_Ich erhalte eine Zuschrift vom Gemeinderat meiner Geburtsstadt
betreffend die Zahlungskosten für eine Unterbringung im Spital im Jahre
#1851#, die wegen eines Anfalles bei mir notwendig war. Ich mache mich
darüber lustig, denn erstens war ich #1851# noch nicht am Leben,
zweitens ist mein Vater, auf den es sich beziehen kann, schon tot. Ich
gehe zu ihm ins Nebenzimmer, wo er auf dem Bette liegt, und erzähle es
ihm. Zu meiner Überraschung erinnert er sich, daß er damals #1851#
einmal betrunken war und eingesperrt oder verwahrt werden mußte. Es war,
als er für das Haus T. . . gearbeitet. Du hast also auch getrunken,
frage ich. Bald darauf hast du geheiratet? Ich rechne, daß ich ja #1856#
geboren bin, was mir als unmittelbar folgend vorkommt._
Die Absurdität drückt Spott und Hohn aus.
Die Aufdringlichkeit, mit welcher dieser Traum seine Absurditäten zur
Schau trägt, werden wir nach den letzten Erörterungen nur als Zeichen
einer besonders erbitterten und leidenschaftlichen Polemik in den
Traumgedanken übersetzen. Mit um so größerer Verwunderung konstatieren
wir aber, daß in diesem Traume die Polemik offen betrieben und der Vater
als diejenige Person bezeichnet ist, die zum Ziele des Gespöttes gemacht
wird. Solche Offenheit scheint unseren Voraussetzungen über die Zensur
bei der Traumarbeit zu widersprechen. Zur Aufklärung dient aber, daß
hier der Vater nur eine vorgeschobene Person ist, während der Streit mit
einer anderen geführt wird, die im Traume durch eine einzige Anspielung
zum Vorschein kommt. Während sonst der Traum von Auflehnung gegen andere
Personen handelt, hinter denen sich der Vater verbirgt, ist es hier
umgekehrt; der Vater wird ein Strohmann zur Deckung anderer, und der
Traum darf darum so unverhüllt sich mit seiner sonst geheiligten Person
beschäftigen, weil dabei ein sicheres Wissen mitspielt, daß er nicht in
Wirklichkeit gemeint ist. Man erfährt diesen Sachverhalt aus der
Veranlassung des Traumes. Er erfolgte nämlich, nachdem ich gehört hatte,
ein älterer Kollege, dessen Urteil für unantastbar gilt, äußere sich
abfällig und verwundert darüber, daß einer meiner Patienten die
psychoanalytische Arbeit bei mir jetzt schon _ins fünfte Jahr_
fortsetze. Die einleitenden Sätze des Traumes deuten in durchsichtiger
Verhüllung darauf hin, daß dieser Kollege eine Zeitlang die Pflichten
übernommen, die der Vater nicht mehr erfüllen konnte (_Zahlungskosten_,
_Unterbringung im Spital_); und als unsere freundschaftlichen
Beziehungen sich zu lösen begannen, geriet ich in denselben
Empfindungskonflikt, der im Falle einer Mißhelligkeit zwischen Vater und
Sohn durch die Rolle und die früheren Leistungen des Vaters erzwungen
wird. Die Traumgedanken wehren sich nun erbittert gegen den Vorwurf, daß
ich _nicht schneller vorwärts komme_, der von der Behandlung dieses
Patienten her sich dann auch auf anderes erstreckt. Kennt er denn
jemanden, der das schneller machen kann? Weiß er nicht, daß Zustände
dieser Art sonst überhaupt unheilbar sind und lebenslang dauern? Was
sind _vier bis fünf Jahre_ gegen die Dauer eines ganzen Lebens, zumal,
wenn dem Kranken die Existenz während der Behandlung so sehr erleichtert
worden ist?
Das Gepräge der Absurdität wird in diesem Traume zum guten Teil dadurch
erzeugt, daß Sätze aus verschiedenen Gebieten der Traumgedanken ohne
vermittelnden Übergang aneinander gereiht werden. So verläßt der Satz:
_Ich gehe zu ihm ins Nebenzimmer_ usw. das Thema, aus dem die vorigen
Sätze geholt sind, und reproduziert getreulich die Umstände, unter denen
ich dem Vater meine eigenmächtige Verlobung mitgeteilt habe. Er will
mich also an die vornehme Uneigennützigkeit mahnen, die der alte Mann
damals bewies, und diese in Gegensatz zu dem Benehmen eines anderen,
einer neuen Person bringen. Ich merke hier, daß der Traum darum den
Vater verspotten darf, weil er in den Traumgedanken in voller
Anerkennung anderen als Muster vorgehalten wird. Es liegt im Wesen jeder
Zensur, daß man von den unerlaubten Dingen das, was unwahr ist, eher
sagen darf als die Wahrheit. Der nächste Satz, daß er sich erinnert,
_einmal betrunken und darum eingesperrt_ gewesen zu sein, enthält nichts
mehr, was sich in der Realität auf den Vater bezieht. Die von ihm
gedeckte Person ist hier niemand geringerer als der große -- _Meynert_,
dessen Spuren ich mit so hoher Verehrung gefolgt bin, und dessen
Benehmen gegen mich nach einer kurzen Periode der Bevorzugung in
unverhüllte Feindseligkeit umschlug. Der Traum erinnert mich an seine
eigene Mitteilung, er habe in jungen Jahren einmal der Gewohnheit
gefrönt, sich mit _Chloroform zu berauschen_, und habe darum die
_Anstalt aufsuchen_ müssen, und an ein zweites Erlebnis mit ihm kurz vor
seinem Ende. Ich hatte einen erbitterten literarischen Streit mit ihm
geführt in Sachen der männlichen Hysterie, die er leugnete, und als ich
ihn als Totkranken besuchte und nach seinem Befinden fragte, verweilte
er bei der Beschreibung seiner Zustände und schloß mit den Worten: »Sie
wissen, ich war immer einer der schönsten Fälle von männlicher
Hysterie.« So hatte er zu meiner Genugtuung _und zu meinem Erstaunen_
zugegeben, wogegen er sich so lange hartnäckig gesträubt. Daß ich aber
in dieser Szene des Traumes _Meynert_ durch meinen Vater verdecken kann,
hat seinen Grund nicht in einer zwischen beiden Personen aufgefundenen
Analogie, sondern ist die knappe, aber völlig zureichende Darstellung
eines Konditionalsatzes in den Traumgedanken, der ausführlich lautet:
Ja, wenn ich zweite Generation, der Sohn eines Professors oder Hofrates,
wäre, dann wäre ich freilich _rascher vorwärts gekommen_. Im Traume
mache ich nun meinen Vater zum Hofrat und Professor. Die gröbste und
störendste Absurdität des Traumes liegt in der Behandlung der Jahreszahl
#1851#, die mir von #1856# gar nicht verschieden vorkommt, _als würde
die Differenz von fünf Jahren gar nichts bedeuten_. Gerade dies soll
aber aus den Traumgedanken zum Ausdruck gebracht werden. _Vier bis fünf
Jahre_, das ist der Zeitraum, während dessen ich die Unterstützung des
eingangs erwähnten Kollegen genoß, aber auch die Zeit, während welcher
ich meine Braut auf die Heirat warten ließ, und durch ein zufälliges,
von den Traumgedanken gern ausgenutztes Zusammentreffen auch die Zeit,
während welcher ich jetzt meinen vertrautesten Patienten auf die völlige
Heilung warten lasse. »_Was sind fünf Jahre?_« fragen die Traumgedanken.
»_Das ist für mich keine Zeit, das kommt nicht in Betracht._ Ich habe
Zeit genug vor mir, und wie jenes endlich geworden ist, was Ihr auch
nicht glauben wolltet, so werde ich auch dies zu stande bringen.«
Außerdem aber ist die Zahl #51#, vom Jahrhundert abgelöst, noch anders
und zwar im gegensätzlichen Sinne determiniert; sie kommt darum auch
mehrmals im Traume vor. 51 ist das Alter, in dem der Mann besonders
gefährdet erscheint, in dem ich Kollegen plötzlich habe sterben sehen,
darunter einen, der nach langem Harren einige Tage vorher zum Professor
ernannt worden war.
Der absurde _Goethe_-Traum.