III. Ein drittes Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung:

_Ich gehe mit P. durch eine Gegend, in der Häuser und Gärten vorkommen,

ins Spital. Dabei die Idee, daß ich diese Gegend schon mehrmals im

Traume gesehen habe. Ich kenne mich nicht sehr gut aus; er zeigt mir

einen Weg, der durch eine Ecke in eine Restauration führt (Saal, nicht

Garten); dort frage ich nach Frau Doni und höre, sie wohnt im

Hintergrunde in einer kleinen Kammer mit drei Kindern. Ich gehe hin und

treffe schon vorher eine undeutliche Person mit meinen zwei kleinen

Mädchen, die ich dann mit mir nehme, nachdem ich eine Weile mit ihnen

gestanden bin. Eine Art Vorwurf gegen meine Frau, daß sie sie dort

gelassen hat._

Beim Erwachen fühle ich dann große _Befriedigung_, die ich damit

motiviere, daß ich jetzt aus der Analyse erfahren werde, was es

bedeutet: _Ich habe schon davon geträumt_(169). Die Analyse lehrt mich

aber nichts darüber; sie zeigt mir nur, daß die Befriedigung zum

latenten Trauminhalt und nicht zu einem Urteile über den Traum gehört.

Es ist die _Befriedigung darüber, daß ich in meiner Ehe Kinder bekommen

habe_. P. ist eine Person, mit der ich ein Stück weit im Leben den

gleichen Weg gegangen bin, die mich dann sozial und materiell weit

überholt hat, die aber in ihrer Ehe kinderlos geblieben ist. Die beiden

Anlässe des Traumes können den Beweis durch eine vollständige Analyse

ersetzen. Tags zuvor las ich in der Zeitung die Todesanzeige einer Frau

_Dona A. .y_ (woraus ich _Doni_ mache), die im _Kindbett_ gestorben; ich

hörte von meiner Frau, daß die Verstorbene von derselben Hebamme

gepflegt worden sei wie sie selbst bei unseren beiden Jüngsten. Der Name

_Dona_ war mir aufgefallen, denn ich hatte ihn kurz vorher in einem

englischen Roman zum erstenmal gefunden. Der andere Anlaß des Traumes

ergibt sich aus dem Datum desselben; es war die Nacht vor dem

Geburtstage meines ältesten, wie es scheint, dichterisch begabten

Knaben.

(169) Ein Thema, über welches sich eine weitläufige Diskussion in den

letzten Jahrgängen der Revue philosophique angesponnen hat (Paramnesie

im Traume).

IV. Dieselbe Befriedigung verbleibt mir nach dem Erwachen aus dem

absurden Traume, daß der Vater nach seinem Tode eine politische Rolle

bei den Magyaren gespielt, und motiviert sich durch die Fortdauer der

Empfindung, die den letzten Satz des Traumes begleitete: _Ich erinnere

mich daran, daß er auf dem Totenbette Garibaldi so ähnlich gesehen, und

~freue mich darüber~, daß es doch wahr geworden ist . . . (Dazu eine

vergessene Fortsetzung.)_ Aus der Analyse kann ich nun einsetzen, was in

diese Traumlücke gehört. Es ist die Erwähnung meines zweiten Knaben, dem

ich den Vornamen einer großen historischen Persönlichkeit gegeben habe,

die mich in den Knabenjahren, besonders seit meinem Aufenthalt in

England, mächtig angezogen. Ich hatte das Jahr der Erwartung über den

Vorsatz, gerade diesen Namen zu verwenden, wenn es ein Sohn würde, und

begrüßte mit ihm _hoch befriedigt_ schon den eben Geborenen. Es ist

leicht zu merken, wie die unterdrückte Größensucht des Vaters sich in

seinen Gedanken auf die Kinder überträgt; ja man wird gern glauben, daß

dies einer der Wege ist, auf denen die im Leben notwendig gewordene

Unterdrückung derselben vor sich geht. Sein Anrecht, in den Zusammenhang

dieses Traumes aufgenommen zu werden, erwarb der Kleine dadurch, daß ihm

damals der nämliche -- beim Kinde und beim Sterbenden leicht

verzeihliche -- Unfall widerfahren war, die Wäsche zu beschmutzen.

Vergleiche hiezu die Anspielung »_Stuhlrichter_« und den Wunsch des

Traumes: Vor seinen Kindern _groß_ und _rein_ dazustehen.

V. Wenn ich nun Urteilsäußerungen, die im Traume selbst verbleiben, sich

nicht ins Wachen fortsetzen oder sich dahin verlegen, heraussuchen soll,

so werde ich's als große Erleichterung empfinden, daß ich mich hiefür

solcher Träume bedienen darf, die bereits in anderer Absicht mitgeteilt

worden sind. Der Traum von _Goethe_, der _Herrn M._ angegriffen hat,

scheint eine ganze Anzahl von Urteilsakten zu enthalten. _Ich suche mir

die zeitlichen Verhältnisse, die mir unwahrscheinlich vorkommen, ein

wenig aufzuklären._ Sieht das nicht einer kritischen Regung gegen den

Unsinn gleich, daß _Goethe_ einen jungen Mann meiner Bekanntschaft

literarisch angegriffen haben soll? »_Es kommt mir plausibel vor_, daß

er 18 Jahre alt war.« Das klingt doch ganz wie das Ergebnis einer

allerdings schwachsinnigen Berechnung; und »_Ich weiß nicht sicher,

welches Jahr wir schreiben_« wäre ein Beispiel von Unsicherheit oder

Zweifel im Traume.

Die scheinbaren Urteilsäußerungen des Traumes.

Nun weiß ich aber aus der Analyse dieses Traumes, daß diese scheinbar

erst im Traume vollzogenen Urteilsakte in ihrem Wortlaute eine andere

Auffassung zulassen, durch welche sie für die Traumdeutung unentbehrlich

werden und gleichzeitig jede Absurdität vermieden wird. Mit dem Satze:

»_Ich suche mir die zeitlichen Verhältnisse ein wenig aufzuklären_«,

setze ich mich an die Stelle meines Freundes, der wirklich die

zeitlichen Verhältnisse des Lebens aufzuklären sucht. Der Satz verliert

hiemit die Bedeutung eines Urteiles, welches sich gegen den Unsinn der

vorhergehenden Sätze sträubt. Die Einschaltung, »_die mir

unwahrscheinlich vorkommt_«, gehört zusammen mit dem späteren »_Es kommt

mir plausibel vor_«. Ungefähr mit den gleichen Worten habe ich der Dame,

die mir die Krankengeschichte ihres Bruders erzählte, erwidert: »_Es

kommt mir unwahrscheinlich vor_, daß der Ausruf »Natur, Natur«, etwas

mit _Goethe_ zu tun hatte; _es ist mir viel plausibler_, daß er die

Ihnen bekannte sexuelle Bedeutung gehabt hat.« Es ist hier allerdings

ein Urteil gefällt worden, aber nicht im Traume, sondern in der

Realität, bei einer Veranlassung, die von den Traumgedanken erinnert und

verwertet wird. Der Trauminhalt eignet sich dieses Urteil an wie irgend

ein anderes Bruchstück der Traumgedanken.

Die Zahl #18#, mit der das Urteil im Traume unsinnigerweise in

Verbindung gesetzt ist, bewahrt noch die Spur des Zusammenhanges, aus

dem das reale Urteil gerissen wurde. Endlich daß »_ich nicht sicher bin,

welches Jahr wir schreiben_«, soll nichts anderes als meine

Identifizierung mit dem Paralytiker durchsetzen, in dessen Examen sich

dieser eine Anhaltspunkt wirklich ergeben hatte.

Bei der Auflösung der scheinbaren Urteilsakte des Traumes kann man sich

an die eingangs gegebene Regel für die Ausführung der Deutungsarbeit

mahnen lassen, daß man den im Traume hergestellten Zusammenhang der

Traumbestandteile als einen unwesentlichen Schein beiseite lassen und

jedes Traumelement für sich der Zurückführung unterziehen möge. Der

Traum ist ein Konglomerat, das für die Zwecke der Untersuchung wieder

zerbröckelt werden soll. Man wird aber anderseits aufmerksam gemacht,

daß sich in den Träumen eine psychische Kraft äußert, welche diesen

scheinbaren Zusammenhang herstellt, also das durch die Traumarbeit

gewonnene Material einer _sekundären Bearbeitung_ unterzieht. Wir haben

hier Äußerungen jener Macht vor uns, die wir als das vierte der bei der

Traumbildung beteiligten Momente später würdigen werden.

VI. Ich suche nach anderen Beispielen von Urteilsarbeit in den bereits

mitgeteilten Träumen. In dem absurden Traume von der Zuschrift des

Gemeinderates frage ich: _Bald darauf hast du geheiratet? Ich rechne,

daß ich ja 1856 geboren bin, was mir unmittelbar folgend vorkommt._ Das

kleidet sich ganz in die Form einer _Schlußfolge_. Der Vater hat bald

nach dem Anfall im Jahre 1851 geheiratet; ich bin ja der Älteste, 1856

geboren; also das stimmt. Wir wissen, daß dieser Schluß durch die

Wunscherfüllung verfälscht ist, daß der in den Traumgedanken herrschende

Satz lautet: _vier oder fünf Jahre, das ist kein Zeitraum, das ist nicht

zu rechnen_. Aber jedes Stück dieser Schlußfolge ist nach Inhalt wie

nach Form aus den Traumgedanken anders zu determinieren: Es ist der

Patient, über dessen Geduld der Kollege sich beschwert, der unmittelbar

nach Beendigung der Kur zu heiraten gedenkt. Die Art, wie ich mit dem

Vater im Traume verkehre, erinnert an ein _Verhör_ oder ein _Examen_,

und damit an einen Universitätslehrer, der in der Inskriptionsstunde ein

vollständiges Nationale aufzunehmen pflegte. Geboren, wann? 1856. --

Patre? Darauf sagte man den Vornamen des Vaters mit lateinischer Endung,

und wir Studenten nahmen an, der Hofrat ziehe aus dem Vornamen des

Vaters _Schlüsse_, die ihm der Vorname des Inskribierten nicht jedesmal

gestattet hätte. Somit wäre das _Schlußziehen_ des Traumes nur die

Wiederholung des _Schlußziehens_, das als ein Stück Material in den

Traumgedanken auftritt. Wir erfahren hieraus etwas Neues. Wenn im

Trauminhalt ein Schluß vorkommt, so kommt er ja sicherlich aus den

Traumgedanken; in diesen mag er aber enthalten sein als ein Stück des

erinnerten Materials oder er kann als logisches Band eine Reihe von

Traumgedanken miteinander verknüpfen. In jedem Falle stellt der Schluß

im Traume einen Schluß aus den Traumgedanken dar(170).

(170) Diese Ergebnisse korrigieren in einigen Punkten meine früheren

Angaben über die Darstellung der logischen Relationen (p. 233).

Letztere beschreiben das allgemeine Verhalten der Traumarbeit,

berücksichtigen aber nicht die feinsten und sorgfältigsten Leistungen

derselben.

Die Analyse dieses Traumes wäre hier fortzusetzen. An das Verhör des

Professors reiht sich die Erinnerung an den (zu meiner Zeit lateinisch

abgefaßten) Index der Universitätsstudenten. Ferner an meinen

Studiengang. Die _fünf Jahre_, die für das medizinische Studium

vorgesehen sind, waren wiederum zu wenig für mich. Ich arbeitete

unbekümmert in weitere Jahre hinein, und im Kreise meiner Bekannten

hielt man mich für verbummelt, zweifelte man, daß ich »_fertig_« werden

würde. Da entschloß ich mich _schnell_, meine Prüfungen zu machen, und

wurde doch fertig; _trotz des Aufschubs_. Eine neue Verstärkung der

Traumgedanken, die ich meinen Kritikern trotzig entgegenhalte. »Und wenn

Ihr es auch nicht glauben wollt, weil ich mir Zeit lasse; ich werde doch

fertig, ich komme doch zum _Schluß_. Es ist schon oft so gegangen.«

Derselbe Traum enthält in seinem Anfangsstück einige Sätze, denen man

den Charakter einer Argumentation nicht gut absprechen kann. Und diese

Argumentation ist nicht einmal absurd, sie könnte ebensowohl dem wachen

Denken angehören. _Ich mache mich im Traume über die Zuschrift des

Gemeinderates lustig, denn erstens war ich 1851 noch nicht auf der Welt,

zweitens ist mein Vater, auf den sie sich beziehen kann, schon tot._

Beides ist nicht nur an sich richtig, sondern deckt sich auch völlig mit

den wirklichen Argumenten, die ich im Falle einer derartigen Zuschrift

in Anwendung bringen würde. Wir wissen aus der früheren Analyse

(p. 310 f.), daß dieser Traum auf dem Boden von tief erbitterten und

hohngetränkten Traumgedanken erwachsen ist; wenn wir außerdem noch die

Motive zur Zensur als recht starke annehmen dürfen, so werden wir

verstehen, daß die Traumarbeit eine _tadellose Widerlegung einer

unsinnigen Zumutung_ nach dem in den Traumgedanken enthaltenen Vorbild

zu schaffen allen Anlaß hat. Die Analyse zeigt uns aber, daß der

Traumarbeit hier doch keine freie Nachschöpfung auferlegt worden ist,

sondern daß Material aus den Traumgedanken dazu verwendet werden mußte.

Es ist, als kämen in einer algebraischen Gleichung außer den Zahlen ein

+ und -, ein Potenz- und ein Wurzelzeichen vor, und jemand, der diese

Gleichung abschreibt, ohne sie zu verstehen, nähme die Operationszeichen

wie die Zahlen in seine Abschrift hinüber, würfe aber dann beiderlei

durcheinander. Die beiden Argumente lassen sich auf folgendes Material

zurückführen. Es ist mir peinlich, zu denken, daß manche der

Voraussetzungen, die ich meiner psychologischen Auflösung der

Psychoneurosen zu grunde lege, wenn sie erst bekannt geworden sind,

Unglauben und Gelächter hervorrufen werden. So muß ich behaupten, daß

bereits Eindrücke aus dem zweiten Lebensjahre, mitunter auch schon aus

dem ersten, eine bleibende Spur im Gemütsleben der später Kranken

zurücklassen und -- obwohl von der Erinnerung vielfach verzerrt und

übertrieben -- die erste und unterste Begründung für ein hysterisches

Symptom abgeben können. Patienten, denen ich dies an passender Stelle

auseinandersetze, pflegen die neugewonnene Aufklärung zu parodieren,

indem sie sich bereit erklären, nach Erinnerungen aus der Zeit zu

suchen, _da sie noch nicht am Leben waren_. Eine ähnliche Aufnahme

dürfte nach meiner Erwartung die Aufdeckung der ungeahnten Rolle finden,

welche bei weiblichen Kranken _der Vater_ in den frühesten sexuellen

Regungen spielt. (Vgl. die Auseinandersetzung p. 193 f.) Und doch ist

nach meiner gut begründeten Überzeugung beides wahr. Ich denke zur

Bekräftigung an einzelne Beispiele, bei denen der Tod des Vaters in ein

sehr früheres Alter des Kindes fiel, und spätere sonst unerklärbare

Vorfälle bewiesen, daß das Kind doch Erinnerungen an die ihm so früh

entschwundene Person unbewußt bewahrt hatte. Ich weiß, daß meine beiden

Behauptungen auf _Schlüssen_ beruhen, deren Gültigkeit man anfechten

wird. Es ist also eine Leistung der Wunscherfüllung, wenn gerade das

Material _dieser Schlüsse_, deren Beanständung ich fürchte, von der

Traumarbeit zur Herstellung _einwandfreier Schlüsse_ verwendet wird.

Verwunderung im Traume.

VII. In einem Traume, den ich bisher nur gestreift habe, wird eingangs

die Verwunderung über das auftauchende Thema deutlich ausgesprochen.

_Der alte Brücke muß mir irgend eine Aufgabe gestellt haben: ~sonderbar

genug~ bezieht sie sich auf Präparation meines eigenen Untergestells,

Becken und Beine, das ich vor mir sehe wie im Seziersaal, doch ohne den

Mangel am Körper zu spüren, auch ohne Spur von Grauen. Louise N. steht

dabei und macht die Arbeit bei mir. Das Becken ist ausgeweidet, man

sieht bald die obere, bald die untere Ansicht desselben, was sich

vermengt. Dicke, fleischrote Knollen (bei denen ich noch im Traume an

Hämorrhoiden denke) sind zu sehen. Auch mußte etwas sorgfältig

ausgeklaubt werden, was darüber lag und zerknülltem Silberpapier

glich(171). Dann war ich wieder im Besitze meiner Beine und machte einen

Weg durch die Stadt, nahm aber (aus Müdigkeit) einen Wagen. Der Wagen

fuhr zu meinem Erstaunen in ein Haustor hinein, das sich öffnete und ihn

durch einen Gang passieren ließ, der am Ende abgeknickt, schließlich

weiter ins Freie führte(172). Schließlich wanderte ich mit einem alpinen

Führer, der meine Sachen trug, durch wechselnde Landschaften. Auf einer

Strecke trug er mich mit Rücksicht auf meine müden Beine. Der Boden war

sumpfig; wir gingen am Rande hin; Leute saßen am Boden, ein Mädchen

unter ihnen, wie Indianer oder Zigeuner. Vorher hatte ich auf dem

schlüpfrigen Boden mich selbst weiter bewegt unter steter Verwunderung,

daß ich es nach der Präparation so gut kann. Endlich kamen wir zu einem

kleinen Holzhaus, das in ein offenes Fenster ausging. Dort setzte mich

der Führer ab und legte zwei bereitstehende Holzbretter auf das

Fensterbrett, um so den Abgrund zu überbrücken, der vom Fenster aus zu

überschreiten war. Ich bekam jetzt wirklich Angst für meine Beine.

Anstatt des erwarteten Überganges sah ich aber zwei erwachsene Männer

auf Holzbänken liegen, die an den Wänden der Hütte waren, und wie zwei

Kinder schlafend neben ihnen. Als ob nicht die Bretter, sondern die

Kinder den Übergang ermöglichen sollten. Ich erwache mit

Gedankenschreck._

(171) Stanniol, Anspielung auf _Stannius_, Nervensystem der Fische,

vgl. p. 295.

(172) Die Örtlichkeit im Flure meines Wohnhauses, wo die Kinderwagen

der Parteien stehen; sonst aber mehrfach überbestimmt.

Analyse der Traumverwunderung.

Wer sich nur einmal einen ordentlichen Eindruck von der Ausgiebigkeit

der Traumverdichtung geholt hat, der wird sich leicht vorstellen können,

welche Anzahl von Blättern die ausführliche Analyse dieses Traumes

einnehmen muß. Zum Glück für den Zusammenhang entlehne ich dem Traume

aber bloß das eine Beispiel für die Verwunderung im Traume, die sich in

der Einschaltung »_sonderbar genug_« kundgibt. Ich gehe auf den Anlaß

des Traumes ein. Es ist ein Besuch jener Dame Louise N., die auch im

Traume der Arbeit assistiert. »Leih' mir etwas zum Lesen.« Ich biete ihr

»_She_« von _Rider Haggard_ an. Ein »_sonderbares_ Buch, aber voll von

verstecktem Sinne«, will ich ihr auseinandersetzen; »das ewig Weibliche,

die Unsterblichkeit unserer Affekte -- --«. Da unterbricht sie mich: Das

kenne ich schon. Hast du nichts Eigenes? -- »Nein, meine eigenen

unsterblichen Werke sind noch nicht geschrieben.« -- Also wann

erscheinen denn deine sogenannten letzten Aufklärungen, die, wie du

versprichst, auch für uns lesbar sein werden? fragt sie etwas anzüglich.

Ich merke jetzt, daß mich ein anderer durch ihren Mund mahnen läßt, und

verstumme. Ich denke an die Überwindung, die es mich kostet, auch nur

die Arbeit über den Traum, in der ich so viel vom eigenen intimen Wesen

preisgeben muß, in die Öffentlichkeit zu schicken. »Das Beste, was du

wissen kannst, darfst du den Buben doch nicht sagen.« Die Präparation

_am eigenen Leib_, die mir im Traume aufgetragen wird, ist also die mit

der Mitteilung der Träume verbundene _Selbstanalyse_. Der alte _Brücke_

kommt mit Recht hiezu; schon in diesen ersten Jahren wissenschaftlicher

Arbeit traf es sich, daß ich einen Fund liegen ließ, bis sein

energischer Auftrag mich zur Veröffentlichung zwang. Die weiteren

Gedanken aber, die sich an die Unterredung mit Louise N. anspinnen,

greifen zu tief, um bewußt zu werden; sie erfahren eine Ablenkung über

das Material, das in mir nebstbei durch die Erwähnung der »She« von

_Rider Haggard_ geweckt worden ist. Auf dieses Buch und auf ein zweites

desselben Autors, »Heart of the world«, geht das Urteil »_sonderbar

genug_«, und zahlreiche Elemente des Traumes sind den beiden

phantastischen Romanen entnommen. Der sumpfige Boden, über den man

getragen wird, der Abgrund, der mittels der mitgebrachten Bretter zu

überschreiten ist, stammen aus der »She«; die Indianer, das Mädchen, das

Holzhaus aus »Heart of the world«. In beiden Romanen ist eine Frau die

Führerin, in beiden handelt es sich um gefährliche Wanderungen, in

»_She_« um einen abenteuerlichen Weg ins Unentdeckte, kaum je Betretene.

Die müden Beine sind nach einer Notiz, die ich bei dem Traume finde,

reale Sensation jener Tage gewesen. Wahrscheinlich entsprach ihnen eine

müde Stimmung und die zweifelnde Frage: Wie weit werden mich meine Beine

noch tragen? In der »She« endet das Abenteuer damit, daß die Führerin,

anstatt sich und den anderen die Unsterblichkeit zu holen, im

geheimnisvollen Zentralfeuer den Tod findet. Eine solche Angst hat sich

unverkennbar in den Traumgedanken geregt. Das »_Holzhaus_« ist

sicherlich auch der _Sarg_, also das Grab. Aber in der Darstellung

dieses unerwünschtesten aller Gedanken durch eine Wunscherfüllung hat

die Traumarbeit ihr Meisterstück geleistet. Ich war nämlich schon einmal

in einem Grabe, aber es war ein ausgeräumtes Etruskergrab bei _Orvieto_,

eine schmale Kammer mit zwei Steinbänken an den Wänden, auf denen die

Skelette von zwei Erwachsenen gelagert waren. Genau so sieht das Innere

des Holzhauses im Traume aus, nur ist Stein durch Holz ersetzt. Der

Traum scheint zu sagen: »Wenn du schon im Grabe weilen sollst, so sei es

das Etruskergrab«, und mit dieser Unterschiebung verwandelt er die

traurigste Erwartung in eine recht erwünschte. Leider kann er, wie wir

hören werden, nur die den Affekt begleitende Vorstellung in ihr

Gegenteil verkehren, nicht immer auch den Affekt selbst. So wache ich

denn mit »Gedankenschreck« auf, nachdem sich noch die Idee Darstellung

erzwungen, daß vielleicht die Kinder erreichen werden, was dem Vater

versagt geblieben, eine neuerliche Anspielung an den sonderbaren Roman,

in dem die Identität einer Person durch eine Generationsreihe von 2000

Jahren festgehalten wird.

VIII. In dem Zusammenhang eines anderen Traumes findet sich gleichfalls

ein Ausdruck der Verwunderung über das im Traume Erlebte, aber verknüpft

mit einem so auffälligen, weit hergeholten und beinahe geistreichen

Erklärungsversuche, daß ich bloß seinetwegen den ganzen Traum der

Analyse unterwerfen müßte, auch wenn der Traum nicht noch zwei andere

Anziehungspunkte für unser Interesse besäße. Ich reise in der Nacht vom

18. auf den 19. Juli auf der Südbahnstrecke und höre im Schlafe:

_»Hollthurn, 10 Minuten« ausrufen. Ich denke sofort an Holothurien --

ein naturhistorisches Museum --, daß hier ein Ort ist, wo sich tapfere

Männer erfolglos gegen die Übermacht ihres Landesherrn gewehrt haben. --

Ja, die Gegenreformation in Österreich! -- Als ob es ein Ort in

Steiermark oder Tirol wäre. Nun sehe ich undeutlich ein kleines Museum,

in dem die Reste oder Erwerbungen dieser Männer aufbewahrt werden. Ich

möchte aussteigen, verzögere es aber. Es stehen Weiber mit Obst auf dem

Perron, sie kauern auf dem Boden und halten die Körbe so einladend hin.

-- Ich habe gezögert aus Zweifel, ob wir noch Zeit haben, und jetzt

stehen wir noch immer. -- Ich bin plötzlich in einem anderen Coupé, in

dem Leder und Sitze so schmal sind, daß man mit dem Rücken direkt an die

Lehne stößt(173). Ich wundere mich darüber, #aber ich kann ja im

schlafenden Zustand umgestiegen sein#. Mehrere Leute, darunter ein

englisches Geschwisterpaar; eine Reihe Bücher deutlich auf einem Gestell

an der Wand. Ich sehe »Wealth of nations«, »Matter and Motion«_ (von

_Maxwell_), _dick und in braune Leinwand gebunden. Der Mann fragt die

Schwester nach einem Buche von Schiller, ob sie das vergessen hat. Es

sind die Bücher bald wie die meinen, bald die der beiden. Ich möchte

mich da bestätigend oder unterstützend ins Gespräch mengen -- -- --._

Ich wache, am ganzen Körper schwitzend, auf, weil alle Fenster

geschlossen sind. Der Zug hält in _Marburg_.

(173) Diese Beschreibung ist für mich selbst nicht verständlich, aber

ich folge dem Grundsatze, den Traum in jenen Worten wiederzugeben, die

mir beim Niederschreiben einfallen. Die Wortfassung ist selbst ein

Stück der Traumdarstellung.

Ein Erklärungsversuch im Traume.

Während der Niederschrift fällt mir ein Traumstück ein, das die

Erinnerung übergehen wollte. _Ich sage dem Geschwisterpaare auf ein

gewisses Werk: It is from . . ., korrigiere mich aber: It is by . . .

Der Mann bemerkt zur Schwester: Er hat es ja richtig gesagt._

Der Traum beginnt mit dem Namen der Station, der mich wohl unvollkommen

geweckt haben muß. Ich ersetze diesen Namen, der _Marburg_ lautete,

durch _Hollthurn_. Daß ich Marburg beim ersten oder vielleicht bei einem

späteren Ausrufen gehört habe, beweist die Erwähnung _Schillers_ im

Traume, der ja in _Marburg_, wenngleich nicht im steirischen, geboren

ist(174). Nun reiste ich diesmal, obwohl erster Klasse, unter sehr

unangenehmen Verhältnissen. Der Zug war überfüllt, in dem Coupé hatte

ich einen Herrn und eine Dame angetroffen, die sehr vornehm schienen und

nicht die Lebensart besaßen oder es nicht der Mühe wert hielten, ihr

Mißvergnügen über den Eindringling irgendwie zu verbergen. Mein

höflicher Gruß wurde nicht erwidert; obwohl Mann und Frau nebeneinander

saßen (gegen die Fahrtrichtung), beeilte sich die Frau doch, den Platz

ihr gegenüber am Fenster vor meinen Augen mit einem Schirme zu belegen;

die Tür wurde sofort geschlossen, demonstrative Reden über das Öffnen

der Fenster gewechselt. Wahrscheinlich sah man mir den Lufthunger bald

an. Es war eine heiße Nacht und die Luft im allseitig abgeschlossenen

Coupé bald zum Ersticken. Nach meinen Reiseerfahrungen kennzeichnet ein

so rücksichtslos übergreifendes Benehmen Leute, die ihre Karte nicht

oder nur halb bezahlt haben. Als der Kondukteur kam und ich mein teuer

erkauftes Billett vorzeigte, tönte es aus dem Munde der Dame unnahbar

und wie drohend: Mein Mann hat Legitimation. Sie war eine stattliche

Erscheinung mit mißvergnügten Zügen, im Alter nicht weit von der Zeit

des Verfalls weiblicher Schönheit; der Mann kam überhaupt nicht zu

Worte, er saß regungslos da. Ich versuchte zu schlafen. Im Traume nehme

ich fürchterliche Rache an meinen unliebenswürdigen Reisegefährten; man

würde nicht ahnen, welche Beschimpfungen und Demütigungen sich hinter

den abgerissenen Brocken der ersten Traumhälfte verbergen. Nachdem dies

Bedürfnis befriedigt war, machte sich der zweite Wunsch geltend, das

Coupé zu wechseln. Der Traum wechselt so oft die Szene, und ohne daß der

mindeste Anstoß an der Veränderung genommen wird, daß es nicht im

geringsten auffällig gewesen wäre, wenn ich mir alsbald meine

Reisegesellschaft durch eine angenehmere aus meiner Erinnerung ersetzt

hätte. Hier aber tritt der Fall ein, daß irgend etwas den Wechsel der

Szene beanständete und es für notwendig hielt, ihn zu erklären. Wie kam

ich plötzlich in ein anderes Coupé? Ich konnte mich doch nicht erinnern,

umgestiegen zu sein. Da gab es nur eine Erklärung: _ich mußte im

schlafenden Zustand den Wagen verlassen haben_, ein seltenes Vorkommnis,

wofür aber doch die Erfahrung des Neuropathologen Beispiele liefert. Wir

wissen von Personen, die Eisenbahnfahrten in einem Dämmerzustand

unternehmen, ohne durch irgend ein Anzeichen ihren abnormen Zustand zu

verraten, bis sie an irgend einer Station der Reise voll zu sich kommen

und dann die Lücke in ihrer Erinnerung bestaunen. Für einen solchen Fall

von »_Automatisme ambulatoire_« erkläre ich also noch im Traume den

meinigen.

(174) Schiller ist nicht in einem _Marburg_, sondern in _Marbach_

geboren, wie jeder deutsche Gymnasiast weiß, und wie auch ich wußte.

Es ist dies wieder einer jener Irrtümer (vgl. p. 149), die sich als

Ersatz für eine absichtliche Verfälschung an anderer Stelle

einschleichen, und deren Aufklärung ich in der »Psychopathologie des

Alltagslebens« versucht habe.

Die Analyse gestattet eine andere Auflösung zu geben. Der

Erklärungsversuch, der mich so frappiert, wenn ich ihn der Traumarbeit

zuschreiben müßte, ist nicht originell, sondern aus der Neurose eines

meiner Patienten kopiert. Ich erzählte bereits an anderer Stelle von

einem hochgebildeten und im Leben weichherzigen Manne, der kurz nach dem

Tode seiner Eltern begann, sich mörderischer Neigungen anzuklagen, und

nun unter den Vorsichtsmaßregeln litt, die er zur Sicherung gegen

dieselben treffen mußte. Es war ein Fall von schweren Zwangsvorstellungen

bei voll erhaltener Einsicht. Zuerst wurde ihm das Passieren

der Straße durch den Zwang verleidet, sich von allen Begegnenden

Rechenschaft abzulegen, wohin sie verschwunden seien; entzog

sich einer plötzlich seinem verfolgenden Blicke, so blieb ihm die

peinliche Empfindung und die Möglichkeit in Gedanken, er könnte ihn

beseitigt haben. Es war unter anderem eine Kainsphantasie dahinter, denn

»alle Menschen sind Brüder«. Wegen der Unmöglichkeit, diese Aufgabe zu

erledigen, gab er das Spazierengehen auf und verbrachte sein Leben

eingekerkert zwischen seinen vier Wänden. In sein Zimmer gelangten aber

durch die Zeitung beständig Nachrichten von Mordtaten, die draußen

geschehen waren, und sein Gewissen wollte ihm in der Form des Zweifels

nahe legen, daß er der gesuchte Mörder sei. Die Gewißheit, daß er ja

seit Wochen seine Wohnung nicht verlassen habe, schützte ihn eine Weile

gegen diese Anklagen, bis ihm eines Tages die Möglichkeit durch den Sinn

fuhr, daß er _sein Haus im bewußtlosen Zustand verlassen_ und so den

Mord begangen haben könne, ohne etwas davon zu wissen. Von da an schloß

er die Haustür ab, übergab den Schlüssel der alten Haushälterin und

verbot ihr eindringlich, denselben auch nicht auf sein Verlangen in

seine Hände gelangen zu lassen.

Daher stammt also der Erklärungsversuch, daß ich im bewußtlosen Zustand

umgestiegen bin --, er ist aus dem Material der Traumgedanken fertig in

den Traum eingetragen worden und soll im Traume offenbar dazu dienen,

mich mit der Person jenes Patienten zu identifizieren. Die Erinnerung an

ihn wurde in mir durch naheliegende Assoziation geweckt. Mit diesem

Manne hatte ich einige Wochen vorher die letzte Nachtreise gemacht. Er

war geheilt, begleitete mich in die Provinz zu seinen Verwandten, die

mich beriefen; wir hatten ein Coupé für uns, ließen alle Fenster die

Nacht hindurch offen und hatten uns, so lange ich wach blieb,

vortrefflich unterhalten. Ich wußte, daß feindselige Impulse gegen

seinen Vater aus seiner Kindheit in sexuellem Zusammenhange die Wurzel

seiner Erkrankung gewesen waren. Indem ich mich also mit ihm

identifizierte, wollte ich mir etwas Analoges eingestehen. Die zweite

Szene des Traumes löst sich auch wirklich in eine übermütige Phantasie

auf, daß meine beiden ältlichen Reisegefährten sich darum so abweisend

gegen mich benehmen, weil ich sie durch mein Kommen an dem

beabsichtigten nächtlichen Austausch von Zärtlichkeiten gehindert habe.

Diese Phantasie aber geht auf eine frühe Kinderszene zurück, in der das

Kind, wahrscheinlich von sexueller Neugierde getrieben, in das

Schlafzimmer der Eltern eindringt und durch das Machtwort des Vaters

daraus vertrieben wird.

Ich halte es für überflüssig, weitere Beispiele zu häufen. Sie würden

alle nur bestätigen, was wir aus den bereits angeführten entnommen

haben, daß ein Urteilsakt im Traume nur die Wiederholung eines Vorbildes

aus den Traumgedanken ist. Zumeist eine übel angebrachte, in unpassendem

Zusammenhange eingefügte Wiederholung, gelegentlich aber, wie in unseren

letzten Beispielen, eine so geschickt verwendete, daß man zunächst den

Eindruck einer selbständigen Denktätigkeit im Traume empfangen kann. Von

hier aus könnten wir unser Interesse jener psychischen Tätigkeit

zuwenden, die zwar nicht regelmäßig bei der Traumbildung mitzuwirken

scheint, die aber, wo sie es tut, bemüht ist, die nach ihrer Herkunft

disparaten Traumelemente widerspruchsfrei und sinnvoll zu verschmelzen.

Wir empfinden es aber vorher noch als dringlich, uns mit den

Affektäußerungen zu beschäftigen, die im Traume auftreten, und dieselben

mit den Affekten zu vergleichen, welche die Analyse in den Traumgedanken

aufdeckt.

h) _Die Affekte im Traume_.

Eine scharfsinnige Bemerkung von _Stricker_ hat uns aufmerksam gemacht,

daß die Affektäußerungen des Traumes nicht die geringschätzige Art der

Erledigung gestatten, mit der wir erwacht den Trauminhalt abzuschütteln

pflegen. »Wenn ich mich im Traume vor Räubern fürchte, so sind die

Räuber zwar imaginär, aber die Furcht ist real«, und ebenso geht es,

wenn ich mich im Traume freue. Nach dem Zeugnisse unserer Empfindung ist

der im Traume erlebte Affekt keineswegs minderwertig gegen den im Wachen

erlebten von gleicher Intensität, und energischer als mit seinem

Vorstellungsinhalte, erhebt der Traum mit seinem Affektinhalt den

Anspruch, unter die wirklichen Erlebnisse unserer Seele aufgenommen zu

werden. Wir bringen diese Einreihung nun im Wachen nicht zu stande, weil

wir einen Affekt nicht anders psychisch zu würdigen verstehen als in der

Verknüpfung mit einem Vorstellungsinhalt. Passen Affekt und Vorstellung

der Art und der Intensität nach nicht zueinander, so wird unser waches

Urteil irre.

An den Träumen hat immer Verwunderung erregt, daß Vorstellungsinhalte

nicht die Affektwirkung mit sich bringen, die wir als notwendig im

wachen Denken erwarten würden. _Strümpell_ äußerte, im Traume seien die

Vorstellungen von ihren psychischen Werten entblößt. Es fehlt im Traume

aber auch nicht am gegenteiligen Vorkommen, daß intensive Affektäußerung

bei einem Inhalt auftritt, der zur Entbindung von Affekt keinen Anlaß zu

bieten scheint. Ich bin im Traume in einer gräßlichen, gefahrvollen,

ekelhaften Situation, verspüre aber dabei nichts von Furcht oder

Abscheu; hingegen entsetze ich mich andere Male über harmlose, und freue

mich über kindische Dinge.

Dieses Rätsel des Traumes verschwindet uns so plötzlich und so

vollständig wie vielleicht kein anderes der Traumrätsel, wenn wir vom

manifesten Trauminhalt zum latenten übergehen. Wir werden mit seiner

Erklärung nichts zu schaffen haben, denn es besteht nicht mehr. Die

Analyse lehrt uns, _daß die Vorstellungsinhalte Verschiebungen und

Ersetzungen erfahren haben, während die Affekte unverrückt geblieben

sind_. Kein Wunder, daß der durch die Traumentstellung veränderte

Vorstellungsinhalt zum erhalten gebliebenen Affekt dann nicht mehr paßt;

aber auch keine Verwunderung mehr, wenn die Analyse den richtigen Inhalt

an seine frühere Stelle eingesetzt hat.

An einem psychischen Komplex, welcher die Beeinflussung der

Widerstandszensur erfahren hat, sind die Affekte der resistente Anteil,

der uns allein den Fingerzeig zur richtigen Ergänzung geben kann.

Deutlicher noch als beim Traume enthüllt sich dies Verhältnis bei den

Psychoneurosen. Der Affekt hat hier immer Recht, wenigstens seiner

Qualität nach; seine Intensität ist ja durch Verschiebungen der

neurotischen Aufmerksamkeit zu steigern. Wenn der Hysteriker sich

wundert, daß er sich vor einer Kleinigkeit so sehr fürchten muß, oder

der Mann mit Zwangsvorstellungen, daß ihm aus einer Nichtigkeit ein so

peinlicher Vorwurf erwächst, so gehen beide irre, indem sie den

Vorstellungsinhalt -- die Kleinigkeit oder die Nichtigkeit -- für das

Wesentliche nehmen, und sie wehren sich erfolglos, indem sie diesen

Vorstellungsinhalt zum Ausgangspunkte ihrer Denkarbeit machen. Die

Psychoanalyse zeigt ihnen dann den richtigen Weg, indem sie im Gegenteil

den Affekt als berechtigt anerkennt, und die zu ihm gehörige, durch eine

Ersetzung verdrängte Vorstellung aufsucht. Voraussetzung ist dabei, daß

Affektentbindung und Vorstellungsinhalt nicht diejenige unauflösbare

organische Einheit bilden, als welche wir sie zu behandeln gewöhnt sind,

sondern daß beide Stücke aneinander gelötet sein können, so daß sie

durch Analyse voneinander lösbar sind. Die Traumdeutung zeigt, daß dies

in der Tat der Fall ist.

Erklärung des Ausbleibens erwarteter Affekte.

Ich bringe zuerst ein Beispiel, in dem die Analyse das scheinbare

Ausbleiben des Affekts bei einem Vorstellungsinhalt aufklärt, der

Affektentbindung erzwingen sollte.

I. _Sie sieht in einer Wüste drei Löwen, von denen einer lacht, fürchtet

sich aber nicht vor ihnen. Dann muß sie doch vor ihnen geflüchtet sein,

denn sie will auf einen Baum klettern, findet aber ihre Cousine, die

französische Lehrerin ist, schon oben usw._

Dazu bringt die Analyse folgendes Material: Der indifferente Anlaß zum

Traume ist ein Satz ihrer englischen Aufgabe geworden: Die Mähne ist der

Schmuck des _Löwen_. Ihr Vater trug einen solchen Bart, der wie eine

_Mähne_ das Gesicht umrahmte. Ihre englische Sprachlehrerin heißt Miß

_Lyons_ (Lions = Löwen). Ein Bekannter hat ihr die Balladen von _Loewe_

zugeschickt. Das sind also die drei Löwen; warum sollte sie sich vor

ihnen fürchten? -- Sie hat eine Erzählung gelesen, in welcher ein Neger,

der die anderen zum Aufstand aufgehetzt, mit Bluthunden gejagt wird und

zu seiner Rettung auf einen Baum klettert. Dann folgen in übermütigster

Stimmung Erinnerungsbrocken wie die: Die Anweisung, wie man Löwen fängt,

aus den »Fliegenden Blättern«: Man nehme eine Wüste und siebe sie durch,

dann bleiben die Löwen übrig. Ferner die höchst lustige, aber nicht sehr

anständige Anekdote von einem Beamten, der gefragt wird, warum er sich

denn nicht um die Gunst seines Chefs ausgiebiger bemühe, und der zur

Antwort gibt, er habe sich wohl bemüht da hineinzukriechen, aber sein

Vordermann _war schon oben_. Das ganze Material wird verständlich, wenn

man erfährt, daß die Dame am Traumtage den Besuch des Vorgesetzten ihres

Mannes empfangen hatte. Er war sehr höflich mit ihr, küßte ihr die Hand,

und _sie fürchtete sich gar nicht vor ihm_, obwohl er ein sehr »_großes

Tier_« ist und in der Hauptstadt ihres Landes die Rolle eines »_Löwen

der Gesellschaft_« spielt. Dieser Löwe ist also vergleichbar dem Löwen

im Sommernachtstraume, der sich als Schnock, der Schreiner demaskiert,

und so sind alle Traumlöwen, vor denen man sich nicht fürchtet.

II. Als zweites Beispiel ziehe ich den Traum jenes Mädchens heran, das

den kleinen Sohn ihrer Schwester als Leiche im Sarg liegen sah, dabei

aber, wie ich jetzt hinzufüge, keinen Schmerz und keine Trauer

verspürte. Wir wissen aus der Analyse, warum nicht. Der Traum verhüllte

nur ihren Wunsch, den geliebten Mann wiederzusehen; der Affekt mußte auf

den Wunsch abgestimmt sein und nicht auf dessen Verhüllung. Es war also

zur Trauer gar kein Anlaß.

In einer Anzahl von Träumen bleibt der Affekt wenigstens noch in

Verbindung mit jenem Vorstellungsinhalt, welcher den zu ihm passenden

ersetzt hat. In anderen geht die Auflockerung des Komplexes weiter. Der

Affekt erscheint völlig gelöst von seiner zugehörigen Vorstellung, und

findet sich irgendwo anders im Traume untergebracht, wo er in die neue

Anordnung der Traumelemente hineinpaßt. Es ist dann ähnlich, wie wir's

bei den Urteilsakten des Traumes erfahren haben. Findet sich in den

Traumgedanken ein bedeutsamer Schluß, so enthält auch der Traum einen

solchen; aber der Schluß im Traume kann auf ein ganz anderes Material

verschoben sein. Nicht selten erfolgt diese Verschiebung nach dem

Prinzip der Gegensätzlichkeit.

Der Traum vom »Frühstücksschiff«.

Die letztere Möglichkeit erläutere ich an folgendem Traumbeispiele, das

ich der erschöpfendsten Analyse unterzogen habe.

III. _Ein Schloß am Meere, später liegt es nicht direkt am Meere,

sondern an einem schmalen Kanal, der ins Meer führt. Ein Herr P. ist der

Gouverneur. Ich stehe mit ihm in einem großen dreifenstrigen Salon, vor

dem sich Mauervorsprünge wie Festungszinnen erheben. Ich bin etwa als

freiwilliger Marineoffizier der Besatzung zugeteilt. Wir befürchten das

Eintreffen von feindlichen Kriegsschiffen, da wir uns im Kriegszustand

befinden. Herr P. hat die Absicht, wegzugehen; er erteilt mir

Instruktionen, was in dem befürchteten Falle zu geschehen hat. Seine

kranke Frau befindet sich mit den Kindern im gefährdeten Schlosse. Wenn

das Bombardement beginnt, soll der große Saal geräumt werden. Er atmet

schwer und will sich entfernen; ich halte ihn zurück und frage, auf

welche Weise ich ihm nötigenfalls Nachricht zukommen lassen soll. Darauf

sagt er noch etwas, sinkt aber gleich darauf tot um. Ich habe ihn wohl

mit den Fragen überflüssigerweise angestrengt. Nach seinem Tode, der mir

weiter keinen Eindruck macht, Gedanken, ob die Witwe im Schlosse bleiben

wird, ob ich dem Oberkommando den Tod anzeigen und als der nächste im

Befehl die Leitung des Schlosses übernehmen soll. Ich stehe nun am

Fenster und mustere die vorbeifahrenden Schiffe; es sind Kauffahrer, die

auf dem dunklen Wasser rapid vorbeisausen, einige mit mehreren Kaminen,

andere mit bauschiger Decke_ (die ganz ähnlich ist wie die

Bahnhofsbauten im [nicht erzählten] Vortraume). _Dann steht mein Bruder

neben mir und wir schauen beide aus dem Fenster auf den Kanal. Bei einem

Schiffe erschrecken wir und rufen: Da kommt das Kriegsschiff. Es zeigt

sich aber, daß nur dieselben Schiffe zurückkehren, die ich schon kenne.

Nun kommt ein kleines Schiff, komisch abgeschnitten, so daß es mitten in

seiner Breite endigt; auf Deck sieht man eigentümliche becher- oder

dosenartige Dinge. Wir rufen wie aus einem Munde: Das ist das

Frühstücksschiff._

Die rasche Bewegung der Schiffe, das tiefdunkle Blau des Wassers, der

braune Bauch der Kamine, das alles ergibt zusammen einen hochgespannten,

düsteren Eindruck.

Die Örtlichkeiten in diesem Traume sind aus mehreren Reisen an die

_Adria_ zusammengetragen (Miramare, Duino, Venedig, Aquileja). Eine

kurze, aber genußreiche Osterfahrt nach _Aquileja_ mit meinem Bruder,

wenige Wochen vor dem Traume, war mir noch in frischer Erinnerung. Auch

der _Seekrieg_ zwischen Amerika und Spanien und an ihn geknüpfte

Besorgnisse um das Schicksal meiner in Amerika lebenden Verwandten

spielen mit hinein. An zwei Stellen dieses Traumes treten

Affektwirkungen hervor. An der einen Stelle bleibt ein zu erwartender

Affekt aus, es wird ausdrücklich hervorgehoben, daß mir der Tod des

Gouverneurs keinen Eindruck macht; an einer anderen Stelle, wie ich das

Kriegsschiff zu sehen glaube, _erschrecke_ ich und verspüre im Schlafe

alle Sensationen des Schreckens. Die Unterbringung der Affekte ist in

diesem gut gebauten Traume so erfolgt, daß jeder auffällige Widerspruch

vermieden ist. Es ist ja kein Grund, daß ich beim Tode des Gouverneurs

erschrecken sollte, und es ist wohl angebracht, daß ich als Kommandant

des Schlosses bei dem Anblicke des Kriegsschiffes erschrecke. Nun weist

aber die Analyse nach, daß Herr P. nur ein Ersatzmann für mein eigenes

Ich ist (im Traume bin ich sein Ersatzmann). Ich bin der Gouverneur, der

plötzlich stirbt. Die Traumgedanken handeln von der Zukunft der Meinigen

nach meinem vorzeitigen Tode. Kein anderer peinlicher Gedanke findet

sich in den Traumgedanken. Der Schreck, der im Traume an den Anblick des

Kriegsschiffes gelötet ist, muß von dort losgemacht und hieher gesetzt

werden. Umgekehrt zeigt die Analyse, daß die Region der Traumgedanken,

aus der das Kriegsschiff genommen ist, mit den heitersten Reminiszenzen

erfüllt ist. Es war ein Jahr vorher in Venedig, wir standen an einem

zauberhaft schönem Tage an den Fenstern unseres Zimmers auf der Riva

Schiavoni und schauten auf die blaue Lagune, in der heute mehr Bewegung

zu finden war als sonst. Es wurden englische Schiffe erwartet, die

feierlich empfangen werden sollten, und plötzlich rief meine Frau heiter

wie ein Kind: _Da kommt das englische Kriegsschiff!_ Im Traume

erschrecke ich bei den nämlichen Worten; wir sehen wieder, daß Rede im

Traume von Rede im Leben abstammt. Daß auch das Element »_englisch_« in

dieser Rede für die Traumarbeit nicht verloren gegangen ist, werde ich

alsbald zeigen. Ich verkehre also hier zwischen Traumgedanken und

Trauminhalt Fröhlichkeit in Schreck, und brauche nur anzudeuten, daß ich

mit dieser Verwandlung selbst ein Stück des latenten Trauminhaltes zum

Ausdruck bringe. Das Beispiel beweist aber, daß es der Traumarbeit

freisteht, den Affektanlaß aus seinen Verbindungen in den Traumgedanken

zu lösen und beliebig wo anders im Trauminhalt einzufügen.

Ich ergreife die nebstbei sich bietende Gelegenheit, das

»_Frühstücksschiff_«, dessen Erscheinen im Traume eine rationell

festgehaltene Situation so unsinnig abschließt, einer näheren Analyse zu

unterziehen. Wenn ich das Traumobjekt besser ins Auge fasse, so fällt

mir nachträglich auf, daß es schwarz war und durch sein Abschneiden in

seiner größten Breite an diesem Ende eine weitgehende Ähnlichkeit mit

einem Gegenstand erzielte, der uns in den Museen etruskischer Städte

interessant geworden war. Es war dies eine rechteckige Tasse aus

schwarzem Ton, mit zwei Henkeln, auf der Dinge wie Kaffee- oder

Teetassen standen, nicht ganz unähnlich einem unserer modernen Service

für den _Frühstücks_tisch. Auf Befragen erfuhren wir, das sei die

Toilette einer etruskischen Dame mit den Schminke- und Puderbüchsen

darauf; und wir sagten uns im Scherze, es wäre nicht übel, so ein Ding

der Hausfrau mitzubringen. Das Traumobjekt bedeutet also -- _schwarze

Toilette_, Trauer und spielt direkt auf einen Todesfall an. Mit dem

anderen Ende mahnt das Traumobjekt an den »Nachen« vom Stamme νέκυς, wie

mein sprachgelehrter Freund mir mitgeteilt, auf den in Vorzeiten die

Leiche gelegt und dem Meere zur Bestattung überlassen wurde. Hieran

reiht sich, warum im Traume die Schiffe zurückkehren.

»Still, auf gerettetem Boote, treibt in den Hafen der Greis.«

Es ist die Rückfahrt nach dem Schiff_bruche_, das Frühstücksschiff ist

ja wie in seiner Breite abgebrochen. Woher aber der Name

»Frühstücks«schiff? Hier kommt nun das »Englische« zur Verwendung, das

wir bei den Kriegsschiffen erübrigt haben. Frühstück = _breakfast_,

_Fastenbrecher_. Das _Brechen_ gehört wieder zum Schiff_bruche_, das

_Fasten_ schließt sich der schwarzen Toilette an.

An diesem Frühstücksschiffe ist aber nur der Name vom Traume

neugebildet. Das Ding hat existiert und mahnt mich an eine der

heitersten Stunden der letzten Reise. Der Verpflegung in Aquileja

mißtrauend, hatten wir uns von Görz Eßwaren mitgenommen, eine Flasche

des vorzüglichen Istrianer Weines in Aquileja eingekauft, und während

der kleine Postdampfer durch den Kanal delle Mee langsam in die öde

Lagunenstrecke nach _Grado_ fuhr, nahmen wir, die einzigen Passagiere,

in heiterster Laune auf Deck das Frühstück ein, das uns schmeckte wie

selten eines zuvor. Das war also das »_Frühstücksschiff_«, und gerade

hinter dieser Reminiszenz frohesten Lebensgenusses verbirgt der Traum

die betrübendsten Gedanken an eine unbekannte und unheimliche Zukunft.

Die Unterdrückung der Affekte als Erfolg der Traumarbeit.

Die Ablösung der Affekte von den Vorstellungsmassen, die ihre Entbindung

hervorgerufen haben, ist das Auffälligste, was ihnen bei der

Traumbildung widerfährt, aber weder die einzige noch die wesentlichste

Veränderung, die sie auf dem Wege von den Traumgedanken zum manifesten

Traume erleiden. Vergleicht man die Affekte in den Traumgedanken mit

denen im Traume, so wird eines sofort klar: Wo sich im Traume ein Affekt

findet, da findet er sich auch in den Traumgedanken, aber nicht

umgekehrt. Der Traum ist im allgemeinen affektärmer als das psychische

Material, aus dessen Bearbeitung er hervorgegangen ist. Wenn ich die

Traumgedanken rekonstruiert habe, so übersehe ich, wie in ihnen

regelmäßig die intensivsten Seelenregungen nach Geltung ringen, zumeist

im Kampfe mit anderen, die ihnen scharf zuwiderlaufen. Blicke ich dann

auf den Traum zurück, so finde ich ihn nicht selten farblos, ohne jeden

intensiveren Gefühlston. Es ist durch die Traumarbeit nicht bloß der

Inhalt, sondern auch oft der Gefühlston meines Denkens auf das Niveau

des Indifferenten gebracht. Ich könnte sagen, durch die Traumarbeit wird

eine _Unterdrückung der Affekte_ zu stande gebracht. Man nehme z. B. den

Traum von der botanischen Monographie. Ihm entspricht im Denken ein

leidenschaftlich bewegtes Plaidoyer für meine Freiheit, so zu handeln,

wie ich handle, mein Leben so einzurichten, wie es mir einzig und allein

richtig scheint. Der daraus hervorgegangene Traum klingt gleichgültig:

Ich habe eine Monographie geschrieben, sie liegt vor mir, ist mit

farbigen Tafeln versehen, getrocknete Pflanzen sind jedem Exemplar

beigelegt. Es ist wie die Ruhe eines Leichenfeldes; man verspürt nichts

mehr vom Toben der Schlacht.

Es kann auch anders ausfallen, in den Traum selbst können lebhafte

Affektäußerungen eingehen; aber wir wollen zunächst bei der

unbestreitbaren Tatsache verweilen, daß so viele Träume indifferent

erscheinen, während man sich in die Traumgedanken nie ohne tiefe

Ergriffenheit versetzen kann.

Die volle theoretische Aufklärung dieser Affektunterdrückung während der

Traumarbeit ist hier nicht zu geben; sie würde das sorgfältigste

Eindringen in die Theorie der Affekte und in den Mechanismus der

Verdrängung voraussetzen. Ich will nur zwei Gedanken hier eine Erwähnung

gönnen. Die Affektentbindung bin ich -- aus anderen Gründen -- genötigt,

mir als einen zentrifugalen, gegen das Körperinnere gerichteten Vorgang

vorzustellen, analog den motorischen und sekretorischen

Innervationsvorgängen. Wie nun im Schlafzustand die Aussendung

motorischer Impulse gegen die Außenwelt aufgehoben erscheint, so könnte

auch die zentrifugale Erweckung von Affekten durch das unbewußte Denken

während des Schlafes erschwert sein. Die Affektregungen, die während des

Ablaufes der Traumgedanken zu stande kommen, wären also an und für sich

schwache Regungen, und darum die in den Traum gelangenden auch nicht

stärker. Nach diesem Gedankengange wäre die »Unterdrückung der Affekte«

überhaupt kein Erfolg der Traumarbeit, sondern eine Folge des

Schlafzustandes. Es mag so sein, aber es kann unmöglich alles sein. Wir

müssen auch daran denken, daß jeder zusammengesetztere Traum sich auch

als das Kompromißergebnis eines Widerstreites psychischer Mächte

enthüllt hat. Einerseits haben die wunschbildenden Gedanken gegen den

Widerspruch einer zensurierenden Instanz anzukämpfen, anderseits haben

wir oft gesehen, daß im unbewußten Denken selbst ein jeder Gedankenzug

mit seinem kontradiktorischen Gegenteil zusammengespannt war. Da alle

diese Gedankenzüge affektfähig sind, so werden wir im ganzen und großen

kaum irre gehen, wenn wir die Affektunterdrückung auffassen als Folge

der Hemmung, welche die Gegensätze gegeneinander, und die Zensur gegen

die von ihr unterdrückten Strebungen übt. _Die Affekthemmung wäre dann

der zweite Erfolg der Traumzensur, wie die Traumentstellung deren erster

war._

Ich will ein Traumbeispiel einfügen, in dem der indifferente

Empfindungston des Trauminhaltes durch die Gegensätzlichkeit in den

Traumgedanken aufgeklärt werden kann. Ich habe folgenden kurzen Traum zu

erzählen, den jeder Leser mit Ekel zur Kenntnis nehmen wird:

IV. _Eine Anhöhe, auf dieser etwas wie ein Abort im Freien, eine sehr

lange Bank, an deren Ende ein großes Abortloch. Die ganze hintere Kante

dicht besetzt mit Häufchen Kot von allen Größen und Stufen der Frische.

Hinter der Bank ein Gebüsch. Ich uriniere auf die Bank; ein langer

Harnstrahl spült alles rein, die Kotpatzen lösen sich leicht ab und

fallen in die Öffnung. Als ob am Ende noch etwas übrig bliebe._

Warum empfand ich bei diesem Traume keinen Ekel?

Weil, wie die Analyse zeigt, an dem Zustandekommen dieses Traumes die

angenehmsten und befriedigendsten Gedanken mitgewirkt hatten. Mir fällt

in der Analyse sofort der _Augiasstall_ ein, den Herkules reinigt.

Dieser Herkules bin ich. Die Anhöhe und das Gebüsch gehören nach Aussee,

wo jetzt meine Kinder weilen. Ich habe die Kindheitsätiologie der

Neurosen aufgedeckt und dadurch meine eigenen Kinder vor Erkrankung

bewahrt. Die Bank ist (bis auf das Abortloch natürlich) die getreue

Nachahmung eines Möbels, das mir eine anhängliche Patientin zum Geschenk

gemacht hat. Sie mahnt mich daran, wie meine Patienten mich ehren. Ja

selbst das Museum menschlicher Exkremente ist einer herzerfreuenden

Deutung fähig. So sehr ich mich dort davor ekle, im Traume ist es eine

Reminiszenz an das schöne Land Italien, in dessen kleinen Städten

bekanntlich die W. C. nicht anders ausgestattet sind. Der Harnstrahl,

der alles rein abspült, ist eine unverkennbare Größenanspielung. So

löscht _Gulliver_ bei den Liliputanern den großen Brand; er zieht sich

dadurch allerdings das Mißfallen der allerkleinsten Königin zu. Aber

auch _Gargantua_, der Übermensch bei Meister _Rabelais_, nimmt so seine

Rache an den Parisern, indem er auf Notre-Dame reitend, seinen

Harnstrahl auf die Stadt richtet. In den _Garnier_schen Illustrationen

zum _Rabelais_ habe ich gerade gestern vor dem Schlafengehen geblättert.

Und merkwürdig wieder ein Beweis, daß ich der Übermensch bin! Die

Plattform von Notre-Dame war mein Lieblingsaufenthalt in Paris; jeden

freien Nachmittag pflegte ich auf den Türmen der Kirche zwischen den

Ungetümen und Teufelsfratzen dort herumzuklettern. Daß aller Kot vor dem

Strahle so rasch verschwindet, das ist das Motto: _Afflavit et dissipati

sunt_, mit dem ich einmal den Abschnitt über Therapie der Hysterie

überschreiben werde.

Und nun die wirksame Veranlassung des Traumes: Es war ein heißer

Nachmittag im Sommer gewesen, ich hatte in den Abendstunden meine

Vorlesung über den Zusammenhang der Hysterie mit den Perversionen

gehalten und alles, was ich zu sagen wußte, mißfiel mir so gründlich,

kam mir alles Wertes entkleidet vor. Ich war müde, ohne Spur von

Vergnügen an meiner schweren Arbeit, sehnte mich weg von diesem Wühlen

im menschlichen Schmutze, nach meinen Kindern und dann nach den

Schönheiten Italiens. In dieser Stimmung ging ich vom Hörsaal in ein

Café, um dort in freier Luft einen bescheidenen Imbiß zu nehmen, denn

die Eßlust hatte mich verlassen. Aber einer meiner Hörer ging mit mir;

er bat um die Erlaubnis dabei zu sitzen, während ich meinen Kaffee trank

und an meinem Kipfel würgte, und begann mir Schmeicheleien zu sagen. Wie

viel er bei mir gelernt, und daß er jetzt alles mit anderen Augen

ansehe, daß ich den _Augiasstall_ der Irrtümer und Vorurteile der

Neurosenlehre gereinigt, kurz daß ich ein sehr großer Mann sei. Meine

Stimmung paßte schlecht zu seinem Lobgesange; ich kämpfte mit dem Ekel,

ging früher heim, um mich los zu machen, blätterte noch vor dem

Schlafengehen im _Rabelais_ und las eine Novelle von C. F. _Meyer_ »Die

Leiden eines Knaben«.

Unterdrückung und Aufhebung der Affekte.

Aus diesem Material war der Traum hervorgegangen, die Novelle von

_Meyer_ brachte die Erinnerung an Kindheitsszenen hinzu (vgl. den Traum

vom Grafen _Thun_, letztes Bild). Die Tagesstimmung von Ekel und

Überdruß setzte sich im Traume insofern durch, als sie fast sämtliches

Material für den Trauminhalt beistellen durfte. Aber in der Nacht wurde

die ihr gegensätzliche Stimmung von kräftiger und selbst übermäßiger

Selbstbetonung rege und hob die erstere auf. Der Trauminhalt mußte sich

so gestalten, daß er in demselben Material dem Kleinheitswahn wie der

Selbstüberschätzung den Ausdruck ermöglichte. Bei dieser

Kompromißbildung resultierte ein zweideutiger Trauminhalt, aber auch

durch gegenseitige Hemmung der Gegensätze ein indifferenter

Empfindungston.

Nach der Theorie der Wunscherfüllung wäre dieser Traum nicht ermöglicht

worden, wenn nicht der gegensätzliche, zwar unterdrückte, aber mit Lust

betonte Gedankenzug des Größenwahns zu dem des Ekels hinzugetreten wäre.

Denn Peinliches soll im Traume nicht dargestellt werden; das Peinliche

aus unseren Tagesgedanken kann nur dann den Eintritt in den Traum

erringen, wenn es seine Einkleidung gleichzeitig einer Wunscherfüllung

leiht.

Die Traumarbeit kann mit den Affekten der Traumgedanken noch etwas

anderes vornehmen, als sie zuzulassen oder zum Nullpunkte

herabzudrücken. Sie kann dieselben _in ihr Gegenteil verkehren_. Wir

haben bereits die Deutungsregel kennen gelernt, daß jedes Element des

Traumes für die Deutung auch sein Gegenteil darstellen kann, ebensowohl

wie sich selbst. Man weiß nie im vorhinein, ob das eine oder das andere

zu setzen ist; erst der Zusammenhang entscheidet hierüber. Eine Ahnung

dieses Sachverhaltes hat sich offenbar dem Volksbewußtsein aufgedrängt;

die Traumbücher verfahren bei der Deutung der Träume sehr häufig nach

dem Prinzip des Kontrastes. Solche Verwandlung ins Gegenteil wird durch

die innige assoziative Verkettung ermöglicht, die in unserem Denken die

Vorstellung eines Dinges an die seines Gegensatzes fesselt. Wie jede

andere Verschiebung dient sie den Zwecken der Zensur, ist aber auch

häufig das Werk der Wunscherfüllung, denn die Wunscherfüllung besteht ja

in nichts anderem als in der Ersetzung eines unliebsamen Dinges durch

sein Gegenteil. Ebenso wie die Dingvorstellungen können also auch die

Affekte der Traumgedanken im Traume ins Gegenteil verkehrt erscheinen,

und es ist wahrscheinlich, daß diese Affektverkehrung zumeist von der

Traumzensur bewerkstelligt wird. _Affektunterdrückung_ wie

_Affektverkehrung_ dienen ja auch im sozialen Leben, das uns die

geläufige Analogie zur Traumzensur gezeigt hat, vor allem der

_Verstellung_. Wenn ich mündlich mit der Person verkehre, vor der ich

mir Rücksicht auferlegen muß, während ich ihr feindseliges sagen möchte,

so ist es beinahe wichtiger, daß ich die Äußerungen meines Affekts vor

ihr verberge, als daß ich die Wortfassung meiner Gedanken mildere.

Spreche ich zu ihr in nicht unhöflichen Worten, begleite aber diese mit

einem Blicke oder einer Gebärde des Hasses und der Verachtung, so ist

die Wirkung, die ich bei dieser Person erziele, nicht viel anders, als

wenn ich ihr meine Verachtung ohne Schonung ins Gesicht geworfen hätte.

Die Zensur heißt mich also vor allem meine Affekte unterdrücken, und

wenn ich ein Meister in der Verstellung bin, werde ich den

entgegengesetzten Affekt heucheln, lächeln, wo ich zürnen, und mich

zärtlich stellen, wo ich vernichten möchte.

Wir kennen bereits ein ausgezeichnetes Beispiel solcher Affektverkehrung

im Traume im Dienste der Traumzensur. Im Traume »von des Onkels Bart«

empfinde ich große Zärtlichkeit für meinen Freund R., während und weil

die Traumgedanken ihn einen Schwachkopf schelten. Aus diesem Beispiele

von Verkehrung der Affekte haben wir uns den ersten Hinweis auf die

Existenz einer Traumzensur geholt. Es ist auch hier nicht nötig

anzunehmen, daß die Traumarbeit einen derartigen Gegenaffekt ganz von

neuem schafft; sie findet ihn gewöhnlich im Material der Traumgedanken

bereitliegend und erhöht ihn bloß mit der psychischen Kraft der

Abwehrmotive, bis er für die Traumbildung überwiegen kann. Im

letzterwähnten Onkeltraume stammt der zärtliche Gegenaffekt

wahrscheinlich aus infantiler Quelle (wie die Fortsetzung des Traumes

nahe legt), denn das Verhältnis Onkel und Neffe ist durch die besondere

Natur meiner frühesten Kindererlebnisse (vgl. die Analyse p. 303 f.) bei

mir die Quelle aller Freundschaften und alles Hasses geworden.

Heuchlerische Träume.

Es gibt eine Klasse von Träumen, die auf die Bezeichnung als

»heuchlerische« einen besonderen Anspruch haben und die Theorie der

Wunscherfüllung auf eine harte Probe stellen. Ich wurde auf sie

aufmerksam, als Frau Dr. M. _Hilferding_ in der »Wiener

psychoanalytischen Vereinigung« den im nachstehenden abgedruckten

Traumbericht _Roseggers_ zur Diskussion brachte.

_Rosegger_ in »Waldheimat« II. Band erzählt in der Geschichte »Fremd

gemacht« (p. 303): »Ich erfreue mich sonst eines gesunden Schlummers,

aber ich habe die Ruhe von so mancher Nacht eingebüßt, ich habe neben

meinem bescheidenen Studenten- und Literatendasein den Schatten eines

veritabeln Schneiderlebens durch die langen Jahre geschleppt, wie ein

Gespenst, ohne seiner los werden zu können.«

»Es ist nicht wahr, daß ich mich tagsüber in Gedanken so häufig und

lebhaft mit meiner Vergangenheit beschäftigt hätte. Ein der Haut eines

Philisters entsprungener Welt- und Himmelsstürmer hat anderes zu tun.

Aber auch an seine nächtlichen Träume wird der flotte Bursche kaum

gedacht haben; erst später, als ich gewohnt worden war, über alles

nachzudenken oder auch, als sich der Philister in mir wieder ein wenig

zu regen begann, fiel es mir auf, wieso ich denn -- wenn ich überhaupt

träumte -- allemal der Schneidergesell' war und daß ich solchergestalt

schon so lange Zeit bei meinem Lehrmeister unentgeltlich in der

Werkstatt arbeitete. Ich war mir, wenn ich so neben ihm saß und nähte,

und bügelte, sehr wohl bewußt, daß ich eigentlich nicht mehr dorthin

gehöre, daß ich mich als Städter mit anderen Dingen zu befassen habe;

doch hatte ich stets Ferien, war stets auf der Sommerfrische und so saß

ich zur Aushilfe beim Lehrmeister. Es war mir oft gar unbehaglich, ich

bedauerte den Verlust der Zeit, in welcher ich mich besser und

nützlicher zu beschäftigen gewußt hätte. Vom Lehrmeister mußte ich mir

mitunter, wenn etwas nicht ganz nach Maß und Schnitt ausfallen wollte,

eine Rüge gefallen lassen; von einem Wochenlohn jedoch war gar niemals

die Rede. Oft, wenn ich mit gekrümmtem Rücken in der dunkeln Werkstatt

so dasaß, nahm ich mir vor, die Arbeit zu kündigen und mich fremd zu

machen. Einmal tat ich's sogar, jedoch der Meister nahm keine Notiz

davon, und nächstens saß ich doch wieder bei ihm und nähte.«

»Wie mich nach solch langweiligen Stunden das Erwachen beglückte! Und da

nahm ich mir vor, wenn dieser zudringliche Traum sich wieder einmal

einstellen sollte, ihn mit Energie von mir zu werfen und laut

auszurufen: es ist nur Gaukelspiel, ich liege im Bette und will schlafen

. . . Und in der nächsten Nacht saß ich doch wieder in der

Schneiderwerkstatt.«

»So ging es Jahre in unheimlicher Regelmäßigkeit fort. Da war es einmal,

als wir, der Meister und ich, beim Alpelhofer arbeiteten, bei jenem

Bauern, wo ich in die Lehre eingetreten war, daß sich mein Meister ganz

besonders unzufrieden mit meinen Arbeiten zeigte. »Möcht' nur wissen, wo

du deine Gedanken hast!« sagte er und sah mich etwas finster an. Ich

dachte, das Vernünftigste wäre, wenn ich jetzt aufstünde, dem Meister

bedeutete, daß ich nur aus Gefälligkeit bei ihm sei, und wenn ich dann

davon ging. Aber ich tat es nicht. Ich ließ es mir gefallen, als der

Meister einen Lehrling aufnahm und mir befahl, demselben auf der Bank

Platz zu machen. Ich rückte in den Winkel und nähte. An demselben Tag

wurde auch noch ein Geselle aufgenommen, bigott, es war der Böhm, der

vor neunzehn Jahren bei uns gearbeitet hatte und damals auf dem Wege vom

Wirtshause in den Bach gefallen war. Als er sich setzen wollte, war kein

Platz da. Ich blickte den Meister fragend an, und dieser sagte zu mir:

›Du hast ja doch keinen Schick zur Schneiderei, _du kannst gehen, du

bist fremd gemacht_.‹ -- So übermächtig war hierüber mein Schreck, daß

ich erwachte.«

»Das Morgengrauen schimmerte zu den klaren Fenstern herein in mein

trautes Heim. Gegenstände der Kunst umgaben mich; im stilvollen

Bücherschrank harrte meiner der ewige Homer, der gigantische Dante, der

unvergleichliche Shakespeare, der glorreiche Goethe -- die Herrlichen,

die Unsterblichen alle. Vom Nebenzimmer her klangen die hellen Stimmchen

der erwachenden und mit ihrer Mutter schäkernden Kinder. Mir war zu

Mute, als hätte ich dieses idyllisch süße, dieses friedensmilde und

poesiereiche, helldurchgeistigte Leben, in welchem ich das beschauliche

menschliche Glück so oft und tief empfand, von neuem wiedergefunden. Und

doch wurmte es mich, daß ich mit der Kündigung meinem Meister nicht

zuvorgekommen, sondern von ihm abgedankt worden war.«

»Und wie merkwürdig ist mir das: Mit jener Nacht, da mich der Meister

»fremd gemacht« hatte, genieße ich Ruhe, träume nicht mehr von meiner in

ferner Vergangenheit liegenden Schneiderzeit, die in ihrer

Anspruchslosigkeit ja so heiter war und die doch einen so langen

Schatten in meine späteren Lebensjahre hereingeworfen hat.«

In dieser Traumreihe des Dichters, der in seinen jungen Jahren

Schneidergeselle gewesen war, fällt es schwer, das Walten der

Wunscherfüllung zu erkennen. Alles Erfreuliche liegt im Tagesleben,

während der Traum den gespenstigen Schatten einer endlich überwundenen

unerfreulichen Existenz fortzuschleppen scheint. Eigene Träume von

ähnlicher Art haben mich in den Stand gesetzt, einige Aufklärung über

solche Träume zu geben. Ich habe als junger Doktor lange Zeit im

chemischen Institut gearbeitet, ohne es in den dort erforderten Künsten

zu etwas bringen zu können, und denke darum im Wachen niemals gern an

diese unfruchtbare und eigentlich beschämende Episode meines Lernens.

Dagegen ist es bei mir ein wiederkehrender Traum geworden, daß ich im

Laboratorium arbeite, Analysen mache, verschiedenes erlebe usw.; diese

Träume sind ähnlich unbehaglich wie die Prüfungsträume und niemals sehr

deutlich. Bei der Deutung eines dieser Träume wurde ich endlich auf das

Wort »_Analyse_« aufmerksam, das mir den Schlüssel zum Verständnis bot.

Ich bin ja seither »Analytiker« geworden, mache Analysen, die sehr

gelobt werden, allerdings _Psycho-Analysen_. Ich verstand nun, wenn ich

auf diese Art von Analysen im Tagesleben stolz geworden bin, mich vor

mir selbst rühmen möchte, wie weit ich es gebracht habe, hält mir

nächtlicher Weile der Traum jene anderen mißglückten Analysen vor, auf

die stolz zu sein ich keinen Grund hatte; es sind Strafträume des

Emporkömmlings, wie die des Schneidergesellen, der ein gefeierter

Dichter geworden war. Wie wird es aber dem Traume möglich, sich in dem

Konflikt zwischen Parvenüstolz und Selbstkritik in den Dienst der

letzteren zu stellen und eine vernünftige Warnung anstatt einer

unerlaubten Wunscherfüllung zum Inhalt zu nehmen? Ich erwähnte schon,

daß die Beantwortung dieser Frage Schwierigkeiten macht. Wir können

erschließen, daß zunächst eine übermütige Ehrgeizphantasie die Grundlage

des Traumes bildete, an ihrer statt ist aber ihre Dämpfung und

Beschämung in den Trauminhalt gelangt. Man darf daran erinnern, daß es

masochistische Tendenzen im Seelenleben gibt, denen man eine solche

Umkehrung zuschreiben könnte. Genaueres Eingehen auf einzelne dieser

Träume läßt aber noch anderes erkennen. In dem undeutlichen Beiwerk

eines meiner Laboratoriumsträume hatte ich gerade jenes Alter, welches

mich in das düsterste und erfolgloseste Jahr meiner ärztlichen Laufbahn

versetzt; ich hatte noch keine Stellung und wußte nicht, wie ich mein

Leben erhalten sollte, aber dabei fand sich plötzlich, daß ich die Wahl

zwischen mehreren Frauen hatte, die ich heiraten sollte! Ich war also

wieder jung und vor allem, sie war wieder jung, die Frau, die alle diese

schweren Jahre mit mir geteilt hatte. Somit war einer der unablässig

nagenden Wünsche des alternden Mannes als der unbewußte Traumerreger

verraten. Der in anderen psychischen Schichten tobende Kampf zwischen

der Eitelkeit und der Selbstkritik hatte zwar den Trauminhalt bestimmt,

aber der tiefer wurzelnde Jugendwunsch hatte ihn allein als Traum

möglich gemacht. Man sagt sich auch manchmal im Wachen: Es ist ja sehr

gut heute, und es war einmal eine harte Zeit; aber es war doch schön

damals; du warst ja noch so jung.

Bei der Beurteilung von Träumen, die ein Dichter mitteilt, darf man oft

genug annehmen, daß er solche als störend empfundene und für

unwesentlich erachtete Einzelheiten des Trauminhaltes von der Mitteilung

ausgeschlossen hat. Seine Träume geben uns dann Rätsel auf, die bei

exakter Wiedergabe des Trauminhaltes bald zu lösen wären.

O. _Rank_ machte mich auch aufmerksam, daß im _Grimm_schen Märchen vom

tapferen Schneiderlein oder »Sieben auf einen Streich« ein ganz

ähnlicher Traum eines Emporkömmlings erzählt wird. Der Schneider, der

Heros und Schwiegersohn des Königs geworden ist, träumt eines Nachts bei

der Prinzessin, seiner Gemahlin, von seinem Handwerk; diese, mißtrauisch

geworden, bestellt nun Bewaffnete für die nächste Nacht, die das aus dem

Traum Gesprochene anhören und sich der Person des Träumers versichern

sollen. Aber das Schneiderlein ist gewarnt und weiß jetzt den Traum zu

korrigieren.

Die Traumdeutung · 第 49 / 57 题