseelt ist, trägt sie einen
Strumpf herabhängend und zwei Knöpfe der Bluse offen. Sie klagt über
Schmerzen in einem Beine und entblößt unaufgefordert eine Wade. Ihre
Hauptklage aber lautet wörtlich: _Sie hat ein Gefühl im Leibe, als ob
etwas darin stecken würde, was sich hin und her bewegt und sie durch und
durch erschüttert. Manchmal wird ihr dabei der ganze Leib wie ~steif~._
Mein mitanwesender Kollege sieht mich dabei an; er findet die Klage
nicht mißverständlich. Merkwürdig erscheint uns beiden, daß die Mutter
der Kranken sich dabei nichts denkt; sie muß sich ja wiederholt in der
Situation befunden haben, welche ihr Kind beschreibt. Das Mädchen selbst
hat keine Ahnung von dem Belang ihrer Rede, sonst würde sie dieselbe
nicht im Munde führen. Hier ist es gelungen, die Zensur so abzublenden,
daß eine sonst im Vorbewußten verbleibende Phantasie wie harmlos in der
Maske einer Klage zum Bewußtsein zugelassen wird.
Ein anderes Beispiel. Ich beginne eine psychoanalytische Behandlung mit
einem 14 jährigen Knaben, der an Tic convulsif, hysterischem Erbrechen,
Kopfschmerz u. dgl. leidet, indem ich ihm versichere, er werde nach dem
Augenschluß Bilder sehen oder Einfälle bekommen, die er mir mitteilen
soll. Er antwortet in Bildern. Der letzte Eindruck, ehe er zu mir
gekommen ist, lebt in seiner Erinnerung visuell auf. Er hatte mit seinem
Onkel ein Brettspiel gespielt und sieht jetzt das Brett vor sich. Er
erörtert verschiedene Stellungen, die günstig sind oder ungünstig, Züge,
die man nicht machen darf. Dann sieht er auf dem Brette einen Dolch
liegen, einen Gegenstand, den sein Vater besitzt, den aber seine
Phantasie auf das Brett verlegt. Dann liegt eine Sichel auf dem Brette,
dann kommt eine Sense hinzu, und jetzt tritt das Bild eines alten Bauern
auf, der das Gras vor dem entfernten heimatlichen Hause mit der Sense
mäht. Nach wenigen Tagen habe ich das Verständnis für diese
Aneinanderreihung von Bildern gewonnen. Unerfreuliche Familienverhältnisse
haben den Knaben in Aufregung gebracht. Ein harter, jähzorniger
Vater, der mit der Mutter im Unfrieden lebte, dessen Erziehungsmittel
Drohungen waren; die Scheidung des Vaters von der weichen
und zärtlichen Mutter; die Wiederverheiratung des Vaters, der
eines Tages eine junge Frau als die neue Mama nach Hause brachte. In den
ersten Tagen nachher brach die Krankheit des 14 jährigen Knaben aus. Es
ist die unterdrückte Wut gegen den Vater, die jene Bilder zu
verständlichen Anspielungen zusammengesetzt hat. Eine Reminiszenz aus
der Mythologie hat das Material gegeben. Die Sichel ist die, mit der
Zeus den Vater entmannte, die Sense und das Bild des Bauern schildern
den Kronos, den gewalttätigen Alten, der seine Kinder frißt, und an dem
Zeus so unkindlich Rache nimmt. Die Heirat des Vaters war eine
Gelegenheit, ihm die Vorwürfe und Drohungen zurückzugeben, die das Kind
früher einmal von ihm gehört hatte, weil es mit den Genitalien _spielte_
(das Brettspiel; die verbotenen Züge; der Dolch, mit dem man umbringen
kann). Hier sind es langverdrängte Erinnerungen und deren unbewußt
gebliebene Abkömmlinge, die auf dem ihnen eröffneten Umwege sich als
_scheinbar sinnlose_ Bilder ins Bewußtsein schleichen.
So würde ich also den theoretischen Wert der Beschäftigung mit dem
Traume in den Beiträgen zur psychologischen Erkenntnis und in der
Vorbereitung für das Verständnis der Psychoneurosen suchen. Wer vermag
zu ahnen, zu welcher Bedeutung sich eine gründliche Bekanntschaft mit
dem Bau und den Leistungen des Seelenapparates noch erheben kann, wenn
schon der heutige Stand unseres Wissens eine glückliche therapeutische
Beeinflussung der an sich heilbaren Formen von Psychoneurosen gestattet?
Und der praktische Wert dieser Beschäftigung, höre ich fragen, für die
Seelenkenntnis, die Aufdeckung der verborgenen Charaktereigenschaften
der einzelnen? Haben denn die unbewußten Regungen, die der Traum
offenbart, nicht den Wert von realen Mächten im Seelenleben? Ist die
ethische Bedeutung der unterdrückten Wünsche gering anzuschlagen, die,
wie sie Träume schaffen, eines Tages anderes schaffen können?
Ich fühle mich nicht berechtigt, auf diese Frage zu antworten. Meine
Gedanken haben diese Seite des Traumproblems nicht weiter verfolgt. Ich
meine nur, jedenfalls hatte der römische Kaiser Unrecht, welcher einen
Untertanen hinrichten ließ, weil dieser geträumt hatte, daß er den
Imperator ermorde. Er hätte sich zuerst darum bekümmern sollen, was
dieser Traum bedeutete; sehr wahrscheinlich war es nicht dasselbe, was
er zur Schau trug. Und selbst wenn ein Traum, der anders lautete, diese
majestätsverbrecherische Bedeutung hätte, wäre es noch am Platze, des
Wortes von _Plato_ zu gedenken, daß der Tugendhafte sich begnügt, von
dem zu träumen, was der Böse im Leben tut. Ich meine also, am besten
gibt man die Träume frei. Ob den unbewußten Wünschen _Realität_
zuzuerkennen ist und in welchem Sinne, kann ich kurzerhand nicht sagen.
Allen Übergangs- und Zwischengedanken ist sie natürlich abzusprechen.
Hat man die unbewußten Wünsche, auf ihren letzten und wahrsten Ausdruck
gebracht, vor sich, so muß man wohl sagen, daß die _psychische Realität_
eine besondere Existenzform ist, welche mit der _faktischen_ Realität
nicht verwechselt werden soll. Es erscheint dann ungerechtfertigt, wenn
die Menschen sich sträuben, die Verantwortung für die Immoralität ihrer
Träume zu übernehmen. Durch die Würdigung der Funktionsweise des
seelischen Apparates und die Einsicht in die Beziehung zwischen Bewußtem
und Unbewußtem wird das ethisch Anstößige unseres Traum- und
Phantasielebens meist zum Verschwinden gebracht.
»Was der Traum uns an Beziehungen zur Gegenwart (Realität) kundgetan
hat, wollen wir dann auch im Bewußtsein aufsuchen und dürfen uns nicht
wundern, wenn wir das Ungeheuer, das wir unter dem Vergrößerungsglas der
Analyse gesehen haben, dann als Infusionstierchen wiederfinden.« (H.
_Sachs_.)
Für das praktische Bedürfnis der Charakterbeurteilung des Menschen
genügt zumeist die Tat und die bewußt sich äußernde Gesinnung. Die Tat
vor allem verdient in die erste Reihe gestellt zu werden, denn viele zum
Bewußtsein durchgedrungene Impulse werden noch durch reale Mächte des
Seelenlebens vor ihrem Einmünden in die Tat aufgehoben; ja, sie begegnen
oft darum keinem psychischen Hindernis auf ihrem Wege, weil das
Unbewußte ihrer anderweitigen Verhinderung sicher ist. Es bleibt auf
alle Fälle lehrreich, den viel durchwühlten Boden kennen zu lernen, auf
dem unsere Tugenden sich stolz erheben. Die nach allen Richtungen hin
dynamisch bewegte Komplikation eines menschlichen Charakters fügt sich
höchst selten der Erledigung durch eine einfache Alternative, wie unsere
überjährte Morallehre es möchte.
Und der Wert des Traumes für die Kenntnis der Zukunft?
Daran ist natürlich nicht zu denken. So freudig man auch als
bescheidener und vorurteilsloser Forscher das Bestreben begrüßen mag,
auch die verpönten »_okkulten_« Phänomene in den Kreis der
wissenschaftlichen Untersuchung zu ziehen, man wird doch an der
Erwartung festhalten, daß diese Studien uns zwei Dinge nicht aufdrängen
werden: den Glauben an die Fortexistenz der Gestorbenen und den an die
Erkenntnis der nicht mehr berechenbaren Zukunft. Man möchte dafür
einsetzen: Für die Kenntnis der Vergangenheit. Denn aus der
Vergangenheit stammt der Traum in jedem Sinne. Zwar entbehrt auch der
alte Glaube, daß der Traum uns die Zukunft zeige, nicht völlig des
Gehaltes an Wahrheit. Indem uns der Traum einen Wunsch als erfüllt
vorstellt, führt er uns allerdings in die Zukunft; aber diese vom
Träumer für gegenwärtig genommene Zukunft ist durch den unzerstörbaren
Wunsch zum Ebenbilde jener Vergangenheit gestaltet.