IV. Ein neuer absurder Traum vom toten Vater:

_Ich erhalte eine Zuschrift vom Gemeinderat meiner Geburtsstadt

betreffend die Zahlungskosten für eine Unterbringung im Spital im Jahre

#1851#, die wegen eines Anfalles bei mir notwendig war. Ich mache mich

darüber lustig, denn erstens war ich #1851# noch nicht am Leben,

zweitens ist mein Vater, auf den es sich beziehen kann, schon tot. Ich

gehe zu ihm ins Nebenzimmer, wo er auf dem Bette liegt, und erzähle es

ihm. Zu meiner Überraschung erinnert er sich, daß er damals #1851#

einmal betrunken war und eingesperrt oder verwahrt werden mußte. Es war,

als er für das Haus T. . . gearbeitet. Du hast also auch getrunken,

frage ich. Bald darauf hast du geheiratet? Ich rechne, daß ich ja #1856#

geboren bin, was mir als unmittelbar folgend vorkommt._

Die Absurdität drückt Spott und Hohn aus.

Die Aufdringlichkeit, mit welcher dieser Traum seine Absurditäten zur

Schau trägt, werden wir nach den letzten Erörterungen nur als Zeichen

einer besonders erbitterten und leidenschaftlichen Polemik in den

Traumgedanken übersetzen. Mit um so größerer Verwunderung konstatieren

wir aber, daß in diesem Traume die Polemik offen betrieben und der Vater

als diejenige Person bezeichnet ist, die zum Ziele des Gespöttes gemacht

wird. Solche Offenheit scheint unseren Voraussetzungen über die Zensur

bei der Traumarbeit zu widersprechen. Zur Aufklärung dient aber, daß

hier der Vater nur eine vorgeschobene Person ist, während der Streit mit

einer anderen geführt wird, die im Traume durch eine einzige Anspielung

zum Vorschein kommt. Während sonst der Traum von Auflehnung gegen andere

Personen handelt, hinter denen sich der Vater verbirgt, ist es hier

umgekehrt; der Vater wird ein Strohmann zur Deckung anderer, und der

Traum darf darum so unverhüllt sich mit seiner sonst geheiligten Person

beschäftigen, weil dabei ein sicheres Wissen mitspielt, daß er nicht in

Wirklichkeit gemeint ist. Man erfährt diesen Sachverhalt aus der

Veranlassung des Traumes. Er erfolgte nämlich, nachdem ich gehört hatte,

ein älterer Kollege, dessen Urteil für unantastbar gilt, äußere sich

abfällig und verwundert darüber, daß einer meiner Patienten die

psychoanalytische Arbeit bei mir jetzt schon _ins fünfte Jahr_

fortsetze. Die einleitenden Sätze des Traumes deuten in durchsichtiger

Verhüllung darauf hin, daß dieser Kollege eine Zeitlang die Pflichten

übernommen, die der Vater nicht mehr erfüllen konnte (_Zahlungskosten_,

_Unterbringung im Spital_); und als unsere freundschaftlichen

Beziehungen sich zu lösen begannen, geriet ich in denselben

Empfindungskonflikt, der im Falle einer Mißhelligkeit zwischen Vater und

Sohn durch die Rolle und die früheren Leistungen des Vaters erzwungen

wird. Die Traumgedanken wehren sich nun erbittert gegen den Vorwurf, daß

ich _nicht schneller vorwärts komme_, der von der Behandlung dieses

Patienten her sich dann auch auf anderes erstreckt. Kennt er denn

jemanden, der das schneller machen kann? Weiß er nicht, daß Zustände

dieser Art sonst überhaupt unheilbar sind und lebenslang dauern? Was

sind _vier bis fünf Jahre_ gegen die Dauer eines ganzen Lebens, zumal,

wenn dem Kranken die Existenz während der Behandlung so sehr erleichtert

worden ist?

Das Gepräge der Absurdität wird in diesem Traume zum guten Teil dadurch

erzeugt, daß Sätze aus verschiedenen Gebieten der Traumgedanken ohne

vermittelnden Übergang aneinander gereiht werden. So verläßt der Satz:

_Ich gehe zu ihm ins Nebenzimmer_ usw. das Thema, aus dem die vorigen

Sätze geholt sind, und reproduziert getreulich die Umstände, unter denen

ich dem Vater meine eigenmächtige Verlobung mitgeteilt habe. Er will

mich also an die vornehme Uneigennützigkeit mahnen, die der alte Mann

damals bewies, und diese in Gegensatz zu dem Benehmen eines anderen,

einer neuen Person bringen. Ich merke hier, daß der Traum darum den

Vater verspotten darf, weil er in den Traumgedanken in voller

Anerkennung anderen als Muster vorgehalten wird. Es liegt im Wesen jeder

Zensur, daß man von den unerlaubten Dingen das, was unwahr ist, eher

sagen darf als die Wahrheit. Der nächste Satz, daß er sich erinnert,

_einmal betrunken und darum eingesperrt_ gewesen zu sein, enthält nichts

mehr, was sich in der Realität auf den Vater bezieht. Die von ihm

gedeckte Person ist hier niemand geringerer als der große -- _Meynert_,

dessen Spuren ich mit so hoher Verehrung gefolgt bin, und dessen

Benehmen gegen mich nach einer kurzen Periode der Bevorzugung in

unverhüllte Feindseligkeit umschlug. Der Traum erinnert mich an seine

eigene Mitteilung, er habe in jungen Jahren einmal der Gewohnheit

gefrönt, sich mit _Chloroform zu berauschen_, und habe darum die

_Anstalt aufsuchen_ müssen, und an ein zweites Erlebnis mit ihm kurz vor

seinem Ende. Ich hatte einen erbitterten literarischen Streit mit ihm

geführt in Sachen der männlichen Hysterie, die er leugnete, und als ich

ihn als Totkranken besuchte und nach seinem Befinden fragte, verweilte

er bei der Beschreibung seiner Zustände und schloß mit den Worten: »Sie

wissen, ich war immer einer der schönsten Fälle von männlicher

Hysterie.« So hatte er zu meiner Genugtuung _und zu meinem Erstaunen_

zugegeben, wogegen er sich so lange hartnäckig gesträubt. Daß ich aber

in dieser Szene des Traumes _Meynert_ durch meinen Vater verdecken kann,

hat seinen Grund nicht in einer zwischen beiden Personen aufgefundenen

Analogie, sondern ist die knappe, aber völlig zureichende Darstellung

eines Konditionalsatzes in den Traumgedanken, der ausführlich lautet:

Ja, wenn ich zweite Generation, der Sohn eines Professors oder Hofrates,

wäre, dann wäre ich freilich _rascher vorwärts gekommen_. Im Traume

mache ich nun meinen Vater zum Hofrat und Professor. Die gröbste und

störendste Absurdität des Traumes liegt in der Behandlung der Jahreszahl

#1851#, die mir von #1856# gar nicht verschieden vorkommt, _als würde

die Differenz von fünf Jahren gar nichts bedeuten_. Gerade dies soll

aber aus den Traumgedanken zum Ausdruck gebracht werden. _Vier bis fünf

Jahre_, das ist der Zeitraum, während dessen ich die Unterstützung des

eingangs erwähnten Kollegen genoß, aber auch die Zeit, während welcher

ich meine Braut auf die Heirat warten ließ, und durch ein zufälliges,

von den Traumgedanken gern ausgenutztes Zusammentreffen auch die Zeit,

während welcher ich jetzt meinen vertrautesten Patienten auf die völlige

Heilung warten lasse. »_Was sind fünf Jahre?_« fragen die Traumgedanken.

»_Das ist für mich keine Zeit, das kommt nicht in Betracht._ Ich habe

Zeit genug vor mir, und wie jenes endlich geworden ist, was Ihr auch

nicht glauben wolltet, so werde ich auch dies zu stande bringen.«

Außerdem aber ist die Zahl #51#, vom Jahrhundert abgelöst, noch anders

und zwar im gegensätzlichen Sinne determiniert; sie kommt darum auch

mehrmals im Traume vor. 51 ist das Alter, in dem der Mann besonders

gefährdet erscheint, in dem ich Kollegen plötzlich habe sterben sehen,

darunter einen, der nach langem Harren einige Tage vorher zum Professor

ernannt worden war.

Der absurde _Goethe_-Traum.

Die Traumdeutung · 第 47 / 57 题